Determinismus und Chaos
Erst recht umstritten ist Determinismus in Bezug auf geistige Zustände und Vorgänge: wenn diese ebenfalls natürliche Zustände (und somit auch determiniert) sind, scheint ein Konflikt mit dem Postulat eines freien Willens zu bestehen. Ob dieser Gegensatz besteht, ist ebenso umstritten wie die jeweiligen Konsequenzen...
Vielleicht habe Gott eine in sich gegensätzliche Welt - Determinismus und Chaos - gewollt. Er kenne die Parameter der deterministisch regierten Welt, denn alles sei (für Gott) vorhersehbar und aufgrund festgelegter Anfangsbedingungen berechenbar. Göttliche Eingriffe - sog. 'Wunder' - würden sofort auffallen, wenn sie den Naturgesetzen widersprechen.
Übrigens gehen auch etliche Theologen davon aus, Gott habe sich selbst den von ihm geschaffenen Gesetzen unterworfen und insoweit seine eigene Handlungsfreiheit beschränkt! Darin eine Beschränkung der Allmacht Gottes zu sehen, halte ich für einen Fehler.Nach vielen religiösen Vorstellungen bilden Wunder eine örtlich und in ihrer Auswirkung begrenzte Abweichung von den Natur, durch die Gott sein Wirken demonstriere. Wenn Gott allerdings unvorhersehbare, chaotische Systeme erschafft, deren Verläufe und Ausgang auch ihm unbekannt sind, dann lässt er dem 'freien Willen' weitaus mehr Raum und hat jederzeit die Möglichkeit der Intervention, ohne das Ganze der Inkonsequenz zu opfern. Minimale Eingriffe/Veränderungen seinerseits blieben von uns unbemerkt und hätten dennoch große Auswirkung.
Ist die Unterscheidung zwischen chaotischen und deterministischen System nicht eher ein Ausdruck unserer unvollkommenen Erkenntnisgewinnung? Nicht-Reproduzierbarkeit und Unvorhersehbarkeit beweisen m.E. lediglich, dass der Mensch die Komplexität vieler Systeme weder insgesamt beschreiben noch verstehen kann. Dass alle Dynamik, alle einander bedingenden Vorgänge und Konsequenzen ohne Ausnahme dem Gesetz der Kausalität unterliegen, ist m.W. eine Tatsache. Mir fallen da nur zwei Ausnahmen ein: der Urknall - und auch nur dann, wenn sich die These einer zyklischen Abfolge von Universen als unzutreffend erweisen sollte - und Gott, wenn man von der Existenz eines Schöpfergeistes ausgeht, der einst auch die Kausalität geschaffen hat.
Übrigens spricht Becker hier von "Gott als letzter Ursache". in der Quantenphysik besitzen subnukleare Teilchen keine unabhängige Realität, bevor sie nicht durch einen Bewussten Beobachter (Messung) an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit in die Realität gehoben werden. So gesehen könnte Gottes Geist durch Beobachtung dem menschlichen Geist Realität verleihen...damit wäre Gottes Geist tatsächlich die letzte Ursache.
Becker stellt hier einen Bezug zwischen Wissenschaft und östlicher Philosophie (→ Taoismus) her - wenn ich seine Ausführungen richtig verstehe, lassen sich antagonistische (gegensätzliche) Teilaspekte des Seins bzw. des einzelnen Lebens auf einer höheren Ebene zu einem neutralen Ganzen verbinden, sie bilden als Gesamtheit einem harmonischen Zustand.
Quantenphysik und holistisches Weltbild
Eine Kernthematik der östlichen Philosophien ist die Auffassung, das 'alles mit allem verbunden ist'. Die westliche Herangehensweise der Physik sei reduktionistisch, d.h. sie zerlege das ein beobachtetes System immer weiter in seine Einzelteile bzw. -aspekte, bis sich diese Fragmente erfassen und halbwegs genau bechreiben und vermessen lassen. Dieses Vorgehen verleitet allerdings dazu, den Blick für das Ganze zu verlieren und sich einzubilden, das Wesen von 'Allem was ist' allein aus den Eigenschaften einiger winziger Fragmente zu verstehen.- Offensichtlich kann der Beobachter nicht als getrennt oder unabhängig vom Gegenstand seiner Beobachtung angesehen werden. Im Gegenteil - beider interagieren und beinflussen einander, sind demnach auf einer höheren Ebene miteinander verbunden.
- Die quantenmechanische Verschränkung (jene 'kommunikative Verknüpfung' zwischen subatomaren Teilchen, die auch noch über Billionen Kilometer in Echtzeit wirksam ist) von zwei Teilchen würde erfordern, dass diese in Überlichtgeschwindigkeit miteinander kommunizieren - was nach Einstein aber nicht möglich ist. Werden die Teilchen aber als untrennbare Einheit angesehen, besteht keine Notwendigkeit mehr zur 'unwahrscheinlich schnellen' Informationsübertragung. "
...Quantenteilchen können so miteinander vermischt und verbandelt werden, dass sie in mancher Hinsicht zu einem System werden. In diesem "verschränkten" Zustand lebt sozusagen eine einzige Teilchenseele in zwei Teilchenkörpern. Bemerkbar macht sich diese Verschmelzung in Experimenten, bei denen zwei verschränkte Teilchen in unterschiedliche Richtungen geschossen werden und in vielen Kilometern Abstand auf getrennte Messapparaturen stoßen. Sobald das eine Teilchen gemessen wird, nimmt nicht nur es selbst einen exakten Zustand ein, sondern auch sein verschränktes Gegenstück. Sofort. Egal, wie weit die beiden voneinander entfernt sind." (aus "Wie real ist die Wirklichkeit?", physikclub.de)
Auch wenn man nicht so weit geht, diese Ganzheit auch auf soziale Systeme und Strukturen auszudehnen, stellt diese Sicht der Dinge (bzw. des einen großen Dings) unseren 'gesunden Menschenverstand' ziemlich auf den Kopf. Becker verweist auf den Umstand, dass die in unseren Neuronen ablaufenden Vorgänge 'so klein' seien, dass quantenmechanische Implikationen nicht ignoriert werden können. Dabei müssten wir im Grunde von selbst darauf kommen, dass die Dinge nicht so sind wie sie uns erscheinen:
Offensichtlich ist, dass wir aufgrund unserer begrenzten und dadurch selektiven (Sinnes-)Wahrnehmung eine subjektive Realität um uns herum konstruieren - ein sehr begrenzter Ausschnitt dessen, was möglich ist. "Jedes Lebewesen lebt in seiner eigenen Welt".
Der indisch-amerikanische Physiker Amit Goswami betrachtet Bewusstsein als die einzige wahre Realität - die Realität eines Individuums besteht zu einem bestimmten Zeitpunkt aus der Summe dessen, was ihm bewusst ist. Nach seiner Interpretation widerlegt die Quantentheorie den materialistischen Realismus: Trifft es zu, dass erst der beobachtende Geist ein Objekt real werden lasse, dann hat sich die Annahme erledigt, dass außerhalb von uns ein materielles Universum existiert. - "Das Bewusstsein kann den Weg eines Quantenteilchens selbst dann noch verändern, wenn wenn es diesen Weg schon gegangen ist!"
so hat Goswamis Idealismus den Leib abgeschafft."
Letzte Bearbeitung: 28.10.202021