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Sonntag, 1. Dezember 2013

Der restriktive Umgang der Euro-Politiker mit der Wahrheit



Der Fantast verleugnet die Wahrheit vor sich, der Lügner vor anderen.
Friedrich Nietzsche


Wenn ein hochkarätiger Unternehmer wie Hans-Olaf Henkel sein Vorwort unter die Überschrift "Von Lügnern und Fantasten" stellt, verspricht sein Buch "Die Euro-Lügner" mindestens interessant zu werden.



Hans-Olaf Henkel (* 14.3.1940) ist ein deutscher Manager, Verbandsfunktionär und politischer Publizist. Er war Manager bei IBM, Präsident des BDI und Präsident der Leibniz-Gemeinschaft.Henkel ist Mitglied der Aufsichtsräte von Bayer AG (Leverkusen), Continental AG (Hannover), Daimler Luft- und Raumfahrt AG (München), SMS GmbH (Düsseldorf), Ringier AG (Zofingen/Schweiz) und Heliad Equity Partners (Frankfurt/Zürich).

Seit November 2000 lehrt er als Honorarprofessor am Lehrstuhl Internationales Management der Universität Mannheim und hält dort die Vorlesung „Management in einer globalisierten Welt". Henkel galt als
 überzeugter Anhänger des Euro und setzte mich als BDI-Präsident vehement für seine Einführung ein, da er die Vorteile für den Industriestandort Deutschland im Vordergrund sah.




Einmal Euro, immer Euro
Erst seit relativ kurzer Zeit werden in den Mainstream-Medien offen die Euro- Rettungsmaßnahmen kritisiert, welche ganze Nationen in Geiselhaft nehmen. Sogar an einer Kanzlerin wird Kritik geübt, die ihre fatalen Entscheidungen als alternativlos verkaufe. Doch beziehe sich solche Kritik allein auf die Rettungspakete, die ärgerliche Verschuldungsspirale sowie Angst vor zukünftiger Inflation- seltsamerweise jedoch nie auf den Euro selbst. Die Einheitswährung werde weiterhin mit geradezu sakrosankter Bedeutung befrachtet. Fast schon komisch: "Der Euro soll also bleiben. Doch die Maßnahmen, die sein Überleben garantieren sollen, nicht."

Eine widersprüchliche Haltung, denn ohne die Billionen-Bürgschaften gäbe es bald auch keinen Euro mehr. Henkel bezeichnet es als Euro-Schizophrenie, wenn man sich in Deutschland trotz aller Ängste mehrheitlich dem Euro-Dogma unterwerfe. 

'Fiat iustitia, et pereat mundus' bedeutet in diesem Kontext sinngemäß: Der Euro muss durchgesetzt werden, auch wenn Europa darüber zugrunde geht.
"Die Wahrheit ist, dass Europa nicht durch die Krise des Euro, sondern durch den Euro selbst bedroht ist."
Etwas weitschweifig, aber in der Sache treffend greift Henkel die mangelhafte Haushaltsdisziplin der Krisenländer innerhalb der Eurozone an. Und die Kanzlerin steckt Häme ein für ihre Aufspaltung von Politik in eine open agenda (= was man sagt, das man tun will) und eine hidden agenda (= was man anschließend tatsächlich tut - oder eben nicht tut, je nachdem).

Gelogen haben sie alle...
...beginnend damit, dass sie sich selbst etwas vormachten: wenn Politiker realisieren müssen, wie sehr ihre Wunschvorstellungen mit der Wirklichkeit kollidieren, ändern sie nicht etwa ihren Kurs (was unangenehme Konsequenzen hätte). Nein, sie versuchen mit allen Mitteln, "den Abgrund, der sich zwischen ihrer leidenschaftlichen Überzeugung und den deprimierenden Fakten aufgetan hat, mit Worten zu füllen".
Somit, so Henkel weiter, lügen sie in Bezug auf den Euro zwar für einen mutmaßlich guten Zweck - was aber am Tatbestand der Lüge nicht das geringste ändert. 

Doch was sagt die Tatsache von so vielen Unwahrheiten und Fantastereien in Bezug auf deren Gegenstand aus - also die Kunstwährung der Eurozone?

Kann ein politisches Ziel nur durch gezielte Unwahrheiten erreicht werden, so muss es um dieses Ziel schlecht bestellt sein. Dass in der Euro(pa)-Politik inzwischen der Zweck beinahe jedes Mittel heilige, komme einer machiavellistischen Rezeptur gleich - welche erst durch die Entlarvung der Griechen offenkundig geworden sei. Schon die Beitrittskriterien in die Euro-Zone seien bei mehreren Kandidaten zu lax gehandhabt worden - ganz zu schweigen von der Tatsache gefälschter Wirtschafts- und Finanzdaten.


Jean-Claude Juncker (2012)
Beginnend mit dem früheren Chef der Euro-Gruppe,Jean- Claude Juncker, schildert Henkel den Typus des Poli-tikers, dem zur Rettung des Euro jedes Mittel recht sei: etwa vollendete Tatsachen zu schaffen, sodass den Bürgern nichts übrig bleibt, als diese abzunicken. Wenn man ihnen denn überhaupt die Gelegenheit zum Abnicken gibt, was hierzulande bei dem ganzen ESM-Chaos wohlweislich vermieden wurde - obwohl es um nicht weniger als die Aufgabe der parlamentarischen Haushaltshoheit ging.



Für Juncker habe die Aufgabe eines Europapolitikers darin bestanden, gerade nicht zu tun, was sein Volk von ihm erwartete, sondern dieses Volk zu dem zu zwingen,
was er von ihm erwartet: die Aufgabe seiner Souveränität!

Besonders kritisch sieht Henkel, dass Juncker im Jahr 2010 als Patentlösung für die Eurokrise gemeinschaftliche Anleihen vorschlug, die sogenannten Euro-Bonds: 

Solche EU-Anleihen sind eine bislang nicht realisierte Form von Staatsanleihen in der der Eurozone: EU-Staaten würden gemeinsam Schulden am Kapitalmarkt aufnehmen, die aufgenommenen Mittel unter sich aufteilen und gesamtschuldnerisch für die Rückzahlung und Zinsen dieser Schulden haften.
Mit anderen Worten: Die Nordstaaten der Euro-Zone, allen voran Deutschland, sollten für die Schulden der Südländer bürgen. Dadurch würden sich die Kapitalzinsen für die kreditwürdigen Staaten massiv erhöhen; während die 'bedürftigen' Länder von dem vergleichsweise geringeren Gemeinschaftszinssatz profitieren würden.
"...Konstruktionsfehler: Muss der Leistungsträger für die Schulden jener bürgen, die weniger Leistung bringen, fehlt für Letztere der Reiz, überhaupt noch Anstrengungen zu unternehmen."
Für die Empfänger von Leistungen wächst zugleich die Versuchung, weitere Schulden zu machen - die im ungünstigsten Falle ebenfalls von der Währungsgemeinschaft zu tragen sind. Zudem fühlt sich für vergemeinschaftete ('sozialisierte') Schulden am Ende niemand mehr verantwortlich. Doch die Gemeinschaftsschulden müssen letztlich bedient werden - und zwar durch jene Staaten, die am Ende eines so abenteuerlichen und unverantwortlichen Experimentes noch liquide sind. 
EU-Anleihen wurden bis heute nicht eingeführt, auch dank des heldenhaften und standhaften Vetos unserer Kanzlerin. Statt dessen wurde mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) eine andere, etwas indirektere Form der gemeinschaftlichen Schuldenhaftung eingeführt. Nichts anderes ist es, wenn die gemeinschaftlich verantwortete EZB Unmengen potenziell wertloser Staatsanleihen der Staaten aufkauft, die nur auf diesem Wege vor der Pleite bewahrt werden können!

Von Juncker stamme auch die ungeheuerliche Anspielung Anfang 2013, dass 1913 das letzte echte Friedensjahr vor den beiden Weltkriegen war. Was wohl so viel heißen soll wie "Jahr 2013 könnte wiederum ein Vorkriegsjahr werden - und klar an die Adresse der europamüden Deutschen, gerichtet war, die sich zweimal gegen Europa gestellt und dafür totale Zerstörung und Inflation ernteten. Diese vergleichende Drohkulisse hinkte nun wirklich, doch er verfehlte seine einschüchternde Wirkung nicht. 

"Wenn ihr nicht spurt, gibt es wieder aufs Haupt!"
Sicher, dass es seit vielen Jahrzehnten keinen Krieg zwischen Europäern gab, ist weder Garantie noch Automatismus für die Zukunft, doch eine Zuspitzung währungspolitischer Dissenzen zu einem Krieg innerhalb Europas steht derzeit nicht zu erwarten.

In Bezug  auf Wolfgang Schäuble fürchtet Henkel, dass dessen unbeirrbares Sendungsbewusstsein und eurozentrische Weltsicht ihn für Deutschland regelrecht zur Gefahr werden lässt - der deutsche Finanzminister sich zu sehr um die Finanzen der

anderen Länder. Unvergessen sind Schäubles Worte 2011 der New York
Times
"Wir können eine politische Union nur erreichen, wenn wir eine Krise haben."
Rückblickend ließe sich manches in diese Aussage hinein interpretieren, doch die explizite Bedeutung lässt auch tief blicken: So eine Krise ist (für einen Politiker wie Schäuble) eigentlich eine gute Sache, zwingt sie doch die Menschen zur Annahme von
Beschlüssen wie zur wirtschaftlichen und politischen Einheit Europas, die sie ohne Krise wohl zurückgewiesen hätten.

