Sonntag, 9. September 2012

Hunger? Jagd auf Nachbarskinder…

„lupus est homo homini, non homo,
quom qualis sit non novit.“

Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen,
nicht ein Mensch, wenn man sich nicht kennt.

Vor einigen Tagen habe ich mir wie so oft die Frage gestellt, warum wir Menschen so sind wie wir sind – dabei ist absehbar, dass wir nicht nur genetische, sondern auch ‘Verhaltens-Atavismen’ mit uns rumschleppen, latente Relikte aus einer grausigen, vom Überlebenskampf geprägten Vorzeit.

Ein kurzer Artikel auf Spektrum.de scheint diese Entwicklung zu bestätigen: Vor 800.000 herrschten Ernährungsgewohnheiten, die uns heute erschrecken:

Offenbar haben Bewohner der Höhle Gran Dolina im spanischen Norden die Kinder benachbarter Gruppen gejagt, um sie anschließend zu verspeisen.

Gefundene Überreste werden einer noch sehr archaischen Art von Neandertaler-vorfahren mit der Bezeichnung Homo antecessor zugeordnet. Die Schnittmarken an Menschenknochen im Wohnbereich der Höhle gelten als Anzeichen von Kannibalismus, die dann entstehen, wenn Körper mit Feuersteinwerkzeugen zerlegt werden.

Ein Team vom Institut Català de Paleoecologia Humana i Evolució Social in Tarragona habe gezielt nach genaueren Rückschlüsse auf die damaligen Praktiken geforscht.

Ihre Resultate deuten bislang nicht auf irgendeine Ritualisierung des Verzehrs von Artgenossen hin, wie etwa Bestattungsbräuche bei ‘modernen’ Menschen bis in die Neuzeit. Die Bewohner der Höhle deckten schlichtweg ihren Nahrungsbedarf mit eigenen Artgenossen, sofern Gelegenheit dazu bestand. Es handelte sich fast ausschließlich um Kinder und Jugendliche – man habe sich relativ gefahrlos eine Zusatznahrung erschließen können und zugleich die Nahrungskonkurrenten auf Abstand gehalten.

“Die Schnitt- und Bruchmarken lagen an genau denselben Stellen, an denen sie auch bei den vielen Hirschknochen zu finden sind, die Knochen von elf Individuen waren unter Küchenabfällen verstreut, und es gab keinerlei Anzeichen, dass bestimmte Körperteile ausgespart worden waren. Letzteres findet man vor allem dann, wenn Menschen aus einer Notsituation heraus widerwillig Menschenfleisch verzehren.”

Kannibalismus ist im Tierreich nicht ungewöhnlich; solche Verhaltensformen kommen selbst bei heutigen Schimpansen vor. Die Primaten halten benachbarte Gruppen auf Distanz, indem sie an den Grenzen ihres Einflussgebiets regelmäßig Patrouillen durchführen. Treffen sie dabei auf Unterlegene, kommt es häufig zu einer Attacke, bei der auch Jungtiere erbeutet werden.

800.000 Jahre sind im Maßstab der Evolution ein relativ kurzer Zeitraum, es wäre von Interesse, ob diese Ernährungsgewohnheit verallgemeinerbar ist – oder ob es sich um eine Besonderheit der beschriebenen Höhlenbewohner handelt. Von daher sollte man diese Forschungsergebnisse einstweilen nicht über-interpretieren.

Im Verbund mit neuzeitlichen Ritualen und dem mehrfach beschrieben Verhalten von Menschen in Notsituation wird aber doch erkennbar, dass die Tötung und der Verzehr von Artgenossen auch für den homo sapiens sapiens kein absolutes Tabu ist. Gibt so etwas wie ein ‘absolutes Tabu’ überhaupt?
Für mich steht fest, dass die Grenze zum homo homini lupus nicht fest umrissen und schon gar nicht unüberwindbar ist. Machen wir uns zweierlei bewusst, anstatt uns lange über das Verhalten von Homo antecessor zu echauffieren:

  • Unser heutiges Raster ethischer Normen ist zur Bewertung des Verhaltens unserer Vorfahren gänzlich ungeeignet.
  • Damals folgten Tötung und Verspeisung von Kindern einem ‘Zweck’, wenn nicht einer relativen Notwendig und es fehlte jede Möglichkeit, über Kategorien von Richtig und Falsch zu reflektieren.
    Heute verfügt jeder Mensch über ein Gewissen, zumindest aber über die Kenntnis eines allgemeinen Konsens dessen, was erlaubt.

    Dies hält gegenwärtige Vertreter unserer Spezies keineswegs davon ab, Menschen und Tiere ohne jede Notwendigkeit in brutalster Weise zu misshandeln, zu quälen und zu töten. Lediglich das Verspeisen unterbleibt heute zumeist…

Vergl. ‘Jagd auf Nachbarskinder’, Spektrum.de

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