Posts mit dem Label Vernunft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Vernunft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 26. Januar 2015

Messianismus: Sehnsucht nach einem übernatürlichen Retter?

In allen drei monotheistischen Religionen nimmt er eine zentrale Rolle ein: der Messias oder Mahdi, als von Gott gesandter Erretter der Menschheit.

Für den schiitischer Islam beschreiben Baqir al Sadr und Murtada Mutahhari den Mahdi in ihrem Buch “Der ersehnte Retter”:
“Eine Gestalt, legendärer als die des Mahdi, des Ersehnten Messias, hat die Geschichte der Menschheit nicht gesehen. Die Fäden des Weltgeschehens haben im menschlichen Leben so manch feines Webmuster angenommen, aber das Muster des Mahdi steht hoch über allen anderen. Er ist [stets] die Vision der Visionäre in der Geschichte gewesen. Er ist [stets] der Traum aller Träumer dieser Welt gewesen. Für die endgültige Rettung der Menschheit ist er der Polarstern der Hoffnung, auf den der Blick gerichtet ist.
Auf der Suche nach der Wahrheit über den Mahdi ist gesellschaftliche Stellung, Glaube oder Nationalität belanglos. Die Wahrheitssuche ist universell, ebenso wie der Mahdi selbst universell ist. Prachtvoll steht er hoch über den engen Mauern, die die Menschheit trennt und aufteilt. Er gehört zu einem jeden.
(…) Wer ist der Mahdi? Sicherlich, das ist die große Frage, die denkende Menschen überall auf der ganzen Welt gern stellen würden
.”

Auch wenn die Ausprägung des Messias im Christentum eine andere ist als im Islam, beschreiben diese Worte die an diese Gestalt gerichteten Erwartungen und Sehnsüchte meiner Ansicht nach sehr treffend.
Im A.T. kündigen Israels Propheten die zukünftige ideale Erneuerung des Königtums an,  eine endzeitliche Rettergestalt, deren Kommen alles verändern werde. Dieser Heilsbringer werde eine radikale Wende zum Frieden für alle bringen. Und die ersten Christen rechneten mit der Wiederkehr (Parusie=Naherwartung) des Messias Jesus, dem Weltende und dem Weltgericht – noch zu ihren Lebzeiten.


“Juden warten auf den Messias, Christen auf Jesus und die Muslime warten sowohl auf den Mahdi als auch Jesus. Alle Religionen beschreiben ihn als einen Mann, der kommt um die Welt zu retten.” Sheik Kabbani

Im islamischen Kontext dient der Begriff “Messianismus“ dazu, das wichtige Konzept einer eschatologischen Gestalt (d.h. den Mahdi) zu übersetzen. Er werde als vorherbestimmter Führer emporsteigen, eine großartige soziale Umgestaltung einleiten und alle Dinge unter göttlicher Führung wiederherstellen.


“Der islamische Messias verkörpert (…) daher das Bestreben der Wiederherstellung der Reinheit des Glaubens, welcher die wahre und unkorrumpierte Führung für alle Menschen bringt und (…) eine Welt frei von Unterdrückung schafft…“ (Abdulaziz Abdulhussein, ‘Islamischer Messianismus’)

Kurz gesagt, die Rettergestalt des Mahdi/Messias soll eine “neue Weltordnung” implementieren (dass dieser Terminus von militanten Politikern vereinnahmt wurde, steht auf einem anderen Blatt). Nebenbei sei erwähnt, dass sowohl islamische als auch christliche Endzeittheologien nicht den geringsten Zweifel daran hegen, dass vor dem Weltenende die ‘wahre’ (also die eigene) Religion siegen werde. Als Mittel und Methoden des Erretters beziehen sie militärische Kampagnen oder ‘heilige Kriege’ ausdrücklich ein.

Gerade in der heutigen Zeit – mit all ihren Verwirrungen, ihrer Gewalt und vermeintlichen(?) Ausweglosigkeiten – ist es nur verständlich, wenn gläubige Menschen sich an eine solche Figur klammern, all ihre Hoffnungen auf die projizieren.


Dabei schwingt ein trauriges Eingeständnis mit, wenn auch unausgesprochen: Wir (die ‘normalen’ Menschen) haben es verk*ckt. Der Karren (die menschliche Zivilisation) hat sich in einer unheilvollen Sackgasse festgefahren – derweil weigern wir uns, diese Realität zu erkennen und flüchten in Haarspaltereien und Konflikte.
Persönlich glaube ich nicht, dass wir uns auf einen Erretter ‘von oben’ verlassen sollten. Ohne eschatologische Aussagen pauschal anzuzweifeln, sehe ich das Prinzip der Kausalität (Ursache und Wirkung) im Vordergrund.
Wir, die menschliche Spezies, werden durch die Folgen unserer Handlungen zunehmend gezwungen, endlich (überlebens-)notwendige Lehren aus unseren Fehlern zu ziehen. Tatsache ist aber auch, dass hierzu augenscheinlich ein gewaltiger Leidensdruck bestehen muss – und dass dieser Leidensdruck nur in den allerwenigsten Fällen die eigentlichen Protagonisten (Regierende, Wirtschaftslenker, geistige Führer …) trifft.


Diesen Umstand mag man für ungerecht erachten, was freilich nichts an den Fakten ändert.


Den unbeirrbaren Endzeit-Gläubigen möchte ich am liebsten erwidern:
Seit 2000 und mehr Jahren erwartet ihr stets das nahende Ende der Welt. Ihr erträumt euch, jener Mahdi/Messias möge “endlich” von Gott geschickt werden und die Fehlentwicklungen geradebügeln, welche von der Menschheit wieder und wieder verursacht werden.
Dabei wisst ihr (ebenso wenig wie ich), ob/wann diese Endzeit eintrifft. Was spricht dagegen, dass die Menschen ‘bis dahin’ ihre Lethargie bzw. Frömmigkeitsstarre überwinden und sich ihrer Verantwortung stellen für das Diesseits, für diesen Planeten Erde und alle Menschen, die auf ihr leben?

Donnerstag, 1. August 2013

Intelligenz des Unbewussten

Vortrag von Prof. Dr. Gerd Gigerenzer   (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) v. 5.2.2013

Unter bestimmten Voraussetzungen führen schnelle Bauchentscheidungen zu besseren Ergebnissen als bewusstes Abwägen aller Alternativen. Einer gute Intuition liege eine rasche Abfolge unbewusster Schlussfolgerungen zugrunde, sich 'nur' auf das Wesentliche konzentrieren. 

So gesehen haben wir zwei Mechanismen, um die bestmögliche  aus mehreren Handlungsalternativen auszuwählen: 



Sonntag, 19. August 2012

Prof. Hans-P. Dürr: Versöhnung von Wissenschaft und Religion

Der Quantenphysiker Hans–Peter Dürr(1) vertritt einen ganzheitlichen, auf die Synthese und Versöhnung von Physik und Metaphysik abzielenden Wissenschaftsansatz, der inmitten der ideologisch geprägten Konflikte unserer Gegenwart beachtens- und erstrebenswert anmutet.

Zu seiner holistischen Sicht der ‘neuen’ Physik und zugleich aller Lebensprozesse finden sich hier einige Anmerkungen.

Die Naturwissenschaften sowie die mit ihnen gewachsene Technologie haben unsere Welt und unser aller Leben dramatisch verändert. Was uns Vorteile und Privilegien eröffnete, hat zugleich nachteilig auf die gesamte Biosphäre ausgewirkt - die lt. Dürr gegenwärtig in eine “ernste Existenzkrise” schlittert. Warum er diese Krise infolge einer Störung des biologischen Gleichgewichts heraufziehen sieht, stellt Professor Dürr in seinem Beitrag “Wirklichkeit des Lebens” dar.  

Im Grunde handele es sich um eine Reihe von Krisen:
  • eine „Krise der Immanenz“: uns könnte die unmittelbare Erfahrung verloren gehen, das wir als Menschen unauflösbar im Transzendenten verankert sind,
  • eine „Erschöpfung der Moderne“: Brüchigkeit und Unzulänglichkeit unserer heutigen säkularisierten (rein weltlichen), materialistischen Weltanschauung treten immer deutlicher in Erscheinung. Gerade unser industrialisierter, vermeintlich “entwickelter” Teil der Welt – leidet trotz allem materiellen Überfluss und all der Überflutung mit Reizen an einem Defizit, welches Dürr treffend als “Hunger nach Geistigem und Sinnhaften, ein Gefühl von Verlorensein und Einsamkeit” charakterisiert.
Die tieferen Ursachen unserer Frustration würden gar nicht bewusst, stellt der Physiker fest, weshalb wir auch nicht die Notwendigkeit sehen (und bereit sind), ‘geeignete Nahrung’ aufzunehmen.
Hm ...Ist es nicht eher so, dass viele Menschen heute sehr wohl wissen (oder wenigstens intuitiv erahnen), was mit ihnen los ist? Sie erkennen allmählich: der trügerische Mix aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und materiellem Wohlstand machte Spiritualität nur vordergründig überflüssig.
In dem vermuteten Gegensatz zwischen Wissenschaft und Spiritualität haben die meisten Menschen sich der ‘Rationalität’ unterworfen wie Faust seinem Mephisto.
Bei aller hochgelobten Rationalität’  reduziert sich die gegenwärtige Form von Vernunft eher darauf, scheinbar exaktes Wissen zu sammeln und in kritischem Denken zu verarbeiten – mit dem Zweck, unseres willentliches Handeln besser zu steuern. In Wahrheit aber sträuben wir uns, das im eigentlichen Sinne Vernünftige zu tun. Folglich bleibt die zweite, wesentliche Seite – “die abwägende, wert-trächtige Vernunft” vielfach außen vor.
"Gelingt es uns einmal, einen kleinen Zipfel der "Wahrheit" zu erhaschen, dann meinen wir in diesem Zipfel gleich die einzige und ganze Wahrheit zu sehen. 
Wir betrachten das ganze Weltgeschehen nur unter dieser einen neuen Einsicht und zwängen, was nicht so recht passen will, mit Intelligenz, Schlauheit, Eloquenz, doch auch mit unbewusster oder bewusster Mogelei und Gewalt in dieses Korsett."
Was nicht in dieses Denk- und Bewertungsschema nicht passt, wird passend gemacht – um das mühsam erworbene, Sicherheit versprechende Paradigma nur ja nicht infrage stellen zu müssen. Die Motivation dahinter ist verständlich: Wir sind beseelt von dem alten Wunsch, die undurchsichtige Komplexität unserer Welt auf etwas Überschaubares und damit Einsehbareres zu reduzieren. Unsere verkürzten Vorstellungen der Wirklichkeit gestatten uns, die Unsicherheit und Zukunftsängste auf ein erträgliches Maß abzumildern.

