Donnerstag, 12. Juni 2014

Warum die Finanzkrise längst nicht vorbei ist...

Prof. Dr. Christian Kreiß über Ursachen und Hintergründe der zyklischen Wirtschafts- und Finanzkrise


Die einzelnen Inhalte des Vortrags von Professor Kreiß sind keine bahnbrechenden Neuigkeiten, dennoch werden Zusammenhänge aufgezeigt und mit Fakten/Zahlen belegt.

So erfährt der Zuschauer, wer eigentlich vom Wirtschaftswachstum weltweit profitiert (hat), warum wohlhabende Haushalte eine überdurchschnittliche Sparquote erzielen, während die große Mehrheit der übrigen Privatpersonen/-haushalte über kein Nettovermögen verfügen oder Schulden haben. Dies ist keine Momentaufnahme, sondern eine Entwicklung über Jahrzehnte - mit dem Resultat, dass 0,1% der Erdbevölkerung im Besitz von 81% des weltweit vorhandenen Nettovermögens ist.


Dem Vortagenden geht es nicht um eine Neiddebatte oder moralische Bewertung, sondern um die kausalen Faktoren der seit vielen Jahren schwelenden, "subkutan verlaufenen" Krise. Er verwendet den Begriff des "Kulturkarzinoms" (oder "sozialer Krebs") ähnlich wie Rudolf Steiner, vgl. "Zur Situation der Zeit")



Mit zunehmender Ungleichverteilung der Vermögen steige auch die Sparquote und damit das Angebot an Kapital. Weltweit habe das in den letzten 30 Jahren exponentiell wachsende Kapitalangebot zu einem Druck auf die Kapitalzinsen geführt (Gerade in diesen Tagen beobachten wir einen rapiden Zinsverfall bis deutlich unterhalb der Inflationsrate)
Die stark wachsenden Kapitalmassen suchten international nach rentablen Anlagemöglichkeiten. Diese überreichlich zur Verfügung stehenden “vagabundierenden“ Kapitalmittel führten zu "überhöhten, krebsartigen Investitionen" in Sachanlagen aller Art weltweit. 

Diese überhöhten Investitionen hätten z.B. in den USA während der Jahre 1980 - 2011 zu einem realen Wirtschaftswachstum von 131 % (also ausgehend von 1980=100 zu 2011=231) geführt.
Im gleichen Zeitraum steigerten sich die 'Masseneinkommen' um weniger als 10%, was analog auf die Zunahme der tatsächlichen Kaufkraft zutraf.

Das 'restliche' Wirtschaftswachstum (also die Differenz zw. 8% und 131%) sei durch Schulden finanziert worden - diese "Scheinblüte" habe einen Überhang an Produktionskapazitäten entstehen lassen, dem keine angemessene Nachfrage gegenüberstehe.
Denn im gleichen Zeitraum, so Kreiß, lebten "etwa 100 Millionen Familien weltweit sowie einige Länder" deutlich über ihre Verhältnisse, gaben mehr aus als sie einnahmen und finanzierten diese künstliche Nachfrage (vorübergehend) durch höhere Verschuldung. So entstand ein zum guten Teil auf Schulden und damit auf Sand gebautes Wirtschaftswachstum. (Einleuchtend: die wohlhabenden Haushalte sparen/investieren ihr Vermögen, während die weniger wohlhabenden Haushalte mangels Kaufkraft (und infolge ihrer Schulden) gar nicht zu einer adäquaten Nachfrage imstande sind.)

"Derjenige Teil des Wachstums der Produktionskapazitäten, der künstlich, auf Pump finanziert wurde, gleicht einem wirtschaftlichen Krebsgeschwür, das nun die Gesamtentwicklung zu erdrücken droht." 
Diese Überkapazitäten könnten - ausgehend von etwas etwas weniger hohen Zahlen wie für die USA auch für den Rest der Welt - eine Größenordnung von bis zu einem Drittel der Weltindustrieproduktion haben. 

Die entscheidende Problematik: Eine Bereinigung dieser Überkapazitäten hat auch seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 praktisch nicht stattgefunden, der größte Teil des Kapazitätenabbaus mit allen damit verbundenen negativen ökonomischen und sozialen Auswirkungen wie einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit, stehe noch bevor!

Die Einführung des Euro...
...kommt lt. Kreiß noch "oben drauf" auf diese Trends, d.h. er wirkt sich als weiter verschlimmernder Katalysator aus: Mit der besseren Bonität der €-Zone konnten die meisten Euro-Länder (außer Deutschland) sich zu weitaus günstigeren Konditionen Kapital beschaffen als zuvor mit eigenen Landeswährungen. Daraus entstand ein (falscher) Anreiz für Staaten, Banken und private Haushalte zur Aufnahme neuer Schulden - in unvertretbar hohem Ausmaß.

Dass diese Kapital- oder besser Kreditverfügbarkeit zu einem maßlosen Bauboom führte, ist hinlänglich bekannt.

Zeitweise drohte beinahe täglich ein Domino-Effekt, im hochvernetzten Bankensystem hätte die Insolvenz einer europäischen Großbank zu einem Kollaps des gesamten Finanzsystems der Eurozone ausgelöst. Insoweit erklärt sich auch die Angst der Europäer vor einer Pleite z.B. Griechenlands, welche unmittelbar die 'systemrelevanten' Banken in anderen Ländern (vor allem Deutschland, Frankreich und Großbritannien) sehr belastet hätte.
Heute, knapp zwei Jahre später, erwecken viele Ökonomen und Politiker den Eindruck, die Wirtschaftslage habe sich beruhigt, Vertrauen in den Euro werde wiederhergestellt und sogar Griechenland und Irland seien auf einem guten Weg.

In gewisser Weise stimmt das auch, es wurden gewaltige Anstrengungen unternommen: Rettungsfonds und Unternehmensverkäufe überführten einen Teil der Verschuldungen auf 'starke Schultern'; mit Bad Banks wurden Bilanzen um wertlose Anlagenpapiere bereinigt. Ab und an wurden auch kleinere Verbindlichkeiten abgeschrieben.

Dennoch läuft das gesamte Krisenmanagemangement seit 2007 von den Politik, Banken und Wirtschaft größtenteils ins Leere, denn es verlagert im wesentlichen nur die erdrückende Schuldenlast von privaten auf staatliche Schuldner. Die bislang getroffenen Maßnahmen, etwa zur Euro- und Bankenrettung, verschärfen das Grundproblem der Ungleichverteilung und verschaffen lediglich einen Zeitgewinn, d.h. sie schieben die weiterhin ausstehende Krise auf, anstatt die Ursachen zu kurieren. Diese kosmetische bzw. zeitliche Verlagerung gestattet ein weiteres Anwachsen von Überkapazitäten und Verbindlichkeiten; dadurch verschlimmert sie den unausweichlichen Bereinigungsprozess. 

Im Grunde besagt diese Analyse genau das, was ich "im Gefühl habe" - die großen Player fürchten sich vor der 'Abrechnung', verschieben diese mit allen möglichen (vielleicht legalen, aber nicht legitimen) Tricks und machen dadurch für die am Ende Leidtragenden alles nur noch schlimmer!
Leidtragend werden in Europa, den USA und weltweit die Personen sein, welche auf ein geregeltes Arbeitseinkommen angewiesen oder von staatlichen Leistungen abhängig sind. Dies schließt die Empfänger von Alters- und sonstigen Renten ausdrücklich ein.

Kreiß zeigt weiter auf, dass es sich hierbei keineswegs um eine einmalige Entwicklung handelt - sondern um einen zyklischen Vorgang über einen Zeitraum von etwa 2 Generationen.



Mögliche Lösungsansätze...
...sehen bei Prof. Kreiß gänzlich anders aus als in den Köpfen derer, die solche Entscheidungen für eine ganze Volkswirtschaft treffen und umsetzen. Aus seiner Sicht führt nichts an einer gesetzlich gesteuerten Umverteilung / Neuordnung der Vermögensstruktur vorbei. Als Instrument komme beispielsweise eine Besteuerung sämtlichen Kapitalvermögens (und nicht nur der Kapitaleinkünfte) oberhalb eines Freibetrages von 2 oder 3 Millionen Euro. Zugleich müsse zwar nicht das Zinssystem, aber in jedem Falle der Zinseszins abgeschafft werden. Auch die Zahlung von Dividenden stellt Kreiß infrage.
Derartige Umverteilung werde zwangsläufig zu einem nachhaltigen Nachfrageschub führen und könne einen ansonsten zwar aufschiebbaren, aber letztlich unabwendbaren Kollaps des gesamten Wirtschhaftssystems "vielleicht sogar verhindern".

In seiner Erläuterung einer "Hinwendung zum Guten" geht Professor Kreiß weit über ökonomische Aspekte hinaus: es komme auf die Lösung der sozialen Frage (weltweit!) an. 
Schon Papst Pius XI. habe sich 1931 in der Enzyklika Quadragesimo anno der Notwendigkeit des „gerechten Lohns“ gewidmet und eine unheilvolle Bündelung von Kapital und damit Macht in den Händen weniger Menschen kritisiert:
"105. Am auffallendsten ist heute die geradezu ungeheure Zusammenballung nicht nur an Kapital, sondern an Macht und wirtschaftlicher Herrschgewalt in den Händen einzelner, die sehr oft gar nicht Eigentümer, sondern Treuhänder oder Verwalter anvertrauten Gutes sind, über das sie mit geradezu unumschränkter Machtvollkommenheit verfügen.
106. Zur Ungeheuerlichkeit wächst diese Vermachtung der Wirtschaft sich aus bei denjenigen, die als Beherrscher und Lenker des Finanzkapitals unbeschränkte Verfügung haben über den Kredit und seine Verteilung nach ihrem Willen bestimmen. Mit dem Kredit beherrschen sie den Blutkreislauf des ganzen Wirtschaftskörpers; das Lebenselement der Wirtschaft ist derart unter ihrer Faust, daß niemand gegen ihr Geheiß auch nur zu atmen wagen kann."
(Auszug)
Im Grunde müsse sich das gesamte Denken der Menschen ändern - von einer weniger wettbewerbsorientierten und Egoismus fördernde Erziehung über einen Verzicht auf überzogenes Anspruchsdenken bis zu einer Hinwendung zum Geistig-Spirituellen (anstelle eines im Leblosen verharrenden Materialismus). Recht hat der Professor.
Die Lösung der sozialen Frage liege in der "Anerkennung der göttlich-geistigen Natur des Menschen, in der Anerkennung dessen, dass dasjenige, was vom Menschen hier auf der Erde als physischer Leib herumgeht, nur der äußere Ausdruck ist für etwas, was in jedem Menschen aus der Ewigkeit herein leuchtet." (1919, Albert Schweitzer)
Dies sind durchaus begrüßenswerte, aber doch ungewohnte Worte für einen Wirtschaftswissenschaftler, der vor seiner Lehrtätigkeit an der HTW Aalen u.a. sieben Jahre als Investment Banker tätig war. Es fällt aber auf, dass Kreiß diesen Lösungsweg zwar vorträgt, jedoch dürfte ihm mit seinem Wissenshintergrund bewusst sein, wie gering die Chancen für einen kollektiven Turnaround mit der notwendigen Konsequenz und 'Nachhaltigkeit' sind. 

Warum? Der Wille zur tiefgreifenden Veränderung fehlt (den meisten von uns, nicht nur den 'Bankstern' usw.) so lange, bis kaum mehr erträglicher Leidensdruck sie erzwingt. Auch würde ein nationaler, selbst ein europaweiter Alleingang sehr wahrscheinlich verpuffen, schon wegen der absehbaren Kapitalflucht in die Regionen mit weiterhin 'guten' Bedingungen für Investoren. Außerdem besteht weder in der Politik noch seitens Wirtschaft und Hochfinanz ein Interesse an Maßnahmen, durch die ihre Handlungsfreiheit beschnitten würde - von einer Einsicht in echte Notwendigkeiten ganz zu schweigen.

Bleibe ein so weitreichender Paradigmenwechsel aus, sei der nächste Korrekturschock - Kreiß nennt hier regionale Kriege, Bürgerkriegszustände und schwere Unruhen, Massenarbeitslosigkeit durch Deinvestition und "ganz einfach Chaos" als Beispiele - im Rahmen der aufgezeigten Zyklen absehbar. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen