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Sonntag, 29. April 2012

Physik des Lebens - Hans-Peter Dürr

"Die Natur ist im Grunde nur Verbundenheit;
das Materielle stellt sich erst hinterher heraus."

Vortrag des Quantenphysikers und 'Enkel Heisenbergs' über die neue ganzheitliche Physik, den "Geist" in der Materie und die Grenzen des Denkens

Hans-P. Dürr (geb. 1929) war von 1958 bis 1976 Mitarbeiter von Werner Heisenberg, den er in seinem Projekt zur Entwicklung einer vereinheitlichten Feldtheorie der Elementarteilchen unterstützte.

Eine Einheitliche Feldtheorie soll alle Materie und Kraftfelder des Universums in einer Formel, dem „vereinheitlichten Feld“ oder „einheitlichen Feld“, zusammenfassen. Die manchmal verwendete Bezeichnung “Weltformel” weist auf das Ziel hin, alle Wechselwirkungen sowie die Eigenschaften (Spin, Masse, Ladung) aller Elementarteilchen zu erklären.

Der spätere Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik habilitierte an der Universität München als Forscher in den Schwerpunkten Kernphysik, Elementarteilchenphysik und Gravitation. Nach seiner Emeritierung widmete er sich zunehmend auch erkenntnistheoretischen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Im Zuge seiner Erkenntnis unserer Verantwortung für einen ressourcenschonenden Umgang mit unserer Umwelt gründete er das Global Challenges Network (GCN e.V.) –diese Organisation knüpft ein Netz aus Projekten und Gruppen, die konstruktiv und gemeinsam „an der Bewältigung der Probleme arbeiten, die uns und damit unsere natürliche Umwelt bedrohen“.

Siehe auch:

Zur Einstimmung einige Gedanken Dürrs aus dem o.a. Interview über den Quantengeist, die auch im nachfolgenden Vortragsvideo zur Sprache kommen:
  • "Im Grunde gibt es Materie gar nicht. Jedenfalls nicht im geläufigen Sinne. Es gibt nur ein Beziehungsgefüge, ständigen Wandel, Lebendigkeit. Wir tun uns schwer, uns dies vorzustellen. Primär existiert nur Zusammenhang, das Verbindende ohne materielle Grundlage. Wir könnten es auch Geist nennen."
  • "Wenn wir über die Quantenphysik sprechen, sollten wir eine Verb-Sprache verwenden. In der subatomaren Quantenwelt gibt es keine Gegenstände, keine Materie, keine Substantive, also Dinge, die wir anfassen und begreifen können. Es gibt nur Bewegungen, Prozesse, Verbindungen, Informationen. Auch diese genannten Substantive müssten wir übersetzen in: Es bewegt sich, es läuft ab, es hängt miteinander zusammen, es weiß voneinander."
  • "Mein Gehirn soll mir im Wesentlichen helfen, den Apfel vom Baum zu pflücken, den ich für meine Ernährung brauche. Unsere Umgangssprache ist eine Apfelpflücksprache. Sie hat sich herausgebildet, weil sie enorm lebensdienlich ist. Bevor ich eine Handlung ausführe, spiele ich diese erst einmal in Gedanken durch, um zu erfahren, ob sie zum gewünschten Ziel führt – ja oder nein? ...Aber diese zweiwertige Logik (Ja-oder-Nein) ist eben nicht die Logik der Natur. Die Quantenphysik beschreibt die Natur viel besser, denn in der Quantenwelt herrscht die mehrwertige Logik, also nicht nur Ja und Nein, sondern auch Sowohl/Als-auch, ein Dazwischen. Eben das Nicht-Greifbare, das Unentschiedene. Daran müssen wir uns gewöhnen.
  • "Solange Sie es sich vorstellen können, liegen Sie falsch. Nehmen wir ein Elektron. Also ein physisches Teilchen, von dem ich weiß, dass es das eigentlich gar nicht gibt...Es ist eine winzige Artikulation der Wirklichkeit, etwas, das wirkt, das passiert, das etwas auslöst."
  • "Die alte Naturwissenschaft ist ... nicht falsch. Sie gilt jedoch nur in einem vergröberten Sinn. Was für unseren Alltag total ausreicht. Die Wirklichkeit in der neuen Physik ist Potenzialität, eine Welt der Kann-Möglichkeiten, sich auf verschiedene Art materiell-energetisch zu verkörpern."
 

Abschied vom Reduktionismus der klassischen Physik

Reduktionismus ist zunächst eine philosophische Lehre, nach der ein System durch seine Einzelbestandteile (‚Elemente‘) vollständig bestimmt wird.
René Descartes hielt Tiere - im Gegensatz zu Menschen - für reduktiv erklärbare Automaten:

Im klassischen Welt- und Menschenbild verhaftete Naturwissenschaftler setzten alles daran, die materiellen Welt zu erforschen, indem sie deren ‘Gegenstände’ in immer kleinere Einheiten zerlegten. Damit glaubten sie, ihre angeblich unteilbaren Bausteine zu erkennen.
Als sie auf ihrer Suche nach der 'reinen Materie' bei den Atomen der chemischen Elemente angelangten, schien das Ziel erreicht: Atome wurden für nicht weiter spaltbare Kandidaten der reiner Materie gehalten.

Sehr bald wiesen Experimente auf die innere Struktur dieser angeblich unteilbaren Bausteine hin: ein winziger Atomkern ging aufgrund elektrisch verschiedener Ladung eine Verbindung mit einer diffusen Hülle aus Elektronen ein. Atome bestanden also aus noch kleineren Bestandteilen, den Elementarteilchen. Doch konnte dieses System aus Kern und Hülle nach den Regeln der klassischen Physik nicht stabil sein, es müsste spontan in sich zusammenstürzen.
Stabilität konnte nur existieren, wenn man eine ganz eigenartige Dynamik zu Grunde legte:

"Es konnte diese Teilchen gar nicht geben, sie wurden nur durch eine stationäre immaterielle Schwingung vorgetäuscht. Daraus folgte: Atome sind nicht mehr aus Materie aufgebaut. Die Materie verschwand, und nur eine Form blieb übrig."

Die alte Physik mit ihrem festen Vertrauen auf eine materielle, existenzgebende Struktur von Allem stürzte in sich zusammen. Denn es stellte sich heraus:Unterhalb einer sehr kleinen Skala ist Materie nicht aus Materie aufgebaut; das Fundament der Welt ist nicht materiell!

Auf dieser Skalierungsebene finden sich Informations- und Wahrscheinlichkeitsfelder, die mit Energie und Materie nichts zu tun haben. Resultierend musste die Grundanschauung der Physik an dieser Stelle verändert werden:
Die Natur ist im Grunde nur Verbundenheit, das Materielle stellt sich erst hinterher heraus.

Wenn "Verbundenheit sich mit Verbundenheit" verbindet, dann entsteht der Eindruck stofflich-fester Materie: Einem Tisch sehen wir nicht an, das er im wesentlichen aus (Atomkernen umgeben von einer Elektronenhülle, dazwischen ist) ‘Nichts’ besteht.

In einer präzisierten Sicht (die in unserer Alltagswirklichkeit kaum je vorkommt, aber durch die Quantenphysik klar beschrieben werden kann) ist Wirklichkeit ist nicht dingliche (=aus Materie geformte) Wirklichkeit, sondern Wirklichkeit ist reine Verbundenheit oder Potenzialität. Sie ist zugleich eine Dynamik, etwas Prozesshaftes.

In unserer metaphorischen Sprache 1) finden sich nur wenige Substantive, welche mit dieser  Verbundenheit sinnvoll assoziierbar sind. Dürr schlägt deshalb drei Substantive vor - Liebe, Geist, Leben - wenngleich Verben eher geeignet seien: leben, lieben, fühlen, wirken, sein.

Wirklichkeit impliziert zwar die Möglichkeit, sich unter gewissen Umständen als Materie und Energie zu manifestieren, aber sie ist nicht die Manifestation selbst, sondern weit mehr.

 

“Diese fundamentale Verbundenheit führt dazu, dass die Welt eine Einheit ist.”

Es gibt überhaupt keine Möglichkeit, die Welt in Teile aufzuteilen, weil alles mit allem zusammenhängt!

[Dies zeigt sich unter anderem im Phänomen der Verschränkung von Photonen, die in einer “spukhaften Fernwirkung” selbst über eine Entfernung von Lichtjahren verbunden bleiben. Siehe dazu die Erläuterung des Quantenphysikers Anton Zeilinger:

Intuitiv hat man dies wohl schon in der Antike erfasst, schließlich formulierte bereits Aristoteles:"Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile." Er erkannte auch, dass Kausalität (Ursachen, welche der Wirklichkeit zugrunde liegen) den Schlüssel bildet, um die Wirklichkeit zu erfassen.

Wo Alles mit Allem zusammenhängt, fällt jede Grundlage für ein reduktionistisches Realitätsverständnis weg: wir verstehen nicht, 'was die Welt im Innersten zusammenhält', wenn wir sie in ihre Bestandteile zerlegen und daraus schlussfolgern. Die entgegengesetzte Herangehensweise wird dadurch gestützt: Holismus (‘Ganzheitslehre’) lehrt, dass die Elemente eines Systems (einer „Ganzheit“) durch die Strukturbeziehungen vollständig bestimmt sind.

Hartgesottene 'Materialisten', die jede holistische Weltsicht (‘Alles ist Eins / Alles ist mit Allem verbunden’) als esoterischen Mumpitz abtun, mögen sich daran erinnern, dass Dürr durchaus als kritischer Rationalist gelten kann - zumindest im Hinblick auf seine naturwissenschaftlich konsequente Methodik.

 

Wirklichkeit ist “kreativ, offen, grenzenlos”

Anstelle von statischen Materie-Teilchen, die zeitlich mit sich selbst gleich bleiben, existieren kreative Prozesse“Etwas entsteht aus dem Nichts und vergeht im Nichts.” Diese Prozesse folgen in dem sich abzeichnenden Weltbild nicht der ursprünglichen Vorstellung von Evolution, denn die Schöpfung entwickelt sich nicht in der Zeit. Vielmehr ereignet sich die Welt in jedem Augenblick neu − aber mit der 'Erinnerung', wie sie vorher war. Sie wird nicht völlig anders, sondern sie ähnelt der Welt, wie sie vorher war.

Dürr spricht von einigen 'Langweilern', denen im Prozess der ständigen Neuschöpfung nichts anderes einfällt, als sich selbst wieder zu reproduzieren, also eine Kopie von sich zu machen.

“Diese letztlich uninteressanten Phänomene sind das, was wir als Materie oder Energie bezeichnen. Also alles, was sozusagen phantasielos ist, erscheint als Energie oder Materie (geballte Energie). Aber das ist es, woran wir uns orientieren!”

Hmm...zwar erahne ich ungefähr, was hiermit gemeint sein mag – wie lässt sich diese wichtige Erkenntnis auf die Normalität des menschlichen Daseins (= wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen) übertragen und für ein besseres Verstehen unserer Wirklichkeit anwendbar machen??
Die philosophische und ethische Konsequenz des ‘Alles ist Eins’ liegt theoretisch zwar auf der Hand – doch scheint uns die Wahrnehmung im Alltag das genaue Gegenteil aufzuzeigen (Individualität, Ich-Prinzip, Verlustängste, aber auch die ganz profanen, materiellen Zwänge des menschlichen Daseins).

Die zentrale Erkenntnis der neuen Physik mündet zudem in eine Richtung, die mit Normalität (unserem Alltagsverständnis mit seiner Unterscheidung zwischem Belebtem und Unbelebtem) kaum etwas gemein hat: Wirklichkeit – die Verbundenheit oder Potenzialität – scheint mehr Ähnlichkeit zu haben mit dem Lebendigen als mit dem Unbelebten. Denn sie hat keine Grenzen, sondern bildet ein offenes, dynamisches "unauftrennbares Ganzes", von dem Dürr sagt:

“Ich könnte diese Wirklichkeit als Geist charakterisieren. Dies hieße: Die Grundlage der Welt ist nicht materiell, sondern geistig. Und die Materie ist gewissermaßen die Schlacke des Geistes, sie bildet sich hinterher durch eine Art Gerinnungsprozess.”
Das alte, materielle Weltbild warf die Frage auf, wie es in einem Gefüge aus getrennter Materie und Wechselwirkungen möglich war, immer komplexere Formen zu bilden …bis schließlich Lebewesen und dann auch auch der Mensch entstand. Dagegen bleibt im 'neuen Weltbild' zwar das Eine oder Unteilbare das ‘Nicht-Zweihafte’, doch es beginnt sich zu differenzieren , ohne je die Gemeinsamkeit aufzugeben.
“Es wird die Differenzierung organisiert, nicht das Zusammenkommen von Getrenntem wie im alten Bild.”
Damit gewinnen wir ein gänzlich anderes Wirklichkeitsbild, das nicht länger von getrennten Einzel- bzw. Bestandteilen ausgeht.
Die Welt ähnelt gewissermaßen mehr einer befruchteten Eizelle, die anfängt sich zu teilen: Sie teilt sich aber gar nicht, es wird nur eine Membran eingeführt, so dass die linke Hälfte von der rechten etwas abgeschirmt wird, wie eine Hecke, aber keine Mauer. Es ist immer noch das eine System, aber man kann links unbekümmert etwas anderes machen als rechts.

Die Ähnlichkeit zu einem Hologramm drängt sich förmlich auf: Sämtliche Untersysteme des Ganzen werden sich immer auf das Ursprüngliche beziehen und auf diese Weise Bedeutung und Sinnhaftigkeit aus dem Verbleiben im Gesamtzusammenhang ableiten.-

Dürr bleibt nicht 'nur' in der mikrokosmischen Quantenwelt, sondern er versucht, dieses neue Weltbild in seiner Bedeutung für unsere täglich wahrgenommene Lebenswelt einzuordnen. Um dies zu ermöglichen, spreche er nicht länger von den Teilchen der klassischen Physik, sondern von komischen immateriellen Kleinstprozessen, die er als "Wirks" bezeichnet und so charakterisiert:

"Die sind so wimmelig wie die Ameisen in einem Ameisenhaufen.

Schüttelt man nun Menge ('Billionen mal Billionen') solcher Wirks gut durch, dann zeigt sich als durchschnittliches Verhalten tatsächlich wieder die klassische Physik - also der Anschein von Materie, strenger Naturgesetze etc.”

Die alte Physik mit der uns vertraute Mittelung (= dem Versuch, Beobachtungen auf einen Durchschnitt hin zu normieren) bedeutet stets eine vergröberte Betrachtung. Wie grob sie ist, hängt von der Zahl der Wirks ab. Was zeichnet nun aber Leben und Bewusstsein aus, wie wir es kennen?
Könnte es so sein, dass nur die tote Materie gut durchgeschüttelt und ausgemittelt ist, aber dass für lebendige Organismen diese Durchmischung auf irgendeine Weise behindert wird, so dass etwas von der Lebendigkeit am Grunde in unsere Welt nach oben schwappt?

Das Lebendige gleiche nicht einer fest verschraubten Maschine, die starren (determinierten) Abläufen folge, sondern rühre von chaotischen Bewegungen her, die auf statischen Instabilitäten beruhen, die allerdings innerhalb eines potentiellen Erwartungsfeldes liegen.

Aha...alles klar... Um zu verdeutlichen, was hierunter zu verstehen sei, verwendet Dürr folgende Analogie:

"Stehe ich auf einem Bein, dann bin ich instabil. Ich habe die 'Freiheit', in jedem Augenblick in jede Richtung fallen zu können. Nun habe ich aber ein zweites Bein, mit dem ich genauso auf der Kippe bin. Wenn ich anfange zu gehen, wechsle ich geschickt von einer Instabilität in die andere über. Die Kooperation von zwei Instabilitäten kann so zu einer Bewegung führen, die dynamisch stabil ist. Lebendigkeit ist dynamisch stabilisierte Instabilität.

Bei diesem Bild ist zu berücksichtigen, dass ein Bein beim Gehen immer den Fall abstützt. Gehen ist 'eigentlich ein ewiges Fallen', aber dazwischen muss müssen beide Beine abwechselnd gestreckt werden, was Energie erfordert. Lebendigkeit ist also nur möglich, wenn dem System ständig Energie zugeführt wird.

Unbelebte Erscheinungsformen entstehen durch Ausmittelung der Verbundenheit (Zulassen der Entropiewirkung?), die lebendigen Erscheinungsformen jedoch aus einer energetisch unterstützten dynamischen Stabilisierung statischer Instabilitäten.”

Das muss man (ich zumindest) einige Male lesen, um es ganz zu erfassen - am besten im → Originaltext. Einleuchtend ist zumindest, dass biologisches Leben ein Phänomen darstellt, welches energiereich, sensibel und instabil ist. Tod ist gleichbedeutend mit (vorübergehendem?) Energieverlust, mit Desorganisation in weniger komplexe Subsysteme, welche folglich weitaus stabiler sind.

 

Das Lebendige ist unwahrscheinlich

Der Lebensprozess läuft somit in entgegengesetzter Richtung zu den Prozessen der unbelebten Natur ab. Die unbelebte Natur geht in Richtung der größeren Unordnung (Entropie):
Ein differenziertes System, dass sich selbst überlassen wird (dem also nicht fortwährend Energie zur Aufrechterhaltung seiner spezifischen Ordnung zugeführt wird), tendiert zum weniger Differenzierten.

Das Paradigma des Unlebendigen lautet: In Zukunft passiert das Wahrscheinlichere wahrscheinlicher. Das Lebendige entwickelt sich jedoch in die umgekehrte Richtung, hier gilt: In Zukunft ist das Unwahrscheinliche nicht unwahrscheinlich. Die Evolution des Lebendigen beginnt mit einfachen Systemen und Organismen und 'endet' nach Milliarden Jahren mit wir einem hochkomplexen System namens Mensch - "das Unwahrscheinlichste, das man sich überhaupt vorstellen kann".

Die Evolution des Menschen ist die unwahrscheinlichste aller Entwicklungsgeschichten. Die energetische Grundvoraussetzung für die Entwicklung des Lebens auf der Erde wurde und wird durch die Sonne abgebildet, welche dauernd Energie zur Verfügung stellte. Sie ist die treibende Kraft, warum das Biosystem sich in Richtung höherer Differenzierung weiterentwickeln kann.
Aber Energie allein reicht nicht aus!

Beim Gehen muss ich das Bein jeweils im richtigen Augenblick strecken − ich brauche zumindest für die Konzeption des Gehens eine kooperative Intelligenz - eine Information im Hintergrund legt fest, in welchem Augenblick ich welches Bein wie bewegen muss. Das braucht Erfahrung, bevor eine Automatisierung (durch gespeicherte=erlernte Bewegungsabläufe) möglich wird. Das gilt für alle lebenden Prozesse (zumindest in ihrer 'Konzeptionsphase'). Lebendiges zeichne sich aus durch homöostatische Prozesse, die durch viele dieser Ausgleichsprozesse dynamisch im Gleichgewicht gehalten werden.

Eine ungeahnte Kooperation von Instabilität macht das ganze System zu dem, was wir die Biosphäre nennen. Eine phantastische Kooperation!

(Für mich ist faszinierend und phantastisch, dass ein Physiker im Zusammenhang mit dem Leben von kooperativer Intellgenz sprecht;-) Dürr spricht zwar in diesem Kontext nicht ausdrücklich von Gott, aber immerhin von Geist und Intelligenz als Voraussetzung für Leben)

 

Biosystem Erde - instabil, weil lebendig

Das Biosystem besitzt nicht den hierarchischen Charakter einer stabilen Pyramide, bei der ganz unten die einfachen Arten vegetieren, gefolgt von immer höheren Arten und an der Spitze der Mensch als komplexestes System und vermeintliche Krone der Schöpfung.

“Wir turnen nicht auf etwas herum, das absolut stabil und unzerstörbar ist.”

Eher gleicht das Biosystem mehr einem Kartenhaus: Jede Karte eine Instabilität, die sich alle wechselseitig bedingen und stützen. Das Biosystem ist freilich stabiler als ein Kartenhaus, weil es dynamisch stabilisiert wird. Kräftegleichgewichte und Balancen werden immer wieder neu justiert, damit das Ganze nicht einstürzt, falls sich das Gewicht oben verlagert. Die Natur ist auf Grund dieses eingespielten Stabilisierungsprozesses, ziemlich robust.

Nur deshalb ist das Bio-Kartenhaus trotz des großen Unfugs, den wir Menschen im Augenblick betreiben, bisher noch nicht zusammengestürzt.

Aber es lässt sich in etwa abschätzen, was noch an Belastungen fehlt, bevor das ganze Kartenhaus zusammenbricht, also die Biosphäre in ihrer Artenvielfalt und Kooperationsfähigkeit ernstlich beschädigt wird und damit der Mensch sich in tödliche Gefahr begibt. Mit anderen Worten: Das System Biosphäre ist instabil - und derzeit akut bedroht: Die beschleunigte Zerstörung der bioökologischen Diversität ganzer Lebenskomplexen ist in der Erdgeschichte wohl von einmaligen Ausmaß (vielleicht abgesehen von den wenigen Ereignissen, die ein Massensterben zur Folge hatten, wie etwa vor 65 Millionen Jahren).-  

 

Dürr auf die Frage nach dem Jenseits, einer Existenz nach dem Tode

"...Was wir Diesseits nennen, ist ja eigentlich die Schlacke, die Materie, also das, was greifbar ist. Das Jenseits ist alles Übrige, die umfassende Wirklichkeit, das viel Größere. Das, worin das Diesseits eingebettet ist. Insofern ist auch unser gegenwärtiges Leben bereits vom Jenseits umfangen.

Wenn ich mir also vorstelle, dass ich während meines diesseitigen Lebens nicht nur meine eigene kleine Festplatte beschrieben habe, sondern immer auch etwas in diesen geistigen Quantenfeldern abgespeichert habe, gewissermaßen im großen Internet der Wirklichkeit, dann geht dies ja mit meinem körperlichen Tod nicht verloren. In jedem Gespräch, das ich mit Menschen führe, werde ich zugleich Teil eines größeren geistigen Ganzen. In dem Maße, wie ich immer auch ein Du war, bin ich, wie alles andere auch, unsterblich."

Vortrag: Ganzheitliche Physik

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Zusammenhänge von Entropie, Unordnung sowie aktiver/reaktiver Ordnung werden hier umfassend erläutert und in den Kontext einer zyklischen, evolutionären Entwicklung des Lebens, des Bewusstseins bzw. des gesamten Universums gestellt.

1) “Die metaphorische Sprache ist eine Art einer natürlichen Sprache, die man sich aus den willkürlichen, aber bestimmten Wörtern baut. Deswegen gefällt sie so sehr”. Christoph Georg Lichtenberg

Mittwoch, 22. Februar 2012

Gibt es uns wirklich? - Und wenn ja - warum?

Was wir immer noch nicht wissen...

Einem Lehrer fiel es vor 400 oder mehr Jahren vermutlich leichter als heute, den endlosen Warum?-Frage seiner Schüler zu entkommen: Wurde es ihm zu bunt, durfte er sich jederzeit in eine absolute Aussage flüchten, z.B. "Nur Gott weiß, warum wir existieren." Und natürlich "Die Wege des Herrn sind unergründlich."

Heute gestattet uns ein relativer Pluralismus, alternative Erklärungsmodelle für den Kern und Ursprung dessen zu entwickeln, was wir 'Wirklichkeit' nennen. Ein neues Killerargument hat das frühere teilweise ersetzt: wer Gott außen vor lassen und die Warum?-Fragen dennoch abwürgen möchte, spricht statt dessen evtl. von der Singularität im Moment des Urknalls:


 "Und was war davor?"
 "Gibt es nicht...is' nich' definiert...!"

Wie Descartes und andere längst erkannt haben, bedingt die Tatsache, dass wir uns solche Fragen stellen und über unseren eigenen Ursprung nachdenken, eigentlich nur eines - ein (Selbst-)Bewusstsein:

Ob wir und die Materie um uns herum in etwa so beschaffen sind, wie es den Anschein der Wahrnehmung hat, ist zumindest fraglich. Wie in dem Matrix-Beitrag dargelegt, haben wir objektiv keine Möglichkeit der exakten Bestimmung, ob wir uns selbst nur erträumen oder nicht. Wir wissen nur: Ebenso wie der 'reale' Beobachter existiert auch der 'Träumer' - und er kann nicht bewusst auswählen, was er träumt und innerhalb welcher Rahmenbedigungen.
Die u.a. Filmdokumentation fasst mehrere Perspektiven zusammen und versucht, diese zu integrieren und zu interpretieren. 
Was ich dabei nach wie vor nicht verstehe: wie sollte das Wissen über Verlauf und Wesen des Urknalls eine Antwort auf die im Titel gestellte Frage liefern - wo, wie und was unsere Realität denn nun ist?
Auch wenn ich den Ursprung von Universum, Materie und Leben kenne, weiß ich immer noch nicht, ob ich diesen Ursprung 'träume'! Ein Multiversum mag ebenso real und 'materiell' sein wie ein einziges, zyklisches oder azyklisches Universum. Man kann es sich so einfach machen wie scheinbar "Paul Watzlawick:  
"Sogenannte Wirklichkeit ist das Ergebnis von Kommunikation."  
Doch erfährt man, wenn man diesen Weg verfolgt, mehr über die Wahrnehmung und ihre Tradition, d.h. Weitergabe durch die Generationen - als über die Beschaffenheit dessen, was wir da eigentlich wahrnehmen und woraus wir unser Bild konstruieren.



Realität von beobachteten Quantensystemen

Anstatt in Ferne und Vergangenheit zu schweifen, mag die mikroskopische Untersuchung, z.B. in der Quantenphysik einen gewissen Erkenntnisfortschritt ermöglichen - wie die Feststellung, dass der Beobachter zwangsläufig mit dem Gegenstand seiner Beobachtung interagiert.


Die Physik betrachtet im allgemeinen einen Beobachter als unterscheidbar von einem beobachtbaren Phänomen: Eine mathematische Beschreibung es zu Boden fallenden Steins muss bei Anwesenheit eines Beobachters nicht modifiziert werden; er Stein fällt gleich schnell und 'heftig' - ob jemand zuschaut oder nicht. Diese Voraussetzung lässt allgemeine Annahmen und Formeln (ein "Modell") und im Idealfall auch Vorhersagen zu, welche durch direkte Beobachtung oder in einem Experiment verifizierbar sind.

Wenn aber die Grenze zwischen Beobachter und dem beobachteten Objekt/System/Experiment nicht klar festgelegt ist, ist die Ableitung allgemeingültiger Vorhersagen infrage gestellt...der Untersuchungsgegenstand ist nicht länger ungestört.
Doch eben dieses Problem tritt in der Quantenphysik auf: Die Unterscheidbarkeit zwischen Beobachter und dem beobachteten Objekt bzw. System ist offenbar in der Skala (sub-)atomarer Teilchen und einfacher Moleküle nicht mehr gegeben: Dieser Einfluß ist sogar gewöhnlich so groß, daß er das Messergebnis zerstören kann.
Solange ein Elementarteilchen oder ein subatomares System nicht beobachtet wird, bildet die es Summe möglicher Wahrscheinlichkeiten zwischen Teilchen- und Wellenform - ein sog. Quantensystem. Wie ein Quantensystem 'wirklich' beschaffen ist, werden wir wohl nie erfahren, es kann schließlich nicht 'ungestört' beobachtet werden. Sobald eine Beobachtung (=Messung) erfolgt, zeigt sich die Wellen- oder Teilchennatur der subatomaren Teilchen. Übrigens lässt sich die Erscheinungsform durch die gewählte Beobachtungsmethode festlegen!

Zwar kann ein Quantensystem mathematisch exakt beschrieben weren, doch stellen diese sog. Wellenfunktionen stets eine Überlagerung aller möglichen Messergebnisse dar.


Die Wellenfunktion beschreibt in der Quantenmechanik den Zustand eines Elementarteilchens oder Systems subatomarer Skalierung von Elementarteilchen im 'Ortsraum'; sie impliziert eine Beschreibung aller Informationen einer Entität oder eines ganzen Systems (→ Kopenhagener Deutung, eine Interpretation der Quantenmechanik n. N. Bohr u. W. Heisenberg, → Schrödingergleichung)

Wird das Quantensystem "gestört" (durch Messung/Beobachtung), so "kollabiert" die Wellenfunktion: einer der vorherigen parallel beschreibbaren Überlagerungszustände manifestiert sich und konkretisiert die Lösung der mathematischen Gleichung. Diese aus vielen Wahrscheinlichkeiten hervortretende, manifestierte Zustand entspricht dann dem, was wir als "Wirklichkeit" bezeichnen. "Wahrscheinlichkeitswellen brechen zu einem Ereignis zusammen..."
Wie lässt sich dies verstehen?

Was wir normalerweise "Realität" nennen, ist das Resultat kollabierter Wellenfunktionen, also die Konkretisierung einer aus einer Vielzahl unterschiedlich großer Wahrscheinlichkeiten. Das 'gesamte Potenzial der Realität' auf der Quantenebene entspricht aber der Gesamtheit aller Wahrscheinlichkeiten.

Doch wie verhält es sich, 'wenn niemand hinsieht', d.h. ohne Einfluss eines Beobachters. Welche "Realität" entspricht den noch überlagerten Wellenfunktionen, bevor sich eine von ihnen manifestiert hat?
Für die Interpretation des Verhaltens von Qunatensysteme bestehen - vereinfacht dargestellt - zwei Standpunkte:
  • Es gibt "in Wirklichkeit" eine definierbare Position und Geschwindigkeit von Elementarteilchen. Heisenberg's Unschärferelation würde in diesem Fall lediglich besagen, dass wir nicht beides gleichzeitig messen können.
  • Die Realität des Elementarteilchens (Position und Geschwindigkeit) wird erst durch die Messung/Beobachtung des Elektrons geschaffen.
Beide Alternativen sind wenig befriedigend, auch deshalb soll diese Überlegung soll hier nicht zu weit getrieben werden - sie ist ebenso abstrakt wie die eigentümlich anmutende Frage, ob der Mond noch da ist, wenn niemand ihn anblickt... die konkrete Bedeutung solch einer 'Quantenrealität' für unsere Alltagswirklichkeit ist schwer erkennbar...:
"Während die menschliche Intuition - und ihre Erscheinungsform in der klassischen Physik - eine Wirklichkeit entwirft, in der die Dinge stets eindeutig entweder so oder so sind, beschreibt die Quantenmechanik eine Wirklichkeit, in der die Dinge manchmal von einem Dunstschleier umgeben sind, in dem sie teils so und teils so sind." Brian Greene
Der Zeitpfeil - die Asymetrie zeitlicher Abläufe
Wie aber sieht es mit der erfahrbaren Realität aus, also der Summe dessen, was nicht nur der Quantenexperte, sondern jeder von uns als real und alltäglich erlebt? Ein wesentlicher Aspekt unserer so alltäglichen Wirklichkeit ist der 'Zeitpfeil ' - die Asymetrie zeitlicher Abläufe.
Der Zeitpfeil steht für die Vorstellung einer eindeutigen und gerichteten Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Jeweils verschiedene Bedeutungen verbinden sich mit dieser Vorstellung in den Wissenschaften, aber auch im Alltag: Objekte und Prozesse schreiten sich mit/in der Zeit in eine bestimmte Richtung fort, die unumkehrbar ist. Offensichtliche Beispiele hierfür sind die Alterung von Lebewesen bis hin zu ihrem physischen Tod, das Denaturieren von Eiweißen ab einer Temperatur von ca. 42 Grad oder einfach das Abbrennen und Schmelzen einer Kerze.

Diese Asymmetrien dominieren unser ganzes Leben und prägen m.E. die Perspektive, aus der wir unser Dasein betrachten:
"Die Unterscheidung zwischen vorwärts und rückwärts in der Zeit ist ein bestimmendes Element der Erfahrungswirklichkeit."
Bestünde eine Symmetrie des Zeitpfeils in Vergangenheit und Zukunft, hätten wir es mit einer diametral anderen Lebenswirklichkeit zu tun: Wir hätten genauso umfangreiche Erinnerungen an die Zukunft wie an die Vergangenheit; der Lebensverlauf von der Geburt über Altersstufen bis zum Ableben wäre nicht vorhanden bzw. nicht selbstverständlich usw.

Diesem Phänomen kommt im Hinblick auf die Frage 'Reale oder geträumte Wirklichkeit?' einige Bedeutung zu. Für mich persönlich ist gerade dieser Zeitpfeil ein wesentlicher Knackpunkt im Verständnis von Realität: In vielen Weltanschauungen und spirituellen Lehren wird dargelegt, die Zeit sei eine Illusion und 'in Wahrheit' fände alles jemals Geschehene im Jetzt (=in diesem, einzigen, ewigen Augenblick) statt. Ich möchte nicht so anmaßend sein, dies zu bezweifeln, aber ich verstehe den Grund dieses (scheinbaren?) Widerspruchs noch nicht: Weshalb findet sich der Zeitpfeil als zentrale Eigenschaft unserer Wahrnehmung nicht in den Naturgesetzen wieder?

Aus Sicht der Naturwissenschaft besteht kein Gesetz als Ursache für diese Asymmetrie der Zeit! Wenngleich der Zeitpfeil für uns die fundamentalste Eigenschaft der Zeit überhaupt ist, wird jede Zeitrichtung - 'vorwärts wie rückwärts' - von den Naturgesetzen völlig gleich behandelt.
"Das ist der Ursprung eines großen Rätsels. In den fundamentalen Gleichungen der Physik gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass sie eine Zeitrichtung anders als die anderen behandeln, und das befindet sich in völligem Gegensatz zu allem, was wir erleben."
Brian Greene - Der Stoff, aus dem der Kosmos ist
Greene stellt fest: Um die überzeugendste Lösung für diese Abweichung zwischen Physik und Erfahrung zu finden, sei man dazu gezwungen, sich dem Anfang des Universums zuzuwenden (der Kreis schließt sich ... allmählich...):

Die einzigartigen physikalische Bedingungen zu Beginn des Universums (eine extrem geordnete Umwelt während oder kurz nach dem Urknall) habe der Zeit eine Richtung aufgezwungen - ähnlich einer Uhr, die man aufzieht und dadurch ihre Feder in einen extrem geordneten Ausgangszustand bringt und somit erzwingt, dass sie vorwärts ticken wird...

Gelöst ist das eigentliche Rätsel (das Fehlen eines Naturgesetzes für den unumkehrbaren Zeitpfeil) damit aber auch nicht, es wurde lediglich in die Kosmologie verlagert und durch eine Analogie veranschaulicht. Eher wurde das Rätsel noch ein Stück komplexer: Die seit den 70er Jahren gefeierten Urknallmodelle liefern keine Erklärung, warum das Universum in seinen allerersten Anfängen einen so extrem geordneten Zustand aufgewiesen haben könnte - was die Erklärung des Zeitpfeils ja ausnahmsweise voraussetzt.

Greene gibt zu, was Hawking ('Unser Universum brauchte keinen Schöpfer, um zu entstehen') verschweigt:
"Der theoretischen Physik fehlen (an der Schnittstelle zwischen Relativitäts- und Quantentheorie) die mathematischen Werkzeuge, gerade die erste Phase des Urknalls zu analysieren, die zudem Experimenten nicht zugänglich ist. 
Da Raum und Zeit sehr eng mit diesem noch unzugänglichen Ursprung des Universums verflochten sind, werden wir Raum und Zeit nur vollständig verstehen, wenn wir Gleichungen finden, welche die extremen Bedingungen (nicht Sekundenbruchteile nach, sondern zum Zeitpunkt des) Urknalls bewältigen. Vor diesem Hintergrund hat der Wettlauf zur Entwicklung einer sog. vereinheitlichten Theorie, einem allumfassenden Erklärungsmoell, längst begonnen."

Vereinheitlichte Wirklichkeit?
Wie aber steht es um das Bemühen der Physiker um eine Beschreibung der Natur, durch die unterschiedliche, auf den ersten Blick unvereinbare Erscheinungen tatsächlich von einem einzigen Satz physikalischer Gesetze bestimmt werden?

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, zeigen doch die vielversprechensten Modellansätze - Superstringtheorie und M-Theorie - dass unsere 'wirkliche Wirklichkeit' sich aus neun bzw. 10 räumlichen Dimensionen plus einer zeitlichen Dimension zusammensetzen könnte. Sollte sich dies bewahrheiten, wird eine irritierende Erkenntnis unausweichlich: bisher haben wir nur einen kläglichen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrgenommen ...oder um mit Greenes Worten zu sprechen, die uns vertraute Wirklichkeit sei nur ein zarter Schleier, der über eine dicht und reich gewebte kosmische Struktur gebreitet ist.

An unserer sinnlichen Wahrnehmung wird sich ohnehin kaum etwas ändern, denn diese theoretischen Raumdimensionen sind unsagbar winzig.

Die Abweichung zwischen begrenzter Wahrnehmung und der Reichhaltigkeit allen Seins ist in ihrem Ausmaß zwar immer wieder erstaunlich - aber nicht neu an sich. Wir können aus dieser Tatsache in Verbindung mit neurobiologischen Untersuchungen (z.B. des Sehvorgangs) mit Sicherheit schließen, dass unser Gehirn eine persönliche Realität konstruiert. Aus dem Phänomen des Zeitpfeils erkennen wir, dass neben der Wahrnehmung auch unser gesamtes Realitätsverständnis erheblich von dem abweicht, was sich naturwissenschaftlich beschreiben lässt.


Zurück zur Ausgangsfrage...

Doch  die Kernfrage - 'geträumte oder reale, materielle Wirklichkeit?' - bleibt weiterhin unbeantwortet. Mir persönlich hilft an dieser Stelle erst mal ein unvollkommenes Konstrukt weiter:
  • Träume lassen sich in gewisser Weise mit einem Film vergleichen: Beide sind reproduzierbar und sie sind in hohem Maße modifizierbar:
    Einen Film oder einen Traum über ein zerbrochenes Ei kann ich so weit verändern, dass da Ei zuerst zerbrochen war und später wieder intakt ist. Im Film verändere ich die
    Reihenfolge der Bilder, beim Traum ist es etwas schwieriger - aber mit einiger Übung und Willensanstrengung ebenfalls möglich, dass ich mich zum Schluss über ein vollständig wiederhergestelltes Ei freue. Mit anderen Worten: in einer imaginären, ohne materiellen Bezug konstruierten Realität existiert der Zeitpfeil nicht zwangsläufig.
  • In der Erlebenssphäre, die ich für meine 'wahre Realität' halte, gilt der Zeitpfeil. Er kann nicht außer kraft gesetzt werden und die zeitliche Abfolge wesentlicher Daseinselemente bleibt irreversibel. Das Ei bleibt kaputt und ein verstorbener Körper bleibt tot (Grenzfälle außen vor gelassen).
    Wenn wir mal Schrödingers Katzenkiste ignorieren, ist es außerdem nicht vorstellbar, dass bestimmte Zustände gleichzeitig bestehen: der Körper eines mehrzelligen Lebewesens kann nicht gleichzeitig lebendig und tot sein, und das Ei kann ebenfalls nur einen eindeutigen Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt einnehmen.
Aus den vorgenannten Unterschiedlichkeiten glaube ich schließen zu können, dass meine gegenwärtige Realität nicht erträumt ist, sondern erkennbar einen realen, materiellen Aspekt hat. Zumindest existieren Fakten, die ich innerhalb meines subjektiven Realitätssystems offenbar nicht beeinflussen kann. Dennoch erscheint es mir wahrscheinlich, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt (etwa nach dem physischen Tod) in einen anderen Zustand (eine veränderte Realität) eintrete, für den sehr wohl abweichende Gesetze gelten mögen.

In einer geistigen, allein dem Bewusstsein zugänglichen Wirklichkeit muss nicht zwingend eine Zeit(folge) bestehen; m.E. sprechen Anzeichen dafür, dass die Zeit allein in der materiellen Welt notwendige Funktionen besitzt.
Zugegeben: Bewiesen ist damit selbstverständlich rein gar nichts. Die Vorstellung von einer illusionären, wenn auch höchst realistisch anmutenden Realität lässt sich letzten Endes nicht widerlegen.



Sisyphos und die Sinnsuche
So viel Komplexität zwischen Wissenslücken, deren Erfassung ebenso komplex ist - welche Chance hat ein Laie wie ich mit typisch 'gefährlichem Halbwissen' in diesem Dschungel denn überhaupt, sich auch nur ein rudimentäres Realitätsverständnis zu erarbeiten?

Albert Camus (Der Mythos von Sisyphos) meint in diesem Kontext: Als Sisyphos auf alles verzichte, was jenseits seiner unmittelbaren, persönlichen Erfahrung lag, und aufhörte nach dem tieferen Sinn von Allem zu suchen, habe er triumphiert. Doch was bedeutet dies konkret? Sich durch krampfhaftes Nicht-über-den-Tellerrand-Hinausblicken mit dem oberflächlichen Schein zu begnügen und so eine relative Pseudo-Zufriedenheit anzustreben?
Solch eine 'Sicherheit' würde sich allein auf die fragwürdige Hoffnung gründen, das Ausbleiben neuer Impulse werde auch neuerliche Verunsicherungen umgehen. Dem ziehe ich das gegenwärtige Halbwissen eindeutig vor, weil es wenigstens ein theoretisches Wachstumspotenzial hat!

Und doch schmunzele ich über meinen Wunsch, mögliche Antworten "Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ (42 ?!?) zu verstehen, während Greene dieses Ansinnen für die Spezies Mensch so charakterisiert:
"Für eine Tierart, die nach kosmischer Zeitrechnung gerade erst den aufrechten Gang gelernt hat, ist die Aufgabe wahrhaft gewaltig."
Werden wir jemals über das Stadium der interpretierenden Projektion von Wirklichkeit aufgrund subjetiver Wahrnehmungsfragmente hinaustreten und erkennen können, 'was wirklich ist'? Es verwundert es nicht, dass auch der eingangs erwähnte Paul Watzlawick im wesentlichen bei der Diagnose verharrt, wie merkwürdig das Verhältnis von uns Menschen zu 'unserer' Wirklichkeit doch sei:
Seiner Auffassung nach ist "...das wacklige Gerüst unserer Alltagsauffassungen der Wirklichkeit im eigentlichen Sinne wahnhaft, und wir sind fortwährend mit seinem Flicken und Abstützen beschäftigt - selbst auf die erhebliche Gefahr hin, Tatsachen verdrehen zu müssen, damit sie unserer Wirklichkeitsauffassung nicht widersprechen, statt umgekehrt unsere Weltschau den unleugbaren Gegebenheiten anzupassen." 
Ferner sei der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, die gefährlichste all dieser Selbsttäuschungen; vielmehr gebe es zahllose Wirklichkeitsauffassungen, die teilweise sehr widersprüchlich zueinander seien - sie alle seien das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger, objektiver Wahrheiten... 
Wenn das so stimmt, hätte ich gerne mal mit Kaspar Hauser gesprochen... ;-)


Dokumentation: Was wir immer noch nicht wissen




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