Posts mit dem Label Natur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Natur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 20. Juni 2014

Werner Heisenberg und die Frage nach der Wirklichkeit

Hans-Peter Dürr, Anton Zeilinger und Martin Heisenberg über Leben und Werk des Wissenschaftlers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg (*1901), eines der bedeutendsten Physikern des 20. Jahrhunderts zählt

Von diesem Film war ich ziemlich angetan; er betrachtet nicht nur die Meilensteine auf dem wissenschaftlichen Karriereweg, sondern das gesamte Leben des Künstlers, Philosophen und Forschers Heisenberg.



Werner Heisenberg (1933)

"Wer über die Philosophie Platos meditiert, weiß, dass die Welt durch Bilder bestimmt wird." - Einige Zitate aus den Werken Heisenbergs:
  • "Aber die existierenden wissenschaftlichen Begriffe passen jeweils nur zu einem sehr begrenzten Teil der Wirklichkeit, und der andere Teil, der noch nicht verstanden ist, bleibt unendlich."
  • "Die Energie ist tatsächlich der Stoff, aus dem alle Elementarteilchen, alle Atome und daher überhaupt alle Dinge gemacht sind, und gleichzeitig ist die Energie auch das Bewegende. | Die Energie kann als Ursache für alle Veränderungen in der Welt angesehen werden."
  • "Die Entscheidung mag das Ergebnis der Überlegung sein, aber sie beendet gleichzeitig die Überlegung, sie schließt die Überlegung aus."
  • "Die Naturwissenschaft beschreibt und erklärt die Natur nicht einfach, so wie sie "an sich" ist. Sie ist vielmehr ein Teil des Wechselspiels zwischen der Natur und uns selbst."
  • "Die Quantentheorie ist so ein wunderbares Beispiel dafür, dass man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, dass man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann."     
  • "Immer dann, wenn man lebendige Organismen als physikalische oder chemische Systeme betrachtet, müssen sie sich auch wie solche verhalten."   

Siehe auch:


Donnerstag, 20. Juni 2013

Erstes spezifisch menschliches Gen entdeckt...

"...ein evolutionsbiologisches Dogma wankt"

Was macht den Menschen in der Evolution so einzigartig? Bekanntlich ähneln das Genom des Menschen dem von Schimpansen – das Erbgut beider Arten ist je nach Berechnungsmodus zu bis zu 99 Prozent identisch. Nun wurde erstmals ein Gen entdeckt, das einzig und allein beim Menschen auftaucht. Es spielt eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung des Gehirns – und widerspricht einem Dogma der Evolutionsbiologen. Darüber rätseln Forscher schon lange.


Wie FOCUS online am 20.12.2011 berichtete, fand eine internationale Arbeitsgruppe um den Genetiker Martin Taylor an der Universität Edinburgh fanden im menschlichen Erbgut ein Gen, das erklären könnte, auf welche Weise sich der Mensch von seinen nächsten Verwandten, den Schimpansen, in einigen grundlegenden Aspekten unterscheidet. Dieses Gen “miR-941” spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des menschlichen Gehirns, vermutlich auch der Sprache und von Fähigkeiten zum Werkzeuggebrauch.


Es handele sich um das erste bekannte Gen ist, welches nur beim Menschen vorkomme, nicht aber bei Primaten oder anderen höher entwickelten Tieren. Dies ergab sich aus dem Vergleich des Erbguts von elf Tierarten. Der Denisova-Mensch trug einen Vorläufer der jetzigen Genvariante Das Ergebnis, veröffentlicht in einer Studie im Fachjournal „Nature Communications“: miR-941 findet sich ausschließlich im Erbgut des Menschen. Dort tauchte es im Zeitraum von einer bis sechs Millionen Jahren vor der Jetztzeit auf.

Ein evolutionsbiologisches Dogma wankt ?

Das betreffende Gen bzw. die von ihm produzierte sog. Mikro-RNA, ist in zwei Gehirnregionen stark aktiv, nämlich im präfrontalen Cortex, einem Teil der Großhirnrinde, sowie im Kleinhirn. Es kontrolliert Prozesse der Entscheidungsfindung und steuert die menschliche Sprachfähigkeit über die regulierte Funktion weiterer Gene.
Damit, sagen Taylor und seine Kollegen, wirke es sich an entscheidender Stelle auf die hoch entwickelten Gehirnfunktionen aus, die uns zu Menschen machen. Dabei weist es eine bislang einzigartige Entwicklungsgeschichte auf. 

Bislang galt es in der Evolutionsbiologie als eine Art Dogma, dass die Unterschiede zwischen den Arten aus Veränderungen bereits vorhandener Gene resultierten. Diese konnten mutieren, im Erbgut plötzlich doppelt auftauchen, Teile verlieren oder sogar ganz aus dem Genom entfernt werden.
Das Gen 
miR-941 hingegen erschien laut Taylor sozusagen mit einem Schlag und voll funktional im menschlichen Genom. Es war in evolutionär gesehen sehr kurzer Zeit aus so genannter nicht-kodierender DNA entstanden. 

Diese "Junk (Müll-)DNA" genannten Erbgutabschnitte enthalten im Gegensatz zu den kodierenden Abschnitten (also den Genen) keine Bauanleitungen für körpereigene Proteine - sie machen etwa 95 % unseres Erbguts aus. Unbeantwortet ist bislang noch die Frage, welche Rolle sie in den Zellen spielen könnte.

Die Forscher verglichen das Erbgut von elf Tierarten wie Schimpanse, Gorilla, Rind, Huhn und Maus. Sie stellten fest: miR-941 existiert nur beim Menschen. Das Gen steuert wohl Teile der Entscheidungsfindung und die Sprachfähigkeit. Den Forschern zufolge entstand das Gen in einer Zeit, als der Mensch einen dramatischen Wandel durchmachte, aus einem nicht codierenden Teil des Erbguts. (Quelle: FOCUS online, 20.11.2012)
Offen bleibt für mich die Frage, wo das ‘typisch menschliche’ Gen denn herkommt. Das Verfahren, welches zur Patentierung von Schimpansen geführt hat, könnte nach Auffassung mancher doch auch bei Vorläufern des heutigen Menschen zum Einsatz gekommen sein.
So erhält die Präastronautik-These neuen Auftrieb, laut der vor etlichen tausend Jahren Außerirdische die Erde besucht und frühen Menschen synthetische Gene eingepflanzt hätten – etwa um sie als willige Arbeitssklaven einsetzen zu können.Bevor so weitreichende und fraglos umstrittene Erklärungsversuche angestellt werden, lohnt sich die Suche nach einer evolutionsbiologischen Erklärung – leider sind meine diesbezüglichen Kenntnisse veraltet und eingerostet. Ist es plausibel, dass durch zufallsbedingte Mutationen ein solches Gen mit einer entscheidenden Funktionalität entsteht? Oder ist hierin nicht doch eine zielgerichtete Veränderung zu vermuten – durch wen oder was auch immer ausgelöst…?

Sonntag, 19. August 2012

Prof. Hans-P. Dürr: Versöhnung von Wissenschaft und Religion

Der Quantenphysiker Hans–Peter Dürr(1) vertritt einen ganzheitlichen, auf die Synthese und Versöhnung von Physik und Metaphysik abzielenden Wissenschaftsansatz, der inmitten der ideologisch geprägten Konflikte unserer Gegenwart beachtens- und erstrebenswert anmutet.

Zu seiner holistischen Sicht der ‘neuen’ Physik und zugleich aller Lebensprozesse finden sich hier einige Anmerkungen.

Die Naturwissenschaften sowie die mit ihnen gewachsene Technologie haben unsere Welt und unser aller Leben dramatisch verändert. Was uns Vorteile und Privilegien eröffnete, hat zugleich nachteilig auf die gesamte Biosphäre ausgewirkt - die lt. Dürr gegenwärtig in eine “ernste Existenzkrise” schlittert. Warum er diese Krise infolge einer Störung des biologischen Gleichgewichts heraufziehen sieht, stellt Professor Dürr in seinem Beitrag “Wirklichkeit des Lebens” dar.  

Im Grunde handele es sich um eine Reihe von Krisen:
  • eine „Krise der Immanenz“: uns könnte die unmittelbare Erfahrung verloren gehen, das wir als Menschen unauflösbar im Transzendenten verankert sind,
  • eine „Erschöpfung der Moderne“: Brüchigkeit und Unzulänglichkeit unserer heutigen säkularisierten (rein weltlichen), materialistischen Weltanschauung treten immer deutlicher in Erscheinung. Gerade unser industrialisierter, vermeintlich “entwickelter” Teil der Welt – leidet trotz allem materiellen Überfluss und all der Überflutung mit Reizen an einem Defizit, welches Dürr treffend als “Hunger nach Geistigem und Sinnhaften, ein Gefühl von Verlorensein und Einsamkeit” charakterisiert.
Die tieferen Ursachen unserer Frustration würden gar nicht bewusst, stellt der Physiker fest, weshalb wir auch nicht die Notwendigkeit sehen (und bereit sind), ‘geeignete Nahrung’ aufzunehmen.
Hm ...Ist es nicht eher so, dass viele Menschen heute sehr wohl wissen (oder wenigstens intuitiv erahnen), was mit ihnen los ist? Sie erkennen allmählich: der trügerische Mix aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und materiellem Wohlstand machte Spiritualität nur vordergründig überflüssig.
In dem vermuteten Gegensatz zwischen Wissenschaft und Spiritualität haben die meisten Menschen sich der ‘Rationalität’ unterworfen wie Faust seinem Mephisto.
Bei aller hochgelobten Rationalität’  reduziert sich die gegenwärtige Form von Vernunft eher darauf, scheinbar exaktes Wissen zu sammeln und in kritischem Denken zu verarbeiten – mit dem Zweck, unseres willentliches Handeln besser zu steuern. In Wahrheit aber sträuben wir uns, das im eigentlichen Sinne Vernünftige zu tun. Folglich bleibt die zweite, wesentliche Seite – “die abwägende, wert-trächtige Vernunft” vielfach außen vor.
"Gelingt es uns einmal, einen kleinen Zipfel der "Wahrheit" zu erhaschen, dann meinen wir in diesem Zipfel gleich die einzige und ganze Wahrheit zu sehen. 
Wir betrachten das ganze Weltgeschehen nur unter dieser einen neuen Einsicht und zwängen, was nicht so recht passen will, mit Intelligenz, Schlauheit, Eloquenz, doch auch mit unbewusster oder bewusster Mogelei und Gewalt in dieses Korsett."
Was nicht in dieses Denk- und Bewertungsschema nicht passt, wird passend gemacht – um das mühsam erworbene, Sicherheit versprechende Paradigma nur ja nicht infrage stellen zu müssen. Die Motivation dahinter ist verständlich: Wir sind beseelt von dem alten Wunsch, die undurchsichtige Komplexität unserer Welt auf etwas Überschaubares und damit Einsehbareres zu reduzieren. Unsere verkürzten Vorstellungen der Wirklichkeit gestatten uns, die Unsicherheit und Zukunftsängste auf ein erträgliches Maß abzumildern.

Dürr spricht hier von ‘Nachbildungen der Wirklichkeit’, was immerhin bei Astrid Lindgrens’ junger Protagonistin geklappt hat (“Wir machen uns die Welt, wie wie wie sie uns gefällt”:)



Grenzen des Wissens ...Sokrates hatte es verstanden



Der Versuch jegliche Unsicherheit zu beseitigen erwiest sich zum wiederholten Mal als Illusion. Durch unser Wissen haben wir zwar prinzipiell die Möglichkeit, mit absichtsvollem Handeln unsere Überlebenschancen zu verbessern. Kurzfristig scheint uns dies sogar zu gelingen. Zwanghafter Wissenschaftsglaube und Technokratie mutieren zu einem Fundamentalismus, wie er den Kirchen spätestens seit der Aufklärung vorgeworfen wurde.

Dabei habe die moderne Physik eine prinzipielle Schranke deutlich sichtbar gemacht:
“Nicht alles ist wissbar.”
Es gibt heute ein Wissen um prinzipielles, dauerhaftes Nichtwissen (z.B. über das, was 'vor' und genau im Augenblick des Urknalls geschah). Diese Grenzen des Wissens, die wohl auch in Zukunft fortbestehen werden, eröffnen gegenwärtig wieder Räume, die nur durch Glauben bzw. Spiritualität zugänglich sind, der mehr bedeutet als ein Noch–nicht–wissen.

Ausgelöst wurde diese Erkenntnis des Nicht-Wissen-Könnens durch die Entdeckungen in der Physik am Anfang des 20. Jahrhunderts sowie eine radikale Neuinterpretation durch Niels Bohr und Werner Heisenberg. Der unausweichliche Paradigmenwechsel beruht wesentlich auf der alten und doch neuen Erkenntnis, dass die Realität nicht im Sinne einer ‘dinghaften Wirklichkeit’ zu verstehen ist:

“Materie besteht nicht aus Materie.”
Das Atom (atomos=unteilbar) im eigentlichen Sinne eines kleinsten, nicht weiter zerlegbaren Materiebausteins gibt es nicht. Am Ende (des Zerlegens) bleibe nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung.
Alles, was die Naturwissenschaft als ‘stoffliche Realität’ beobachte und beschreibe, dürfe nicht verwechselt werden mit der dahinter liegenden, ‘eigentlichen’ Wirklichkeit. Denn die bislang nur zweiwertig (im Ja/Nein -Prinzip) aufgefasste Wirklichkeit offenbare sich als Potenzialität, als ein „sowohl/als auch“. Potenzialität erscheint als das Eine, das sich nicht auftrennen, grundsätzlich nicht zerlegen lässt.
“Dies führt weiter dazu, dass zukünftige Ereignisse sich nicht mehr eindeutig aus gegenwärtigen Gegebenheiten prognostizieren und kausal erzwingen lassen, da alles mit allem auf eine komplexe Weise zusammenhängt und Beziehungen sich nur noch in einem statistischen Sinne bewerten lassen.”
Den Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung setzen nicht nur Relativitätstheorie, Quantenmechanik und Thermodynamik Grenzen. Gerade die reifsten physikalischen Theorien enthalten selbstbegrenzende Aussagen und erklären explizit, worüber auf naturwissenschaftlicher Ebene nicht mehr sinnvoll geredet werden kann:
  • Jene Theorien haben ihren definierten Gültigkeitsbereich, deshalb lassen sie z.B. keine Aussagen über den Urknall selbst und das fragliche ‘Davor’ zu.
  • Jenseits des kosmologischen Horizontes sind die Bedingungen, unter denen Naturwissenschaft erfolgreich sein kann, nicht mehr erfüllt.
Glaubt man dem britischen Astrophysiker John D. Barrow, dann ist die Tatsache unseres Nicht-Wissen-Könnens nicht überraschend, sondern vielmehr ein evolutionsbiologisches Resultat. Aus Sicht der Evolution dienen unsere Sinne und unser Gehirn nicht primär dazu, die Welt zu verstehen, sondern um in ihr zu überleben. Dass wir über uns und die Welt nachdenken können, sei insofern ein zufälliges Nebenprodukt der Evolution, in dem wir nicht zwangsläufig besonders gut sind.
Obwohl jene Entdeckungen und Erkenntnisse aus Quantenphysik und Relativitätstheorie vor fast hundert Jahren publiziert wurden, sind diese ‘neuen Vorstellungen’ bis heute nicht in den Sozialswissenschaften und im politischen Alltag angekommen. Vermutlich fehle es uns an geistiger Reife, uns von einer gewohnten Vorstellungswelt zu lösen. Während dieser hundert Jahre wurden die unverstandenen Potenziale dennoch "wie von Zauberlehrlingen" technologisch genutzt, ohne ihre Risiken Auswirkungen in ihrer Gesamtheit zu begreifen.

Darin erkennt Dürr eine zeitweilige Unfähigkeit, unser Handeln mit angemessenem Denken in Einklang zu bringen – was eine existenzielle Gefahr heraufbeschworen hat: Die entfesselten, aber nur oberflächlich verstandenen Einwirkungspotentiale “könnten die Menschheit leicht aus der Evolution des Lebendigen hinaus katapultieren”.

Wie richtig Dürr mit seiner Diagnose liegt, zeigen dramatische Eskalationen wie die Kubakrise, Tschernobyl oder Fukushima; Aus begangenen Fehlern und ihren auf Jahrtausende wirksamen Konsequenzen lernen wir nicht oder zu langsam lernen.
Doch sei ausgerechnet dieses neue naturwissenschaftliche Weltbild dazu geeignet, die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften wieder zusammenzuführen. Es erlaube sogar, Glaube/Religion und Wissenschaft als komplementäre Elemente einer umfassenden Sichtweise zu verstehen. Der Glaube würde nicht länger auf das Wenige beschränkt, was bis zu einem Zeitpunkt ‘noch nicht gewusst’ wurde und erhielte mit Anerkennung der prinzipiellen Einschränkung des Wissbaren seine volle Bedeutung und Eigenständigkeit zurück.

 

"Glaube und Wissenschaft suchen eine Wahrheit auf verschiedenen Wegen"

Sobald der Wille dazu vorhanden ist und es gelingen sollte, Natur- und Geisteswissenschaften sowie auch spirituelles Wissen in einem holistischen Weltbild zusammenzuführen, gehören ‘absolute Wahrheiten’ in Glaube und Wissenschaft der Vergangenheit an. An ihre Stelle werde eine „offenere, vieldeutige Wahrheit“ treten, die in subtiler Weise Glaubens- und Wissenselemente enthalte – prognostiziert Prof. Dürr.
Aus heutiger, konventioneller Sicht ist dies zwar wünschenswert, aber nur schwer vorstellbar: Denn der Gläubige sucht auf grundlegend andere Weise nach diametral gegensätzlichen Wahrheiten wie ein reduktionistisch, analytisch vorgehender Naturwissenschaftler. Im unserer alltäglichen Denkweise ist Glaube gerade das Gegenteil von Wissen; denn sobald ich etwas mit Bestimmtheit weiß, hat sich der Glaube erübrigt – oder er hat seine Bestätigung erfahren.


Freilich könnte Dürr Recht behalten: bei aller Verschiedenheit suchen Wissenschaftler und Gläubigen letztlich nach Antworten auf dieselben Fragen. Dürr spricht hier von zwei Arten des Wissens:

  • Wissenschaft vertritt die „Außenansichtmit „begreifbarem Wissen“ und der Trennung von Beobachter und dem Beobachteten.
  • Daneben existiere auch die „Innensicht“, welche die „Gewissheit um den inneren Zusammenhang“ erfahre und ihrem Wesen nach immer holistisch sei.
Inhaltlich sind Glaube und Wissenschaft nicht so weit auseinander, wie es zunächst scheint: Die von uns als allgemeingültig erachtete zweiwertige Außenansicht (Ja oder Nein) hat nur begrenzte Gültigkeit. Wie die Quantenphysik gezeigt hat, ist sie nur grobes, modellhaftes Abbild einer tieferen Wirklichkeit, deren Züge sich uns getreuer durch Innensehen offenbaren.
Obwohl der Wissenszuwachs in Forschung und Wissenschaft sprunghaft ansteigt und die Kosmologen mehr Entdeckungen machen als jemals zuvor, kommen die Menschheit in der Beantwortung der eigentlichen Kernfragen nicht weiter. Professor Dürr zeigt hier den Weg aus einer Sackgasse auf, in der wir uns befinden, seitdem unsere Erkenntnisfortschritte nach dem “Leben, dem Universum und dem ganzen Rest”2) stagnieren. Als Ursache hierfür erkennt Professor Dürr die Selbstbeschränkung der Naturwissenschaft auf das mit ihren Methoden Wahrnehmbare.

So ungeheuerlich es auch für eingefleischte Empiriker klingen mag, Auf die Erkenntnispotenziale der Metaphysik dürfe deshalb nicht länger verzichtet werden, indem sie per Definition einfach ausklammert. Bevor hier eine Trendwende entstehen kann, muss zunächst die wichtige Einsicht nachvollzogen werden, dass es in der Naturwissenschaft die o.a. stabilen Bereiche des Nichtwissens gibt.

“Religion und Wissenschaft sind ihrer Wahrnehmung nach komplementär.”
Vorläufig aber bestehe der Eindruck, dass die klugen Köpfe unter den Naturwissenschaftlern sich der Grenzen ihres möglichen Wissens zwar bewusst sind und diese Tatsachen ganz gerne verdrängen – dadurch können sie eine Weile noch so agieren und auftreten, als ob ihrem Tun keine Grenzen gesetzt wären.
Im Interesse des Erkenntnisfortschritts läge es jedoch, wieder zu einer fruchtbaren und konstruktiven Kooperation mit den Philosophen und Theologen zurückzukehren – und zwar auf Augenhöhe. Dadurch würden wir nach Professor Dürr auf einem guten Weg begeben, uns an “das Leben, das Universum und den ganzen Rest” anzunähern – nicht durch Anhäufung von Faktenwissen, sondern durch Zulassen neuartiger Erfahrungen.

Nur indem sich die beiden nur scheinbar unversöhnlichen Lager von Religion und Naturwissenschaft auf einen “offenen, inter-subjektiven  und intensiv-empathischen Dialog” einlassen, eröffne sich eine aussichtsreiche Chance, den Kern unseres Daseins seinem Wesen nach zu erfassen.

Hinweise dafür, dass Hans-Peter Dürr auf der richtigen Spur sein dürfte, liefert auch die nano spezial-Folge (3SAT) mit dem Titel “Physik vor dem Kollaps”.

Vortrag v. Prof Hans-Peter Dürr: Wir erleben mehr als wir begreifen!


Siehe auch:




  • ‘Wirklichkeit des Lebens’, Hans-Peter Dürr







---

Anmerkungen
1) Hans-P. Dürr (geb. 1929) war von 1958 bis 1976 Mitarbeiter von Werner Heisenberg, den er in seinem Projekt zur Entwicklung einer vereinheitlichten Feldtheorie der Elementarteilchen unterstützte.
Nach seiner Emeritierung widmete sich Dürr auch erkenntnistheoretischen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Er erkannte unser aller Verantwortung für einen ressourcenschonenden Umgang mit unserer Umwelt gründete er das Global Challenges Network (GCN e.V.) –diese Organisation knüpft ein Netz aus Projekten und Gruppen, die konstruktiv und gemeinsam „an der Bewältigung der Probleme arbeiten, die uns und damit unsere natürliche Umwelt bedrohen“.
Dürr ist Träger des alternativen Nobelpreises und des Bundesverdienstkreuzes und Mitglied im Club of Rome.

2) Vergleiche:
    a) Life, the Universe and Everything
    b) ‘Deep Thought’ und der Sinn des Lebens)




Dienstag, 14. August 2012

Der ‘Beweis’ biblischer Wahrheiten–ein religiöser Zirkelschluss?


Wann immer ich Artikel mit Tags wie ‘Gottesbeweis’ oder ‘Warum die Bibel 100% wahr ist’ entdecke, lese ich diesen meist mit recht großem Interesse. Besonders dann, wenn archäologische Ausgrabungen (vgl. Archäologie Palästinas) oder die Analyse alter Schriften (vgl. Qmran, Nag Hammadi) biblische Aussagen stützen sollen.
Es kommt aber vereinzelt vor, dass ich nach dem ersten Drittel entnervt aufgebe – wenn die vorgefundene Argumentation einen typischen Zirkelschluss aufweist und sinngemäß nur erklärt: 'Die Bibel ist das Wort Gottes - sie ist wahr, weil in der Bibel steht, dass sie wahr ist.'
Bibeltreue Christen vertreten offensiv ihren Anspruch, dass die vollständige Bibel ausnahmslos von Gott inspiriert sei. Als Beweis hierfür zitieren sie gerne Bibelpassagen (z.B. Worte Jesu), die eben dies ausdrücken sollen. Unterstützend werden tausende Prophetien angeführt, die sich vorgeblich erfüllt haben.


Ein Zirkelschluss oder Zirkelbeweis ist ein “Beweisfehler, bei dem die beweisenden Behauptungen das erst noch zu Beweisende schon enthalten.”

Diese Art der Argumentation beruht darauf, dass man etwas als wahr annimmt (= eine noch beweisbedürftige Prämisse aufstellt) und diese noch unbewiesene Aussage selbst als Voraussetzung einsetzt, um damit weitere Aussagen als offensichtlich wahr darzustellen.
In eine geschickten Argumentationsketten kann dieser Selbstbezug auch über mehrere Stufen erfolgen, sodass der Zirkelschluss nicht (sofort) offensichtlich wird und mitunter schwer zu entdecken ist.


Wird der fehlerhafter Charakter einer solchen Beweisführung dann offen gelegt, schädigt er nicht zuletzt die Glaubwürdigkeit dessen, was bewiesen werden sollte – eigentlich ist dies ebenso unschlüssig wie der Zirkelschluss an sich. Mit anderen Worten: Eine unzulässige Beweisführung kann ebensowenig belegen, dass die Bibel unwahr sei.


Mittwoch, 8. August 2012

Freier Wille: Illusion, Wunschdenken oder partiell existent?

Eines der Themen, die mich nicht loslassen, ist unser sogenannter freie Wille. Durch eigene Erfahrungen und Überlegungen komme ich vorläufig zu einer skeptischen Einschätzung: Willentliches Handeln des Menschen unterliegt faktisch erheblichen physiologischen, psychischen und sozialen Einschränkungen. Ist es denkbar, dass die Unterstellung, über einen wirklich freien Willen zu verfügen, einem reinen Wunschdenken nahekommt?

Nun mal langsam..für ein einheitliches Begriffsverständnis wäre eine Definition hilfreich. Doch die Bemühungen, den Freien Willen prägnant zu umschreiben, führt zu vielschichtigen Resultaten. Diese Aussage erscheint brauchbar: 
“Im weitesten Sinne meint Willensfreiheit die unterstellte menschliche Fähigkeit, sich unter gegebenen Bedingungen für oder gegen etwas zu entscheiden.”
Daraus folgt zunächst:
Unbedingte Willensfreiheit wäre ein Konzept, das jede Beschränkung der Handlungs- und Entscheidungsfreiheit – e würde erfordern, dass das Wollen von absolut nichts abhängt, also durch nichts bedingt ist. Es liegt auf der Hand, dass so ein Konzept auf die Situation des Menschen nicht anwendbar ist. Absolut freie Wahlmöglichkeit geht verloren, sobald Abhängigkeiten bestehen oder eine sonstige Verbindung zwischen den Motiven und dem Willen gibt.


Bedingte Willensfreiheit

Wenn wir aber ehrlich sind, entspringt unser Verhalten aber in den meisten Fällen einer ausgesprochen vielschichtigen Motivationslage und oft genug findet es in einem Geflecht voller Abhängigkeiten statt. ‘Freier Wille’ meint folglich die bedingte Willensfreiheit. Sie sieht den Willen als frei, wenn eine Person “ihren Willen nach ihren persönlichen Motiven und Neigungen gebildet hat, tun kann, was sie will (Handlungsfreiheit), und auch anders hätte handeln können, wenn sie es denn nur gewollt hätte.”
Doch wie bedingt und aus Abhängigkeiten entstanden sind unsere Handlungen und Entschlüsse? Wo folgen wir dem (vermeintlich) Unausweichlichen?

Sicher, es ist uns möglich, in geeigneten Situationen (wenn genug Zeit ist) reifliche Überlegungen anzustellen, gründlich abzuwägen und so zu einer Entscheidung zu gelangen, die unser konkretes Handeln oder Nichthandeln bestimmt. Zumindest dann bilden wir uns ein, unsere Entscheidung sei dann allein Ausdruck unseres freien Willens. (Rückblickend stellen wir oft genug fest, dass wir plötzlich ganz anders handelten, als wir es zuvor beabsichtigt hatten)


Viele physiologische Abläufe werden allein durch ein genetisch festgelegtes Programm gesteuert, das wir weder genau kennen und dessen wir uns im Grunde selten bewusst sind. Unser Körper erlegt uns überdies etliche Zwänge auf, die unser Verhalten massiv beeinflussen: wir müssen atmen, benötigen regelmäßig bestimmte Nahrung, brauchen ein bestimmtes Milieu zum Überleben und einiges mehr, damit wir uns wohlfühlen. Und dann sind da noch ‘aufschiebbare’ Triebe wie der zur Fortpflanzung, Schutz- und Gemeinschaftsbedürfnis und seit einigen Generationen verstärkt sich bei vielen das unbedingte Streben nach Konsum und Unterhaltung.

Nimmt all diese Aspekte zusammen, so schrumpft das Betätigungsfeld des freien Willens auf mindestens zwei überschaubare Felder:
  • die Wahl zwischen Alternativen (Auswahlentscheidungen) wir können nicht frei bestimmen, ob wir Nahrung zu uns nehmen. Doch wir haben (jedenfalls hierzulande) die Wahl, was wir essen möchten und dürfen den Zeitpunkt festlegen…wenn wir nicht zulange damit warten.
Auch die Zahl und Beschaffenheit unserer Sexualpartner dürfen wir wählen – doch gerade hier zeigt sich doch, wie sehr der Entscheidungsraum vieler Menschen durch ihre halbbewussten Triebbedürfnisse eingegrenzt ist.
bestimmte Grundsatzentscheidungen
  • die meisten Menschen können beispielsweise Einfluß auf ihren Lebensweg nehmen, wozu Bildungsangebotes oder Berufswahl ebenso zählen wie die Bindung an einen Lebenspartner oder die Wahl einer anderen Form des Gemeinschaftslebens.
Doch wie frei der Mensch denn wirklich, einen eigenen Willen zu entwickeln und diesen zu realisieren?
Ein Beispiel: Gerne werden Glaube und Religion als möglicher Ausdruck des individuellen menschlichen Willens angesehen, doch kann dies überhaupt zutreffen? Untersuchen wir kurz die Voraussetzungen, die für eine freie Willensentscheidung in Glaubensfragen gegeben sein müssen: 
  • keine subtile Beeinflussung bzw. Manipulation (zumindest muss die Chance bestehen, sich manipulativer Einflüsse bewusst zu werden und (wenigstens) insgeheim zu entziehen)
  • keine Unterdrückung oder Zwangslange, wie sie durch staatliche und klerikale Institutionen hervorgerufen sein kann. Auch hier in Deutschland sind der Freiheit des Glaubens bestimmte Grenzen gesetzt.
  • Ausbleiben jedes elterlichen, familiären und gesellschaftlichen Zwangs
Freilich ließe sich einwenden, dass die Möglichkeit zur freien Entscheidung auch dann bestehe, wenn diese Rahmenbedingungen ungünstig ausfallen: ein der Zwangstaufe unterzogener Säugling habe dennoch mit Eintritt seiner Religionsmündigkeit die Gelegenheit, jegliche Vorentscheidung nachträglich zu korrigieren – oder bewusst und willentlich zu bestätigen.

Die Lebenswirklichkeit sieht wohl anders aus: Kinder erhalten in frühen Jahren eine Prägung, der sie sich nicht oder nur schwer entziehen können. Moral, Glaube und viele weitere …. werden verinnerlicht – dieser Prozess lässt sich zeitlebens nicht vollständig neutralisieren (was auch nicht wünschenswert wäre, denn diese Prägung hat je nach Liebenssituation durchaus ihren hohen Nutzen).

Da uns diese Implikationen, je weiter sie in der Vergangenheit liegen, kaum mehr in ihrer Gesamtheit bewusst sind, erleben wir subjektiv unser Handeln als Ausdruck der Freiheit, so zu handeln und nicht anders. Einbildung?
Der Verfasser eines kritischen, bisweilen radikalen Textes geht noch viel weiter.
Bis hierhin habe ich die Existenz eines bedingt freien Willens weder bejaht noch verneint. Vielmehr stelle ich fest, dass ich mit eigenen Gedankenübungen allein hie und nimmer eine annehmbare Antwort auf diese Frage finden werde – höchste Zeit für etwas Input..

Bewusster oder unbewusster Wille?
In einer kurzen Abhandlung auf philosophy-online.de habe ich folgende Formulierung dazu gelesen:
“Wenn es überhaupt eine unbezweifelbare Grunderfahrung unseres Daseins gibt, dann die, dass wir uns zeitweise als rational abwägende Autoren unseres eigenen Tuns und insofern als frei erleben.”
Wohl wahr…und zudem präzise formuliert: Wie erleben uns als Inhaber eines freien Willens und unsere Handlungen als nur ‘von äußeren Faktoren’ eingeschränkt. Davon gibt es mehr als genug (s.o.). Gemeint sind in diesem Kontext eher die ‘inneren’ Prozesse und Gegebenheiten, häufig auf die zentrale Frage fokussiert, ob das Gehirn unser Bewusstsein produziere.
Ist unsere Selbstwahrnehmung also bloße Selbsttäuschung?
  • Neurowissenschaftler [...] erklären, die Idee eines freien menschlichen Willens sei mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren…
  • …Studien zeigen … dass unserem Tun deterministische neuronale Prozesse zugrunde liegen, dass das subjektive Erleben der Urheberschaft fallibel [fehlbar, dem Irrtum unterworfen] sein kann und dass vermeintlich selbst initiierte Handlungen unbewusst ausgelöst werden können.
Unsere Unfreiheit lasse sich so allerdings nicht nachweisen, denn z.B. Determinismus sei nicht empirisch begründbar, weil empirische Daten nur statistische Korrelationen rechtfertigen, aber keine deterministischen Zusammenhänge.
Dies leuchtet mir ein, zumal Experimente (wie der nachfolgend geschilderte Versuch) nur sehr vereinfachte Entscheidungsvorgänge erfordern. Die Alltagshandlungen bis hin zu strategischen Entscheidungen, die weitaus höhere Anforderungen an unsere Willensbildung stellen, sind experimentell nicht zugänglich,sagen Philosophen – und liegen zumindest bis heute richtig damit.
 

Libet-Experiment und Willensfreiheit

Die nachfolgende Dokumentation setzt sich kritisch mit dem sog. Libet-Experiment auseinander, welches vielfach für die Zulässigkeit der Schlussfolgerung angeführt wurde, so etwas wie ein freier Wille existiere nicht.
Aber: Diese Dokumentation ist – wie ich einem früheren Kommentar von Herrn I. Kittel (auf einer ehemaligen Webseite) entnehme – mindestens zehn Jahre alt (Erstausstrahlung 30.6.2001) und bietet einigen Anlass zur Kritik.
Dennoch, als Einführung in Thematik und Fragestellungen erscheint diese Doku mir geeignet.



Dokumentation auf 3SAT : Die Libet-Experimente

Teil I :


Teil II  /  Teil III

Das Ich – eine programmierte Maschine?
Hoffentlich nicht…und wozu sollte eine zur Selbstreproduktion fähige Maschine ein Selbstbewusstsein besitzen und über so viele störende Empfindungen, welche ihre Funktionalität durchaus beeinträchtigen (oder beflügeln) können.
Der Physiologe Benjamin Libet veröffentlichte Anfang der 1980er Jahres einen als Libet-Experiment bekannt gewordenen Versuch, die zeitliche Abfolge bewusste Handlungsentscheidungen und ihrer motorischen Umsetzung zu messen:

  • Wann trifft der Proband eine bewusste Handlungsentscheidung?
  • Ab wann der bereitet motorische Kortex1) die Ausführung der Handlung vor
  • Wann  genau wird die betreffende Muskulatur tatsächlich aktiviert.
Durchführung und der genaue Aufbau des Versuchs lassen sich hier oder auch auf Wikipedia nachlesen.


Bemerkenswert war vor allem, dass der Zeitpunkt, zu dem die Handlungsabsicht bewusst wird, in jedem Fall deutlich nach dem Punkt liegt, an dem der motorische Cortex die Bewegung vorzubereiten beginnt. Platt formuliert: Das Gehirn hatte schon längst entschieden, bevor der Proband sich seiner Entscheidung bewusst war.
Dieses Resultat löste kontroverse Diskussion über die fragliche Freiheit des menschlichen Willens aus. Die Unterstellung eines freien Willens aber ist Voraussetzung für wesentliche Elemente unserer sozialen Organisation und für den Konsens, nachdem jeder Mensch die volle Verantwortung für seine Handlungen zutragen habe. Ein wenig erstaunlich ist diese Aufregung schon, denn die Verallgemeinerbarkeit des Libet-Versuche auf alle denkbaren, komplexe Entscheidungssituationen ist gänzlich unerwiesen (s.o.)

Libet selbst war ein Verfechter des freien Willens, dem er jedoch nur eine Vetofunktion zubilligte, d.h. die Möglichkeit, aufgrund moralischer Erwägungen unbewusste Handlungsimpulse zu unterdrücken. Dies würde bedeuten, unser Ich sei zwar nicht Herr über die Vielfalt der spontanen Einfälle, Ideen und Impulse, die in unserem Bewusstsein auftauchen. Dennoch stelle es eine prüfende Instanz dar, welche die Fülle der Handlungsimpulse filtere und nur manche von ihnen selektiv zulasse. Damit würde das Gehirn nicht einfach an unserem Bewusstsein vorbeientscheiden.

Über Libets Experimente wurde anfänglich dennoch die Auffassung geäußert, diese entlarvten den freien Willen als Illusion - sofern man bereit sei, die volle Konsequenz der experimentellen Ergebnisse zu akzeptieren. Er selbst gestand dagegen freimütig ein, seine Position zur Willensfreiheit sei allein von persönlicher Überzeugung geprägt und lasse sich nicht mit seinen Versuchsergebnisse belegen.-
Die eingangs kurz angesprochenen Religionen brauchen das Konzept des freien Willens – vor allem da, wo sie ihren Gläubigern ein göttlich-gerechtes Straf- und Belohnungsgericht in Aussicht stellen: Ohne freien Willen als Ursache unserer Entscheidungen und Handlungen wären Hölle und ewige Verdammnis schlichtweg unfair…jedenfalls nach menschlichen Maßstäben.-
Es ist ein markanter Gegensatz, den wir im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und religiösem Glauben/spiritueller Vorstellung antreffen: Während die Wissenschaft heute ‘glaubt’, Bewusstsein entstehe letztlich zufällig aus Materie (denn es sei ja im Gehirn lokalisiert), ‘weiß’ die Religion, dass Geist/Seele/Bewusstsein von Gott geschaffen und deshalb unsterblich ist. Die zweite Anschauung ist mir sympathischer, aber von Gewissheit kann keine Rede sein…
 

Jüngere Forschungsergebnisse: Und es gibt ihn doch?

Wie neuere Untersuchungen von Gehirnaktivitäten vor einer bewussten Entscheidung (John-Dylan Haynes, 2008) zeigten, lässt sich inzwischen sogar vorhersagen, welche Wahl ein Proband (in einer Versuchsanordnung) treffen wird – sieben (!) Sekunden bevor er bewusst entschieden hat. Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig untersuchte lt. einem Bericht des STERN mögliche Konsequenzen aus Experimenten wie denen von Libet und Haynes:
“Kann man von einem freien Willen sprechen, wenn die Absicht, etwas zu tun, im Gehirn schon feststeht, bevor wir bewusst eine Entscheidung treffen?”
Dazu wurde die Höhe des Sauerstoffverbrauchs einzelner Gehirnareale beobachtet – ein Indikator für deren Aktivität. Zwischen Vorbereitung einer Handlung im Gehirn und deren Ausführung liegt eine messbare Zeitspanne:
“Es scheint, als würde die unbewusste Entscheidung im Gehirn vorbereitet und dann eine Zeit lang dort vor sich hinschlummern, bevor sie den Weg ins Bewusstsein findet”
Die Vorhersagbarkeit hatte übrigens Grenzen: die Forscher lagen in 60 % alle Fälle richtig – also nur 10 % über dem Wert, den ‘bloßes Raten’ erreicht (bei ausreichender Anzahl von Durchläufen ließe sich das richtige Ergebnis mit 50-prozentiger Erfolgswahrscheinlichkeit erraten).
Dieser Umstand scheint bei der Interpretation von Haynes Experimenten nicht sonderlich zu stören: Zweifel am freien Willen habe es schon länger gegeben… und da Haynes & Kollegen Entscheidungsvorbereitung über lange Zeiträume und mithilfe einer anderen Technik beobachteten, glaubten sie, die Zweifel an Libets Experimenten nun aus dem Weg geräumt zu haben.
ZEIT online kommt sogar zu dem hanebüchenen ErgebnisDer Computer von John-Dylan Haynes kann Gedanken lesen”. Ziemlich plakativ und vor allem eine Verallgemeinerung – denn Haynes Rechner wird nicht einen konkreten Gedanken verraten, sondern allenfalls eine thematische Einordnung (durch Feststellen des aktiven Hirnareals) vornehmen können.
Doch bleibt es bei dem Haupteinwand gegen eine vorschnelle und einseitige Interpretation solcher Versuche:
Diese können nach wie vor nur die Verläufe einfacher Auswahl-Entscheidungen (mit oft nur einer Alternative) beobachten und voraussagen. Eigentliche Bedeutung und Nutzen der aus einer freien Willensentscheidung hervorgehenden Handlungen liegen primär da, wo es reiflicher Überlegungen bedarf, und nicht Fragen wie ‘Ziehe ich blaue oder gelbe Socken an?’
  • Und: Wie sieht es z.B. bei Gefahrensituationen aus, in denen weitaus weniger als 7 oder 10 Sekunden für eine Reaktion bleiben – vor allem dann, wenn dieses Reagieren zu komplex für eine instinktive Verhaltensäußerung ausfällt (z.B. eine Erwiderung in ernsten Konfliktsituationen)?
  • Was ist, wenn wir ein Verhalten korrigieren, in dem wir z.B. beim Verfassen eines Textes eine zunächst gewählte Formulierung durch eine andere ersetzen? Ich mag damit falsch liegen, doch könnte gerade solch eine bewusste Korrektur dafür sprechen, dass wir von unserer Entscheidungsfreiheit Gebrauch machen.-
Der Mediziner und Psychotherapeut Ingo Wolf-Kittel verweist dagegen auf ein “Manifest von elf führenden Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung” (Artikel auf Gehirn&Geist.de oder als PDF zum Download).
Dem Laien liefert dieser Artikel einen Überblick zu Forschungsbereichen und Untersuchungsmethoden der Neurobiologie. Deren kombinierte Nutzung ermögliche es immerhin, das Zusammenspiel der verschiedenen Hirnareale darzustellen. Erst dieses Zusammenspiel befähigt uns zu kognitiven Leistungen wie z.B. planendes Handeln, Gedächtnisprozesse und emotionales Erleben. “Damit haben wir eine thematische Aufteilung der obersten Organisationsebene des Gehirns nach Funktionskomplexen gewonnen.”
Sogar die Abläufe in einzelnen Neuronen könne man heute hoher räumlicher & zeitlicher Auflösung analysieren und mit Hilfe von Computermodellen simulieren. Erschreckend wenig wisse man dagegen über das Geschehen innerhalb von Zellverbänden und die genaue Kommunikationsweise einzelner Nervenzellen miteinander. Wie die hochkomplexe Kommunikation einer großen Anzahl von Nervenzellen funktioniere, sei noch gänzlich unbekannt.
Nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet; wie es die Welt so abbildet, dass unmittelbare Wahrnehmung und frühere Erfahrung miteinander verschmelzen; wie das innere Tun als “seine” Tätigkeit erlebt wird und wie es zukünftige Aktionen plant, all dies verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen.
Mit anderen Worten: auch wenn inzwischen bekannt ist, wo im Gehirn einzelne Prozesse stattfinden, sagt dies noch nichts darüber aus, wie diese im einzelnen funktionieren.
Vieles spreche dafür, dass neuronale Netzwerke als “hochdynamische, nicht-lineare Systeme” zu betrachten seien. Somit gehorchen sie zwar mehr oder weniger einfachen Naturgesetzen, brächten aber in ihrer Komplexität völlig neue Eigenschaften hervor. In diesem Kontext ist auch von “hochkomplexen raumzeitlichen Aktivitätsmustern” in diesen neuronalen Netzwerken die Rede.
Im Zusammenhang mit dem eingangs erwähnten Libet-Experiment erscheint mir folgender Passus von besonderem Interesse:
Wir haben herausgefunden, dass im menschlichen Gehirn neuronale Prozesse und bewusst erlebte geistig-psychische Zustände aufs Engste miteinander zusammenhängen und unbewusste Prozesse bewussten in bestimmter Weise vorausgehen.
Wenn hier tatsächlich eine ausschließliche(?) kausale Beziehung nachgewiesen werden kann, würde dies zugleich nahelegen, dass unser Bewusstsein – genauer gesagt die jeweils untersuchten, bewusst ablaufenden Prozesse im Gehirn – unmittelbar mit neuronalen Vorgängen verknüpft ist. Sollte man daraus schließen, dass unser Bewusstsein, zumindest aber unser bewusstes Erleben, Erinnern und Empfinden bis hin zum planvollen Handeln letztlich auf rein organischen und damit materiellen Vorgängen basiert?
Es scheint so:
  • “Auch wenn wir die genauen Details noch nicht kennen, können wir davon ausgehen, dass all diese Prozesse grundsätzlich durch physikochemische Vorgänge beschreibbar sind. [...]
  • Geist und Bewusstsein – wie einzigartig sie von uns auch empfunden werden – fügen sich also in das Naturgeschehen ein und übersteigen es nicht.
  • Und: Geist und Bewusstsein sind nicht vom Himmel gefallen, sondern haben sich in der Evolution der Nervensysteme allmählich herausgebildet. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der modernen Neurowissenschaften.”
Mir will vor allem das letzte Statement nicht in den Kram passen, denn über die Evolution von Bewusstsein sagt es nichts aus. Dass viele unserer gedanklichen Leistungen eine Entsprechung im Organismus haben, lässt sich nicht bestreiten. Problematisch wird es da, wo der Geist und seine Entstehung bzw. Entwicklung vollständig auf eine materielle Ebene reduziert werden:
Persönlich verweigere ich mich der Vorstellung, unser ‘Ich’ mit all seinen Facetten werde allein durch materielle Vorgänge und Substanz produziert. Beweis oder wissenschafts-taugliche Begründung? Da muss ich leider passen.
Eher vermag ich Indizien dafür zu suchen, dass neben der materiellen eine weitere (‘geistige’) Ebene existiert, ohne die dieses Ich niemals so empfinden und erleben würde, wie es der Fall ist:
  • Wie war es möglich, dass sich aus den ersten einzelligen Lebewesen ein hochkomplexes Lebewesen namens Mensch entwickeln konnte, das sich seiner selbst bewusst und zu intellektuellen Höchstleistungen imstande ist? Buchstäblich vom Himmel gefallen sind wir wohl tatsächlich nicht. Aber das Produkt einer Reihe von Zufallsprozessen sind wir meiner Überzeugung nach ebenso wenig. M.E. spricht vieles dafür, dass anstelle des Zufalls eine erschaffende, ordnende und zielgerichtete Intelligenz am Werk war und ist, über deren Beschaffenheit wenig wissentlich sagen lässt.
  • Wie lassen sich mit der Entsprechung von Materie-Bewusstsein Vorgänge wie Nahtod-Erlebnisse erklären? Eine ausreichende Zahl beeindruckender Fälle ist gut dokumentiert – wir wissen, dass zur fraglichen Zeit keinerlei Gehirnaktivität vorhanden (=messbar) war – und doch besitzen diese Personen anschauliche Erinnerungen an die Vorgänge um sie herum. Diese Erinnerungen und das persönliche Erleben lässt sich nicht als Einbildung, Traumgebilde oder lügenhaftes Wichtigtun diskreditieren, wo sie mit den Aussagen mehrerer anwesender übereinstimmen.
  • Die Erinnerungen von Menschen an frühere Leben ist eine heikle Angelegenheit, weil gerade auf diesem Gebiet viel Schindluder getrieben wird, gerade auch durch ‘Rückführungstherapeuten’, die ihr Fachwissen einem Schnellkurs verdanken.
    Räumt man das Zweifelhafte beiseite, bleiben wiederum gut dokumentiere Fälle übrig, sodass der Geisteswissenschaftler Prof. Christopher M. Bache bereits 1990 zu folgender Einschätzung gelangte:
"Ich bin der Ansicht, dass die Forschung inzwischen genügend Beweise für die Reinkarnation zusammengetragen hat. Wenn wir uns ganz vorsichtig ausdrücken wollen, können wir sagen, dass … so viele Daten gesammelt und geprüft worden sind, dass der Wiedergeburtsgedanke … in eine Hypothese mit mittlerem oder gar hohem Wahrscheinlichkeitsgehalt verwandelt hat."
Das sieht freilich nicht jeder so: Der FOCUS online –Artikel “Paranormales vs. Wissenschaft: Leben, Sterben und Wiedergeburt” geht auf die Wissenschaftlichkeit der sog. Reinkarnationstherapie ein – abschließend bleibe nur das befreiende Lachen über die bedeutungsschwangeren Fantasiegebilde der Esoterik. Wie gesagt, Trittbrettfahrer gibt es überall und esoterische NewAge-Therapien scheinen besonders anziehend für solches Volk zu sein.
Aus den geschilderten Fällen von erfolgreich überprüften Erinnerungen an ‘frühere Leben’ vermag ich persönlich nur so viel erschließen: Geist scheint im mindesten auch eine nicht materielle Komponente zu besitzen.
 

Mein ‘Fazit’

Zurück zum Ausgangspunkt – also der Fragestellung, inwieweit unser bedingt freier Wille eine Illusion oder Selbsttäuschung ist.
Eine generelle Nichtexistenz freier Willensäußerungen lässt aus der Beurteilung von bis heute vorliegenden Forschungsergebnisse nicht folgern:
“Ob also neben den äußeren Reizen, dem aktuellen Zustand des Gehirns und vielleicht noch etwas Zufall auch noch freier Wille bei unseren Entscheidungen eine Rolle spielt, wird experimentell in absehbarer Zukunft nicht bestimmt werden können”. (Zufall ist kein freier Wille, Joachim Schulz)
Nur ist es meines Erachtens ist es weniger erheblich, dass wir in unseren Handlungen, Verhaltensweisen und Entscheidungen nicht ‘absolut frei’ sind. Entscheidend ist wohl eher, inwieweit wir den inneren und äußeren Bestimmungsfaktoren hilflos2) ausgeliefert sind. Falls dies zuträfe, wäre jede Form von philosophischer Ethik und Moraltheologie verschwendete Zeit.
Auch unsere
Rechtsprechung könnten wir dann größtenteils in die Tonne kippen, denn diese setzt Willens- oder wenigstens Handlungsfreiheit voraus.
Offensichtlich können wir die Frage nach jener Hilflosigkeit recht selbst-bewusst verneinen. Schließlich haben wir die Chance und Gelegenheit, uns ‘eines Besseren zu besinnen’, indem wir aus vergangenen Resultaten und Erfahrungen die richtigen Konsequenzen ziehen und diese lernend auf künftige Entscheidungssituationen anwenden.
---

Siehe auch

Anmerkungen

1) Moto(r)cortex oder auch motorische Rinde ist ein abgrenzbarer Bereich der Großhirnrinde (Neocortex) und das funktionelle System, von dem aus willkürliche Bewegungen gesteuert und aus einfachen Bewegungsmustern komplexe Abfolgen zusammengestellt werden. Er bildet die übergeordnete Steuereinheit des Pyramidalen Systems… (vgl. Wikipedia)
2) ohne eigenes Verschulden: wer sich zudröhnt und in diesem selbst herbeigeführten Zustand andere schädigt, hat die Konsequenzen dafür zu tragen

Sonntag, 8. Juli 2012

Higgs - Die Jagd nach dem Unsichtbaren

Viel Geschrei momentan um die ein statistische Auswertung von zwei verschiedenen Experimenten, Atlas und CMS am CERN, bei der sich möglicherweise Hinweise auf das sog. HIGGS-Teilchen ergaben. Die Benennung dieses (noch?) hypothetischen Teilchens nach Gott irritiert, schließlich geht es bei wirklich spirituellen Fragen um weit mehr als der den inneren Zusammenhalt von Materie und das Zustandekommen von Gravitation. Insoweit ist die Bezeichnung ‘Gottesteilchen’ zweifelsfrei sehr medienwirksam, aber ziemlich daneben.-

Das neuentdeckte Teilchen “bewegt sich in einer Massenregion von 125 bis 126 Gigaelektronenvolt (GeV) und damit in dem Bereich, in dem Forscher zuletzt nach dem Higgs-Teilchen fahndeten.” (Focus)

Damit spricht einiges dafür, das dieses neue Elementarteilchen dasjenige ist, nach dem Forscher seit 40 Jahren fahnden – aber zu 100 Prozent sicher ist es nicht.

 

Bedeutung des Higgs-Boson

Die Suche nach dem Higgs-Teilchen könnte eine Lücke schließen, für die im Standardmodell der Teilchenphysik noch die experimentelle Grundlage fehlt.

Innerhalb dieses weitgehend anerkannten Modells sorgt das nach dem britischen Physiker Higgs benannte Teilchen dafür, dass alle Objekte eine Masse haben. Peter Higgs (geb. 1929) hatte die Existenz des Teilchens 1964 vorhergesagt. Er formulierte einen Mechanismus, durch den zunächst masselose Teilchen in Wechselwirkung mit einem Hintergrundfeld (dem „Higgs-Feld“) massiv werden.

Es ist das “letzte noch fehlende - aber absolut zentrale - Elementarteilchen, um das Standardmodell der Materie zu begründen. Würde es nicht existieren, stünde das gesamte seit Jahren die Physik beherrschende Theoriemodell infrage." (Focus)

Higgs-Boson und die Erzeugung von Masse

In der Öffentlichkeit wird das Higgs-Boson häufig als Ursache für die gesamte Masse der Objekte angeführt. Dies sei aus zwei Gründen falsch bzw. unpräzise, stellt der diesbezügliche Wikipedia-Artikel klar:

  • Von hauptsächlicher Bedeutung sei nicht das Higgs-Boson selbst, sondern das „Higgs-Feld“. Mit diesem Feld kann z. B. die Masse der Eichbosonen erklärt werden, dich das Higgs-Boson entspreche genau dem Teil des Higgs-Feldes, der  nicht  für die Massen der Eichbosonen verantwortlich ist. –
  • Masse entstehe auch bei anderen Wechselwirkungen, sei also nicht nur auf den Higgs-Mechanismus beschränkt. Tatsächlich beruht der größte Teil der Masse unserer Alltagswelt auf der starken Wechselwirkung zwischen den Quarks in den Nukleonen des Atomkerns.

Doku (ZDF) - Higgs - Die Jagd nach dem Unsichtbaren

Siehe auch:

Samstag, 5. Mai 2012

Holografisches Universum?

Wunder geschehen nicht im Gegensatz zur Natur,
sondern im Gegensatz zu dem, was wir von der Natur wissen.

Augustinus

Lässt sich der faszinierende, allgemein gehaltene Holismus des Kernphysikers Hans P. Dürr konkretisieren? Wie könnte ein Ansatz aussehen, der anders von gängigen naturwissenschaftlichen und theologisch-philosophischen Anschauungen getragen wird?

Eine wachsende Anzahl von Wissenschaftlern ist der Ansicht, dass wir in einem holografischen Universum leben – und sie bieten eine erstaunlich plausible Begründung an. Dies würde zugleich auch bedeuten, dass alles was wir als Realität wahrnehmen, ebenfalls ein Hologramm (bzw. ein Ausschnitt daraus) ist.


Bislang ist diese Idee noch nicht zu einem berechenbaren Modell oder einer exakten naturwissenschaftlichen Theorie gereift - doch wie Brian Greene in der u.a. Dokumentation zeigt, kann die Erforschung von Schwarzen Löchern die These vom holografischen Universum untermauern.


Einstweilen aber wird die Unvereinbarkeit n
aturwissen-schaftenschaftlicher Theorien mit den theologischen Modellen von Vertretern beider Seiten nach Kräften gefördert:
Wie die institutionalisierte Theologie bewahrt sich auch die etablierte Wissenschaftsgemeinde ihre auf Dogmatismus basierenden Vorurteile – selbst gegenüber neuen Denkansätzen aus den eigenen Reihen. Die Geister scheiden sich vor allem an der Existenz des scheinbar ‘Übernatürlichen’ und glauben jeweils, die 'absolute' Wahrheit zu vertreten. (Das Übernatürliche ist m.E. nur nach dem gegenwärtigen Wissensstand unerklärlich.)

Unterschiedliche Perspektiven und selektive Wahrnehmung führen zur Ausprägung diametral verschiedener Erkenntnisse und Weltbilder. Solche Wirklichkeitsmodelle bilden je einen Teilausschnitt einer übergeordneten Realität ab, die wir Menschen als Ganzes noch nicht erfassen können. 


Der Zugang zur absoluten Wahrheit ist damit unseren unzureichenden Wahrnehmungsebenen verwehrt. Die Suche nach einem 'ganzheitlichen' Weltbild macht es deshalb erforderlich, den eigenen Wahrnehmungsfokus nicht noch absichtlich zu verengen, sondern auf dogmatische Beschränkungen zu verzichten: Ein Holist wie H.P. Dürr hat es kaum nötig, unliebsame Wahrheiten zu unterdrücken.

  • Als Standardlektüre dient mir in diesem Kontext Michael Talbot’s Buch „Das holographische Universum - Die Welt in neuer Dimension" (PDF-Download, 497 Seiten, Abruf: 07/2015). Es eröffnet ein neues Verständnis der menschlichen Psyche in und zeigt eventuell einen Weg auf, um naturwissenschaftliche Beobachtung und übersinnliche Phänomene zu integrieren. Nachfolgend sind Fakten und Überlegungen daraus in einem sehr knappen Überblick zusammengestellt ...jedem Interessierten sei empfohlen, das Buch selbst zu lesen.Als Einstieg eignet sich nachfolgender Ausschnitt aus einer Dokumentation:

  • Paradigma statt Theorie:  Das holographische Konzept wird derzeit aus einem Mosaik verschiedenster Ansichten und Befunden entwickelt, es hat noch nicht den Charakter wissenschaftlicher Modelle und Theorien.
  • Eine Voraussetzung der Holographie ist ein Phänomen namens Interferenz -das Überlagerungsmuster, welches entsteht, wenn zwei oder mehr Wellen, zum Beispiel Wasserwellen, einander durchdringen.
"Es ist nicht so, dass es dort draußen, auf einer bestimmten Wirklichkeitsebene, keine materiellen Objekte gäbe. Es ist vielmehr so, dass Sie, wenn Sie einen Durchbruch wagen und das Universum unter einem holographischen Aspekt betrachten, zu einer anderen Sicht, einer anderen Wirklichkeit gelangen."

Ausgangspunkte für eine neue Sicht der Realität

Neurobiologie/Gehirnforschung
Wie und wo werden Erinnerungen im Gehirn gespeichert? Die vermutete Lokalisierung von Gedächtnisspuren wurde als "Engramme" bezeichnet – lange wusste niemand um deren Beschaffenheit: Handelte es sich dabei um ein Neuron oder vielleicht um ein spezielles Molekül?
Man man fand keinerlei Anhaltspunkte für die materielle Existenz von Engrammen: beispielsweise vermochte man das Erinnerungsvermögen von Ratten man nicht auszulöschen - gleich, welchen Gehirnabschnitt man entfernte
1).
In Yale befasste sich auch der Neurobiologe Karl H. Pribram mit der Idee, dass Erinnerungen über das ganze Gehirn verteilt sind: keiner seiner Patienten litt nach dem chirurgischen Eingriff an einem selektiven Gedächtnisverlust.
“Wenn ich die Belege für die Lokalisation der Gedächtnisspuren überdenke,dass daraus die Schlussfolgerung gezogen werden muss, dass es so etwas wie Lernen eigentlich überhaupt nicht geben kann. Gleichwohl, trotz aller Gegenbeweise, kommt es gelegentlich vor.” K. Lashley
Quantenphysik
Wird Materie in immer kleinere Teile zerlegt, erreicht man schließlich einen Punkt, an dem diese Teile - Elektronen, Protonen usw. - nicht mehr die Eigenschaft von Gegenständen haben. Obwohl sich etwa ein Elektron manchmal so verhalten kann, als wäre es ein kompaktes kleines Partikel, hat die Physik erkannt, dass es tatsächlich keine Dimension aufweist - und sich entweder als Teilchen oder als Welle manifestieren kann. (s. Doppelspalt-Experiment)
Quanten sind subatomare Erscheinungen, zu denen auch Licht und Radiowellen zählen. Sie lassen sich nicht nur als "Welle oder Teilchen" klassifizieren, sondern stellen Erscheinungsformen dar, die auf unerfindliche Weise stets beides sind. Physiker sehen in ihnen den Grundstoff, aus dem das gesamte Universum besteht.
Quanten werden sich allerdings nur dann als Teilchen manifestieren, wenn wir sie beobachten - zu allen anderen Zeiten verhalten sie sich als Wellen.
Zur Veranschaulichung stelle man sich eine Bowlingkugel vor, die eine gerade Linie auf der Bahn beschreibt, so lange man ihr zuschaut. Jedoch hinterlässt sie ein Wellenmuster, sobald man blinzelt. Ungünstig für Physiker, deren Arbeit ja im wesentlichen auf Beobachtungen gründet.
Menschen können die Struktur der Quantenrealität nicht erfassen - alles was wir anfassen (oder auch nur ansehen), verwandelt sich in Materie. Daraus wurde gefolgert, dass Teilcheneigenschaften nicht existieren, bevor sie beobachtet werden.
Zudem kamen Quantenphysiker zu dem Schluss, dass Quanten 'auf geheimnisvolle Weise' miteinander verwoben ("verschränkt") sind:
So schrieb Niels Bohr: Wenn subatomare Teilchen nicht als existierten, ehe sie beobachtet wurden, könne man sie “nicht mehr als selbständige Dinge begreifen”. Folglich habe Einstein sein Argument auf einen Irrtum gegründet, als er Zwillingsteilchen (gemeint sind zwei Photonen, die bei einem atomaren Zerfallsprozess eines instabilen Atoms hervorgehen) als getrennte Einheiten auffasste. Sie seien vielmehr Teil eines unteilbaren Systems, und es sei sinnlos, sie sich anders vorzustellen.
(Die Auffassung, wonach subatomare Systeme unteilbar sind, wirkte sich nachhaltig auf das Verständnis der Realität aus. Die Aussage "Alles ist Eins" wird auch von Dr. R. Froböse in dessen Vortrag "Quantenphysik der Unsterblichkeit" erörtert.)

Plasma ist ein Gas, das eine hohe Dichte von Elektronen und positiven Ionen aufweist, also von Atomen mit einer positiven Ladung. Wie der US-amerikanische Quantenphysiker David Bohm zeigte, hören die in einem Plasma befindlichen Elektronen auf, sich wie "Individuen" zu verhalten: statt dessen begannen sie sich so zu gebärden, “als ob sie Teil eines größeren und in sich verwobenen Ganzen wären”. 
Obgleich ihre individuellen Bewegungen zufällig wirkten, konnten riesige Elektronenmengen Wirkungen hervorbringen, die verblüffend gut aufeinander abgestimmt waren.
"Wie ein amöben-ähnliches Lebewesen regenerierte sich das Plasma unaufhörlich, und es schloss alle Verunreinigungen in eine Hülle ein, und zwar auf die gleiche Weise, wie ein biologischer Organismus Fremdkörper in eine Zyste einkapselt."
Diese organischen Eigenschaften vermittelten Bohm den Eindruck, das Elektronenmeer sei lebendig... Auch in seiner späteren Untersuchung von Elektronen in Metallen zeigten die scheinbar willkürlichen Bewegungen einzelner Elektronen eine organisierte Gesamtwirkung. ‘In einem Ozean von Elektronen verhielt sich jedes einzelne so, als wüsste es, was die ungezählten Billionen anderen gerade taten’.
Diese Kollektivbewegungen von Elektronen bezeichnete Bohm als Plasmonen.


Niels Bohr und andere angesehene Physiker wollten die Quantenphysik als 'abgeschlossenes Kapitel' beiseite legen: Wegen des störenden Einflusses von Beobachtungen 
könne man nicht tiefer in deren Phänomene eindringen, weshalb die Quantentheorie keinen Zugang zu den Grundstrukturen der Welt eröffnen werde. 

David Bohm dagegen fand sich nicht mit dem Statement ab, jenseits der subatomaren Landschaft existere halt keine tiefere Realitätsebene: Hinter der von Bohr postulierten 'undurchdringlichen Mauer' musste es eine tiefere Ebene noch unterhalb der Quanten geben, die noch auf ihre Entdeckung wartete.


Um ein tieferes Wirklichkeitsverständnis zu gewinnen, ging Bohm zunächst davon aus, dass Teilchen wie z.B. Elektronen auch in Abwesenheit eines Beobachters existieren. Gestützt auf diese Prämisse vermochte er durch die bloße Annahme eines neuartigen Feldes auf dieser Ebene unterhalb der Quanten die Befunde der Quantenphysik umfassender zu verstehen und zu erklären. Er stellte die These auf, dieses Quantenpotential (siehe De-Broglie-Bohm-Theorie) durchdringe wie die Schwerkraft den gesamten Weltraum.
(Klingt ein wenig wie der 'Äther', von dem sich Albert Einstein wenige Jahrzehnte zuvor gerade verabschiedet hatte).

Anders als Schwerkraft- und Magnetfelder nehme der Einfluss des Quantenpotentials nicht mit der Entfernung ab - es sei überall gleichermaßen wirksam. Der 1952 veröffentlichte Ansatz Bohms führte in der Fachwelt zu vorwiegend negativen Reaktion - man war von der Unmöglichkeit solcher Alternativen überzeugt.
Offensichtlich war Bohm seiner Zeit zu weit voraus: die Akzeptanz der Eigenschaften des Quantenpotenzials hätte in der Physik eine radikale Abwendung vom bisherigen Denken erfordert:

  • Ein solcher Aspekt ist die Bedeutung der Ganzheit (ein anderes Wort für System, also eine Gesamtheit von Elementen, wie eine aufgaben-, sinn- oder zweckgebundene Einheit zusammen wirken und sich in dieser Hinsicht gegenüber der sie umgebenden Umwelt abgrenzen).
    Die klassische Naturwissenschaft hatte den Zustand eines Systems stets lediglich als das Ergebnis der Wechselwirkung seiner Teile aufgefasst.
    Das Quantenpotential impliziere hingegen, dass das Verhalten der Teile tatsächlich vom Ganzen organisiert wird.
  • Solche Quantenaktivität (z.B. der Elektronen in einem Plasma) wird auch mit dem Zusammenwirken der Organe und Körperteile eines Lebewesens verglichen. Zudem hört die Örtlichkeit auf der Ebene des Quantenpotentials auf, zu existieren - 'jeder Punkt im Raum ist allen anderen Punkten im Raum gleich'. Übertragen auf das Universum sind alle Dinge als Bestandteile eines zusammenhängenden Netzes in einen Raum eingebettet.
... Es gibt keine Materie an sich! Jede Materie entsteht und existiert nur vermöge einer Kraft, welche die Teilchen eines Atoms in Schwingung versetzt und dieses äußerst fragile Sonnensystem des Atoms zusammenhält. ... Wir müssen hinter dieser Kraft die Existenz eines bewussten und intelligenten Geistes annehmen. Dieser Geist ist die Matrix aller Materie!“ (Max Planck)

Hologramme als implizite Strukturmuster

Bohm erkannte außerdem, dass Hologramme 2) als Modell für den Ordnungsbegriff für Materie dienen konnten. Zuvor hatte er die Begrifflichkeiten der enthüllten oder expliziten Ordnung (die anhand einer offenkundigen Struktur erkennbar wird) und der impliziten oder verhüllten Ordnung (nicht auf Anhieb erkennbar, aber gleichwohl vorhanden) entwickelt.

Die Interferenzmuster, wie sie ein holographischer Film aufzeichnet, erscheinen dem bloßen Auge ungeordnet. Doch impliziert es eine Ordnung, die verborgen oder verhüllt ist - ganz wie die wie die Ordnung in einem Plasma in dem scheinbar willkürlichen Verhalten der einzelnen Elektronen verhüllt ist. 'Dahinter blicken' kann man, indem man nicht die einzelnen Teile beobachtet - sondern das Ganze, gewissermaßen von einer höheren Ebene.

So entwickelte Bohm die (für die Naturwissenschaft revolutionäre, in der Mystik aber durchaus geläufige) Vorstellung, das Universum sei zu vergleichen mit einem ständig im Fluss befindlichen, riesig großen Hologramm.

1980 fasste er seine Überlegungen in einem Buch mit dem Titel Wholeness and the Implicated Order zusammen, das zugleich den Überbau seiner einzelnen Denkansätze formuliert. Wesentliche Thesen darin:
  • Die für uns so konkret im Alltag erfahrbare Realität sei in Wahrheit eine Illusion, vergleichbar einem holographischen Bild. Ihr zugrunde liege eine tiefere Ordnung des Seins - eine unermessliche und ursprüngliche Wirklichkeitsebene, die alle Objekte und Erscheinungen unserer physischen Welt auf ganz ähnliche Weise hervorbringe, wie ein holographischer Film ein Hologramm erzeugt.
  • Diese tiefere Wirklichkeitsebene wird als implizite, uns verborgene Ordnung aufgefasst, während die von uns wahrgenommene Realität ('unsere Seinsebene') die explizite (sichtbar enthüllte) Ordnung darstellt.
  • Alle Erscheinungsformen im Universum sind in dieser Perspektive das Ergebnis ungezählter Verhüllungen und Enthüllungen innerhalb dieser Ordnungen
  • Ein beobachtetes Elementarteilchen enthüllt für die Dauer der Messung einen Teil dieser Ordnung, anders gesagt, wird ein Aspekt des Elektronenensembles an diesem bestimmten Ort enthüllt: Wenn sich ein Elektron zu bewegen scheint, so entsteht dieser Eindruck aus einer zusammenhängenden Folge solcher Enthüllungen und Verhüllungen...
Wenn sich ein Quant entweder als ein Teilchen oder als eine Welle manifestiert, sind diese beiden Aspekte stets verhüllt - erst die Art und Weise, wie ein Beobachter mit ihm interagiert, entscheidet darüber, welcher Aspekt sich enthüllt und damit sichtbar bzw. messbar wird.
Die Aussage, wonach jedes Teilstück eines holographischen Films sämtliche Informationen über das 'Ganze' enthält, bedeutet, dass die Informationen verteilt und nicht an einen Ort gebunden sind.

Falls also das Universum nach dem holographischen Prinzip aufgebaut ist, ist davon auszugehen, dass es ebenfalls nicht-örtliche Eigenschaften besitzt. Auch wäre es dann nicht sinnvoll, das Universum als aus einzeln wahrnehmbaren Teilen zusammengesetzt zu begreifen. Jeder Ausschnitt oder wahrnehmbare Teilaspekt des Universums würde dessen Gesamtheit repräsentieren…

Und doch nehmen wir das Universum als aus klar unterscheidbaren, 'örtlichen' Teilen zu bestehend wahr. Was wir sinnlich erfassen, ist nach dieser Vorstellung die beobachtete, 'enthüllte' Form des Universums, dessen 'wahre', ganzheitliche Realität verborgen bleibt.

Die Aufspaltung der Realität in Einzelteile und deren Benennung sind stets subjektiv – auch eine Gruppe mit ähnlicher Wahrnehmung einigt sich auf willkürliche Konventionen. In Wahrheit sei alles alles im Universum Teil eines Kontinuums (=einer unteilbaren Ganzheit, verkürzt gesagt). Differenzierung und Einzigartigkeit werden dadurch nicht ausgeschlossen.

Diese Einheit stelle ich mir etwa so vor wie einen Organismus, z.B. unseren Körper, der  aus Billionen einzelner Zellen zu bestehen scheint. Körperzellen sind unterscheidbar und ausdifferenziert – können aber einzeln nicht überleben, sondern bilden eine erkennbare Einheit. Könnten unsere Zellen sehen und denken, wären sie dennoch kaum außerstande, sich als diese Einheit aufzufassen.


Unterschiedlichkeit ist also durchaus von Bedeutung, auch wenn die Unterteilung verschiedener Aspekte ('Dinge', 'Zellen', Elementarteilchen usw.) eine Abstraktion ist: Durch unsere Form der Beobachtung stellen wir die Dinge erst 'für uns' scharf ein, die bis dahin nur in einem sehr verschwommenen Zustand existierten. Wichtig ist bei jeder Art von Gliederung, die dynamische Vernetzung aller Ein(zel)heiten zu beachten und zu berücksichtigen.


Die auch bei Hans P. Dürr anzutreffende Aussage 'Alles ist mit Allem verbunden' oder 'Alles ist Eins' gewinnt dadurch an Relevanz:
Kopfschmerz wird nicht sinnvoll durch eine (symptomatisch wirksame) Aspirin-Tablette behandelt, sondern durch eine Betrachtung des Menschen als Ganzes, in Bezug auf den Körper und die Psyche. 'Ganzheitliche Medizin' verfolgt genau diesen Ansatz. 
Bei sozialen Symptomen (z.B. Drogen-missbrauch oder Übergewicht) verhält es sich ähnlich - die Behandlung des Teilaspektes führt selten zu nachhaltigem Erfolg. Kopfschmerz wird nicht sinnvoll durch eine (symptomatisch wirksame) Aspirin-Tablette behandelt, sondern durch eine Betrachtung des Menschen als Ganzes, in Bezug auf den Körper und die Psyche. 'Ganzheitliche Medizin' verfolgt genau diesen Ansatz. Bei sozialen Symptomen (z.B. Drogenmissbrauch oder Übergewicht) verhält es sich ähnlich - die Behandlung des Teilaspektes führt selten zu nachhaltigem Erfolg.


Bewusstsein und Materie

Die Interaktion von Bewusstsein und Materie kann nicht plausibel aufgefasst werden, wenn man meint, ein separates Etwas (das Bewusstsein) interagiere mit subatomaren Teilchen. Aus Sicht der 'Holobewegung' sind beide eins:
Der Beobachter bildet mit dem Beobachtungsobjekt eine Einheit, beide sind eng miteinander vernetzt. So gesehen sei Bewusstsein eine subtilere Form von Materie3) - die Basis für alle Beziehungen zwischen beiden liege nicht auf unserer eigenen Wirklichkeitsebene, sondern tief in der impliziten Ordnung. Nach Bohm ist Bewusstsein in unterschiedlichen Graden der Verhüllung und Enthüllung in der gesamten Materie gegenwärtig; das sei womöglich der Grund dafür, dass Plasmen einige Merkmale von Lebewesen haben:

“Die Fähigkeit der Form, aktiv zu sein, ist das charakteristischste Kennzeichen des Geistes, und bereits im Elektron haben wir etwas, das geistähnlich ist.”
Auch eine Trennung in lebendige und leblose Dinge sei ohne Bedeutung, denn belebte und unbelebte Materie sind untrennbar ineinander verwoben - sogar Leben sei "in der Totalität des Universums verhüllt".
Leben und Intelligenz wohnen der gesamten Materie, der Energie, Raum & Zeit und dem "Gewebe des gesamten Universums" inne.
So wie jedes Teilstück eines Hologramms das Bild des Ganzen enthält, sei in jedem Teilstück des Universums das Ganze eingefaltet. Danach müsste in einer Erdnuss die gesamte Milchstraße zu finden sein, und mit ihr auch der Rest des Universums...und ebenso wären die gesamte Vergangenheit wie deren Bedeutung für die Zukunft gleichfalls in jedem kleinen Bereich von Raum und Zeit verhüllt...
"Jede Zelle unseres Körpers birgt den gesamten Kosmos in sich."
Die 'sichtbaren', aus DNA-Molekülen zusammengesetzten Gene wären danach zur expliziten Ordnung zu zählen, während 'der gesamte Kosmos' in der impliziten Ordnung verborgen liege. Mich würde interessieren, was Informatik-Wissenschaftler dazu sagt: Geht mit der unvorstellbar hohen Informationsdichte nicht die Informationstiefe verloren? In einem Hologramm ist dies so: zwar liefert ein kleiner Ausschnitt daraus ein Bild vom Ganzen, aber halt nicht in der selben Tiefe und Präzision.
Wie Boom zum 'Vakuum' im Sinne einer Leere steht, liegt nun schon fast nahe ...das Nichts und die Materieteile existieren nicht unabhängig voneinander, sondern sie sind beide vernetzte Teile des Gewebes. Raum ist nicht leer. Er ist voll (von Energie), ein Plenum anstelle eines Vakuum, und die Grundlage aller Existenz, einschließlich unserer eigenen.
"Das Universum ist eine Kräuselwelle auf der Oberfläche eines kosmischen Energiemeeres, ein vergleichsweise kleines Erregungsmuster inmitten eines unvorstellbar weiten Ozeans. Dieses Erregungsmuster ist relativ autonom und bewirkt periodische, stabile und unterscheidbare Projektionen in eine dreidimensionale explizite Ordnung von Manifestationen."
Wer in diesem Zusammenhang an die "Matrix" als Ausgangspunkt der dreidimensionalen Projektionen denkt, liegt damit gar nicht mal so falsch. Das Naturell solcher Projektionen impliziere zugleich, dass dass es keine objektive Realität gibt, dass unser Universum im Grunde eine Art Fantasie darstelle.
Bleibt nur noch die Frage: Wessen Fantasie? Wer hat dieses Universum in seinem autonomen, aber letztlich auch subjektiven Bewusstsein manifestiert? Ein jeder von uns?



Experimentelle Hinweise

1982 entdeckten ein Forscherteam unter der Führung des Physikers Alain Aspect an der Universität Paris, dass unter bestimmten Voraussetzungen subatomare Teilchen, wie zum Beispiel Elektronen, fähig sind, 'sofort' (auf der Stelle) miteinander zu kommunizieren und zwar unabhängig von der räumlichen Distanz, die sie trennt. Es spielt keine Rolle, ob sie 10 Fuß oder 10 Billionen Fuß voneinander entfernt sind.
Folglich mussten die beiden Teilchen 'nicht-örtlich' miteinander verbunden sein - alles andere hätte einen Verstoß gegen Einsteins Gesetz bedeutet, nach dem keine Kommunikation schnelle als Lichtgeschwindigkeit möglich ist. Weil nun aber alle (?) Teilchen ständig miteinander interagieren, können die ortsungebundenen Eigenschaften von Quantensystemen somit ein allgemeines Merkmal der Natur beschrieben werden (vgl. Paul Davies). Das Holografische Modell wird dadurch zwar nicht final bewiesen, aber sehr wahrscheinlich...4)

Fazit bis hierhin: Erste Umrisse eines neuen Weltbildes zeichnen sich ab – noch unbewiesen, aber plausibel:

  • Unser Gehirn konstruiert auf mathematischem Wege eine scheinbar objektive Realität durch die Interpretation von Frequenzen, die letztlich Projektionen aus einer anderen Dimension sind.
  • Diese andere, höhere Dimension kann aufgefasst werden als verborgene Seinsordnung, die sich jenseits von Raum und Zeit erstreckt.
  • Dabei beherbergt unser Gehirn ein Hologramm, das sich in einem holographischen Universum verhüllt. Daraus kann man die zulässige Schlussfolgerung ziehen, dass die objektive Welt nicht existiert, jedenfalls nicht in der Form, die wir für gegeben halten. 'Außerhalb' befindet sich ein unermesslicher Ozean von Wellen und Frequenzen, aus denen unser Gehirn die 'konkrete' Wirklichkeit (ein Bild von der Außenwelt) konstruiert.-
Träume und bewusstseins-erweiternde Drogen
Nach Talbot lassen Träume sich als “Besuche in Parallelwelten” auffassen. Der Mensch sei imstande, "Bilder aus dem kollektiven Unbewussten" herauf zu beschwören. Sie seien einfach nur kleinere Hologramme innerhalb des größeren und umfassenderen kosmischen Hologramms.

Stanislav Grof, Leiter der psychiatrischen Forschungsabteilung am Maryland Psychiatric Research Center sei nach mehr als dreißigjährigem Studium außergewöhnlicher Bewusstseinszustände zu dem Ergebnis gelangt, dass die holographische Vernetzung der Erforschung unserer Psyche schier unerschöpfliche Möglichkeiten eröffnet. Insgesamt überwachte Grof mehr als 3000 LSD-Sitzungen und analysierte zudem Protokolle von über 2000 Sitzungen seiner Kollegen.
Reaktionen nach wiederholte Einnahme von LSD hätten eine eindeutige Kontinuität von Erlebnisinhalten kranker und 'normaler' Testpersonen gezeigt.

"Die (Erlebnisinhalte) waren nicht unverbunden und beliebig, sondern sie schienen eine sukzessive Enthüllung immer tieferer Schichten des Unbewussten zu spiegeln."
Noch erstaunlicher: viele Patienten gelangten bald über ihre unmittelbaren Probleme, hinaus und schilderten beispielsweise Erfahrung, die sich auf den Aufenthalt im Mutterleib bezogen. Das in solchen Schilderungen enthaltene embryologische Wissen habe weit über dem diesbezüglichen Wissensniveau der Patienten gelegen:
"Die Kranken beschrieben präzise bestimmte Merkmale der mütterlichen Herztöne … und sogar Details der verschiedenen zellularen und biochemischen Vorgänge...bis hin zu wichtigen Gedanken und Empfindungen ihrer Mutter während der Schwangerschaft!"
Einige dieser Aussagen habe Grof durch Befragung der jeweiligen Mütter und anderer Betroffenen verifiziert. Bisweilen habe Bewusstsein einzelner Patienten über die Grenzen des eigenen Ichs hinaus sogar erkundet, was für ein Gefühl es war, ein anderes Lebewesen oder gar ein unbelebter Gegenstand zu sein.
Manche Patienten konnten sich auch in das Bewusstsein ihrer Verwandten und Vorfahren (die vor Jahrhunderten gelebt hatten) versetzen – deutet sich hier eine tragfähige Beglaubigung der bislang doch sehr umstrittenen Nahtoderfahrungen an?

Sogar subjektive 'Zeitreisen' durch die Empfindungen längst ausgestorbener Lebewesen seien unter der Wirkung von LSD möglich gewesen.


Wie weit solche Erinnerungen wirklich zurückreichen können, ist fraglich. Nachweisbar ist jedoch, dass Personen während solche traumartigen Erlebnisse einen Kenntnisstand erlangten, welcher über ihre Vorbildung und ihr einschlägigen Wissen weit hinaus ging (und dass die geäußerten Kenntnisse und Erfahrungen einer späteren Überprüfung standhielten. Die Begeisterung der beteiligten Wissenschaftler spreche für sich:

"Das Einfühlungsvermögen …der LSD-Kandidaten kannte offenbar keine Grenzen. Sie schienen die Fähigkeit zu besitzen, sich in jedes Tier, ja, in jede Pflanze der Evolutionsgeschichte hineinzuversetzen. [...] Mehr noch, sie vermochten Raum und Zeit zu transzendieren."
Nun ja, auch in einem holografischen Universum wird es Phantasievorstellungen geben …nach diversen LSD-Trips wurden Begegnungen mit nicht-menschlichen Intelligenzen, körperlosen Geist- und Energiewesen, Abgesandten 'höherer Bewusstseinsebenen' und anderen supra-humanen Gestalten geschildert…
So entstand nach und nach der Eindruck, als würde LSD dem menschlichen Bewusstsein den Zugang zu endlosen Bereichen des Unbewussten eröffnen, in denen alles mit allem anderen verbunden war. Grof prägte den Begriff transpersonaler Phänomene für Erfahrungen, in denen das Bewusstsein die uns bekannten Grenzen der Persönlichkeit überschreitet – als neue Fachdisziplin der Psychologie entstand die sogenannte 'Transpersonale Psychologie'. (vgl. auch: "Generalisierte Quantentheorie - Eine theoretische Basis zum Verständnis transpersonaler Phänomene", Auszug)

Grof gelangte zu letztlich dem Schluss, die Ergebnisse der LSD-Forschung erfordere eine Revision bestehender Paradigmen in Psychologie Medizin und möglicherweise eine Neubewertung wissenschaftlicher Standpunkte allgemein. Unser heutiges Verständnis des Universums, des Wesens der Realität und insbesondere des Menschen hielt er für oberflächlich, unzutreffend und unvollständig.

Kann das holographische Modell diese Lücke schließen helfen, solange unsere herkömmliche, auf Alltagswahrnehmung gegründete Wirklichkeitsauffassung mit transpersonalen Erscheinungen nicht zu Rande kommt?

Zumindest lassen sich Zusammenhänge zwischen transpersonalen Phänomenen und einem holografisch strukturiertem Alles-was-ist postulieren (unser Universum wäre darin lediglich eine Teilmenge):

  • Die wesentlichen Merkmale transpersonaler Erfahrungen - das Gefühl, dass alle Grenzen illusorisch sind und die Verwobenheit aller Dinge - müssten sich in einem holographischen Universum wiederfinden.
  • ...ebenso der Umstand, dass transpersonale Erfahrungen nicht an gängige Beschränkungen durch Raum und Zeit gebunden sind.
  • Die Tatsache, dass Visionen, Phantasien etc. eine riesige Menge an Informationen über die Persönlichkeit eines Individuums enthalten, könnte mit nahezu unbegrenzten Kapazität von Information erklärt werden, die ein weiteres Merkmal von Hologrammen ist.
  • Glaubt man Grof, so wird eine verborgene holographische Ordnung beinahe jedes Mal offensichtlich, wenn ein Mensch einen außergewöhnlichen Bewusstseinszustand erlebt. Entsprechend Bohms' Vorstellung von den enthüllten und verhüllten Ordnungen' erlauben solche erweiterten Bewusstseinszustände , in verborgene Wirklichkeitsbereiche vorzudringen, die gleichsam in die Alltagsrealität eingebunden und zugleich ihr übergeordnet sind.
Beruhigend: auch ohne Drogen lassen sich solche holotropischen Zustände ("Situation, in der man Zugang erlangen kann zu dem holographischen Labyrinth, das alle Erscheinungsformen des Seins miteinander verbindet") herbeiführen. In der holotropischen Therapie wird die angestrebte Veränderung des Bewusstseinszustands durch kontrollierte Atmung, beschwörende Musik und Massage  herbeigeführt. 


Implikationen: Psychotherapie/Psycholoanalyse
Der Psychiater Edgar A. Levenson sieht im Hologramm ein geeignetes Modell für das Verständnis der plötzlichen Veränderungen ('Transformationen'), die Patienten vielfach während einer Psychotherapie erfahren. Derartige Veränderungen finden unabhängig davon statt, welche Techniken eingesetzt werden. Daraus leitet Levenson ab, alle psychoanalytischen Behandlungsmethoden seien ein bloßes Zeremoniell und die Veränderung werde durch etwas völlig anderes herbeigeführt. Levenson glaubt, dass dieses Etwas die Resonanz ist:
"Es ist, als ob sich in der Therapie … Repräsentation der Erfahrungen des Patienten entwickelt, die alle Aspekte seines Lebens, seiner Vorgeschichte und seiner Beziehung zum Therapeuten umfasst. An einem bestimmten Punkt kommt es zu einer Art "Überbelastung", und alles rückt an seinen Platz." Also vergleichbar dem Neustart eines Computers?
(Kurzer Einschub zum methodischen Hintergrund, da diese Ausführungen für mich vor dem Hintergrund der distanzierten Psychoanalyse-Praxis nach Freud/C.G.Jung nicht nachvollziehbar war: Intersubjektivität formuliert eine erlebensnah orientierte Form psychoanalytischer Theorie und Behandlungspraxis, die sich wesentlich von der klassischen Konzeption Freuds unterscheidet. Erleben entsteht im wechselseitigen Austausch von Subjektivitäten (zwischen Patient und Analytiker). Die Beobachtungsposition liegt dabei stets innerhalb des gemeinsamen Kontextes, d. h. der Analytiker versucht den Patienten aus dessen Perspektive heraus zu verstehen (Empathie) und bezieht seinen eigenen biographischen Hintergrund in die Reflexion seiner Haltung dem Patienten gegenüber mit ein (Introspektion). 
Levenson hält diese Repräsentationen von Erfahrungen für Hologramme, tief vergraben in der Psyche des Patienten, und meint, dass die emotionale Resonanz zwischen dem Therapeuten und dem Patienten sie zutage fördert. Das holografische Modell lege ein radikal neues Paradigma mit neuartige Möglichkeiten vor, um klinische Phänomene zu erfassen und zu verknüpfen.
Der Psychiater David Shainberg schlägt vor, Bohms These "Gedanken gleichen Wirbeln in einem Fluss" wörtlich zu nehmen: Wirbel in Natur und Kosmos sind häufig erstaunlich stabil - analog verhärten sich unsere "Wirbel des Denkens" (unsere Einstellungen und Überzeugungen) sich manchmal so sehr, dass sie gegen jede Veränderung resistent werden. Diesen Umstand kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen: Negative Denkmuster und Introjekte 'von früher' sind sowas von hartnäckig - zumal sie sich auch auf einer nicht bewussten Ebene festsetzen.

Diese 'Zementierung des Denkens' dominiere unser Verhalten und beeinträchtige die Fähigkeit zur Aneignung neuer Ideen und Informationen. Damit schade sie der menschlichen Weiterentwicklung.

Auch negative Verhaltensaspekte lassen sich durch so erklären: 
"Selbstsucht entsteht, wo Menschen in ihrem Ich isoliert sind und nicht das Gefühl der Verbundenheit mit anderen menschlichen Wesen kennen."
Zugleich verspüren Betroffene eine innere Leere, die sie mit allem, was sie (materiell und sozial) an sich raffen können, auszufüllen trachten.
Eine durchaus treffende Diagnose des Konsum- und Profitstrebens unserer Zeit (insofern beides pathologische Züge annimmt und mit einem gesunden Selbsterhaltungstrieb nicht mehr zu erklären ist) – soziale/mentale Isolation und unersättliche Gier versetzen manche Leute in abgestumpfte Gleichgültigkeit gegenüber der Außenwelt ...einschließlich der Folgen, die ihre eigenen Aktivitäten haben.
“Wenn wir zulassen, dass sich dieselben Wirbel immer mehr verfestigen, errichten wir eine Barriere zwischen uns und den positiven und neuartigen Interaktionen, die uns mit dieser unerschöpflichen Quelle allen Seins zuteil werden könnten.”
Die Unbefangenheit und lebhafte Aufgeschlossenheit eines Kindes offenbare das Potenzial eines noch unbehinderten Bewusstseins. Dagegen wird das Urteilsvermögen durch zunehmend verhärteten Überzeugungen gemindert, wo Urteile unbeeinflusst von neuer Information starr bestehen bleiben. Anstatt sich auf einen ergebnisoffenen Austausch einzulassen, werden bloß noch nur die gleichen, eigenen Ansichten herunter gebetet.-


Ein Fehler im Gewebe der Realität?

Dem bekannten Schweizer Psychiater Carl Gustav ("C. G.") Jung verdanken wir unter anderem die Klärung des Begriffs der 'Synchronizität', ein ungewöhnlich Zusammenfallen von Ereignissen, welches man schwerlich allein dem Zufall zuschreiben kann. Talbot meint, jeder von uns habe dergleichen schon erlebt, ein kurzer Ausschnitt aus dem Film "Der seltsame Fall des Benjamin Button" mag der Veranschaulichung dienen:



"Es geht um die Gleichzeitigkeit zweier nicht kausal verbundener Geschehnisse, die sich meistens wie folgt äußern: Ein aus dem Innern kommender Impuls, etwa ein Spontangedanke während eines anregenden Gesprächs oder eine intensive Beschäftigung mit einem Problem oder der Ansatz einer noch unausgereiften Idee wird plötzlich zeitgleich be- oder verstärkt durch eine Begebenheit oder das Auftauchen eines im Zusammenhang stehenden Symbols im unmittelbaren Umkreis. Es ist, als ob quasi aus der Zeit-Dimension ein Echo, eine Art Bejahung, eine Bekräftigung erfolgt."
Die Bedeutung solch 'merkwürdiger Zufälle' liegt in deren Unwahrscheinlichkeit, doch es gibt jedoch eine andere Form der Synchronizität, die in einem offenkundigen Bezug zu Ereignissen steht, die sich tief in der menschlichen Psyche abspielen. Jung und der Zürcher Psychiater Carl Alfred Meier stellten fest, dass diese 'Zufallsereignisse' fast immer in Zeiten emotionaler Intensität und Veränderung auftraten: bei einem grundlegenden Wandel der Überzeugung, bei plötzlichen neuen Einsichten, bei Todesfällen, Geburten und sogar bei Berufswechseln.

Offenbar träten sie wie ein 'himmlischer Fingerzeig' gerade dann auf, wenn neue Einstellung oder Einsicht in unserem Bewusstsein Gestalt annehmen will. So könne die symbolische Botschaft eines Traums offenbar die Grenzen der Psyche einer einzelnen Person überwinden und in die physische Realität übergehen!
Jung konnte sich nicht vorstellen, wie ein seelischer Vorgang ein Ereignis oder eine Serie von Ereignissen in der realen Welt verursachen sollte - er nahm er an, dass hier ein neues Prinzip wirksam sein müsse: dieses übergreifende akausale Prinzip war der Wissenschaft bis dahin unbekannt und stellte sie vor ziemliche Herausforderungen.

Wie nicht anders zu erwarten,wurde Jungs These von den meisten Physikern nicht ernst genommen, doch Wolfgang Pauli hielt verfasste gemeinsam mit Jung das Buch "Naturerklärung und Psyche" zu diesem Thema.
Erst nachdem die Existenz von nicht-ortsgebundenen Beziehungen auf der subatomaren Ebene nachgewiesen wurde, erschien Jungs These in einem neuen Licht - und der englische Physiker Paul Davies erklärte:
"Diese nicht-örtlichen Quanteneffekte sind eine Form der Synchronizität in dem Sinne, dass sie eine Verbindung [...] zwischen Ereignissen herstellen, bei denen jede kausale Verknüpfung ausscheidet."
Und David Peat glaubt, dass die Jungschen Synchronizitäten nicht nur real sind, sondern auch eine weitere Bestätigung der impliziten Ordnung darstellen. Wir erinnern uns: Laut Bohm die ist Trennung von Bewusstsein und Materie eine Illusion. Synchronizitäten können als Indiz dafür angesehen werden, dass tatsächlich keine Trennung zwischen der physischen Welt und unserer inneren psychischen Wirklichkeit besteht. Peat hält Synchronizitätsereignisse für "Fehler" im Gewebe der Wirklichkeit, die uns einen flüchtigen Blick auf die umfassende und geschlossene Ordnung der gesamten Natur gestatten. (In der 'Matrix' treten solche 'Fehler' ebenfalls auf, z.B. in Gestalt des deja vu mit der Katze...).
Die Seltenheit solcher Erlebnisse zeige nicht nur, wie weit unser Geist sich von dieser allgemeinen Realitätsebene entfernt habe, sondern auch das ungeheure Potenzial dieser 'wahren Ordnung'.
Diese Überlegung hat erstaunlich weitreichende ("bestürzende") Konsequenzen: Unser gängiges Weltbild lebt von der Prämisse, dass die subjektive und die objektive Wirklichkeit deutlich voneinander getrennt sind. Wenn es jedoch letztlich keine Trennung zwischen der materiellen Welt und den psychischen Vorgängen in unserem Innern gibt, dann gleiche die objektive Wirklichkeit in höherem Maße einem Traum, als wir bislang zu wissen glaubten!
(Hm...ich bin bislang stets von einer Art 'Einbahnstraße' ausgegangen - in dem Sinne, dass unsere Seele und Traumwelt durch die 'objektive Wirklichkeit' beeinflusst werde, aber nicht umgekehrt: Falls Talbot und Bohm richtig liegen, ist aber die wahrgenommene 'Realität' teilweise ein Produkt des Geistes, der seinerseits mit einem kollektiven Gesamtbewusstsein interagiert! Richtig ist: in meinen Träumen durchlebe ich Sequenzen und besuche Orte, welche mit meinen bisherigen Erinnerungen absolut nichts gemeinsam haben...oft habe ich mich gefragt: 'Wo kommen diese merkwürdigen, aber eindrucksvollen Traumerlebnisse her...soll mein Geist bzw. mein Unterbewusstsein sich das alles alleine ausgedacht haben?' 
Die Vermutung, dass unsere Gedanken Wirklichkeit (er)schaffen können, ist vielleicht gar nicht so 'esoterisch'.)
In einem holographischen Universum existieren weitreichende Wechselbeziehungen zwischen allen Dingen, ohne dass Materie und Geist strikt voneinander getrennt sind. Damit entfällt eventuell einiges an Erklärungsschwierigkeiten, die in unserem herkömmlichen Wirklichkeitsbild immer dann auftreten, wenn wir einem scheinbar ‘übernatürlichen’ Phänomen begegnen. Der Gedanke, dass dieser Eindruck nur durch unsere begrenzte Wahrnehmung der Realität entsteht, ist faszinierend – wenn auch nicht neu. Neu am holografischen Prinzip ist, dass solche Phänomene erstmals erklärbar werden könnten, ohne dass Naturwissenschaftler sich angewidert abwenden müssten…

An dieser Stelle von Talbots Buch will ich es bewenden lassen. Denn in nachfolgenden Buchkapiteln befasst der Autor sich mit Wundern und Heiligen-Reliquien – ein Bereich unserer Realität, zu dem es mir persönlich an der nötigen Aufgeschlossen fehlt…
Vielleicht liegt darin eine Gefahr, wenn man sich intensiv mit 'alternativen Wirklichkeitsmodellen' auseinandersetzt(?): Im Alltagsleben sind wir darauf angewiesen, reale von irrealen Eindrücken zu unterscheiden...andernfalls ginge uns die Fähigkeit verloren, uns in der Gemeinschaft mit anderen Menschen in jener intersubjektiven Realität zu orientieren, welche gemeinsam als 'wahr' oder 'echt' wahrgenommen wird. Im Extremfall würde dann ein jeder von uns ausschließlich 'in seiner eigenen Welt' leben - was kaum wünschenswert erscheint in einem Universum, in welchem doch 'alles eins ist'...
--- 
Ergänzungen und Anmerkungen 
  1. Woher nehmen wir uns eigentlich das Recht für solche und weitaus schlimmere Versuche an lebenden, empfindungsfähigen Geschöpfen? Solche Experimente werden zudem noch zig-fach wiederholt…und dennoch betrachtet der Mensch sich als 'moralisch überlegene Spezies' ! In Wahrheit ist es doch so: wir tun es, weil wir es können – und weil es einen materiellen Nutzen verspricht. 
  2. Ein Hologramm ist eine fotografische Aufnahme, die … ein dreidimensionales Abbild des Ursprungsgegenstandes wiedergibt. Ein holografischer Film repräsentiert nach Bohm und Talbot eine implizite Ordnung: Das in seinen Interferenzmustern kodierte Bild ist eine verborgene Totalität, die sich im Ganzen verhüllt. Dagegen stellt das durch den Film projizierte Hologramm eine explizite Ordnung dar, es ist die enthüllte und wahrnehmbare Version des Bildes. 
  3. Dieser Aussage begegnen wir interessanterweise bei Mystikern, Spiritualisten und in der Esoterik: hier werden Materie und Geist als unterschiedlich verdichtete Formen ein und desselben ‘Urstoffes’ aufgefasst. Der Grad der Verdichtung wird oft durch Begriffe wie feinstofflich und grobstofflich bezeichnet. 
  4. Besonders interessant ist die Einschätzung von Brian Josephson (1973 Nobelpreis für Physik) im Hinblick auf eine eine fragliche Synthese zwischen naturwissenschaftlichen Modellen und der Existenz einer schöpferischen, planenden Intelligenz: Josephson glaubt nämlich, mittels Bohms impliziter Ordnung könne eines Tages sogar für Gott oder die Seele ein Platz in den Naturwissenschaften darstellbar werden. 
  5. In diese Richtung weist auch die psychologische Feldtheorie von Kurt Lewin, der u.a. von der "Durchlässigkeit der Grenzen" spricht: die Abgrenzung eines Babys oder Kleinkindes zu seiner Umwelt ist vergleichsweise minimal, doch nimmt diese Durchlässigkeit mit zunehmendem Alter ab. Je nach Persönlichkeit und abhängig vom 'Druck von Außen' ist diese Grenze wie eine 'semipermeable Membran'; wie sich die 'Wirbel des Geistes' auf die Bereitschaft auswirken, abweichende Meinungen anzuhören und zu prüfen, ist offensichtlich.