Hans-Olaf Henkel kommt unter der Überschrift 'Alles Lügner' nun an einen Punkt, den er sich m.E. besser geschenkt hätte: in einer umfänglichen Liste von Straftaten und persönlichen Bereicherungen charakterisiert er die Unredlichkeit führende Vertreter der Nehmerländer, "denen wir unsere Milliardenbürgschaften anvertrauen". Nun, hier handelt es sich nach wie vor um Einzelfälle, wenn auch nicht wenige. Es liegt kaum im Interesse der Deutschen, wenn sich Südeuropäer pauschal als korrupt und wenig integer beleidigt fühlen. Zwar halte ich Henkel zugute, dass er eine solche Generalisierung auch nicht beabsichtigt, doch Polemik steht ihm nicht weit weniger gut zu Gesicht als eine sachliche Analyse. Doch ich gebe zu, mit Polemik erreicht man mitunter mehr...

Die Kreditwürdigkeit der Empfängerländer hat ohnehin keine Relevanz, solange dieder hiesigen Politiker diese Form der Alimentierung von Fässern ohne Boden als alternativlos erachten. Dies ist allerdings der einzige Punkt in Henkels Buch, der mir so gar nicht gefallen will. Traurigerweise nehmen die faktischen Belege kein Ende, dass für die Politik in Sachen Euro "die Wahrheit ein viel zu fragiles Gut ist, um sie der breiten Masse anzuvertrauen." 
Ergänzend ist hier noch anzumerken, dass es nicht allein um Ersparnisse und Wirtschaftsleistung der Deutschen geht, sondern um das Wohlergehen aller europäischen Bürger! Dies wird durch Win-Win-Situationen weitaus besser realisiert als durch eine hintenrum erzwungene Transferunion!

Den Beweis dafür, dass der Souverän dieses Landes (ich meine das Volk, nicht die Banken und Kapitaleigner) systematisch belogen wird, bleibt Henkel nicht schuldig - im Gegenteil: nach ca. zweihundert Seiten war ich versucht, das Buch aus der Hand zu legen, denn mir reichte es buchstäblich. 
  • Als 2010 das erste Rettungspaket für Griechenland beschlossen wurde – lumpige 110 Milliarden Euro –, ließ man die Bürger in dem Glauben, es sei auch das letzte...von wegen. Wieder und wieder diesen Anschein zu erwecken, entpuppte sich als Salamitaktik, bei der die Wahrheit nur scheibchenweise ans Licht kommt: Das zweite Griechenland-Paket belief sich auf die 164 Milliarden €, gefolgt von Kredithilfen an Irland mit 85 Milliarden €, an Portugal mit 78 Milliarden €und rund 40 Milliarden Euro für Spanien. Das Tragische: selbst nach diesen horrenden Summen ist ein Ende nicht abzusehen....
  • Die geplante EU-Bankenaufsicht sieht Henkel als Bankenunion 1) durch die Hintertür, die deutsche Spareinlagen (insbesondere bei Sparkassen und Genossenschafts-banken, die sich wenig an der ausufernden Zockerei beteiligt und so hohe Einlagen erwirtschaftet hätten, vgl. Euro-Retter schielen auf den Schatz der Sparkassen) der europäischen Idee opfern ohne die Betroffenen darüber ausreichend zu informieren, geschweige denn ihnen die Möglichkeit zu geben, dagegen zu votieren...
    Bereits 
     im Mai 2013 hatte Junckers Nachfolger Jeroen Dijsselbloem eine "einheitliche europäische Einlagensicherung" gefordert, denn eine Bankenunion sei langfristig ohne gemeinsamen Einlagensicherungsfonds nicht vollständig. Auch Henkel räumt ein, dass die fortgesetzte Rettung  südeuropäischer Banken (und damit des Euro) nur mit einer gemeinschaftlichen Einlagensicherung denkbar sei.
  • Die Bereitschaft von EZB-Präsident Mario Draghi, zur Not unbegrenzt Staatsanleihen aus Schuldnerstaaten aufzukaufen, erweist sich als riskante Zeitverschiebung des Schuldenproblems. Sobald diese Staatsanleihen, die ins Eigentum der EZB übergehen sind, sich endgültig  als wertlos erweisen, "gibt es keine Rettung mehr."
Henkel nennt dieses Gebaren eine "Verteilungsaktion deutscher Ersparnisse", die im rechtsfreien Raum stattfinde und bei der die Empfänger werden zu wenig oder zu nichts verpflichtet würde. Ist dies so? Schließlich ist da doch die sogenannte Troika aus EU, EZB und IWF - ein "reisendes Schnellgericht", das keinerlei demokratische Legitimation besitzt, aber den Nehmerländern drakonische (und verpuffende) Sparziele diktiert.


Ein Ausweg aus dem 'Schneeballsystem' Euro

Das systematische Verschweigen der Wahrheit über Euro und Rettungsschirme lege 
Verdacht nahe, es handle sich um eine Verschwörung - in dem Sinne, dass Doch wenn
eine Gruppe von Menschen sich heimlich verabredete, etwas Unrechtes zu planen und
durchzuführen. Der frühere Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl ging bereits 2010 davon aus, dass Krisenszenarien von den Politikern bewusst aufgebaut würden, um ihre fragwürdigen Entscheidungen konsensfähig zu machen. Zumindest auf Juncker, Schäuble und Merkel trifft diese Annahme offensichtlich zu. 
Man kann Henkel nur zustimmen: Es zeugt von Zynismus, die Bürger mit bewusst ausgelösten Szenarien zu ängstigen und ihre Verlust- und Zukunftsängste zu instrumentalisieren.

Den Ausgangspunkt der 'Euro-Verschwörung' habe eine Lüge gebildet, die eine spezielle Eigendynamik entfaltete und so weitere Umgehungen der Wahrheit nach sich zog. Das Resultat: ein fragiles Ideenkonstrukt wurde für eine wachsende Zahl von Mitläufern zum unbezweifelbaren Dogma.

"Eine Lüge ist wie ein Schneeball - je länger man ihn wälzt, umso größer wird er.Martin Luther
Dieses Zitat drängt mich förmlich auf die Idee, den Euro mit einem dieser Schneeballsysteme zu vergleichen, die schon viele Leute um ihre gesamten Ersparnisse brachten. Tatsächlich habe sich der 'Euro-Schneeball' verselbstständigt und nun "walzt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt". Parallel hat der Euro sehr der Euro auch in anderen Nicht-Euroländern seine einstige Attraktivität eingebüßt - zumindest auf absehbare Zeit.
"Heute entschuldige ich mich bei den Deutschen dafür, damals für eine Währung geworben zu haben, von der ich heute weiß, dass sie nicht nur unserem Land, sondern ganz Europa sehr viel mehr schadet als nützt."
Henkels Lösungsansatz: er schlägt vor, dass sich die wirtschaftsstarken nördlichen Euroländer, vom Einheits-Euro ab- und dem neu zu schaffenden Nord-Euro zuwenden. Diese Neustrukturierung hätte zwar den Nachteil, dass diese Staaten einen Großteil der gewährten Garantien und
Kredite ausbuchen müssten; deren Höhe beziffert er mit etwa 300 Milliarden €, Tendenz steigend.
Doch auf diesem Wege würde ein, wenn auch schmerzhafter Reset ermöglicht, der sowohl dem Norden als auch dem Süden Europas zu einer positiveren Zukunftsaussicht verhelfen könnte als der derzeitige 'Euro-Morast'...


Anmerkungen

  1. Als Europäische Bankenunion bezeichnet man die im Zuge der Eurokrise gemachten Vorschläge für eine zentrale und gemeinsame Verantwortung für die Finanzmarktaufsicht, die Einlagensicherung und die Sanierung oder Abwicklung von Kreditinstituten innerhalb der Europäischen Union. Konkret werden damit unterschiedliche Maßnahmen gemeint: 
  • eine Finanzaufsichtsbehörde mit Entscheidungsmacht für alle Mitgliedstaaten der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, 
  • ein Zusammenschluss aller nationalstaatlichen Systeme der Einlagensicherung der Banken, 
  • die Möglichkeit, Finanzhilfen aus dem Rettungsfonds Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM) direkt an angeschlagene Kreditinstitute zu vergeben, anstatt diese an Staaten zu leisten.

Mittwoch, 7. November 2012

Düstere Zeten? An der Schwelle zum 'postpolitischen Zeitalter’

Wahrlich dunkle, chaotische Zeiten kommen auf uns zu, glaubt man Hans Ulrich Gumbrecht, dem Verfasser des Artikels “Barack Obama und das Ende der Politik (7.11.2012, WELT Online). Danach markiere Die US-Wahl den Beginn einer Wende, der wir uns noch nicht bewusst seien: Die zukünftigen Gestaltungsoptionen der Politik – nicht nur in den USA, sondern weltweit – werden in den kommenden Jahren abnehmen – vor dem Hintergrund ökologischer und sozialer Bedrohungen (u.a. der realistischen Gefahr eines dritten Weltkrieges), welche die Menschheit vor Unausweichliches stellen.

Was meint H. Gumbrecht damit?
Die Zukunft wurde bislang wahrgenommen als “offener Horizont von Möglichkeiten”, die uns allen (also ...mit uns waren gewöhnlich die Einwohner westlicher Länder gemeint) zur Wahl stehen. Theoretisch jedenfalls. Und wenn man unbeirrbar an idealisierte Prämissen wie Chancengleichheit festhielt. 

Genau darin, in der Bereitstellung 'unbegrenzter' Zukunftspotenziale erweise sich die Gestaltungsmacht, indem man sich in der Politik angesichts zurückliegender Erfahrungen an diesen Auswahlmöglichkeiten orientiere.

Und was hat sich nun geändert?
“Das postpolitische Zeitalter bricht an. […]"
Als "postpolitisch" bezeichne man das Verhältnis der politischen Handlungsmöglichkeiten zu einer Zukunft nennen, die von Bedrohungen erfüllt ist - welche unvermeidlich und unumkehrbar auf uns zukommen – statt offen und gestaltbar zu sein. Die Alltagssituationen, auf die Politiker heute stoßen, erscheinen – mit Gewissheit – in diesem Sinn vor allem als postpolitische.
Soll wohl heißen: der Gestaltungsraum von Politikern beschränkt sich bald darauf, wohlklingende Nullsätze von sich zu geben und einen Beitrag zu unserer Unterhaltung zu leisten. Verändern, optimieren, Lebensumstände vieler (der meisten) Einwohner verbessern - das war mal. Ist es das, was Gumbrecht seinen Lesern mehr oder weniger schonend vermitteln möchte?
"Das beginnt mit ökologischen Bedrohungen, von denen wir längst nicht mehr glauben, dass sie abzuwenden sind – weshalb wir uns endlich daranmachen, unser individuelles Leben auf sie einzustellen.”
Dass unangenehme Veränderungen vor uns liegen oder zumindest liegen könnten, wird kaum jemand bestreiten:
  • Globale ökologische Veränderungen lassen sich nicht mehr ignorieren – wobei besorgte Fachleute sich fragen, ob das sich derzeit abzeichnende Ausmaß nur der Anfang von weit Schlimmerem sei.
  • Ebenso lässt sich, wenn auch noch nicht ganz so deutlich, eine heftige Auseinandersetzung um den Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen vorausahnen. Ob dieser Krieg zunächst längere Zeit in der Medienwelt, mit wirtschaftlichen Instrumenten und als Cyberwar ausgefochten wird, bevor er militärisch eskaliert, ist von nachgeordneter Bedeutung.
    Eine Phase der Ressourcen-Erschöpfung liegt unweigerlich vor uns, denn nicht allein Erdöl, sondern etliche andere Rohstoffe werden in den kommenden 30 bis 100 Jahren unweigerlich aufgezehrt sein. Dazu zählen u.a. auch technologisch und wirtschaftlich bedeutsame Metalle wie Kupfer und Silber. Aber auch scheinbar Selbstverständlicheinberghes wie sauberes Trinkwasser dürfte binnen Jahrzehnten zu einem ausgesprochen knappen Gut werden – schon heute besetzen 1,1 Milliarden Menschen keinen Trinkwasser-Zugang.

    Gegenwärtig sind in mehr als 30 Ländern Aufstände im Gange oder stehen bevor, weil sich die dort ansässigen Menschen die überteuerten Lebensmittel nicht mehr leisten können. 
So kommt auch Richard Heinberg ("Jenseits des Scheitelpunkts") zu der Einschätzung:
Ohne grundlegende Wende im Denken und Handeln, die auch schmerzhafte Einschnitte und Verzicht einschließt, kann es keine Zukunft geben.
Pessimisten (sofern diese eher negative Einordnung überhaupt noch Bestand hat) entwerfen ein apokalyptisches Szenario: Vor uns lägen “Ressourcenkriege und gesellschaftliche Zusammenbrüche, Inflation und Deflation, Kriminalität und Agonie, Diktatur und Todesstrafen”.
Heinberg und offenbar auch der Verfasser des eingangs zitierten WELT-Artikels fragen daher nicht länger „Wie wollen wir leben?“ – sondern:
 „Wie werden wir leben müssen?“
Tatsache ist: unser Überleben über das gerade begonnene Jahrhundert hinaus könnte davon abhängen , welche Fortschritte wir in der Raumfahrttechnologie machen1) ...und wie schnell diese Fortschritte erzielt werden.
Der Zusammenhang mit der Wahl des US-Präsidenten (2012) ist schnell hergestellt: Die amerikanischen Politik Gesellschaft lasse die Anzeichen einer Umstellung von einer utopisch gewordenen Zukunft der Möglichkeiten zu einer Zukunft unvermeidlicher Bedrohungen und Reduktionen deutlich sichtbar werden.
Eingestellte Zukunftsprojekte und vor allem die finanzielle Belastung der Zukunft werden als Merkmale dieser bevorstehenden Umstellung genannt.


Obama habe sich “konsequenter und auch erfolgreicher auf den postpolitischen Zukunftshorizont eingestellt” als irgendein anderer Politiker der Gegenwart. Deshalb sei es ihm erkennbar schwerer gefallen, auch seinen zweiten Wahlkampf mit dem Nimbus des erfolgsorientierten, vom Glauben an das Machbare beseelten Visionärs zu führen.
Europa dagegen habe die schmerzhafte Einsicht noch vor sich, wonach eine offene Zukunft der Vergangenheit angehört.
Bis vor wenigen Jahren neigte ich zu naiv-zweckoptimistischen Annahme zugeneigt, dass der menschlichen Spezies auch weiterhin ein relativer Gestaltungsrahmen offen stehen werde. Doch heute ich räume ein, dass dieser Zweckoptimismus sich bald als Illusion erweisen mag. Diesbezügliche Überlegungen habe ich hier zusammengestellt: "Boden-Ressourcen werden knapp - Droht ein Rückfall in vorindustrielle Zeiten?"


Über welchen Zeithorizont reden wir hier?


  • Über 14 - 24 Jahre, weil 2029 oder 2039 Apophis wiederkommt und (wieder einmal) der Weltuntergang anberaumt ist? Kaum.
  • Über die Dauer einer US-amerikanischen Legislaturperiode, also vier Jahre? Dieser Ansicht scheint Gumbrecht zu sein, der augenscheinlich ein zeitnahes böses Erwachen seiner amerikanischen Landsleute und letztlich der gesamten Weltbevölkerung erwartet.

Soweit ich dies überhaupt beurteilen kann, werden vor uns liegende Veränderungen über einen längeren Zeitraum von mehreren Jahrzehnten hinweg sukzessive eintreten – abgesehen von hinreichend hässlichen Krisenperioden, wie sie bereits im 20. Jahrhundert auftraten. Mit einer langsamen, aber unaufhaltsamen Verschärfung der Lebensbedingungen ist in dem Maße zu rechnen, wie grundlegende Bodenressourcen knapper werden und die Auswirkungen der ökologischen Schäden sich ausweiten.

Damit bagatellisiere ich die Bedrohungen der Zukunft (sollte man eher von der ‘Zukunft der Bedrohungen’ sprechen?) keineswegs! Lediglich bezweifle ich, dass wir irgendetwas davon bereits als endgültig feststehend ansehen sollten – dann dadurch würden wir uns (auch als Individuum) sämtlicher Gestaltungsoptionen berauben, sowie der Motivation zu unangenehmen, aber zwingend notwendigen Turnarounds.
Ein ‘post-politsches’ Zeitalter? Bei aller Kritik am politischen Personal hoffe ich sehr, dass dergleichen niemals eintritt…

Anmerkungen
1) Vgl. dazu: "Raumfahrt sichert das Überleben der Menschheit"
NASA-Chef Michael Griffin sieht in Erforschung des Weltalls Schlüssel zum Überleben. Für ihn gibt es für die Raumfahrt nur ein Ziel: Der Mensch muss das Sonnensystem besiedeln…

Sonntag, 2. September 2012

History: Eine Lücke von fast 40 Jahren (1950–1987)

Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts habe ich fälschlicherweise fast nur unter dem Eindruck zweier Weltkriege, der Weimarer Republik und des NS-Regimes gesehen. Die Zeit der Wiedervereinigung ist aus eigener Erinnerung präsent, deshalb wandert sie nicht wirklich in die Schublade mit dem Label ‘Geschichte’.
Erst mit dem Streit um den NATO-Doppelbeschluss sowie den riesigen Friedensdemos erwachte mein eigenes Interesse am Zeitgeschehen; ab da setzen auch Erinnerung und Wissen wieder ein.

Doch die Jahre dazwischen, fast vier Jahrzehnte, bilden eine Lücke, wie ich in diesen Tagen bemerke. Aus diese Zeit tauchen nur einige ‘Highlights’ oberflächlich vor meinem geistigen Auge auf, meist in Form markanter Bilder – aber Zusammenhänge sind kaum präsent.
In Deutschland erinnere ich das Foto des von der RAF entführten
Hanns Martin Schleyer; von internationalem Geschehen nicht viel mehr als damals unverstandene Fotos explodierenden Napalms über Vietnam und das Bild des Mädchens mit schwersten Verbrennungen (sie heißt Phan Thị Kim Phúc). Ich erinnere mich vage, dass ich damals schlecht schlief und viel träumte.

Letztlich weiß ich mehr über Sumerer, Griechen, Römer, das Alte Israel bis hin zur Kirchengeschichte samt Simonie, Kreuzzügen, Ketzer-Bashing und Inquisition als über diesen wichtigen Teil der Nachkriegsgeschichte. Dies ist kaum dem zu oft gescholtenen Bildungssystem vorzuwerfen, sondern eine Folge selektiver, interessengesteuerter Aufmerksamkeit und Wahrnehmung.

Um diese Lücke systematisch zu füllen fehlt mir vor dem Eintritt ins Rentenalter die Zeit; sinnvoll und möglich ist es eher, die politisch und gesellschaftlich relevanten Themen dieser Zeit punktuell zu erarbeiten -nach und nach…

So sind die nachfolgenden Filmbeiträge samt kurzer Erläuterungstexte nicht als vollständige Darstellung der Entstehung des Terrorismus im Deutschland der Nachkriegszeit aufzufassen – sondern lediglich einzelne Meilensteine auf diesem Weg.

 

Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte

Beeindruckend die Schilderung von Hans Christian Ströbele, wie er unter dem Eindruck der Ereignisse während und nach dem Schah-Besuch zu der persönlichen Entscheidung gelangte, selbst Partei zu ergreifen und sich auf die Seite der Außerparlamentarischen Opposition (APO) zu schlagen. Sein Lebensweg dient m.E. als klarer Beleg dafür, dass ein Politiker über Jahrzehnte hinweg seinen Idealen und sich selbst treu bleiben kann.

In Bezug auf Otto Schily (“Nur Idioten ändern sich nicht”) ist dessen Entwicklung interessant zu beobachten, wie ein ‘knallharter Innenminister’ aus einem den sehr kritisch gegenüberstehenden Rechtsanwalt hervorgeht.
Seine harten Worte im Anschluss an die Terroranschläge von 9/11 – etwa zu Fragen wie Sicherheit, Datenschutz und Bürgerrechten -  lässt nicht unbedingt auf einen ‘Seitenwechsel’ schließen, es wird aber deutlich, um wie deutlich sich seine Einstellung zur zulässigen und wünschenswerten Rolle eines Rechtsstaates verändert hat.
Schily selbst begründet seine jeweilige Positionierung damit, dass er seit jeher für die Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze eingetreten ist.

Dagegen ist der Paradigmenwechsel des mir bis dato unbekannten, vormals ‘linken’ Anwaltes und Mitgründers der Rote Armee Fraktion (RAF), Horst Mahler zum Rechtsextremismus zu und 2002 zur NPD schlichtweg nicht nachvollziehbar.
Am Rande frage ich mich nach der inneren Stärke einer Demokratie, welche Leute für die dumme und falsche Verleugnung des Holocaust für 6 Jahre wegsperrt – ist dies ein geeigneter Weg zur Auseinandersetzung mit alten und neuen Ewiggestrigen? Dieses schädliche Gerede öffentlich und vor allem Unwiderlegbar ad absurdum zu führen wäre vermutlich geeigneter – und würde jede Opferhaltung verbieten.
 

 

Die RAF

Mein Interesse richtet sich vor allem auf Umstände, welche zu der Entstehung einer gewaltbereiten Terrorszene aus Teilen der ursprünglich pazifistisch ausgerichteten studentischen Opposition.

I: Der Krieg der Bürgerkinder

Als ein Auslöser für die Radikalisierung der Studentenbewegung und die Gründung der Rote Armee Fraktion (RAF) gelten die Ereignisse um den Besuch des ‘persischen Märchenkaisers’ Schah Mohammad Reza Pahlavi 1967 in der Bundesrepublik und West-Berlin. In einer aufgeheizten Atmosphäre vor dem am Rathaus Schöneberg kam es zu schweren Auseinandersetzungen während einer Demonstrationen, als Anhänger und Geheimagenten des Schahs mit Holzlatten auf die Demonstranten einprügelten. Im Verlauf dieser Straßenschlacht wurde der Student Benno Ohnesorg vom Polizeiobermeister und Stasi-Mitarbeiter Karl-Heinz Kurras erschossen.

Der Tod Ohnesorgs erschütterte die gesamte Öffentlichkeit der jungen Bundesrepublik Deutschland und bewirkte eine Polarisierung, in der sich auch der Generationskonflikt widerspiegelten: Viele, die dank der ‘Gnade einer späten Geburt’ die Zeit des Nationalsozialismus nicht (oder als Kind) erlebt hatten, rebellierten gegen ihre Väter, denen pauschal Hörigkeit oder Mitläuferschaft während des NS-Regimes unterstellt wurde. Tatsache ist aber auch, das etliche der alten Nazis auch in der jungen Bundesrepublik erneut zu Macht, Reichtum und politischem Einfluss kamen – ohne dass sie notwendigerweise für eigene Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurden.

Näheres hierzu ist der SPIEGEL-Themensammlung Nationalsozialisten nach 1945 zu entnehmen.

Insoweit ist die Kritik linksgerichteter Kreise nicht unberechtigt und die Verbitterung junger Menschen verständlich – doch haben einzelne RAF-Mitglieder bis 1998 realisiert, dass Gewalt (noch dazu gegen Unschuldige) keine geeignete Konfliktlösung ist.

Ende der RAF:
Am 20. April 1998 geht bei der Nachrichtenagentur Reuters ein acht Seiten umfassendes Schreiben ein: "Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte…heute beenden wir dieses Projekt."

Nach 28 Jahren des bewaffneten “Untergrundkampfes gegen den Nazi-Faschismus” (wie sie es nannte) löste sich die RAF auf.
Also doch kein Bekenntnis zum Gewaltverzicht, sondern wohl eher die Einsicht, dass ihre Bemühungen letztlich ohne Erfolgsaussicht waren: “Das Ende dieses Projekts zeigt, daß wir auf diesem Weg nicht durchkommen konnten.”
Eingeständnisse von Fehlern fallen weitgehend taktisch aus… wirkliches Bedauern bezieht sich allein auf jene, die als RAF-Angehörige ihr Leben verloren haben, dabei wird jedoch kein Wort über die von ihr selbst verursachten Opfer verloren – im Gegenteil:

“…mit anderen Worten: Jene palästinensischen Terroristen, die die Lufthansa-Maschine mit den Mallorca-Urlaubern an Bord entführt hatten, waren nun doch nichts anderes als Märtyrer, die letztlich für eine gute Sache gestorben sind.”

 

Montag, 13. August 2012

ESM: Brauchen wir einen Notausgang? (II)

Im ersten Teil dieser “Ich erkläre mir die Eurokrise und den ESM selbst, wenn Frau Merkel es nicht mal versucht”- Abhandlung wurde versucht, ein Grundverständnis für die Ursachen der Eurokrise herzustellen – nicht meinerseits, denn von mir selbst stammt im Grunde nur der Hinweis auf drei m.E. geeignete und verständliche Filme von insgesamt gut 2 Stunden Dauer…

Der dritte Film (Finanzkrise für Anfänger’, Phönix) befasst sich allgemein auch mit politischen Lösungsstrategien zur Beilegung der Eurokrise, stammt aber aus Dezember 2011, als noch niemand die Notwendigkeit einer noch größeren, dauerhaften Rettungsmaßnahme als den ‘1. Rettungsschirm’ vorhersah.

Bisherige Kraftanstrengung reicht nicht aus

In der Zwischenzeit hat sich eine Form von Ansteckung ereignet – bisher sind 192 Milliarden Euro fest eingeplant – Italien schwächelt und auch Spanien hätte gerne (soll heißen: benötigt dringend) zwischen 100 und 300 Milliarden Euro. 

Der Rahmen des ESFS reicht nicht aus, um den bedürftigen Staaten zur Hilfe zu kommen und außerdem verlorenes Vertrauen. Auch die Laufzeiten von Krediten zu verlängern und die Zinsen noch weiter zu senken, wird die Ausweitung der Krise nicht unterbinden, sondern bestenfalls hemmen.

Euroland im freien Fall? Vielleicht noch nicht, aber die bisherigen Kraftanstrengungen waren erst der Anfang.  Die von der Bundesregierung ausgegebene Losung ‘Hilfe als Gegenleistung für glaubhafte Sanierungsmaßnahmen’ erscheint den meisten Europäern nach wie vor vernünftig und richtungsweisend.
Es komme angesichts der Höhe künftiger Haftungsrisiken aber auch auf das WIE an, und eben gegen die konkrete Gestaltung des
neuen Rettungsschirms richtet sich ein großer teil der Kritik.

Der neue Rettungsversuch aus Fiskalpakt0) (s. Vertragstext), ESM und weiteren Komponenten soll größer, besser, anders werden als alle bisherigen – aber auch konsequenter und vor allem dauerhaft. Das Package war bereits auf dem EU-Gipfel vom 21. Juli 2011 beschlossen worden und sollte bis Juli 2012 von den Parlamenten der einzelnen Staaten ratifiziert sein. Bis Juni 2013 soll er Geltung den provisorischen Rettungsschirm EFSF ersetzen, der dann ausläuft.

Der Vereinbarungsinhalt wurde mehrfach und weitreichend modifiziert. Stets war die Bundesregierung von einer staatlichen Haftung ausgegangen. Aber: Infolge der Beschlüsse des letzten (?) EU-Gipfels aber wird die EU-Kommission unter Einbeziehung der Europäischen Zentralbank eine zentralisierte Bankenaufsicht für die Euro-Zone konzipieren. Sobald die angestrebte zentrale Bankenaufsicht steht, erhalten Banken die Möglichkeit, vom ESM direkte Hilfen zu beziehen!
Auch diese Form von ‘Geschäftstätigkeit’ wird dem ESM eingeräumt (s.u.)

Natürlich hat die Mobilmachung der Gegner längst begonnen; zugleich sei das Klima der mitteleuropäischen EU-Länder sei aufgeheizt, berichtet der SPIEGEL. Nicht nur dort: Auch hierzulande verschärft sich die Tonlage, in der für und wider die Euro-Rettungsmaßnahmen gestritten wird.

 

 

Was besagt der ESM-Vertrag?

Was steht in dem Vertragswerk, von dem Gerüchte behaupten, es sei hauptsächlich von der anglo-amerikanischen Anwaltskanzlei „Freshfields Bruckhaus Deringer“ erstellt” worden – und “inhaltlich fern jeder europäischen Rechtskultur?

Die 62 Seiten Vertragstext enthält unter anderem folgende Bestimmungen:

Aufgaben des ESM

  • Gewährung von Stabilitätshilfe
  • und im Bedarfsfall die Durchführung von “Finanzhilfe in aller Eile”
  • vorsorgliche Finanzhilfe, in Form einer bedingten oder einer gewährten Kreditlinie

    Die Hilfe erfolgt als Darlehen oder Ankauf von Anleihen eines ESM-Mitglieds jeweils gegen wirtschaftspolitische Auflagen1). Enge Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds ("IWF") wird jeweils angestrebt.

    Die Übernahme Rechte und Verpflichtungen der bisherigen EFSF ist möglich und bekanntermaßen beabsichtigt.

  • Maximales Darlehensvolumen: Bis zur vollständigen Abwicklung der EFSF liegt die Darlehensvergabe von ESM und EFSF unbeschadet der regelmäßigen Überprüfung der Angemessenheit des maximalen Darlehensvolumens bei höchstens 500 Milliarden EUR. Das Direktorium beschließt die Leitlinien zur Berechnung der künftigen Kreditzusage-Kapazität.
  • Kapital

    Das genehmigte Stammkapital2) beträgt 700 Milliarden EUR - aufgeteilt in sieben Millionen Anteile mit einem Nennwert von je 100 000 EUR.

    Der ESM ist berechtigt, weitere Mittel aufzunehmen, indem er Finanzinstrumente begibt oder mit ESM-Mitgliedern, privaten Finanzinstituten oder sonstigen Dritten finanzielle oder sonstige Vereinbarungen oder Übereinkünfte schließt..

    Der ESM ist befugt, an den Kapitalmärkten, bei Banken, Finanzinstituten oder sonstigen Personen und Institutionen Kapital aufzunehmen.2A)

    Der ESM darf einen Teil seiner Erträge zur Deckung seiner Betriebs- und Verwaltungskosten einsetzen. Konkret soll der ESM nicht nur für seine Kapitaldeckung Sorge tragen, sondern auch Gewinne erzielen.
    Das Direktorium kann auch die Zahlung einer Dividende beschließen.

    Verluste (infolge des Ausfalls gewährter Darlehen oder aus der sonstigen Geschäftstätigkeit) des ESM werden aus dem aus Reingewinnen gebildeten Reservefonds, und dem bereits dem eingezahlten Kapital beglichen – notfalls aber auch aus dem genehmigten, noch nicht eingezahlten Kapital.

    Nimmt ein ESM-Mitglied die aufgrund eines Kapitalabrufs erforderliche Einzahlung nicht vor, so ergeht an alle ESM-Mitglieder ein revidierter erhöhter Kapitalabruf.

    Damit besteht eine Nachschusspflicht übriger ESM-Mitglieder im Falle des Zahlungsausfalls eines oder mehrerer Mitglieder.

    Kontrolle und Aufsicht

  • Anders als jedes andere Kreditinstitut ist „Der ESM ist von jeglicher Lizensierungspflicht …. befreit.“
  • Das Direktorium billigt den Haushalt des ESM jährlich.
  • Eine Interne Revision wird eingerichtet.
  • Der Jahresabschluss des ESM wird von unabhängigen externen Abschlussprüfern geprüft, die mit Zustimmung des Gouverneursrats bestellt werden.
  • Es wird ein Prüfungsausschuss gebildet3). Dieser erstellt unabhängige Prüfberichte, prüft die Konten des ESM und überzeugt sich von der Ordnungsmäßigkeit seiner Gewinn- und Verlustrechnung und seiner Bilanz.
  • Sitz und Organe

  • Sitz und Hauptverwaltung hat der ESM in Luxemburg. Er kann außerdem ein Verbindungsbüro in Brüssel einrichten.

    Der ESM hat einen Gouverneursrat und ein Direktorium mit einem Geschäftsführenden Direktor sowie weitere für erforderlich erachtete, eigene Bedienstete.

    Jedes ESM-Mitglied ernennt einen Gouverneur und ein stellvertretendes Mitglied des Gouverneursrats. Die Ernennungen können jederzeit widerrufen werden. Anfänglich setzt sich der Gouverneursrat aus den 17 an der ESM-Gründung beteiligten Finanzminister zusammen.

    Befugnisse der Gouverneure

  • Dem Gouverneursrat obliegt die Genehmigung des Antrags neuer Mitglieder auf Beitritt zum ESM.
  • Er befindet darüber, ob die rechtliche Immunität der Mitglieder des Gouverneursrats/ Direktoriums und seiner Vorsitzenden des aufgehoben wird.
    Zum Umfang der juristischen Immunität siehe unter ‘Rechtlicher Status’.
  • Er ernennt je Mitglied zwei Direktoren aus dem Bereich der Wirtschaft und der Finanzen sowie gemeinsam einen Geschäftsführenden Direktor für 5 Jahre.
  • Das Direktorium legt u.a. die Beschäftigungsbedingungen für den Geschäftsführenden Direktor und die anderen Bediensteten des ESM fest.
  • Kapitalbildung und Re-kapitalisierung
  • Die ESM-Mitglieder verpflichten sich unwiderruflich und uneingeschränkt, ihren Beitrag zum genehmigten Stammkapital gemäß ihrem Beitragsschlüssel zu leisten.

  • Kapitalhaftung der Staaten: Die Haftung eines jeden ESM-Mitglieds bleibt unter allen Umständen auf seinen Anteil am genehmigten Stammkapital zum Ausgabekurs begrenzt. Kein ESM-Mitglied haftet aufgrund seiner Mitgliedschaft für die Verpflichtungen des ESM.

    Der Geschäftsführende Direktor ruft genehmigtes, noch nicht eingezahltes Kapital rechtzeitig ab, falls dies notwendig ist, damit der ESM mit seinen fälligen Zahlungsverpflichtungen nicht in Verzug gerät.

    Die ESM-Mitglieder verpflichten sich unwiderruflich und uneingeschränkt, das Kapital, das der Geschäftsführende Direktor von ihnen abruft, innerhalb von sieben Tagen …einzuzahlen. Hier geht es also um genehmigtes Kapital, aber laut Art. 10 sind auch Veränderungen des genehmigten Stammkapitals möglich:

  • Der Gouverneursrat überprüft ob das genehmigte Stammkapital des ESM zur Abdeckung dessen Verbindlichkeiten und Durchführung seiner Aufgaben ausreicht.
    Er kann beschließen, das genehmigte Stammkapital zu verändern.
    Dieser Beschluss tritt in Kraft, nachdem die ESM-Mitgliedstaaten […] den Abschluss ihrer jeweiligen nationalen Verfahren
    notifiziert haben.2B)
  • Nimmt ein ESM-Mitglied die aufgrund eines Kapitalabrufs erforderliche Einzahlung nicht vor, so ergeht an alle ESM-Mitglieder ein revidierter erhöhter Kapitalabruf, um sicherzustellen, dass der ESM die Kapitaleinzahlung in voller Höhe erhält.2C)

    Durch die Aufnahme eines neuen ESM-Mitglied wird das genehmigte Stammkapital des ESM automatisch erhöht – es ist also nicht so, dass allein die bestehende Last neu verteilt wird.

    Für die Höhe der Beitragsleistungen der Mitgliedsstaaten (gleich der Höhe v. erworbenen ESM-Anteilen) existiert ein am Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt (BIP) der ESM-Mitglieder bemessenen Beitragsschlüssel.

  • Rechtlicher Status
  • Der ESM besitzt volle, eigenständige Rechtspersönlichkeit sowie die uneingeschränkte Rechts- und Geschäftsfähigkeit. So darf er bewegliches und unbewegliches Vermögen zu erwerben und zu veräußern, Verträge abschließen usw.
    Er darf mit jeder internationalen Organisation oder Einrichtung zusammen arbeiten und kann Partei in Gerichtsverfahren sein.

  • Der ESM genießt Immunität vor gerichtlichen Verfahren jeder Art, kann also rechtlich nicht belangt werden - es sei denn, der ESM verzichtet im Einzelfall ausdrücklich auf seine Immunität.

    Einzige Ausnahme bzw. Besonderheit: Ficht ein ESM-Mitglied in einem Streit mit dem ESM die Entscheidung des Gouverneursrates an, so wird zur Beilegung der Streitigkeit der Gerichtshof der EU angerufen. Dessen Urteil ist für beide Parteien verbindlich.

  • Immunität gilt auch für ESM- Eigentum und -vermögenswerte; sie besteht vor Durchsuchung, Beschlagnahme, Einziehung, Enteignung und jeder sonstigen Form des Zugriffs durch vollziehende, gerichtliche, administrative oder gesetzgeberische Maßnahmen.
  • Die Geschäftsräume, Archive und sämtliche Unterlagen, die sich im Eigentum oder im Besitz des ESM befinden, sind unverletzlich. Das gesamte Eigentum, die gesamte Mittelausstattung und alle Vermögenswerte des ESM sind von Beschränkungen, Verwaltungsvorschriften, Kontrollen und Moratorien jeder Art befreit.
  • Der ESM ist von jeglicher Zulassungs- oder Lizenzierungspflicht […] befreit.
  • Der ESM selbst ist von allen direkten Steurern und Zöllen befreit. Gehälter und sonstige Bezüge der ESM-Bediensteten des ESM unterliegen nur einer ‘internen Steuer’ zugunsten des ESM. Von der nationalen Einkommensteuer aber sind sie befreit.--
  •    

     

  • Eine Verlautbarung der FDP-Fraktion (‘6 Fakten zum ESM’) bezieht sich auf die Aufregung und Kritik zu Steuerbefreiung der Bediensteten und Immunitäten:
  • Die Regelung zu Immunität und seien durchaus üblich für internationale Organisation – vergleichbar mit Regelungen u.a. für den IWF, die Weltbank sowie regionale Entwicklungsbanken. Diese Immunitäten entsprächen denen von Diplomaten. Zudem könne die Immunität der Amtsträger und Bediensteten bei Bedarf aufgehoben werden.

    Durch Steuerbefreiung der Bediensteten und Immunitäten solle die Unabhängigkeit und die Funktionsfähigkeit der Organisation gewährleistet werden. Es solle z.B. verhindert werden, dass ein Staat, der mit einer ESM-Entscheidung nicht einverstanden ist, diese durch Klagen oder staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren boykottiert.
     

    Lassen sich die Kosten und Risiken beziffern?

    Die Berechenbarkeit von Politik und den Märkten hat letzthin etwas nachgelassen… Ausgehend von den bekannten Fakten und bestimmten Grundannahmen sind vielleicht Szenarien vorstellbar – doch die Entwicklung in den kommenden 3-6 Monaten hängt von zu vielen Unbekannten ab.

    Gegenwärtig haftet Deutschland für 27 Prozent der ESM-Verbindlichkeiten, –Ausgaben  und später auch Spekulationsrisiken. Bisher vier Euro-Staaten nähern sich einer Beantragung von ESM-Mitteln an und werden zusammen zwischen 300 und 500 Milliarden Euro benötigen. Doch es macht sich nicht nicht gut, den Eindruck zu erwecken, Deutschland würde die Lasten aus den diversen Instrumenten zur Stabilisierung von Euro und Euroländern alleine tragen.

    Zahlenspielereien: Das genehmigte Kapital des ESM wird anfänglich 700-Milliarden Euro betragen, ab 2013 kommen noch die 440 Mrd. Euro der EFSF hinzu. 80 Milliarden sind sofort einzuzahlen, sobald der ESM startet (s.o.) – Deutschland ist wiederum mit 27% dabei.

    Es ist müßig und sinnfrei, die Haftungsrisiken der Transfer- und Stabilisierungselemente isoliert zu betrachten und von ”nur 190 Milliarden” als dem deutschen Risiko zu sprechen, das ist in meinen Augen verharmlosende Augenwischerei:
    Bezieht man den EFSF und die Target2-Außenstände ein, dann haftet Deutschland für gegenwärtig 1 Billion Euro an ‘Fremdschulden’, es könnte aber auch mehr werden.

    Doch ist es durchaus denkbar, das die realen Gefahren aus einem Zusammenbruch des Euro weit schwerer wiegen als die absehbaren und die ggf. eintretenden Verpflichtungen für europäische Steuerzahler.

    Eben dies macht eine Abwägung von Pro und Contra ungemein schwer.

    Diskussionsbeiträge im Parlament (29.6.2012)

    Die Risiken und Implikation der ESM-Einrichtung wurde vor der Abstimmung im Bundestag von ESM-Kritikern unter den Abgeordneten thematisiert.

     

    To be continued

    Anmerkungen:

    0) Unter anderem soll mit dieser Vereinbarung sichergestellt werden, dass das gesamtstaatliche Haushaltsdefizit der Unterzeichnerstaaten 3 % ihres Bruttoinlandsprodukts nicht überschreitet und dass der öffentliche Schuldenstand 60 % ihres Bruttoinlandsprodukts nicht überschreitet.
    Fragt sich, wie das zu schaffen sein soll, solange die Raten für die ESM-Einlagen nicht vollständig beglichen sind….

    1) Diese Auflagen werden durch Mandatierung der EU-Kommission im Benehmen mit der EZB ausgehandelt. Sie können von einem makroökonomischen Anpassungsprogramm bis zur kontinuierlichen Erfüllung zuvor festgelegter Anspruchsvoraussetzungen reichen.

    2) Das genehmigte Stammkapital wird in eingezahlte Anteile und abrufbare Anteile unterteilt.
    Der anfängliche Gesamtnennwert der eingezahlten Anteile beläuft sich auf 80 Milliarden EUR. Die Anteile des genehmigten Stammkapitals am anfänglich gezeichneten Stammkapital werden zum Nennwert ausgegeben. Dessen Erhöhung auf bis zu 700 Milliarden € ist möglich und wahrscheinlich. Der deutsche Anteil liegt bei 27 %, bezogen auf das aktuell genehmigte Kapital beträgt die maximale Haftung der Deutschen 190.024.800.000 Euro, gefolgt von Frankreich mit einer maximalen Haftung von 142 Milliarden.

    2A) Mit anderen Worten: die ‘ESM-Bank’ darf unbeschränkt Geschäfte jeder Art mit jedermann abschließen, auch typische Bankgeschäfte, die ansonsten einer besonderen . Es bleibt also nicht bei dem Stammkapital aus staatlich eingezahlten Geldern??
    Ist es nicht in hohem Maße bedenklich, wenn eine Riesenbank auf dem Kapitalmarkt agieren und mit den vergleichsweise winzigen Großbanken konkurrieren darf, wie sie mag?

    2B) Was genau bedeutet dieser wichtige Passus? ESM-Kritiker wenden ein, dass im worst case Gouverneursrat/das Direktorium “unbegrenzt hohe Kreditsummen” bewilligen und so die entsprechende Kapitalerhöhung erzwingen könne. Dann sind 700 Milliarden also erst der Anfang?

    2C) Somit müsste auch Deutschland über seinen Anteil hinaus in den Fonds einzahlen, wenn ein anderes Mitglied seiner Einzahlungspflicht nicht nachkommt. Dies sei vorhersehbar, weil Spanien und Portugal zu effektiven Einzahlungen gar nicht in der Lage seien, warnt Prof. Dr. Stefan Homburg von der Leibniz Universität Hannover; sein Fachgebiet sind die Öffentlichen Finanzen.

    3) ”Der Prüfungsausschuss setzt sich aus fünf Mitgliedern zusammen, die vom Gouverneursrat aufgrund ihres Sachverstands im Bereich der Rechnungsprüfung und der Finanzen ernannt werden, und weist zwei – auf Rotationsbasis einander abwechselnde - Mitglieder der obersten Rechnungskontrollbehörden der ESM-Mitglieder und ein Mitglied vom Europäischen Rechnungshof auf.”

    4) Die Einzahlung anfänglich gezeichneten Betrags der eingezahlten Anteile erfolgt in fünf jährlichen Raten von jeweils 20 % des Gesamtbetrags.

    Freitag, 10. August 2012

    ESM: Brauchen wir einen Notausgang? (I)

    "Zivilcourage bedeutet nicht, auf Facebook zugunsten eines sozialkritischen Beitrages den 'Mag ich'- Button zu betätigen."
    Wie steht es um die Zivilcourage derer, die als Politiker und Multiplikatoren der öffentlichen Meinungen hohe Verantwortung für das Allgemeinwohl tragen?

    Politik ist Vertrauenssache
    Regierungen haben dem Parlament und ihrem Arbeitgeber, den Bürgern, Rechenschaft abzulegen. Dies bedeutet auch, transparent und deutlich zu vermitteln, was mit einem neuen EU-Finanzinstrumentarium auf sie zukommt, welches die Haushaltsrechte von 17 nationalen Parlamente unbestreitbar tangiert.
    Nicht nur vor Wahlen bedarf jeder verantwortlich tätige Politiker des grundsätzlichen Vertrauens der gesellschaftlichen Mehrheit in seine/ihre Integrität und Kompetenz. Das würde erfordern, sich intensiv um dieses Vertrauen zu bemühen, oder?

