Montag, 26. Januar 2015

Messianismus: Sehnsucht nach einem übernatürlichen Retter?

In allen drei monotheistischen Religionen nimmt er eine zentrale Rolle ein: der Messias oder Mahdi, als von Gott gesandter Erretter der Menschheit.

Für den schiitischer Islam beschreiben Baqir al Sadr und Murtada Mutahhari den Mahdi in ihrem Buch “Der ersehnte Retter”:
“Eine Gestalt, legendärer als die des Mahdi, des Ersehnten Messias, hat die Geschichte der Menschheit nicht gesehen. Die Fäden des Weltgeschehens haben im menschlichen Leben so manch feines Webmuster angenommen, aber das Muster des Mahdi steht hoch über allen anderen. Er ist [stets] die Vision der Visionäre in der Geschichte gewesen. Er ist [stets] der Traum aller Träumer dieser Welt gewesen. Für die endgültige Rettung der Menschheit ist er der Polarstern der Hoffnung, auf den der Blick gerichtet ist.
Auf der Suche nach der Wahrheit über den Mahdi ist gesellschaftliche Stellung, Glaube oder Nationalität belanglos. Die Wahrheitssuche ist universell, ebenso wie der Mahdi selbst universell ist. Prachtvoll steht er hoch über den engen Mauern, die die Menschheit trennt und aufteilt. Er gehört zu einem jeden.
(…) Wer ist der Mahdi? Sicherlich, das ist die große Frage, die denkende Menschen überall auf der ganzen Welt gern stellen würden
.”

Auch wenn die Ausprägung des Messias im Christentum eine andere ist als im Islam, beschreiben diese Worte die an diese Gestalt gerichteten Erwartungen und Sehnsüchte meiner Ansicht nach sehr treffend.
Im A.T. kündigen Israels Propheten die zukünftige ideale Erneuerung des Königtums an,  eine endzeitliche Rettergestalt, deren Kommen alles verändern werde. Dieser Heilsbringer werde eine radikale Wende zum Frieden für alle bringen. Und die ersten Christen rechneten mit der Wiederkehr (Parusie=Naherwartung) des Messias Jesus, dem Weltende und dem Weltgericht – noch zu ihren Lebzeiten.


“Juden warten auf den Messias, Christen auf Jesus und die Muslime warten sowohl auf den Mahdi als auch Jesus. Alle Religionen beschreiben ihn als einen Mann, der kommt um die Welt zu retten.” Sheik Kabbani

Im islamischen Kontext dient der Begriff “Messianismus“ dazu, das wichtige Konzept einer eschatologischen Gestalt (d.h. den Mahdi) zu übersetzen. Er werde als vorherbestimmter Führer emporsteigen, eine großartige soziale Umgestaltung einleiten und alle Dinge unter göttlicher Führung wiederherstellen.


“Der islamische Messias verkörpert (…) daher das Bestreben der Wiederherstellung der Reinheit des Glaubens, welcher die wahre und unkorrumpierte Führung für alle Menschen bringt und (…) eine Welt frei von Unterdrückung schafft…“ (Abdulaziz Abdulhussein, ‘Islamischer Messianismus’)

Kurz gesagt, die Rettergestalt des Mahdi/Messias soll eine “neue Weltordnung” implementieren (dass dieser Terminus von militanten Politikern vereinnahmt wurde, steht auf einem anderen Blatt). Nebenbei sei erwähnt, dass sowohl islamische als auch christliche Endzeittheologien nicht den geringsten Zweifel daran hegen, dass vor dem Weltenende die ‘wahre’ (also die eigene) Religion siegen werde. Als Mittel und Methoden des Erretters beziehen sie militärische Kampagnen oder ‘heilige Kriege’ ausdrücklich ein.

Gerade in der heutigen Zeit – mit all ihren Verwirrungen, ihrer Gewalt und vermeintlichen(?) Ausweglosigkeiten – ist es nur verständlich, wenn gläubige Menschen sich an eine solche Figur klammern, all ihre Hoffnungen auf die projizieren.


Dabei schwingt ein trauriges Eingeständnis mit, wenn auch unausgesprochen: Wir (die ‘normalen’ Menschen) haben es verk*ckt. Der Karren (die menschliche Zivilisation) hat sich in einer unheilvollen Sackgasse festgefahren – derweil weigern wir uns, diese Realität zu erkennen und flüchten in Haarspaltereien und Konflikte.
Persönlich glaube ich nicht, dass wir uns auf einen Erretter ‘von oben’ verlassen sollten. Ohne eschatologische Aussagen pauschal anzuzweifeln, sehe ich das Prinzip der Kausalität (Ursache und Wirkung) im Vordergrund.
Wir, die menschliche Spezies, werden durch die Folgen unserer Handlungen zunehmend gezwungen, endlich (überlebens-)notwendige Lehren aus unseren Fehlern zu ziehen. Tatsache ist aber auch, dass hierzu augenscheinlich ein gewaltiger Leidensdruck bestehen muss – und dass dieser Leidensdruck nur in den allerwenigsten Fällen die eigentlichen Protagonisten (Regierende, Wirtschaftslenker, geistige Führer …) trifft.


Diesen Umstand mag man für ungerecht erachten, was freilich nichts an den Fakten ändert.


Den unbeirrbaren Endzeit-Gläubigen möchte ich am liebsten erwidern:
Seit 2000 und mehr Jahren erwartet ihr stets das nahende Ende der Welt. Ihr erträumt euch, jener Mahdi/Messias möge “endlich” von Gott geschickt werden und die Fehlentwicklungen geradebügeln, welche von der Menschheit wieder und wieder verursacht werden.
Dabei wisst ihr (ebenso wenig wie ich), ob/wann diese Endzeit eintrifft. Was spricht dagegen, dass die Menschen ‘bis dahin’ ihre Lethargie bzw. Frömmigkeitsstarre überwinden und sich ihrer Verantwortung stellen für das Diesseits, für diesen Planeten Erde und alle Menschen, die auf ihr leben?

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Weihnachten, eine abendländische (Konsum-)Tradition

"Überhaupt verschwindet alles Schöne."

Nee, das sehe ich nicht so. Früher war nicht alles schöner ...und schon gar nicht besser. Bekanntermaßen stellt die Erinnerung mit zunehmendem Alter fiese Fallen. Dennoch, im Laufe der Jahre ist das weihnachtliche Getue verkommen zu einer dreitägigen Alibi-Veranstaltung:

Fressen-Saufen-Auspacken. Und Umtauschen.

Einzelhandel und Internetversandhäuser stellen sich auf massenhafte Retouren innerhalb der Rückgabefrist ein. Weitere 40 Prozent des verschenkten Geraffels werden alle Jahre wieder in heimischen Schuh- oder sonstigen Schränken verrotten, sofern sie nicht "fast neu" auf Ebay vertickt werden.
Umweltbilanz? Drauf geschissen, es ist schließlich nur einmal im Jahr Weihnachten.

Sich dem gänzlich zu entziehen, ist alles andere als leicht - sofern man nicht in einer abgelegenen Almhütte überwintert.

Denn: Es weihnachtet, wohin man auch blickt. Durch hell beleuchtete Einkaufsgalerien schlurfen Weihnachtsmänner (jene Werbefiguren weihnachtlichen Schenkens, 1931 von CocaCola aufgegriffen und weltweit vermarktet) vorbei an Schaufenstern voller Rolf-das-rotnasige-Rentier-Socken, den nicht enden wollenden Klang von Zuckowski's „Weihnachtsbäckerei“ in den dröhnenden Ohren. Für die 'kaum' wahrnehmbare Glühweinfahne gewerblich tätiger Nikoläuse habe ich vollstes Verständnis, auch um 13.10h.


Jahresendgeschäft für die Süßwarenhersteller: Die Deutschen können dieses Jahr 146 Millionen Nikoläuse (fr)essen - während sie sich via TV vom Überlebenskampf der Bürgerkriegsflüchtlinge unterhalten lassen.


Brave Kinder schreiben in der Adventszeit Briefe mit Wünschen an's Christkind - Orientierungshilfe für Eltern im vorweihnachtlichen Einkaufs-, Nordmann-Tannen- und Back-Stress. Das Fest der Liebe, der Kalorien und der Rührseligkeit naht unaufhaltsam.


Distanzierte Beobachter - jene Zaungäste, die an allem etwas auszusetzen haben, weil ihnen das Gespür fehlt für die verbindende Kraft abendländischer (Konsum-)Tradition - stellen derweil Indizien unter dem Sammelbegriff "Geschmacklose Weihnachten" zusammen.


Sogar 'Die ZEIT' stellte vor einem Jahr fest: fest „Schenken bringt nichts“, denn Weihnachtsgeschenke seinen in der klassischen Ökonomie purer Quatsch - und führten allein zu Wohlfahrtsverlusten:
"An Weihnachten nimmt die Irrationalität der Menschen ungewöhnliche Ausmaße an. Sie kaufen und kaufen und kaufen: Dinge, die niemand haben will und niemand braucht. Dinge, die einmal teuer produziert wurden und nach Heiligabend im Regal verstauben. Krawatten, Pullover, Sandwichtoaster. 
Sie nennen das Schenken. Für die klassische Ökonomie ist das großer Quatsch. Dem Homo Oeconomicus graut vor Weihnachten. Er denkt: Die Welt wäre eine bessere ohne Weihnachtsgeschenke." 
Als Beschreibung der Gegenwartssituation lasse ich diese Beschreibung gelten - obgleich der 'Nutzen' bzw. das Ziel des Schenkens einstmals darin bestanden haben soll, geschätzten Menschen eine Freude zu machen.
Unökonomisch vielleicht. Aber nicht lieblos.

Mit der "Red Bull Weihnachts-
Werbung" aus dem Jahr 2007 schien das denkbar größte Maß an respektloser Geschmacksferne erreicht zu sein:





Dagegen ist das diesjährige CocaCola -Motto zu Weihnachten bemerkenswert ehrlich:
"Make someone happy" - Mache anderen eine Freude ...vor allem der Konsumingüterdustrie, indem du möglichst viel Geld für nutzlosen Tand ausgibst.
Kein Wohlwollen hilft, falls ich es denn aufbrächte: Was ich sehe, sind Anzeichen sinnentleerten, unreflektierten Konsumterrors mit Terminvorgabe. Und doch:

Dieses Fest soll anders werden- dank Jesus:


Mit einer Jesusfigur aus Schokolade fülle der Duisburger F. Oynhausen eine "kulinarisch-religiöse" Marktlücke, stellt Martina Herzog (→ "Jesus ist soo lecker") fest.


Tja, in einer Zeit wie dieser ist Jesus patentiert und aus Schokolade.

Sonntag, 14. Dezember 2014

Höhlenforschung: Tore zur Unterwelt (aktualisiert)

Dokumentationsreihe über die Entdeckung eines Systems "uralter, unterirdischer Gänge" im Raum Vorau (Steiermark, Österreich)


Bei Umbauarbeiten wird im Dachstuhl eines Bauernhofs eine Jahrhunderte alte Kanonenkugel gefunden. Darin entdeckt man einen Plan, der auf ein Labyrinth von unterirdischen Gängen verweist - Ausgangspunkt zu einer Reihe erstaunlicher Forschungsergebnisse und Entdeckungen aus vorchristlicher Zeit. Die Höhlenforscher Ingrid und Heinrich Kusch begannen mit der Erforschung des viele Kilometer langen und offenbar in größere Tiefe führenden Gangsystems und "stießen dabei immer wieder auf Einzelheiten, für die es keine Erklärung gibt".

Unklar ist bislang, weshalb viele Zugänge 
zu unterirdischen Gangsysteme vermutlich im Mittelalter absichtlich und mit gewaltigem Arbeitsaufwand verschlossen wurden. Dabei wurden man die Einstiege mitunter geflutet und so mit vielen Tonnen Schwemmsand verfüllt. 

"Wollte man das Wissen um eine unbekannte vorchristliche Kultur ein für allemal aus dem Bewusstsein der Menschen löschen? Oder fürchtete man sich gar vor etwas aus den Tiefen der Erde?"
Unter dem alten Kloster Vorau fanden die beiden Archäo-Speläeologen mit einem Bodenradar ein unterirdisches, über mehrere Etagen verlaufendes Netz von Gängen aus ältester (prähistorischer?) Zeit. Hier wird eine Art "Zentrale" vermutet, deren Erforschungen sich aufgrund der Tiefe, Weitläufigkeit und hoher Kosten noch länger hinziehen wird. 

Diese knapp zweistündige Filmdokumentation ist sehr ausführlich und versorgt den Zuschauer nebenher mit mit Wissenswertem über steinzeitliche Bauten (z.B.) Menhire sowie deren Bedeutung für ihre Erbauer. 

Deutlich wird auch, wie zerstörerisch der Katholizismus in früheren Jahrhunderten mit 'heidnischen' Bauten und Relikten verfahren ist.
Interessant ist auch die Bezugnahme auf lokale Sagen und Legenden, in denen die erforschten Höhlensysteme eine Rolle spielen. Ein Beispiel:





Montag, 3. November 2014

Gaucks Aussagen über eine mögliche Regierungsfähigkeit der Partei 'Die Linke'

Der Wortlaut des am 2.11.2014 mit Herr Gauck geführten Interviews findet sich u.a. hier auf tagesschau.de.

Das Aufgabenprofil eines Bundespräsidenten ist eigentlich klar definiert: im Grundgesetz steht nichts definitiv davon, dass das deutsche Staatsoberhaupt die Rolle eines informellen Schiedsrichters bei der Aufstellung von Regierungskoalitionen ausübt.

Dies hält den gegenwärtigen Amtsinhaber freilich nicht davon ab, skeptische bis abwertende Aussagen über eine mögliche thüringische Landesregierung unter Führung der Linkspartei abzusondern. Öffentlich, nicht etwa im kleinen Kreis.

Es ist ein merkwürdiger Spagat, den Gauck mit seiner 'Ja, aber'-Haltung vollzieht:

Einerseits:
"...wir sind in einer Demokratie. Wir respektieren die Wahlentscheidungen der Menschen"
Doch anderseits stellt er Suggestivfragen:
[und wir] "fragen uns gleichzeitig: Ist die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird, tatsächlich schon so weit weg von den Vorstellungen, die die SED einst hatte bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können?"
Die so angestoßene Debatte mag - gerade aus der Sicht früherer DDR-Einwohner, die den SED- und Stasi-Unrechtsstaat noch miterlebt haben - ihre Berechtigung haben. Sie könnte hinterfragen, inwieweit die personelle Erneuerung der einstigen SED-Nachfolge-organisation ausreicht, um deren verfassungskonforme und demokratische Ausrichtung zu ermöglichen.

An dieser Debatte könnte sich eine Privatperson Joachim Gauck angesichts eigener Erfahrungen in und mit der DDR fraglos beteiligen. Als Bundespräsident jedoch steht es ihm nicht zu, die getroffene Wahlentscheidung der Menschen in Thüringen in dieser Weise wertend zu hinterfragen:

"...es gibt Teile in dieser Partei, wo ich - wie viele andere auch - Probleme habe, dieses Vertrauen zu entwickeln."
Diplomatische Verklausulierungen ändern wenig an deren Inhalt. Im Grunde hat es nicht zu interessieren, ob ein Bundespräsident - der seinen Wohnsitz zur Zeit sicherlich in Berlin und nicht in Thüringen hat - dieses Vertrauen entwickelt zu einer Partei oder nicht.

Entscheidend ist vielmehr, dass das Wahlergebnis im Bundesland Thüringen auf demokratischem Weg erzielt wurde. An dieser Wahl waren auch Menschen beteiligt, die die DDR mit ihren "Wahlen" und Einheitslisten erlebt haben. Deren Wahlentscheidung ist uneingeschränkt zu respektieren.


Sollten sich in der kommenden Legislaturperiode in Thüringen berechtigte Zweifel an der Verfassungstreue einer Regierung unter Führung der Linken ergeben (was ich persönlich für ausgeschlossen halte), obliegt eine diesbezügliche Kontrolle bzw. Prüfung dem thüringischen Landesverfassungsgericht.-
"Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren."
Auch in Bezug auf die Person und den Werdegang Gaucks ist eine derartig negative Äußerung unverständlich: Weniger moralisierende Worte, dafür eine deutlichere Betonung des Versöhnungsgedankens stünden ihm gut zu Gesicht.