Montag, 3. November 2014

Gaucks Aussagen über eine mögliche Regierungsfähigkeit der Partei 'Die Linke'

Der Wortlaut des am 2.11.2014 mit Herr Gauck geführten Interviews findet sich u.a. hier auf tagesschau.de.

Das Aufgabenprofil eines Bundespräsidenten ist eigentlich klar definiert: im Grundgesetz steht nichts definitiv davon, dass das deutsche Staatsoberhaupt die Rolle eines informellen Schiedsrichters bei der Aufstellung von Regierungskoalitionen ausübt.

Dies hält den gegenwärtigen Amtsinhaber freilich nicht davon ab, skeptische bis abwertende Aussagen über eine mögliche thüringische Landesregierung unter Führung der Linkspartei abzusondern. Öffentlich, nicht etwa im kleinen Kreis.

Es ist ein merkwürdiger Spagat, den Gauck mit seiner 'Ja, aber'-Haltung vollzieht:

Einerseits:
"...wir sind in einer Demokratie. Wir respektieren die Wahlentscheidungen der Menschen"
Doch anderseits stellt er Suggestivfragen:
[und wir] "fragen uns gleichzeitig: Ist die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird, tatsächlich schon so weit weg von den Vorstellungen, die die SED einst hatte bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können?"
Die so angestoßene Debatte mag - gerade aus der Sicht früherer DDR-Einwohner, die den SED- und Stasi-Unrechtsstaat noch miterlebt haben - ihre Berechtigung haben. Sie könnte hinterfragen, inwieweit die personelle Erneuerung der einstigen SED-Nachfolge-organisation ausreicht, um deren verfassungskonforme und demokratische Ausrichtung zu ermöglichen.

An dieser Debatte könnte sich eine Privatperson Joachim Gauck angesichts eigener Erfahrungen in und mit der DDR fraglos beteiligen. Als Bundespräsident jedoch steht es ihm nicht zu, die getroffene Wahlentscheidung der Menschen in Thüringen in dieser Weise wertend zu hinterfragen:

"...es gibt Teile in dieser Partei, wo ich - wie viele andere auch - Probleme habe, dieses Vertrauen zu entwickeln."
Diplomatische Verklausulierungen ändern wenig an deren Inhalt. Im Grunde hat es nicht zu interessieren, ob ein Bundespräsident - der seinen Wohnsitz zur Zeit sicherlich in Berlin und nicht in Thüringen hat - dieses Vertrauen entwickelt zu einer Partei oder nicht.

Entscheidend ist vielmehr, dass das Wahlergebnis im Bundesland Thüringen auf demokratischem Weg erzielt wurde. An dieser Wahl waren auch Menschen beteiligt, die die DDR mit ihren "Wahlen" und Einheitslisten erlebt haben. Deren Wahlentscheidung ist uneingeschränkt zu respektieren.


Sollten sich in der kommenden Legislaturperiode in Thüringen berechtigte Zweifel an der Verfassungstreue einer Regierung unter Führung der Linken ergeben (was ich persönlich für ausgeschlossen halte), obliegt eine diesbezügliche Kontrolle bzw. Prüfung dem thüringischen Landesverfassungsgericht.-
"Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren."
Auch in Bezug auf die Person und den Werdegang Gaucks ist eine derartig negative Äußerung unverständlich: Weniger moralisierende Worte, dafür eine deutlichere Betonung des Versöhnungsgedankens stünden ihm gut zu Gesicht.




Freitag, 15. August 2014

Vortrag: Intelligent Design als alternatives Konzept zur Evolutionslehre?

Die Diskussionen, welche einen vermeintlich unversöhnlichen Gegensatz zwischen der Evolutionstheorie und der Annahme eines (göttlichen) Designers thematisieren, werden zumeist mit unerträglicher Emotionalität geführt.
Da behaupten sog. Junge-Erde-Kreationisten, die Entstehung des Lebens und der Arten sei exakt so verlaufen, wie es auf 2 oder 3 Seiten im Buch Genesis des A.T. beschrieben ist. Kommen sie in Erklärungsnöte (z.B. angesichts eines Milliarden Lichtjahre großen und entsprechend alten Universums), ziehen sie sich auf apodiktische Aussagen (Bibel=Gottes Wort=unfehlbar) zurück.
Im Gegenzug sind (Neo-)Darwinisten sich nicht zu schade für die Aussage, wer nicht an die Evolution glaube, müsse entweder verblödet oder boshaft sein (vgl. Dawkins).

Einige Anmerkungen zu den Begrifflichkeiten:

Kreationismus impliziert die Deutung, dass die im Buch Genesis benannten 6 Schöpfungsphasen jeweils 24-Stunden-Tage dauerten; jede wissenschaftliche Forschung habe sich grundsätzlich diesem konservativ-biblischen Dogmatismus (d.h. der Autorität von "Gottes Wort") unterzuordnen. 
Religiöse Schöpfungslehren gehen von der Existenz eines Schöpfer(gotte)s aus, ohne sich auf Zeiten und Prinzipien der Schöpfung dogmatisch festzulegen. Anders als der Kreationismus sind hier Naturwissenschaften zur Erkenntnisgewinnung uneingeschränkt zulässig und werden als notwendig erachtet. In der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts hat sich die Katholische Kirche einer solchen Lehrmeinung schrittweise angenähert.
Intelligent Design (ID) gibt vor, auf religiöse Quellen gänzlich zu verzichten; seine Befürworter verstehen ID als naturwissenschaftlichen Erklärungsansatz und versuchen, in der Natur mit wissenschaftlichen Methoden zwischen Zufall und Design zu unterscheiden. Formal lässt ID die Frage nach der Identität des Designers offen; insoweit ist ID auch ein nicht-religiöser Forschungsgegenstand denkbar (Z.B. geht auch die grenzwissenschaftliche Präastronautik von einem partiellen Design (zumindest beim Homo Sapiens) aus - wobei als Designer hier eher Außerirdische unterstellt werden und die Frage nach einem Ur-Schöpfer unbeantwortet bleibt. 
Beiden Seiten (tatsächlich handelt es sich eher um zwei Pole, denn die verschiedenen Positionen sind überaus facettenreich) ist eines gemeinsam: sie müssen sich bislang mit lückenhaftem Wissen (im Sinne empirisch überprüfbarer Fakten) zufrieden geben. Weder lässt sich die Existenz eines Schöpfers beweisen noch die zufallsbedingt Abiogenese, d.h. die Entstehung von Lebewesen aus unbelebter Materie.

Da von Jahr zu Jahr etliche Wissenslücken auf dem Gebiet der Naturwissenschaften geschlossen werden, tue ich mich schwer damit, einen anzunehmenden Schöpfer auf das jeweils noch Unerklärbare zu reduzieren - ein solcher Gott wäre ein Interimmanager (z.B. von Übergängen zwischen Arten) oder schlichtweg ein Lückenbüßer.


Dieser Vortrag auf YT von Prof. Wolf-Ekkehard Lönnig (vormals Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung, MPIZ) führt in die Thematik ein.


Es lässt sich mindestens darüber streiten, ob ID aus wissenschaftstheoretischen Erwägungen überhaupt ein Gegenstand der Naturwissenschaften sein kann. Es gibt m.E. gute Gründe, dies strikt zu verneinen. Dieser insbesondere vor US-amerikanischen Gerichten verbissen geführte Streit (u.a. ob ID im Biologieunterricht öffentlicher Schulen gelehrt werden darf) ist für mich persönlich aber zweitrangig.


Wesentlicher sind nach meinem Empfinden zwei Fragestellungen:

Was dran ist an der Argumentationslinie der ID-Befürworter?
  • Existieren Belege für die behauptete "nicht reduzierbare Komplexität"? Oder handelt es sich bei den genannten Beispielen lediglich um Fälle, für die Evolutionskritiker sich subjektiv nicht vorstellen können, wie eine schrittweise Entwicklung durch die Prinzipien von Mutation und natürlicher Selektion/Rekombination erfolgt sein könnte?
  • Angenommen, die Evolutionsbiologen beschreiben die Prinzipien der Entstehung von Arten in zutreffender Weise - lässt sich daraus zwingend auf die Nichtexistenz bzw. Nicht-Interaktion einer schöpferischen Intelligenz schließen? 
  • Ist die Entstehung komplexer Information (wie sie das menschliche Genom repräsentiert) allein durch natürliche Auslese und Beibehaltung zufällig erworbener Vorteile erklärbar?
  • Wie gestaltete sich der Übergang von Lebensformen aus der präkambrischen Zeit (Zeitraum von der Entstehung der Erde vor ca. 4,6 Milliarden Jahren bis zur Entwicklung der Tierwelt zu Beginn des Kambriums vor etwa 540 Millionen Jahren)? Im frühen Präkambrium herrschten ganz andere chemische und klimatische Voraussetzungen als später. In dieser Anfangsphase entstanden erste Lebewesen wie z.B. Cyanobakterien (vgl. Stromatolithen), von denen aber nur wenige Fossilien erhalten sind. Über die kausalen Zusammenhänge der "kambrische Explosion" des Lebens kann bislang nur gemutmaßt werden.

Rezente Stromatolithenkolonie
  • Ebenso klafft im Fossilbericht zwischen Wirbellosen und Wirbeltieren eine bislang nicht überbrückbare Lücke - die Entwicklung eines Endoskeletts ist ein vom Exoskelett der Wirbellosen grundsätzlich verschiedenes Konzept.
  • Inwieweit kann die Panspermie-Hypothese zumindest beantworten, welchen Anfang das Lebens auf der Erde nahm - wengleich sie nicht die Frage nach der Entstehung des Lebens an sich klärt?
  • Somit lautet die Kernfrage: Ist die Formel "Naturgesetze mal Zufall mal sehr viel Zeit = komplexe Lebensformen" eher plausibel als die Existenz eines 'Designers'?
Bestehen nach heutigem Kenntnisstand berechtigte Zweifel an Kernaussagen der Evolutionslehre?

Hier kommt es offenbar darauf an, welchen Naturwissenschaftlern man Glauben schenkt, denn die geäußerten Ansichten sind alles andere als homogen.

Der australische Molekularbiologe Michael Denton ("A Theory in Crisis") stellt allen Ernstes fest: 
„Es darf heute als gesichert gelten, dass die Vielfalt der Lebewesen auf der molekularen Ebene mit einem geordneten System übereinstimmt. Jede Klasse ist auf der molekularen Ebene [in Bezug auf die DNA] einzigartig, isoliert und mit anderen durch keine Zwischenformen verbunden. So zeigen die Moleküle ebenso wie die Fossilien keine Übergänge, die man auf Grund des Langzeitmodells so lange gesucht hat.
Auf der molekularen Ebene gibt es keine ‚Vorfahren’, ‚Primitive’ oder ‚Höherentwickelte’ (...) Die Natur scheint mit dem nichtevolutiven und allumfassenden System übereinzustimmen, das die großen Anatomen des neunzehnten Jahrhunderts aufgestellt hatten. (...) Es besteht kein Zweifel, dass wenn diese molekularen Tatsachen vor einem Jahrhundert bekannt gewesen wären, diese mit einem verheerenden Effekt von den Gegnern der Evolutionstheorie ins Feld geführt worden wären. Die Idee der organischen Evolution wäre dann kaum akzeptiert worden.“
Nach der Evolutionslehre sollte sich ein weitgehend vollständiger Fossilbericht der Abstammungslinien von Lebewesen konstruieren lassen, an denen über lange Zeiträume zwar langsame, aber kontinuierliche Veränderungen (Fortschritte) nachvollziehbar wären. Nur wird "der Fossilbericht diesen Erwartungen nicht gerecht, da einzelne fossile Arten selten durch bekannte Übergangsformen miteinander verbunden sind. Bekannte fossile Arten scheinen sich sogar in Millionen von Jahren nicht weiterzuentwickeln.“ (New Scientist)
Zwischen Tieren und Pflanzen sind  keine fossilen Übergangsformen bekannt. Immerhin werden sog. Eipilze als rezente Übergangsformen zwischen Pflanzen und Pilzen interpretiert, da sie Merkmale beider Stämme aufweisen.
Dafür, dass von der Evolutionstheorie vorhergesagte Entdeckungen solcher Übergangsformen oder Missing Links selten zu finden sind, werden mehrere Erklärungen angegeben.

Abiogenese - der erste Schritt zur Entstehung einfacher Lebensformen
  • Der Wikipedia-Artikel über Selbstorganisation erklärt: "In Prozessen der Selbstorganisation werden höhere strukturelle Ordnungen erreicht, ohne dass erkennbare äußere steuernde Elemente vorliegen."
  • Dem hält J.W. Sullivan ("The Limitation of Science") entgegen: "Die Hypothese, dass Leben aus anorganischer Materie entstanden ist, ist gegenwärtig noch ein Glaubensartikel."
Hier sehe ich den eigentlichen Knackpunkt einer Auffassung, welche die Abiogenese zufallsbedingt aus unbelebter Materie postuliert: Ein solcher Vorgang wurde bislang nicht annähernd nachgewiesen. Zwar haben Versuche die spontane Entstehung von Aminosäuren (Miller-Urey-Experiment) in einer 'Uratmosphäre' belegt - doch die anschließenden Schritte zu höherer Komplexität von Proteinen und gar rekombinationsfähigen Nukleinsäuren (RNA/DNA) sind abgesehen von Mutmaßungen offen.

Es ist ein wenig wie mit der Henne und dem Ei: Proteine werden aufgrund der codierten Anweisungen der DNA synthetisiert, die DNA ihrerseits setzt das Vorhandensein von bereits vollständigem Proteinmaterial voraus. Hinzu kommt eine zur Funktionalität des Zellkerns unerlässliche Faltung oder Stauchung des molekularen Erbgutes durch eine weitere Reihe komplexer Proteine (sog. Histone) - eine zufällige Entwicklung dieser Proteinstrukturen in Verbindung mit der eigentlichen DNA wird von etlichen Biologen mindestens kritisch hinterfragt.


Vermutungen hierüber stellen die alles "Übernatürliche" ablehnenden Autoren des u.a. Videos zusammen:


Entstehung des Lebens (Abiogenese)


Zutreffend ist sicherlich die zu Beginn des Films erhobene Forderung, zwischen der Evolutionstheorie und einer Hypothese zur Abiogenese zu differenzieren: Abiogenese klärt die Entstehung des Lebens, während Evolution sich mit den Entwicklungsschritten bereits existierender Lebensformen ("Arten") befasst.
Auch wenn es nicht alle Fragen beantwortet, scheint der skizzierte Ablauf plausibel, wie im wasserreichen Milieu der jungen Ozeane Proteine und Vorläufer zellartiger Strukturen entstanden sein könnten. Doch es wird m.E. nicht beantwortet, wie die in späteren DNA-/ RNA-Molekülen hinterlegte Information entstanden sein soll. 
Als Nichtwissenschaftler gestatte ich mir die intuitive Annahme, dass die komplexe, allen Lebensbausteinen zugrunde liegende Information sich nicht 'von selbst', d.h. ohne ein schöpferisches Prinzip erzeugt haben kann.-


Kommen Hypothesen zur Entstehung des Lebens ohne ideologisches Fundament aus?


Abschließend möchte ich noch das Argument aufgreifen, laut dem erfundene Schöpfungslehren und Religionen ein vermeintlich nutzloses, sogar schädliches Überbleibsel der sozialen Evolution sein sollen. Funktioniert natürliche Auslese nicht genau anders herum, indem sie Vorteilhaftes beibehält und Nachteiliges eliminiert? Warum also schleppt der Homo Sapiens eine derart nutzlose Errungenschaft zig Jahrtausende mit sich?
Tatsächlich deuten Untersuchungen darauf hin, dass ein ethisch-religiöses Konzept durchaus geeignet ist, die Lebenserwartung des Menschen signifikant zu vergrößern. Hier klingt auch die These Ludwig Feuerbachs an, laut der menschliche Wünsche, Sehnsüchte und alles Unerklärliche auf einen fiktiven Gott projiziert werden...was zweifellos zutrifft, aber was sagt dies über die tatsächliche Existenz eines Gottes/von Göttern aus? Unabhängig davon betrachte ich solche Aussagen als Scheinargument: es belegt allenfalls die Existenz und Nützlichkeit religöser Glaubensvorstellungen - liefert aber keine Anhaltspunkte für die in diesem Beitrag eigentlich thematisierte Frage, ob Leben nur durch Einflussnahme einer kreativen Intelligenz entstehen kann.

Eher mag die Astrophysik hilfreiche Indizien zu liefern, etwa anhand der unfassbar präzisen Feinabstimmung universaler Naturgesetze und -konstanten. Daraus lässt sich zwar keinesfalls eines der Gottesbilder bekannter Religionen herleiten, doch dies ist auch nicht meine Ausgangsfrage, ob ein ('ideologiebefreites') Intelligent Design eine zulässige Alternative zur Evolutionslehre darstellen kann. Fairerweise muss ich mich dann auch fragen, ob jemals eine Hypothese zur Entstehung von Allem/des Lebens ohne weltanschaulichen Unterbau auskommen wird.


Zwar stehen faktenbezogene Fragen für mich im Vordergrund, und nicht der ideologische Background eines Vortragenden. Diesen Hintergrund zu kennen (und bei der Beurteilung des jeweiligen Vortrages zu berücksichtigen) ist indessen auch von Bedeutung. Diese Kenntnis hilft auch dabei, nicht alle Evolutionskritiker in einen Topf zu schmeißen; es sollte m.E. durchaus zwischen dogmatischem Kreationismus und einer weitgehend naturwissenschaftlich begründeten Position zur ID-Hypothese differenziert werden.


Lönnig (s.o.), der als 'umstrittener Evolutionskritiker' bekannt wurde und den Zeugen Jehovas angehört, vertritt insoweit nachvollziehbar nicht nur die Intelligent Design-Hypothese, sondern zugleich eine eng an die Bibel angelehnte Schöpfungslehre. Er betont:

"Es geht in der vorliegenden Diskussion nicht um "Evolutionsbiologie vs. Kreationismus", sondern um Synthetische Evolutionstheorie vs. Intelligent Design."
Dagegen urteilte der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, es gebe "international akzeptierte Grundsätze der Naturwissenschaft Biologie", die jeden Deutungsversuch im Sinne der ID-Hypothese verbieten würden. Ist dies nicht kurzsichtig? Falls ID nicht Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung sein kann, bedeutet dies keineswegs die Sinnhaftigkeit eines Denk- und Forschungsverbotes. 

Abgeschmackt sind dagegen sämtliche Versuche, die Evolutionslehre mit plaktiv-abstrusen Wahrscheinlichkeitsaussagen zu widerlegen. Etwa in dem Sinne: "Dass ein Mensch 'von selbst' entsteht, ist genauso wahrscheinlich, wie der zufallsbedingte Zusammenbau eines Flugzeuges aus zig-tausend Einzelteilen." Solche Vergleiche sind schlicht unzutreffend, weil sie die makro-evolutionären Prozesse nicht mit einer korrekten Verkettung Wahrscheinlichkeiten abbilden...die Natur fängt schließlich nicht jeweils bei Null an und macht bekanntlich auch keine ("übernatürlichen/unnatürlichen") Sprünge...

So sehr mich als Laien die Frage nach dem Ursprung des Lebens fasziniert, es erweist sich als mühsam, solche Diskussionen zu verfolgen - eben weil 'Fakten' von nahezu allen Teilnehmern im Sinne ihrer persönlichen Weltanschauung verzerrt bzw. bewusst unvollständig präsentiert werden. Lönnig bildet da keine Ausnahme, wenn er gegen Ende seines Vortrages "transdisziplinär" feststellt, für ihn habe der biblische Gott JHWH Universum und Leben durch sein Wort geschaffen. 

Hierdurch entsteht dann doch der Eindruck, als werde ID pseudowissenschaftlich instrumentalisiert, um letztlich subjektiv-religiöse Aussagen zu begründen. Schade, dies kommt in meinen Augen einer Disqualifikation gleich, soweit es bei der ID-Hypothese um einen ergebnisoffenen Syntheseversuch biologischer und metaphysischer Fragestellungen gehen soll. 

Montag, 23. Juni 2014

Hans-P. Dürr: "Der Urknall ist alte Physik..."

„Ein Baum, der fällt, macht mehr Lärm, als ein Wald, der wächst. Lasst uns deshalb dem wachsenden Wald lauschen!“
Ich habe erst heute erfahren, dass der von mir bewunderte und geachtete Kernphysiker Hans-Peter Dürr am 18.Mai 2014 im Alter von 84 verstorben ist. Herrn Dürr verdanke ich wertvolle Denkanstöße, nicht nur in Bezug auf die Möglichkeit einer Synthese zwischen naturwissenschaftlicher und spiritueller Weltsicht. 

Exemplarisch für die Denkweise von Professor Dürr war das im Jahr 2002 geführte Gespräch über Erkenntnisse der Quantenphysik in Bezug auf unser Denken und Handeln (s. Video). Einige Schwerpunkte daraus:
"Der Urknall ist für mich alte Physik - und inakzetabel, weil er an der eigentlichen Problematik vorbeigeht. Urknall ist...noch die Vorstellung, dass die Welt sich entfaltet hat. "
"Wir haben uns auf Erden eine Sprache zum Apfel pflücken erdacht, weshalb ich unsere (mathematische-physikalische) Sprache gerne als Apfelpflücksprache bezeichne. Nun kann man ja nicht wirklich annehmen, dass sich das Universum nach einer Apfelpflücksprache richtet!" 
Die gesamte im Universum der Gegenwart enthaltene Information wäre nach dieser 'alten' Physik von Anfang an schon in dem sich entwickelnden, entfaltenden 'Knäuel' enthalten - daran sei nicht wirklich etwas Kreatives (im Sinne einer Neu-Schöpfung). Insoweit transportiere die Urknalltheorie das Missverständnis, als sei anfangs ein mächtiges Zahnradgetriebe in Gang gesetzt worden. 
Quantentheorie besage dagegen, dass in jedem Moment etwas Neues entsteht - und etwas 'Altes' verschwindet - ohne Ursache und Wirkung.Dabei wirke die Evolution in jedem Augenblick weiter, ständig fließend: "Die Zukunft ist offen".
Der Kernphysiker vergleicht die traditionellen Naturwissenschaften mit einem Fleischwolf, der die Wirklichkeit verwurstet. Gefordert sei ein völlig neues Denken. Unsere Alltags-Wahrnehmung könne freilich nur ein statistisches Mittel dieser Prozesse wahrnehmen
Auch in einem mit der WELT 2006 geführten Gespräch erklärte der Inhaber des alternativen Nobelpreises: Wer die recht unverständliche Quantentheorie in völliger Klarheit verstanden habe, könne von der Welt nur noch in Bildern und Gleichnissen sprechen. Der Kosmos sei eine "geistig-lebendige Wirklichkeit", ein Beziehungsgefüge von Möglichkeiten, ein ständiges Geschehen voller Kreativität. Statt von Materie-Teilchen sollte man besser von "Passierchens" oder "Wirks" sprechen.
Diese Struktur der Wirklichkeit sei holistisch (ganzheitlich) - man könne sie daher nicht in einzelne Bestandteile zerlegen (= analysieren), ohne wesentliche Verbindungen und Zusammenhänge zu zerstören.
Materie lasse sich als "elektromagnetischer Schwingungsball" beschreiben: 
"Und was da schwingt, ist Nichts. Aber dieses Nichts hat eine Form."



Siehe auch:

Freitag, 20. Juni 2014

Werner Heisenberg und die Frage nach der Wirklichkeit

Hans-Peter Dürr, Anton Zeilinger und Martin Heisenberg über Leben und Werk des Wissenschaftlers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg (*1901), eines der bedeutendsten Physikern des 20. Jahrhunderts zählt

Von diesem Film war ich ziemlich angetan; er betrachtet nicht nur die Meilensteine auf dem wissenschaftlichen Karriereweg, sondern das gesamte Leben des Künstlers, Philosophen und Forschers Heisenberg.



Werner Heisenberg (1933)

"Wer über die Philosophie Platos meditiert, weiß, dass die Welt durch Bilder bestimmt wird." - Einige Zitate aus den Werken Heisenbergs:
  • "Aber die existierenden wissenschaftlichen Begriffe passen jeweils nur zu einem sehr begrenzten Teil der Wirklichkeit, und der andere Teil, der noch nicht verstanden ist, bleibt unendlich."
  • "Die Energie ist tatsächlich der Stoff, aus dem alle Elementarteilchen, alle Atome und daher überhaupt alle Dinge gemacht sind, und gleichzeitig ist die Energie auch das Bewegende. | Die Energie kann als Ursache für alle Veränderungen in der Welt angesehen werden."
  • "Die Entscheidung mag das Ergebnis der Überlegung sein, aber sie beendet gleichzeitig die Überlegung, sie schließt die Überlegung aus."
  • "Die Naturwissenschaft beschreibt und erklärt die Natur nicht einfach, so wie sie "an sich" ist. Sie ist vielmehr ein Teil des Wechselspiels zwischen der Natur und uns selbst."
  • "Die Quantentheorie ist so ein wunderbares Beispiel dafür, dass man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, dass man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann."     
  • "Immer dann, wenn man lebendige Organismen als physikalische oder chemische Systeme betrachtet, müssen sie sich auch wie solche verhalten."   

Siehe auch: