Freitag, 25. September 2015

Flüchtlingspolitik: "Gutmenschen" gegen "Schlechtmenschen"?

Die bipolare Diskussionskultur nervt - Ich habe es vor zwei Wochen dargelegt: in der öffentlichen, medial aufbereiteten Wahrnehmung scheinen ausschließlich zwei konträre Positionen zu existieren: "Pro Flüchtlinge hierzulande" versus "Contra Flüchtlinge".
Die exponierten Vertreter dieser beiden inszenierten Pole argumentieren jeweils aus ihrer Ideologie heraus:
  • "Für Banken haben wir hundertmal mehr ausgegeben als nun für notleidende Flüchtlinge" 
  • "Die vielen Leute aus dem Balkan haben gar keinen Asylanspruch."
Beides ist - bezogen auf die jetzt anstehende Problematik - Augenwischerei: Für die Banken (und die Griechen) wurden überwiegend Bürgschaftserklärungen abgegeben, tatsächliche Zahlungen sind in weit geringerem Ausmaß geflossen. Und der Anteil von Migranten aus 'dem Balkan' ist momentan stark rückläufig.
Das Vokabular - "Gutmenschen" und "Schlechtmenschen" - ist definitiv nicht meins: 'Schlechtmenschen' ist sowieso nicht ernst zu nehmen und den Terminus 'Gutmensch' verwende ich prinzipiell nicht wegen seines ironisch-zynischen Beiklangs.


Wenn Rainald Becker in seinem Tagesthemen-Kommentar vom 14.Sepember von "linken Gutmenschen" spricht - Becker wandte sich gegen den Vorwurf, die zeitweiligen Grenzkontrollen würden das Grundrecht auf Asyl außer Kraft setzen oder Flüchtlingen „eine sichere Heimstatt verwehren ...wie Grüne und linke Gutmenschen jetzt wohl vermuten werden.“ - teleportiert er sich selbst in eine andere Kategorie: Die Gruppe derer, die billige Stereotype bedienen, anstatt sich mit etwaiger Kritik sachlich auseinander zu setzen.

Wie die Schriftstellerin Nina George zutreffend darlegt, wird den "Gutmenschen" durch eine "bewusst ätzend-ironische Verkehrung des Sinns ‘guter Mensch’ ein naives, fanatisches ‘Gutseinwollen’ unterstellt".
That's it: Naivität ("Kommt alle zu uns, irgendwie wird alles gut werden...") mag manchesmal zutreffen - doch persönliche Motive auf so eine fiese, fast schon hinterhältige Weise zu karikieren, das geht gar nicht.
Übrigens auch da nicht, wo am laufenden Band "Ja, aber - Nazis" gekürt werden:
"Wer zu den Flüchtlingen „Ja“ sagte, allerdings nicht im Überschwang, sondern mit einem leisen "Aber?" – wurde zum "Aber-Nazi". 
So einfach geht das."
Die echten Ja, Aber-Nazis prägen freilich andere Aussagen: "Ich hab' nichts gegen Flüchtlinge, aber bitte nicht hier / keine Muslime" oder "Lasst sie im Mittelmeer ersaufen". Wer solche Parolen ausgibt, verachtet Menschen und fühlt sich noch im Recht damit.

 Aber: Dieser eklig-klebrige Sprachgebrauch ist nur ein Aspekt - hatte R. Becker in der Sache unrecht, da er die temporären Grenzkontrollen als notwendige Maßnahme sieht? Nein, keineswegs.
 Damit bin ich bei 'meinem' Problem mit der gegenwärtigen Streitkultur angelangt: Die Sachfragen, deren zeitnahe und kompetente Beantwortung wichtiger denn je wäre, treten in den Hintergrund. Sicht- und hörbar wird jede noch so perfide Diffamierung derer, die 'in der Flüchtlingsfrage auf der anderen Seite sehen'. Nicht Argumente werden abgewertet, sondern insgesamt die sie vertretende Person ...verbale Streubomben werfen ist eben einfacher als die bisweilen mühsame Teilnahme am qualifizierten Disput.

Eine Ausnahme stellt (zumindest vordergründig) Roland Tichy dar, der sehr deutlich sagt: Gegenwärtig werde das Asylrecht vergewaltigt, um eine seit Jahren absehbare, aber weitgehend ignorierte Migrationsbewegung nach Europa zu handhaben. Tichy ist um Differenzierung bemüht:
"Die modernen Flüchtlinge durchqueren Serbien im Taxi. Viele sind auf der Suche nach einem besseren Leben, was völlig legitim ist. Aber sind sie dann Flüchtlinge?"
Wenn es ihnen 'nur' ums bessere Leben geht und sie nicht aus einem Kriegs-/Krisengebiet geflohen sind, trifft der Begriff 'Flüchtling' im asylrechtlichen Sinne kaum zu. Doch eine Taxifahrt durch Serbien ist halt kein hinreichendes Qualifizierungskriterium - der Einzelfall muss geprüft werden, bevor entschieden (oder von der TV-Zuschauertribüne geurteilt) wird.
  Doch dann gibt Tichy einen Eindruck wieder, der sich meiner fast jedesmal bemächtigt, wenn ich zurzeit ein Nachrichtenmagazin anschaue:
"Und immer die Bilder der Frauen mit den weinenden Kindern auf dem Arm – während doch im Hintergrund eher kräftige, aggressive Männer zu sehen sind, die 80 Prozent der Fliehenden stellen – und für sich das Recht des Stärkeren in den überfüllten Zügen beanspruchen."
Tatsächlich scheinen überwiegend kräftige junge Männer zu uns zu kommen, die "so gar nicht wie Flüchtige aussehen". Ach ...und schon bin ich in die Falle der Verallgemeinerung gelatscht! Wie sehen denn Flüchtige aus ...oder wie dürfen sie aussehen, damit sie in mein persönliches Mitfühl-Schema passen??
  Ich verpasse mir eine emotionale Kopfnuss und nehme mir vor, weniger nach dem vordergründig Augenscheinlichen zu urteilen. 
Dabei würde ich mir Unterstützung seitens der Medien wünschen. Doch nahezu alle Redaktionen positionieren sich einseitig: sie ergreifen eindeutig Partei "für die vermeintlich ebenso wie für die tatsächlich Schwachen. Sie haben die kognitive Dissonanz verstärkt – und werden mit noch mehr Vertrauensverlust bestraft." (Tichy)
  Diese Kritik trifft leider zu: Überall finde ich Beiträge vor, die uns dummen Normalbürgern das Merkel-Mantra "Wir schaffen das" vorbeten und ansonsten die Sensationsgier mit Extremsituationen und -bildern befriedigen. Das langfristige WIE bleibt unbeantwortet.

Quellenangabe: 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen