Montag, 28. Juli 2014

Kritischer Journalismus?

Vom SPIEGEL hatte ich anderes erwartet: wenigstens den Anschein einer ausgewogenen Analyse

Gerne und häufig werden die sog. Mainstream-Medien als 'Vierte Gewalt' in einem demokratischen Rechtsstaat hofiert: daran knüpft sich die einstmals berechtigte Erwartung, die meistgelesenen Online- und Printmedien übten eine wirksame Kontrolle der nationalen wie multilateralen Politik aus.

Ausgeübt werden kann wird diese Kontrollfunktion nur, sofern die angestellten Journalisten über inhaltliche Kompetenz verfügen und

  1. wirklich unabhängig, objektiv berichten (dürfen),
  2. Fakten recherchieren und diese belegen, anstatt sich mit tendenziöser Verdachtsberichterstattung zu begnügen.
Mit anderen Worten: Gerade in heiklen politischen Themenfeldern wie dem neuen Ost-West-Konflikt ist Seriosität eine Mimimalanforderung an jede politische Redaktion, welche sich nicht auf dem Niveau der Boulevardpresse sieht und nicht gesehen werden will.

Soweit die Theorie bzw. der journalistische Anspruch vergangener Zeiten.-


Indem der SPIEGEL in seiner Ausgabe 31/2014 vom 28.Juli die Todesopfer des MH17-Absturzes auf seinem Cover abbildet und im Sinne der Frage "Wer stoppt Putin?" instrumentalisiert, verabschiedet er sich demonstrativ von einstmals vorhandenen Idealen.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung steht ein valides Ergebnis einer unabhängigen Untersuchung des Flugzeugabsturzes noch aus! Ungeachtet dessen beteiligt sich der SPIEGEL an unverantwortlichen Spekulationen, die - wen wundert es noch - allesamt in Richtung des Universalfeindes Russland weisen.

Seriös würde bedeuten, diese Spekulationen und Behauptungen kritisch zu erörtern, nach Fakten zu suchen und diese zu prüfen -  sich aber jeder weitergehenden Schlussfolgerung zu enthalten, bis die Schuldigen zweifelsfrei ermittelt wurden. 


Statt dessen wird das bestehende spekulative Unsicherheitsvakuum dazu genutzt, die abnehmende Leserschaft (sinkende Auflagenzahlen) zu emotionalisieren und gegen Russland und dessen Präsidenten W.Putin aufzubringen. Würde investigativer Journalismus nicht zunächst alles daran setzen, mehr über die beschlagnahmten Funkgespräche aus dem Tower in Kiew sowie die vorgeblich existierenden Beweise der US-Satellitenaufklärung in Erfahrung zu bringen? 

Es entsteht der Eindruck, als seien diese "Beweise" nicht mit den voreiligen Schuldzuweisungen gegen Russland in Einklang zu bringen...also werde diese ach so heiße Spur nicht weiter verfolgt.

Als frustral erweisen sich weitere Überlegungen: angenommen, die USA überraschen in den nächsten Tagen doch mit einer lebhaft illustrierten Beweisführung, die Putin mit einer 'smoking gun' zu überführen scheint. Wie glaubhaft sind die USA als die Nation, die im Jahre 2003 mit gefälschten Belegen ("Massenvernichtungswaffen") einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak begründeten?


Damit nicht genug, versucht der SPIEGEL mit einer nicht näher erläuterten Infratest-Umfrage ("Stichprobe: 1000 wahlberechtigte Bürger wurden in computergestützten Telefoninterviews befragt") zu belegen, dass die Mehrheit der Deutschen die Verschärfung von Sanktionen begrüße:

(Am Rande: Es wird nicht Herr Putin sanktioniert, sondern die russische Wirtschaft - und damit die Landesbevölkerung). Immerhin machen die SPIEGEL-Leser sich ihre eigenen Gedanken, etwa auf Twitter:


Bin gespannt, wann @SPIEGELONLINE meldet, 
"Mehrheit der Deutschen fordern Angriff auf Russland"!
,
schreibt @mgk61 (Link



In diesem Kontext sei ein Kommentar von Willy Wimmer (CDU), ehemals Staatssekretär im Verteidigungministerium unter Helmut Kohl, ausdrücklich empfohlen:
Verteidigungsexperte Wimmer geht u.a. auf einen wesentlichen Aspekt ein - die durch die "westlichen Staaten hingenommene Vorstellung, als könne die Maschine über Separatistengebiet nicht nur abgeschossen worden, sondern auch genau dort zu Boden gegangen sein."

Verkürzt: ein in 10km Höhe abgeschossenes Flugzeug fällt nicht wie ein Stein zu Boden. 
Man könne doch nur auf grundlegende mathematischen Berechnungen (Parabeln) verweisen:

"Danach gibt es nicht nur mathematische Gesetzmäßigkeiten für Flugzeuge in zehn Kilometer Höhe, die durch einen Vorfall in ein Unglück gestürzt werden. Wenn man diese Gesetzmäßigkeiten, die vom Charakter her allgemeingültig sind, hier zugrundelegt, dann liegt die Entfernung zwischen dem Absturzort und dem Punkt in zehn Kilometer Höhe, wo sich das Unglück für die Maschine MH17 eingestellt hatte, fast 100 km westwärts. 
Alleine schon dieser für eine westliche Regierung zu normalen Zeiten zwingende Darstellung hätte das Gebäude der Schuldzuweisung auch an den russischen Präsidenten Putin erst gar nicht entstehen lassen."   
Auch diese m.E. plausible Betrachtungsweise wird in den Massenmedien kaum thematisiert.

Überrascht es die zuständigen SPIEGEL-Autoren, dass ihnen "politische Agitation und Propaganda" vorgeworfen wird? Tangieren solche Vorhaltungen die Verantwortlichen in den Redaktionen noch? 

Zwar wurden müde Artikel über die vermeintlich irregleiteten "Putinversteher" verfasst, doch eine differenzierte Debatte finde ich meist nur in den sozialen Netzwerken.

Nun ist der SPIEGEL keineswegs des einzige Organ, das sich an dieser ärmlichen Form von Meinungsjournalismus beteiligt...doch als langjähriger Leser kannte ich den SPIEGEL als Zeitschrift, welche in früheren Jahrzehnten erkennbar um Objektivität bemüht war. Die offenkundige Abkehr von seiner wichtigen Funktion als 'vierte Gewalt' bedaure ich sehr.

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