Donnerstag, 11. Dezember 2014

Democracy - Leonard Cohen


"Democracy" entstand 1992, nach der Öffnung der Berliner Mauer und dem Fall des Eisernen Vorhangs, der Leonard Cohen beeindruckte - allerdings nicht etwa positiv: Cohen betrachtete den damals aufkeimenden Optimismus im wiedervereinigten Deutschland und in ganz Europa von Anfang an mit Skepsis - insbesondere die Erwartungen an eine Demokratisierung des Ostens und als einhergehend erhoffte weltweite politische Veränderungen.


Unter dem Eindruck des wiederbelebten Ost-West-Konfliktes samt einseitiger Berichterstattung, der wenig demokratischen Regierungsform und -weise in Russland und nicht zuletzt des jüngst veröffentlichten US-Senatsberichts über die Folterverhöre der CIA komme ich nicht umhin, der von Cohen ausgedrückten Sichtweise beizupflichten: Bis zur Verwirklichung einer wahrhaftigen Demokratie haben die Völker der Welt noch einen ein sehr weiten Weg vor sich. 


Soweit ich Cohen richtig verstehe, wünschte und glaubte er, eine solche Entwicklung werde am ehesten in den USA eintreffen. Nun, darin allerdings hat er sich geirrt, soweit dies bis heute absehbar ist, leider.

So fallen die Interpretationen von „Democracy is Coming to the USA“ kontrovers aus: nicht wenige meinen, Leonard Cohen habe bereits 1992 die seit 2001 stattfindende Entliberalisierung der Vereinigten Staaten in geradezu prophetischer Weise angekündigt. (Vielleicht mangelt es mir an englischem Textverständnis, sodass ich ironische Elemente nicht als solche erfasse. Deshalb gehe ich erst gar nicht auf Leonard Cohens "biblisch-astrologische Weltsicht" ein, die u.a. durch die esoterische Lehre der Kabbala inspiriert sein soll.)



Demokratie

Sie kommt wie durch einen Windkanal

Aus jenen Nächten auf dem Tiananmen Platz
Sie kommt aus dem Gefühl
Das hier sei noch nicht die Wirklichkeit
Falls doch, dann stimmt der Ort noch nicht ganz
Aus den Kämpfen gegen Unruhen
Aus den Sirenen, Tag und Nacht
Aus den Feuerstellen der Obdachlosen
Aus der Asche der Schwulen
Kommt die Demokratie in die USA

Sie kommt durch einen Riss in der Mauer

Auf einem imaginären Schwall von Alkohol 
Aus der umwerfenden Botschaft
Der Bergpredigt
Die zu verstehen ich gar nicht erst vorgebe
Sie kommt aus der Stille
Am Landedock in der Bucht 
Aus dem tapferen, mutigen, ramponierten
Herz von Chevrolet:
Die Demokratie kommt in die USA

Sie kommt vom Leid der Straße

Von heiligen Plätzen, Treffpunkten der Rassen
Von der mordlustigen Schlampe
Die in jede Küche reinplatzt
Um klar zu stellen, wer auftischt und wer isst
Von der bohrenden Enttäuschung
In der die Frauen auf ihren Knien
Um Gottes Gnade beten in der hiesigen Ödnis
Und der Ödnis anderswo
Die Demokratie kommt in die USA

Segle weiter, segle weiter

Mächtiges Staatsschiff! 
Zu den Küsten der Not
Vorbei an den Riffen der Gier
Durch die Böen des Hasses
Segle weiter

Sie kommt zuerst nach Amerika

Zur Wiege der Besten und der Miesesten
Die hier ihre Grenzen erfahren
Und wie Veränderungen funktionieren
Und hier erlangen sie spirituelle Sehnsucht.
Hier ist die Familie zerbrochen
Und hier sagen die Einsamen
Dass die Herzen sich ganz grundsätzlich öffnen müssen
Die Demokratie kommt in die USA

Sie kommt von den Frauen und Männern

Oh Liebste, lass uns wieder lieben!
Wir werden so tief darin versinken
Dass dem Fluss die Tränen kommen
Und der Berg ein "Amen!" ruft
Sie kommt wie der Gezeitenstrom
Unter der Macht des Mondes
Hochherrschaftlich, mysteriös
In sinnlichem Gewand
Die Demokratie kommt in die USA

Segle weiter ...


Ich bin sentimental, versteht es recht

Ich liebe das Land, doch ich ertrage nicht, wie es hier läuft
Ich bin kein Linker und kein Rechter
Ich bleibe einfach heut Nacht zu Hause
Und verliere mich in diesem traurigen, kleinen Bildschirm.
Doch ich bin hartnäckig wie eine Müllbeutel aus Plastik
Den die Zeit nicht kleinkriegt
Ich bin zwar Müll, doch noch halte ich
Diesen kleinen Wildblumenstrauß empor:
Die Demokratie kommt in die USA

Quellenangabe





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen