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Dienstag, 14. Februar 2017

Pantheistischer Idealismus (II)

Dieser Beitrag setzt die 'Gedanken über das Buch 'Gottes geheime Gedanken' von Volker Becker fort. Zum Einstieg sei auch das Interview mit dem Autor empfohlen.-

Determinismus und Chaos

Determinismus bezeichnet die Auffassung, dass zukünftige Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind während der Indeterminismus davon ausgeht, dass Ereignisse möglich sind, die auch hätten anders eintreten können.
Üblicherweise wird "Determinismus" auf Naturereignisse bezogen - gestützt auf die Annahme, dass strikte Naturgesetze über sämtliche natürlichen Prozesse regieren. Schon in der Physik wird kontrovers diskutiert, ob die Unmöglichkeit exakter Vorhersage (Berechnung) zukünftiger Ereignisse nur aus einem Mängel in unseren Modellen resultiert - oder dadurch zu erklären ist, dass die Wirklichkeit selbst nicht deterministisch ist.
Erst recht umstritten ist Determinismus in Bezug auf geistige Zustände und Vorgänge: wenn diese ebenfalls natürliche Zustände (und somit auch determiniert) sind, scheint ein Konflikt mit dem Postulat eines freien Willens zu bestehen. Ob dieser Gegensatz besteht, ist ebenso umstritten wie die jeweiligen Konsequenzen...

Das Chaos ist ein (scheinbarer) Zustand vollständiger Unordnung oder Verwirrung. Die Chaosforschung (Komplexitätstheorie) untersucht Ordnungen in dynamischen Systemen, deren Dynamik unter bestimmten Bedingungen empfindlich von den Anfangsbedingungen abhängt, sodass ihr Verhalten nicht langfristig vorhersagbar ist (oder scheint). Wie V. Becker in seinem Buch zeigt, unterliegen allerdings chaotische Systeme (und solche, deren Komplexität wir noch nicht erfasst haben und sie daher als chaotisch bezeichnen) ebenfalls der Kausalität .

In diesem Kontext fällt der Begriff des Deterministischen Chaos - ein irregulär erscheinendes chaotisches Verhalten, welches jedoch den Regeln einer deterministischen Dynamik folgt. Das Systemverhalten kann nicht  reproduziert werden, weil eine Nicht-Reproduzierbarkeit der (exakten) Ausgangsbedingungen besteht... 
Vielleicht habe Gott eine in sich gegensätzliche Welt - Determinismus und Chaos - gewollt. Er kenne die Parameter der deterministisch regierten Welt, denn alles sei (für Gott) vorhersehbar und aufgrund festgelegter Anfangsbedingungen berechenbar. Göttliche Eingriffe - sog. 'Wunder' - würden sofort auffallen, wenn sie den Naturgesetzen widersprechen. 
Übrigens gehen auch etliche Theologen davon aus, Gott habe sich selbst den von ihm geschaffenen Gesetzen unterworfen und insoweit seine eigene Handlungsfreiheit beschränkt! Darin eine Beschränkung der Allmacht Gottes zu sehen, halte ich für einen Fehler.
Nach vielen religiösen Vorstellungen bilden Wunder eine örtlich und in ihrer Auswirkung begrenzte Abweichung von den Natur, durch die Gott sein Wirken demonstriere. Wenn Gott allerdings unvorhersehbare, chaotische Systeme erschafft, deren Verläufe und Ausgang auch ihm unbekannt sind, dann lässt er dem 'freien Willen' weitaus mehr Raum und hat jederzeit die Möglichkeit der Intervention, ohne das Ganze der Inkonsequenz zu opfern. Minimale Eingriffe/Veränderungen seinerseits blieben von uns unbemerkt und hätten dennoch große Auswirkung.

Ist die Unterscheidung zwischen chaotischen und deterministischen System nicht eher ein Ausdruck unserer unvollkommenen Erkenntnisgewinnung? Nicht-Reproduzierbarkeit und Unvorhersehbarkeit beweisen m.E. lediglich, dass der Mensch die Komplexität vieler Systeme weder insgesamt beschreiben noch verstehen kann. Dass alle Dynamik, alle einander bedingenden Vorgänge und Konsequenzen ohne Ausnahme dem Gesetz der Kausalität unterliegen, ist m.W. eine Tatsache. Mir fallen da nur zwei Ausnahmen ein: der Urknall - und auch nur dann, wenn sich die These einer zyklischen Abfolge von Universen als unzutreffend erweisen sollte - und Gott, wenn man von der Existenz eines Schöpfergeistes ausgeht, der einst  auch die Kausalität geschaffen hat.


Übrigens spricht Becker hier von "Gott als letzter Ursache". in der Quantenphysik besitzen subnukleare Teilchen keine unabhängige Realität, bevor sie nicht durch einen Bewussten Beobachter (Messung) an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit in die Realität gehoben werden. So gesehen könnte Gottes Geist durch Beobachtung dem menschlichen Geist Realität verleihen...damit wäre Gottes Geist tatsächlich die letzte Ursache.

Becker stellt hier einen Bezug zwischen Wissenschaft und östlicher Philosophie (→ Taoismus) her - wenn ich seine Ausführungen richtig verstehe, lassen sich antagonistische (gegensätzliche) Teilaspekte des Seins bzw. des einzelnen Lebens auf einer höheren Ebene zu einem neutralen Ganzen verbinden, sie bilden als Gesamtheit einem harmonischen Zustand.
Besteht hier eine Parallele zu dem Merkmal der Dualität, dem wir in jedem Lebensbereich begegnen? Hans Dienstknecht beschreibt in seinen Büchern (z.B. "Alles endet im Licht), dass in unserer materiellen Welt das Licht(wie auch die Liebe) erst durch Gegenüberstellung des Antagonisten, etwa der Finsternis, in seiner Besonderheit wahrnehmbar werde.
Quantenphysik und holistisches Weltbild
Eine Kernthematik der östlichen Philosophien ist die Auffassung, das 'alles mit allem verbunden ist'. Die westliche Herangehensweise der Physik sei reduktionistisch, d.h. sie zerlege das ein beobachtetes System immer weiter in seine Einzelteile bzw. -aspekte, bis sich diese Fragmente erfassen und halbwegs genau bechreiben und vermessen lassen. Dieses Vorgehen verleitet allerdings dazu, den Blick für das Ganze zu verlieren und sich einzubilden, das Wesen von 'Allem was ist' allein aus den Eigenschaften einiger winziger Fragmente zu verstehen.

"Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile."

...leuchtet ein, allein wenn wir an unseren eigenen Körper eigen. Mit Bezug auf die implizite Ordnung des Quantenphysikers David Bohm beschreibt Becker ein holistisches (vereindacht: ganzheitliches) Weltbild, in dem die Realität nicht in einzelne Bausteine teilbar ist, sondern als bruchloses Ganzes aufgefasst wird. Wie Bohm kritisiert er die reduktionistische Aufsplittung der Welt in Einzelteile - Versuche auf der Ebene der Quanten zeigten, dass alle Teilchen zumindest auf dieser Skalierungsebene ein und dasselbe sind.

"Es gibt keine zwei Teilchen, die miteinander in Wechselwirkung treten."

Alles Sein gehe vielmehr aus einer holistischen Gesamtheit hervor. Das unabhängige Sein sei lediglich eine Illusion in unserer begrenzten Wahrnehmung. Auch wenn diese Ganzheit von Allem schwer borstellbar ist, werden durch diese Sichtweise mehrere Probleme aufgelöst, welche die Quantenphysik aufwirft:
  • Offensichtlich kann der Beobachter nicht als getrennt oder unabhängig vom Gegenstand seiner Beobachtung angesehen werden. Im Gegenteil - beider interagieren und beinflussen einander, sind demnach auf einer höheren Ebene miteinander verbunden.
  • Die quantenmechanische Verschränkung (jene 'kommunikative Verknüpfung' zwischen subatomaren Teilchen, die auch noch über Billionen Kilometer in Echtzeit wirksam ist) von zwei Teilchen würde erfordern, dass diese in Überlichtgeschwindigkeit miteinander kommunizieren - was nach Einstein aber nicht möglich ist. Werden die Teilchen aber als untrennbare Einheit angesehen, besteht keine Notwendigkeit mehr zur 'unwahrscheinlich schnellen' Informationsübertragung. "
    ...Quantenteilchen können so miteinander vermischt und verbandelt werden, dass sie in mancher Hinsicht zu einem System werden. In diesem "verschränkten" Zustand lebt sozusagen eine einzige Teilchenseele in zwei Teilchenkörpern. 
    Bemerkbar macht sich diese Verschmelzung in Experimenten, bei denen zwei verschränkte Teilchen in unterschiedliche Richtungen geschossen werden und in vielen Kilometern Abstand auf getrennte Messapparaturen stoßen. Sobald das eine Teilchen gemessen wird, nimmt nicht nur es selbst einen exakten Zustand ein, sondern auch sein verschränktes Gegenstück. Sofort. Egal, wie weit die beiden voneinander entfernt sind."
    (aus "Wie real ist die Wirklichkeit?", physikclub.de)
Soweit mir bekannt, wurden die quantenmechanischen Effekte auf subatomarer Ebene nachgewiesen und bislang maximal für Moleküle nachgewisen, die sich aus bis zu 64 Atomen zusammensetzen (sog. Fullerene) - nicht aber für größere, geschweige denn sichtbare Objekte. Von daher geht Becker m.E. ein Wagnis ein, wenn er von den Quanteneigenschaften auf das gesamte Universum mit all seinen Größenskalen schließt. Seine Begründung für diese Annahme: Schließlich bestehen alle Subjekte aus eben diesen winzigen Quanten. Deshalb existiere kein Ding aus sich heraus allein, nichts könne isoliert betrachtet werden, ohne die Abhängigkeit 'vom Ganzen' einzubeziehen. 

Auch wenn man nicht so weit geht, diese Ganzheit auch auf soziale Systeme und Strukturen auszudehnen, stellt diese Sicht der Dinge (bzw. des einen großen Dings) unseren 'gesunden Menschenverstand' ziemlich auf den Kopf. Becker verweist auf den Umstand, dass die in unseren Neuronen ablaufenden Vorgänge 'so klein' seien, dass quantenmechanische Implikationen nicht ignoriert werden können. Dabei müssten wir im Grunde von selbst darauf kommen, dass die Dinge nicht so sind wie sie uns erscheinen: 


Offensichtlich ist, dass wir aufgrund unserer begrenzten und dadurch selektiven (Sinnes-)Wahrnehmung eine subjektive Realität um uns herum konstruieren - ein sehr begrenzter Ausschnitt dessen, was möglich ist. "Jedes Lebewesen lebt in seiner eigenen Welt". 


Der indisch-amerikanische Physiker Amit Goswami betrachtet Bewusstsein als die einzige wahre Realität - die Realität eines Individuums besteht zu einem bestimmten Zeitpunkt aus der Summe dessen, was ihm bewusst ist. Nach seiner Interpretation widerlegt die Quantentheorie den materialistischen Realismus: Trifft es zu, dass erst der beobachtende Geist ein Objekt real werden lasse, dann hat sich die Annahme erledigt, dass außerhalb von uns ein materielles Universum existiert. - "Das Bewusstsein kann den Weg eines Quantenteilchens selbst dann noch verändern, wenn wenn es diesen Weg schon gegangen ist!"


"Wenn der Materialismus die Seele abgeschafft hat,
so hat Goswamis Idealismus den Leib abgeschafft."


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Viele Phänomene und Begriffe werden in Beckers Büchern aufgegriffen, aber nicht bis ins letzte Detail erläutert (was auch gar nicht möglich wäre, ohne den roten Faden zu verlieren). Zum Verständnis der quantenmenchanischen Grundlagen bietet die Abhandlang Informationen über Quantenmechanik einen ersten Überblick; von Interesse sind evtl. auch einige Angaben zum Doppelspalt-Verusch. Als verständliche und detaillierte Abhandlung zur Quantenphysik halte ich das Buch "Einsteins Schleier - Die neue Welt der Quantenphysik" von Anton Zeilinger für sehr geeignet. Als Einführung in Albert Einsteins Relativitätstheorien empfinde ich das Buch von Thomas Bührke mit dem naheliegenden Titel E=mc2 als hilfreich. 

Letzte Bearbeitung: 28.10.202021
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Montag, 13. Februar 2017

Pantheistischer Idealismus (I)

Gedanken zum Buch "Gottes geheime Gedanken" v. Volker J. Becker  

An den Anfang seines Buches stellt Becker folgenden kurzen Text über ein Wesen namens "Llixgrijb":
Stellen wir uns doch einmal einen Bereich vor, in dem es keine Höhe, Breite, Tiefe oder Zeit gibt... Stellen wir uns ein Wesen vor, das in diesem Bereich lebt. Ein Wesen namens Llixgrijb. Stellen wir uns vor, das arme Llixgrijb sitzt in einer Art extradimensionalem Einsturz gefangen... Es gibt kein Entrinnen. Aber Llixgrijb kann nicht sterben. Sein Bewusstsein dauert an, ganz auf sich gestellt und in alle Ewigkeit – wie immer in solch einem Bereich Ewigkeit aussehen mag – absolut paralysiert. 
Wie würden wir uns in dieser Situation verhalten?
Wir würden Welten in unserem Geist erschaffen, Welten in uns selbst...
Llixgrijb schuf sich ein Universum..."
Einleitend stellt der Autor die Frage in den Raum, ob eine Synthese zwischen theoretischer Physik und fernöstlicher Mystik herstellbar sei. Nachdem man sein Buch gelesen hat, hält man eine solche Synthese zumindest für denkbar; jedenfalls erging es mir so. Natürlich ist Becker nicht der erste kluge Kopf, der sich mit dieser Fragestellung auseinander setzt. Lange zuvor hatten unter anderem der Kirchenlehrer Origenes und auch die Katharer konkrete Ansätze in dieser Richtung entwickelt, z.B. die Reinkarnationslehre betreffend. Und noch ein Effekt bewahrheitet sich:
  • Becker: "Je tiefer man eindringt, um so mehr Fragen stellen sich eigentlich."
  • Goethe: "Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß; mit dem Wissen wächst der Zweifel."
Wenngleich der Buchtitel 'Gottes geheime Gedanken' etwas plakativ daherkommt, fand ich das 2006 erschienene Buch von Volker Becker überaus lesenswert - eine erläuternde Zusammenfassung der neuesten philosophisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse, die der Autor durch eigene Überlegungen weiterführt.

Volker J. Becker geboren 1967, studierte neben seiner beruflichen Tätigkeit als Industrietechniker Philosophie und theoretische Physik. Er beschäftigte sich auch intensiv mit östlichen Religionen, dem Hinduismus, Taoismus und Buddhismus. Bis jetzt sind zwei Bücher von ihm erschienen: 'Gottes geheime Gedanken' und 'Am 8.Tag schuf Gott den Zweifel'. Das u.a. Interview mit dem Autor vermittelt Eindrücke über den aktuellen Stand des naturwissenschaftlichen Weltbildes und weckt zugleich mit einer breiten Themenliste ("ein Brückenschlag zwischen Philosophie, Wissenschaft, Parapsychologie, Grenzwissenschaft und Mythologie") mein Interesse, viele diese Felder durch zusätzliche Lektüre zu vertiefen.


Das Problem jedes Schriftstellers mag in der Vermittelbarkeit (populär-)wissenschaftlicher Forschungsresultate liegen, wenn er Phänomene wie Schrödingers Katze einem breiten Publikum nahebringen möchte - manchmal kommt Verbalakrobatik heraus wie "Die super-positionierte Katze ist gleichzeitig lebendig und tot"...hä?!? 

(→Vgl: "Die untote Katze von Erwin Schrödinger")
Becker stellt sich dem mutmaßlichen Wissensdefizit seiner Zielgruppe recht systematisch und legt zunächst einige Grundlagen, die er gekonnt auf den Punkt bringt.

Zum Beispiel: "Eine wissenschaftliche Theorie ist ein Modell, welches mit physikalischen Gesetzen und Axiomen untermauert bzw. mathematisch bewiesen worden ist." That's it. Verstanden und Akzeptiert. Ohne endlose Abhandlungen über wissenschaftstheoretische Prinzipien zu lesen.

Freilich ließe sich daran feilen und die Aspekte der Reproduzierbarkeit, der Übertragbarkeit/Vorhersage sowie des Messens und Beobachtens anfügen, doch zum Verständnis dieses Buches ist das nicht notwendig.

Recht schnell wird der Finger in die Wunde der modernen Physik gelegt, die mit ihrer Urknall-Theorie darin versage, den tatsächlichen Anfang der Existenz von Allem zu erhellen. "Die sogenannte Singularität, ein Raumpunkt unendlicher Dichte, unendlicher Gravitation, das Ende von Raum und Zeit" ist nicht mehr als ein Punkt, an dem die Wissenschaft mit den heute verfügbaren Theorien und Modellen nicht mehr weiter kommt. Dagegen will sich Becker dem "was davor war" - was den Urknall verursachte, warum Raumzeit, Materie und Energie entstanden sind - durch gedankliche Sophistik nähern.



Schon die alten Griechen entwickelten eine Sophistik: Um sich eigene Meinungen zu politischen und gesellschaftlich relevanten Fragen zu erarbeiten und diese auch zu vertreten, eigneten sie sich das Rüstzeug an, argumentative Prozesse erschließen und die eigenen Gedanken ausdzurücken. Dies schloss umfangreiche Sachkenntniss und eine hervorragende Rhetorik ein.

Die von Erwin Hubble nachgewiesene Expansion des Universums könne man sich vorstellen, "als wäre man eine Ameise, welche auf einem Luftballon herumkrabbelt, der gerade aufgeblasen wird. Egal in welche Richtung die Ameise schaut, alles scheint sich von ihr zu entfernen, jeder Punkt der Ballonoberfläche."
Diese Gerichtetheit des Kosmos bedinge auch, dass wir einen psychologischen Zeitfluss, einen Zeitpfeil empfinden: mittels visueller Techniken lassen sich kosmologische Zustände der Gegenwart und Vergangenheit festhalten und vergleichen. Dieser Vorgang zeigt, dass das gesamte Universum irreversibel dem thermodynamischen Gleichgewicht, der größten möglichen Entropie ('Unordnung') entgegenstrebt. Becker folgert daraus:



"Das Universum hat in einem Zustand perfekter Ordnung begonnen! Diese ist ein Anzeichen für einen geplanten Schöpfungsakt!"

Gleich nach dem Urknall setzt dann eine einer Kausalkette von Ereignissen ein, durch die im Ergebnis das heute beobachtbare Universum hervorgebracht wurde. Raumzeit könne nach Hawking aus der Raumzeit selbst aufgrund von Quantenfluktuationen ohne Ursache aus dem Nichts entstanden sein - für mich unbefriedigendend, denn wo fluktuieren jene Quanten (Teilchen) und wohin, solange doch noch kein Raum existiert?
Und: wo kommen diese Quanten her? Und woher stammt die Energie, welche diese Quanten 'motiviert'? Die Idee der Entstehung von Materie aus dem Nichts ("so wie bei Baron Münchhausen, welcher sich selbst an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht") zeigt m.E. lediglich, wie 
lückenhaft unser Erkenntnisfortschritt hier noch ist. Falls dieser Punkt des eigentlichen Urknalls wirklich eine Singularität sei, werde der Mensch womöglich niemals imstande sein, ihn zu ergründen. 

Braucht das Universum einen Schöpfer?

Nun aber folgt der interessanteste Teil des Gedankengangs: Die Theorie der Entstehung eines Universums aus dem Nichts lasse einen Schöpfer zunächst überflüssig erscheinen - aber: wenn es 'vorher' weder Raum noch Zeit, sondern nur das Nichts gab - woher stammen dann die erforderlichen physikalischen Gesetze, welche die Entstehung eines Universums erst ermöglichen? 'Irgendwo' müssten diese Gesetze schon vorher 'transzendent existiert haben'.
Becker sieht hier einen Raum für einen Schöpfer, der gleich einem Komponisten die Gesetze für die Entstehung seines Werkes erdacht hat. Diese schöpferische Kraft müsse dann raum- und zeitlos existieren, denn sie war ja schon vor dem Urknall da, als es weder Raum noch Zeit gab.

... eine mögliche Parallele zur hinduistischen Schöpfungsidee, in der die Götter Welten erträumen und Realität durch geistige Kraft erschaffen. Die Quantenphysik impliziere, dass erst die Beobachtung (durch eine bewusste Intelligenz) die Realität schaffe. 

Beckers Paradigma eines pantheistischen Idealismus entspringt somit einer monistischen Grundidee - der metaphysischen Ansicht, dass die Welt und alles Geschehen in ihr sich auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lässt. 
Der Pantheismus sieht eine Gegenwart des Göttlichen in allen Erscheinungen der Welt. Und Idealismus (ein Sammelbegriff) betrachtet Gedanken als Ursprung und Ausgangspunkt allen Seins...jede Form von Materie sowie auch menschliche Handlungen sind nur ein Produkt von Ideen. (Ausgenommen ist hier der subjektive Idealismus, für den die Realität aus dem menschlichen Geist hervorgeht). Völlig neu ist der Kern dieser Gedanken nicht: David Bohm spricht von einer impliziten Ordnung, während Amit Goswami den Terminus "bewusstes Universum" verwendet. Worin aber liegt die eigentliche Synthese von Physis und Metaphysis? Anders gefragt: lassen sich moderne Wissenschaft und Spiritualität denn nun in Einklang bringen? 
Vielleicht ließe es sich so ausdrücken: Wenn Gott könnte eine alles durchdringende Intelligenz ist, dann existiert nicht zwangsläufig ein Schöpfer auf/in der rein materiellen Ebene. So gesehen würden Pantheismus und moderne Wissenschaft nicht im Widerspruch zueinander stehen.
Das könnte passen, denn auf die Frage "Was ist Gott für Sie, Herr Becker?" antwortet dieser ganz im Sinne Stephen Hawkings: beide erachten es für möglich, dass die Summe aller Naturgesetze mit dem gleichzusetzen sind, was sie mit 'Gott' verbinden. Jedenfalls hat das Bild eines persönlichen Gottes ("ein alter Mann mit Bart, der die Dinge baut...") in dieser Vorstellung keinen Platz. 

Damit argumentiert Becker gegen das dogmatische Gottesbild und die herkömmliche Sichtweise der christlichen Kirchen - wurden die personellen Gottheiten von Menschen erschaffen, die nach einem 'Sinn von Allem' suchten? Zugleich stellt er fest, dass die Wissenschaft sich lange die Option eines mit der Materie interagierenden Gottes offen gehalten hat. 

Wie Hawking meint auch der Philosoph Becker, angesichts der existierenden Naturgesetze sei ein Schöpfer (heute) nicht mehr zwingend notwendig, es sei denn für die Gesetze selbst (s.o.). 



Erschuf Gott '1 - n' Universen, um sich selbst einen Sinn zu geben?

Die Fragestellung "Und wer hat dann Gott erschaffen?" funktioniert nicht, sofern Gott per Definition als die erste aller Ursachen und Ursache in sich angesehen wird.
Wenn aber Gott schon unendlich lange existiert, dieses Universum aber 'erst' seit 13,7 Milliarden Jahren, sei die Frage zulässig, was der Schöpfergeist denn 'vorher' gemacht habe. Musste Gott ein Universum schaffen, um sich selbst einen Sinn zu geben? Nun, 'Sinn' ist eine Kategorie des menschlichen Denkens, ebenso wie die Annahme, alles und jedes (sogar Gott) müsse eine Ursache haben.
Eine andere Möglichkeit liege darin, die "Kausalkette um ihr erstes Glied zu kürzen", d.h. nicht von einem Schöpfer außerhalb des Universums auszugehen - sondern von einem Universum, dass sich selbst begründet: Das Universum braucht dann keine Ursache, denn es ist die erste Ursache von Allem: Es schafft und erklärt sich selbst, wie Gott. Das Bild der Schöpfung ohne transzendenten Schöpfer wird als
Pantheismus bezeichnet (vgl. Spinoza, Hegel, F.H. Jacobi).


Während der traditionelle Gottesbegriff im Theismus strikt zwischen Gott und Welt unterscheidet, glaubt der Pantheismus, die Welt mit Gott identifizieren zu können. Dagegen halten christliche Theologen die Transzendenz Gottes für ein wesentliches Kennzeichen, welches in der Endlichkeit des Pantheismus unzutreffenderweise aufgehoben werde.

Das Paradigma des pantheistischen Idealismus basiert schließlich auf der Annahme, dass alles Sein sich auf göttliche Gedanken zurückführen lässt. Übrigens hängt sich Becker nicht unterschiedlos an jedes esoterische Ferkelchen, dass kaum geboren schon lautstark durchs Dorf getrieben wird: Von Ufos oder Astrologie hält er eher wenig, während Telepathie unter der Voraussetzung eines holistischen Universums plausibel sei.
Geist als Ursache von Allem?
Die Überlegung eines 'erschaffenden Geistes' ist nicht leicht greifbar; hier finde ich folgende Vorstellung des eingangs erwähnten Llixgrijb hilfreich:


'... Stellen wir uns vor, das arme Llixgrijb sitzt... gefangen … Es gibt kein Entrinnen, (es) … kann nicht sterben. Sein Bewusstsein dauert an, ganz auf sich gestellt... absolut paralysiert. Wie würden wir uns verhalten? … Wir würden Welten in unserem Geist erschaffen, Welten in uns selbst … Llixgrijb schuf sich ein Universum …'

Ist es denkbar (und wahrscheinlich), dass wir ein ferngesteuertes 'Unterhaltungsprogramm' für einen Schöpfer sind? Würde ein Universum als des Schöpfers Experiment nicht der Auffassung widersprechen, für negative Ereignisse seien entweder der Mensch oder andere natürliche Kausalketten verantwortlich? Beckers Auffassung hierzu: für Gott liege kein Sinn darin, immer dann einzugreifen, wenn etwas seinem ursprünglichen Plan zuwiderläuft, um alles wieder in die gewünschte Richtung zu lenken. 

Man kann diese Vorstellung bis in Absurde(?) treiben: "vielleicht macht es Gott ja Spaß, intelligente Lebewesen [ähnlich wie Pawlowsche Hunde] in einem Zoo zu halten und zu beobachten, wie si auf Strafe und Belohnung reagieren." 
Dann wäre er wirklich ein Mad Scientist - oder bloß 'fieses Kind mit einem Brenngras', wie es im Film 'Bruce Allmächtig' heißt.


Von der christlichen Gottesvorstellung unterscheide dieses Bild sich nur insoweit, als das Christentum einen grundsätzlich guten (und allmächtigen) Gott postuliere. So hat es nach aller Beobachtung und Logik den Anschein, dass Gott 'Mißstände' in seinem Universum toleriert - als habe er, ähnlich mancher Forschungsexperimente der Menschen, einen Anfangszustand geschaffen (ähnlich einem Uhrmacher, der eine Uhr herstellt und aufzieht), um dann die weitere Entwicklung innerhalb der von ihm definierten Gesetze nur noch zu beobachten. 

Oder wäre die Erde längst von einem Kometen oder einem Sonnensturm zerstört worden, wenn Gott dies nicht verhindert hätte?

Die Quantenphysik widerlegt die Annahme eines von Gott installierten 'starken Determinismus': nichts sei von göttlicher Seite exakt vorherbestimmt denn auf atomarer Ebene sind Zufall und Unbestimmtheit gegeben. Quantenereignisse seien nicht vorhersagbar und daher auch nicht vorherbestimmt. Wie aber ließe sich der Sinn des gesamten Kosmos einschließlich einer ganz bestimmten mit Intelligenz ausgestatteten, aber bei weitem nicht immer intelligent agierenden Spezies ohne einen zielgerichteten Plan, ohne Gott, begründen? 

In seiner holistischen Sichtweise fragt Becker hier nach dem Sinn des Ganzen - kann die Gesamtheit allen Seins nicht den Sinn für die Existenz in sich selbst tragen? Liegt der Sinn des Kosmos darin, einfach zu sein? 
Aus meiner laienhaften Sicht nimmt der Aspekt des Bewusstseins hier eine zentrale Rolle ein: Sobald ein sich selbst und des Universums bewusstes Individuum das Sein wahrnimmt und mit ihm interagiert, ließe sich daraus ein Sinn begründen:


"Die Existenz des Geistes ist der Sinn allen Seins."

Geben wir (eher: jegliche selbst-bewusste, denkende Entität - schließlich sind wir kaum die einzigen) und dem Ganzen ('Allem was ist') schon dadurch einen abstrakten Sinn, indem wir es wahrnehmen und drüber nachdenken? Oder ist diese Sichtweise schlicht selbstreferenziell, also ein (wenn auch weit gefasster) Zirkelschluss? 'Ich denke, also bin ich, also hat das wahrnehmbare Ganze einen Sinn'??
Manche von uns kommen aber ohne ein von außen vorgegebenes Ziel für ihr persönliches Dasein nicht aus, sofern sie nach diesem Sinn suchen. 
„Ihr seid doch nur ein Rauch (oder: Hauch), der für kurze Zeit sichtbar wird und dann verschwindet“ (Jakobus 4, 14)
Für eine überschaubare Zeitspanne in der Biosphäre auftauchen, denken und handeln, um dann endgültig wieder im Nichts zu verschwinden ohne wirklich Bleibendes zu hinterlassen - das allein reicht nicht jedem von uns, um einen Sinn zu ergeben. Jedenfalls dann nicht, wenn nicht einmal unsere Erinnerungen in einer geistigen Form erhalten bleiben...
Wonach genau suchen wir, wenn wir so denken? Nach einem objektiven Sinn des Seins oder nach einer Befriedigung des eigen Egos, dass verständlicherweise nicht in der Bedeutungslosigkeit verkommen will? Schließlich machen wir von unseren Möglichkeiten Gebrauch, die Dinge um uns herum (zum Positiven?) zu verändern und verschaffen dadurch unser eigenen Existenz einen befriedigenden 'Sinn'.


In seinem Buch 'Gottes geheime Gedanken' skizziert Volker Becker nun die Einheit des Seins auf Grundlage der Superstring-Theorie, mit der drei der vier Naturkräfte - die elektromagnetische Kraft sowie die starke und die schwache Kernkraft mathematisch zu einer 'Superkraft' vereinheitlicht werden konnten. Wenn es nun noch gelänge, diese Superkraft mit der Materieenergie sowie der Gravitationskraft und der Raumzeit zu vereinigen, dann würden wir tatsächlich auf Gottes geheime Gedanken blicken, meint er.


Buchvorstellung: Quantenphysik und "Gottes geheime Gedanken"



Ich habe da so meine Zweifel: selbst wenn es gelingen sollte, diese Aufgabe zu lösen, kommt dabei 'nur' eine mathematische Beschreibung von Teilen eines unübersehbaren Ganzen heraus, welche m.E. weit davon entfernt bleibt , das Wesen des Seins in all seinen Facetten zu erfassen. Zudem würden im Erfolgsfall allein die Zusammenhänge diese einzigen uns bekannten Universums erhellt. Was ist mit den (unendlich?) vielen weiteren Universen mit abweichenden Naturgesetzen, deren Existenz von einer wachsenden Anzahl ernstzunehmender Wissenschaftler zur wahrscheinlich erachtet wird?

Ein Gott, der sich versteckt?

Insbesondere Lebenskrisen führen zu dieser Frage, sofern die Existenz Gottes geglaubt wird: 'Bin ich diesem Gott so egal, dass er mich vollständig ignoriert?'. Auch ein Pantheist wie Becker wird diese Frage vermutlich nicht stellen, denn sie impliziert ein personifizierte Gottesbild, das Gott nicht nur als transzendenten Schöpfergeist betrachtet, sondern jenen persönlichen Gott sucht, der sich eigentlich um uns kümmern müsste. Und zwar bitte so, dass wir etwas davon mitbekommen.

So viel ist klar: Ein allmächtiger Schöpfer, der nicht entdeckt werden will, würde ein Universum 
konstruieren, welches ohne sein Zutun funktioniert und auch ohne sein Wirken entstanden sein könnte (bzw. den Anschein hierzu erweckt). Dadurch bliebe seinen intelligenten Geschöpfen maximale Willensfreiheit erhalten - sie dürften selbst entscheiden, ob sie Gott in ihre Lebensgestaltung einbeziehen und an ihn glauben wollen. Das 'Experiment Universum' erhielte dadurch maximale Objektivität.  
Freilich setzen die Anbetung und Gehorsam einfordernden, monotheistischen Religionen mehr voraus als ein solches Bild von einem objektiven Gott, der nicht erkannt werden will.

Unabhängig von dogmatischen Festlegungen und Vorgaben der Religionen gehe ich persönlich davon aus, dass 'er' durchaus erkennbare Spuren hinterlassen hat. Beispielsweise erachte ich die DNS, diesen unfassbar komplexen, universalen Bauplan aller uns bekannter Lebewesen, gleich welcher Gattung und Komplexitätsstufe, als unvereinbar mit einer auf bloßem Zufallsketten basierenden Evolution. 

→ Weiterlesen: Teil II
 
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Letzte Bearbeitung: 28.10.2021

Mittwoch, 11. Juni 2014

Quantenphysik der Unsterblichkeit

"Wie Alles mit Allem ewig verbunden bleibt", Vortrag von Dr. Rolf Froböse

Religiös bzw. spirituell veranlagte Menschen bejahen die Existenz einer unsterblichen Seele, während manche (aber längst nicht alle) Naturwissenschaftler diesem 'Konstrukt' sehr skeptisch gegenüberstehen. Rolf Froböse (*1949), ein deutscher Chemiker, Wissenschaftsjournalist und Buchautor, untersucht im u.a. Vortrag, welchen Beitrag die moderne Naturwissenschaft in diesem Kontext liefern kann. 

Dazu könne er etwaige Indizien liefern, aber keinen 100-prozentigen Beweis/Gegenbeweis.

Hierzu kommt der Wissenschaftsjournalist zunächst auf Grundlagen zu sprechen:

  • Evolutionsbiologen erklären die Entstehung von (komplexem) Leben letztlich mit dem Zufallsprinzip, d.h. durch Mutation in der Erbsubstanz und anschließende Selektion durch die jeweiligen Lebens-/Umweltbedingungen. Dem hält Frobse entgegen, dass Wahrscheinlichkeit für die 'ad hoc'-Entstehung eines Gens aus Molekülen der 'Ursuppe' bei "Eins zu 10 hoch tausend" liege.
    Das Miller-Urey-Experiment (1953) sollte bestätigen,  dass unter den Bedingungen einer postulierten Uratmosphäre eine Entstehung organischer Moleküle (Chemische Evolution), wie sie heute bei Lebewesen vorkommen, möglich ist. Doch dieses Experiment wurde 'zu früh' beendet, man gab sich mit ein paar Aminosäuren zufrieden.
     "Von der Aminosäure zum Gen ist es noch ein langer Weg." Wie wahr.

Schematischer Versuchsaufbau des Miller-Urey-Experiments (Bildquelle: wikimedia)


  • Froböse erläutert nun relativ knapp das Doppelspalt-Experiment und das Phänomen der Quantenverschränkung: Platt ausgedrückt, scheinen zwei verschränkte Teilchen augenblicklich zu wissen, was mit dem anderen gerade passiert - egal wie groß die Entfernung zwischen ist. Bekanntlich sprach Einstein von einer "spukhaften Fernwirkung" und wollte am liebsten gar nichts mit diesem ihm suspekten Phänomen zu tun haben. An der Universität Genf hat eine Gruppe um Prof. Nicolas Gisin eine Untergrenze für die angenommene Ausbreitung von Quanteninformationen geliefert: Im Experiment wurde gezeigt, dass zwei verschränkte Photonen bezüglich verschiedener Eigenschaften, unter anderem der Polarisation, mit wenigstens 10.000-facher Lichtgeschwindigkeit kommunizieren müssten, wenn sie denn kommunizierten.(Vgl. "Mysteriöses Quantenphänomen: Einsteins Spuk ist Tausende Male schneller als das Licht", SPON 2008)
Konkret führten Gisins Resulate zu der Schlussfolgerung, dass es seit dem Urknall im gesamten Universum möglich ist, dass sich Teilchen ohne zeitliche Verzögerung (= "außerhalb der Raumzeit") wechselseitig beeinflussen und "jeder von uns an diesem Dialog aktiv teilnimmt". Gisin zeigte sich überzeugt, die Menschheit stehe an der Schwelle einer neuen Epoche, eines neuen Konzeptes von Natur und Welt.

Über dieses Verschränkungsprinzip ("Alles im Universum kommuniziert in Echtzeit miteinander") sei es möglich, so Froböse, zahlreiche Phänomene naturwissenschaftlich erklären, die heute noch als „paranormal" eingestuft werden.
"Ins Jenseits, so die These, führt kein Graben, den wir überwinden müssen. Vielmehr sind wir heute bereits von diesem Jenseits umgeben, das als großes Ganzes zu verstehen ist."  



Das klingt alles so weit plausibel und deckt sich im wesentlichen mit meiner (intuitiv hergeleiteten) Überzeugung. Dennoch glaube ich, der Zeitgeist steht einer ganzheitlichen, auf eine Synthese von Physik und Metaphysik abzielende Sichtweise entgegen: 
Bis heute, sechs Jahre nach Prof. Gisins Veröffentlichung, sind keinerlei Anzeichen einer (durchaus wünschenswerten) epochalen Veränderung zu bemerken, wenn wir von einem sich weiterhin beschleunigenden technologischen Fortschritt absehen.

Sonntag, 19. August 2012

Physik vor dem Kollaps?

Nicht nur Ausnahmepersöhnlichkeiten wie der Physiker Hans-Peter Dürr kommen allmählich auf den Trichter, dass “mit der Physik” etwas nicht stimmt. 31 Naturkonstanten mussten festgesetzt (“erfunden”) werden, damit die bisher aufgestellten Formeln überhaupt noch dazu taugen, die Funktionsweise der Welt zu beschreiben.

Die beiden großen Modelle – Quantenphysik und Relativitätstheorie – bekommt sie nur unter einen Hut, wenn sie den theoretischen Unterbau geradezu in einem ‘großen vereinheitlichen Ansatz’ vergewaltigt. Die Erfolge sind dennoch als mager zu bezeichnen.

Gerade bei ihrem Versuch, ein kohärentes (in sich stimmiges) Gesamtverständnis von Realität und Materie zu entwickeln, stößt die Naturwissenschaft an ihre Grenzen.

Auch passen ‘merkwürdige Beobachtungen’ nicht recht um b, die darauf schließen lassen, dass etwas nicht stimmt in unserem Grundverständnis des Kosmos.

“So hat man jüngst erkannt, dass das Universum beschleunigt expandiert. Alles fliegt immer schneller auseinander. Keiner versteht, welche Kraft hier treibt, daher sprechen Astrophysiker von "Dunkler Energie" - nicht mehr als ein Synonym für ihr Unwissen.”

Auch haben die Physiker in ihren kilometerlangen Teilchenbeschleunigern die Gesellschaft bzw. die öffentliche Rezeption ihrer Arbeiten längst hinter sich gelassen. Wie sonst sollte zu erklären sein, dass das hektisch gesuchte IGGS-Boson von den Medien mit dem Eyecatcher ‘Gottesteilchen’ belegt wird?

Die Sendung kommt etwas flapsig-humorvoll daher, liefert aber durchaus ernstzunehmende Denkanstöße und stellt die richtigen Fragen.

Prof. Hans-P. Dürr: Versöhnung von Wissenschaft und Religion

Der Quantenphysiker Hans–Peter Dürr(1) vertritt einen ganzheitlichen, auf die Synthese und Versöhnung von Physik und Metaphysik abzielenden Wissenschaftsansatz, der inmitten der ideologisch geprägten Konflikte unserer Gegenwart beachtens- und erstrebenswert anmutet.

Zu seiner holistischen Sicht der ‘neuen’ Physik und zugleich aller Lebensprozesse finden sich hier einige Anmerkungen.

Die Naturwissenschaften sowie die mit ihnen gewachsene Technologie haben unsere Welt und unser aller Leben dramatisch verändert. Was uns Vorteile und Privilegien eröffnete, hat zugleich nachteilig auf die gesamte Biosphäre ausgewirkt - die lt. Dürr gegenwärtig in eine “ernste Existenzkrise” schlittert. Warum er diese Krise infolge einer Störung des biologischen Gleichgewichts heraufziehen sieht, stellt Professor Dürr in seinem Beitrag “Wirklichkeit des Lebens” dar.  

Im Grunde handele es sich um eine Reihe von Krisen:
  • eine „Krise der Immanenz“: uns könnte die unmittelbare Erfahrung verloren gehen, das wir als Menschen unauflösbar im Transzendenten verankert sind,
  • eine „Erschöpfung der Moderne“: Brüchigkeit und Unzulänglichkeit unserer heutigen säkularisierten (rein weltlichen), materialistischen Weltanschauung treten immer deutlicher in Erscheinung. Gerade unser industrialisierter, vermeintlich “entwickelter” Teil der Welt – leidet trotz allem materiellen Überfluss und all der Überflutung mit Reizen an einem Defizit, welches Dürr treffend als “Hunger nach Geistigem und Sinnhaften, ein Gefühl von Verlorensein und Einsamkeit” charakterisiert.
Die tieferen Ursachen unserer Frustration würden gar nicht bewusst, stellt der Physiker fest, weshalb wir auch nicht die Notwendigkeit sehen (und bereit sind), ‘geeignete Nahrung’ aufzunehmen.
Hm ...Ist es nicht eher so, dass viele Menschen heute sehr wohl wissen (oder wenigstens intuitiv erahnen), was mit ihnen los ist? Sie erkennen allmählich: der trügerische Mix aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und materiellem Wohlstand machte Spiritualität nur vordergründig überflüssig.
In dem vermuteten Gegensatz zwischen Wissenschaft und Spiritualität haben die meisten Menschen sich der ‘Rationalität’ unterworfen wie Faust seinem Mephisto.
Bei aller hochgelobten Rationalität’  reduziert sich die gegenwärtige Form von Vernunft eher darauf, scheinbar exaktes Wissen zu sammeln und in kritischem Denken zu verarbeiten – mit dem Zweck, unseres willentliches Handeln besser zu steuern. In Wahrheit aber sträuben wir uns, das im eigentlichen Sinne Vernünftige zu tun. Folglich bleibt die zweite, wesentliche Seite – “die abwägende, wert-trächtige Vernunft” vielfach außen vor.
"Gelingt es uns einmal, einen kleinen Zipfel der "Wahrheit" zu erhaschen, dann meinen wir in diesem Zipfel gleich die einzige und ganze Wahrheit zu sehen. 
Wir betrachten das ganze Weltgeschehen nur unter dieser einen neuen Einsicht und zwängen, was nicht so recht passen will, mit Intelligenz, Schlauheit, Eloquenz, doch auch mit unbewusster oder bewusster Mogelei und Gewalt in dieses Korsett."
Was nicht in dieses Denk- und Bewertungsschema nicht passt, wird passend gemacht – um das mühsam erworbene, Sicherheit versprechende Paradigma nur ja nicht infrage stellen zu müssen. Die Motivation dahinter ist verständlich: Wir sind beseelt von dem alten Wunsch, die undurchsichtige Komplexität unserer Welt auf etwas Überschaubares und damit Einsehbareres zu reduzieren. Unsere verkürzten Vorstellungen der Wirklichkeit gestatten uns, die Unsicherheit und Zukunftsängste auf ein erträgliches Maß abzumildern.

Dürr spricht hier von ‘Nachbildungen der Wirklichkeit’, was immerhin bei Astrid Lindgrens’ junger Protagonistin geklappt hat (“Wir machen uns die Welt, wie wie wie sie uns gefällt”:)



Grenzen des Wissens ...Sokrates hatte es verstanden



Der Versuch jegliche Unsicherheit zu beseitigen erwiest sich zum wiederholten Mal als Illusion. Durch unser Wissen haben wir zwar prinzipiell die Möglichkeit, mit absichtsvollem Handeln unsere Überlebenschancen zu verbessern. Kurzfristig scheint uns dies sogar zu gelingen. Zwanghafter Wissenschaftsglaube und Technokratie mutieren zu einem Fundamentalismus, wie er den Kirchen spätestens seit der Aufklärung vorgeworfen wurde.

Dabei habe die moderne Physik eine prinzipielle Schranke deutlich sichtbar gemacht:
“Nicht alles ist wissbar.”
Es gibt heute ein Wissen um prinzipielles, dauerhaftes Nichtwissen (z.B. über das, was 'vor' und genau im Augenblick des Urknalls geschah). Diese Grenzen des Wissens, die wohl auch in Zukunft fortbestehen werden, eröffnen gegenwärtig wieder Räume, die nur durch Glauben bzw. Spiritualität zugänglich sind, der mehr bedeutet als ein Noch–nicht–wissen.

Ausgelöst wurde diese Erkenntnis des Nicht-Wissen-Könnens durch die Entdeckungen in der Physik am Anfang des 20. Jahrhunderts sowie eine radikale Neuinterpretation durch Niels Bohr und Werner Heisenberg. Der unausweichliche Paradigmenwechsel beruht wesentlich auf der alten und doch neuen Erkenntnis, dass die Realität nicht im Sinne einer ‘dinghaften Wirklichkeit’ zu verstehen ist:

“Materie besteht nicht aus Materie.”
Das Atom (atomos=unteilbar) im eigentlichen Sinne eines kleinsten, nicht weiter zerlegbaren Materiebausteins gibt es nicht. Am Ende (des Zerlegens) bleibe nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung.
Alles, was die Naturwissenschaft als ‘stoffliche Realität’ beobachte und beschreibe, dürfe nicht verwechselt werden mit der dahinter liegenden, ‘eigentlichen’ Wirklichkeit. Denn die bislang nur zweiwertig (im Ja/Nein -Prinzip) aufgefasste Wirklichkeit offenbare sich als Potenzialität, als ein „sowohl/als auch“. Potenzialität erscheint als das Eine, das sich nicht auftrennen, grundsätzlich nicht zerlegen lässt.
“Dies führt weiter dazu, dass zukünftige Ereignisse sich nicht mehr eindeutig aus gegenwärtigen Gegebenheiten prognostizieren und kausal erzwingen lassen, da alles mit allem auf eine komplexe Weise zusammenhängt und Beziehungen sich nur noch in einem statistischen Sinne bewerten lassen.”
Den Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung setzen nicht nur Relativitätstheorie, Quantenmechanik und Thermodynamik Grenzen. Gerade die reifsten physikalischen Theorien enthalten selbstbegrenzende Aussagen und erklären explizit, worüber auf naturwissenschaftlicher Ebene nicht mehr sinnvoll geredet werden kann:
  • Jene Theorien haben ihren definierten Gültigkeitsbereich, deshalb lassen sie z.B. keine Aussagen über den Urknall selbst und das fragliche ‘Davor’ zu.
  • Jenseits des kosmologischen Horizontes sind die Bedingungen, unter denen Naturwissenschaft erfolgreich sein kann, nicht mehr erfüllt.
Glaubt man dem britischen Astrophysiker John D. Barrow, dann ist die Tatsache unseres Nicht-Wissen-Könnens nicht überraschend, sondern vielmehr ein evolutionsbiologisches Resultat. Aus Sicht der Evolution dienen unsere Sinne und unser Gehirn nicht primär dazu, die Welt zu verstehen, sondern um in ihr zu überleben. Dass wir über uns und die Welt nachdenken können, sei insofern ein zufälliges Nebenprodukt der Evolution, in dem wir nicht zwangsläufig besonders gut sind.
Obwohl jene Entdeckungen und Erkenntnisse aus Quantenphysik und Relativitätstheorie vor fast hundert Jahren publiziert wurden, sind diese ‘neuen Vorstellungen’ bis heute nicht in den Sozialswissenschaften und im politischen Alltag angekommen. Vermutlich fehle es uns an geistiger Reife, uns von einer gewohnten Vorstellungswelt zu lösen. Während dieser hundert Jahre wurden die unverstandenen Potenziale dennoch "wie von Zauberlehrlingen" technologisch genutzt, ohne ihre Risiken Auswirkungen in ihrer Gesamtheit zu begreifen.

Darin erkennt Dürr eine zeitweilige Unfähigkeit, unser Handeln mit angemessenem Denken in Einklang zu bringen – was eine existenzielle Gefahr heraufbeschworen hat: Die entfesselten, aber nur oberflächlich verstandenen Einwirkungspotentiale “könnten die Menschheit leicht aus der Evolution des Lebendigen hinaus katapultieren”.

Wie richtig Dürr mit seiner Diagnose liegt, zeigen dramatische Eskalationen wie die Kubakrise, Tschernobyl oder Fukushima; Aus begangenen Fehlern und ihren auf Jahrtausende wirksamen Konsequenzen lernen wir nicht oder zu langsam lernen.
Doch sei ausgerechnet dieses neue naturwissenschaftliche Weltbild dazu geeignet, die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften wieder zusammenzuführen. Es erlaube sogar, Glaube/Religion und Wissenschaft als komplementäre Elemente einer umfassenden Sichtweise zu verstehen. Der Glaube würde nicht länger auf das Wenige beschränkt, was bis zu einem Zeitpunkt ‘noch nicht gewusst’ wurde und erhielte mit Anerkennung der prinzipiellen Einschränkung des Wissbaren seine volle Bedeutung und Eigenständigkeit zurück.

 

"Glaube und Wissenschaft suchen eine Wahrheit auf verschiedenen Wegen"

Sobald der Wille dazu vorhanden ist und es gelingen sollte, Natur- und Geisteswissenschaften sowie auch spirituelles Wissen in einem holistischen Weltbild zusammenzuführen, gehören ‘absolute Wahrheiten’ in Glaube und Wissenschaft der Vergangenheit an. An ihre Stelle werde eine „offenere, vieldeutige Wahrheit“ treten, die in subtiler Weise Glaubens- und Wissenselemente enthalte – prognostiziert Prof. Dürr.
Aus heutiger, konventioneller Sicht ist dies zwar wünschenswert, aber nur schwer vorstellbar: Denn der Gläubige sucht auf grundlegend andere Weise nach diametral gegensätzlichen Wahrheiten wie ein reduktionistisch, analytisch vorgehender Naturwissenschaftler. Im unserer alltäglichen Denkweise ist Glaube gerade das Gegenteil von Wissen; denn sobald ich etwas mit Bestimmtheit weiß, hat sich der Glaube erübrigt – oder er hat seine Bestätigung erfahren.


Freilich könnte Dürr Recht behalten: bei aller Verschiedenheit suchen Wissenschaftler und Gläubigen letztlich nach Antworten auf dieselben Fragen. Dürr spricht hier von zwei Arten des Wissens:

  • Wissenschaft vertritt die „Außenansicht“ mit „begreifbarem Wissen“ und der Trennung von Beobachter und dem Beobachteten.
  • Daneben existiere auch die „Innensicht“, welche die „Gewissheit um den inneren Zusammenhang“ erfahre und ihrem Wesen nach immer holistisch sei.
Inhaltlich sind Glaube und Wissenschaft nicht so weit auseinander, wie es zunächst scheint: Die von uns als allgemeingültig erachtete zweiwertige Außenansicht (Ja oder Nein) hat nur begrenzte Gültigkeit. Wie die Quantenphysik gezeigt hat, ist sie nur grobes, modellhaftes Abbild einer tieferen Wirklichkeit, deren Züge sich uns getreuer durch Innensehen offenbaren.
Obwohl der Wissenszuwachs in Forschung und Wissenschaft sprunghaft ansteigt und die Kosmologen mehr Entdeckungen machen als jemals zuvor, kommen die Menschheit in der Beantwortung der eigentlichen Kernfragen nicht weiter. Professor Dürr zeigt hier den Weg aus einer Sackgasse auf, in der wir uns befinden, seitdem unsere Erkenntnisfortschritte nach dem “Leben, dem Universum und dem ganzen Rest”2) stagnieren. Als Ursache hierfür erkennt Professor Dürr die Selbstbeschränkung der Naturwissenschaft auf das mit ihren Methoden Wahrnehmbare.

So ungeheuerlich es auch für eingefleischte Empiriker klingen mag, Auf die Erkenntnispotenziale der Metaphysik dürfe deshalb nicht länger verzichtet werden, indem sie per Definition einfach ausklammert. Bevor hier eine Trendwende entstehen kann, muss zunächst die wichtige Einsicht nachvollzogen werden, dass es in der Naturwissenschaft die o.a. stabilen Bereiche des Nichtwissens gibt.

“Religion und Wissenschaft sind ihrer Wahrnehmung nach komplementär.”
Vorläufig aber bestehe der Eindruck, dass die klugen Köpfe unter den Naturwissenschaftlern sich der Grenzen ihres möglichen Wissens zwar bewusst sind und diese Tatsachen ganz gerne verdrängen – dadurch können sie eine Weile noch so agieren und auftreten, als ob ihrem Tun keine Grenzen gesetzt wären.
Im Interesse des Erkenntnisfortschritts läge es jedoch, wieder zu einer fruchtbaren und konstruktiven Kooperation mit den Philosophen und Theologen zurückzukehren – und zwar auf Augenhöhe. Dadurch würden wir nach Professor Dürr auf einem guten Weg begeben, uns an “das Leben, das Universum und den ganzen Rest” anzunähern – nicht durch Anhäufung von Faktenwissen, sondern durch Zulassen neuartiger Erfahrungen.

Nur indem sich die beiden nur scheinbar unversöhnlichen Lager von Religion und Naturwissenschaft auf einen “offenen, inter-subjektiven  und intensiv-empathischen Dialog” einlassen, eröffne sich eine aussichtsreiche Chance, den Kern unseres Daseins seinem Wesen nach zu erfassen.

Hinweise dafür, dass Hans-Peter Dürr auf der richtigen Spur sein dürfte, liefert auch die nano spezial-Folge (3SAT) mit dem Titel “Physik vor dem Kollaps”.

Vortrag v. Prof Hans-Peter Dürr: Wir erleben mehr als wir begreifen!


Siehe auch:




  • ‘Wirklichkeit des Lebens’, Hans-Peter Dürr







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Anmerkungen
1) Hans-P. Dürr (geb. 1929) war von 1958 bis 1976 Mitarbeiter von Werner Heisenberg, den er in seinem Projekt zur Entwicklung einer vereinheitlichten Feldtheorie der Elementarteilchen unterstützte.
Nach seiner Emeritierung widmete sich Dürr auch erkenntnistheoretischen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Er erkannte unser aller Verantwortung für einen ressourcenschonenden Umgang mit unserer Umwelt gründete er das Global Challenges Network (GCN e.V.) –diese Organisation knüpft ein Netz aus Projekten und Gruppen, die konstruktiv und gemeinsam „an der Bewältigung der Probleme arbeiten, die uns und damit unsere natürliche Umwelt bedrohen“.
Dürr ist Träger des alternativen Nobelpreises und des Bundesverdienstkreuzes und Mitglied im Club of Rome.

2) Vergleiche:
    a) Life, the Universe and Everything
    b) ‘Deep Thought’ und der Sinn des Lebens)




Mittwoch, 15. August 2012

Unerwartete Bereiche der Realität

Buchtipp: ‘Die verborgene Wirklichkeit’ von Brian Greene


Prof. Brian Greene hat in Harvard und Oxford studiert und lehrt seit 1996 Physik und Mathematik als Professor an der Columbia University (New York). Als Experte für String und Superstring-Theorien und Kenner hat u.a. die Bestseller „Das elegante Universum“ und „Der Stoff, aus dem der Kosmos ist“ (2004) verfasst. 


Brian Greene’s neues Buch ‘Die verborgene Wirklichkeit’ kommt mit dem Titelzusatz ‘Wir sind nicht allein’ daher. Hat sich der bekannte Autor populärwissenschaftlicher Bücher zu Kosmologie und Physik jetzt auch der wachsenden Gemeinde der UFO-Gläubigen angeschlossen? Kaum.

Die Erkenntnisse der Physik erfordern “bereits für sich genommen radikale Veränderungen an unserem Bild vom Kosmos”…: Raum, Zeit, Materie und Energie verfügen über ein Verhaltensrepertoire, das weit über unsere Alltagserfahrung hinausgeht.
Konkret geht es in diesem Buch primär darum, die wichtigsten wissenschaftlichen Konzepte über Paralleluniversen zu beschreiben und kritisch zu untersuchen.


Man darf sich die Frage stellen: ‘Was ist los in etablierten Physikerkreisen, wenn Stephen Hawking sich allmählich vom Urknall verabschiedet und Brian Green ernsthaft über Parallelwelten nachdenkt?’ Doch diese Öffnung weg vom einseitigen Wissenschaftsdogmatismus kann nur positiv bewertet werten…und wurde höchste Zeit.

Die Definition, was ein ‘eigenständiges Universen’ sei, bezeichnet Greene als schwierig; analog zur Pornographie lasse sich vereinfachend feststellen: “Wenn ich es sehe, weiß ich es.” Alles was im Weltraum existiert oder einen Einfluss auf uns hat, gehört dazu. Wir wissen nicht, wie es wirklich entstanden ist, woraus es besteht und wie es sich entwickeln wird. Ähnlich problematisch die Festlegung der Begrifflichkeit ‘Paralleluniversum’ – abstrahiert laute die zentrale Frage: 
Wird unsere konventionelle Vorstellung durch die Existenz von Bereichen in Frage gestellt, die nahelegen, dass das, was wir lange Zeit für das Universum gehalten haben, letztlich nur ein Bestandteil einer viel größeren, vielleicht auch viel seltsameren und größtenteils verborgenen Wirklichkeit ist?
Die Antwort scheint Ja zu lauten, jedenfalls haben Fortschritte in der Quantenphysik und Kosmologie sowie das Bemühen um eine Vereinheitlichte Theorie dazu geführt, dass Naturwissenschaftler heute über Formen von Paralleluniversen ernstlich nachdenken. Zählte der Begriff des Multiversums vor zehn Jahren zu den Lieblingskindern belächelter Mystiker mit esoterischem Touch, legen inzwischen manche Wissenschaftler in ihren Theorien, dass es unfassbar große Anzahl anderer Universen gibt, zu denen wir allerdings absolut keinen Zugang haben.
In seinem neuen Buch stellt Greene vor, wie parallele Welten entstanden und aufgebaut sein könnten.

Allerdings gehen Vorstellungen und Thesen über die Beschaffenheit paralleler Welten noch sehr weit auseinander. Der noch sehr spekulative Charakter solcher Überlegungen zeigt sich gerade an der Frage, ob Paralleluniversen wohl den gleichen Naturgesetzen unterliegen, die wir kennen – oder ob dort ein anderer Satz Regeln Gültigkeit besitzt. So lasse die Stringtheorie drei Varianten zu: das Branen-, das zyklische Universum und das Landschafts-Multiversum. Wie dem auch sei, eines scheint sich zu erhärten: Wir leben in einem von vielen Universen.

Schon Platon deutete in seinem Höhlengleichnis die Möglichkeit an, unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit könnte bloß ein schwacher Widerschein einer viel umfassenderen, komplexeren Realität sein. Mehr als nur eine Metapher?
Offenbar steht unser bisheriger Wissensstand vor einer erneuten Umwälzung.

Das neue Buch von Greene eignet sich durchaus für interessierte Laien. Diese benötigen, je nach Vorbildung und Wissensstand, Geduld und ein gewisses Durchhaltevermögen, damit diese Lektüre die erwarteten Einblicke in die mutmaßliche Beschaffenheit unserer Wirklichkeit erschließen kann.
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Brian Greene: Die verborgene Wirklichkeit. Paralleluniversen und die Gesetze des Kosmos.
übersetzt von Sebastian Vogel
Siedler Verlag, Berlin 2012 - 448 Seiten, 24,99 Euro

Dienstag, 14. August 2012

Der ‘Beweis’ biblischer Wahrheiten–ein religiöser Zirkelschluss?


Wann immer ich Artikel mit Tags wie ‘Gottesbeweis’ oder ‘Warum die Bibel 100% wahr ist’ entdecke, lese ich diesen meist mit recht großem Interesse. Besonders dann, wenn archäologische Ausgrabungen (vgl. Archäologie Palästinas) oder die Analyse alter Schriften (vgl. Qmran, Nag Hammadi) biblische Aussagen stützen sollen.
Es kommt aber vereinzelt vor, dass ich nach dem ersten Drittel entnervt aufgebe – wenn die vorgefundene Argumentation einen typischen Zirkelschluss aufweist und sinngemäß nur erklärt: 'Die Bibel ist das Wort Gottes - sie ist wahr, weil in der Bibel steht, dass sie wahr ist.'
Bibeltreue Christen vertreten offensiv ihren Anspruch, dass die vollständige Bibel ausnahmslos von Gott inspiriert sei. Als Beweis hierfür zitieren sie gerne Bibelpassagen (z.B. Worte Jesu), die eben dies ausdrücken sollen. Unterstützend werden tausende Prophetien angeführt, die sich vorgeblich erfüllt haben.


Ein Zirkelschluss oder Zirkelbeweis ist ein “Beweisfehler, bei dem die beweisenden Behauptungen das erst noch zu Beweisende schon enthalten.”

Diese Art der Argumentation beruht darauf, dass man etwas als wahr annimmt (= eine noch beweisbedürftige Prämisse aufstellt) und diese noch unbewiesene Aussage selbst als Voraussetzung einsetzt, um damit weitere Aussagen als offensichtlich wahr darzustellen.
In eine geschickten Argumentationsketten kann dieser Selbstbezug auch über mehrere Stufen erfolgen, sodass der Zirkelschluss nicht (sofort) offensichtlich wird und mitunter schwer zu entdecken ist.


Wird der fehlerhafter Charakter einer solchen Beweisführung dann offen gelegt, schädigt er nicht zuletzt die Glaubwürdigkeit dessen, was bewiesen werden sollte – eigentlich ist dies ebenso unschlüssig wie der Zirkelschluss an sich. Mit anderen Worten: Eine unzulässige Beweisführung kann ebensowenig belegen, dass die Bibel unwahr sei.


Mittwoch, 8. August 2012

Freier Wille: Illusion, Wunschdenken oder partiell existent?

Eines der Themen, die mich nicht loslassen, ist unser sogenannter freie Wille. Durch eigene Erfahrungen und Überlegungen komme ich vorläufig zu einer skeptischen Einschätzung: Willentliches Handeln des Menschen unterliegt faktisch erheblichen physiologischen, psychischen und sozialen Einschränkungen. Ist es denkbar, dass die Unterstellung, über einen wirklich freien Willen zu verfügen, einem reinen Wunschdenken nahekommt?

Nun mal langsam..für ein einheitliches Begriffsverständnis wäre eine Definition hilfreich. Doch die Bemühungen, den Freien Willen prägnant zu umschreiben, führt zu vielschichtigen Resultaten. Diese Aussage erscheint brauchbar: 
“Im weitesten Sinne meint Willensfreiheit die unterstellte menschliche Fähigkeit, sich unter gegebenen Bedingungen für oder gegen etwas zu entscheiden.”
Daraus folgt zunächst:
Unbedingte Willensfreiheit wäre ein Konzept, das jede Beschränkung der Handlungs- und Entscheidungsfreiheit – e würde erfordern, dass das Wollen von absolut nichts abhängt, also durch nichts bedingt ist. Es liegt auf der Hand, dass so ein Konzept auf die Situation des Menschen nicht anwendbar ist. Absolut freie Wahlmöglichkeit geht verloren, sobald Abhängigkeiten bestehen oder eine sonstige Verbindung zwischen den Motiven und dem Willen gibt.


Bedingte Willensfreiheit

Wenn wir aber ehrlich sind, entspringt unser Verhalten aber in den meisten Fällen einer ausgesprochen vielschichtigen Motivationslage und oft genug findet es in einem Geflecht voller Abhängigkeiten statt. ‘Freier Wille’ meint folglich die bedingte Willensfreiheit. Sie sieht den Willen als frei, wenn eine Person “ihren Willen nach ihren persönlichen Motiven und Neigungen gebildet hat, tun kann, was sie will (Handlungsfreiheit), und auch anders hätte handeln können, wenn sie es denn nur gewollt hätte.”
Doch wie bedingt und aus Abhängigkeiten entstanden sind unsere Handlungen und Entschlüsse? Wo folgen wir dem (vermeintlich) Unausweichlichen?

Sicher, es ist uns möglich, in geeigneten Situationen (wenn genug Zeit ist) reifliche Überlegungen anzustellen, gründlich abzuwägen und so zu einer Entscheidung zu gelangen, die unser konkretes Handeln oder Nichthandeln bestimmt. Zumindest dann bilden wir uns ein, unsere Entscheidung sei dann allein Ausdruck unseres freien Willens. (Rückblickend stellen wir oft genug fest, dass wir plötzlich ganz anders handelten, als wir es zuvor beabsichtigt hatten)


Viele physiologische Abläufe werden allein durch ein genetisch festgelegtes Programm gesteuert, das wir weder genau kennen und dessen wir uns im Grunde selten bewusst sind. Unser Körper erlegt uns überdies etliche Zwänge auf, die unser Verhalten massiv beeinflussen: wir müssen atmen, benötigen regelmäßig bestimmte Nahrung, brauchen ein bestimmtes Milieu zum Überleben und einiges mehr, damit wir uns wohlfühlen. Und dann sind da noch ‘aufschiebbare’ Triebe wie der zur Fortpflanzung, Schutz- und Gemeinschaftsbedürfnis und seit einigen Generationen verstärkt sich bei vielen das unbedingte Streben nach Konsum und Unterhaltung.

Nimmt all diese Aspekte zusammen, so schrumpft das Betätigungsfeld des freien Willens auf mindestens zwei überschaubare Felder:
  • die Wahl zwischen Alternativen (Auswahlentscheidungen) wir können nicht frei bestimmen, ob wir Nahrung zu uns nehmen. Doch wir haben (jedenfalls hierzulande) die Wahl, was wir essen möchten und dürfen den Zeitpunkt festlegen…wenn wir nicht zulange damit warten.
Auch die Zahl und Beschaffenheit unserer Sexualpartner dürfen wir wählen – doch gerade hier zeigt sich doch, wie sehr der Entscheidungsraum vieler Menschen durch ihre halbbewussten Triebbedürfnisse eingegrenzt ist.
bestimmte Grundsatzentscheidungen
  • die meisten Menschen können beispielsweise Einfluß auf ihren Lebensweg nehmen, wozu Bildungsangebotes oder Berufswahl ebenso zählen wie die Bindung an einen Lebenspartner oder die Wahl einer anderen Form des Gemeinschaftslebens.
Doch wie frei der Mensch denn wirklich, einen eigenen Willen zu entwickeln und diesen zu realisieren?
Ein Beispiel: Gerne werden Glaube und Religion als möglicher Ausdruck des individuellen menschlichen Willens angesehen, doch kann dies überhaupt zutreffen? Untersuchen wir kurz die Voraussetzungen, die für eine freie Willensentscheidung in Glaubensfragen gegeben sein müssen: 
  • keine subtile Beeinflussung bzw. Manipulation (zumindest muss die Chance bestehen, sich manipulativer Einflüsse bewusst zu werden und (wenigstens) insgeheim zu entziehen)
  • keine Unterdrückung oder Zwangslange, wie sie durch staatliche und klerikale Institutionen hervorgerufen sein kann. Auch hier in Deutschland sind der Freiheit des Glaubens bestimmte Grenzen gesetzt.
  • Ausbleiben jedes elterlichen, familiären und gesellschaftlichen Zwangs
Freilich ließe sich einwenden, dass die Möglichkeit zur freien Entscheidung auch dann bestehe, wenn diese Rahmenbedingungen ungünstig ausfallen: ein der Zwangstaufe unterzogener Säugling habe dennoch mit Eintritt seiner Religionsmündigkeit die Gelegenheit, jegliche Vorentscheidung nachträglich zu korrigieren – oder bewusst und willentlich zu bestätigen.

Die Lebenswirklichkeit sieht wohl anders aus: Kinder erhalten in frühen Jahren eine Prägung, der sie sich nicht oder nur schwer entziehen können. Moral, Glaube und viele weitere …. werden verinnerlicht – dieser Prozess lässt sich zeitlebens nicht vollständig neutralisieren (was auch nicht wünschenswert wäre, denn diese Prägung hat je nach Liebenssituation durchaus ihren hohen Nutzen).

Da uns diese Implikationen, je weiter sie in der Vergangenheit liegen, kaum mehr in ihrer Gesamtheit bewusst sind, erleben wir subjektiv unser Handeln als Ausdruck der Freiheit, so zu handeln und nicht anders. Einbildung?
Der Verfasser eines kritischen, bisweilen radikalen Textes geht noch viel weiter.
Bis hierhin habe ich die Existenz eines bedingt freien Willens weder bejaht noch verneint. Vielmehr stelle ich fest, dass ich mit eigenen Gedankenübungen allein hie und nimmer eine annehmbare Antwort auf diese Frage finden werde – höchste Zeit für etwas Input..

Bewusster oder unbewusster Wille?
In einer kurzen Abhandlung auf philosophy-online.de habe ich folgende Formulierung dazu gelesen:
“Wenn es überhaupt eine unbezweifelbare Grunderfahrung unseres Daseins gibt, dann die, dass wir uns zeitweise als rational abwägende Autoren unseres eigenen Tuns und insofern als frei erleben.”
Wohl wahr…und zudem präzise formuliert: Wie erleben uns als Inhaber eines freien Willens und unsere Handlungen als nur ‘von äußeren Faktoren’ eingeschränkt. Davon gibt es mehr als genug (s.o.). Gemeint sind in diesem Kontext eher die ‘inneren’ Prozesse und Gegebenheiten, häufig auf die zentrale Frage fokussiert, ob das Gehirn unser Bewusstsein produziere.
Ist unsere Selbstwahrnehmung also bloße Selbsttäuschung?
  • “Neurowissenschaftler [...] erklären, die Idee eines freien menschlichen Willens sei mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren…
  • …Studien zeigen … dass unserem Tun deterministische neuronale Prozesse zugrunde liegen, dass das subjektive Erleben der Urheberschaft fallibel [fehlbar, dem Irrtum unterworfen] sein kann und dass vermeintlich selbst initiierte Handlungen unbewusst ausgelöst werden können.
Unsere Unfreiheit lasse sich so allerdings nicht nachweisen, denn z.B. Determinismus sei nicht empirisch begründbar, weil empirische Daten nur statistische Korrelationen rechtfertigen, aber keine deterministischen Zusammenhänge.
Dies leuchtet mir ein, zumal Experimente (wie der nachfolgend geschilderte Versuch) nur sehr vereinfachte Entscheidungsvorgänge erfordern. Die Alltagshandlungen bis hin zu strategischen Entscheidungen, die weitaus höhere Anforderungen an unsere Willensbildung stellen, sind experimentell nicht zugänglich,sagen Philosophen – und liegen zumindest bis heute richtig damit.
 

Libet-Experiment und Willensfreiheit

Die nachfolgende Dokumentation setzt sich kritisch mit dem sog. Libet-Experiment auseinander, welches vielfach für die Zulässigkeit der Schlussfolgerung angeführt wurde, so etwas wie ein freier Wille existiere nicht.
Aber: Diese Dokumentation ist – wie ich einem früheren Kommentar von Herrn I. Kittel (auf einer ehemaligen Webseite) entnehme – mindestens zehn Jahre alt (Erstausstrahlung 30.6.2001) und bietet einigen Anlass zur Kritik.
Dennoch, als Einführung in Thematik und Fragestellungen erscheint diese Doku mir geeignet.



Dokumentation auf 3SAT : Die Libet-Experimente

Teil I :


Teil II  /  Teil III

Das Ich – eine programmierte Maschine?
Hoffentlich nicht…und wozu sollte eine zur Selbstreproduktion fähige Maschine ein Selbstbewusstsein besitzen und über so viele störende Empfindungen, welche ihre Funktionalität durchaus beeinträchtigen (oder beflügeln) können.
Der Physiologe Benjamin Libet veröffentlichte Anfang der 1980er Jahres einen als Libet-Experiment bekannt gewordenen Versuch, die zeitliche Abfolge bewusste Handlungsentscheidungen und ihrer motorischen Umsetzung zu messen:

  • Wann trifft der Proband eine bewusste Handlungsentscheidung?
  • Ab wann der bereitet motorische Kortex1) die Ausführung der Handlung vor
  • Wann  genau wird die betreffende Muskulatur tatsächlich aktiviert.
Durchführung und der genaue Aufbau des Versuchs lassen sich hier oder auch auf Wikipedia nachlesen.


Bemerkenswert war vor allem, dass der Zeitpunkt, zu dem die Handlungsabsicht bewusst wird, in jedem Fall deutlich nach dem Punkt liegt, an dem der motorische Cortex die Bewegung vorzubereiten beginnt. Platt formuliert: Das Gehirn hatte schon längst entschieden, bevor der Proband sich seiner Entscheidung bewusst war.
Dieses Resultat löste kontroverse Diskussion über die fragliche Freiheit des menschlichen Willens aus. Die Unterstellung eines freien Willens aber ist Voraussetzung für wesentliche Elemente unserer sozialen Organisation und für den Konsens, nachdem jeder Mensch die volle Verantwortung für seine Handlungen zutragen habe. Ein wenig erstaunlich ist diese Aufregung schon, denn die Verallgemeinerbarkeit des Libet-Versuche auf alle denkbaren, komplexe Entscheidungssituationen ist gänzlich unerwiesen (s.o.)

Libet selbst war ein Verfechter des freien Willens, dem er jedoch nur eine Vetofunktion zubilligte, d.h. die Möglichkeit, aufgrund moralischer Erwägungen unbewusste Handlungsimpulse zu unterdrücken. Dies würde bedeuten, unser Ich sei zwar nicht Herr über die Vielfalt der spontanen Einfälle, Ideen und Impulse, die in unserem Bewusstsein auftauchen. Dennoch stelle es eine prüfende Instanz dar, welche die Fülle der Handlungsimpulse filtere und nur manche von ihnen selektiv zulasse. Damit würde das Gehirn nicht einfach an unserem Bewusstsein vorbeientscheiden.

Über Libets Experimente wurde anfänglich dennoch die Auffassung geäußert, diese entlarvten den freien Willen als Illusion - sofern man bereit sei, die volle Konsequenz der experimentellen Ergebnisse zu akzeptieren. Er selbst gestand dagegen freimütig ein, seine Position zur Willensfreiheit sei allein von persönlicher Überzeugung geprägt und lasse sich nicht mit seinen Versuchsergebnisse belegen.-
Die eingangs kurz angesprochenen Religionen brauchen das Konzept des freien Willens – vor allem da, wo sie ihren Gläubigern ein göttlich-gerechtes Straf- und Belohnungsgericht in Aussicht stellen: Ohne freien Willen als Ursache unserer Entscheidungen und Handlungen wären Hölle und ewige Verdammnis schlichtweg unfair…jedenfalls nach menschlichen Maßstäben.-
Es ist ein markanter Gegensatz, den wir im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und religiösem Glauben/spiritueller Vorstellung antreffen: Während die Wissenschaft heute ‘glaubt’, Bewusstsein entstehe letztlich zufällig aus Materie (denn es sei ja im Gehirn lokalisiert), ‘weiß’ die Religion, dass Geist/Seele/Bewusstsein von Gott geschaffen und deshalb unsterblich ist. Die zweite Anschauung ist mir sympathischer, aber von Gewissheit kann keine Rede sein…
 

Jüngere Forschungsergebnisse: Und es gibt ihn doch?

Wie neuere Untersuchungen von Gehirnaktivitäten vor einer bewussten Entscheidung (John-Dylan Haynes, 2008) zeigten, lässt sich inzwischen sogar vorhersagen, welche Wahl ein Proband (in einer Versuchsanordnung) treffen wird – sieben (!) Sekunden bevor er bewusst entschieden hat. Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig untersuchte lt. einem Bericht des STERN mögliche Konsequenzen aus Experimenten wie denen von Libet und Haynes:
“Kann man von einem freien Willen sprechen, wenn die Absicht, etwas zu tun, im Gehirn schon feststeht, bevor wir bewusst eine Entscheidung treffen?”
Dazu wurde die Höhe des Sauerstoffverbrauchs einzelner Gehirnareale beobachtet – ein Indikator für deren Aktivität. Zwischen Vorbereitung einer Handlung im Gehirn und deren Ausführung liegt eine messbare Zeitspanne:
“Es scheint, als würde die unbewusste Entscheidung im Gehirn vorbereitet und dann eine Zeit lang dort vor sich hinschlummern, bevor sie den Weg ins Bewusstsein findet”
Die Vorhersagbarkeit hatte übrigens Grenzen: die Forscher lagen in 60 % alle Fälle richtig – also nur 10 % über dem Wert, den ‘bloßes Raten’ erreicht (bei ausreichender Anzahl von Durchläufen ließe sich das richtige Ergebnis mit 50-prozentiger Erfolgswahrscheinlichkeit erraten).
Dieser Umstand scheint bei der Interpretation von Haynes Experimenten nicht sonderlich zu stören: Zweifel am freien Willen habe es schon länger gegeben… und da Haynes & Kollegen Entscheidungsvorbereitung über lange Zeiträume und mithilfe einer anderen Technik beobachteten, glaubten sie, die Zweifel an Libets Experimenten nun aus dem Weg geräumt zu haben.
ZEIT online kommt sogar zu dem hanebüchenen Ergebnis “Der Computer von John-Dylan Haynes kann Gedanken lesen”. Ziemlich plakativ und vor allem eine Verallgemeinerung – denn Haynes Rechner wird nicht einen konkreten Gedanken verraten, sondern allenfalls eine thematische Einordnung (durch Feststellen des aktiven Hirnareals) vornehmen können.
Doch bleibt es bei dem Haupteinwand gegen eine vorschnelle und einseitige Interpretation solcher Versuche:
Diese können nach wie vor nur die Verläufe einfacher Auswahl-Entscheidungen (mit oft nur einer Alternative) beobachten und voraussagen. Eigentliche Bedeutung und Nutzen der aus einer freien Willensentscheidung hervorgehenden Handlungen liegen primär da, wo es reiflicher Überlegungen bedarf, und nicht Fragen wie ‘Ziehe ich blaue oder gelbe Socken an?’
  • Und: Wie sieht es z.B. bei Gefahrensituationen aus, in denen weitaus weniger als 7 oder 10 Sekunden für eine Reaktion bleiben – vor allem dann, wenn dieses Reagieren zu komplex für eine instinktive Verhaltensäußerung ausfällt (z.B. eine Erwiderung in ernsten Konfliktsituationen)?
  • Was ist, wenn wir ein Verhalten korrigieren, in dem wir z.B. beim Verfassen eines Textes eine zunächst gewählte Formulierung durch eine andere ersetzen? Ich mag damit falsch liegen, doch könnte gerade solch eine bewusste Korrektur dafür sprechen, dass wir von unserer Entscheidungsfreiheit Gebrauch machen.-
Der Mediziner und Psychotherapeut Ingo Wolf-Kittel verweist dagegen auf ein “Manifest von elf führenden Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung” (Artikel auf Gehirn&Geist.de oder als PDF zum Download).
Dem Laien liefert dieser Artikel einen Überblick zu Forschungsbereichen und Untersuchungsmethoden der Neurobiologie. Deren kombinierte Nutzung ermögliche es immerhin, das Zusammenspiel der verschiedenen Hirnareale darzustellen. Erst dieses Zusammenspiel befähigt uns zu kognitiven Leistungen wie z.B. planendes Handeln, Gedächtnisprozesse und emotionales Erleben. “Damit haben wir eine thematische Aufteilung der obersten Organisationsebene des Gehirns nach Funktionskomplexen gewonnen.”
Sogar die Abläufe in einzelnen Neuronen könne man heute hoher räumlicher & zeitlicher Auflösung analysieren und mit Hilfe von Computermodellen simulieren. Erschreckend wenig wisse man dagegen über das Geschehen innerhalb von Zellverbänden und die genaue Kommunikationsweise einzelner Nervenzellen miteinander. Wie die hochkomplexe Kommunikation einer großen Anzahl von Nervenzellen funktioniere, sei noch gänzlich unbekannt.
Nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet; wie es die Welt so abbildet, dass unmittelbare Wahrnehmung und frühere Erfahrung miteinander verschmelzen; wie das innere Tun als “seine” Tätigkeit erlebt wird und wie es zukünftige Aktionen plant, all dies verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen.
Mit anderen Worten: auch wenn inzwischen bekannt ist, wo im Gehirn einzelne Prozesse stattfinden, sagt dies noch nichts darüber aus, wie diese im einzelnen funktionieren.
Vieles spreche dafür, dass neuronale Netzwerke als “hochdynamische, nicht-lineare Systeme” zu betrachten seien. Somit gehorchen sie zwar mehr oder weniger einfachen Naturgesetzen, brächten aber in ihrer Komplexität völlig neue Eigenschaften hervor. In diesem Kontext ist auch von “hochkomplexen raumzeitlichen Aktivitätsmustern” in diesen neuronalen Netzwerken die Rede.
Im Zusammenhang mit dem eingangs erwähnten Libet-Experiment erscheint mir folgender Passus von besonderem Interesse:
Wir haben herausgefunden, dass im menschlichen Gehirn neuronale Prozesse und bewusst erlebte geistig-psychische Zustände aufs Engste miteinander zusammenhängen und unbewusste Prozesse bewussten in bestimmter Weise vorausgehen.
Wenn hier tatsächlich eine ausschließliche(?) kausale Beziehung nachgewiesen werden kann, würde dies zugleich nahelegen, dass unser Bewusstsein – genauer gesagt die jeweils untersuchten, bewusst ablaufenden Prozesse im Gehirn – unmittelbar mit neuronalen Vorgängen verknüpft ist. Sollte man daraus schließen, dass unser Bewusstsein, zumindest aber unser bewusstes Erleben, Erinnern und Empfinden bis hin zum planvollen Handeln letztlich auf rein organischen und damit materiellen Vorgängen basiert?
Es scheint so:
  • “Auch wenn wir die genauen Details noch nicht kennen, können wir davon ausgehen, dass all diese Prozesse grundsätzlich durch physikochemische Vorgänge beschreibbar sind. [...]
  • Geist und Bewusstsein – wie einzigartig sie von uns auch empfunden werden – fügen sich also in das Naturgeschehen ein und übersteigen es nicht.
  • Und: Geist und Bewusstsein sind nicht vom Himmel gefallen, sondern haben sich in der Evolution der Nervensysteme allmählich herausgebildet. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der modernen Neurowissenschaften.”
Mir will vor allem das letzte Statement nicht in den Kram passen, denn über die Evolution von Bewusstsein sagt es nichts aus. Dass viele unserer gedanklichen Leistungen eine Entsprechung im Organismus haben, lässt sich nicht bestreiten. Problematisch wird es da, wo der Geist und seine Entstehung bzw. Entwicklung vollständig auf eine materielle Ebene reduziert werden:
Persönlich verweigere ich mich der Vorstellung, unser ‘Ich’ mit all seinen Facetten werde allein durch materielle Vorgänge und Substanz produziert. Beweis oder wissenschafts-taugliche Begründung? Da muss ich leider passen.
Eher vermag ich Indizien dafür zu suchen, dass neben der materiellen eine weitere (‘geistige’) Ebene existiert, ohne die dieses Ich niemals so empfinden und erleben würde, wie es der Fall ist:
  • Wie war es möglich, dass sich aus den ersten einzelligen Lebewesen ein hochkomplexes Lebewesen namens Mensch entwickeln konnte, das sich seiner selbst bewusst und zu intellektuellen Höchstleistungen imstande ist? Buchstäblich vom Himmel gefallen sind wir wohl tatsächlich nicht. Aber das Produkt einer Reihe von Zufallsprozessen sind wir meiner Überzeugung nach ebenso wenig. M.E. spricht vieles dafür, dass anstelle des Zufalls eine erschaffende, ordnende und zielgerichtete Intelligenz am Werk war und ist, über deren Beschaffenheit wenig wissentlich sagen lässt.
  • Wie lassen sich mit der Entsprechung von Materie-Bewusstsein Vorgänge wie Nahtod-Erlebnisse erklären? Eine ausreichende Zahl beeindruckender Fälle ist gut dokumentiert – wir wissen, dass zur fraglichen Zeit keinerlei Gehirnaktivität vorhanden (=messbar) war – und doch besitzen diese Personen anschauliche Erinnerungen an die Vorgänge um sie herum. Diese Erinnerungen und das persönliche Erleben lässt sich nicht als Einbildung, Traumgebilde oder lügenhaftes Wichtigtun diskreditieren, wo sie mit den Aussagen mehrerer anwesender übereinstimmen.
  • Die Erinnerungen von Menschen an frühere Leben ist eine heikle Angelegenheit, weil gerade auf diesem Gebiet viel Schindluder getrieben wird, gerade auch durch ‘Rückführungstherapeuten’, die ihr Fachwissen einem Schnellkurs verdanken.
    Räumt man das Zweifelhafte beiseite, bleiben wiederum gut dokumentiere Fälle übrig, sodass der Geisteswissenschaftler Prof. Christopher M. Bache bereits 1990 zu folgender Einschätzung gelangte:
"Ich bin der Ansicht, dass die Forschung inzwischen genügend Beweise für die Reinkarnation zusammengetragen hat. Wenn wir uns ganz vorsichtig ausdrücken wollen, können wir sagen, dass … so viele Daten gesammelt und geprüft worden sind, dass der Wiedergeburtsgedanke … in eine Hypothese mit mittlerem oder gar hohem Wahrscheinlichkeitsgehalt verwandelt hat."
Das sieht freilich nicht jeder so: Der FOCUS online –Artikel “Paranormales vs. Wissenschaft: Leben, Sterben und Wiedergeburt” geht auf die Wissenschaftlichkeit der sog. Reinkarnationstherapie ein – abschließend bleibe nur das befreiende Lachen über die bedeutungsschwangeren Fantasiegebilde der Esoterik. Wie gesagt, Trittbrettfahrer gibt es überall und esoterische NewAge-Therapien scheinen besonders anziehend für solches Volk zu sein.
Aus den geschilderten Fällen von erfolgreich überprüften Erinnerungen an ‘frühere Leben’ vermag ich persönlich nur so viel erschließen: Geist scheint im mindesten auch eine nicht materielle Komponente zu besitzen.
 

Mein ‘Fazit’

Zurück zum Ausgangspunkt – also der Fragestellung, inwieweit unser bedingt freier Wille eine Illusion oder Selbsttäuschung ist.
Eine generelle Nichtexistenz freier Willensäußerungen lässt aus der Beurteilung von bis heute vorliegenden Forschungsergebnisse nicht folgern:
“Ob also neben den äußeren Reizen, dem aktuellen Zustand des Gehirns und vielleicht noch etwas Zufall auch noch freier Wille bei unseren Entscheidungen eine Rolle spielt, wird experimentell in absehbarer Zukunft nicht bestimmt werden können”. (Zufall ist kein freier Wille, Joachim Schulz)
Nur ist es meines Erachtens ist es weniger erheblich, dass wir in unseren Handlungen, Verhaltensweisen und Entscheidungen nicht ‘absolut frei’ sind. Entscheidend ist wohl eher, inwieweit wir den inneren und äußeren Bestimmungsfaktoren hilflos2) ausgeliefert sind. Falls dies zuträfe, wäre jede Form von philosophischer Ethik und Moraltheologie verschwendete Zeit.
Auch unsere
Rechtsprechung könnten wir dann größtenteils in die Tonne kippen, denn diese setzt Willens- oder wenigstens Handlungsfreiheit voraus.
Offensichtlich können wir die Frage nach jener Hilflosigkeit recht selbst-bewusst verneinen. Schließlich haben wir die Chance und Gelegenheit, uns ‘eines Besseren zu besinnen’, indem wir aus vergangenen Resultaten und Erfahrungen die richtigen Konsequenzen ziehen und diese lernend auf künftige Entscheidungssituationen anwenden.
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Siehe auch

Anmerkungen

1) Moto(r)cortex oder auch motorische Rinde ist ein abgrenzbarer Bereich der Großhirnrinde (Neocortex) und das funktionelle System, von dem aus willkürliche Bewegungen gesteuert und aus einfachen Bewegungsmustern komplexe Abfolgen zusammengestellt werden. Er bildet die übergeordnete Steuereinheit des Pyramidalen Systems… (vgl. Wikipedia)
2) ohne eigenes Verschulden: wer sich zudröhnt und in diesem selbst herbeigeführten Zustand andere schädigt, hat die Konsequenzen dafür zu tragen