Dürr spricht hier von ‘Nachbildungen der Wirklichkeit’, was immerhin bei Astrid Lindgrens’ junger Protagonistin geklappt hat (“Wir machen uns die Welt, wie wie wie sie uns gefällt”:)



Grenzen des Wissens ...Sokrates hatte es verstanden



Der Versuch jegliche Unsicherheit zu beseitigen erwiest sich zum wiederholten Mal als Illusion. Durch unser Wissen haben wir zwar prinzipiell die Möglichkeit, mit absichtsvollem Handeln unsere Überlebenschancen zu verbessern. Kurzfristig scheint uns dies sogar zu gelingen. Zwanghafter Wissenschaftsglaube und Technokratie mutieren zu einem Fundamentalismus, wie er den Kirchen spätestens seit der Aufklärung vorgeworfen wurde.

Dabei habe die moderne Physik eine prinzipielle Schranke deutlich sichtbar gemacht:
“Nicht alles ist wissbar.”
Es gibt heute ein Wissen um prinzipielles, dauerhaftes Nichtwissen (z.B. über das, was 'vor' und genau im Augenblick des Urknalls geschah). Diese Grenzen des Wissens, die wohl auch in Zukunft fortbestehen werden, eröffnen gegenwärtig wieder Räume, die nur durch Glauben bzw. Spiritualität zugänglich sind, der mehr bedeutet als ein Noch–nicht–wissen.

Ausgelöst wurde diese Erkenntnis des Nicht-Wissen-Könnens durch die Entdeckungen in der Physik am Anfang des 20. Jahrhunderts sowie eine radikale Neuinterpretation durch Niels Bohr und Werner Heisenberg. Der unausweichliche Paradigmenwechsel beruht wesentlich auf der alten und doch neuen Erkenntnis, dass die Realität nicht im Sinne einer ‘dinghaften Wirklichkeit’ zu verstehen ist:

“Materie besteht nicht aus Materie.”
Das Atom (atomos=unteilbar) im eigentlichen Sinne eines kleinsten, nicht weiter zerlegbaren Materiebausteins gibt es nicht. Am Ende (des Zerlegens) bleibe nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung.
Alles, was die Naturwissenschaft als ‘stoffliche Realität’ beobachte und beschreibe, dürfe nicht verwechselt werden mit der dahinter liegenden, ‘eigentlichen’ Wirklichkeit. Denn die bislang nur zweiwertig (im Ja/Nein -Prinzip) aufgefasste Wirklichkeit offenbare sich als Potenzialität, als ein „sowohl/als auch“. Potenzialität erscheint als das Eine, das sich nicht auftrennen, grundsätzlich nicht zerlegen lässt.
“Dies führt weiter dazu, dass zukünftige Ereignisse sich nicht mehr eindeutig aus gegenwärtigen Gegebenheiten prognostizieren und kausal erzwingen lassen, da alles mit allem auf eine komplexe Weise zusammenhängt und Beziehungen sich nur noch in einem statistischen Sinne bewerten lassen.”
Den Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung setzen nicht nur Relativitätstheorie, Quantenmechanik und Thermodynamik Grenzen. Gerade die reifsten physikalischen Theorien enthalten selbstbegrenzende Aussagen und erklären explizit, worüber auf naturwissenschaftlicher Ebene nicht mehr sinnvoll geredet werden kann:
  • Jene Theorien haben ihren definierten Gültigkeitsbereich, deshalb lassen sie z.B. keine Aussagen über den Urknall selbst und das fragliche ‘Davor’ zu.
  • Jenseits des kosmologischen Horizontes sind die Bedingungen, unter denen Naturwissenschaft erfolgreich sein kann, nicht mehr erfüllt.
Glaubt man dem britischen Astrophysiker John D. Barrow, dann ist die Tatsache unseres Nicht-Wissen-Könnens nicht überraschend, sondern vielmehr ein evolutionsbiologisches Resultat. Aus Sicht der Evolution dienen unsere Sinne und unser Gehirn nicht primär dazu, die Welt zu verstehen, sondern um in ihr zu überleben. Dass wir über uns und die Welt nachdenken können, sei insofern ein zufälliges Nebenprodukt der Evolution, in dem wir nicht zwangsläufig besonders gut sind.
Obwohl jene Entdeckungen und Erkenntnisse aus Quantenphysik und Relativitätstheorie vor fast hundert Jahren publiziert wurden, sind diese ‘neuen Vorstellungen’ bis heute nicht in den Sozialswissenschaften und im politischen Alltag angekommen. Vermutlich fehle es uns an geistiger Reife, uns von einer gewohnten Vorstellungswelt zu lösen. Während dieser hundert Jahre wurden die unverstandenen Potenziale dennoch "wie von Zauberlehrlingen" technologisch genutzt, ohne ihre Risiken Auswirkungen in ihrer Gesamtheit zu begreifen.

Darin erkennt Dürr eine zeitweilige Unfähigkeit, unser Handeln mit angemessenem Denken in Einklang zu bringen – was eine existenzielle Gefahr heraufbeschworen hat: Die entfesselten, aber nur oberflächlich verstandenen Einwirkungspotentiale “könnten die Menschheit leicht aus der Evolution des Lebendigen hinaus katapultieren”.

Wie richtig Dürr mit seiner Diagnose liegt, zeigen dramatische Eskalationen wie die Kubakrise, Tschernobyl oder Fukushima; Aus begangenen Fehlern und ihren auf Jahrtausende wirksamen Konsequenzen lernen wir nicht oder zu langsam lernen.
Doch sei ausgerechnet dieses neue naturwissenschaftliche Weltbild dazu geeignet, die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften wieder zusammenzuführen. Es erlaube sogar, Glaube/Religion und Wissenschaft als komplementäre Elemente einer umfassenden Sichtweise zu verstehen. Der Glaube würde nicht länger auf das Wenige beschränkt, was bis zu einem Zeitpunkt ‘noch nicht gewusst’ wurde und erhielte mit Anerkennung der prinzipiellen Einschränkung des Wissbaren seine volle Bedeutung und Eigenständigkeit zurück.

 

"Glaube und Wissenschaft suchen eine Wahrheit auf verschiedenen Wegen"

Sobald der Wille dazu vorhanden ist und es gelingen sollte, Natur- und Geisteswissenschaften sowie auch spirituelles Wissen in einem holistischen Weltbild zusammenzuführen, gehören ‘absolute Wahrheiten’ in Glaube und Wissenschaft der Vergangenheit an. An ihre Stelle werde eine „offenere, vieldeutige Wahrheit“ treten, die in subtiler Weise Glaubens- und Wissenselemente enthalte – prognostiziert Prof. Dürr.
Aus heutiger, konventioneller Sicht ist dies zwar wünschenswert, aber nur schwer vorstellbar: Denn der Gläubige sucht auf grundlegend andere Weise nach diametral gegensätzlichen Wahrheiten wie ein reduktionistisch, analytisch vorgehender Naturwissenschaftler. Im unserer alltäglichen Denkweise ist Glaube gerade das Gegenteil von Wissen; denn sobald ich etwas mit Bestimmtheit weiß, hat sich der Glaube erübrigt – oder er hat seine Bestätigung erfahren.


Freilich könnte Dürr Recht behalten: bei aller Verschiedenheit suchen Wissenschaftler und Gläubigen letztlich nach Antworten auf dieselben Fragen. Dürr spricht hier von zwei Arten des Wissens:

  • Wissenschaft vertritt die „Außenansicht“ mit „begreifbarem Wissen“ und der Trennung von Beobachter und dem Beobachteten.
  • Daneben existiere auch die „Innensicht“, welche die „Gewissheit um den inneren Zusammenhang“ erfahre und ihrem Wesen nach immer holistisch sei.
Inhaltlich sind Glaube und Wissenschaft nicht so weit auseinander, wie es zunächst scheint: Die von uns als allgemeingültig erachtete zweiwertige Außenansicht (Ja oder Nein) hat nur begrenzte Gültigkeit. Wie die Quantenphysik gezeigt hat, ist sie nur grobes, modellhaftes Abbild einer tieferen Wirklichkeit, deren Züge sich uns getreuer durch Innensehen offenbaren.
Obwohl der Wissenszuwachs in Forschung und Wissenschaft sprunghaft ansteigt und die Kosmologen mehr Entdeckungen machen als jemals zuvor, kommen die Menschheit in der Beantwortung der eigentlichen Kernfragen nicht weiter. Professor Dürr zeigt hier den Weg aus einer Sackgasse auf, in der wir uns befinden, seitdem unsere Erkenntnisfortschritte nach dem “Leben, dem Universum und dem ganzen Rest”2) stagnieren. Als Ursache hierfür erkennt Professor Dürr die Selbstbeschränkung der Naturwissenschaft auf das mit ihren Methoden Wahrnehmbare.

So ungeheuerlich es auch für eingefleischte Empiriker klingen mag, Auf die Erkenntnispotenziale der Metaphysik dürfe deshalb nicht länger verzichtet werden, indem sie per Definition einfach ausklammert. Bevor hier eine Trendwende entstehen kann, muss zunächst die wichtige Einsicht nachvollzogen werden, dass es in der Naturwissenschaft die o.a. stabilen Bereiche des Nichtwissens gibt.

“Religion und Wissenschaft sind ihrer Wahrnehmung nach komplementär.”
Vorläufig aber bestehe der Eindruck, dass die klugen Köpfe unter den Naturwissenschaftlern sich der Grenzen ihres möglichen Wissens zwar bewusst sind und diese Tatsachen ganz gerne verdrängen – dadurch können sie eine Weile noch so agieren und auftreten, als ob ihrem Tun keine Grenzen gesetzt wären.
Im Interesse des Erkenntnisfortschritts läge es jedoch, wieder zu einer fruchtbaren und konstruktiven Kooperation mit den Philosophen und Theologen zurückzukehren – und zwar auf Augenhöhe. Dadurch würden wir nach Professor Dürr auf einem guten Weg begeben, uns an “das Leben, das Universum und den ganzen Rest” anzunähern – nicht durch Anhäufung von Faktenwissen, sondern durch Zulassen neuartiger Erfahrungen.

Nur indem sich die beiden nur scheinbar unversöhnlichen Lager von Religion und Naturwissenschaft auf einen “offenen, inter-subjektiven  und intensiv-empathischen Dialog” einlassen, eröffne sich eine aussichtsreiche Chance, den Kern unseres Daseins seinem Wesen nach zu erfassen.

Hinweise dafür, dass Hans-Peter Dürr auf der richtigen Spur sein dürfte, liefert auch die nano spezial-Folge (3SAT) mit dem Titel “Physik vor dem Kollaps”.

Vortrag v. Prof Hans-Peter Dürr: Wir erleben mehr als wir begreifen!


Siehe auch:




  • ‘Wirklichkeit des Lebens’, Hans-Peter Dürr







---

Anmerkungen
1) Hans-P. Dürr (geb. 1929) war von 1958 bis 1976 Mitarbeiter von Werner Heisenberg, den er in seinem Projekt zur Entwicklung einer vereinheitlichten Feldtheorie der Elementarteilchen unterstützte.
Nach seiner Emeritierung widmete sich Dürr auch erkenntnistheoretischen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Er erkannte unser aller Verantwortung für einen ressourcenschonenden Umgang mit unserer Umwelt gründete er das Global Challenges Network (GCN e.V.) –diese Organisation knüpft ein Netz aus Projekten und Gruppen, die konstruktiv und gemeinsam „an der Bewältigung der Probleme arbeiten, die uns und damit unsere natürliche Umwelt bedrohen“.
Dürr ist Träger des alternativen Nobelpreises und des Bundesverdienstkreuzes und Mitglied im Club of Rome.

2) Vergleiche:
    a) Life, the Universe and Everything
    b) ‘Deep Thought’ und der Sinn des Lebens)




Sonntag, 5. Februar 2012

"Warum glaubst Du noch?"

"Glaubenssätze unter dem Gesichtspunkt der Logik" v . Prof. Dr. Uwe Hillebrand  

Eigentlich finde ich schon die Frage "Warum glaubst du noch nicht?" grenzwertig; sie provoziert förmlich die Gegenfrage, warum der Fragesteller noch nicht glaubt.

So kritisch mich auch mit religiösen Dogmen und einseitigen Paradigmen auseinandersetzen mag - persönlich zweifle ich nicht an der Existenz einer willentlichen, schöpferischen Kraft (die von vielen Menschen als "Gott" bezeichnet wird). Mit atheistischer und pauschal gegen Glaube und Religion argumentierender Literatur vermag ich nur in Ausnahmefällen anzufreunden - Zweifel - teils erwachsen aus vermuteten Widersprüchen dogmatischer Glaubenslehren, teils entstanden aus eigener intuitiver Ahnung vom 'Wesen des Seins' - habe ich selbst genug. Es ist weniger mein Wunsch, mich darin noch bestärken zu lassen, als Anhaltspunkte für mögliche Verbindungen zwischen einer ganzheitlichen Wissenschaft (wie sie z.B. von Professor Dürr vertreten wird) und einer Spiritualität zu finden, die ihren Fokus nicht auf einseitige Hervorhebung von Bildausschnitten legt.

Eine kaltherzige, naturalistisch geprägte Darlegung, weshalb Gott entweder gar nicht existieren könne oder weshalb Christen, Juden und Muslime mit ihrer Vorstellung von einem persönlichen Gott auf dem Holzweg seien, bringt mich daher meist nicht weiter. In dieses Spannungsfeld fällt eine Analyse von Glaubenssätzen und -inhalten 'unter logischen Aspekten' mit dem Titel "Warum glaubst du noch?" des Wolfenbütteler Professors Uwe Hillebrand. 
Würde man nicht davon ausgehen, dass speziell diese Frage nur sinnvoll vom jemandem beantwortet werden kann, der selbst eine Form von Glauben bzw. 'spirituellen Zugang' besitzt? Glaube in diesem Sinne bedeutet für mich nicht zwanghaftes Festklammern an Überzeugungen, die grundlegenden, gründlichst überprüften Resultaten der Naturwissenschaften diametral entgegen laufen. 

Vielmehr verbinde ich mit Glauben ein Vertrauen auf etwas, das ich bestenfalls erahnen kann, dessen Existenz ich insoweit nur unterstellen (oder kategorisch ablehnen) kann. Ein Zitat von Freud auf der Startseite der o.a. Webpräsenz von Prof. Hillebrand scheint ebenfalls in diese Richtung zu deuten, was den verengten Fokus mancher religiösen Lehre anbetrifft:
Was immer Wert und Bedeutung der Religion sein mögen, sie hat kein Recht, das Denken irgendwie zu beschränken, also nicht das Recht, sich selbst von der Anwendung des Denkens auszunehmen. (Sigmund Freud)


Sind Ratio und Glaube vereinbar?


Einleitend äußert Hillebrand ein gewisses Unverständnis darüber, dass ein religiöser Mensch sich auf Fragen nach einer rationalen Begründung für seinen Glauben meist auf seine persönliche Überzeugung zurückziehen oder ganz einfach auf die Religionsfreiheit verweisen werde. Dies liege auch daran, dass eine rationale Begründung kaum möglich sei - denn ein objektives Wissen bezüglich der Glaubensinhalte, insbesondere der Existenz Gottes, sei nicht verfügbar.
"Zu allen Zeiten haben sich die Menschen ihren Gott selbst erschaffen."
Zudem liege es in der Natur des Glaubens, die Macht der Mächtigen zu sichern und zu vermehren, wobei die Kirchenvertreter (beider Großkirchen in Deutschland) stets auf der Seite der Mächtigen gestanden hätten. Naheliegend ist doch: zwischen Glaube und religiöser Institution muss unbedingt differenziert werden, um auf der Sachebene zu bleiben. Dass man beide großen Kirchen in Deutschland bzw. Europa gerade im Hinblick auf ihre Vergangenheit (und deren Bewältigung) sehr kritisch sehen kann, ist nicht zu bestreiten. Dieser Fokus ist für mich persönlich aber nicht von vorrangigem Interesse. Hillebrand stellt jedoch auch fest, dass (für ihn) bei logischer Betrachtungsweise viele kirchliche Lehren heute nicht mehr nachvollziehbar sind, was in unserer Zeit zur offenen Äußerung von Kritik und Zweifeln führe. 


Logik - Feind jeder Religion?

Ich stimme dem Autor insoweit zu, als eine allein aus alten Schriften konstruierte "göttliche Logik" als Argument für Glaubensgewissheit und spirituelle Weisheit problematisch ist: So wird eine inhaltliche Auseinandersetzung unterbunden, jeder rationalen Bewertung der kirchlichen Lehren wird die Grundlage entzogen wird. Einem Zweifelnden, der hin- und her gerissen zwischen Glaube, Drohung/Verheißung und Logik/ Wissenschaftlichkeit nach Antworten sucht, hilft eine solche Basta!-Argumentation absolut nicht aus seinem Dilemma.

Dass die Gottesvorstellung der meisten Menschen nachhaltig von Kirchenvertretern beeinflusst wird, liegt auf der Hand - schließlich sehen sie sich subjektiv in der Pflicht, die Motive ihres Gottes zu vermitteln. (Als Kleriker "muss man eine Meinung haben, die vom Evangelium und der Lehre der Kirche begründet ist.", erklärt Kardinal Reinhard Marx) 
Laut Hillebrand habe noch kein Gott jemals zu zu etwas persönlich Stellung genommen und seine Handlungsweise bzw. den Grund seines Nichthandelns explizit erklärt. Gesehen habe ihn auch noch niemand ...Überlieferungen wie die Bücher der Bibel werden von ihm als "Berichte aus grauer Vorzeit" vollständig ausgeklammert - bedeutet dies nicht ebenfalls, der inhaltlichen Auseinandersetzung auszuweichen? In Bezug auf die unterschiedlichen Erlösungskonzepte der Religionen - Auferstehung im Fleische am jüngsten Tage, Reinkarnation, das Paradies im islamischen Glauben - stellt Hillebrand fest: 
"Ob es wirklich so sein wird, darüber hat noch niemand berichtet, das kann man nur glauben."
Stimmt nur zur Hälfte. Es existieren durchaus Berichte (z.B. über Nahtod-Erlebnisse, die ggf. auf ein Weiterleben nach dem physischen Tod hinweisen) - und nicht alle sind 2000 Jahre alt. Ob man ihnen glaubt, glauben kann ... diese Entscheidung darf und muss jeder für sich selbst treffen. Inwieweit man diesen Entscheidungsprozess eigenständig vollzieht oder in anerzogenen Denk- bzw. Glaubensstrukturen verharrt, ist eine andere Frage - solange eine Kirche hier ein auf absolute Freiwilligkeit gegründetes, nicht manipulatives Vermittlungsangebot macht, kann man ihre Rolle durchaus auch positiv sehen. 

Neben allgemeinen, fast phrasenhaft anmutenden Feststellungen ("Glauben heißt nicht Wissen") befasst sich Uwe Hillebrand auch mit konkreten Glaubensinhalten - auf eine wenig neutrale, aber durchaus interessante Weise. Im Alten Testament stellt er etliche Widersprüche fest, die sicherlich zu hinterfragen sind. 

Solange man die biblische Überlieferung nicht als zweckbestimmtes, in einen historischen Kontext einzuordnendes Gleichnis 
betrachtet, sondern in ihr das buchstabengenau zu befolgende 'Wort Gottes' zu erkennen glaubt, lassen sich diese Widersprüche kaum überwinden. Dies zeigt sich schon an dem sehr unterschiedlich ausgelegten Gebot 'Du sollst nicht töten': Selbst wenn man akzeptierten würde, dass die erlassenen Maßstäbe zwar für menschliches Handeln, nicht aber für Gott selbst gelten würden - selbst vielfacher Genozid von Menschen an Menschen wird vom A.T. unter fragwürdigen Umständen gerechtfertigt. Bekanntermaßen stoßen wir schon am Anfang des A.T. auf ein weiteres Beispiel, das bis heute viele Fragen und Kontroversen auslöst: 
 

Die Erbsünde

Die Erbsünde resultiert nach der ursprünglichen römisch-katholischen Lehre aus dem Sündenfall von Adam und Eva und führte zu ihrer Vertreibung durch Gott aus dem Paradies. Der Ungehorsam des 'ersten Menschenpaares' habe jeden Menschen mit einer ererbten Ursünde belastet.
"Gott ist zwar allgütig, aber auch sehr nachtragend.
Gemeint ist hier der biblische Gott, insbesondere im A.T. Hillebrands Gedankengang ist nachvollziehbar, seine pauschale Schlussfolgerung dagegen nicht: 

Nach Anerkennung der Evolution als Ursache der Entstehung des Menschen bzw. aller Lebensformen habe die Kirche das Paradies neu definieren müssen. Die Geschichte von Adam und Eva werde nun als Gleichnis aufgefasst, wobei Adam für die gesamte Menschheit stehe. Am verbindlichen Charakter der Erbsünde für alle Menschen ändere dies nichts - die sündige Vergangenheit der Menschheit werde weiterhin jedem von Geburt an angelastet.
(Auf die ironischen Randbemerkungen zu 'sündhaften Einzellern' als Vorläufer des Menschen möchte ich aus naheliegenden Gründen nicht eingehen.) Interessant dagegen sind Anmerkungen zur Entwicklung der Erbsünde - diese sei "bei Jesus noch völlig unbekannt" gewesen.  

Es ist vermutlich zutreffend, dass Jesus gänzlich andere Schwerpunkte in seiner Lehre vertrat, als allen Menschen einen unentrinnbaren Schuldkomplex einzureden; dennoch bleibt es eine Tatsache, dass die Erzählung von Adam und Eva aus den Anfängen der hebräischen Tora stammt. Jesus wird sie daher wohl gekannt haben. Augustinus von Hippo (354 – 430) konkretisierte die Vorstellung von der geerbten Sündhaftigkeit, die er zugleich als Ursache für das 'sündige Verhalten' aller Menschen ansah. Doch betrachtete er sexuelle Gefühle wirklich als eine Strafe Gottes für die Sünde von Adam und Eva?

"Augustinus stützte sich in seiner Theorie auf den christlichen Gelehrten Origenes (185 – ca. 254), für den der Sündenfall von Adam und Eva ein sexuelles Vergehen war. Darin sah er die eigentliche Ursache der Erbsünde, die dann auf alle nachfolgenden Menschen übergehen würde. Augustinus betrachtete die sexuellen Gefühle als eine Strafe Gottes für die Sünde von Adam und Eva! 
Die böse Begehrlichkeit belaste seither als Erbsünde alle Menschen, und durch die Lust beim Geschlechtsakt ginge diese Erbsünde auf die gezeugten Kinder über. Hätten Adam und Eva nicht gesündigt, hätte Gott den Menschen einen Geschlechtsakt ohne Lust geschenkt..."
Obwohl sich der Vatikan zur Evolutionstheorie inzwischen bekannt habe, halte er bis heute an der Erbsünde fest. (Na klar, diese Lehre bildet einen Grundpfeiler der manipulativen Lehre, der sündige Mensch könne nicht aus eigener Kraft zu Gott gelangen, sondern sei auf Vermittlung der Kirche sowie deren Rituale wie die Taufe angewiesen). Hier teile ich die Auffassung, das sexualfeindliche Aussagen im Widerspruch zur Evolutionstheorie stehen, wonach Lebewesen nur solche Strategien entwickelten, die für das Überleben der Spezies vorteilhaft waren. Geht man etwa von einer theistischen Evolution aus, unterstellt die sexualitätsbezogene Auslegung der Erbsünde, Gott habe etwas schlechtes, Sündhaftes erschaffen. Viel entscheidender aber ist folgende Feststellung:

Für ein Fehlverhalten, im religiösen Sinne eine Sünde, kann man immer nur persönlich verantwortlich sein. Eine Schuld kann nie übertragen werden, und einem neugeborenen Kind kann niemals etwas angelastet werden, was sich vor seiner Geburt ereignet hat. 

Michelangelo: Der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies 
Wie Hillebrand festhält, stammt die 'Erbsünde' aber nicht von Gott, sondern sie ist unselige Erfindung bzw. Verdrehung der Kirchenvertreter. Damit hat liefert selbst ein Argument, weshalb der Sündenfall im Buch Genesis und andere Berichte der Bibel nicht die Existenz Gottes ad absurdum führen, sondern lediglich die Widersprüchlichkeiten theologischer Erzeugnisse aufzeigen.
Leider unternimmt Hillebrand in vielen Kapiteln eben diesen Versuch, die Unterschiede zwischen einer Göttlichkeit und dem zu verwischen, was die Kirchenlehren aus ihr entwickelt haben. 


Überspitzt formuliert: wäre die Bibel von vorne bis hinten erfunden und erlogen, ließe sich daraus doch kein Beleg für die Nichtexistenz eines Schöpfers konstruieren. Lediglich die Unvollkommenheit unserer Vorstellungen von Gott würde dadurch aufgezeigt.  


Fazit:

ich frage mich, ob Uwe Hillebrand den Titel seines Buches glücklich gewählt hat und nicht bei Teilen seiner Leserschaft falsche Erwartungen weckt:

Das Für und Wider sowie subjektive Gründe für einen Glauben an Gott behandelt er darin nämlich nicht. Sämtliche Argumente zugunsten eines Gottesglaubens werden als "unlogisch" abgelehnt, ohne sie ernsthaft zu erörtern. Glaube, so scheint es, ist für den Autor ein Atavismus, ein Relikt aus vergangenen Zeiten der Unwissenheit und religösen Wahns. So wie ich das sehe, scheint seine Intention allein in der Zusammenstellung wissenschaftlicher und rationaler Argumente gegen Religion zu bestehen. Die mit dem Buchtitel aufgeworfene Frage bleibt dabei komplett unbeantwortet.

Trotzdem: auch wenn die Ausführungen der Textsammlung "Warum glaubst du noch?" eine bisweilen eigenwillige Argumentation aufweisen und gelegentlich ins Polemische abzugleiten drohen, halte ich sie für lesenswert. Wie immer und überall ist eine kritische Distanz angebracht, doch Hillebrands Position provoziert geradezu, sich eigene Gedanken zu den von ihm aufgeworfenen Fragen zu machen.