    Regierungserklärungen des Finanzministers und der Bundeskanzlerin zur Einrichtung eines Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) beschreiben Gefahren für die Finanzwirtschaft und kündigen “unumkehrbare Schritte in Richtung Integration” an. Die Auftritte waren von einer Wahlkampfveranstaltung nicht leicht zu unterscheiden, angereichert mit nebulösen Begriffen wie “Stabilitätsunion”, “soziale Marktwirtschaft der Zukunft” und Allgemeinplätzen wie “…mehr Arbeitsplätze schaffen” und Anglizismen (wie “prefered creditor status”).

    Es unterbleibt leider die rückhaltlose Erläuterung von Bedeutung und Auswirkung solcher Schritte in einer bürgernahen Sprache. Substanzielle Aufklärung wird allgemein ersetzt durch eine Reihe verhüllender Euphemismen1) aus dem Regierungslager und von großen Teilen derer, die sich als Opposition verstehen.

    Haftungsrisiko? Nicht jetzt, ESM ist zu eilig und wichtig und außerdem muss ich noch den Bundesrat mit Steuergeldern kaufen…:
    Wie mag es künftig um dieses Vertrauen bestellt sein, nachdem die Bundesregierung den Bundesländern zusichert, sie jährlich um vier Milliarden Euro aus Bundesmitteln zu entlasten – damit der Bundesrat ESM-Vertrag und Fiskalpakt zügig durchwinkte?
    Ein akzeptabler, normaler parlamentarischer Vorgang, legal und keinesfalls eine sachfremde Manipulation von Entscheidern.. Blah…
    Manche ‘Momentaufnahmen’ und besonders solche Bilder eignen sich ebenfalls nur bedingt dazu, das Vertrauen in Ernsthaftigkeit und Professionalität einzelner Volksvertreter zu stärken (sollten aber nicht überbewertet werden). Darf diesmal davon ausgegangen werden, dass die Abgeordneten Zeit und Muße fanden, sich das ESM-Vertragswerk durchzulesen?
    Wie bedeutsam ist es, ob ein Volk seiner Regierung vertraut und vertrauen kann?
    So viel ist sicher: diese und die nachfolgende Regierung werden nicht umhinkommen, diesem Volk noch einiges mehr an Zumutungen abverlangen. Opfer müssen nicht die Bevölkerungen der subtil beargwöhnten “ClubMed-Staaten” aufbringen, so viel ist sicher.
    Wo soziale Kürzungen, Steuererhöhungen oder sonstige Einschnitte und Zumutungen anstehen, wollen  und sollen die Betroffenen frühestmöglich über die Ursachen und Gründe ins Bild gesetzt werden.

    Was geschieht, wenn eine Regierungen nicht hinreichend Rechenschaft über ihr Planen und Handeln abgelegt und so ein Informationsvakuum zulässt?Die Aufgabe nehmen ‘andere’ wahr, die sich dazu berufen fühlen. Emotionalisierung greift um sich und Polemik hat Hochkonjunktur:
    • Wer sich vor einer TV-Kamera profilieren will, keucht einfach: ”Wieviel sollen wir denn noch für die anderen zahlen?
      Dabei geht es für den deutschen Steuerzahler nicht primär um die Schulden anderer Länder, sondern zuerst um die Begrenzung der eigenen Staatsverschuldung. Allerdings kommt die Haftung für fremde Schulden kommt dann noch on top.
    • Der Ende Juni 2012 im Bundestag behandelte ESM-Vertrag wird in Kommentaren und Diskussionen recht häufig als Ermächtigungsgesetz2)bezeichnet. Der Begriff wird von zu vielen Leuten nachgeplappert, zeigt aber doch, dass eine Sorge um den Fortbestand demokratischer Grundprinzipien in Europa und den Nationalstaaten besteht.
    • Worte wie Verfassungsbruch,  drohenden Abschaffung der Demokratie und ‘Systemkrise’ machen die Runde.
    Manipulativer Unfug mit markanten Worthülsen? Das wäre zu prüfen, denn auch eine wachsenden Anzahl ehemalige Insider mit Sachorientierung und –verstand äußert solche Bedenken.
    Störend ist verzerrende Polemik, statt dessen ist zu untersuchen, vor welchem Hintergrund solche Überlegungen angestellt werden und wie un-/ angebracht diese wohl sind. 
    Trotz gesundem Interesse für das politische Geschehen kommt mir der einstige Durchblick langsam abhanden, dieser Eindruck wird durch die Lektüre des ESM-Vertrages (s. Originaltext) noch gefördert. Die ersten Seiten gehen noch, aber dann…  Bei aller Ungeduld stelle für mich fest: es mangelt mir an dem zum systematischen Verständnis erforderlichen Grundlagenwissen, zumindest stellenweise.

    Zunächst gilt es, die Ereignisketten zu verstehen, die zur heute bestehenden Lage geführt haben. Danach kann eine ansatzweise Einordnung finanzpolitischer Instrumente versucht werden.
    Siehe auch:

    Ursachen der Eurokrise
    Problemlösung und –ursache hängen naturgemäß zusammen, es empfiehlt sich fast immer, nicht nur an Symptomen herumzudoktern.

    Hässliche, notwendige Einsichten
    Aus Sicht einer Großbank lassen Ursache und Wirkung der Eurokrise sich etwa so darstellen:

    Eine Chronik der Finanzkrise ab 2007

    Die unrühmliche Rolle der Banken? Das wäre zu viel verlangt; dennoch greift dieser kurze Film wichtige Zusammenhänge auf.
    Der nachfolgende Film von Michael Kirk erfordert etwas mehr Geduld; er rundet das Bild ab und richtet den Blick auf die USA, wo die Bankenkrise vor etwa 4 Jahren ihren Anfang nahm. Die makroökonomischen Wechselwirkungen sind überall auf der Welt vergleichbar – dort wie hier um Vertrauen, damit auch um Integrität und Verantwortung (jedenfalls auf lange Sicht).

    ‘Finanzpolitische Wahrheiten’ werden durch geschilderte Ereignisse sehr anschaulich:
    • Investment impliziert ausnahmslos ein Risiko, welches durch sorgfältige Prüfung und Abwägung begrenzt werden kann
    • Schulden nichtstaatlicher Akteure lassen sich eine Weile prolongieren, aber eines Tages müssen sie beglichen werden – mit Zins und Zinseszins (so seiht es das gegenwärtige Geldsystem nun mal vor).
      Wer am Zahltag nicht liquide ist, verliert seine Handlungsfreiheit – durch Bankrott, Verstaatlichung, Verkauf unter Preis oder was auch immer.
    • Der Film vermittelt eine unschöne Einsicht: kein Staat agiert und prosperiert für sich alleine;sondern nur im Verbund mit die übrigen Staaten. Autarkie in einer globalisierten Welt ist eine Illusion, für exportorientierte Länder sowieso.
    • Weil seine Existenz und finanzpolitisches Funktionieren u.U. auch vom Wohlergehen nichtstaatlicher Institute abhängt, kann eine staatliche Interventionen bis hin zur Verstaatlichung zwingend notwendig sein – ultima ratio zur Verhinderung eines nationalen oder globalen Erdrutsch.
    Kann Europa, kann Deutschland etwas von den USA lernen? Das mögen die Fachleute beurteilen, doch scheint mir, die US-Regierung hat eines vorgeführt:
    • Zahlungen von staatlicher Seite an private Firmen implizieren die Übernahme unternehmerischer Verantwortung durch den Staat.
    • Auf die staatliche Übernahme dieser Verantwortung zu verzichten, bedeutet zugleich, das betreffende Unternehmen und die in sie investierten Steuergelder sich selbst überlassen werden…
    Der Weg von der Lehman-Bros-Pleite zur Eurokrise ist nicht sehr weit. Allerdings: in Europa sind zusätzlich ganze Staaten längst pleite, selbst wenn sie dank fortwährender, externer Mittelzufuhr noch am Rande der Handlungsunfähigkeit vegetieren und nur umschulden und Zinsen zahlen.
    Ein dritter Film - “PHOENIX Thema: Finanzkrise für Anfänger”, sogar 75 Minuten lang -spannt den Bogen zur europäischen Währungs- und Vertrauenskrise. Er vermittelt ein wenig von dem, was dazu geführt hat, dass man in Europa heute eine dauerhafte Institution zur Steuerung der EU-Sonderfinanzierung schaffen muss oder glaubt schaffen zu müssen.

    Der Kampf um den Euro - Dokumentation über die Euro Krise


    Speziell die Entwicklung und Situation von Griechenland wird in dieser Dokumentation behandelt.-
    ESM, Fiskalpakt und die übrigen Finanzinstrumente sind womöglich die äußerste Anstrengung, zu der die Euro-Staaten aus eigener Kraft fähig sind. Wie kann sicher gestellt werden, dass diese Kraftansteckung nicht auch ergebnislos versickert?

    Wie in den USA, waren auch in Europa Banken und Investmentfonds der entscheidende erste Dominostein, der das gesamte Finanzsystem instabil werden ließ:
    • Spanien wankte erst, als die ‘giftigen’ Immobilienkredite seiner Kreditinstitute mit einem Volumen von 180 Milliarden Euro öffentlich bekannt wurden.
    • Irland stand vor Ausbruch der Finanzkrise mit einem ausgeglichenen Haushalt relativ gut da – bis die Iren ihre sechs Banken, die sich hoffnungslos verspekuliert hatten, mit immer neuen Milliarden stützen musste, um noch Schlimmeres zu verhindern. Hinzu kam ein für notwendig erachtetes Konjunkturprogrammen zur Belebung der Binnen-Nachfrage.
    • Auch Deutschland bezahlte für das Versagen seiner Bankenvorstände teuer – und dafür, nationalen Bankenaufsicht viel zu locker gelassen zu haben.
      Immerhin: Weil die „Bad Bank“ der verstaatlichten Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE) die Berechnung ihrer Verbindlichkeiten rückwirkend korrigiert hat, lasten auf der Bundesrepublik schlagartig rund 56 Milliarden Euro weniger Schulden...(vgl. FOCUS online)
    Inhaber, Aufsichtsrat oder Vorstand einer ‘systemisch relevanten’ Großbank sehen sich zu hochspekulativen Geschäften mit hohen Renditeversprechen, aber ohne hinreichende Risikoprüfung, –streuung und –absicherung verleitet, geradezu konditioniert: Der Staat springt für ein eventuelles Versagen notgedrungen ein, aber bis dahin interveniert er nicht ein und macht keine nennenswerten Auflagen.
    Im Alleingang können weder Deutschland noch Europa eine sinnvolle Regulierung des Bankensektors erwirken, leider: Die größeren Player unter den Banken und Fondsgesellschaften sind multinational aufgestellt und würden z.B. im Fall eines Verbotes bzw. der Beschränkung von Leerverkäufen oder hochriskanter Produkte selbige in eine andere Region verlagern, die dann von diesen Umsätzen profitiert.
    Was mögen Staaten an einem ‘freien Markt’ finden, der Banken und Fonds Handlungsfreiheiten auch auf Kosten anderer und letztlich des Staates einräumt. Wie dem auch sei - ein Kampf gegen Gesinnungswindmühlen führt nicht zum Erfolg.
    Trotzdem: Solches Marktverhalten ist als einer der Ausgangspunkte für die seit 2008 schwelende Banken-, Staatsverschuldungs- und Währungskrise erwiesen. Folglich müssen europäische Initiativen über multilaterale und internationale Schnittstellen alle erdenklichen Bemühungen unternehmen werden, die Banken usw. zu überwachen und hinreichend zu reglementieren.
    So pervertiert manche Finanzprodukte auch sein mögen - diese grundsätzlich zu verbieten, ist in naher Zukunft kaum durchsetzbar (und auch schwer durchführbar).
    Laienhaft ausgedrückt: Anstrengungen sollten darauf abzielen, Teilnehmer der Finanzmärkte weltweit zu verpflichten die Vermarktung und Ankauf von Produkten bestimmter Merkmalkategorien auf einen sinnvollen Prozentsatz ihres Eigenkapitalvolumens zu begrenzen.
    Damit wäre einer der ‘Risse (im Sinne kontinuierlich bestehender Risikofaktoren) eventuell zu beheben. Nicht einfach zu bewerkstelligen, aber m.E. unerlässlich.

    An weiteren Sicherheitsmechanismen – Eigenkapital- und Liquiditätssicherung, deutliche Stärkung der Sicherung von Einlagen, Vorgaben für den verantwortlichen Umgang mit Fremdmitteln – wurde und wird bereits gearbeitet.
    Reicht dies aus, um weitere Dominoeffekte im Bankenumfeld unwahrscheinlicher zu machen?
    2) Mit der Euro-Einführung wurde ein einheitlicher, niedriger Kapitalmarktzins in der neuen Währungsunion etabliert. Attraktivere Finanzierungskonditionen als vor dem Euro lösten Freude und einen kurzzeitigen Boom in südeuropäischen Peripherieländern aus, bewirkten zugleich aber
    • die extreme Ausweitung der Verschuldung von Staaten und zugleich ihrer Banken, Unternehmen und in kleinerem Rahmen durch private Haushalte
    • die  Ausweitung der Spekulation mit Immobilien.
    Gab es nicht Stabilitätsklauseln in den Vereinbarungen zur Euro-Einführung? Doch…ja, die gab es.
    Nachdem aber Deutschland und Frankreich als erste Länder sich über die Drei-Prozent-Grenze und andere Bestimmungen hinwegsetzten, zogen die heute überschuldeten Staaten begeistert nach.
    Es gab nur einen wesentlichen Unterschied: Frankreich, Deutschland und andere nutzten die günstigen Anleihen ökonomisch sinnvoll, jedenfalls wurde das meiste davon für Investitionen, innovative Projekte oder zur Ablösung älterer Darlehen mit schlechteren Konditionen eingesetzt.
    Die Regierungen südlicher Länder verwöhnten zuerst und vor allem ihre Wähler, wenn man der Berichterstattung glauben darf: Rentenerhöhungen, Stärkung der Sozialsysteme und die Einführung eines 13./14. Monatsgehalts auf dem öffentlichen Sektor.
    Um begangene Fehler zukünftig nicht zu wiederholen bedarf die europäische Währungsunion also einer marktgerechten Leitzinspolitik (in Bezug auf private Schulden) sowie eines rigiden Stabilitätskorsetts – staatliche Schulden dürfen weitgehend nur zur Finanzierung von Investitionen eingesetzt werden.
    Ausbalancierung ist entscheidend: Klaus Regling, deutscher Chef des europäischen Rettungsfonds, spricht von „Fehlern des Marktes“, die bei der Bewertung von Staatsanleihen unterlaufen seien. Vor der Krise seien die Risikoaufschläge für ehemalige Weichwährungsländer zu niedrig gewesen. Jetzt, in der Krise, lasse man das Pendel  unvernünftig in die andere Richtung ausschlagen – mit völlig überzogenen Aufschlägen…und einem Kaputtsparen der ohnehin gebeutelten Volkswirtschaften.
    Natürlich lassen sich weitere Krisengründe aufführen: Bei der Aufnahme von EU-Ländern in den Euro-Verbund wurden beide Augen zugepresst, selbst wenn diese nur durch Buchungstricks für kurze Zeit die erforderlichen Kriterien erfüllen konnten. Die Sparverpflichtungen der EU-Staaten wurden aufgeweicht und auch von den vermeintlichen Musterknaben fortwährend unterlaufen, angestrebte Sanktionen der EU-Kommissionen wurden unterbunden:
    Bei der Frage der Trockenlegung von Sümpfen durfte auch die Frosch-Fraktion mitreden.-
    Nimmt man all diese Kausalitäten und Wechselwirkungen zusammen, die im Detail noch um vieles unübersichtlicher sind als dieser kurze Abriss erahnen lässt, wird klar: Wer das alles in den Griff bekommen will, steht vor einer gewaltigen, ja unüberschaubaren Aufgabe.
    Frau Merkel ist darin beizupflichten, dass dieses häßliche Bündel alter und neuer Probleme nicht in einem einzigen, alles regelnden Befreiungsschlag abschließend bearbeitet werden kann.
    Zunächst komme es auf Weichenstellungen zu mehr Stabilität der und Vertrauen in die Eurozone und ihre Währung an; gleichzeitig müssen drei, vier(?), fünf(?) oder mehr(?) EU-Länder vor der Pleite bewahrt (sonst hat sich das Projekt EU-Währungsunion erledigt.
    Wenigstens dies soll im Wege des Fiskalpaktes in Verbindung mit dem ESM-Vertrag bewirkt werden…

    Von den nun verabschiedeten Instrumenten impliziert der ESM die größten, weitreichendsten Risiken und Gefahren für die beteiligten Nationen und ihre Bürger (ob sie nun Steuern zahlen oder auf den Bezug staatlicher Leistungen angewiesen sind) – was noch nichts darüber aussagt, ob diese Maßnahme eventuell unausweichlich (geworden) ist.
    In den nachfolgenden Abschnitten wird versucht, den ESM-Vertrag näher zu beleuchten, eine Pro/ Contra-Argumentation zusammen und so eine Annäherung an folgende Fragen zu ermöglichen:
    • Auf was genau haben ‘wir’ uns da eingelassen?
    • Gab und gibt es realistische Alternativen??
    • Zähneknirschende Zustimmung oder schnellste Mobilisierung eines gewaltlosen, legalen Widerstandes gegen die ESM-Ratifizierung (bis September ist wohl Zeit)???

    Anmerkungen /  Erläuterungen:

    1. Gibt es nicht längst ein L-Wörterbuch für beschönigende Politphrasen? Dass ‘suboptimal’ für Sch…lecht steht und “mehr individuelle Eigenverantwortung übernehmen” nichts anderes als erhöhe Belastungen fürs Volk steht, weiß man inzwischen. Man tappt ja auch selbst leicht in diese Falle verdrehten Worthülsen-Produzierens…Zeit für eine weitere Strafrunde Bullshit-Bingo Zwinkerndes Smiley
    2. Mit Ermächtigungsgesetz ist vermutlich das Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich vom 24. März 1933 gemeint. Es stellte faktisch die Verfassungsorgane der damaligen Republik kalt und bildete zusammen mit der Reichstagsbrandverordnung gilt es als rechtliche Hauptgrundlage der nationalsozialistischen Diktatur: Es durchbrach das Prinzip der Gewaltenteilung, indem alle wesentlichen Befugnisse zur politischen, militärischen und polizeilichen Machtausübung auf eine Person übertrug)