Montag, 29. Dezember 2014

"Ein einziger charakterlicher Fehlschlag..."

Ich lese gerade ein Buch - Belletristik oder fast schon Trivialliteratur; das Thema 'Zeitreise' interessiert mich halt. Einer der Protagonisten ist in einem streng christlich-evangelikalen Elternhaus aufgewachsen - als er erwachsen wird, mehren sich seine Selbstzweifel.

Der junge Man bezeichnet sich selbst als "charakterlicher Fehlschlag". Nun, mir selbst sind Lebensumstände und -phasen, in denen man an sich kaum ein gutes Haar lässt, auch nicht gänzlich unbekannt. Es gibt mehrere Alternativen, um solche Augenblicke der Selbstverachtung zu überstehen und wieder zu einem realistischen Selbst-Bewusstsein zu gelangen. Andernfalls kann Selbstkasteiung kann zu einer üblen Gewohnheit werden - das ist potenziell gefährlich: sogar Suizid kann dadurch als eine Option erscheinen, zu der einem innerhalb des eigenen verzerrten Denkmodells kaum noch valide Gegenargumente einfallen.
'Realistisch' bedeutet in diesem Kontext: weder die eigenen Schwächen verdrängen noch eigene Stärken und angenehme Charaktereigenschaften. Dabei kann ein direktes Feedback von einem ehrlichen Freund hilfreich sein.


Was mich daran beschäftigt, sind Fragen, welche unbeantwortet bleiben, zumindest für mich. Fast immer erwachsen Selbstzweifel aus subjektiver Schuld, aus Situationen, in denen man nach eigener Einschätzung versagt hat. Hinzu kommt die Angst, zukünftig wieder zu versagen.

Der junge Mann aus meinem Buch entdeckt viele Versagensmomente an sich:
"...keinen Mumm in den Knochen, nicht mehr Willenskraft als eine Fahne im Wind,... ein Schwächling, ein Drückeberger, ein Waschlappen, ein erbärmlicher, widerlicher Feigling. Der Dreck unter seines Bruders Fingernägeln war mehr wert als er."
Nun frage ich mich, wie eine solche Entwicklung zustande kommt, an deren Ende eine derart vernichtende Selbstwahrnehmung und -verachtung stehen. Die Romanhandlung ist zwar fiktional, Vergleichbares soll jedoch auch real vorkommen.

Niemand möchte so unvollkommen sein, sondern das eigene Leben nach den persönlichen Wertvorstellungen aktiv gestalten. Falls wir Menschen tatsächlich einen "freien Willen" besitzen - wie ist es dann möglich, dass unsere Handlungen uns bisweilen an einen Punkt bringen, an dem wir absolut nicht mit uns selbst zufrieden sein können?

Mit den sachbezogenen Aspekten einer Antwort auf diese Frage bin ich grob vertraut - genetische Disposition, Biologie, Psyche und Erfahrungen des gesamten bisherigen Lebens, Hormonspiegel, Gesundheitszustand, Ernährung...all diese Faktoren wirken sich auf unser Entscheidungsverhalten aus. 
Einige dieser Faktoren lassen sich bis zu einem gewissen Grad beeinflussen, anderen sind wir nahezu ausgeliefert.
Die Summe aus ihnen bewirkt einerseits, wie wir uns in einer bestimmten Situation entscheiden (bzw. ob wir überhaupt zu einer Entscheidung imstande sind). Diese Faktoren sind außerdem mitverantwortlich für die sog. Charakterstärke eines Menschen - beispielsweise, inwieweit es uns gelingt, an getroffenen Vorsätzen konsequent festzuhalten.

Ein persönliches Beispiel: Ich nehme mir fast wöchentlich vor, meinen Nikotinkonsum nicht nur einzuschränken, sondern ganz abzustellen. Im Laufe eines Tages fallen mir gute und wirklich plausible 'Gründe' ein, den Zeitpunkt des Aufhörens noch ein wenig zu verschieben...(es handelt sich natürlich um Ausflüchte, aber sie werden immerhin überzeugend vorgetragen ;)

Es geht mir nicht darum, die vielen Aspekte wie z.B. Suchtverhalten zu diskutieren - weshalb viele Menschen Dinge tun, deren Risiken und Schädlichkeit ihnen voll bewusst ist. 
Wenn es jenen 'freien Willen' gibt, sollte jeder Mensch ihn erkennbar ausüben können - und das nicht nur ab und zu, in besonders lichten oder dunklen Momenten, sondern durchgehend! 
Falls es aber so ist, dass unsere "Charakterstärke" weitreichend von unseren Genen und unseren z.T. unbewusst erinnerten Erfahrungen abhängt - handelt es sich bei unserer (eingebildeten?) Entscheidungsfreiheit nicht um ein wissenschaftliches bzw. religöses Dogma, welches alles andere als evident ist?

Auf die neurobiolgischen Erforschung des 'freien Willens' bin ich an anderer Stelle eingegangen. Seit dieser Zeit wächst meine persönliche Überzeugung, dass wir uns die meiste Zeit etwas vormachen, wenn wir an durchgehend selbstbestimmtes Handeln glauben:
Seinen Genen entkommt niemand - und die sind erst der Anfang.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen