Mittwoch, 20. November 2013

Westliche Werte und Islam

Diskussionsrunde (3SAT, August 2012) mit Michael Schmidt-Salomon, Hamed Abdel-Samad, Gesine Schwan und Tarafa Baghajati

Die deutschsprachigen Medien haben eine 'Blitzlicht-Kultur' entwickelt, d.h. sie greifen ein Thema mit hoher Intensität auf, kochen es für wenige Tage hoch und lassen es dann oftmals wieder in der Versenkung verschwinden. Der Grund für diese Vorgehensweise mag in der vergleichsweise überschaubaren Aufmerksamkeitsspanne des Publikums liegen, das täglich 'etwas Neues' vorgesetzt bekommen möchte.
Erst wenn ein dramatischer Vorfall ereignet, ploppt das Thema - hier der Islam und seine vermeintliche Konfrontation mit westlichen Werten - wieder für eine Weile auf. Um so wichtiger sind Diskussionen, die sich mit Grundsätzlichem befassen.

Wenn, wie in der eingeblendeten Diskussionsrunde, von westlichen Werten die Rede ist, assoziert man zunächst Begriffe wie Humanismus, Aufklärung und die Selbstbestimmungsrechte des Individuums. Darin liegt m.E. eine gewisse Arroganz, denn diese und weitere Werte sind "keine exklusiveBesitztümer des Westens, vielmehr handelt es sich um ein Weltkulturerbe der Menschheit" (Schmidt-Salomon). 

Man könnte auch lange darüber streiten, ob es heute überhaupt noch so etwas wie 'westliche Werte' gibt. Abgesehen davon - muss der Islam denn zu dem passen, was wir Europäer mehr oder weniger diffus als unseren Verhaltensmaßstab begreifen? Was die Menschen in sog. Problemvierteln umtreibt, ist nicht die Religion und ihre konsequente Ausübung.
Vielmehr lässt sich eine (selbst-)verständliche Erwartung ausmachen: Gastfreundschaft setzt die Freundschaft des Gastes voraus. Dies gilt um so mehr, wenn der einstige Gast zum Nachbarn geworden ist oder werden möchte. Hier darf der Fokus nicht auf den Islam alleine verengt werden.

Damit eine Gesellschaft hinsichtlich eines Zusammenlebens in Frieden und Vielfalt Erfolg hat, muss sich weder der Islam den sog. Werten des Westens anpassen noch umgekehrt. Eine solche Erwartungshaltung an den Tag legen hieße, das Mitanander der 'im Westen' lebenden Menschen verkomplizieren. Die eingangs genannten Werte, insbesondere das Selbstbestimmungsrechte des Individuums, sind allerdings keine Domäne von Staatengemeinschaften, sondern eine weltweit gültige Grundvoraussetzung dafür, dass Menschen miteinander auskommen und niemand unterdrückt oder ausgegrenzt wird.

Dazu gehören insbesondere Toleranz und das Prinzip der Freiwilligkeit auf allen Ebenen der Gesellschaft und damit auch in Bezug auf jede Religiosität:

  • freiwilliger Zugang zu einer Religion und ihren Institutionen,
  • freiwillige und autonome Gestaltung des eigenen Lebens innerhalb einer religlösen Gemeinschaft,
  • sanktionsfreier Austritt aus jeder Religionsgemeinschaft, d.h. ohne bedroht oder schikaniert zu werden,
  • Die Erziehung von Kindern sollte werte-orientiert, aber interreligiös gestaltet werden. (ein schöner Traum, ich weiß...aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass verfrühte Initiationsriten wie die Säuglingstaufe und die Beschneidung irgendwann er Vergangenheit angehören)
Es sollte auch individuell entscheidbar sein, ob man sich mit Missions-aufrufen, Bekehrungsversuchen und jeglicher Form von religiös-fanatischem Geschrei gängeln lassen möchte. Dazu sind geschlossene Räume wie Kirchen, Moscheen und Synagogen da, die jedermann auf Wunsch aufsuchen kann - aber nicht Marktplätze und Fußgängerzonen, die alle Menschen passieren 'müssen'.


Damit sollte man es aber auch gut sein lassen. Angehörige einer Religion müssen weder sich noch ihre Werte an ein Umfeld 'anpassen', solange sie keine Straftaten begehen oder zu solchen aufrufen.

So sehr mir das Sendeformat der '3SAT-Debatte' gefällt, ich würde mir eine gewisse Praxisorientierung bei der Themenwahl wünschen:
  • Beispielsweise halte ich dringend eine Debatte für geboten, ob Religionsgemeinschaften weiterhin gestattet werden kann, im öffentlichen Raum aktiv (durch physische Präsenz, d.h. mit Kundgebunden, Marktständen oder Klinkenputzerei usw.) zu werben. Werbung durch selektiv auswählbare Medien ist dagegen unbedenklich, denn sie lassen jedermann die Wahl, ober sich damit befassen möchte oder nicht.
  • Oder darüber, wie sich der häufige Gebrauch bestimmter Reizworte ("Hassprediger", "Salafismus") in den Medien auswirken...

Westliche Werte und Islam - die 3SAT-Debatte

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