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Montag, 23. Juni 2014

Hans-P. Dürr: "Der Urknall ist alte Physik..."

„Ein Baum, der fällt, macht mehr Lärm, als ein Wald, der wächst. Lasst uns deshalb dem wachsenden Wald lauschen!“
Ich habe erst heute erfahren, dass der von mir bewunderte und geachtete Kernphysiker Hans-Peter Dürr am 18.Mai 2014 im Alter von 84 verstorben ist. Herrn Dürr verdanke ich wertvolle Denkanstöße, nicht nur in Bezug auf die Möglichkeit einer Synthese zwischen naturwissenschaftlicher und spiritueller Weltsicht. 

Exemplarisch für die Denkweise von Professor Dürr war das im Jahr 2002 geführte Gespräch über Erkenntnisse der Quantenphysik in Bezug auf unser Denken und Handeln (s. Video). Einige Schwerpunkte daraus:
"Der Urknall ist für mich alte Physik - und inakzetabel, weil er an der eigentlichen Problematik vorbeigeht. Urknall ist...noch die Vorstellung, dass die Welt sich entfaltet hat. "
"Wir haben uns auf Erden eine Sprache zum Apfel pflücken erdacht, weshalb ich unsere (mathematische-physikalische) Sprache gerne als Apfelpflücksprache bezeichne. Nun kann man ja nicht wirklich annehmen, dass sich das Universum nach einer Apfelpflücksprache richtet!" 
Die gesamte im Universum der Gegenwart enthaltene Information wäre nach dieser 'alten' Physik von Anfang an schon in dem sich entwickelnden, entfaltenden 'Knäuel' enthalten - daran sei nicht wirklich etwas Kreatives (im Sinne einer Neu-Schöpfung). Insoweit transportiere die Urknalltheorie das Missverständnis, als sei anfangs ein mächtiges Zahnradgetriebe in Gang gesetzt worden. 
Quantentheorie besage dagegen, dass in jedem Moment etwas Neues entsteht - und etwas 'Altes' verschwindet - ohne Ursache und Wirkung.Dabei wirke die Evolution in jedem Augenblick weiter, ständig fließend: "Die Zukunft ist offen".
Der Kernphysiker vergleicht die traditionellen Naturwissenschaften mit einem Fleischwolf, der die Wirklichkeit verwurstet. Gefordert sei ein völlig neues Denken. Unsere Alltags-Wahrnehmung könne freilich nur ein statistisches Mittel dieser Prozesse wahrnehmen
Auch in einem mit der WELT 2006 geführten Gespräch erklärte der Inhaber des alternativen Nobelpreises: Wer die recht unverständliche Quantentheorie in völliger Klarheit verstanden habe, könne von der Welt nur noch in Bildern und Gleichnissen sprechen. Der Kosmos sei eine "geistig-lebendige Wirklichkeit", ein Beziehungsgefüge von Möglichkeiten, ein ständiges Geschehen voller Kreativität. Statt von Materie-Teilchen sollte man besser von "Passierchens" oder "Wirks" sprechen.
Diese Struktur der Wirklichkeit sei holistisch (ganzheitlich) - man könne sie daher nicht in einzelne Bestandteile zerlegen (= analysieren), ohne wesentliche Verbindungen und Zusammenhänge zu zerstören.
Materie lasse sich als "elektromagnetischer Schwingungsball" beschreiben: 
"Und was da schwingt, ist Nichts. Aber dieses Nichts hat eine Form."



Siehe auch:

Freitag, 8. März 2013

Wie unser Bewusstsein „Wirklichkeit schaltet"

Dr. Ulrich Warnke im Gespräch

Das u.a. Interview befasst sich mit der Frage, ob/wie das menschliche Bewusstsein die von uns wahrgenommene materielle Realität beeinflusst. In diesem Kontext werden u.a. medizinische, spirituelle und 'quanten-philosophische' Aspekte erörtert. 
Zugegebenermaßen kenne ich Ulrich Warnke nicht von früheren Werken, Vorträgen usw. Manche seiner Gedankengänge wie auch seine Terminologie kenne ich eher von Autoren aus esoterischen Kreisen - doch sehe ich keinen Grund, warum nicht fragend und suchend über den wissenschaftlichen Tellerrand hinausgeblickt werden sollte.



Ob solche Aussagen sich dereinst als 'wahr' erweisen, bleibt indessen abzuwarten:
"Der Begriff Quantenphilosophie geht auf Carl Friedrich von Weizsäcker zurück (...) beschreibt, dass die Quantentheorie auf Informationen beruht, die von einem Bewusstsein verstanden werden müssen. Die Quantentheorie zeigt den Einbruch der Subjektivität in die bis heute proklamierte objektive Realität. Insofern gibt es keine Objektivität, sondern nur die Subjektivität des Individuums, die mit seinem jeweiligen Bewusstsein die eigene Welt erschafft. Ein derartiger Deutungsvorgang gehört in den Bereich der Philosophie." U. Warnke in einem Interview, Scorpio-Verlag

Könnte der etablierte ('klassische') Realitätsbegriff bald der Vergangenheit angehören?

Die Frage, was physikalische Realität, ist spaltete die Pioniere der Quantenmechanik in zwei Fraktionen:

  • Eine Gruppe um Albert Einstein und Erwin Schrödinger hielten am klassischen Wirklichkeitskonzept fest, soweit dies in der Welt der Quantenmechanik möglich war. Auch die Realität der Quanten betrachteten sie letztlich als eindeutig, deterministisch und in Übereinstimmung mit dem Kausalitätsprinzip. In diesem Konzept hat jede Ursache hat genau eine Wirkung, unabhängig davon, ob und wie wir sie beobachten.
    Dass das Resultate vom Messverfahren abhängen sollten, war für Einstein undenkbar und den eigentlich von ihm erstmals bemerkten Effekt der Verschränkung subatomarer Teilchen tat er als "spukhafte Fernwirkung" ab.
  • Die andere Fraktion, der  Niels Bohr und Werner Heisenberg angehörten, vertrat die Haltung, die neue Physik erzwinge einen nichtklassischen Realitätsbegriff: Quantenphänomene sind so lange undefiniert, bis sie gemessen (=beobachtet) werden. Bis dahin existieren sie nur als 'möglicher Zustand'.
Siehe auch

Montag, 24. Dezember 2012

Es gibt keine Materie - Hans-Peter Dürr

  • “Es gibt keine Materie, es gibt nur das Dazwischen…”
  • “Nichts ist prognostizierbar.”
Er habe sein ganzes Forscherleben damit verbracht, zu erforschen was hinter der Materie steckt, berichtet Professor Hans-P. Dürr. Sein Fazit, dass Materie nicht existiert dürfte weitreichende Konsequenzen für unser Weltanschauung und unser Menschenbild entfalten.

1999 gab Professor Dürr in der Juli-Ausgabe der Reihe SPIEGEL spezial ein Interview, das mit der Überschrift 'Das Geistige hat keine Ränder' versehen wurde.

Darin erklärt er unter anderem, unsere Naturgesetze seien nicht mehr als langweilige 'Ausmittelungen', die lediglich eine Annäherung an die Wirklichkeit vermittelten – ein 'langweiliges Ergebnis' in dem Sinne, dass sich nichts Unerwartetes ereignet.
In diesem Kontext wird der Schriftsteller Arthur Koestler zitiert:
“Wo der Sirius stehen wird in 2000 Jahren, das können wir auf die Bogensekunde genau vorhersagen; aber was meine Köchin in fünf Minuten machen wird, das kann ich überhaupt nicht sagen.”
In dieser Priorisierung, das Beständige wichtiger zu nehmen als das Veränderliche. liege ein Fehler, antwortet Dürr. Der Mensch habe Schwierigkeiten zu akzeptieren, das gerade das Veränderliche das Wesen des Lebendigen sei. Wir haben allerdings Schwierigkeiten, das zu akzeptieren. Die Ursache dafür liege in unserer Wahrnehmung der Realität “als eine Welt, die aus Dingen besteht” – anders gesagt, nehmen wir nur eine überzeugende Illusion der Wirklichkeit bewusst wahr .
Auf der subatomaren Ebene der Elementarteilchenphysik ist diese Realität ohnehin nicht existent, erklärt Dürr weiter. Unser Konzept der Materie ergibt auf dieser Ebene keinen Sinn:
“Alles löst sich auf, es sind nur noch Beziehungsstrukturen. Nur im Schnitt wird uns eine Art Kausalstruktur vorgegaukelt, aber es gibt weder Ursache noch Wirkung. Etwas entsteht, etwas vergeht, wild durcheinander. Aber dann gibt es ab und zu Gerinnsel darin. Unsere Körper, die Materie. Die Sonne ist auch so ein Gerinnsel.”
Im weiteren Verlauf dieses zwar älteren, aber lesenswerten Interviews erläutert Prof. Dürr die weitreichenden Implikationen seiner Forschungsergebnisse und Erkenntnissen daraus. Erfreulicherweise fehlen ihm dabei jene Scheuklappen, die Wissenschaftler häufig veranlassen, die philosophische und sogar die spirituelle Dimension der Realität auszublenden oder der Einfachheit halber als nicht existent zu betrachten.

Bedeutsam erscheint mir auch seine Feststellung, dass wir einen Sinn ‘von Allem’ jedenfalls nicht (allein) aus den Gesetzmäßigkeiten der Natur erfassen können. Warum? Weil wir uns zwecks Beantwortung dieser Sinnfrage als ein Untersystem von etwas Größerem auffassen und nun die Beziehung von uns selbst zu dem Größeren zu beschreiben suchen.

“…wenn die Wirklichkeit größer ist als meine Denke, dann gibt es für diese Fragen in dieser Denke keine Antwort.”
Das ist wohl so, denn mit unserem Bewusstsein können wir jeweils nur einen kleinen Teil der gesamten Wirklichkeit erfassen. ‘Der berühmte alte Herr der Quantenphysik’ vergleicht diesen Umstand mit dem Lichtkegel einer Taschenlampe, die in der Dunkelheit ebenfalls nur einen kleinen Ausschnitt der Umgebung beleuchtet.
“Eine Taschenlampe verunsichert einen sehr, weil sie nur das beleuchtet, wo man hinscheint, und das Dunkle drumherum ist noch dunkler. Erst, wenn wir das Licht ausmachen, können wir wieder die ganze Landschaft erkennen. Das ist es, was den Leuten fehlt: das Licht ausmachen, nicht genau wissen. Dann findet man sich mit Ungenauigkeiten wunderbar zurecht.”


Alles hängt mit Allem zusammen

Sicherheit erwachse also nicht daraus, einzelne Dinge zu begreifen - sondern daraus, sich in der Komplexität der gesamten Wirklichkeit zurechtzufinden. Nach Dürr basiert Wirklichkeit auf ‘reinem Beziehungsgefüge’ unterhalb der Atome – eben das ‘Dazwischen’.
Wenn es stimmt, dass Materie überhaupt nicht existiert, dann wird unser Verstehen der Welt nicht dadurch befördert, dass man die Wirklichkeit auf ein auf Materie basierendes Modell reduziert und dann nur noch dieses Modell betrachtet –aber nicht mehr die gesamte Wirklichkeit.
Entspricht ein solches Paradigma unserem Naturell? Vermutlich nicht so ohne weiteres, aber auch die Denkweise von Menschen ist nicht unveränderlich, auch wenn es mitunter den Anschein hat.
Für ‘normale Menschen’ geht es vielleicht darum, die Denkweise der klassischen Physik nicht in unserem Leben durch unser Denken und Handeln zu imitieren – indem wir uns fälschlicherweise als ‘getrennt von den anderen’ auffassen. Wenn die Quantenmechanik erkennen lässt, dass ‘Alles mit Allem zusammenhängt’, dann gilt dies für weit mehr als bloß unsichtbare Prozesse zwischen irgendwelchen unsichtbaren Teilchen.)
Analytisches Konkurrenzdenken ist insoweit kein geeignetes Lebenskonzept (auch hier spielt die eigene Wahrnehmung offensichtlich vielen Menschen einen Streich, die das ganz anders sehen). 

Was Professor Dürr vermitteln möchte, ist nicht grundlegend neu, denn wir kennen integrative Ansätze aus den Geisteswissenschaften und nicht zuletzt auch von Religionen. Neu oder zumindest angenehm überraschend ist, dass ein Naturwissenschaftler aufgrund seiner Arbeit ebenfalls zu dieser Erkenntnis gelangt.

Folgende Worte von Dürr (hier gefunden) verdeutlichen zusammenfassend den Teil seiner Botschaft, der Anwendung in unserer Alltagswelt finden sollte:
“Das Lebendige entfaltet sich durch kooperative Integration, das ist eine Symbiose1).”
„Wir sind durch Liebe verbunden, nicht durch Geist"
“Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald, der wächst. Unsere Geschichte ist voll von Katastrophen. Aber die Kooperation war immer stärker als die Konkurrenz, die Symbiose größer als die Kriege, sonst wären wir gar nicht hier.”


  • Zum Vortrag von  Hans-P. Dürr "Es gibt keine Materie" 

Teil 1 / Teil 2




Anmerkung
1) Symbiose bezeichnet die Vergesellschaftung von Individuen bzw.das Zusammenwirken zweier Systeme zum beiderseitigen Vorteil. In der Biologie findet sich oft eine Symbiose zwischen verschiedenen Organismen. Der Erfolg solcher Beziehungen bemisst sich daran, inwieweit sich dadurch die Überlebens­chancen beider Partner erhöhen. (Hat nur ein ‘Partner’ einen wirklichen Vorteil, spricht man wohl eher von einer parasitären Verbindung)

Sonntag, 19. August 2012

Prof. Hans-P. Dürr: Versöhnung von Wissenschaft und Religion

Der Quantenphysiker Hans–Peter Dürr(1) vertritt einen ganzheitlichen, auf die Synthese und Versöhnung von Physik und Metaphysik abzielenden Wissenschaftsansatz, der inmitten der ideologisch geprägten Konflikte unserer Gegenwart beachtens- und erstrebenswert anmutet.

Zu seiner holistischen Sicht der ‘neuen’ Physik und zugleich aller Lebensprozesse finden sich hier einige Anmerkungen.

Die Naturwissenschaften sowie die mit ihnen gewachsene Technologie haben unsere Welt und unser aller Leben dramatisch verändert. Was uns Vorteile und Privilegien eröffnete, hat zugleich nachteilig auf die gesamte Biosphäre ausgewirkt - die lt. Dürr gegenwärtig in eine “ernste Existenzkrise” schlittert. Warum er diese Krise infolge einer Störung des biologischen Gleichgewichts heraufziehen sieht, stellt Professor Dürr in seinem Beitrag “Wirklichkeit des Lebens” dar.  

Im Grunde handele es sich um eine Reihe von Krisen:
  • eine „Krise der Immanenz“: uns könnte die unmittelbare Erfahrung verloren gehen, das wir als Menschen unauflösbar im Transzendenten verankert sind,
  • eine „Erschöpfung der Moderne“: Brüchigkeit und Unzulänglichkeit unserer heutigen säkularisierten (rein weltlichen), materialistischen Weltanschauung treten immer deutlicher in Erscheinung. Gerade unser industrialisierter, vermeintlich “entwickelter” Teil der Welt – leidet trotz allem materiellen Überfluss und all der Überflutung mit Reizen an einem Defizit, welches Dürr treffend als “Hunger nach Geistigem und Sinnhaften, ein Gefühl von Verlorensein und Einsamkeit” charakterisiert.
Die tieferen Ursachen unserer Frustration würden gar nicht bewusst, stellt der Physiker fest, weshalb wir auch nicht die Notwendigkeit sehen (und bereit sind), ‘geeignete Nahrung’ aufzunehmen.
Hm ...Ist es nicht eher so, dass viele Menschen heute sehr wohl wissen (oder wenigstens intuitiv erahnen), was mit ihnen los ist? Sie erkennen allmählich: der trügerische Mix aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und materiellem Wohlstand machte Spiritualität nur vordergründig überflüssig.
In dem vermuteten Gegensatz zwischen Wissenschaft und Spiritualität haben die meisten Menschen sich der ‘Rationalität’ unterworfen wie Faust seinem Mephisto.
Bei aller hochgelobten Rationalität’  reduziert sich die gegenwärtige Form von Vernunft eher darauf, scheinbar exaktes Wissen zu sammeln und in kritischem Denken zu verarbeiten – mit dem Zweck, unseres willentliches Handeln besser zu steuern. In Wahrheit aber sträuben wir uns, das im eigentlichen Sinne Vernünftige zu tun. Folglich bleibt die zweite, wesentliche Seite – “die abwägende, wert-trächtige Vernunft” vielfach außen vor.
"Gelingt es uns einmal, einen kleinen Zipfel der "Wahrheit" zu erhaschen, dann meinen wir in diesem Zipfel gleich die einzige und ganze Wahrheit zu sehen. 
Wir betrachten das ganze Weltgeschehen nur unter dieser einen neuen Einsicht und zwängen, was nicht so recht passen will, mit Intelligenz, Schlauheit, Eloquenz, doch auch mit unbewusster oder bewusster Mogelei und Gewalt in dieses Korsett."
Was nicht in dieses Denk- und Bewertungsschema nicht passt, wird passend gemacht – um das mühsam erworbene, Sicherheit versprechende Paradigma nur ja nicht infrage stellen zu müssen. Die Motivation dahinter ist verständlich: Wir sind beseelt von dem alten Wunsch, die undurchsichtige Komplexität unserer Welt auf etwas Überschaubares und damit Einsehbareres zu reduzieren. Unsere verkürzten Vorstellungen der Wirklichkeit gestatten uns, die Unsicherheit und Zukunftsängste auf ein erträgliches Maß abzumildern.

Dürr spricht hier von ‘Nachbildungen der Wirklichkeit’, was immerhin bei Astrid Lindgrens’ junger Protagonistin geklappt hat (“Wir machen uns die Welt, wie wie wie sie uns gefällt”:)



Grenzen des Wissens ...Sokrates hatte es verstanden



Der Versuch jegliche Unsicherheit zu beseitigen erwiest sich zum wiederholten Mal als Illusion. Durch unser Wissen haben wir zwar prinzipiell die Möglichkeit, mit absichtsvollem Handeln unsere Überlebenschancen zu verbessern. Kurzfristig scheint uns dies sogar zu gelingen. Zwanghafter Wissenschaftsglaube und Technokratie mutieren zu einem Fundamentalismus, wie er den Kirchen spätestens seit der Aufklärung vorgeworfen wurde.

Dabei habe die moderne Physik eine prinzipielle Schranke deutlich sichtbar gemacht:
“Nicht alles ist wissbar.”
Es gibt heute ein Wissen um prinzipielles, dauerhaftes Nichtwissen (z.B. über das, was 'vor' und genau im Augenblick des Urknalls geschah). Diese Grenzen des Wissens, die wohl auch in Zukunft fortbestehen werden, eröffnen gegenwärtig wieder Räume, die nur durch Glauben bzw. Spiritualität zugänglich sind, der mehr bedeutet als ein Noch–nicht–wissen.

