Donnerstag, 12. April 2012

Liegt Günter Grass so falsch?

“Es ist heikel, in Deutschland gewisse Themen anzusprechen.”, stellte Roger Köppel, vor einem Jahr bei Frank Plasberg fest fest. Unabhängig vom Thema zeigt sich:
Es kommt nicht nur auf den Inhalt eines Vortages oder Textes an, sondern auch auf den Verfasser und dessen Hintergrund. Dies zeigt sich deutlich angesichts der überraschend heftigen Reaktionen auf die jüngsten Äußerungen des Nobelpreisträgers für Literatur.

Eines hätte vorher bedacht werden können: wenn ein als vormaliges Mitglied1) der Waffen-SS zwangsläufig belasteter Autor deutliche Kritik an Israel übt, werden die Reaktionen anders (negativer, emotionaler usw.) ausfallen, als wenn solche oder ähnliche Worte von einem weitgehend unbelasteten Pragmatiker wie z.B. Helmut Schmidt geäußert würden.
“Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten - ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?”
Bezogen auf das o.a. Zitat werden Fakten genannt – ‘jenes andere Land’ lässt eine internationale Kontrolle seiner nuklearen Bewaffnung wie deren Produktion nicht zu. Zuvor hat Grass klargestellt, dass auch die Führung des Irans durch sein Gebaren in einem äußerst kritischen Fokus steht. Dennoch - von Grass hätte ich mir ein allerhöchstes Maß an Sensibilität gewünscht – vielleicht wäre es in seinem Fall besser gewesen, er hätte weiter geschwiegen.
Doch der Inhalt seiner Worte sollte muss geäußert werden. Muss geäußert werden dürfen, ohne dass diese Worte an sich das Zücken der Nazikeule oder des Antisemitismus-Passepartouts begründen.

Herr Friedmann, der andere Menschen selten schonend behandelt, sondern oft genug provoziert und verletzt, ist oftmals ganz vorne dabei, wo man mit diesen Pauschalphrasen ein wenig Publicityschwund aufhalten kann bzw. sich dies erhofft. So auch diesmal. (Der Vollständigkeit halber: Diese subjektive Feststellung beziehe ich allein auf sein persönliches Verhalten, nicht auf seine Zugehörigkeit zu einer sozialen oder religiösen Gruppierung).

Ich befasse mich wenig mit politischen Themen, mein Interesse liegt eher bei Fragen zu spirituellen und ethischen Sachverhalten. Um letzteres geht es hier auch. Ist es schon antisemitisch und damit unethisch, den Eindruck zu äußern, das u.a. in Israel politische und religiöse Ambitionen vermischt werden? Nun, dann wäre es anti-iranisch, den selben (in jedem Falle bestehenden Eindruck) auch über den Iran und seinen derzeitigen Präsidenten zu äußern. Und anti-amerikanisch, jedenfalls solange George W. Bush am  (“Ich glaube an die friedliche Koexistenz von Mensch und Fisch.”) am Ruder war.-

Der Staat Israel ist nicht zu verwechseln mit dem jüdischen Volk. Letzteres hat das wie auch das amerikanische Volk jedes Recht, sich als im religiösen Sinne ‘auserwählt’ betrachten – sozusagen als Privatangelegenheit (Religionsausübung ist m.E. immer ein privates, persönliches Thema).

Doch darf sich dieser Status nie und nimmer auf die politische Stellung eines Staates innerhalb der Nationengemeinschaft auswirken. In diesem real-politischen Bezug ist auch Israel ein ganz normaler Staat – für den die selben völkerrechtlichen Bestimmungen gelten wie für alle übrigen Staaten (Ausnahme: dass die USA sich nur optional ans Völkerrecht und andere internationale Übereinkünfte gebunden fühlen – selbst wenn sie diese ratifiziert haben – beweisen sie in unserer Zeit nur zu oft).
In politischer Hinsicht, so meine ich, hat jeder Staat zunächst seine geschichtliche Verantwortung zu tragen – was selbstverständlich nach wie vor zunächst für Deutschland gilt.

Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will, sage ich, was gesagt werden muß.”
Das Unrecht, das Deutsche vielen Völkern angetan haben, ist niemals wiedergutzumachen. Schon gar nicht, indem der inzwischen überwiegend aus Folgegenerationen der Täter bestehende Staat militärisches Gut an Länder liefert, welche diese potenziell für Unrechtes verwenden. (Dieses Unrecht liegt in der Natur von Gewaltmitteln, daher ist m.E. jede Form des Rüstungsexportes abzulehnen). Zumindest hier steht bei Grass der Westen, insbesondere Deutschland, im Mittelpunkt der Kritik.

Ich für meinen Teil vermag darin keine antisemitischen Klischees auszumachen. Verallgemeinerung? Kaum, denn Grass nennt klar die aus seiner Sicht Verantwortlichen, z.T. sogar namentlich: Politiker, Militärs und Wirtschaftskader im Westen, im Iran, und auch in Israel.-

Selbst wenn die Existenz einer Atombombe im  Iran bewiesen wäre – würde dies das Recht eines militärischen Präventivschlages durch Israel begründen? Intuitiv verneine ich dies, räume aber ein, dass die Komplexität der ethischen wie auch politischen Dimension in der Bewertung dieser Frage über meinen Horizont hinausgeht.
Es gibt sicher ein Recht zur präventiven Notwehr – doch wie weit darf dieses gehen?
Wer darf sich wann von wem bedroht fühlen?


Haben die USA (als Nation) moralisch noch das Recht, anderen Ländern Vorgaben über die Einhaltung von Vorgaben zu Menschen- und Völkerrecht zu machen – insbesondere in Bezug auf den Einsatz von Massenvernichtungswaffen?

Sicherlich darf es in der internationalen Politik weder ein ‘Lex USA’ noch ein ‘Lex Israel’ geben: Falls ein Präventivschlag angesichts von Gefahren, die aus der Bombardierung atomarer Anlagen resultieren, im allgemeinen abzulehnen sind (auf diesen konkreten Sachverhalt bezieht sich Grass), dann gilt dies in gleicher Weise für alle Staaten.
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.”
Ich habe mir die Zeilen dieses Gedichtes mehrfach vor Augen geführt und auch versucht, zwischen ihnen zu lesen. Ob solche Worte wie die mahnende Warnung von Grass auch Beifall von Rechtsaußen erhalten werden, verändert nicht Tatsache, ob ihr Inhalt zutreffend ist.
Der Verfasser beklagt, die Mehrzahl der Reaktionen auf sein jüngstes ‘Gedicht’ gehe an seinen Argumenten und seiner Sorge um die Zukunft (aller Menschen) vorbei. Nachdem er weitaus eloquenter ist als ich, daher liegt es nahe, seiner Stellungnahme mehr Beachtung zu schenken (mit Ausnahme vielleicht der wiederholten Eigenwerbung für seine Werke):



Entscheidend ist nicht, welcher der regierenden Herren sich gerade persönlich auf den Schlips getreten fühlt. Vielmehr sollte das Anliegen aller Menschen und gerade der politisch und militärisch Verantwortlichen aller Staaten einen Aspekt beherzigen, der in einem Song von Sting so treffend zum Ausdruck kam (wenn auch in einem anderen Bezug): ”The Russians love their Children too!”

Es sind gleichermaßen die Menschen, Familien und Kinder aller Völker und Nationen, deren Wohl sie verpflichtet sind – aus humanistischer Sicht (und nur die kann als Verständigungsbasis zwischen den Nationen dienen) ist der Wert jedes Menschenlebens unabhängig von der Volkszugehörigkeit gleich hoch.
Was aber erhält Menschenleben, wo militärische Übergriffe und deren Eskalation drohen? Drohreden und Säbelrasseln der Hardliner von beiden Seiten - aus der fast naiv anmutenden Hoffnung, den Gegner doch noch einzuschüchtern? Wohl eher nicht.

Falls es eines Droh- und Stärkepotenzials zu einer wirksamen Diplomatie bedarf, dann ist dieses längst in ausreichender Weise vorhanden.

Grass wiederholt einen wichtigen diplomatischen Ansatz: Wo geredet wird, wird weniger geschossen.
Glaubt man ihm, dass sein Anliegen nicht die einseitige Diskreditierung einer einzelnen Nation ist, sondern der Erhalt bzw. die Wiederherstellung von Frieden, wenigstens aber Gewaltlosigkeit?
Ich schon.
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1) Nach dem 20. Juli 1944 erging der Befehl Himmlers, daß alle Freiwilligen unabhängig von ihrer SS-Eignung einzustellen waren. Von den Rekruten des Geburtsjahrgang 1928 wurden der Waffen-SS 95.000 Mann zugeteilt, was einen Anteil von 17,3 Prozent ergibt.

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