Montag, 17. November 2014

Erzfeind Putin?

Steter Tropfen höhlt den Stein - insoweit ist die redaktionelle Strategie bedeutender Nachrichtenmedien unschwer zu durchschauen: Die einseitige Auswahl von Ereignissen rund um den neuen Ost-West-Konflikt suggeriert, ausschließlich das Putin-geführte Russland bedrohe die ansonsten so friedliebende Weltgemeinschaft:
"Russische Bomber sollen bis an US-Grenze fliegen"Moskau kündigt an, Patrouillenflüge im internationalem Luftraum auszuweiten. Der Grund dafür wird in der Ukraine-Krise gesehen.
"Nato schlägt Alarm: Putins Langstreckenbomber über Europa" Die russische Luftwaffe hält die Nato auf Trab. Einflüge über der Nord- und Ostsee, aber auch über dem Schwarzen Meer erinnern ein wenig an die Zeiten des Kalten Kriegs. Nato sieht Risiken für die Zivilluftfahrt.
So geht das schon seit Monaten. Die "WELT" setzt sich nicht selten mit kruden Thesen und Anti-Putin-Statements an die Spitze dieser 'Bewegung'. Inzwischen ergeht sich deren Mitarbeiter Martin van Creveld unverblümt in Kriegsszenarien - wohlgemerkt, nicht bezüglich einer lokal/regional begrenzten militärischen Auseinandersetzung Russland - Ukraine, sondern ganz konkret über einen möglichen Krieg zwischen der Nato und Russland:
"Sollte es also zum Äußersten kommen, gibt es für die Nato und die EU nur eine Möglichkeit, eine Sezession der "Volksrepublik Donezk" und ihren Anschluss an Russland zu verhindern: direktes militärisches Eingreifen."
Quelle:"Bei einem Ukraine-Krieg droht Auflösung Russlands", (WELT online)
Aber, wohl zum Bedauern Crevelds, "haben Nato und die EU schlicht und einfach nicht den Willen, für irgendetwas oder irgendjemanden zu kämpfen". Immerhin: "Als Militäraktionen kommen allenfalls Luftschläge in Betracht."
Aber Luftschläge? Das ist doch nichts Richtiges für harte Kämpfer, nein, da muss bzw. müsste ordentlich zugelangt werden - im Twitterjargon klingt das etwa so: 'Der russische Bär muss eins auf seine gierigen Tatzen kriegen'.
"Alle bisherige Erfahrung zeigt überdies, dass Luftschläge allein nicht ausreichen, um einen solchen Konflikt zu entscheiden." 
Vermutlich stimmt das sogar. Allerdings mit der Konsequenz, dass sich jeder Krieg zwischen Nato und Russland unkalkulierbar zu einem globalen Desaster ausweiten könnte (und würde). Auf diese Überlegung ist der Historiker und Militärexperten van Crefeld auch schon gekommen: "Putins Luftwaffe kann nicht nur am Kriegsschauplatz selbst zurückschlagen."

Sollten sich Kräfte der Nato in den Konflikt direkt einmischen, hätte dies lt. Creveld freilich 'nur' gelegentliche Einfälle russischer Flugzeuge in den Luftraum der Nato/EU zur Folge. 

"Gerade weil sie nur durch Atomwaffen gestoppt werden könnte, bleibt jedoch eine groß angelegte russische Invasion an der Nato-Ostflanke höchst unwahrscheinlich."
Eben wegen der realen Möglichkeit einer solchen Eskalation muss ein Krieg vermieden werden.
Dies erreicht man aber nicht mit plumpem Sanktionismus und stetiger Verhärtung der Fronten - sondern nur, wenn endlich damit begonnen wird, auch russische Sicherheitsinteressen ernst zu nehmen. Mit Einknicken oder 'Appeasement' hat dies nichts zu tun, die Krim gehört weiterhin zur Ukraine, ganz gleich wie oft Putin sich noch mit Glanz und Gloria für seinen hochriskanten Handstreich feiern lässt.

Für mich es erschreckend, wie die Leser solcher Artikel in kleinen Schritten an den Gedanken eines 'beschaulichen, eigentlich gar nicht nicht so schlimmen' Krieges auf europäischem Boden gewöhnt werden sollen. Jetzt, da die Generation der Kriegsopfer und -teilnehmer ausstirbt, scheint ein derartiges Umdenken erstmals möglich. Wer deutlich jünger als 50 ist, hat vermutlich keine Großeltern oder andere lebende Verwandte, die aus eigenem Leben vom Krieg berichten könnten. Die endlose Wiederholung weichgespülter Dokumentationen über die Zeit von 1914 bis 1945 vermag die persönlich geschilderten Eindrücke und Erinnerungen nicht zu ersetzen.  

Derweil fragen sich zu wenige Menschen, wer letztlich davon profitiert, falls wieder Krieg herrschen sollte in Europa...

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