Ausgelöst wurde diese Erkenntnis des Nicht-Wissen-Könnens durch die Entdeckungen in der Physik am Anfang des 20. Jahrhunderts sowie eine radikale Neuinterpretation durch Niels Bohr und Werner Heisenberg. Der unausweichliche Paradigmenwechsel beruht wesentlich auf der alten und doch neuen Erkenntnis, dass die Realität nicht im Sinne einer ‘dinghaften Wirklichkeit’ zu verstehen ist:

“Materie besteht nicht aus Materie.”
Das Atom (atomos=unteilbar) im eigentlichen Sinne eines kleinsten, nicht weiter zerlegbaren Materiebausteins gibt es nicht. Am Ende (des Zerlegens) bleibe nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung.
Alles, was die Naturwissenschaft als ‘stoffliche Realität’ beobachte und beschreibe, dürfe nicht verwechselt werden mit der dahinter liegenden, ‘eigentlichen’ Wirklichkeit. Denn die bislang nur zweiwertig (im Ja/Nein -Prinzip) aufgefasste Wirklichkeit offenbare sich als Potenzialität, als ein „sowohl/als auch“. Potenzialität erscheint als das Eine, das sich nicht auftrennen, grundsätzlich nicht zerlegen lässt.
“Dies führt weiter dazu, dass zukünftige Ereignisse sich nicht mehr eindeutig aus gegenwärtigen Gegebenheiten prognostizieren und kausal erzwingen lassen, da alles mit allem auf eine komplexe Weise zusammenhängt und Beziehungen sich nur noch in einem statistischen Sinne bewerten lassen.”
Den Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung setzen nicht nur Relativitätstheorie, Quantenmechanik und Thermodynamik Grenzen. Gerade die reifsten physikalischen Theorien enthalten selbstbegrenzende Aussagen und erklären explizit, worüber auf naturwissenschaftlicher Ebene nicht mehr sinnvoll geredet werden kann:
  • Jene Theorien haben ihren definierten Gültigkeitsbereich, deshalb lassen sie z.B. keine Aussagen über den Urknall selbst und das fragliche ‘Davor’ zu.
  • Jenseits des kosmologischen Horizontes sind die Bedingungen, unter denen Naturwissenschaft erfolgreich sein kann, nicht mehr erfüllt.
Glaubt man dem britischen Astrophysiker John D. Barrow, dann ist die Tatsache unseres Nicht-Wissen-Könnens nicht überraschend, sondern vielmehr ein evolutionsbiologisches Resultat. Aus Sicht der Evolution dienen unsere Sinne und unser Gehirn nicht primär dazu, die Welt zu verstehen, sondern um in ihr zu überleben. Dass wir über uns und die Welt nachdenken können, sei insofern ein zufälliges Nebenprodukt der Evolution, in dem wir nicht zwangsläufig besonders gut sind.
Obwohl jene Entdeckungen und Erkenntnisse aus Quantenphysik und Relativitätstheorie vor fast hundert Jahren publiziert wurden, sind diese ‘neuen Vorstellungen’ bis heute nicht in den Sozialswissenschaften und im politischen Alltag angekommen. Vermutlich fehle es uns an geistiger Reife, uns von einer gewohnten Vorstellungswelt zu lösen. Während dieser hundert Jahre wurden die unverstandenen Potenziale dennoch "wie von Zauberlehrlingen" technologisch genutzt, ohne ihre Risiken Auswirkungen in ihrer Gesamtheit zu begreifen.

Darin erkennt Dürr eine zeitweilige Unfähigkeit, unser Handeln mit angemessenem Denken in Einklang zu bringen – was eine existenzielle Gefahr heraufbeschworen hat: Die entfesselten, aber nur oberflächlich verstandenen Einwirkungspotentiale “könnten die Menschheit leicht aus der Evolution des Lebendigen hinaus katapultieren”.

Wie richtig Dürr mit seiner Diagnose liegt, zeigen dramatische Eskalationen wie die Kubakrise, Tschernobyl oder Fukushima; Aus begangenen Fehlern und ihren auf Jahrtausende wirksamen Konsequenzen lernen wir nicht oder zu langsam lernen.
Doch sei ausgerechnet dieses neue naturwissenschaftliche Weltbild dazu geeignet, die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften wieder zusammenzuführen. Es erlaube sogar, Glaube/Religion und Wissenschaft als komplementäre Elemente einer umfassenden Sichtweise zu verstehen. Der Glaube würde nicht länger auf das Wenige beschränkt, was bis zu einem Zeitpunkt ‘noch nicht gewusst’ wurde und erhielte mit Anerkennung der prinzipiellen Einschränkung des Wissbaren seine volle Bedeutung und Eigenständigkeit zurück.

 

"Glaube und Wissenschaft suchen eine Wahrheit auf verschiedenen Wegen"

Sobald der Wille dazu vorhanden ist und es gelingen sollte, Natur- und Geisteswissenschaften sowie auch spirituelles Wissen in einem holistischen Weltbild zusammenzuführen, gehören ‘absolute Wahrheiten’ in Glaube und Wissenschaft der Vergangenheit an. An ihre Stelle werde eine „offenere, vieldeutige Wahrheit“ treten, die in subtiler Weise Glaubens- und Wissenselemente enthalte – prognostiziert Prof. Dürr.
Aus heutiger, konventioneller Sicht ist dies zwar wünschenswert, aber nur schwer vorstellbar: Denn der Gläubige sucht auf grundlegend andere Weise nach diametral gegensätzlichen Wahrheiten wie ein reduktionistisch, analytisch vorgehender Naturwissenschaftler. Im unserer alltäglichen Denkweise ist Glaube gerade das Gegenteil von Wissen; denn sobald ich etwas mit Bestimmtheit weiß, hat sich der Glaube erübrigt – oder er hat seine Bestätigung erfahren.


Freilich könnte Dürr Recht behalten: bei aller Verschiedenheit suchen Wissenschaftler und Gläubigen letztlich nach Antworten auf dieselben Fragen. Dürr spricht hier von zwei Arten des Wissens:

  • Wissenschaft vertritt die „Außenansichtmit „begreifbarem Wissen“ und der Trennung von Beobachter und dem Beobachteten.
  • Daneben existiere auch die „Innensicht“, welche die „Gewissheit um den inneren Zusammenhang“ erfahre und ihrem Wesen nach immer holistisch sei.
Inhaltlich sind Glaube und Wissenschaft nicht so weit auseinander, wie es zunächst scheint: Die von uns als allgemeingültig erachtete zweiwertige Außenansicht (Ja oder Nein) hat nur begrenzte Gültigkeit. Wie die Quantenphysik gezeigt hat, ist sie nur grobes, modellhaftes Abbild einer tieferen Wirklichkeit, deren Züge sich uns getreuer durch Innensehen offenbaren.
Obwohl der Wissenszuwachs in Forschung und Wissenschaft sprunghaft ansteigt und die Kosmologen mehr Entdeckungen machen als jemals zuvor, kommen die Menschheit in der Beantwortung der eigentlichen Kernfragen nicht weiter. Professor Dürr zeigt hier den Weg aus einer Sackgasse auf, in der wir uns befinden, seitdem unsere Erkenntnisfortschritte nach dem “Leben, dem Universum und dem ganzen Rest”2) stagnieren. Als Ursache hierfür erkennt Professor Dürr die Selbstbeschränkung der Naturwissenschaft auf das mit ihren Methoden Wahrnehmbare.

So ungeheuerlich es auch für eingefleischte Empiriker klingen mag, Auf die Erkenntnispotenziale der Metaphysik dürfe deshalb nicht länger verzichtet werden, indem sie per Definition einfach ausklammert. Bevor hier eine Trendwende entstehen kann, muss zunächst die wichtige Einsicht nachvollzogen werden, dass es in der Naturwissenschaft die o.a. stabilen Bereiche des Nichtwissens gibt.

“Religion und Wissenschaft sind ihrer Wahrnehmung nach komplementär.”
Vorläufig aber bestehe der Eindruck, dass die klugen Köpfe unter den Naturwissenschaftlern sich der Grenzen ihres möglichen Wissens zwar bewusst sind und diese Tatsachen ganz gerne verdrängen – dadurch können sie eine Weile noch so agieren und auftreten, als ob ihrem Tun keine Grenzen gesetzt wären.
Im Interesse des Erkenntnisfortschritts läge es jedoch, wieder zu einer fruchtbaren und konstruktiven Kooperation mit den Philosophen und Theologen zurückzukehren – und zwar auf Augenhöhe. Dadurch würden wir nach Professor Dürr auf einem guten Weg begeben, uns an “das Leben, das Universum und den ganzen Rest” anzunähern – nicht durch Anhäufung von Faktenwissen, sondern durch Zulassen neuartiger Erfahrungen.

Nur indem sich die beiden nur scheinbar unversöhnlichen Lager von Religion und Naturwissenschaft auf einen “offenen, inter-subjektiven  und intensiv-empathischen Dialog” einlassen, eröffne sich eine aussichtsreiche Chance, den Kern unseres Daseins seinem Wesen nach zu erfassen.

Hinweise dafür, dass Hans-Peter Dürr auf der richtigen Spur sein dürfte, liefert auch die nano spezial-Folge (3SAT) mit dem Titel “Physik vor dem Kollaps”.

Vortrag v. Prof Hans-Peter Dürr: Wir erleben mehr als wir begreifen!


Siehe auch:




  • ‘Wirklichkeit des Lebens’, Hans-Peter Dürr







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Anmerkungen
1) Hans-P. Dürr (geb. 1929) war von 1958 bis 1976 Mitarbeiter von Werner Heisenberg, den er in seinem Projekt zur Entwicklung einer vereinheitlichten Feldtheorie der Elementarteilchen unterstützte.
Nach seiner Emeritierung widmete sich Dürr auch erkenntnistheoretischen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Er erkannte unser aller Verantwortung für einen ressourcenschonenden Umgang mit unserer Umwelt gründete er das Global Challenges Network (GCN e.V.) –diese Organisation knüpft ein Netz aus Projekten und Gruppen, die konstruktiv und gemeinsam „an der Bewältigung der Probleme arbeiten, die uns und damit unsere natürliche Umwelt bedrohen“.
Dürr ist Träger des alternativen Nobelpreises und des Bundesverdienstkreuzes und Mitglied im Club of Rome.

2) Vergleiche:
    a) Life, the Universe and Everything
    b) ‘Deep Thought’ und der Sinn des Lebens)




Mittwoch, 15. August 2012

Unerwartete Bereiche der Realität

Buchtipp: ‘Die verborgene Wirklichkeit’ von Brian Greene


Prof. Brian Greene hat in Harvard und Oxford studiert und lehrt seit 1996 Physik und Mathematik als Professor an der Columbia University (New York). Als Experte für String und Superstring-Theorien und Kenner hat u.a. die Bestseller „Das elegante Universum“ und „Der Stoff, aus dem der Kosmos ist“ (2004) verfasst. 


Brian Greene’s neues Buch ‘Die verborgene Wirklichkeit’ kommt mit dem Titelzusatz ‘Wir sind nicht allein’ daher. Hat sich der bekannte Autor populärwissenschaftlicher Bücher zu Kosmologie und Physik jetzt auch der wachsenden Gemeinde der UFO-Gläubigen angeschlossen? Kaum.

Die Erkenntnisse der Physik erfordern “bereits für sich genommen radikale Veränderungen an unserem Bild vom Kosmos”…: Raum, Zeit, Materie und Energie verfügen über ein Verhaltensrepertoire, das weit über unsere Alltagserfahrung hinausgeht.
Konkret geht es in diesem Buch primär darum, die wichtigsten wissenschaftlichen Konzepte über Paralleluniversen zu beschreiben und kritisch zu untersuchen.


Man darf sich die Frage stellen: ‘Was ist los in etablierten Physikerkreisen, wenn Stephen Hawking sich allmählich vom Urknall verabschiedet und Brian Green ernsthaft über Parallelwelten nachdenkt?’ Doch diese Öffnung weg vom einseitigen Wissenschaftsdogmatismus kann nur positiv bewertet werten…und wurde höchste Zeit.

Die Definition, was ein ‘eigenständiges Universen’ sei, bezeichnet Greene als schwierig; analog zur Pornographie lasse sich vereinfachend feststellen: “Wenn ich es sehe, weiß ich es.” Alles was im Weltraum existiert oder einen Einfluss auf uns hat, gehört dazu. Wir wissen nicht, wie es wirklich entstanden ist, woraus es besteht und wie es sich entwickeln wird. Ähnlich problematisch die Festlegung der Begrifflichkeit ‘Paralleluniversum’ – abstrahiert laute die zentrale Frage: 
Wird unsere konventionelle Vorstellung durch die Existenz von Bereichen in Frage gestellt, die nahelegen, dass das, was wir lange Zeit für das Universum gehalten haben, letztlich nur ein Bestandteil einer viel größeren, vielleicht auch viel seltsameren und größtenteils verborgenen Wirklichkeit ist?
Die Antwort scheint Ja zu lauten, jedenfalls haben Fortschritte in der Quantenphysik und Kosmologie sowie das Bemühen um eine Vereinheitlichte Theorie dazu geführt, dass Naturwissenschaftler heute über Formen von Paralleluniversen ernstlich nachdenken. Zählte der Begriff des Multiversums vor zehn Jahren zu den Lieblingskindern belächelter Mystiker mit esoterischem Touch, legen inzwischen manche Wissenschaftler in ihren Theorien, dass es unfassbar große Anzahl anderer Universen gibt, zu denen wir allerdings absolut keinen Zugang haben.
In seinem neuen Buch stellt Greene vor, wie parallele Welten entstanden und aufgebaut sein könnten.

Allerdings gehen Vorstellungen und Thesen über die Beschaffenheit paralleler Welten noch sehr weit auseinander. Der noch sehr spekulative Charakter solcher Überlegungen zeigt sich gerade an der Frage, ob Paralleluniversen wohl den gleichen Naturgesetzen unterliegen, die wir kennen – oder ob dort ein anderer Satz Regeln Gültigkeit besitzt. So lasse die Stringtheorie drei Varianten zu: das Branen-, das zyklische Universum und das Landschafts-Multiversum. Wie dem auch sei, eines scheint sich zu erhärten: Wir leben in einem von vielen Universen.

Schon Platon deutete in seinem Höhlengleichnis die Möglichkeit an, unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit könnte bloß ein schwacher Widerschein einer viel umfassenderen, komplexeren Realität sein. Mehr als nur eine Metapher?
Offenbar steht unser bisheriger Wissensstand vor einer erneuten Umwälzung.

Das neue Buch von Greene eignet sich durchaus für interessierte Laien. Diese benötigen, je nach Vorbildung und Wissensstand, Geduld und ein gewisses Durchhaltevermögen, damit diese Lektüre die erwarteten Einblicke in die mutmaßliche Beschaffenheit unserer Wirklichkeit erschließen kann.
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Brian Greene: Die verborgene Wirklichkeit. Paralleluniversen und die Gesetze des Kosmos.
übersetzt von Sebastian Vogel
Siedler Verlag, Berlin 2012 - 448 Seiten, 24,99 Euro

Mittwoch, 22. Februar 2012

Gibt es uns wirklich? - Und wenn ja - warum?

Was wir immer noch nicht wissen...

Einem Lehrer fiel es vor 400 oder mehr Jahren vermutlich leichter als heute, den endlosen Warum?-Frage seiner Schüler zu entkommen: Wurde es ihm zu bunt, durfte er sich jederzeit in eine absolute Aussage flüchten, z.B. "Nur Gott weiß, warum wir existieren." Und natürlich "Die Wege des Herrn sind unergründlich."

Heute gestattet uns ein relativer Pluralismus, alternative Erklärungsmodelle für den Kern und Ursprung dessen zu entwickeln, was wir 'Wirklichkeit' nennen. Ein neues Killerargument hat das frühere teilweise ersetzt: wer Gott außen vor lassen und die Warum?-Fragen dennoch abwürgen möchte, spricht statt dessen evtl. von der Singularität im Moment des Urknalls:


 "Und was war davor?"
 "Gibt es nicht...is' nich' definiert...!"

Wie Descartes und andere längst erkannt haben, bedingt die Tatsache, dass wir uns solche Fragen stellen und über unseren eigenen Ursprung nachdenken, eigentlich nur eines - ein (Selbst-)Bewusstsein:

Ob wir und die Materie um uns herum in etwa so beschaffen sind, wie es den Anschein der Wahrnehmung hat, ist zumindest fraglich. Wie in dem Matrix-Beitrag dargelegt, haben wir objektiv keine Möglichkeit der exakten Bestimmung, ob wir uns selbst nur erträumen oder nicht. Wir wissen nur: Ebenso wie der 'reale' Beobachter existiert auch der 'Träumer' - und er kann nicht bewusst auswählen, was er träumt und innerhalb welcher Rahmenbedigungen.
Die u.a. Filmdokumentation fasst mehrere Perspektiven zusammen und versucht, diese zu integrieren und zu interpretieren. 
Was ich dabei nach wie vor nicht verstehe: wie sollte das Wissen über Verlauf und Wesen des Urknalls eine Antwort auf die im Titel gestellte Frage liefern - wo, wie und was unsere Realität denn nun ist?
Auch wenn ich den Ursprung von Universum, Materie und Leben kenne, weiß ich immer noch nicht, ob ich diesen Ursprung 'träume'! Ein Multiversum mag ebenso real und 'materiell' sein wie ein einziges, zyklisches oder azyklisches Universum. Man kann es sich so einfach machen wie scheinbar "Paul Watzlawick:  
"Sogenannte Wirklichkeit ist das Ergebnis von Kommunikation."  
Doch erfährt man, wenn man diesen Weg verfolgt, mehr über die Wahrnehmung und ihre Tradition, d.h. Weitergabe durch die Generationen - als über die Beschaffenheit dessen, was wir da eigentlich wahrnehmen und woraus wir unser Bild konstruieren.



Realität von beobachteten Quantensystemen

Anstatt in Ferne und Vergangenheit zu schweifen, mag die mikroskopische Untersuchung, z.B. in der Quantenphysik einen gewissen Erkenntnisfortschritt ermöglichen - wie die Feststellung, dass der Beobachter zwangsläufig mit dem Gegenstand seiner Beobachtung interagiert.


Die Physik betrachtet im allgemeinen einen Beobachter als unterscheidbar von einem beobachtbaren Phänomen: Eine mathematische Beschreibung es zu Boden fallenden Steins muss bei Anwesenheit eines Beobachters nicht modifiziert werden; er Stein fällt gleich schnell und 'heftig' - ob jemand zuschaut oder nicht. Diese Voraussetzung lässt allgemeine Annahmen und Formeln (ein "Modell") und im Idealfall auch Vorhersagen zu, welche durch direkte Beobachtung oder in einem Experiment verifizierbar sind.

Wenn aber die Grenze zwischen Beobachter und dem beobachteten Objekt/System/Experiment nicht klar festgelegt ist, ist die Ableitung allgemeingültiger Vorhersagen infrage gestellt...der Untersuchungsgegenstand ist nicht länger ungestört.
Doch eben dieses Problem tritt in der Quantenphysik auf: Die Unterscheidbarkeit zwischen Beobachter und dem beobachteten Objekt bzw. System ist offenbar in der Skala (sub-)atomarer Teilchen und einfacher Moleküle nicht mehr gegeben: Dieser Einfluß ist sogar gewöhnlich so groß, daß er das Messergebnis zerstören kann.
Solange ein Elementarteilchen oder ein subatomares System nicht beobachtet wird, bildet die es Summe möglicher Wahrscheinlichkeiten zwischen Teilchen- und Wellenform - ein sog. Quantensystem. Wie ein Quantensystem 'wirklich' beschaffen ist, werden wir wohl nie erfahren, es kann schließlich nicht 'ungestört' beobachtet werden. Sobald eine Beobachtung (=Messung) erfolgt, zeigt sich die Wellen- oder Teilchennatur der subatomaren Teilchen. Übrigens lässt sich die Erscheinungsform durch die gewählte Beobachtungsmethode festlegen!

Zwar kann ein Quantensystem mathematisch exakt beschrieben weren, doch stellen diese sog. Wellenfunktionen stets eine Überlagerung aller möglichen Messergebnisse dar.


Die Wellenfunktion beschreibt in der Quantenmechanik den Zustand eines Elementarteilchens oder Systems subatomarer Skalierung von Elementarteilchen im 'Ortsraum'; sie impliziert eine Beschreibung aller Informationen einer Entität oder eines ganzen Systems (→ Kopenhagener Deutung, eine Interpretation der Quantenmechanik n. N. Bohr u. W. Heisenberg, → Schrödingergleichung)

Wird das Quantensystem "gestört" (durch Messung/Beobachtung), so "kollabiert" die Wellenfunktion: einer der vorherigen parallel beschreibbaren Überlagerungszustände manifestiert sich und konkretisiert die Lösung der mathematischen Gleichung. Diese aus vielen Wahrscheinlichkeiten hervortretende, manifestierte Zustand entspricht dann dem, was wir als "Wirklichkeit" bezeichnen. "Wahrscheinlichkeitswellen brechen zu einem Ereignis zusammen..."
Wie lässt sich dies verstehen?

Was wir normalerweise "Realität" nennen, ist das Resultat kollabierter Wellenfunktionen, also die Konkretisierung einer aus einer Vielzahl unterschiedlich großer Wahrscheinlichkeiten. Das 'gesamte Potenzial der Realität' auf der Quantenebene entspricht aber der Gesamtheit aller Wahrscheinlichkeiten.

Doch wie verhält es sich, 'wenn niemand hinsieht', d.h. ohne Einfluss eines Beobachters. Welche "Realität" entspricht den noch überlagerten Wellenfunktionen, bevor sich eine von ihnen manifestiert hat?
Für die Interpretation des Verhaltens von Qunatensysteme bestehen - vereinfacht dargestellt - zwei Standpunkte:
  • Es gibt "in Wirklichkeit" eine definierbare Position und Geschwindigkeit von Elementarteilchen. Heisenberg's Unschärferelation würde in diesem Fall lediglich besagen, dass wir nicht beides gleichzeitig messen können.
  • Die Realität des Elementarteilchens (Position und Geschwindigkeit) wird erst durch die Messung/Beobachtung des Elektrons geschaffen.
Beide Alternativen sind wenig befriedigend, auch deshalb soll diese Überlegung soll hier nicht zu weit getrieben werden - sie ist ebenso abstrakt wie die eigentümlich anmutende Frage, ob der Mond noch da ist, wenn niemand ihn anblickt... die konkrete Bedeutung solch einer 'Quantenrealität' für unsere Alltagswirklichkeit ist schwer erkennbar...:
"Während die menschliche Intuition - und ihre Erscheinungsform in der klassischen Physik - eine Wirklichkeit entwirft, in der die Dinge stets eindeutig entweder so oder so sind, beschreibt die Quantenmechanik eine Wirklichkeit, in der die Dinge manchmal von einem Dunstschleier umgeben sind, in dem sie teils so und teils so sind." Brian Greene
Der Zeitpfeil - die Asymetrie zeitlicher Abläufe
Wie aber sieht es mit der erfahrbaren Realität aus, also der Summe dessen, was nicht nur der Quantenexperte, sondern jeder von uns als real und alltäglich erlebt? Ein wesentlicher Aspekt unserer so alltäglichen Wirklichkeit ist der 'Zeitpfeil ' - die Asymetrie zeitlicher Abläufe.
Der Zeitpfeil steht für die Vorstellung einer eindeutigen und gerichteten Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Jeweils verschiedene Bedeutungen verbinden sich mit dieser Vorstellung in den Wissenschaften, aber auch im Alltag: Objekte und Prozesse schreiten sich mit/in der Zeit in eine bestimmte Richtung fort, die unumkehrbar ist. Offensichtliche Beispiele hierfür sind die Alterung von Lebewesen bis hin zu ihrem physischen Tod, das Denaturieren von Eiweißen ab einer Temperatur von ca. 42 Grad oder einfach das Abbrennen und Schmelzen einer Kerze.

Diese Asymmetrien dominieren unser ganzes Leben und prägen m.E. die Perspektive, aus der wir unser Dasein betrachten:
"Die Unterscheidung zwischen vorwärts und rückwärts in der Zeit ist ein bestimmendes Element der Erfahrungswirklichkeit."
Bestünde eine Symmetrie des Zeitpfeils in Vergangenheit und Zukunft, hätten wir es mit einer diametral anderen Lebenswirklichkeit zu tun: Wir hätten genauso umfangreiche Erinnerungen an die Zukunft wie an die Vergangenheit; der Lebensverlauf von der Geburt über Altersstufen bis zum Ableben wäre nicht vorhanden bzw. nicht selbstverständlich usw.

Diesem Phänomen kommt im Hinblick auf die Frage 'Reale oder geträumte Wirklichkeit?' einige Bedeutung zu. Für mich persönlich ist gerade dieser Zeitpfeil ein wesentlicher Knackpunkt im Verständnis von Realität: In vielen Weltanschauungen und spirituellen Lehren wird dargelegt, die Zeit sei eine Illusion und 'in Wahrheit' fände alles jemals Geschehene im Jetzt (=in diesem, einzigen, ewigen Augenblick) statt. Ich möchte nicht so anmaßend sein, dies zu bezweifeln, aber ich verstehe den Grund dieses (scheinbaren?) Widerspruchs noch nicht: Weshalb findet sich der Zeitpfeil als zentrale Eigenschaft unserer Wahrnehmung nicht in den Naturgesetzen wieder?

Aus Sicht der Naturwissenschaft besteht kein Gesetz als Ursache für diese Asymmetrie der Zeit! Wenngleich der Zeitpfeil für uns die fundamentalste Eigenschaft der Zeit überhaupt ist, wird jede Zeitrichtung - 'vorwärts wie rückwärts' - von den Naturgesetzen völlig gleich behandelt.
"Das ist der Ursprung eines großen Rätsels. In den fundamentalen Gleichungen der Physik gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass sie eine Zeitrichtung anders als die anderen behandeln, und das befindet sich in völligem Gegensatz zu allem, was wir erleben."
Brian Greene - Der Stoff, aus dem der Kosmos ist
Greene stellt fest: Um die überzeugendste Lösung für diese Abweichung zwischen Physik und Erfahrung zu finden, sei man dazu gezwungen, sich dem Anfang des Universums zuzuwenden (der Kreis schließt sich ... allmählich...):

Die einzigartigen physikalische Bedingungen zu Beginn des Universums (eine extrem geordnete Umwelt während oder kurz nach dem Urknall) habe der Zeit eine Richtung aufgezwungen - ähnlich einer Uhr, die man aufzieht und dadurch ihre Feder in einen extrem geordneten Ausgangszustand bringt und somit erzwingt, dass sie vorwärts ticken wird...

Gelöst ist das eigentliche Rätsel (das Fehlen eines Naturgesetzes für den unumkehrbaren Zeitpfeil) damit aber auch nicht, es wurde lediglich in die Kosmologie verlagert und durch eine Analogie veranschaulicht. Eher wurde das Rätsel noch ein Stück komplexer: Die seit den 70er Jahren gefeierten Urknallmodelle liefern keine Erklärung, warum das Universum in seinen allerersten Anfängen einen so extrem geordneten Zustand aufgewiesen haben könnte - was die Erklärung des Zeitpfeils ja ausnahmsweise voraussetzt.

Greene gibt zu, was Hawking ('Unser Universum brauchte keinen Schöpfer, um zu entstehen') verschweigt:
"Der theoretischen Physik fehlen (an der Schnittstelle zwischen Relativitäts- und Quantentheorie) die mathematischen Werkzeuge, gerade die erste Phase des Urknalls zu analysieren, die zudem Experimenten nicht zugänglich ist. 
Da Raum und Zeit sehr eng mit diesem noch unzugänglichen Ursprung des Universums verflochten sind, werden wir Raum und Zeit nur vollständig verstehen, wenn wir Gleichungen finden, welche die extremen Bedingungen (nicht Sekundenbruchteile nach, sondern zum Zeitpunkt des) Urknalls bewältigen. Vor diesem Hintergrund hat der Wettlauf zur Entwicklung einer sog. vereinheitlichten Theorie, einem allumfassenden Erklärungsmoell, längst begonnen."

Vereinheitlichte Wirklichkeit?
Wie aber steht es um das Bemühen der Physiker um eine Beschreibung der Natur, durch die unterschiedliche, auf den ersten Blick unvereinbare Erscheinungen tatsächlich von einem einzigen Satz physikalischer Gesetze bestimmt werden?

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, zeigen doch die vielversprechensten Modellansätze - Superstringtheorie und M-Theorie - dass unsere 'wirkliche Wirklichkeit' sich aus neun bzw. 10 räumlichen Dimensionen plus einer zeitlichen Dimension zusammensetzen könnte. Sollte sich dies bewahrheiten, wird eine irritierende Erkenntnis unausweichlich: bisher haben wir nur einen kläglichen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrgenommen ...oder um mit Greenes Worten zu sprechen, die uns vertraute Wirklichkeit sei nur ein zarter Schleier, der über eine dicht und reich gewebte kosmische Struktur gebreitet ist.

An unserer sinnlichen Wahrnehmung wird sich ohnehin kaum etwas ändern, denn diese theoretischen Raumdimensionen sind unsagbar winzig.

Die Abweichung zwischen begrenzter Wahrnehmung und der Reichhaltigkeit allen Seins ist in ihrem Ausmaß zwar immer wieder erstaunlich - aber nicht neu an sich. Wir können aus dieser Tatsache in Verbindung mit neurobiologischen Untersuchungen (z.B. des Sehvorgangs) mit Sicherheit schließen, dass unser Gehirn eine persönliche Realität konstruiert. Aus dem Phänomen des Zeitpfeils erkennen wir, dass neben der Wahrnehmung auch unser gesamtes Realitätsverständnis erheblich von dem abweicht, was sich naturwissenschaftlich beschreiben lässt.


Zurück zur Ausgangsfrage...

Doch  die Kernfrage - 'geträumte oder reale, materielle Wirklichkeit?' - bleibt weiterhin unbeantwortet. Mir persönlich hilft an dieser Stelle erst mal ein unvollkommenes Konstrukt weiter:
  • Träume lassen sich in gewisser Weise mit einem Film vergleichen: Beide sind reproduzierbar und sie sind in hohem Maße modifizierbar:
    Einen Film oder einen Traum über ein zerbrochenes Ei kann ich so weit verändern, dass da Ei zuerst zerbrochen war und später wieder intakt ist. Im Film verändere ich die
    Reihenfolge der Bilder, beim Traum ist es etwas schwieriger - aber mit einiger Übung und Willensanstrengung ebenfalls möglich, dass ich mich zum Schluss über ein vollständig wiederhergestelltes Ei freue. Mit anderen Worten: in einer imaginären, ohne materiellen Bezug konstruierten Realität existiert der Zeitpfeil nicht zwangsläufig.
  • In der Erlebenssphäre, die ich für meine 'wahre Realität' halte, gilt der Zeitpfeil. Er kann nicht außer kraft gesetzt werden und die zeitliche Abfolge wesentlicher Daseinselemente bleibt irreversibel. Das Ei bleibt kaputt und ein verstorbener Körper bleibt tot (Grenzfälle außen vor gelassen).
    Wenn wir mal Schrödingers Katzenkiste ignorieren, ist es außerdem nicht vorstellbar, dass bestimmte Zustände gleichzeitig bestehen: der Körper eines mehrzelligen Lebewesens kann nicht gleichzeitig lebendig und tot sein, und das Ei kann ebenfalls nur einen eindeutigen Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt einnehmen.
Aus den vorgenannten Unterschiedlichkeiten glaube ich schließen zu können, dass meine gegenwärtige Realität nicht erträumt ist, sondern erkennbar einen realen, materiellen Aspekt hat. Zumindest existieren Fakten, die ich innerhalb meines subjektiven Realitätssystems offenbar nicht beeinflussen kann. Dennoch erscheint es mir wahrscheinlich, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt (etwa nach dem physischen Tod) in einen anderen Zustand (eine veränderte Realität) eintrete, für den sehr wohl abweichende Gesetze gelten mögen.

In einer geistigen, allein dem Bewusstsein zugänglichen Wirklichkeit muss nicht zwingend eine Zeit(folge) bestehen; m.E. sprechen Anzeichen dafür, dass die Zeit allein in der materiellen Welt notwendige Funktionen besitzt.
Zugegeben: Bewiesen ist damit selbstverständlich rein gar nichts. Die Vorstellung von einer illusionären, wenn auch höchst realistisch anmutenden Realität lässt sich letzten Endes nicht widerlegen.



Sisyphos und die Sinnsuche
So viel Komplexität zwischen Wissenslücken, deren Erfassung ebenso komplex ist - welche Chance hat ein Laie wie ich mit typisch 'gefährlichem Halbwissen' in diesem Dschungel denn überhaupt, sich auch nur ein rudimentäres Realitätsverständnis zu erarbeiten?

Albert Camus (Der Mythos von Sisyphos) meint in diesem Kontext: Als Sisyphos auf alles verzichte, was jenseits seiner unmittelbaren, persönlichen Erfahrung lag, und aufhörte nach dem tieferen Sinn von Allem zu suchen, habe er triumphiert. Doch was bedeutet dies konkret? Sich durch krampfhaftes Nicht-über-den-Tellerrand-Hinausblicken mit dem oberflächlichen Schein zu begnügen und so eine relative Pseudo-Zufriedenheit anzustreben?
Solch eine 'Sicherheit' würde sich allein auf die fragwürdige Hoffnung gründen, das Ausbleiben neuer Impulse werde auch neuerliche Verunsicherungen umgehen. Dem ziehe ich das gegenwärtige Halbwissen eindeutig vor, weil es wenigstens ein theoretisches Wachstumspotenzial hat!

Und doch schmunzele ich über meinen Wunsch, mögliche Antworten "Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ (42 ?!?) zu verstehen, während Greene dieses Ansinnen für die Spezies Mensch so charakterisiert:
"Für eine Tierart, die nach kosmischer Zeitrechnung gerade erst den aufrechten Gang gelernt hat, ist die Aufgabe wahrhaft gewaltig."
Werden wir jemals über das Stadium der interpretierenden Projektion von Wirklichkeit aufgrund subjetiver Wahrnehmungsfragmente hinaustreten und erkennen können, 'was wirklich ist'? Es verwundert es nicht, dass auch der eingangs erwähnte Paul Watzlawick im wesentlichen bei der Diagnose verharrt, wie merkwürdig das Verhältnis von uns Menschen zu 'unserer' Wirklichkeit doch sei:
Seiner Auffassung nach ist "...das wacklige Gerüst unserer Alltagsauffassungen der Wirklichkeit im eigentlichen Sinne wahnhaft, und wir sind fortwährend mit seinem Flicken und Abstützen beschäftigt - selbst auf die erhebliche Gefahr hin, Tatsachen verdrehen zu müssen, damit sie unserer Wirklichkeitsauffassung nicht widersprechen, statt umgekehrt unsere Weltschau den unleugbaren Gegebenheiten anzupassen." 
Ferner sei der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, die gefährlichste all dieser Selbsttäuschungen; vielmehr gebe es zahllose Wirklichkeitsauffassungen, die teilweise sehr widersprüchlich zueinander seien - sie alle seien das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger, objektiver Wahrheiten... 
Wenn das so stimmt, hätte ich gerne mal mit Kaspar Hauser gesprochen... ;-)


Dokumentation: Was wir immer noch nicht wissen




Siehe auch:

Montag, 13. Februar 2012

Simulierte Wirklichkeit - Urknall oder Systemstart?

Führen wir ein Tamagotchi-Dasein als Unterhaltungsprogramm für Aliens?

"Die Hypothese, unsere Wirklichkeit sei eine auf einem unvorstellbar mächtigen Computer laufende Simulation, ist keinesfalls so abwegig, wie Sie vielleicht denken - und absolut kein der Science Fiction vorbehaltenes Thema!" schreibt Michael Szameit auf Telepolis.
Über die Matrix-Filmtrilogie habe ich mir schon früher ein paar eigene Gedanken gemacht bzw. aufgegriffen. Es lohnt sich, über die Film-Interpretation hinaus über die Kernfrage nachzudenken: 
Ermöglichen 'präzise Zufälle' das Leben im Universum - oder steht hinter dieser unglaublichen Präzision (eine Abweichung zentraler Naturkonstanten um nur ein Trillionstel hätte die Entstehung von Leben unmöglich gemacht) ein Bewusstsein von hoher Intelligenz bzw. Komplexität? 

Mit seinem SPON-Artikel 'Gefühlte Wirklichkeit - Lebt die Menschheit in der Matrix?' dachte Markus Becker bereits 2004 über eine Alternative zum Zufallsprinzip nach: Sind wir künstliche Wesen in einer gigantischen Computersimulation, wie wir sie aus der 'Matrix'-Trilogie kennen? Inzwischen, 12 Jahre später, halten selbst renommierte Wissenschaftler diesen Erklärungsansatz zunehmend für diskutabel bis möglich. 

Der britische Astronom und Mathematiker Fred Hoyle (1915 - 2001) gelangte schon 1954 im Fachblatt "Astrophysics Journal Supplement" zu der Ansicht, die nüchterne Betrachtung der Fakten führe zu der Feststellung, dass "eine Super-Intelligenz" Physik, Chemie und Biologie manipuliert habe: 
„Die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus unbelebter Materie Leben entwickelt hat, beträgt eins zu einer Zahl mit 40.000 Nullen… Diese ist groß genug um Darwin und die ganze Evolutionstheorie unter sich zu begraben.“Naja, wenig überzeugend...aber immerhin schön plakativ...
Viele Kosmologen und Astrophysiker sehen sich vor einem Dilemma: 
Einerseits halten sie weder einen Schöpfergott nach christlich-biblischem Muster (als Person, mit 'menschlichen' Emotionen wie Liebe, Wut, Eifersucht und dem Wunsch nach Sühne und Vergeltung) noch eine nicht-personale schöpferische Intelligenz als 'erste Ursache von Allem-was ist' für existent. Auf der anderen Seite scheinen die Naturgesetze und -konstanten nahezu ideal auf die Entstehung von Leben ausgerichtet zu sein, daher weigern sie sich, an eine Reihe von Zufällen zu glauben. Wenn aber nicht eine höhere, intelligente Kraft ("Gott") unser Urheber ist, wer oder was ist dann Grund unserer Existenz?  

Multiversum-Theorie

Eine Möglichkeit ist die Multiversum-Theorie, die 1957 vom US-Physiker Hugh Everett aufgestellt und u.a. von Stephen Hawking weiterentwickelt wurde. Danach ist unser All ist nur eines von unendlich vielen (Hawking spricht dagegen von 'zehn hoch 500') denkbaren Universen, in denen unterschiedliche Naturgesetze und -konstanten wirksam sind. Angesichts einer so hohen Anzahl von 'Konfigurationen' existiert beinahe zwangsläufig auch ein habitabler Weltraum wie der unsere. Ob darin intelligentes, bewusstes Leben 'von selbst' entsteht, wenn die Voraussetzungen dazu bestehen und genug Zeit bleibt, beantwortet die Annahme eines Multiversums nicht. 

Persönlich halte ich so viel Zufall für wenig wahrscheinlich: Nach meiner spärlichen Erinnerung an den Physik-Unterricht strebt jede Ansammlung unbelebter Teilchen eine größtmögliche Unordnung an. Weshalb sollten sie dann, selbst wenn sie unter dem Einfluss der Naturgesetze Moleküle gebildet haben, immer komplexere Verbindungen eingehen, welche dann zufällig die Bausteine von Leben sind? 

Oder es ist ganz anders, sagt die Simulationstheorie: 
"Menschen könnten keine Wesen aus Fleisch und Blut, sondern nur Figuren in einer gigantischen Simulation sein."
Unter (beinahe) unendlich vielen Universen existieren auch Welten, die von technisch sehr hoch entwickelten Zivilisationen bevölkert sind. Deren Rechnersysteme wären in der Lage, ganze Universen samt intelligenter Bewohner zu simulieren. 

Der britische Mathematiker John Barrow (University of Cambridge) meint sogar:

"Es ist längst anerkannt, dass technische Zivilisationen, die nur ein wenig weiter entwickelt sind als wir selbst, Universen simulieren könnten, in denen sich denkende Wesen entwickeln und miteinander kommunizieren."
Wer schon mal spielerisch Teil einer Weltraumsimulation war, dem ist klar: Zahl der künstlichen Welten würde die der "realen" schnell übersteigen. Paul Davies, Astrophysiker an der australischen Macquarie University, stellt klar: 
"Wenn ein Universum erst einmal eine zu solchen Simulationen fähige Intelligenz beherbergt, wäre die Zahl der simulierten Wesen praktisch grenzenlos." 
Es sei daher "sehr wahrscheinlich", dass wir nur simulierte Wesen sind. 

Auch wenn wir uns innerlich gegen diesen Gedanken wehren (ich möchte 'mehr' sein als eine Spielfigur, die einem vorprogrammierten Lebensweg folgt - zwar würden Entscheidungspunkte als Verzweigung existieren, aber ähnlich wie in virtuellen Spelerwelten (z.B. Skyrim oder Oblivion) stünde für jede gewählte Alternative der weitere Verlauf schon fest...), lässt sie sich nicht leicht wiederlegen:

Weder Quantenmechanik noch die Relativitätstheorie liefern Erkenntnisse, die im Widerspruch zur Existenz einer solche Matrix stehen würden. Auch Martin Reese, seines Zeichens 'königlicher Hofastronom', geht davon aus, dass in einem Multiversum zweifelsohne auch Universen mit großem Potenzial für Komplexität vorhanden sind. Dann aber sei es nur eine "logische Konsequenz", dass in solchen ganze Universen (oder sichtbare Teile davon) simuliert werden können.  

Die Simulations-Hypothese von Nick Bostrom

Was aber befähigt uns dazu, eigene Gedanken zu entwickeln und Entscheidungen zu treffen, sich sogar unseres Selbst bewusst zu sein? Lt. Nick Bostrom von der Oxford University sei dazu eine bestimmte Rechenstruktur notwendig - und die könne auch in einem Computer erzeugt werden. In seinem Denkmodell beschäftigt sich Bostrom mit der Hypothese, eine höher entwickelte Zivilisation sei in der Lage und Willens, die Wirklichkeit inklusive des gesamten Universums in einem Computer zu simulieren - und habe dies eventuell bereits getan. 
Unser Universum sei eine simulierte Realität; alle Lebewesen folglich Bestandteil dieser Simulation. Diese Behauptung sei, wie die Gotteshypothese, weder beweisbar noch widerlegbar. Bostrom formulierte drei Möglichkeiten, von denen zumindest eine als zutreffend akzeptiert werden müsse:
  1. Keine Zivilisation wird je das technologische Niveau erreichen, simulierte Realitäten zu erstellen, da sie sich zuvor selbst vernichtet oder aus anderen Gründen ausstirbt.
  2. Keine Zivilisation, die dieses technologische Niveau erreicht, wird diese Fähigkeit umsetzen wollen, zum Beispiel, weil sie die Ressourcen für andere Dinge einsetzt.
  3. Wir leben mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer simulierten Realität.
Die Ausschließlichkeit dieser drei Alternativen erschließt sich mir nicht ganz: Selbst wenn in unserem (nicht eben überschaubaren) Universum bzw. einem Multiversum zu komplexen Simulationen befähigte Zivilisationen existieren - weshalb 'muss' unser Dasein dann einer solchen Simulation entspringen??
Falls eine hinreichend große Anzahl von Zivilisationen existiert, lassen sich lt. Bostrom die Annahmen 1 und 2 ausschließen. Sollten die ersten beiden Annahmen aber falsch sein, dann hat sich "bedeutsamer Teil" aller intelligenten Spezies deutlich weiter entwickelt als wir - und diese würden zumindest einen Teil ihrer Computerpower dazu benutzen, Wesen wie uns zu simulieren. Somit bliebe nur die 3. Alternative, dass unser Universum mit hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich eine Simulation sei.


Auch Bostrom gelangte zu diesen Überlegungen vor dem Hintergrund der Feinabstimmung der Naturkonstanten, die Leben überhaupt erst möglich zu machen scheint.Und er kam zu der selben Schlussfolgerung: Wenn man keinen Schöpfergott postulieren will, dann ist die Entstehung von Leben nur in einem Multiversum möglich.

Diese "bedeutende Wahrscheinlichkeit", dass die Menschheit tatsächlich nichts weiter ist als eine Figurensammlung in einer Computersimulation, beziffert Bostrom mit etwa 20 Prozent.  


Simulationen in Simulationen

Allerdings würde ich den Schöpfergott gar nicht so weit weg stellen, falls die These von der simulierten Menschheit zuträfe: Die Schaffer einer derartigen Simulation möchten evtl. mit ihren Spielfiguren interagieren...etwas anders tun wir ja auch nicht, wenn wir z.B. WoW oder Second Life spielen. Es gibt seit 2008 sogar die Evolutions-Simulation Spore, mit der man sich beinahe wie ein Gott fühlen kann: "Der Spieler wird zum Schöpfer."
Es geht in „Spore“ darum, ein komplett eigenes Universum zu erschaffen - und dessen Evolution mitzuerleben. Der Spieler bastelt eine eigene Spezies, die sich dann in verschiedenen 3-D-Umgebungen behaupten, Naturkatastrophen trotzen, Gefährten finden oder sich mit anderen Lebewesen auseinandersetzen muss.
Die Fantasiefiguren entwickeln im Spiel immer weiter – wie in der „echten“ Evolution eben. vom Einzeller (der als Startpunkt schon vorausgesetzt wird) bis zur „Weltall-Phase“, in der die nun hochintelligente Kreatur sogar ins All fliegt.
Auch 'spontane Eingebungen', Freuds Idee von einem 'Über-Ich' oder Jung's Synchronizitäten erhalten vor dem Hintergrund eines Simulations-Szenarios eine völlig andere, aber schlüssige Bedeutung: Unser Spieler-Community hilft ihren träge-ratlos vor sich hin 'lebenden' Avataren ein wenig auf die Sprünge... 

Natürlich ist so ein Game, wie wir es heute kennen, (noch) nicht mit 'der' Matrix zu vergleichen (die Spielfiguren weder Selbst-Bewusstsein noch eine als materiell erfassbare Realität; deren vorgegebene Programmkonfigruation gibt bestimmte, zahlenmäßig begrenzte Reaktionsmuster vor...bzw. dies wird uns in audivisueller Form vorgegaukelt). 


Kaum 10 Jahre zuvor hatte Bostrom notiert: "Sollten die Erdlinge eines Tages in der Lage sein, ihrerseits Universen zu simulieren, wäre das "ein starkes Indiz" dafür, dass wir alle nur im Computer existieren." Innerhalb der Matrix existieren gewissermaßen verschiedenen unterschiedlich komplexe Ebenen oder Hierarchien zu existieren. Danach könnten auch die Erschaffer 'unserer' Matrix wiederum nur simulierte Geschöpfe sein. 

Und an der Spitze der Pyramide von Matrixebenen stünde 'Gott'? Manche meinen in diesem Kontext, sogar der Chefsimulator 'Gott' sei womöglich eine Simulation höherer Ebene - doch damit verlagert sich die Frage nach dem letztlichen Ursprung von allem lediglich: keine Simulation entsteht aus sich selbst heraus!   


Beweisbarkeit der Matrix innerhalb der Matrix?

Widerlegbar ist die Simulationsthese nicht - doch wie steht es mit Beweisen für die reale Existenz einer Art "Matrix"? Da wir als Spielfiguren nicht über den programmierten Tellerrand hinaus sehen könnten, wären solche Belege nicht leicht zu finden. Weil aber die Programmierer eben nicht 'Gott' sind, darf man unterstellen, dass ihnen bisweilen ein Fehler unterläuft. Solche Fehler lassen sich auch in unseren Simulationen finden, sie zeigen sich da, wo ein Subjekt oder Gegenstand aus dem definierten Rahmen fallen (z.B. wenn man in der Skyrim-Welt als Reiter nahezu senkrechte Felswände erklimmen kann). Was bei Oblivion ein unkorrekt zum Stand der Sonne ausfallender Schatten ist, könnten in der 'Simulation Menschheit' eventuelle Ereignisse sein, die grundlos den Naturgesetzen widersprechen. Die Komplexität der Simulation ist zwangsläufig begrenzt, wenn auch auf einem für uns nicht erfassbaren Komplexitätsniveau. 

Resultierend bestehe ein Potenzial für 'kleinere Fehler' die sich nach und nach aufsummieren und letztlich in einem riesigen Crash enden könnten - "ERROR - das ganze Universum stürzt ab". Womöglich beträgt die Spieldauer ja deshalb ca. 75 Milliarden Jahre - von einem Urknall zum nächsten? Jedenfalls wissen wir mit einiger Sicherheit, dass unser Universum in etlichen Milliarden Jahren entweder auseinanderfliegen oder implodieren wird, ein planmäßiger Reboot sozusagen. Kleine Korrekturen lassen sich auch im laufenden Spiel vornehmen, ferner sind automatische Selbstreparatur-Funktionen denkbar, wie sie z.B. im menschlichen Erbgut existieren. "Das würde zu mysteriösen Veränderungen führen, die anscheinend die Gesetze der Physik verletzen", schreibt Barrow - wie etwa kleine Verschiebungen in den Naturkonstanten. 


Der australische Astrophysiker Paul Davies glaubt, dass ein solcher "Schluckauf" in der kosmischen Simulation möglicherweise schon gefunden wurde: Mehrjährige Beobachtungen weit entfernter Quasare mit dem Keck-Teleskop auf Hawaii haben gezeigt, dass sich die Feinstruktur-Konstante, eine fundamentale Größe in der Physik, sich offenbar mit der Zeit verändert. Eine mögliche Erklärung könnte eine langsame Veränderung der Lichtgeschwindigkeit sein - was nach Einsteins Relativitätstheorie aber unmöglich ist. 


Fraglich ist, ob hierbei wirklich ein 'Simulationsfehler' vorliegt - wahrscheinlich handelt es sich um eine experimentelle Entdeckung, die schließlich ein besseres Modell der Physik nach sich ziehen wird. So haben auch Abweichungen von den Newtonschen Gesetzen zu Einsteins Relativitätstheorie geführt. 


Was aber würde sich für uns fundamental ändern, falls wir als unwiderlegbar akzeptieren müssten, nur in einer Simulation existieren? Die Menschen in der Kino-Trilogie 'Die Matrix' hätten es nicht schlecht und seien so versklavt gar nicht, meint der US-Philosoph Hubert Dreyfus.
"Sie können leben, sterben, lieben, arbeiten, treffen Entscheidungen und tun alles, was sie wollen...Nur aus der Simulation fliehen könnten sie nicht - aber warum sollten sie auch? Nur, weil sie auf einer anderen Daseinsebene als Batterien benutzt werden?... 
Sie müssen sich nicht daran stören, weil sie es nicht einmal wissen."
Ob ein Krebskranker im Endstadium oder die Mutter eines nach schlimmer Krankheit verstorbenen Kindes dies ebenso sieht? Im Film 'Matrix' erklärt Agent Smith, Erscheinungen wie Leid und Tod seien als Matrixbestandteile notwendig geworden, denn die Menschen hätten eine frühere 'Paradies-Version' nicht akzeptiert. Wichtiger ist wohl, dass mit der Realität einer Matrix mancher Traum zuende geträumt wäre oder für immer ein Traum bliebe - so etwa das Ideal eines selbstbestimmten Lebens: 
Ähnlich wie die Bibel es vorschreibt, würde unser Dasein womöglich allein dazu dienen sollen, dem Schöpfer zu gefallen (der womöglich dem biblischen Jahwe gar nicht so unähnlich sein könnte). 

In dem lesenswerten Artikel 'Matrix Refused' auf Telepolis (Heise) wird neben einer Desillusionierung der Effekt einer "weiteren narzisstischen Kränkung des Menschen" beschrieben:
"Zu den diversen historischen Zentrumsverlusten des Menschen kommt nun noch der, dass unzählige Simulationen bestehen mögen, jede mit geringfügigen Varianten, die sich durch ihre je eigene Geschichte quälen. Der Mensch wäre irgendein Programmteil und sein biologisches Erbe im Zweifel nichts als ein Irrglaube, jederzeit geeignet, ohne Sicherungskopie gelöscht zu werden."
So formuliert der US-Ökonom Robin Hanson, sicherheitshalber ein paar Regeln, um den Schöpfern der Simulation zu gefallen. Denn wer die Motive seiner Programmiere kennt, könnte sich darauf ausrichten, sein Dasein im Hinblick auf die Interessen der Betreiber zu gestalten:
  • Weniger auf andere achten, mehr für das Jetzt leben, sich stärker an wichtigen Entwicklungen beteiligen, unterhaltsamer sein...
  • Falls die Herren der Simulation selbst in ihrem Szenario als berühmte Personen (wieder eine Parallele zur Reinkarnation von Propheten u.ä. in Religionsschriften) auftreten, könnte es lebensnotwendig sein, für diese berühmten Leute persönlich interessant zu bleiben: Hanson empfiehlt, die berühmten Menschen um sich herum glücklich zu machen.
    Eine mehr als zweifelhafte Empfehlung: allein auf den Verdacht hin, dass wir uns in einer Simulation namens Menschheit 0.8 befinden, irgendwelchen C-Promis in den Allerwertesten kriechen? Na toll...
  • Wer gut genug sei, werde nach dem Ende seiner Computerexistenz vielleicht nicht gelöscht, sondern in eine andere Simulation oder gar in die reale Welt der Programmierer kopiert. Hanson spekuliert also, dass die Simulation nach dem Tod weiter gehen könnte - die Belohnung für ein gut geführtes Simulationsleben wäre also dann der glückselige Aufenthalt im Simulationshimmel, den ein Simulationsbeherrscher für ein erlebnisorientiertes, unterhaltsames Erdendasein spendiert.
"Hansons Lebenshilfe und Überlebens-versicherung für "Simulanten" wie unsereins läuft also auf so eine Art Hofnarren- bis Tamagotchi-Dasein für erlebnishungrige Nachfahren hinaus." (Matrix Refused, s.u.)
Tja, wo solche Ratschläge formuliert werden, da ist wohl eine Vorstellung von der Nichtexistenz Gottes mit dem mehr oder weniger bewussten Wunsch vieler Menschen nach Erlösung und einem Weiterleben nach dem Tode kollidiert - diese Regeln widersprechen allem, was ich mir so unter Zukunftsfähigkeit vorstelle und wie sich das Zusammenleben von Menschen sinnvoll gestalten lässt.
Selbstlosigkeit geht für mich anders, auch die Schwachen, Hilf- und scheinbar Nutzlosen haben eine Existenzberechtigung und weit mehr als das! 


Der Astrophysiker Davies erachtet solche Ratschläge ebenfalls als nutzlos bis schädlich: Zu viel des Nachbohrens führe womöglich zu einem bösen Ende.
"Jetzt, da die Programmierer wissen, dass wir ihnen auf der Spur sind, ist das Spiel aus", argwöhnt der Forscher. "Sie könnten ihr Interesse verlieren und die 'Delete'-Taste drücken."  

Alternativen zur 'Matrix-Hörigkeit'?

Viele Erörterungen der Simulationsthese wiederholen einen Fehler, der mit dem Phänomen Religion begangen wurde. Begriffe wie Matrix und Gott (im Sinne eines persönlichen Überwesens, das unser Schicksal schmiedet) sind erst einmal Synonyme oder Metaphern: 
Alles, was wir noch nicht verstehen, projizieren wir offenbar in solche Metaphern hinein und verlieren dabei jedes Maß. 

Eine alte Frage hat schon tausende Jahre die Philosophen und Theologen umgetrieben: 

  • Greift Gott in den Lauf der Welt durch Wunder, Katastrophen oder sonstige Manipulationen ein? Inzwischen können wir den Begriff 'Gott' durch den zeitgeist-gerechten Begriff des Simulators ersetzen - aber der vermutete Mechanismus ist derselbe: - Gibt es eine göttliche (oder des Programmierers) Vorsehung, die nichts anderes wäre als das Wissen um bereits abgeschlossene Testläufe der Simulation? 
  • Oder überlässt der allmächtige 'Gott' bzw. Simulator nach der Initialzündung alles Weitere den Geschöpfen selbst? 
Tatsächlich wollen uns diese Spekulationen an den Punkt führen, wo die Unterschiede zwischen einer biologischen und berechneten Realität, zwischen Gott und Simulationsherrschern für die wie immer Geschöpften unbeachtlich sein könnten. Und mit einem biblischen Gottesverständnis könnte dies sogar gelingen - denn wo liegen erkennbare Unterschiede zwischen dem demiurgischen Jahwe (gemäß seinem im A.T. dargestellten Charakter, der Anbetung und bedingungslose Hingabe einfordert sowie Gerechtigkeit durch rassistisch-selektive Willkür ersetzt) und dem Programmierer der Matrix? 

Beide haben vergleichbare Möglichkeiten des Eingreifens und -wirkens, beide wollen unterhalten werden und zeigen bisweilen wenig souveräne Erwartungen an ihre Geschöpfe. Die Auffassungen über Wahrheit und richtige Lebensziele/-führung gehen weit auseinander - daran wird auch die Simulationshypothese nichts ändern: Einen Erkenntnisgewinn gegenüber dem 'konventionellen' Realitätsverständnis wird sie nicht bescheren. 


Jede Form von Eskapismus birgt Gefahren: Ob wir nun einer Gottheit oder den HighTech-Programmierern unserer simulierten Welt die Schuld an von uns selbst verursachten Problemen und Rahmenparametern anlasten - es besteht die Gefahr, in eine Scheinwelt zu fliehen, wo wir uns unserer Verantwortung einstweilen noch nicht stellen müssen. Zudem erweisen sich die dem Gott des A.T. und dem Matrix-Entwickler zugeschriebenen Attribute als ziemlich 'ungöttlich' - jedenfalls nach meiner persönlichen Gottesvorstellung. 


'Mein' Gott, wenn er denn existiert, steht über diesen Dingen und erwartet sicher nicht, dass ich ihn unterwürfig anwinsele oder opportunistisch unterhalte. Es scheint wohl eher so zu sein, dass 'Spielregeln' (etwa die Naturgesetze und die 'Goldene Regel') als Orientierungsrahmen und Erfolgsfaktoren festgelegt wurden, zu deren Befolgung freilich niemand gezwungen wird. 

Im Jargon der Software-Entwickler: Ich bin ein selbst lernendes System und erhalte die bis zum nächsten Level erforderliche Anzahl an Leben;-) 

 Siehe auch: