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Freitag, 15. August 2014

Vortrag: Intelligent Design als alternatives Konzept zur Evolutionslehre?

Die Diskussionen, welche einen vermeintlich unversöhnlichen Gegensatz zwischen der Evolutionstheorie und der Annahme eines (göttlichen) Designers thematisieren, werden zumeist mit unerträglicher Emotionalität geführt.
Da behaupten sog. Junge-Erde-Kreationisten, die Entstehung des Lebens und der Arten sei exakt so verlaufen, wie es auf 2 oder 3 Seiten im Buch Genesis des A.T. beschrieben ist. Kommen sie in Erklärungsnöte (z.B. angesichts eines Milliarden Lichtjahre großen und entsprechend alten Universums), ziehen sie sich auf apodiktische Aussagen (Bibel=Gottes Wort=unfehlbar) zurück.
Im Gegenzug sind (Neo-)Darwinisten sich nicht zu schade für die Aussage, wer nicht an die Evolution glaube, müsse entweder verblödet oder boshaft sein (vgl. Dawkins).

Einige Anmerkungen zu den Begrifflichkeiten:

Kreationismus impliziert die Deutung, dass die im Buch Genesis benannten 6 Schöpfungsphasen jeweils 24-Stunden-Tage dauerten; jede wissenschaftliche Forschung habe sich grundsätzlich diesem konservativ-biblischen Dogmatismus (d.h. der Autorität von "Gottes Wort") unterzuordnen. 
Religiöse Schöpfungslehren gehen von der Existenz eines Schöpfer(gotte)s aus, ohne sich auf Zeiten und Prinzipien der Schöpfung dogmatisch festzulegen. Anders als der Kreationismus sind hier Naturwissenschaften zur Erkenntnisgewinnung uneingeschränkt zulässig und werden als notwendig erachtet. In der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts hat sich die Katholische Kirche einer solchen Lehrmeinung schrittweise angenähert.
Intelligent Design (ID) gibt vor, auf religiöse Quellen gänzlich zu verzichten; seine Befürworter verstehen ID als naturwissenschaftlichen Erklärungsansatz und versuchen, in der Natur mit wissenschaftlichen Methoden zwischen Zufall und Design zu unterscheiden. Formal lässt ID die Frage nach der Identität des Designers offen; insoweit ist ID auch ein nicht-religiöser Forschungsgegenstand denkbar (Z.B. geht auch die grenzwissenschaftliche Präastronautik von einem partiellen Design (zumindest beim Homo Sapiens) aus - wobei als Designer hier eher Außerirdische unterstellt werden und die Frage nach einem Ur-Schöpfer unbeantwortet bleibt. 
Beiden Seiten (tatsächlich handelt es sich eher um zwei Pole, denn die verschiedenen Positionen sind überaus facettenreich) ist eines gemeinsam: sie müssen sich bislang mit lückenhaftem Wissen (im Sinne empirisch überprüfbarer Fakten) zufrieden geben. Weder lässt sich die Existenz eines Schöpfers beweisen noch die zufallsbedingt Abiogenese, d.h. die Entstehung von Lebewesen aus unbelebter Materie.

Da von Jahr zu Jahr etliche Wissenslücken auf dem Gebiet der Naturwissenschaften geschlossen werden, tue ich mich schwer damit, einen anzunehmenden Schöpfer auf das jeweils noch Unerklärbare zu reduzieren - ein solcher Gott wäre ein Interimmanager (z.B. von Übergängen zwischen Arten) oder schlichtweg ein Lückenbüßer.


Dieser Vortrag auf YT von Prof. Wolf-Ekkehard Lönnig (vormals Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung, MPIZ) führt in die Thematik ein.


Es lässt sich mindestens darüber streiten, ob ID aus wissenschaftstheoretischen Erwägungen überhaupt ein Gegenstand der Naturwissenschaften sein kann. Es gibt m.E. gute Gründe, dies strikt zu verneinen. Dieser insbesondere vor US-amerikanischen Gerichten verbissen geführte Streit (u.a. ob ID im Biologieunterricht öffentlicher Schulen gelehrt werden darf) ist für mich persönlich aber zweitrangig.


Wesentlicher sind nach meinem Empfinden zwei Fragestellungen:

Was dran ist an der Argumentationslinie der ID-Befürworter?
  • Existieren Belege für die behauptete "nicht reduzierbare Komplexität"? Oder handelt es sich bei den genannten Beispielen lediglich um Fälle, für die Evolutionskritiker sich subjektiv nicht vorstellen können, wie eine schrittweise Entwicklung durch die Prinzipien von Mutation und natürlicher Selektion/Rekombination erfolgt sein könnte?
  • Angenommen, die Evolutionsbiologen beschreiben die Prinzipien der Entstehung von Arten in zutreffender Weise - lässt sich daraus zwingend auf die Nichtexistenz bzw. Nicht-Interaktion einer schöpferischen Intelligenz schließen? 
  • Ist die Entstehung komplexer Information (wie sie das menschliche Genom repräsentiert) allein durch natürliche Auslese und Beibehaltung zufällig erworbener Vorteile erklärbar?
  • Wie gestaltete sich der Übergang von Lebensformen aus der präkambrischen Zeit (Zeitraum von der Entstehung der Erde vor ca. 4,6 Milliarden Jahren bis zur Entwicklung der Tierwelt zu Beginn des Kambriums vor etwa 540 Millionen Jahren)? Im frühen Präkambrium herrschten ganz andere chemische und klimatische Voraussetzungen als später. In dieser Anfangsphase entstanden erste Lebewesen wie z.B. Cyanobakterien (vgl. Stromatolithen), von denen aber nur wenige Fossilien erhalten sind. Über die kausalen Zusammenhänge der "kambrische Explosion" des Lebens kann bislang nur gemutmaßt werden.

Rezente Stromatolithenkolonie
  • Ebenso klafft im Fossilbericht zwischen Wirbellosen und Wirbeltieren eine bislang nicht überbrückbare Lücke - die Entwicklung eines Endoskeletts ist ein vom Exoskelett der Wirbellosen grundsätzlich verschiedenes Konzept.
  • Inwieweit kann die Panspermie-Hypothese zumindest beantworten, welchen Anfang das Lebens auf der Erde nahm - wengleich sie nicht die Frage nach der Entstehung des Lebens an sich klärt?
  • Somit lautet die Kernfrage: Ist die Formel "Naturgesetze mal Zufall mal sehr viel Zeit = komplexe Lebensformen" eher plausibel als die Existenz eines 'Designers'?
Bestehen nach heutigem Kenntnisstand berechtigte Zweifel an Kernaussagen der Evolutionslehre?

Hier kommt es offenbar darauf an, welchen Naturwissenschaftlern man Glauben schenkt, denn die geäußerten Ansichten sind alles andere als homogen.

Der australische Molekularbiologe Michael Denton ("A Theory in Crisis") stellt allen Ernstes fest: 
„Es darf heute als gesichert gelten, dass die Vielfalt der Lebewesen auf der molekularen Ebene mit einem geordneten System übereinstimmt. Jede Klasse ist auf der molekularen Ebene [in Bezug auf die DNA] einzigartig, isoliert und mit anderen durch keine Zwischenformen verbunden. So zeigen die Moleküle ebenso wie die Fossilien keine Übergänge, die man auf Grund des Langzeitmodells so lange gesucht hat.
Auf der molekularen Ebene gibt es keine ‚Vorfahren’, ‚Primitive’ oder ‚Höherentwickelte’ (...) Die Natur scheint mit dem nichtevolutiven und allumfassenden System übereinzustimmen, das die großen Anatomen des neunzehnten Jahrhunderts aufgestellt hatten. (...) Es besteht kein Zweifel, dass wenn diese molekularen Tatsachen vor einem Jahrhundert bekannt gewesen wären, diese mit einem verheerenden Effekt von den Gegnern der Evolutionstheorie ins Feld geführt worden wären. Die Idee der organischen Evolution wäre dann kaum akzeptiert worden.
Nach der Evolutionslehre sollte sich ein weitgehend vollständiger Fossilbericht der Abstammungslinien von Lebewesen konstruieren lassen, an denen über lange Zeiträume zwar langsame, aber kontinuierliche Veränderungen (Fortschritte) nachvollziehbar wären. Nur wird "der Fossilbericht diesen Erwartungen nicht gerecht, da einzelne fossile Arten selten durch bekannte Übergangsformen miteinander verbunden sind. Bekannte fossile Arten scheinen sich sogar in Millionen von Jahren nicht weiterzuentwickeln.“ (New Scientist)
Zwischen Tieren und Pflanzen sind  keine fossilen Übergangsformen bekannt. Immerhin werden sog. Eipilze als rezente Übergangsformen zwischen Pflanzen und Pilzen interpretiert, da sie Merkmale beider Stämme aufweisen.
Dafür, dass von der Evolutionstheorie vorhergesagte Entdeckungen solcher Übergangsformen oder Missing Links selten zu finden sind, werden mehrere Erklärungen angegeben.

Abiogenese - der erste Schritt zur Entstehung einfacher Lebensformen
  • Der Wikipedia-Artikel über Selbstorganisation erklärt: "In Prozessen der Selbstorganisation werden höhere strukturelle Ordnungen erreicht, ohne dass erkennbare äußere steuernde Elemente vorliegen."
  • Dem hält J.W. Sullivan ("The Limitation of Science") entgegen: "Die Hypothese, dass Leben aus anorganischer Materie entstanden ist, ist gegenwärtig noch ein Glaubensartikel."
Hier sehe ich den eigentlichen Knackpunkt einer Auffassung, welche die Abiogenese zufallsbedingt aus unbelebter Materie postuliert: Ein solcher Vorgang wurde bislang nicht annähernd nachgewiesen. Zwar haben Versuche die spontane Entstehung von Aminosäuren (Miller-Urey-Experiment) in einer 'Uratmosphäre' belegt - doch die anschließenden Schritte zu höherer Komplexität von Proteinen und gar rekombinationsfähigen Nukleinsäuren (RNA/DNA) sind abgesehen von Mutmaßungen offen.

Es ist ein wenig wie mit der Henne und dem Ei: Proteine werden aufgrund der codierten Anweisungen der DNA synthetisiert, die DNA ihrerseits setzt das Vorhandensein von bereits vollständigem Proteinmaterial voraus. Hinzu kommt eine zur Funktionalität des Zellkerns unerlässliche Faltung oder Stauchung des molekularen Erbgutes durch eine weitere Reihe komplexer Proteine (sog. Histone) - eine zufällige Entwicklung dieser Proteinstrukturen in Verbindung mit der eigentlichen DNA wird von etlichen Biologen mindestens kritisch hinterfragt.


Vermutungen hierüber stellen die alles "Übernatürliche" ablehnenden Autoren des u.a. Videos zusammen:


Entstehung des Lebens (Abiogenese)


Zutreffend ist sicherlich die zu Beginn des Films erhobene Forderung, zwischen der Evolutionstheorie und einer Hypothese zur Abiogenese zu differenzieren: Abiogenese klärt die Entstehung des Lebens, während Evolution sich mit den Entwicklungsschritten bereits existierender Lebensformen ("Arten") befasst.
Auch wenn es nicht alle Fragen beantwortet, scheint der skizzierte Ablauf plausibel, wie im wasserreichen Milieu der jungen Ozeane Proteine und Vorläufer zellartiger Strukturen entstanden sein könnten. Doch es wird m.E. nicht beantwortet, wie die in späteren DNA-/ RNA-Molekülen hinterlegte Information entstanden sein soll. 
Als Nichtwissenschaftler gestatte ich mir die intuitive Annahme, dass die komplexe, allen Lebensbausteinen zugrunde liegende Information sich nicht 'von selbst', d.h. ohne ein schöpferisches Prinzip erzeugt haben kann.-


Kommen Hypothesen zur Entstehung des Lebens ohne ideologisches Fundament aus?


Abschließend möchte ich noch das Argument aufgreifen, laut dem erfundene Schöpfungslehren und Religionen ein vermeintlich nutzloses, sogar schädliches Überbleibsel der sozialen Evolution sein sollen. Funktioniert natürliche Auslese nicht genau anders herum, indem sie Vorteilhaftes beibehält und Nachteiliges eliminiert? Warum also schleppt der Homo Sapiens eine derart nutzlose Errungenschaft zig Jahrtausende mit sich?
Tatsächlich deuten Untersuchungen darauf hin, dass ein ethisch-religiöses Konzept durchaus geeignet ist, die Lebenserwartung des Menschen signifikant zu vergrößern. Hier klingt auch die These Ludwig Feuerbachs an, laut der menschliche Wünsche, Sehnsüchte und alles Unerklärliche auf einen fiktiven Gott projiziert werden...was zweifellos zutrifft, aber was sagt dies über die tatsächliche Existenz eines Gottes/von Göttern aus? Unabhängig davon betrachte ich solche Aussagen als Scheinargument: es belegt allenfalls die Existenz und Nützlichkeit religöser Glaubensvorstellungen - liefert aber keine Anhaltspunkte für die in diesem Beitrag eigentlich thematisierte Frage, ob Leben nur durch Einflussnahme einer kreativen Intelligenz entstehen kann.

Eher mag die Astrophysik hilfreiche Indizien zu liefern, etwa anhand der unfassbar präzisen Feinabstimmung universaler Naturgesetze und -konstanten. Daraus lässt sich zwar keinesfalls eines der Gottesbilder bekannter Religionen herleiten, doch dies ist auch nicht meine Ausgangsfrage, ob ein ('ideologiebefreites') Intelligent Design eine zulässige Alternative zur Evolutionslehre darstellen kann. Fairerweise muss ich mich dann auch fragen, ob jemals eine Hypothese zur Entstehung von Allem/des Lebens ohne weltanschaulichen Unterbau auskommen wird.


Zwar stehen faktenbezogene Fragen für mich im Vordergrund, und nicht der ideologische Background eines Vortragenden. Diesen Hintergrund zu kennen (und bei der Beurteilung des jeweiligen Vortrages zu berücksichtigen) ist indessen auch von Bedeutung. Diese Kenntnis hilft auch dabei, nicht alle Evolutionskritiker in einen Topf zu schmeißen; es sollte m.E. durchaus zwischen dogmatischem Kreationismus und einer weitgehend naturwissenschaftlich begründeten Position zur ID-Hypothese differenziert werden.


Lönnig (s.o.), der als 'umstrittener Evolutionskritiker' bekannt wurde und den Zeugen Jehovas angehört, vertritt insoweit nachvollziehbar nicht nur die Intelligent Design-Hypothese, sondern zugleich eine eng an die Bibel angelehnte Schöpfungslehre. Er betont:

"Es geht in der vorliegenden Diskussion nicht um "Evolutionsbiologie vs. Kreationismus", sondern um Synthetische Evolutionstheorie vs. Intelligent Design."
Dagegen urteilte der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, es gebe "international akzeptierte Grundsätze der Naturwissenschaft Biologie", die jeden Deutungsversuch im Sinne der ID-Hypothese verbieten würden. Ist dies nicht kurzsichtig? Falls ID nicht Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung sein kann, bedeutet dies keineswegs die Sinnhaftigkeit eines Denk- und Forschungsverbotes. 

Abgeschmackt sind dagegen sämtliche Versuche, die Evolutionslehre mit plaktiv-abstrusen Wahrscheinlichkeitsaussagen zu widerlegen. Etwa in dem Sinne: "Dass ein Mensch 'von selbst' entsteht, ist genauso wahrscheinlich, wie der zufallsbedingte Zusammenbau eines Flugzeuges aus zig-tausend Einzelteilen." Solche Vergleiche sind schlicht unzutreffend, weil sie die makro-evolutionären Prozesse nicht mit einer korrekten Verkettung Wahrscheinlichkeiten abbilden...die Natur fängt schließlich nicht jeweils bei Null an und macht bekanntlich auch keine ("übernatürlichen/unnatürlichen") Sprünge...

