Samstag, 4. Januar 2014

Menschheit als Virus? - ein vernichtendes Urteil ...womöglich zutreffend(?)

Nachdenkliches zum Jahreswechsel


"Jedwede Art von Säugern auf diesen Planeten entwickelt instinktiv ein 
natürliches Gleichgewicht mit ihrer Umgebung. Ihr Menschen aber tut dies nicht..."



Haben 'wir' im Jahr 2013 wesentliche Fortschritte erzielt? Beginnt die Menschheit sich endlich den gewaltigen Herausforderungen zu stellen, die aus eigenem Verschulden vor ihr liegen?
Ich vermag nichts dergleichen zu erkennen.
Sicher, vereinzelt debattieren kleine Gruppen von Querdenkern zumindest theoretisch über notwendige Konsequenzen, damit die Spezies Mensch das 21. Jahrhundert übersteht.

Die Mehrheit (hierzulande bzw. in westlichen Ländern, die als vergleichsweise wohlhabend gelten) folgt anderen Zielen und Prinzipien, wobei Konsum und Spaß weiterhin im Vordergrund stehen. Unter der Überschrift "Kunden sind zu allem bereit" stellte FOCUS jüngst eine Liste von Kuriositäten der deutschen Rabattlandschaft zusammen.

Das Fazit des Artikels:
"Bei Rabattaktionen setzt der Verstand der Kunden aus. Wer mit Sonderangebote und Ermäßigungen konfrontiert wird, ist oft nicht mehr Herr seiner Sinne. Die Werbebotschaften sprechen das Belohnungszentrum im Gehirn an. Manche Verbraucher reagieren wie ferngesteuert – und kaufen."
Es kommt nur noch selten vor, dass ich mir einen Werbespot anschaue - doch ich frage mich jedesmal, wer Mensch sich von dieser allzu durchsichtigen Verbraucherinformation tatsächlich beeinflussen lässt. Ein Blick in die Realität offenbart Schlimmeres: Leute machen sich millionenfach zum Affen, nur um ein paar Euro billiger einzukaufen. Dabei sind sie sich für kaum etwas zu schade: 
  • Zur Eröffnung luden die Betreiber eines nordfriesischen Supermarktes ihre Kunden ein, den Markt nackt zu besuchen - die ersten hundert Nackten erhielten einen Gratis-Einkauf als Belohnung für ihren körperlichen Einsatz...250 Gelegenheits-Exhibitionisten folgten allen Ernstes dem Aufruf.
  • Wenn die Radiowerbung eine Tankfüllung für 1 € verspricht, verursacht der wüste PKW-Ansturm einen Verkehrskollaps. 
  • Sobald in einem Resultante das Motto „All you can eat" ausgegeben wird, kommt es nicht selten zu Fressgelagen und gesundheitsschädlichen Exzessen. Mit Hunger und Not hat dies selten zu tun ...das habe ich selbst schon beobachtet - während ich mich dafür rechtfertigte, bloß eine normale Portion vom Buffet abzugreifen.
Werbung funktioniert bestens: Konsumklima und und Kauflaune werden gepflegt und nach Möglichkeit werden Verbraucher mit Optimismus und Versprechungen versorgt, damit sie ihre Ersparnisse oder einen Kredit für zusätzliche Ausgaben strapazieren. Die Schuldfrage führt nur zu der Erkenntnis, dass die marktwirtschaftlichen Prinzipien auch in Konsumparadiesen funktionieren: Das Angebot entwürdigender Rabattaktionen lässt sich nur fortsetzen, weil die Nachfrage danach mehr als adäquat ist. Zudem ist Konsum nichts generell schlechtes, sondern ein notwendiger Bestandteil des wirtschaftlichen Lebens - ohne Binnennachfrage lägen viele Handels- und Industriezweige am Boden.

Klar, wir alle neigen dazu, Vergangenes zu glorifizieren und negative Eindrücke zu verdrängen. Trotzdem, vor 30-40 Jahren gab es weder 100 verschiedene TV-Kanäle noch diese Informations- und Reizüberflutung im Internet. Für Kinder und Jugendliche war 'draußen sein' ein Teil ihrer Normalität, für mein Empfinden war die Naturverbundenheit im allgemeinen viel größer als heute.
Auch damals wurden wir schon mit Werbung konfrontiert, die allerdings noch nicht in dem Maße verlogen und manipulativ war wie heute. 


Ein öffentliches Werben für's 'Fremdgehen' durch einschlägige Portale von Seitensprung-Agenturen wäre undenkbar gewesen. Dass Ehebruch inzwischen als Selbstverständlichkeit vermarktet wird ...geht mich im Grunde nichts an: es obliegt der individuellen Entscheidung, solche Serviceleistungen zu nutzen oder eben nicht.
Dennoch, die Vielzahl der zur nächtlichen Stunde die Werbepausen beherrschenden Peep-online.xxx- und Fremdgehen.yyy- Angebote empfinde ich als bedrückend. Es ist anzunehmen, dass diese Vermarktungskultur sich auf das Moralbewusstsein vieler Zuschauer auswirkt.


Wäre mir die muffige Verklemmtheit der Adenauerzeit mit ihrem Schwulenhass lieber? Nein, definitiv nicht. Dennoch, eine gesunde Mitte zwischen Prüderie und staatlicher Bevormundung einerseits und der hemmungslosen Vermarktung von (vorwiegend weiblicher) Nacktheit und Sexualität haben wir bis heute nicht gefunden.
Moment, habe ich nicht geschrieben, dass ich erotische Darstellungen mag? Stimmt, nur ist Erotik eine Frage des Geschmacks – wenn Scharen von gewerblichen Chatterinnen mir ihre gemachten Hupen ins Wohnzimmer halten (dankenswerterweise beistze ich keinen 3D-Fernseher;) …nun, dann schalte ich regelmäßig um. Meist muss ich dann 7- oder 8-mal das Programm wechseln, weil nach Mitternacht die Euterpräsentation auf fast allen privaten Sendern dominiert.
Keineswegs finde ich die Mädels alle hässlich, aber diese Art der 'Produkt'präsentation muss mir nicht gefallen, oder?
Auch wünsche ich mir keine neuerlichen Verbote, sondern ein bewussteres Nachfrageverhalten der Konsumentenschar.


Politische Aktivisten monieren eine multimediale Verdummungsindustrie, womit sie teilweise richtig liegen dürften: die Wahlbürger sollen zum Konsum an- und von der Auseinandersetzung mit kritischen Gesellschaftsfragen abgehalten werden.
Inmitten zwischen telemedialer Verdummung und den saisonalen Rabattschlachten nehmen sich zu wenige Konsumteilnehmer die Zeit, auch über die Fragwürdigkeit des eigenen Handelns nachzudenken - oder gar über die Zukunft des Planeten. Statt dessen entstehen neue Zivilisationskrankheiten wie beispielsweise 'Kaufsucht', welche die wirtschaftliche Existenz von 7-8 Prozent der Erwachsenen in Deutschland (2008) gefährdet. Kritische Beobachter verdienen derweil Geld mit Büchern über Dekadenz und die "Auswüchse der Wohlstandsgesellschaft".

Die Welt ist 2012 nicht untergegangen und wird sich höchstahrscheinlich auch weiterhin Zeit damit lassen. Wer heute 40, 50 oder älter ist, hat durchaus Chancen, weitere Jahrzehnte in Saus und Braus zu leben - die Folgen des Klimawandels zeigen sich nur langsam ...und bisher vorwiegend in anderen Regionen. Dank neuer umweltgefährlicher Verfahren (z.B. Fracking) werden die fossilen Brennstoffe wohl noch etliche Jahre halten.
Noch gibt es alles zu kaufen - wen interessiert da eine absehbare Verknappung essenzieller Rohstoffe in wenigen Jahrzehnten? Sollte tatsächlich ein "Rückfall in vorindustrielle Zeiten" drohen, dann muss 'man' doch erst recht mitnehmen was geht...solange es geht - oder?

Nicht wir, sondern nachfolgende Generationen werden die hauptsächlich Leidtragenden einer unheilvollen Entwicklung sein, bei der alleine konsumorientierter Individualismus zählt und die beteiligten Individuen so lange auf das Gemeinwohl pfeifen, wie sie nicht überdurchschnittlich davon profitieren (oder darauf angewiesen sind, z.B. im Krankheitsfall). Doch selbst der dauerhafte Bezug von staatlichen Sozial- und Transferleistungen löst in vielen Fällen nicht etwa Dankbarkeit und Bescheidenheit aus, sondern eine sozialisationsbedingte Anspruchs- und Verwöhnhaltung.

Der Jugendforscher B. Heinzlmaier beklagt die abflachende Intelligenz der heranwachsenden Generation. Ursächlich dafür sei ein Bildungssystem, in dem nur nach ökonomischen Aspekten unterrichtet werde (vgl. "Auf dem besten Wege in die absolute Verblödung", Die WELT, 18.07. 2013).
Junge Menschen würden nicht länger an Ideale gewöhnt, sondern in eine unmenschliche Leistungsgesellschaft gedrängt. Derweil flüchten Angehörige der gut gebildeten Mittelschicht in alternativen Schulformen (z.B. Waldorfschulen), die nach wie vor Wert auf eine umfassende, auch kulturelle Bildung legen.
Hm, ist diese Aufteilung nach Generationen fair? Ist nicht ein Großteil der heute 30-50-Jährigen durch das tägliche Einerlei von Arbeitsstreß und konsumptiver Entschädigung viel zu abgestumpft, um noch über den Tellerrand zu blicken? Dennoch liegt Hainzlmaier richtig mit seiner Warnung:
"Der Verzicht auf kulturelle Bildung wird unsere demokratische Grundordnung über kurz oder lang gefährden, weil der Nachfolgegeneration die politische Urteilsfähigkeit fehlt."
Jugendliche finden sich in einem kompetitiven Umfeld wieder, dass ihnen materielle Interessen und umweglosen sozialen Aufstieg nahelegt - beides ist heute ein Ausweis von 'Lebenstauglichkeit'. Problematisch daran ist die Einseitigkeit dieser Einflüsse einer Ego-Gesellschaft: es geht nur noch um Einzelinteressen, aber nicht mehr um das gesellschaftliche Ganze. 
"Wo früher die Orientierung an Traditionen Sicherheit gab, herrschen heute Beliebigkeit und Unübersichtlichkeit. Und an die Stelle von sozialen und beruflichen Kompetenzen ist vielfach die Selbstvermarktungsfähigkeit getreten. Das Produkt, das die Jugend primär verkauft, sind sie selbst."
Gewinner in diesem neoliberalen System sind vordergründig die "Egoisten und Performer", für die allein Erfolg, Image und Konsum im Vordergrund stehen. Die Medien, nicht zuletzt das Internet, verstärken dieses Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Selbstvermarktung noch. (Bleibt nur die Frage, worin dieser Gewinn jenseits materieller Aspekte besteht.)
Was aber wird mit der wachsenden Zahl von 'Verlierern', die sich in diesem System nicht rasch zurechtfinden und Bildungschancen verpassen - was bleibt ihnen übrig, als die sozialstaatlichen 'Angebote' mit Raffinesse für sich nutzbar zu machen?

Hainzlmaier fordert: wir müssen wegkommen von einer Lebenshaltung, in der es nur um materielle Güter geht - und von einer Bildungspolitik, die allein den Interessen der Wirtschaft dient. Wir brauchen eine neue Bewegung aus der Zivilgesellschaft heraus, wenn humanistische Werte in unserem Bildungssystem wieder eine Rolle spielen sollen. 

Wie viel Zeit uns wohl bleibt - für einen Turnaround oder jenen 'Ruck', den sich der frühere Bundespräsident Herzog für die gesamte Bevölkerung wünschte? Haben wir unter den genannten Einflüssen überhaupt eine realistische Chance, uns von kurzfristigen Wirtschaftsinteressen zu emanzipieren - und gerade rechtzeitig die globalen Herausforderungen anzugehen? Wie lange noch?



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