Samstag, 2. Februar 2013

Antisemitismus, Holocaust und die jüdische Lobby

SAT3-Dokumentation

Vor knapp 20 Jahren habe ich das Konzentrationslager Terezin (Theresienstadt) in Tschechien besucht und war wie versteinert. Mein Besuch war nicht geplant, er erfolgte während einer Dienstreise; doch im Nachhinein war es keine so gute Idee, diese Stunden alleine zu verbringen. Die vielen Filme aus der NS-Zeit können das entsetzliche Leid der Betroffenen nicht annähernd vermitteln; auch der Besuch einer solchen Stätte vermag dies nicht.

Sehr nachdenklich verlief meine Rückfahrt nach Berlin, mir wurde unangenehm bewusst, wie leichtfertig in meiner Jugendzeit oft über die Greuel der Nazis geredet worden war. Keine Befürwortung, aber doch eine Versachlichung und Banalisierung, die der Verharmlosung nahe kam.
Kurzzeitig habe ich auch über die Frage nachgedacht, was diese Ereignisse der NS-Zeit mit mir persönlich zu tun haben. Nichts, jedenfalls nicht kausal. Doch die hypothetische Fragestellung 'Wie hätte ich mich damals verhalten?' ist nicht leicht zu beantworten, wenn man ehrlich zu sich selbst bleiben will. 
Kaum vorstellbar, dass ich mich aktiv an der Ermordung und Folterung von Menschen beteiligt hätte - also wäre ich Teil der schweigenden Mehrheit geworden, die nichts genaues wissen, aber vor allem keinen Ärger haben wollte?
Oder hätte ich den Mut aufgebracht, mich mit meinen Mitteln und Möglichkeiten gegen das Nazi-Regime zu wenden - wie beispielsweise Fritz Gerlich, deutscher Journalist und Archivar, der zu den wichtigsten Vertretern des publizistischen Widerstands gegen Hitler und den Nationalsozialismus zählte, bis er am 30.6.1934 im KZ Dachau erschossen wurde? Gemessen an der gegenwärtig von mir aufgebrachten Zivilcourage kann ich davon nicht ausgehen.



Terezin Inschrift „Arbeit macht frei“ über dem 
Eingang zum „Hof I“ der Kleinen Festung


Spätestens von da an habe ich eines verinnerlicht: Jede Form von Rassismus ist in meinen Augen ein Ausweis von gefährlicher Verbohrtheit und Dummheit - ganz gleich, gegen wen er gerichtet ist. Dergleichen zu tolerieren, angefangen bei der jeweiligen Ideologie, ist fraglos ein Fehler.
Und: auf kontroverse, emotionale Streitgespräche über religiöse Standpunkte werde ich mich zeitlebens nicht einlassen, denn aus kann nichts Gutes erwachsen.-


Eine sachliche und vorbehaltlose Beurteilung der gegenwartspolitischen Lage hat m.E. allerdings nichts mit solchen Phänomenen zu tun - besser gesagt, sie sollte nicht...

Das Schlagwort 'Antisemitismus' hat meiner Beobachtung nach so etwas wie eine Inflation durchlaufen - tatsächlich findet eine ungesunde Vermischung von Begrifflichkeiten statt, die niemandem hilft:

Kritik am Staat Israel ist nicht gleichbedeutend mit 'antijüdisch', was auch die nachfolgende Dokumentation herausarbeitet. 
Wie kann es dann sein, dass der für seine israelfeindlichen Äußerungen bekannte Präsident des Irans, Mahmud Ahmadinedschad, mit vollem, manchmal 'heiligen' Ernst in dieselbe Kategorie des 'Antisemiten' gesteckt wie der umstrittene Günter Grass
Anstatt Grass die Einreise nach Israel zu verbieten, hätte eine im israelischen TV weltweit ausgestrahlte Diskussion zwischen Grass und Vertretern jüdischer Organisationen einer verwirrten Öffentlichkeit aufzeigen können, inwieweit und weshalb letztere sich durch Äußerungen von Grass verletzt oder gar bedroht fühlen. Mit Ausgrenzung klärt man nicht auf und korrigiert auch keine 'irregeleiteten' Auffassungen.
Wenn jemand (auch als Deutscher) sein Unbehagen in Bezug auf die Konflikte und Krisen im Nahen Osten bekundet und dabei auch ausgewogene Kritik an allen Kontrahenten übt, verdient er es nicht, mit dem Begriff des Antisemiten belegt zu werden.

Diese Differenzierung ist wichtig und notwendig, denn sie verhindert zugleich, dass eine Verharmlosung wirklichen Rassismus unterbleibt. Machen wir uns nichts vor, hierzulande hat die Diffamierung von Menschen aufgrund ihre Rasse, Religion oder Nationalität ganz sicher nicht abgenommen, leider.
Hier geht es darum, sich persönlich abzugrenzen und eine deutliche Position zu beziehen.
Das schulden Deutsche ihrer geschichtlichen Verantwortung. (Im übrigen stünde es auch anderen Teilen Europas und Amerikas gut zu Gesicht, sich zu ihrer Verantwortung zu bekennen.)


Doch es muss sich, so sehe ich das, niemand dafür beleidigen lassen, dass er das geo-strategische Verhalten der staatlichen Kräfte in Israel (und ebenso in mehreren islamischen Staaten) nicht nachvollziehen kann.

Andererseits kann sich kaum ein Außenstehender in das Sicherheitsbedürfnis eines Volkes hineinversetzen, dessen eigene Vorfahren und Landsleute nicht vor 70 Jahren auf industrielle, menschenverachtende Weise beinahe ausgerottet wurde. Wer in Bezug auf den Holocaust keine persönlichen Erfahrungen erlebt hat bzw. von den eigenen Eltern, Großeltern usw. geschildert bekam, kann diesbezüglich kaum 'mitreden'. Er kann mitunter auch nicht verstehen, dass die Erinnerung an den Holocaust im Umfeld der Betroffenen immer gegenwärtig ist - auch als zukunftsgerichtete Warnung. Vorwurfsvoll-pauschale Unterstellungen wie 'Instrumentalisierung' oder 'Opferhaltung' verletzen, ohne letztlich etwas Sinnvolles zu bewirken. 

Vielleicht ist es angezeigt, Begriffe wie 'Antisemitismus' neu zu definieren oder sich auf die eigentlich zutreffende Wortbedeutung zu besinnen ...damit sie auf diejenigen Anwendung finden, die tatsächlich so denken...?

Für alle übrigen Menschen mag ein Gedanke gelten, der in nachfolgender Dokumentation sinngemäß so zum Ausdruck kommt: "...die Schuld der Väter soll nicht auf die Söhne übergehen. Die Vergangenheit soll nicht vergessen werden, aber anstatt unser Gegenüber in eine Position der Schuld zu drängen, sollten wir uns darum bemühen, Freunde zu sein."






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