Sonntag, 27. Mai 2012

‘Islamische Expansion’– eine Erfindung des Abendlandes?

Christen und Muslime neigen dazu, die jeweils andere Religion als gewalttätig und expansiv zu diskreditieren – ein müßiges Unterfangen, das letztlich nichts Gutes bewirkt. In einem um Jahrhunderte verzögerten Rückblick entscheiden zu wollen, welche der beiden Seiten sich denn historisch gesehen im Recht befanden, ist ebenso problematisch.

Bezogen auf das ‘Heilige Land’ und sein Zentrum Jerusalem kann eine faire Beurteilung wohl nur zu dem Ergebnis gelangen, dass weder Christen noch Muslime ursprünglich eine Legitimation besaßen, die einstmals von Juden und anderen semitischen Volksstämmen besiedelten Region zu erobern.
(Und selbst das Volk der Israeliten war unter David etwa 1600 Jahre zuvor gewaltsam in die ‘Stadt der Jebusiter’ eingedrungen, um sie später als zentrales Heiligtum und Tempelstadt auszubauen.)


Die Eroberungskriege der christlichen Kreuzfahrer folgte einer aus mehreren Komponenten bestehenden Motivation – den sich ausbreitenden Einfluss des Islam zu begrenzen war nur ein Baustein davon. (Vgl. ‘Gottfried von Bouillon und der 1. Kreuzzug’)

Lehnt man diese gewaltsame Form von Missionierung und Glaubens ab, so wird man diesen Maßstab auch an die gewaltsame Annektierung Jerusalems durch Muslime anlegen.
Wenn Muhammet Mertek in seinem Buch ‘Der Islam - Glaube, Leben, Geschichte’ schreibt, alle vom Propheten geführten Kriege seien Verteidigungskriege bzw. ‘Pilgerfahrten’ gewesen, so kann man sich nur wundern – selbst wenn man groß angelegte Präventivschläge als defensives Mittel betrachtet.


Mertek ist erkennbar bemüht, ein sehr freundliches Bild des Islam und seines Propheten Mohammed zu zeichnen. Objektivität anstrebende Geschichtsschreibung sieht anders aus.

Nicht Mohammed, sondern Erstbelagerte Kalif Umar I. war es, der Jerusalem im Jahre 638 zwei Jahre belagerte, bevor die Stadt nach großen Opfern in der Bevölkerung übergeben werden musste. Selbst Mertek nennt die Ereignisse beim Namen: “Unter der Führung Umars (634-644) wurden Syrien, Palästina, Aserbaidschan und Ägypten erobert.” 

Die Zeit von 631 bis 662 wurden später als das “goldene Zeitalter des Islam” bezeichnet, in denen der Islam in allen Lebensbereichen der Muslime an Bedeutung gewonnen habe – aber auch gewaltsam verbreitet wurde.
Von einer Islamischen Expansion zu sprechen, welche die religiös motivierte Eroberungspolitik der Araber an der Mitte der 630er Jahre umfasste, ist insoweit keine Erfindung bösartiger und islamfeindlicher Chronisten. (Anders sieht es aus, wenn mit Bezug auf unsere Gegenwart pauschal von expansiven Absichten im Islam die Rede ist.

Es sei noch ergänzt, das M.Mertek sich klar von gewaltorientierten Extremisten diestanziert, welche nur punktuell islamische Prinzipien bedienen: .
“Die Kharidschiten sind eine abtrünnige Gruppe von Unzufriedenen, die sich während des Kalifats des Uthman von der muslimischen Gemeinschaft trennte. […] Diese fanatische und extremistischen Beduinengruppe sorgten dafür, die ca. 100 Jahre nach dem Tod des vierten Kalifen Ali zu einem Schandfleck in der islamischen Geschichte zu machen. Die Kharidschiten bezeichneten sich als Muslime, ihr Tun verstieß jedoch vollkommen gegen die Grundlagen des Islam. […]
Auch in unserer heutigen Zeit gibt es in der islamischen Welt militante Gruppierungen, die in ihren Äußerungen und ihren Handlungen Ähnlichkeiten zu den Kharidschiten aufweisen. Diese finden jedoch zumeist nicht die Unterstützung der breiten Öffentlichkeit.”
Mit der Sichtweise eines durch und durch friedliebenden Islam vermag ich mich dennoch nicht anzufreunden – auch weil der Koran gewaltsame Auseinandersetzungen unter bestimmten Voraussetzungen offenbar rechtfertigt. Dieser Umstand trifft jedoch in gleicher Weise auf die Bibel (speziell das A.T.) zu – dass der Wunsch, die eigene Religion mit Feuer und Schwert zu verbreiten eine historische Gemeinsamkeit beider Weltreligionen ist, steht für mich insoweit fest.

Sofern sich für diese neutrale Position ein breiterer Konsens fände als es heute der Fall ist, könnte und sollte sie dazu beitragen, dass gegenseitige Mißtrauen zwischen der islamischen und der abendländisch-christlichen Welt abzubauen. Gegenseitiges Aufrechnen löst keine Konflikte, sondern begünstigt sie – vor allem wenn daraus offene territoriale Ansprüche abgeleitet werden (z.B. in Bezug auf Israel und Palästina).


Handlungsbedarf seitens der internationalen Gemeinschaft besteht dort, wo menschliche Notlagen eine Veränderung der bestehenden Zustände unabdingbar machen. Insoweit scheint eine Zwei-Staaten-Lösung mit einem unabhängigen Staat Palästina unausweichlich.
Sobald dieser Staat realisiert ist, sollte die Zeit für einen ‘Schlußstrich’ reifen, welcher einen für alle Parteien (wenn auch unter Konzessionen herbeigeführten) akzeptablen Status Quo (die dauerhafte Koexistenz beider Staaten) festschreibt.

Die Menschheit hat andere, dringliche Probleme und kann sich ein fortwährendes Gezerre im Nahen Osten unter dem Damoklesschwert einer globalen Kriegsgefahr nicht länger erlauben.
Ob derartiges Wunschdenken jemals real wird, ist heute freilich noch nicht absehbar.

Dokumentation: Das Schwert des Propheten

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