Mittwoch, 18. Juni 2014

Harodim oder: Welche Lektionen hat 9/11 uns gelehrt? (2)

(Fortsetzung; Teil 1 findet sich hier).

Was am 11. September 2001 wirklich geschah? 

Ich habe nicht die geringste Ahnung. Sämtliche Bilder, Textquellen und Informationen, aber auch Kommentare und Schlussfolgerungen über 9/11 liegen mir nur aus 3. oder 4. Hand vor. Den offiziellen 9/11 Commission Report habe ich in Bruchteilen zur Kenntnis genommen - ebenso die Argumentation derer, die diesen Bericht in Zweifel ziehen. Auch bin ich weder Physiker noch Statiker, somit fehlt mir jegliches zur 'Wahrheitsfindung' notwendige Grundlagenwissen.


Dennoch: Der von der Bush-Administration gezeichnete Verlauf - 19   fluguntaugliche, z.T. Drogen konsumierende, islamistische Terroristen mit Teppichmessern koordinieren 5 Terroranschläge mit Verkehrsflugzeugen ohne Hilfe/Mitwisser - erscheint mir dennoch bestenfalls unvollständig. 

Der Journalist Lars Schall definiert sogenannte "Tiefen-Ereignisse" - Vorgänge, die tief in illegalen, verdeckten Tätigkeiten von Geheimdiensten verwurzelt sind und mit einem typischen Muster von Vertuschungen und einer erstaunlichen Medienfehlfunktion einhergehen. "Strukturelle Tiefenereignisse" sind durch ihren permanenten Einflusses auf die Geschichte charakterisiert und markieren nicht selten einen radikalen, für die Masse unvorhersehbaren, aber gleichwohl geplanten und gesteuerten Wendepunkt.



Auch fiktionale Filme können der Manipulation dienen

Es fällt auf, dass sich der Film Harodim von Anfang an bedenklicher Stilmittel bedient: Etwa der Schriftzug "Dieser Film ist [keine] Fiktion" - obwohl Harodim eben doch vorwiegend unbewiesene Mutmaßungen thematisiert und diese in ein fiktionales Szenario einbindet. Augenscheinlich sollen die Gedankengänge des Publikums in eine bestimmte Richtung gelenkt werden.

Auf Behauptungen folgen kurze Einblendungen von Bildern/Szenen aus dem realen Weltgeschehen (Hitler und die Nazis dürfen nicht fehlen), welche das Gesagte durch Assoziationen bekräftigen und mit Emotionen verbinden sollen. Solche Querverbindungen steigern zwar den Unterhaltungswert, jedoch können sie gleichfalls der Manipulation dienen - und sind keinesfalls immer leicht zu durchschauen.

Warum erachte ich Harodim dann trotzdem als sehenswert?
Dieser Film bedient die Ängste und widerstreitenden Empfindungen einer stetig wachsenden Anzahl von Menschen. Doch es handelt sich keineswegs um irreale Ängste: Eine 
Dysfunktionalität der politischen Gestaltungskräfte wird vielfach als real empfunden - und kulminieren in dem subjektiv untrüglichen Gefühl, dass mit diesem 'System' etwas nicht stimmt:
  • Illegitimes Handeln westlicher Regierungsapparate - bis hin zu Folterungen, um Geständnisse zu erpressen und dem Töten von Kindern durch Drohnen - ist beinahe alltäglich geworden, gemessen an der öffentlichen Reaktion, nicht am Leid der Opfer. (Vor 9/11 kamen solche Praktiken auch vor, aber sie galten wenigstens noch als 'geächtet'.)
  • Bis heute gelang es der fortschrittlichsten Geheimoperation aller Zeiten nicht, alle Drahtzieher und die ausländischen Geldgeber der Anschläge von 9/11 zu identifizieren und anzuklagen. Liegt dies bloß an Rivalitäten zwischen den Geheimdiensten - oder ist es "nicht gewollt"?
  • Rechtsstaatliche Prinzipien und einst als unveräußerlich geltende Freiheitsrechte werden per Salamitaktik (in kleinen Schritten) zunehmend ausgehöhlt - in manchen Ländern werden Bürgerrechte schrittweise durch eine Art Kriegsrecht abgelöst.
"Wie in Zeiten des Mittelalters können amerikanische Bürger in Kerker geworfen werden und verschwunden bleiben. Keine Beweise oder Anklagen müssen einem Gericht vorgelegt werden. Kein Verfahren ist erforderlich, und keine Verurteilung." (Paul Craig Roberts - "Können die Amerikaner der Täuschung entkommen?") 
  • Innerhalb westlicher Regierungen finden sich nur vereinzelt Stimmen der Vernunft, welche eindringlich auf derart bedenkliche Entwicklungen nach 9/11 hinweisen.
    Zwar finden einzelne Politiker im Ruhestand ehrliche Worte der Kritik...ist es nicht traurig, dass sie erst dann den Mund aufmachen dürfen/wollen?
„Amerika verfügt zur Zeit über keine funktionierende Demokratie.” (Jimmy Carter, ehemaliger US-Präsident) 
  • Die fortgesetzte Geheimhaltung von Untersuchungsergebnissen und Fakten zu den 9/11-Anschlägen irritiert mich persönlich am meisten. Dass Vertrauen der US-Bevölkerung in seine Regierung und die 'Dienste' ist zerrüttet - die nationale Sicherheit ist nicht durch 'Geheimnisse', sondern vor allem dadurch gefährdet, dass Hintergründe und die Umstände, die zu 9/11 führten, weiter im Verborgenen liegen.. 
"Die Aufklärung der Tat des 11.9. wird verbissen blockiert. Die Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses des amerikanischen Congress, Dean und Hamilton, erklären unverblümt, sie seien nach Strich und Faden von der Regierung belogen worden." Andreas v. Bülow auf heise.de (2010)
  • Die Skala von Werten und Prioritäten hat sich im Westen binnen 13 Jahren drastisch verschoben - und das soll eine Handvoll Fanatiker verursacht haben? Osama und seine 19 Handlanger konnten den Auslösemechanismus einer solchen Verschiebung nur bewirken, sofern diese längst beabsichtigt (und vorbereitet?) war.


Suggeriert Harodim die Unwahrheit?
Dass Harodim  auf YT und im Web als "ultimative Wahrheit"angepriesen wird, bestenfalls Teil einer cleveren Vermarktungsstrategie, ansonsten jedoch purer Unsinn. Ein Verdienst (wenn man es so nennen will) von Filmen wie Harodim: sie rücken entscheidende Fragen sogar ins Bewusstsein derer, die nur unterhalten werden wollen :
Wer sind die wirklich 'Bösen' auf der Weltbühne - die "Drahtzieher" - die Nationen, Gruppierungen und Bündnisse gegeneinander ausspielen, ja gegeneinander aufhetzen? Gibt es diese 'Bösen' überhaupt? Was sind deren Motive?
Im Film schon... ist ja klar. In der 'wirklichen' Welt klingt es abstrakt, wenn nicht wie abstruses, düsteres Gefasel von "Jungs um die 30, die noch nie eine Freundin hatten" (Signs;).

Wie abwegig sind solche Fragestellungen tatsächlich? 
  • Gibt es jemanden, der darauf aus ist, "die Macht der Nationalstaaten zu brechen, damit sich eine globale Gesellschaft entwickeln kann"?
  • Wurde hierzu "eine neue Form des Krieges entworfen, die sowohl steuerbar als auch global ist" - der Krieg gegen den Terror?
Wenn solche Puppenspieler existieren, waren sie seit 9/11 überaus erfolgreich: 
  • Seit 2001 werden die Einwohner westlicher Länder zunehmend manipuliert, mit einer Flut nutzloser Informationen eingedeckt (und abgelenkt), zugleich überwacht - und vor vollendete Tatsachen gestellt. Derweil hat Krieg wieder Hochkonjunktur und wird als akzeptables politisches Instrument vermarktet. Lässt die Bereitschaft des Volkes, sich weiter durch Antiterror-Maßnahmen gängeln zu lassen, erkennbar nach, ereignet sich absehbar ein weiterer Anschlag...
  • Das Denken in geopolitischen Kategorien und die scharfe Abgrenzung ideologischer Blöcke nimmt in der Politik wieder mehr Raum ein. Nicht Friedenskonferenzen, - welche nach Verbindendem, Versöhnendem suchen würden - sind angesagt. Sondern die Konturierung, Konfrontation sowie die Sicherung von Einfluss-Sphären.
Ist das nicht zu weit hergeholt? Ein kurzer Szenenwechsel mag für einen Aha-Effekt sorgen:

"Rebuilding Americas Defenses" - das neue amerikanische Jahrhundert

Prof. Samuel Huntington, ("The Clash of Civilizations" / "Kampf der Kulturen", 1996), Sicherheitsberater mehrerer US-Präsidenten, erwartet eine Verlagerung des Konfliktes zwischen Ideologien nationalstaatlicher Bündnisse hin zu einem Konflikt zwischen Zivilisationen. In einer zukünftig multipolaren Geopolitik werde, werde die dominante westliche Zivilisation dabei herausgefordert. Um dieser Herausforderung zu begegnen, fordert Huntington eine Geopolitik der Macht - statt einer Politik der Menschenrechte, angeführt von den Vereinigten Staaten. Er regt zudem die Stärkung der westlichen Identität nach außen und innen an.Kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stellte Huntington vor diesem Hintergrund der Identitätsfestigung fest, die westliche Staatengemeinschaft benötige nun dringend einen neuen Feind. Nach Lage der Dinge könne dies nur die muslimische Welt sein.
Zbigniew Brzezinski spricht sich Anfang der 1990er Jahre für einen Zugriff der USA auf die Bodenschätze des Nahen und Mittleren Ostens aus.  


"Rebuilding Americas Defenses" ist ein 2000 von 'Vordenkern' herausgegebenes Strategiepapier (Volltext als PDF), welche dem "Project for the New American Century" (PNAC, dt. 'Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert') angehörten, eines neokonservativen amerikanischen Thinktanks. Die Thesen der PNAC laufen darauf hinaus, die Regierung der Vereinigten Staaten habe deren technologischen und wirtschaftlichen Überlegenheit einzusetzen, um durch Einsatz aller Mittel - einschließlich militärischer - unangefochtene Überlegenheit zu erreichen. Nur so lasse sich die weltweite Einhaltung von Recht und Gesetz gemäß den von den USA gesetzten Maßstäben ('pax americana') sicherstellen. 

Diese neokonservative Agenda zielt u.a. darauf ab, die amerikanische Hegemonie für Sicherheitszwecke aufrecht zu halten.
Führende Mitglieder der PNAC sind - rückblickend - keine Unbekannten: Dick Cheney, Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz oder auch Richard Perle. Im o.a. Strategiepapier stellen diese Herren auf Seite 63 fest:

"Further, the process of transformation, even if it brings revolutionary change, is likely to be a long one, absent some catastrophic and catalyzing event – like a new Pearl Harbor."
"Der Prozess der Transformation wird sich wahrscheinlich lang hinziehen, sofern nicht ein katastrophales und beschleunigendes Ereignis ('Katalysator') stattfindet wie etwa ein neues Pearl Harbor."
Diese Aussage von Cheney, Rumsfeld usw. ist keine Fiktion! Sondern zweifelsfrei nachvollziehbar durch etwas Recherche im Web.

Interpretationsversuche sollten die Kirche im Dorf lassen: Eine solche Katastrophe ("ein neues Pearl Harbor") wird in diesem Papier keinesfalls als wünschenswert dargestellt. Aus der o.a. Aussage eine Art 'Ankündigung' der Anschläge vom 9.11. herauslesen zu wollen, ist absurd.


Dieser Einschub soll lediglich aufzeigen, dass bestimmte Netzwerke von den Folgen der Terrorakte mittelbar, im Hinblick auf ihre Interessen und Ziele, profitiert haben: 9/11 lieferte ihnen die die Begründung für kostspielige und radikale Veränderungen in der Innen-und Außenpolitik Amerikas. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Cui bono? - Folge dem Geld (und möglichen Insidern)

Wenn ich die vielen Krisenherde weltweit in ihrer Zuspitzung betrachte, so frage ich mich zwangsläufig: Wer profitiert von Kriegen und Finanzkrisen?
Nun, es profitiert, wer sich das System der Weltwirtschaft zunutze macht und über ein mobiles (kurzfristig umschichtbares) Vermögensportfolio im großen Stil verfügt.
"Informierte Handelsaktivitäten" 
Von den Anschlägen vom 11. September 2001 sollen 'informierte Kreise' mit dem Handel sog. Put-Optionen (vgl. Leerverkauf / Verkauf(Put-)Option)an den Finanzmärkten profitiert haben. Dieser Insider-Handel, stellte der ehemalige Bundesbankchef Ernst Weltke fest, hätte "ohne ein bestimmtes Wissen nicht geplant und ausgeführt werden können."
"Put-Optionen sind, wenn sie spekulativ eingesetzt werden, grundsätzlich Wetten darauf, dass Aktienpreise abrupt fallen werden. Der Käufer, der mit einem Verkäufer einen Zeit-spezifischen Vertrag eingeht, muss die Aktien zum Zeitpunkt, da der Vertrag erworben wird, nicht besitzen. (...) 
Diese riskanten Spielereien mit Short-Optionen sind ein sicheres Zeichen für Investoren, die wussten, dass in ein paar Tagen etwas geschehen würde, das die Marktpreise dieser Aktien [von stark betroffen Branchen wie Fluggesellschaften und Versicherungen] drastisch senken würde." (Vgl. "Insiderhandel 9/11 ungelöst", Lars Schall)
Da "unwiderlegbare Beweise für Insider-Handel" erbracht wurden, sollte diese Spur (das abnorm gestiegene Handelsvolumen mit solchen Optionen vor und nach den Anschlägen) nicht zu den Tätern oder zumindest Mitwissern führen?
Allgemein stellen Nutznießer des zyklischen Verlaufs der Weltwirtschaft, organisiert in informellen Netzwerken, ihren Vermögenszuwachs, eigene Macht und persönliche Ideale über das Wohl aller Menschen - sie haben null Interesse daran, dass sich an diesem zyklischen Verlauf etwas ändert. Ist dies eine Verschwörung - oder die Konvergenz von Motiven?
Des weiteren stellt sich natürlich die Frage nach einem politischen Nutzen:

"Stellt man die Frage nach dem Cui Bono, wem nutzt ein solcher Terrorakt, dann ergibt sich die Antwort von selbst. Er schadet der muslimischen Welt, er nutzt denen, die ihre Interventionskriege damit zu rechtfertigen versuchen." Andreas v. Bülow auf heise.de (2010)
Allerdings halte ich die meisten Mutmaßungen von Bülow's und anderer 9/11-Skeptiker über den tatsächlichen Hintergrund der Anschläge ("kontrollierte Sprengungen") für wenig realistisch - schlicht aus einem Grund: viele dieser Konstrukte sind viel zu kompliziert und erfordern zu viele Mitwisser, beides impliziert unkalkulierbare Risiken. Lesenswert sind Artikel von Lars Schall (z.B. "Luftabwehr und Militärkriegsspiele"), in denen der Autor das viermalige 'Versagen' der amerikanischen Luftabwehr am 11.September 2001 anhand bekannter Fakten und Aussagen analysiert: Bis jetzt wurde nicht glaubwürdig dargelegt, weshalb keines der vier entführten Flugzeuge abgefangen wurde. Auch das systematische Zurückhalten von Ermittlungsergebnissen durch eine CIA-Abteilung ("Alec Station") in Bezug auf Verdächtige mit islamistischem Hintergrund nährt den Eindruck, 'man habe die Anschläge wissentlich geschehen lassen'.

Mich hat zudem überrascht, dass R.Cheney als Schlüsselfigur der Ereignisse bis heute nicht einmal unter Eid befragt wurde - obwohl der
 Vizepräsident mehrere Entscheidungen traf, die lt. dem von L.Schall zitierten Paul D. Schreyer außerhalb seiner rechtlichen Befugnisse lagen: Cheney war nicht Teil der National Command Authority, welcher die oberste Leitung des US-Militärs anvertraut ist.



Wir sollten uns vor mehreren nahe liegenden Irrtümern hüten:
  • Wir sollten nicht den Fehler wiederholen, eine formelle Gruppe (im Film die Freimaurer) zum Schuldigen für eine zyklische Wirtschaftsordnung zu machen, in der dramatische Krisen und Kriege als Korrektiv ('Reset') alle 60-80 Jahre unausweichlich sind. Die Suche nach Sündenböcken fördert das alte Machterhaltungsprinzip "Teile und herrsche"!
  • Die vorschnelle Verwendung des Begriffs "Verschwörungstheoretiker" kommt einer Keule gleich, um eine konkrete inhaltliche Debatte über heikle Aspekte zu vermeiden. 
  • Nach Möglichkeit sollten wir uns einen distanzierten Blick dafür bewahren, wer auf das populäre Trittbrett berechtigter Skepsis aufspringt und dabei eigene Ziele politischer und ideologischer Natur verfolgt.
    Unter das Label der "9/11-Wahrheitsbewegung" schlüpfen längst auch Ideologen, denen an Allem gelegen ist,
     außer Objektivität und ehrlicher Aufklärung. In Deutschland versuchen insbesondere Strategen aus dem braunen Sumpf, die Kritik an Eliten für ihre Zwecke zu vereinnahmen. 
  • Die unbedarfte Haltung "Im Internet erfahre ich, wie mich die Mainstream-Presse anlügt" halte ich für ambivalent bis gefährlich: In der 'normalen' Presse wird nicht nur gelogen und im Netz wird nicht immer die Wahrheit gesagt!
    Auch die Welt der Medien besteht nicht aus Schwarz und Weiß, sondern aus einer gewaltigen Komplexität in unterschiedlichsten Graustufen. 

Literaturhinweise:

Letzte Bearbeitung: 29.1.2015