Mittwoch, 26. Dezember 2012

Rom - Niedergang einer Weltmacht

Das (west-)römische Reich endete nicht plötzlich am 28. August 476 mit der Absetzung des jungen römischen Kaisers Romulus Augustus durch den Vandalen-König Odoaker. Vielmehr war der Niedergang Roms ein komplexer Prozess, für den mehrere Faktoren ursächlich waren.
Guido Westerwelle verglich unsere heutige Gesellschaft keineswegs der erster mit mit der sprichwörtlich gewordenen ‘spätrömischen Dekadenz’. 

Ebenfalls bis in unsere Zeit erhalten ist der Begriff “Brot und Spiele” – ein Synonym für die Ablenkung der Bevölkerung von politischen Vorgängen durch verschiedenste Spektakel – damals dienten Gladiatorenkämpfe und massenweise Ermordung von Menschen in Arenen, heute wird in den meisten von über 100 TV-Programmen gemordet und die Erteilung von Rüstungsaufträgen während sportlicher Großereignisse erfreut sich einiger Beliebtheit. Doch solche Ereignisse reichen für sich genommen nicht, um ein Imperium vom Zuschnitt Roms zu Fall zu bringen.
Gustav Seibt fasst seine Sicht der Ursachen für den Untergang Roms auf dem Online-Portal der Süddeutschen Zeitung zusammen:



  • Immer Ärger mit der Unterschicht

  • Seibt stellt fest, der Untergang Roms sei größer ist als die Taten und Unterlassungen einzelner – der “erste Kollektivprozess, der sich im Licht der Geschichte des Westens abspielte”. Diesem Prozess werde die Bezeichnung ‘Übergang von der Antike zum Mittelalter’ besser gerecht werde. Sie impliziere ein ganzes Bündel von Ursachen - entgegen der klassischen ‘Barbarenthese’, welche das Ende Roms als Folge eines Zusammenpralls zweier ungleichwertiger Kulturen erscheinen lassen.
    Primärer Auslöser des Zusammenbruchs war die Völkerwanderung: Die Hunnen drangen aus Asien nach Ost- und Mitteleuropa vor. Daraufhin zogen andere Völker nach Westen und Süden und bedrängten wiederum das römische Territorium.
    Bereits seit 395 bestand die Reichsteilung in West- und Ost-Rom mit je einem Kaiser. Ost-Rom war mit seiner stark befestigten und in Kleinasien strategisch entscheidende Hauptstadt Konstantinopel zwar imstande, den Angreifern standzuhalten. Darüberhinaus war eine militärische Unterstützung des Westreiches aber nicht zu bewerkstelligen – und die weströmischen Legionen waren in der spätrömischen Epoche besonders nicht mehr in der Lage, die Grenzen effektiv zu schützen.
    West-Rom hatte den angreifenden Stämmen kaum noch etwas entgegenzusetzen. Der Verlust wichtiger Provinzen wie ‘Africa’ erschwerte die Aushebung immer neuer Truppen; daher mussten mehr und mehr Hilfstruppen aus den Rom angegliederten germanischen Gebieten angeworben werden. Diese ‘unterwanderten’ die Legionen, sahen sich nie als ‘Römer’ und verfolgten zunehmend eigene Interessen – bis mehrere Stämme schließlich eigene Reiche auf dem früheren Gebiet des Imperiums errichteten. Dass sie im 5. Jahrhundert dann die Herrschaft in Italien an sich rissen, erscheint angesichts des von innen her geschwächten Imperiums fast logisch.

    Obwohl im römischen Reich ein Wohlstand in zuvor nie erreichtem Ausmaß herrschte, partizipierten nur wenige davon. Die Verteilungsungerechtigkeit spricht Bände: Nicht einmal 1 Prozent von über 50 Millionen Menschen teilten den Reichtum unter sich auf. Die Elite lebte dank hoher Steuereinnahmen im Überfluss und leistete sich durchaus Exzesse, welche die Verteidigungsbereitschaft Roms unterminierten. Zugleich wurde das politische System durch Korruption geschwächt.
    Die neuere Geschichtsforschung betrachtet allerdings den anhaltenden Druck durch äußere Feinde sowie ökonomische Schwierigkeiten als Hauptursachen des Zusammenbruchs, der durch innere Verfallserscheinungen jedoch begünstigt wurde.
    Die Rolle des Christentums wird heute differenziert betrachtet: Zwar wandten sich viele Männer von hoher Integrität dem Christentum dem Dienst in der Kirche zu; damit gingen so aber dem Staat verloren. Doch andererseits stabilisierte die neue Staatsreligion das Kaisertum, dass sich zuvor mit ständigen religiösen Konflikten konfrontiert sah.
    Dass nicht primär innere Faktoren (die vielbeschworene "spätrömische Dekadenz") für den Untergang des Reiches verantwortlich war, zeigt sich auch daran, dass Ostrom weitere tausend Jahre Bestand hatte.-
    Es ist sicherlich sinnvoll, aus dem Übergang von der Antike zum Mittelalter Lehren für unsere Zeit zu ziehen. Jedoch sind monokausale Betrachtungen nicht hilfreich; werden diese zusätzlich noch auf platteste Thesen wie ‘sexuelle Ausschweifungen machen jeden Staat kaputt’ oder ‘das Christentum hat Rom von innen zerfressen’ reduziert, so geht jeder Geschichtsbezug verloren.--

    Ausführlicher und mit weitaus mehr Details befasst sich die ARTE-Dokumentation ‘Rom - Niedergang einer Weltmacht’ mit diesen Vorgängen:


    Montag, 24. Dezember 2012

    Es gibt keine Materie - Hans-Peter Dürr

    • “Es gibt keine Materie, es gibt nur das Dazwischen…”
    • “Nichts ist prognostizierbar.”
    Er habe sein ganzes Forscherleben damit verbracht, zu erforschen was hinter der Materie steckt, berichtet Professor Hans-P. Dürr. Sein Fazit, dass Materie nicht existiert dürfte weitreichende Konsequenzen für unser Weltanschauung und unser Menschenbild entfalten.

    1999 gab Professor Dürr in der Juli-Ausgabe der Reihe SPIEGEL spezial ein Interview, das mit der Überschrift 'Das Geistige hat keine Ränder' versehen wurde.

    Darin erklärt er unter anderem, unsere Naturgesetze seien nicht mehr als langweilige 'Ausmittelungen', die lediglich eine Annäherung an die Wirklichkeit vermittelten – ein 'langweiliges Ergebnis' in dem Sinne, dass sich nichts Unerwartetes ereignet.
    In diesem Kontext wird der Schriftsteller Arthur Koestler zitiert:
    “Wo der Sirius stehen wird in 2000 Jahren, das können wir auf die Bogensekunde genau vorhersagen; aber was meine Köchin in fünf Minuten machen wird, das kann ich überhaupt nicht sagen.”
    In dieser Priorisierung, das Beständige wichtiger zu nehmen als das Veränderliche. liege ein Fehler, antwortet Dürr. Der Mensch habe Schwierigkeiten zu akzeptieren, das gerade das Veränderliche das Wesen des Lebendigen sei. Wir haben allerdings Schwierigkeiten, das zu akzeptieren. Die Ursache dafür liege in unserer Wahrnehmung der Realität “als eine Welt, die aus Dingen besteht” – anders gesagt, nehmen wir nur eine überzeugende Illusion der Wirklichkeit bewusst wahr .
    Auf der subatomaren Ebene der Elementarteilchenphysik ist diese Realität ohnehin nicht existent, erklärt Dürr weiter. Unser Konzept der Materie ergibt auf dieser Ebene keinen Sinn:
    “Alles löst sich auf, es sind nur noch Beziehungsstrukturen. Nur im Schnitt wird uns eine Art Kausalstruktur vorgegaukelt, aber es gibt weder Ursache noch Wirkung. Etwas entsteht, etwas vergeht, wild durcheinander. Aber dann gibt es ab und zu Gerinnsel darin. Unsere Körper, die Materie. Die Sonne ist auch so ein Gerinnsel.”
    Im weiteren Verlauf dieses zwar älteren, aber lesenswerten Interviews erläutert Prof. Dürr die weitreichenden Implikationen seiner Forschungsergebnisse und Erkenntnissen daraus. Erfreulicherweise fehlen ihm dabei jene Scheuklappen, die Wissenschaftler häufig veranlassen, die philosophische und sogar die spirituelle Dimension der Realität auszublenden oder der Einfachheit halber als nicht existent zu betrachten.

    Bedeutsam erscheint mir auch seine Feststellung, dass wir einen Sinn ‘von Allem’ jedenfalls nicht (allein) aus den Gesetzmäßigkeiten der Natur erfassen können. Warum? Weil wir uns zwecks Beantwortung dieser Sinnfrage als ein Untersystem von etwas Größerem auffassen und nun die Beziehung von uns selbst zu dem Größeren zu beschreiben suchen.

    “…wenn die Wirklichkeit größer ist als meine Denke, dann gibt es für diese Fragen in dieser Denke keine Antwort.”
    Das ist wohl so, denn mit unserem Bewusstsein können wir jeweils nur einen kleinen Teil der gesamten Wirklichkeit erfassen. ‘Der berühmte alte Herr der Quantenphysik’ vergleicht diesen Umstand mit dem Lichtkegel einer Taschenlampe, die in der Dunkelheit ebenfalls nur einen kleinen Ausschnitt der Umgebung beleuchtet.
    “Eine Taschenlampe verunsichert einen sehr, weil sie nur das beleuchtet, wo man hinscheint, und das Dunkle drumherum ist noch dunkler. Erst, wenn wir das Licht ausmachen, können wir wieder die ganze Landschaft erkennen. Das ist es, was den Leuten fehlt: das Licht ausmachen, nicht genau wissen. Dann findet man sich mit Ungenauigkeiten wunderbar zurecht.”


    Alles hängt mit Allem zusammen

    Sicherheit erwachse also nicht daraus, einzelne Dinge zu begreifen - sondern daraus, sich in der Komplexität der gesamten Wirklichkeit zurechtzufinden. Nach Dürr basiert Wirklichkeit auf ‘reinem Beziehungsgefüge’ unterhalb der Atome – eben das ‘Dazwischen’.
    Wenn es stimmt, dass Materie überhaupt nicht existiert, dann wird unser Verstehen der Welt nicht dadurch befördert, dass man die Wirklichkeit auf ein auf Materie basierendes Modell reduziert und dann nur noch dieses Modell betrachtet –aber nicht mehr die gesamte Wirklichkeit.
    Entspricht ein solches Paradigma unserem Naturell? Vermutlich nicht so ohne weiteres, aber auch die Denkweise von Menschen ist nicht unveränderlich, auch wenn es mitunter den Anschein hat.
    Für ‘normale Menschen’ geht es vielleicht darum, die Denkweise der klassischen Physik nicht in unserem Leben durch unser Denken und Handeln zu imitieren – indem wir uns fälschlicherweise als ‘getrennt von den anderen’ auffassen. Wenn die Quantenmechanik erkennen lässt, dass ‘Alles mit Allem zusammenhängt’, dann gilt dies für weit mehr als bloß unsichtbare Prozesse zwischen irgendwelchen unsichtbaren Teilchen.)
    Analytisches Konkurrenzdenken ist insoweit kein geeignetes Lebenskonzept (auch hier spielt die eigene Wahrnehmung offensichtlich vielen Menschen einen Streich, die das ganz anders sehen). 

    Was Professor Dürr vermitteln möchte, ist nicht grundlegend neu, denn wir kennen integrative Ansätze aus den Geisteswissenschaften und nicht zuletzt auch von Religionen. Neu oder zumindest angenehm überraschend ist, dass ein Naturwissenschaftler aufgrund seiner Arbeit ebenfalls zu dieser Erkenntnis gelangt.

    Folgende Worte von Dürr (hier gefunden) verdeutlichen zusammenfassend den Teil seiner Botschaft, der Anwendung in unserer Alltagswelt finden sollte:
    “Das Lebendige entfaltet sich durch kooperative Integration, das ist eine Symbiose1).”
    „Wir sind durch Liebe verbunden, nicht durch Geist"
    “Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald, der wächst. Unsere Geschichte ist voll von Katastrophen. Aber die Kooperation war immer stärker als die Konkurrenz, die Symbiose größer als die Kriege, sonst wären wir gar nicht hier.”


    • Zum Vortrag von  Hans-P. Dürr "Es gibt keine Materie" 

    Teil 1 / Teil 2




    Anmerkung
    1) Symbiose bezeichnet die Vergesellschaftung von Individuen bzw.das Zusammenwirken zweier Systeme zum beiderseitigen Vorteil. In der Biologie findet sich oft eine Symbiose zwischen verschiedenen Organismen. Der Erfolg solcher Beziehungen bemisst sich daran, inwieweit sich dadurch die Überlebens­chancen beider Partner erhöhen. (Hat nur ein ‘Partner’ einen wirklichen Vorteil, spricht man wohl eher von einer parasitären Verbindung)

    Samstag, 22. Dezember 2012

    22.Dezember 2012: Wir sind 'noch da'. Ein Aufschub?

    “Es ist doch den ganzen Tag gar nichts passiert."

    Schön, dass wir alle noch da sind – es kam gestern (21.12.2012) zu keinen spektakulären Katastrophen und auch nicht zu rituellen Selbsttötungen als Folge der Untergangs- oder Aufstiegs-Erwartungen vieler Menschen. Also auch keine self fullfilling prophecy, eigentlich der einzige Aspekt, der zu realen Befürchtungen hätte Anlass bieten können.
    SPIEGEL online titelt “Apokalypse-Wahn - Davon ging die Welt nicht unter”. Also alles nur heiße Luft? Ich meine, um hier eine zutreffende Antwort zu finden, muss man differenzieren:
    • Das Gerede von auf den Tag genau vorhersagbaren kosmischen Katastrophen, für welche aber kein Astronom etwaige Anzeichen festgestellt hatte, war in meinen Augen wirklich sinnbefreite Panikmache.
      Nicht, weil solche Ereignisse per se auszuschließen sind (es gibt durchaus Gefahren aus dem Weltall), sondern weil man davon nicht durch Mystik und Prophetie erfährt, sondern durch solide naturwissenschaftliche Arbeit.
      Nahezu alle Fachleute hatten in Bezug auf Kometeneinschläge, sich bislang versteckende Planten in unserem Sonnensystem sowie im All umherirrende Geisterplaneten etc. für den 21.12. Entwarnung gegeben, wie zu den vorherigen Weltuntergangsterminen auch. 
      Wie kommt es eigentlich, dass 'denen' so viele kein Wort glaubten? Schließlich handelt es sich nicht um Politiker, sondern um seriöse Naturwissenschaftler aus etlichen Nationen. Wozu sich einreden, alle Physiker seien NWO-Sklaven oder gleich fremdgesteuert? Das ist wirklich hanebüchenes Verschwörungsgeschwafel.


      Ein ‘Aufschub’ des Weltuntergangs-Termins kommt insoweit nicht in Betracht: die Menschheit wird auch an keinem anderen zuvor ‘festgelegten’ Tag ausgelöscht werden. Das Genre ‘Endzeitwahn’ benötigt also eine neue Geschäftsidee.
      Alien-Profi Erich v. Däniken (“Das mit dem Weltuntergang ist wirklich dummes Geschwätz. Ich weiß nicht woher das kommt.”) war sich dessen schon im Vorfeld bewusst und stellte frühzeitig klar, es könne sehr wohl noch bis zu 20 Jahre dauern, bis Bolon Yokte auf die Erde zurückkehre.
    • Andererseits sind solche Ängste und Befürchtungen nicht ganz aus der Luft gegriffen: Auch rational denkende Personen verspüren angesichts des Zustandes der Natur wie auch unserer politischen, ökonomischen und sozialen Verfassung ein wachsendes Unbehagen.
      Die besorgte Fragestellung ‘Wie soll das alles nur weitergehen – und wie lange noch?’ hat durchaus ihre Berechtigung. Es geht schließlich nicht allein um ökologische Themen; meine eigene Gedanken und Sorgen hierzu habe ich auf der Seite ‘Apokalypse selbstgemacht oder entschlossenes Handeln?’ darzulegen versucht. Am gestrigen Tag haben sich die Überlebensbedingungen der Menschheit zwar nicht verschlechtert – aber sie sind auch kein Stück besser geworden!
    In diesem Zusammenhang halte ich eine Überlegung für entscheidend: Lohnt es sich, einen eigenen Beitrag für den Erhalt dessen zu leisten, was wir allgemein als ‘unsere Welt’ umschreiben’? Oder ist es so, dass “die Scheiße einfach passiert” und wir sowie so nichts an der Zukunft ändern können, außer in netten Illusionen zu schwelgen – woraus sich dann ein perfektes Alibi zur dumpfen Konsummaximierung bis ans Lebensende konstruieren lässt?


    Determinismus oder Zufallsprinzip?


    Im Film Knowing, den ich gestern mehr oder weniger passend zum angekündigten Ereignis angeschaut habe, geht es u.a. um diese Schlüsselfrage. Die kurze Szene, in der Prof. John Koestler alias Nicolas Cage mit einen Studenten einige Sätze über die Frage ‘Zufall oder Determinismus?1) wechselt, ist alles andere als unwichtig: Gerade nach persönlichen Unglücksfällen (im Film der Tod von Koestlers Ehefrau) und einschneidenden Erlebnissen stellen sich viele Menschen genau diese Frage.
    Deren Tragweite geht über die persönliche Dimension hinaus: Entstand das Universum spontan durch einen ‘lautlosen Knall’ im Vakuum und entwickelte sich eine Vielzahl komplexer Systeme (Proteine, Zelle, DNS, Stoffwechsel usw.) zufällig aus anorganischen Bausteinen?

    Fest steht: wären die Naturgesetze und -konstanten exakt nicht genauso angelegt, wie es der Fall ist, so wäre kein Leben auf der Erde möglich bzw. ‘dieses’ Universum wäre so nicht entstanden.
    Daraus zu schließen, in allen Bereichen der Realität sei jedes Ereignis vorherbestimmt, halte ich für einen großen Fehler. Zum einen gibt es wissenschaftliche Theorien, welche die Naturgesetze unseres Universums ohne Determination erklären (so wie ich das verstanden habe, wird z.B. die Existenz einer sehr großen Anzahl verschiedenster Universen angenommen; das unsrige hat nun mal die für menschliches Leben geeignete Konfiguration an Naturgesetzen und –konstanten…nur darum sind wir hier).
    Ausführlicher dargelegt wird Determinismus-Thematik von Boris Kotchoubey (‘Vorbestimmungsglaube: „Mythos Determinismus“ von Brigitte Falkenburg’)
    In Bezug auf das Kausalitätsprinzip stellt sich die Frage: Sollen wir den guten alten Glauben, dass wir “Kausalität als normativen Grundsatz betrachten sollten, also eine Verfahrensregel: Der Naturwissenschaftler tue gut, wenn er bei jedem Phänomen nach dessen Ursachen suche. Eine Verfahrensregel kann weder wahr noch falsch sein, sondern je nach Problemstellung nur nützlich oder nutzlos. […] Man kann auch in der postmodernen Ära an die absolute Wahrheit glauben; aber Nutzen ist auf jeden Fall nur relativ, und was mir gestern nutzte, nutzt mir morgen vielleicht nicht mehr.”
    Determinismus sei völlig okay, solange er als vorwissenschaftlicher Glaubenssatz angesehen werde, der für den Fortschritt in vielen, aber nicht zwingend allen Wissensbranchen vom Nutzen sei. Als solcher stehe er dem freien Handeln der Menschen im privaten wie im politischen Bereich nicht im Wege. Als wissenschaftlich nachgewiesene, zwingenden „Wahrheit“ aber sei er überholt.
    “Das 20.Jh. hat uns bereits gezeigt, zu welch ernsthaften sozialen Konsequenzen es führen kann, wenn sich eine Ideologie als Wissenschaft darzustellen versucht. Einen weiteren derartigen Fall brauchen wir wahrlich nicht.”--
    Hier besteht m.E. auch ein Bezug zu der Auffassung, die Zukunft lasse sich ohne Kenntnis beweisbarer Fakten auf den Tag genau vorhersagen. Natürlich lassen sich viele Prophetien aufstellen, die so allgemein formuliert sind, dass sie sich im Nachhinein auf jeden beliebigen Zeitraum anwenden lassen – irgendwas ist ja immer. Bei eindeutigen Formulierungen (‘Ankunft von Aliens’, ‘Auslöschung der Menschheit’) ist dies aber definitiv nicht der Fall.
    Sinnvollerweise sollten wir auf die Erfahrungsmomente vertrauen, welche uns vermitteln, dass entschlossenes Handeln die einzige Chance darstellt, auf eine kritische Situation positiven Einfluss zu nehmen. Verdrängung, Gleichgültigkeit und Fatalismus sind gleichbedeutend damit, sich dem unterstellten ‘Schicksal’ zu unterwerfen – anstatt eigene Gestaltungsoptionen wahrzunehmen (so unbedeutend sie im globalen Maßstab auch anmuten mögen).
    Eine pauschale Verschwörungsgläubigkeit nach dem Motto ‘Wir werden von Politik und Wissenschaft sowie den Medien (und natürlich dem Vatikan) immer und in allen wichtigen Aspekten belogen’ bewirkt also kaum einen verbesserten Kenntnisstand in Bezug auf das, was als real zu erachten ist. Vielleicht ist dies eine wichtige Konsequenz, die all jene ziehen können, die wegen dem vermeintlichen Weltende Monate oder Jahre lang Ängste ausgestanden haben.
    Eine solcher Dauerstress kann freilich auch eine ‘nützliche’ Strategie2) sein.
    “God, give us grace to accept with serenity the things that cannot be changed, courage to change the things which should be changed,
    and the wisdom to distinguish the one from the other.

    Gott gebe uns
    die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können,
    den Mut, Dinge zu ändern, die wir verändern können,
    und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.”

    Anmerkungen
    1) In diesem Kontext ein paar kurz gehaltene Begriffsklärungen (vgl. Wikipedia, da steht einiges mehr dazu):
    • Determinismus bezeichnet die Auffassung, dass alle, also auch zukünftige Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind.
    • Prädestination (ein Konzept), also ‘Vorherbestimmung’ und ist ein anderes theologisches Konzept, demzufolge Gott von Anfang an das Schicksal des Universums und aller Menschen vorherbestimmt hat. Dabei geht es vor allem um die Erwählung einzelner Seelen zu ewiger Gnade oder ewiger Verdammnis im Leben nach dem Tod.
    • Die Gegenthese (Indeterminismus) vertritt, dass es überhaupt oder in einem bestimmten Bereich der Realität Ereignisse gibt, die auch hätten anders eintreten können.
    • Von Zufall spricht man dann, wenn für ein einzelnes Ereignis oder das Zusammentreffen von mehreren Ereignissen keine kausale Erklärung gegeben werden kann. Als kausale Erklärungen für Ereignisse kommen in erster Linie allgemeine Gesetzmäßigkeiten oder Absichten handelnder Personen in Frage. Die Erklärung Zufall ist also gerade der Verzicht auf eine (kausale) Erklärung.
    2) Ich habe aus meinem eigenen Umfeld den Eindruck gewonnen, dass nicht wenige ‘Verunsicherte’ – weder materialistisch eingestellt noch auf eine ‘esoterische’ Schiene festgelegt, sondern von diesem Hype regelrecht infiziert – gar nicht vom Gegenteil (=kein unmittelbare bevorstehendes Ende der Menschheit) überzeugt werden wollten. Erklärungen und Hinweise auf verständliche Lektüre von Fachleuten fruchten allenfalls so lange, bis diese Leute durch emsiges Suchen eine neue These oder Argumentationskette gefunden hatten, weshalb die Welt doch untergehe.
    In so einem Fall besteht jetzt vielleicht die Gelegenheit, für sich selbst zu hinterfragen, welchen Nutzen diese Strategie denn hatte – vielleicht handelt es sich ja um einen unbewussten(?) Abwehrmechanismus, um sich bestimmten Aspekten des eigenen Lebens nicht zu stellen (‘es geht ja eh’ alles zuende, wozu dann noch unangenehme Wahrheiten an sich heranlassen’)…

    Wie dem auch sei, jede fortgesetzte Häme gegenüber den Menschen, die sich fest vom Stichtags-Ende der Zivilisation hatten überzeugen lassen, ist völlig unangebracht. Wer sein Leben wirklich auf die Erwartung des nahenden Weltuntergangs eingerichtet hat, dürfte nun genug Schwierigkeiten haben, auch ohne Gegenstand ständigen Spotts zu sein.

    Freitag, 21. Dezember 2012

    Weltuntergang 21.12. - Vollständiger Programmablauf

    "Um 21 Uhr fliegen alle Erzengel und Engel ab, es gibt Freibier und es werden 3D-Brillen verteilt."

    Die Internetgemeinde scheint den x-ten Weltuntergang in Folge nicht sonderlich ernst zu nehmen, während die stolzen Besitzer von Bunkern vermutlich gerade 'probewohnen'...oder schon alle Verbindungen zur Außenwelt gekappt haben.

    Und das alles wegen dem 'Maja-Kalender':


    Bevor aber Programmzettel verteilt werden - ein Event mit den gerade einfliegenden Außerirdischen und den Präsidenten der G8-Länder - wird in nur zum Spötteln und Lästern über den Weltuntergang eingerichteten Webforen darüber spekuliert, ob man sich 'Ganze' auch bei YT anschauen könne - oder ob die GEMA einmal mehr dazwischen gefunkt habe. 

    F.Freistetter zeigte sich auf seinem Live-Ticker zum Weltuntergang etwas verwirrt:
    "Hab gerade ein Interview für Radio Funkhaus Europa gegeben. Der Moderator hat da die ganze Zeit von 11:11 geredet, der Uhrzeit, an dem angeblich die Welt untergehen soll. Was ist denn das wieder für ein neuer Mist? Wo kommt das denn her? Haben Apokalypse und Karneval fusioniert?"
    Seine Wahrnehmung teile ich ansonsten - Es ist besser, sich maximal einen Fernsehsender auf einmal anzutun. Die Öffentlich-Rechtlichen schwimmen auf der Endzeit Welle mit neugierig-distanzierten 2012-Berichte mit und Privatsender sind heute ganz tabu.

    Auch SPEGEL online 'tickert' den Weltuntergang:
    "Bisher unbestätigtes Branchengeflüster aus Hollywood besagt, dass Regisseur Roland Emmerich, ein ausgewiesener Katastrophen-Experte, die Rechte an einer biblisch inspirierten Verfilmung der heutigen Erd -Bestattung erworben haben soll. Für die Darstellung der vier apokalyptischen Reiter ist unter anderem offenbar die Reiterstaffel der Stuttgarter Polizei im Gespräch."
    Und manche haben augenscheinlich nichts besseres zu tun, als eine fiktive Aftershowparty ("die größte Facebook-Party der Welt) sogar mit einem recht aufwendig produzierten Video anzukündigen:



    Egal ...Hauptsache, es gibt viele Klicks und Likes und was weiß ich noch.

    An ironisch-bissigen Kommentaren herrscht wahrlich kein Mangel:
    "Ich habe so ein Summen im Ohr - ist das schon der Broers-Strahl?
    "Bricht eine soeben eine apokalyptische Finsternis über uns herein?" - "Öhm, ...nein, es ist normal, dass im Dezember so ab 17:00h dunkel wird."
    Offensichtlich braucht es ein Ventil, gerade für die Leute,die sich nicht eingestehen, dass dieser Hype auch bei vielen rational denkenden Leuten ein gewisses Unbehagen hinterlässt. 
    Bei allem Verständnis dafür darf nicht übersehen werden, dass manche Menschen heute tatsächlich große Ängste durchstehen - irreale Angstgründe ändern wenig an deren Ausmaß. Dass Angstattacken und sogar Suizidgedanken durch profitorientierte Panikmache ausgelöst werden, löst bei nicht nur mir Verärgerung aus.
    Nachdenklicheren Netzteilnehmer räsonieren darüber, dass man seit etlichen Jahren auf diesen Tag vorbereitet worden sei, es fühle sich schon komisch an, dass es heute soweit ist.
    Derweil sind andere wirklich fleißig. Falls das heute doch nix wird, muss der Spannungsbogen ja irgendwie fortgesetzt werden. Vermutlich wird das  bald das 'Apophis'-Merchandising (Countdown-Uhren, T-Shirts mit dem Aufdruck 'Impact - ich bin dabei', interaktiv steuerbare 3D-Simulation, etc.) einsetzen.


    Fortsetzung folgt...?

    Wer auf den zweifelhaften Es-geht-zuende-Nervenkitzel nicht mehr verzichten mag, sollte sich beispielsweise mit dem Doomsday-Argument beschäftigen...das ist nämlich echt schwer zu widerlegen...