So sehr mich als Laien die Frage nach dem Ursprung des Lebens fasziniert, es erweist sich als mühsam, solche Diskussionen zu verfolgen - eben weil 'Fakten' von nahezu allen Teilnehmern im Sinne ihrer persönlichen Weltanschauung verzerrt bzw. bewusst unvollständig präsentiert werden. Lönnig bildet da keine Ausnahme, wenn er gegen Ende seines Vortrages "transdisziplinär" feststellt, für ihn habe der biblische Gott JHWH Universum und Leben durch sein Wort geschaffen. 

Hierdurch entsteht dann doch der Eindruck, als werde ID pseudowissenschaftlich instrumentalisiert, um letztlich subjektiv-religiöse Aussagen zu begründen. Schade, dies kommt in meinen Augen einer Disqualifikation gleich, soweit es bei der ID-Hypothese um einen ergebnisoffenen Syntheseversuch biologischer und metaphysischer Fragestellungen gehen soll. 

Sonntag, 5. Februar 2012

Fliegendes Spaghetti-Monster vs. Kreationismus

Logo des fliegenden Spaghettimonsters 
„Wir sind bereit, jedem 250.000 US-Dollar zu zahlen, der empirische Beweise erbringen kann, dass Jesus nicht der Sohn des Fliegenden Spaghettimonsters ist.“

Der Scherz ist nicht neu ...eigentlich handelt es sich auch nicht um einen Scherz im engeren Sinne: Der 25-jährige Physiker Bobby Henderson glaubt fest daran, dass Alles-was-ist (und was man fühlt) von einem, nein ...von dem Fliegenden Spaghetti-Monster erschaffen wurde. Das Glaubensbekenntnis der Pastafarians, d.h. der Anhänger des Nudelwesens:
"Ich und viele andere Menschen in aller Welt glauben fest daran, dass das Universum von einem fliegenden Spaghetti-Monster geschaffen wurde. Es war es, das alles geschaffen hat, was wir sehen und fühlen. Wir sind überzeugt, dass die überwältigenden wissenschaftlichen Beweise für einen Evolutionsprozess nichts als Zufall sind, die Es hinterlegt hat."
Die Argumentation kommt vielen bekannt vor, die mal einen evangelikalen Vortrag zur Schöpfungslehre besucht haben. Weitere 'zentrale Glaubensinhalte':
  • Bobby Henderson ist der Prophet dieser Religion.
  • Das Fliegende Spaghettimonster verlangt das Tragen von Piraten-Isignien (full pirate regalia) - denn Piraten werden als die ursprünglichen Pastafaris verehrt.
  • Einzige Ursache für die globale Erwärmung, Orkane und alle anderen Naturkatastrophen ist die sinkende Zahl von Piraten seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Dies gilt unter Pastafaris als empirisch bewiesen.
  • Nach dem Tod stehen den Gläubigen im „Himmel“ unter anderem ein Biervulkan und eine Stripper-Fabrik zur Verfügung.
  • Gebete beenden die Anhänger mit dem Wort Ramen, der Bezeichnung für eine vor allem in Japan verbreitete Nudelart.
  • Im Buch "Das Evangelium des Fliegenden Spaghettimonsters" (Leseprobe, pdf) werden unter anderem analog zu den Zehn Geboten des Christentums die acht Grundsätze „Mir wär’s wirklich lieber Du würdest nicht…“ beschrieben - u.a. gegen Diskriminierung, Vorurteile, religiöse Dogmen, Nötigung und Frauenfeindlichkeit.
Auch religiöse Feiertage kennt der FSM-Kult, z.B. das Passtahfest, Ramendan oder Halloween. Henderson als Prophet preist offensiv deren 'Vorteile' an ... damit hat er ein USP gefunden, denn ihre Vorteile nennen Religionen ansonsten recht selten ;) :
Wir bieten deutliche Vorteile gegenüber anderen Religionen. Dazu gehören vor allem folgende Punkte:
  • Flauschige moralische Standards.
  • Jeder Freitag ist ein religiöser Feiertag. Wir arbeiten an einer bundesweiten Anerkennung.
  • Unser Himmel ist weit besser: wir haben eine Stripperfabrik und einen Biervulkan.
Die FSM-Eschatologie in wenigen Worten: "Nach dem Tod werden Pastafarianer schnellstmöglich in den Himmel kommen - zu Stripperinnen und Biervulkanen; wo sie dann für den Rest der Ewigkeit bleiben. Denn Wiedergeburt gibt es nicht. Wir haben alle eine gewisse Zeitspanne für das Erdenleben, und dann ist es für immer vorbei. Dann bleiben wir im Himmel."

Wie nicht anders zu erwarten war, predigen die FSM-Jünger auch ihr eignes Armageddon: 


Spaghettimonster im Lehrplan?

Henderson fordert die Aufnahme seiner 'Religion' in den Biologie-Lehrplan von Kansas - als drittes Modell neben der anerkannten Evolutionstheorie und dem religiösen, an der Bibel orientierten Kreationismus-Modell. Der US-Bundesstaat Kansas ändere 2005 seinen Lehrplan für den Biologie-Unterricht. Auf Druck christlicher Fundamentalisten werden an den Schulen von Kansas künftig Zweifel an der Evolutionslehre zum Unterrichtsstoff gehören ( "Wo die Erde eine Scheibe ist: Kansas zieht Darwin in Zweifel"). 

Die Reaktionen gehen weit auseinander - von "Ein schlechter Tag für Atheisten" bis zu "Ein schlechter Tag für die Bildung in Kansas". Offenbar ist Kansas der schon der fünfte US-Bundesstaat, der Zweifel an der Evolutionslehre zwangsweise in den Unterricht integriert. Vor diesem Hintergrund argumentiert Henderson nicht ungeschickt:
 
Wenn die "Intelligent Design" nicht, wie vorgegeben, auf Glauben basiere sondern auf Wissenschaft, dann müsse die Schulbehörde den FSM-Jüngern ebenfalls erlauben, ihre Theorie zu unterrichten, die auch auf Wissenschaft und nicht auf Glauben basiere. (ES - Fliegende Spaghettimonster - habe die Welt erschaffen ... und ES habe die Menschen glauben gemacht, die Welt hätte sich selber geschaffen...)

Der Hintergrund von Hendersons Vorhaben ist also nicht lustig: Der satirische Akt der Schaffung einer neuen Glaubensrichtung, die alle Voraussetzungen einer Religion zu erfüllen scheint, soll die Aufmerksamkeit der Welt auf das Vorgehen der fundamentalistischen Christen in den USA lenken, die am liebsten die 'gottlose' Evolutionstheorie aus den Lehrplänen verbannen wollen.
FSM als Stofftier

Monster-Schulstoff auch in Thüringen...?

Als der CDU-Politiker Althaus im September 2005 eine Veranstaltung der Reihe "Erfurter Dialog" plante, bei der Kreationisten und Evolutionsforscher ihre Ansätze diskutieren sollten, sah die deutsche Sektion der Pastafarianer "EVKdFSMiD" eine Chance, dem aerophilen Nudelwesen auch in Deutschland Zugang zum Lehrplan öffentlicher Schulen zu verschaffen. Nun ja, sollte es jemals Kreationisten oder sonstigen Vertretern einer Glaubensüberzeugung ermöglicht werden, ihre Lehre in öffentlichen, steuerfinanzierten Institutionen mit dem Ziel zu verbreiten, die Wissenschaft ins Abseits zu drängen, kann die Strategie der FSM-Anhänger womöglich erzwingen, dass sich Politik und Behörden auf ihre Verantwortung zur Neutralität besinnen.  

Übertreibung macht anschaulich?

Mit viel Geduld und Zähigkeit hat der Österreicher Niko Alm nach dreijährigem Kampf erreicht, dass er auf seinem Führerscheinfoto ein Nudelsieb auf dem Kopf tragen. Die Begründung klingt für Nicht-Initiierte abenteuerlich: Das Küchengerät sei eine religiöse Kopfbedeckung und Herr Alm als Anhänger des "Fliegenden Spaghetti-Monsters (FSM) zu dessen Tragen auch auf offiziellen Fotos berechtigt. Auch ein Deutscher setzte gegenüber zuständige Fahrerlaubnisbehörde ein ähnliches Ansinnen durch, indem er eine Bestätigung vorlegte, dass es sich bei der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland e.V. um eine gemeinnützige Körperschaft handele... Auch der Begründer des Pasta-Kultes provoziert munter weiter auf seiner Webseite:
“We are willing to pay any individual *$250,000 if they can produce empirical evidence which proves that Jesus is not the son of the Flying Spaghetti Monster.”
Dürfte schwierig werden, so ein Beweis... doch was wird mit derlei Provokation gewonnen? Eine Versachlichung der meist sehr emotional geführten Diskussionen zwischen 'Gläubigen und Ungläubigen' ... Einsicht etwa... oder sogar die Bereitschaft zur Versöhnung?? Dass weder "Intelligent Design" noch andere Dogmen im naturwissenschaftlichen Unterricht nichts zu suchen haben, darin wird man Henderson sicherlich zustimmen. Ob der von dem Physiker seit 2005 gewählte Weg, dies zu demonstrieren, geeignet und moralisch vertretbar ist, das ist eine Frage der persönlichen Anschauung. Religiöse Überzeugungen gleich welcher Art ins Lächerliche zu ziehen hat meines Wissens noch nie etwas Positives bewirkt. Der berechtigte Protest gegen die Vermischung biologischer und religiöser Inhalte ist indessen nur die eine Seite der Medaille. 

Was spricht dagegen, dass wissenschaftlich ausgebildete Lehrkräfte (und nicht der Pastor) freimütig die Defizite der Evolutionslehre einräumen? Es handelt sich schließlich um eine nach wie vor in Teilen unbewiesene Theorie - auch wenn einzelne Evolutionsmechanismen inzwischen sehr gut dokumentiert und mit Beispielen belegbar sind?

Dogmatismus findet man auch bei Wissenschaftlern. In der zentralen Frage versagt die Evolutionslehre, denn sie vermag nicht zu erklären, wie Leben aus einer Reihe vermuteter Zufallsketten entstanden sein soll. Genau genommen werden die biochemischen Vorgänge bei der erstmaligen Entstehung von einzelligen Lebewesen von der Evolutionsbiologie gar nicht beantwortet. Intelligent Design ist dagegen auch in einer Weise vorstellbar, die nicht nahezu allen Erkenntnissen aus Biologie und Paläontologie widerspricht.   Wenn Kinder in der Schule 'für's Leben lernen' sollen, dann bedeutet dies sicher auch, sich mit der Frage unseres Ursprungs auseinander zu setzen. 

Nicht im Bio-Unterricht ... und auch nicht einseitig zugunsten einer biblischer oder islamischer Vorstellung. Wie Henderson schreibt, sollten Schüler verschiedene Ansichten zu hören, so dass sie sich für die Theorie entscheiden können, die Ihnen am glaubwürdigsten erscheint. So zu tun als habe die moderne Wissenschaft auf alles eine Antwort ist m.E. ebenso falsch wie Kindern einreden zu wollen, die Erde sei 6000 Jahre alt.- 

Was mag in einem Pastafari vorgehen, der ungeachtet seiner 'eigentlichen' Weltanschauung einen erheblichen Anteil seiner Lebenszeit für ein satirisches Scheinkonzept (als Gegenbewegung zu Kreationismus und Intelligent Design) aufwendet, dessen Ethik zwar ausgesprochen positive Elemente enthält, an dessen 'Schöpfungsaussagen' er jedoch (hoffentlich) nicht glaubt? Darin liegt m.E. der wesentliche Unterschied Christen, Juden, Muslimen, Hindus usw.: Viele (wenn auch nicht alle) von ihnen haben ihre persönliche spirituelle Heimat gefunden - und neigen ebenfalls zu moderaten Positionen sowie unaufdringlichem Verhalten

Siehe auch: