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Dienstag, 14. Februar 2017

Pantheistischer Idealismus (II)

Dieser Beitrag setzt die 'Gedanken über das Buch 'Gottes geheime Gedanken' von Volker Becker fort. Zum Einstieg sei auch das Interview mit dem Autor empfohlen.-

Determinismus und Chaos

Determinismus bezeichnet die Auffassung, dass zukünftige Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind während der Indeterminismus davon ausgeht, dass Ereignisse möglich sind, die auch hätten anders eintreten können.
Üblicherweise wird "Determinismus" auf Naturereignisse bezogen - gestützt auf die Annahme, dass strikte Naturgesetze über sämtliche natürlichen Prozesse regieren. Schon in der Physik wird kontrovers diskutiert, ob die Unmöglichkeit exakter Vorhersage (Berechnung) zukünftiger Ereignisse nur aus einem Mängel in unseren Modellen resultiert - oder dadurch zu erklären ist, dass die Wirklichkeit selbst nicht deterministisch ist.
Erst recht umstritten ist Determinismus in Bezug auf geistige Zustände und Vorgänge: wenn diese ebenfalls natürliche Zustände (und somit auch determiniert) sind, scheint ein Konflikt mit dem Postulat eines freien Willens zu bestehen. Ob dieser Gegensatz besteht, ist ebenso umstritten wie die jeweiligen Konsequenzen...

Das Chaos ist ein (scheinbarer) Zustand vollständiger Unordnung oder Verwirrung. Die Chaosforschung (Komplexitätstheorie) untersucht Ordnungen in dynamischen Systemen, deren Dynamik unter bestimmten Bedingungen empfindlich von den Anfangsbedingungen abhängt, sodass ihr Verhalten nicht langfristig vorhersagbar ist (oder scheint). Wie V. Becker in seinem Buch zeigt, unterliegen allerdings chaotische Systeme (und solche, deren Komplexität wir noch nicht erfasst haben und sie daher als chaotisch bezeichnen) ebenfalls der Kausalität .

In diesem Kontext fällt der Begriff des Deterministischen Chaos - ein irregulär erscheinendes chaotisches Verhalten, welches jedoch den Regeln einer deterministischen Dynamik folgt. Das Systemverhalten kann nicht  reproduziert werden, weil eine Nicht-Reproduzierbarkeit der (exakten) Ausgangsbedingungen besteht... 
Vielleicht habe Gott eine in sich gegensätzliche Welt - Determinismus und Chaos - gewollt. Er kenne die Parameter der deterministisch regierten Welt, denn alles sei (für Gott) vorhersehbar und aufgrund festgelegter Anfangsbedingungen berechenbar. Göttliche Eingriffe - sog. 'Wunder' - würden sofort auffallen, wenn sie den Naturgesetzen widersprechen. 
Übrigens gehen auch etliche Theologen davon aus, Gott habe sich selbst den von ihm geschaffenen Gesetzen unterworfen und insoweit seine eigene Handlungsfreiheit beschränkt! Darin eine Beschränkung der Allmacht Gottes zu sehen, halte ich für einen Fehler.
Nach vielen religiösen Vorstellungen bilden Wunder eine örtlich und in ihrer Auswirkung begrenzte Abweichung von den Natur, durch die Gott sein Wirken demonstriere. Wenn Gott allerdings unvorhersehbare, chaotische Systeme erschafft, deren Verläufe und Ausgang auch ihm unbekannt sind, dann lässt er dem 'freien Willen' weitaus mehr Raum und hat jederzeit die Möglichkeit der Intervention, ohne das Ganze der Inkonsequenz zu opfern. Minimale Eingriffe/Veränderungen seinerseits blieben von uns unbemerkt und hätten dennoch große Auswirkung.

Ist die Unterscheidung zwischen chaotischen und deterministischen System nicht eher ein Ausdruck unserer unvollkommenen Erkenntnisgewinnung? Nicht-Reproduzierbarkeit und Unvorhersehbarkeit beweisen m.E. lediglich, dass der Mensch die Komplexität vieler Systeme weder insgesamt beschreiben noch verstehen kann. Dass alle Dynamik, alle einander bedingenden Vorgänge und Konsequenzen ohne Ausnahme dem Gesetz der Kausalität unterliegen, ist m.W. eine Tatsache. Mir fallen da nur zwei Ausnahmen ein: der Urknall - und auch nur dann, wenn sich die These einer zyklischen Abfolge von Universen als unzutreffend erweisen sollte - und Gott, wenn man von der Existenz eines Schöpfergeistes ausgeht, der einst  auch die Kausalität geschaffen hat.


Übrigens spricht Becker hier von "Gott als letzter Ursache". in der Quantenphysik besitzen subnukleare Teilchen keine unabhängige Realität, bevor sie nicht durch einen Bewussten Beobachter (Messung) an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit in die Realität gehoben werden. So gesehen könnte Gottes Geist durch Beobachtung dem menschlichen Geist Realität verleihen...damit wäre Gottes Geist tatsächlich die letzte Ursache.

Becker stellt hier einen Bezug zwischen Wissenschaft und östlicher Philosophie (→ Taoismus) her - wenn ich seine Ausführungen richtig verstehe, lassen sich antagonistische (gegensätzliche) Teilaspekte des Seins bzw. des einzelnen Lebens auf einer höheren Ebene zu einem neutralen Ganzen verbinden, sie bilden als Gesamtheit einem harmonischen Zustand.
Besteht hier eine Parallele zu dem Merkmal der Dualität, dem wir in jedem Lebensbereich begegnen? Hans Dienstknecht beschreibt in seinen Büchern (z.B. "Alles endet im Licht), dass in unserer materiellen Welt das Licht(wie auch die Liebe) erst durch Gegenüberstellung des Antagonisten, etwa der Finsternis, in seiner Besonderheit wahrnehmbar werde.
Quantenphysik und holistisches Weltbild
Eine Kernthematik der östlichen Philosophien ist die Auffassung, das 'alles mit allem verbunden ist'. Die westliche Herangehensweise der Physik sei reduktionistisch, d.h. sie zerlege das ein beobachtetes System immer weiter in seine Einzelteile bzw. -aspekte, bis sich diese Fragmente erfassen und halbwegs genau bechreiben und vermessen lassen. Dieses Vorgehen verleitet allerdings dazu, den Blick für das Ganze zu verlieren und sich einzubilden, das Wesen von 'Allem was ist' allein aus den Eigenschaften einiger winziger Fragmente zu verstehen.

"Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile."

...leuchtet ein, allein wenn wir an unseren eigenen Körper eigen. Mit Bezug auf die implizite Ordnung des Quantenphysikers David Bohm beschreibt Becker ein holistisches (vereindacht: ganzheitliches) Weltbild, in dem die Realität nicht in einzelne Bausteine teilbar ist, sondern als bruchloses Ganzes aufgefasst wird. Wie Bohm kritisiert er die reduktionistische Aufsplittung der Welt in Einzelteile - Versuche auf der Ebene der Quanten zeigten, dass alle Teilchen zumindest auf dieser Skalierungsebene ein und dasselbe sind.

"Es gibt keine zwei Teilchen, die miteinander in Wechselwirkung treten."

Alles Sein gehe vielmehr aus einer holistischen Gesamtheit hervor. Das unabhängige Sein sei lediglich eine Illusion in unserer begrenzten Wahrnehmung. Auch wenn diese Ganzheit von Allem schwer borstellbar ist, werden durch diese Sichtweise mehrere Probleme aufgelöst, welche die Quantenphysik aufwirft:
  • Offensichtlich kann der Beobachter nicht als getrennt oder unabhängig vom Gegenstand seiner Beobachtung angesehen werden. Im Gegenteil - beider interagieren und beinflussen einander, sind demnach auf einer höheren Ebene miteinander verbunden.
  • Die quantenmechanische Verschränkung (jene 'kommunikative Verknüpfung' zwischen subatomaren Teilchen, die auch noch über Billionen Kilometer in Echtzeit wirksam ist) von zwei Teilchen würde erfordern, dass diese in Überlichtgeschwindigkeit miteinander kommunizieren - was nach Einstein aber nicht möglich ist. Werden die Teilchen aber als untrennbare Einheit angesehen, besteht keine Notwendigkeit mehr zur 'unwahrscheinlich schnellen' Informationsübertragung. "
    ...Quantenteilchen können so miteinander vermischt und verbandelt werden, dass sie in mancher Hinsicht zu einem System werden. In diesem "verschränkten" Zustand lebt sozusagen eine einzige Teilchenseele in zwei Teilchenkörpern. 
    Bemerkbar macht sich diese Verschmelzung in Experimenten, bei denen zwei verschränkte Teilchen in unterschiedliche Richtungen geschossen werden und in vielen Kilometern Abstand auf getrennte Messapparaturen stoßen. Sobald das eine Teilchen gemessen wird, nimmt nicht nur es selbst einen exakten Zustand ein, sondern auch sein verschränktes Gegenstück. Sofort. Egal, wie weit die beiden voneinander entfernt sind."
    (aus "Wie real ist die Wirklichkeit?", physikclub.de)
Soweit mir bekannt, wurden die quantenmechanischen Effekte auf subatomarer Ebene nachgewiesen und bislang maximal für Moleküle nachgewisen, die sich aus bis zu 64 Atomen zusammensetzen (sog. Fullerene) - nicht aber für größere, geschweige denn sichtbare Objekte. Von daher geht Becker m.E. ein Wagnis ein, wenn er von den Quanteneigenschaften auf das gesamte Universum mit all seinen Größenskalen schließt. Seine Begründung für diese Annahme: Schließlich bestehen alle Subjekte aus eben diesen winzigen Quanten. Deshalb existiere kein Ding aus sich heraus allein, nichts könne isoliert betrachtet werden, ohne die Abhängigkeit 'vom Ganzen' einzubeziehen. 

Auch wenn man nicht so weit geht, diese Ganzheit auch auf soziale Systeme und Strukturen auszudehnen, stellt diese Sicht der Dinge (bzw. des einen großen Dings) unseren 'gesunden Menschenverstand' ziemlich auf den Kopf. Becker verweist auf den Umstand, dass die in unseren Neuronen ablaufenden Vorgänge 'so klein' seien, dass quantenmechanische Implikationen nicht ignoriert werden können. Dabei müssten wir im Grunde von selbst darauf kommen, dass die Dinge nicht so sind wie sie uns erscheinen: 


Offensichtlich ist, dass wir aufgrund unserer begrenzten und dadurch selektiven (Sinnes-)Wahrnehmung eine subjektive Realität um uns herum konstruieren - ein sehr begrenzter Ausschnitt dessen, was möglich ist. "Jedes Lebewesen lebt in seiner eigenen Welt". 


Der indisch-amerikanische Physiker Amit Goswami betrachtet Bewusstsein als die einzige wahre Realität - die Realität eines Individuums besteht zu einem bestimmten Zeitpunkt aus der Summe dessen, was ihm bewusst ist. Nach seiner Interpretation widerlegt die Quantentheorie den materialistischen Realismus: Trifft es zu, dass erst der beobachtende Geist ein Objekt real werden lasse, dann hat sich die Annahme erledigt, dass außerhalb von uns ein materielles Universum existiert. - "Das Bewusstsein kann den Weg eines Quantenteilchens selbst dann noch verändern, wenn wenn es diesen Weg schon gegangen ist!"


"Wenn der Materialismus die Seele abgeschafft hat,
so hat Goswamis Idealismus den Leib abgeschafft."


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Viele Phänomene und Begriffe werden in Beckers Büchern aufgegriffen, aber nicht bis ins letzte Detail erläutert (was auch gar nicht möglich wäre, ohne den roten Faden zu verlieren). Zum Verständnis der quantenmenchanischen Grundlagen bietet die Abhandlang Informationen über Quantenmechanik einen ersten Überblick; von Interesse sind evtl. auch einige Angaben zum Doppelspalt-Verusch. Als verständliche und detaillierte Abhandlung zur Quantenphysik halte ich das Buch "Einsteins Schleier - Die neue Welt der Quantenphysik" von Anton Zeilinger für sehr geeignet. Als Einführung in Albert Einsteins Relativitätstheorien empfinde ich das Buch von Thomas Bührke mit dem naheliegenden Titel E=mc2 als hilfreich. 

Letzte Bearbeitung: 28.10.202021
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Montag, 13. Februar 2017

Pantheistischer Idealismus (I)

Gedanken zum Buch "Gottes geheime Gedanken" v. Volker J. Becker  

An den Anfang seines Buches stellt Becker folgenden kurzen Text über ein Wesen namens "Llixgrijb":
Stellen wir uns doch einmal einen Bereich vor, in dem es keine Höhe, Breite, Tiefe oder Zeit gibt... Stellen wir uns ein Wesen vor, das in diesem Bereich lebt. Ein Wesen namens Llixgrijb. Stellen wir uns vor, das arme Llixgrijb sitzt in einer Art extradimensionalem Einsturz gefangen... Es gibt kein Entrinnen. Aber Llixgrijb kann nicht sterben. Sein Bewusstsein dauert an, ganz auf sich gestellt und in alle Ewigkeit – wie immer in solch einem Bereich Ewigkeit aussehen mag – absolut paralysiert. 
Wie würden wir uns in dieser Situation verhalten?
Wir würden Welten in unserem Geist erschaffen, Welten in uns selbst...
Llixgrijb schuf sich ein Universum..."
Einleitend stellt der Autor die Frage in den Raum, ob eine Synthese zwischen theoretischer Physik und fernöstlicher Mystik herstellbar sei. Nachdem man sein Buch gelesen hat, hält man eine solche Synthese zumindest für denkbar; jedenfalls erging es mir so. Natürlich ist Becker nicht der erste kluge Kopf, der sich mit dieser Fragestellung auseinander setzt. Lange zuvor hatten unter anderem der Kirchenlehrer Origenes und auch die Katharer konkrete Ansätze in dieser Richtung entwickelt, z.B. die Reinkarnationslehre betreffend. Und noch ein Effekt bewahrheitet sich:
  • Becker: "Je tiefer man eindringt, um so mehr Fragen stellen sich eigentlich."
  • Goethe: "Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß; mit dem Wissen wächst der Zweifel."
Wenngleich der Buchtitel 'Gottes geheime Gedanken' etwas plakativ daherkommt, fand ich das 2006 erschienene Buch von Volker Becker überaus lesenswert - eine erläuternde Zusammenfassung der neuesten philosophisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse, die der Autor durch eigene Überlegungen weiterführt.

Volker J. Becker geboren 1967, studierte neben seiner beruflichen Tätigkeit als Industrietechniker Philosophie und theoretische Physik. Er beschäftigte sich auch intensiv mit östlichen Religionen, dem Hinduismus, Taoismus und Buddhismus. Bis jetzt sind zwei Bücher von ihm erschienen: 'Gottes geheime Gedanken' und 'Am 8.Tag schuf Gott den Zweifel'. Das u.a. Interview mit dem Autor vermittelt Eindrücke über den aktuellen Stand des naturwissenschaftlichen Weltbildes und weckt zugleich mit einer breiten Themenliste ("ein Brückenschlag zwischen Philosophie, Wissenschaft, Parapsychologie, Grenzwissenschaft und Mythologie") mein Interesse, viele diese Felder durch zusätzliche Lektüre zu vertiefen.


Das Problem jedes Schriftstellers mag in der Vermittelbarkeit (populär-)wissenschaftlicher Forschungsresultate liegen, wenn er Phänomene wie Schrödingers Katze einem breiten Publikum nahebringen möchte - manchmal kommt Verbalakrobatik heraus wie "Die super-positionierte Katze ist gleichzeitig lebendig und tot"...hä?!? 

(→Vgl: "Die untote Katze von Erwin Schrödinger")
Becker stellt sich dem mutmaßlichen Wissensdefizit seiner Zielgruppe recht systematisch und legt zunächst einige Grundlagen, die er gekonnt auf den Punkt bringt.

Zum Beispiel: "Eine wissenschaftliche Theorie ist ein Modell, welches mit physikalischen Gesetzen und Axiomen untermauert bzw. mathematisch bewiesen worden ist." That's it. Verstanden und Akzeptiert. Ohne endlose Abhandlungen über wissenschaftstheoretische Prinzipien zu lesen.

Freilich ließe sich daran feilen und die Aspekte der Reproduzierbarkeit, der Übertragbarkeit/Vorhersage sowie des Messens und Beobachtens anfügen, doch zum Verständnis dieses Buches ist das nicht notwendig.

Recht schnell wird der Finger in die Wunde der modernen Physik gelegt, die mit ihrer Urknall-Theorie darin versage, den tatsächlichen Anfang der Existenz von Allem zu erhellen. "Die sogenannte Singularität, ein Raumpunkt unendlicher Dichte, unendlicher Gravitation, das Ende von Raum und Zeit" ist nicht mehr als ein Punkt, an dem die Wissenschaft mit den heute verfügbaren Theorien und Modellen nicht mehr weiter kommt. Dagegen will sich Becker dem "was davor war" - was den Urknall verursachte, warum Raumzeit, Materie und Energie entstanden sind - durch gedankliche Sophistik nähern.



Schon die alten Griechen entwickelten eine Sophistik: Um sich eigene Meinungen zu politischen und gesellschaftlich relevanten Fragen zu erarbeiten und diese auch zu vertreten, eigneten sie sich das Rüstzeug an, argumentative Prozesse erschließen und die eigenen Gedanken ausdzurücken. Dies schloss umfangreiche Sachkenntniss und eine hervorragende Rhetorik ein.

Die von Erwin Hubble nachgewiesene Expansion des Universums könne man sich vorstellen, "als wäre man eine Ameise, welche auf einem Luftballon herumkrabbelt, der gerade aufgeblasen wird. Egal in welche Richtung die Ameise schaut, alles scheint sich von ihr zu entfernen, jeder Punkt der Ballonoberfläche."
Diese Gerichtetheit des Kosmos bedinge auch, dass wir einen psychologischen Zeitfluss, einen Zeitpfeil empfinden: mittels visueller Techniken lassen sich kosmologische Zustände der Gegenwart und Vergangenheit festhalten und vergleichen. Dieser Vorgang zeigt, dass das gesamte Universum irreversibel dem thermodynamischen Gleichgewicht, der größten möglichen Entropie ('Unordnung') entgegenstrebt. Becker folgert daraus:



"Das Universum hat in einem Zustand perfekter Ordnung begonnen! Diese ist ein Anzeichen für einen geplanten Schöpfungsakt!"

Gleich nach dem Urknall setzt dann eine einer Kausalkette von Ereignissen ein, durch die im Ergebnis das heute beobachtbare Universum hervorgebracht wurde. Raumzeit könne nach Hawking aus der Raumzeit selbst aufgrund von Quantenfluktuationen ohne Ursache aus dem Nichts entstanden sein - für mich unbefriedigendend, denn wo fluktuieren jene Quanten (Teilchen) und wohin, solange doch noch kein Raum existiert?
Und: wo kommen diese Quanten her? Und woher stammt die Energie, welche diese Quanten 'motiviert'? Die Idee der Entstehung von Materie aus dem Nichts ("so wie bei Baron Münchhausen, welcher sich selbst an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht") zeigt m.E. lediglich, wie 
lückenhaft unser Erkenntnisfortschritt hier noch ist. Falls dieser Punkt des eigentlichen Urknalls wirklich eine Singularität sei, werde der Mensch womöglich niemals imstande sein, ihn zu ergründen. 

Braucht das Universum einen Schöpfer?

Nun aber folgt der interessanteste Teil des Gedankengangs: Die Theorie der Entstehung eines Universums aus dem Nichts lasse einen Schöpfer zunächst überflüssig erscheinen - aber: wenn es 'vorher' weder Raum noch Zeit, sondern nur das Nichts gab - woher stammen dann die erforderlichen physikalischen Gesetze, welche die Entstehung eines Universums erst ermöglichen? 'Irgendwo' müssten diese Gesetze schon vorher 'transzendent existiert haben'.
Becker sieht hier einen Raum für einen Schöpfer, der gleich einem Komponisten die Gesetze für die Entstehung seines Werkes erdacht hat. Diese schöpferische Kraft müsse dann raum- und zeitlos existieren, denn sie war ja schon vor dem Urknall da, als es weder Raum noch Zeit gab.

... eine mögliche Parallele zur hinduistischen Schöpfungsidee, in der die Götter Welten erträumen und Realität durch geistige Kraft erschaffen. Die Quantenphysik impliziere, dass erst die Beobachtung (durch eine bewusste Intelligenz) die Realität schaffe. 

Beckers Paradigma eines pantheistischen Idealismus entspringt somit einer monistischen Grundidee - der metaphysischen Ansicht, dass die Welt und alles Geschehen in ihr sich auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lässt. 
Der Pantheismus sieht eine Gegenwart des Göttlichen in allen Erscheinungen der Welt. Und Idealismus (ein Sammelbegriff) betrachtet Gedanken als Ursprung und Ausgangspunkt allen Seins...jede Form von Materie sowie auch menschliche Handlungen sind nur ein Produkt von Ideen. (Ausgenommen ist hier der subjektive Idealismus, für den die Realität aus dem menschlichen Geist hervorgeht). Völlig neu ist der Kern dieser Gedanken nicht: David Bohm spricht von einer impliziten Ordnung, während Amit Goswami den Terminus "bewusstes Universum" verwendet. Worin aber liegt die eigentliche Synthese von Physis und Metaphysis? Anders gefragt: lassen sich moderne Wissenschaft und Spiritualität denn nun in Einklang bringen? 
Vielleicht ließe es sich so ausdrücken: Wenn Gott könnte eine alles durchdringende Intelligenz ist, dann existiert nicht zwangsläufig ein Schöpfer auf/in der rein materiellen Ebene. So gesehen würden Pantheismus und moderne Wissenschaft nicht im Widerspruch zueinander stehen.
Das könnte passen, denn auf die Frage "Was ist Gott für Sie, Herr Becker?" antwortet dieser ganz im Sinne Stephen Hawkings: beide erachten es für möglich, dass die Summe aller Naturgesetze mit dem gleichzusetzen sind, was sie mit 'Gott' verbinden. Jedenfalls hat das Bild eines persönlichen Gottes ("ein alter Mann mit Bart, der die Dinge baut...") in dieser Vorstellung keinen Platz. 

Damit argumentiert Becker gegen das dogmatische Gottesbild und die herkömmliche Sichtweise der christlichen Kirchen - wurden die personellen Gottheiten von Menschen erschaffen, die nach einem 'Sinn von Allem' suchten? Zugleich stellt er fest, dass die Wissenschaft sich lange die Option eines mit der Materie interagierenden Gottes offen gehalten hat. 

Wie Hawking meint auch der Philosoph Becker, angesichts der existierenden Naturgesetze sei ein Schöpfer (heute) nicht mehr zwingend notwendig, es sei denn für die Gesetze selbst (s.o.). 



Erschuf Gott '1 - n' Universen, um sich selbst einen Sinn zu geben?

Die Fragestellung "Und wer hat dann Gott erschaffen?" funktioniert nicht, sofern Gott per Definition als die erste aller Ursachen und Ursache in sich angesehen wird.
Wenn aber Gott schon unendlich lange existiert, dieses Universum aber 'erst' seit 13,7 Milliarden Jahren, sei die Frage zulässig, was der Schöpfergeist denn 'vorher' gemacht habe. Musste Gott ein Universum schaffen, um sich selbst einen Sinn zu geben? Nun, 'Sinn' ist eine Kategorie des menschlichen Denkens, ebenso wie die Annahme, alles und jedes (sogar Gott) müsse eine Ursache haben.
Eine andere Möglichkeit liege darin, die "Kausalkette um ihr erstes Glied zu kürzen", d.h. nicht von einem Schöpfer außerhalb des Universums auszugehen - sondern von einem Universum, dass sich selbst begründet: Das Universum braucht dann keine Ursache, denn es ist die erste Ursache von Allem: Es schafft und erklärt sich selbst, wie Gott. Das Bild der Schöpfung ohne transzendenten Schöpfer wird als
Pantheismus bezeichnet (vgl. Spinoza, Hegel, F.H. Jacobi).


Während der traditionelle Gottesbegriff im Theismus strikt zwischen Gott und Welt unterscheidet, glaubt der Pantheismus, die Welt mit Gott identifizieren zu können. Dagegen halten christliche Theologen die Transzendenz Gottes für ein wesentliches Kennzeichen, welches in der Endlichkeit des Pantheismus unzutreffenderweise aufgehoben werde.

Das Paradigma des pantheistischen Idealismus basiert schließlich auf der Annahme, dass alles Sein sich auf göttliche Gedanken zurückführen lässt. Übrigens hängt sich Becker nicht unterschiedlos an jedes esoterische Ferkelchen, dass kaum geboren schon lautstark durchs Dorf getrieben wird: Von Ufos oder Astrologie hält er eher wenig, während Telepathie unter der Voraussetzung eines holistischen Universums plausibel sei.
Geist als Ursache von Allem?
Die Überlegung eines 'erschaffenden Geistes' ist nicht leicht greifbar; hier finde ich folgende Vorstellung des eingangs erwähnten Llixgrijb hilfreich:


'... Stellen wir uns vor, das arme Llixgrijb sitzt... gefangen … Es gibt kein Entrinnen, (es) … kann nicht sterben. Sein Bewusstsein dauert an, ganz auf sich gestellt... absolut paralysiert. Wie würden wir uns verhalten? … Wir würden Welten in unserem Geist erschaffen, Welten in uns selbst … Llixgrijb schuf sich ein Universum …'

Ist es denkbar (und wahrscheinlich), dass wir ein ferngesteuertes 'Unterhaltungsprogramm' für einen Schöpfer sind? Würde ein Universum als des Schöpfers Experiment nicht der Auffassung widersprechen, für negative Ereignisse seien entweder der Mensch oder andere natürliche Kausalketten verantwortlich? Beckers Auffassung hierzu: für Gott liege kein Sinn darin, immer dann einzugreifen, wenn etwas seinem ursprünglichen Plan zuwiderläuft, um alles wieder in die gewünschte Richtung zu lenken. 

Man kann diese Vorstellung bis in Absurde(?) treiben: "vielleicht macht es Gott ja Spaß, intelligente Lebewesen [ähnlich wie Pawlowsche Hunde] in einem Zoo zu halten und zu beobachten, wie si auf Strafe und Belohnung reagieren." 
Dann wäre er wirklich ein Mad Scientist - oder bloß 'fieses Kind mit einem Brenngras', wie es im Film 'Bruce Allmächtig' heißt.


Von der christlichen Gottesvorstellung unterscheide dieses Bild sich nur insoweit, als das Christentum einen grundsätzlich guten (und allmächtigen) Gott postuliere. So hat es nach aller Beobachtung und Logik den Anschein, dass Gott 'Mißstände' in seinem Universum toleriert - als habe er, ähnlich mancher Forschungsexperimente der Menschen, einen Anfangszustand geschaffen (ähnlich einem Uhrmacher, der eine Uhr herstellt und aufzieht), um dann die weitere Entwicklung innerhalb der von ihm definierten Gesetze nur noch zu beobachten. 

Oder wäre die Erde längst von einem Kometen oder einem Sonnensturm zerstört worden, wenn Gott dies nicht verhindert hätte?

Die Quantenphysik widerlegt die Annahme eines von Gott installierten 'starken Determinismus': nichts sei von göttlicher Seite exakt vorherbestimmt denn auf atomarer Ebene sind Zufall und Unbestimmtheit gegeben. Quantenereignisse seien nicht vorhersagbar und daher auch nicht vorherbestimmt. Wie aber ließe sich der Sinn des gesamten Kosmos einschließlich einer ganz bestimmten mit Intelligenz ausgestatteten, aber bei weitem nicht immer intelligent agierenden Spezies ohne einen zielgerichteten Plan, ohne Gott, begründen? 

In seiner holistischen Sichtweise fragt Becker hier nach dem Sinn des Ganzen - kann die Gesamtheit allen Seins nicht den Sinn für die Existenz in sich selbst tragen? Liegt der Sinn des Kosmos darin, einfach zu sein? 
Aus meiner laienhaften Sicht nimmt der Aspekt des Bewusstseins hier eine zentrale Rolle ein: Sobald ein sich selbst und des Universums bewusstes Individuum das Sein wahrnimmt und mit ihm interagiert, ließe sich daraus ein Sinn begründen:


"Die Existenz des Geistes ist der Sinn allen Seins."

Geben wir (eher: jegliche selbst-bewusste, denkende Entität - schließlich sind wir kaum die einzigen) und dem Ganzen ('Allem was ist') schon dadurch einen abstrakten Sinn, indem wir es wahrnehmen und drüber nachdenken? Oder ist diese Sichtweise schlicht selbstreferenziell, also ein (wenn auch weit gefasster) Zirkelschluss? 'Ich denke, also bin ich, also hat das wahrnehmbare Ganze einen Sinn'??
Manche von uns kommen aber ohne ein von außen vorgegebenes Ziel für ihr persönliches Dasein nicht aus, sofern sie nach diesem Sinn suchen. 
„Ihr seid doch nur ein Rauch (oder: Hauch), der für kurze Zeit sichtbar wird und dann verschwindet“ (Jakobus 4, 14)
Für eine überschaubare Zeitspanne in der Biosphäre auftauchen, denken und handeln, um dann endgültig wieder im Nichts zu verschwinden ohne wirklich Bleibendes zu hinterlassen - das allein reicht nicht jedem von uns, um einen Sinn zu ergeben. Jedenfalls dann nicht, wenn nicht einmal unsere Erinnerungen in einer geistigen Form erhalten bleiben...
Wonach genau suchen wir, wenn wir so denken? Nach einem objektiven Sinn des Seins oder nach einer Befriedigung des eigen Egos, dass verständlicherweise nicht in der Bedeutungslosigkeit verkommen will? Schließlich machen wir von unseren Möglichkeiten Gebrauch, die Dinge um uns herum (zum Positiven?) zu verändern und verschaffen dadurch unser eigenen Existenz einen befriedigenden 'Sinn'.


In seinem Buch 'Gottes geheime Gedanken' skizziert Volker Becker nun die Einheit des Seins auf Grundlage der Superstring-Theorie, mit der drei der vier Naturkräfte - die elektromagnetische Kraft sowie die starke und die schwache Kernkraft mathematisch zu einer 'Superkraft' vereinheitlicht werden konnten. Wenn es nun noch gelänge, diese Superkraft mit der Materieenergie sowie der Gravitationskraft und der Raumzeit zu vereinigen, dann würden wir tatsächlich auf Gottes geheime Gedanken blicken, meint er.


Buchvorstellung: Quantenphysik und "Gottes geheime Gedanken"



Ich habe da so meine Zweifel: selbst wenn es gelingen sollte, diese Aufgabe zu lösen, kommt dabei 'nur' eine mathematische Beschreibung von Teilen eines unübersehbaren Ganzen heraus, welche m.E. weit davon entfernt bleibt , das Wesen des Seins in all seinen Facetten zu erfassen. Zudem würden im Erfolgsfall allein die Zusammenhänge diese einzigen uns bekannten Universums erhellt. Was ist mit den (unendlich?) vielen weiteren Universen mit abweichenden Naturgesetzen, deren Existenz von einer wachsenden Anzahl ernstzunehmender Wissenschaftler zur wahrscheinlich erachtet wird?

Ein Gott, der sich versteckt?

Insbesondere Lebenskrisen führen zu dieser Frage, sofern die Existenz Gottes geglaubt wird: 'Bin ich diesem Gott so egal, dass er mich vollständig ignoriert?'. Auch ein Pantheist wie Becker wird diese Frage vermutlich nicht stellen, denn sie impliziert ein personifizierte Gottesbild, das Gott nicht nur als transzendenten Schöpfergeist betrachtet, sondern jenen persönlichen Gott sucht, der sich eigentlich um uns kümmern müsste. Und zwar bitte so, dass wir etwas davon mitbekommen.

So viel ist klar: Ein allmächtiger Schöpfer, der nicht entdeckt werden will, würde ein Universum 
konstruieren, welches ohne sein Zutun funktioniert und auch ohne sein Wirken entstanden sein könnte (bzw. den Anschein hierzu erweckt). Dadurch bliebe seinen intelligenten Geschöpfen maximale Willensfreiheit erhalten - sie dürften selbst entscheiden, ob sie Gott in ihre Lebensgestaltung einbeziehen und an ihn glauben wollen. Das 'Experiment Universum' erhielte dadurch maximale Objektivität.  
Freilich setzen die Anbetung und Gehorsam einfordernden, monotheistischen Religionen mehr voraus als ein solches Bild von einem objektiven Gott, der nicht erkannt werden will.

Unabhängig von dogmatischen Festlegungen und Vorgaben der Religionen gehe ich persönlich davon aus, dass 'er' durchaus erkennbare Spuren hinterlassen hat. Beispielsweise erachte ich die DNS, diesen unfassbar komplexen, universalen Bauplan aller uns bekannter Lebewesen, gleich welcher Gattung und Komplexitätsstufe, als unvereinbar mit einer auf bloßem Zufallsketten basierenden Evolution. 

→ Weiterlesen: Teil II
 
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Letzte Bearbeitung: 28.10.2021

Sonntag, 17. April 2016

Earth calling E.T. - Sind wir alleine im Universum? Und was, wenn nicht?

Gerade in Bezug auf die Frage nach der Möglich-/Wahrscheinlichkeit extraterristischen Lebens fällt es ungemein schwer, die Fülle der verfügbaren 'Informationen' - von naturwissenschaftlich fundierten Überlegungen über gewagt-spekulative Thesen bis hin zu abstrusen Phantasiekonstrukten (die freilich als "Wahrheit" ausgegeben werden und zur gesteigerten Verwirrung vieler beitragen) - zu selektieren: Was halte ich für möglich? Was lehne ich als zu weit hergeholt ab?

Eine subjektive Grenze ziehe ich für mich jeweils dort, wo Behauptungen aufgestellt, aber nicht plausibel begründet werden. Ein Beispiel: Im Web finden sich zahlreiche 'Zeugenaussagen', nach denen im Inneren der Erde eine fortgeschrittene Alien-Zivilisation beheimatet ist. (Stichwort: "Lacerta"-Dokumente, bei Interesse zeigt jede Suchmaschine etliche Treffer dazu)

Andererseits, persönlich bin ich überzeugt: es kann nur so so sein: Die Natur (und damit das gesamte Universum) betreibt keine Verschwendung. Und seit 1997 wissen wir: 

"Wenn wir die Einzigen sind, ist das 'ne ziemliche Platzverschwendung."
Im US-Film 'Contact'  prägt dieser Satz ihres Vaters die Wissenschaftlerin Ellie Arroway seit ihrer Kindheit. Die schiere Größe des Universums sowie die gewaltige Anzahl von Galaxien und erdähnlichen Planeten lassen die Vermutung zu, dass da noch jemand ist (oder war). 
Was freilich nicht bedeutet. deswegen jeder spekulativen Aussage anzuhängen: Bücher und Filme über "Aliens auf dem Mond" sind nach wie vor weit verbreitet und erfreuen sich bis heute einer für mich überraschenden Beliebtheit. Dabei handelt es sich nicht um versteckt lebende Mikroben (was auch nicht wahrscheinlich ist) sondern angeblich um eine/mehrere technologisch sehr fortgeschrittene Spezies...notwendigerweise, denn auf 'unseren' Mond müssten 'sie' ihre Lebensgrundlagen mitbringen; schließlich gibt es dort nichts, also kein organisches Material.

Spinnt man diese Überlegung noch ein wenig weiter, gelangt man zu der Frage: was wollen sie fort nur? Tja, genau diese Frage eröffnet genug Raum für ausufernde Spekulationen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden - solange eine subjektive Vermutung auch als solche bezeichnet wird. 


  • Eine Discovery-Dokumentation versucht, der Fragestellung "Was haben Astronauten auf der Mondoberfläche noch entdeckt?" mit einiger Ernsthaftigkeit nachzugehen bzw. diesen Anschein zu erwecken: Rhetorisch distanziert werden alte und neue Verschwörungsthesen aufgeworfen - und nach einigem Hin und Her widerlegt oder der Interpretation von Naturwissenschaftlern gegenüber gestellt. Das Ganze wird eingerahmt mit vorwiegend unscharf-verschwommenen Fotos und Filmausschnitten, auf denen man alles und nichts ausmachen kann. Offenbar besteht eine konstante Nachfrage nach derartigen BILDzeitungsmäßigen 'Dokumentationen'. Deren Wert, gemessen an Wissensvermittlung und ihrem Gehalt an verwertbarer, gesicherter Information, darf jedoch hinterfragt werden.-
  • Die durchgehend ärmliche Bildqualität ist auch der Grund, weshalb ich mit den allermeisten UFO-Sichtungen wenig anzufangen weiß. Nicht pauschale Ablehnung ist hier angezeigt - wer bin ich, mitunter Hunderten von Augenzeugen Einbildung oder kollektive Wahnvorstellungen zu unterstellen? Wäre ich persönlich anwesend gewesen, hätte mich das Gesehene möglicherweise auch überzeugt. So aber bleibt nur ein Achselzucken.
  • Daneben finden sich zahllose Nachrichten, dem Muster "Ausserirdischer spricht live im TV" folgend. Hier zeigt sich, wie um einen wahren Kern (im vorliegenden Fall der sog. "Vrillon-Botschaft" fand nachweislich eine unbefugte Überlagerung einer TV-Sendung im Jahr 1977 durch eine verbale Warn-Botschaft unklarer Herkunft statt) je nach Ausrichtung der zitierenden Webseiten wiederum wilde Schlussfolgerungen und Interpretationen angeordnet werden.
    Recht offensichtlich wird dabei, wie die Realität dem jeweiligen Wunschdenken angepasst und untergeordnet werden soll: Es wird einfach so getan, als sei die Frage "Fake oder außerirdischer Kontakt?" zugunsten der Aliens beantwortet und bewiesen - was eindeutig nicht zutreffend ist. Unklar ist immerhin bis heute, wie es damals Hackern gelungen sein könnte, gleich 5 Sendestationen zu übernehmen und ihr eigenes Signal einzuspeisen - dies habe ein außerordentlich großes Knowhow erfordert. Okay, aber sind TV-kompatible Aliens mit synthetischer Stimme deshalb wahrscheinlicher als ein hochqualifizierter Piratensender??
Solche Ereignisse verleiten meiner Ansicht nach dazu, sich mit Nebensächlichkeiten (und womöglich einem fiesen Scherz) zu verzetteln - anstatt den Blick auf relevante/reale Fragen zu richten. Womit aber sollte man sich eingehender befassen? Darauf lässt sich sicherlich keine allgemein gültige Antwort geben, aber: Eine kurze Web-Recherche zeigt schon, wer ein bestimmtes Vorkommnis aufgreift - und wer nicht. 

  • Beispielsweise wird das ebenfalls ungeklärte WOW-Signal (ebenfalls aus dem Jahr 1977, etwa ein Monat vor der o.a. Vrillon-Botschaft) in etlichen Wissenschaftsforen diskutiert und auch von Kosmologen erörtert, obgleich seine Aufzeichnung im Rahmen eines SETI-Projektes erfolgte. 
    Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich tatsächlich um ein interstellares Signal handelt, wird als außerordentlich hoch eingeschätzt - was freilich noch keine Aussage in Bezug auf seine Urheberschaft beinhaltet. (Im Rahmen der ZDF-Dokumentation
    Aliens – Mythos und Wahrheit (2010) erklärt Prof. Harald Lesch, das Wow!-Signal zeige alle Kennzeichen eines interstellaren Kommunikationsversuchs, könne aber auch ein gigantischer Ausbruch eines Pulsars gewesen sein. Eine Hörprobe findet man z.B. hier.)
WOW-Signal: Scan des namensgebenden Dokuments 

Zugleich erschweren die Ausmaße des Universums und resultierende Entfernungen es uns, Gewissheit in der Ausgangsfrage zu erhalten: Durchaus könnten weit, weit entfernt von unserer Erde weitere Zivilisationen existieren ohne jemals von uns nachgewiesen zu werden. Ein Kontakt, d.h. Interaktion, erscheint erst recht unwahrscheinlich - zumindest ausgehend von unserem derzeitigen technologischen Potenzial.

Insoweit liegt es nahe, wenn NASA, ESA et.al. ihre Suche auf das eigene Sonnensystem fokussieren. Der Titel "Phänomenale Entdeckungen" ist irreführend; eher zeichnet die u.a. Dokumentation ein klares Bild gegenwärtiger Forschungsmissionen und davon erhoffter Erkenntnisse. "Phänomenal" ist das weniger, aber meiner Ansicht nach doch interessant.-


Dokumentation zur Suche im Sonnensystem nach Leben  





Man umgeht das Entfernungsproblem (für uns) natürlich, indem man unterstellt, die Aliens seien schon hier...mitten unter uns, gut getarnt oder verborgen. Oder sie hätten die Erde vor Jahrtausenden besucht und seien von unseren Vorfahren als Gottheiten verehrt worden. Unermüdlich ist Erich v. Däniken bemüht, uns ihre Hinterlassenschaften zu präsentieren. Und die Entfernung von daheim? Naja, sie hätten halt riesige Generationen-Raumschiffe eingesetzt, was sie habe unabhängig von der Lebensdauer einer einzelnen Besatzung werden lassen: In solchen Raumschiffen sei das vollständige Leben fortgesetzt worden, einschließlich der Zeugung und Aufzucht von Folgegenerationen.

Ganz auszuschließen ist diese Möglichkeit nicht - neben etlichen Science-Fiction-Autoren haben auch Wissenschaftler darüber spekuliert - und mehrere Detailfragen noch zu beantworten sind: Wie viele Individuen müssten die Reise antreten, um über einen ausreichend großen Genpool zu verfügen und eine genetische Verarmung ("Inzucht") über mehrere Generationen zu vermeiden? Für uns Menschen würden sich hierfür mindestens eintausend Besatzungsmitglieder entscheiden müssen, den Rest ihres Lebens in einem Raumschiff zu verbringen.
Abgesehen von der Motivationsfrage (vielleicht ticken die Aliens da aber völlig anders?) würde das Jahrhunderte währende Vorhaben gewaltige Mengen an Ressourcen und Treibstoff erfordern - hier kann unterstellt werden, die fortgeschrittenere Alien-Technologie biete geeignete Lösungen. Für uns unvollkommene ist eine Reise mit einem Generationen-Raumschiff allenfalls "als Freiwilligenprojekt von Idealisten denkbar". Deren Kinder wären freilich gezwungen, den eingeschränkten Lebensentwurf ihrer Eltern zu teilen. (Vgl. "Interstellare Reise: Pentagon plant Jahrhundert-Raumschiff", SPIEGEL 06/2011)


Ein Handbuch für Außerirdische

Es könnte jedoch der Fall eintreten, dass wir Erdlinge gefunden werden ...von Aliens, die technologisch weiter sind und es dabei geschafft haben, sich nicht selber zugrunde zu richten.
Stellen Sie sich folgendes vor: Als intergalaktischer Reisender sind auf einem kleinen Planeten irgendwo in einer entfernten Galaxie gelandet. "Dieser Planet hat eine Sonne, einen Mond ...und ist im ganzen Kosmos als Wiege der Bürokratie bekannt. Außerdem ist dort der Fernseher Mittelpunkt jeglichen Geschehens."
Für solche Ausnahmesituationen hat Serena Gray ihr unbedingt lesenswertes "Handbuch für Außerirdische" verfasst. Da einige besonders helle(?) Geister nicht nur nach E.T. suchen, sondern die Aliens unbedingt auf uns Erdlinge aufmerksam werden lassen wollen, ist ein Blick in dieses Handbuch vielleicht keine so schlechte Idee.
„Der augenfälligste Unterschied zwischen der Erde und anderen Planeten liegt nicht in ihrer physischen Struktur. Was hat es schon zu sagen, wenn man nur eine Sonne und einen Mond hat?“
Nun ja, eigentlich hat diese Konstellation wesentliche Bedeutung (für uns):
Wie der Naturwissenschaftler und Verfasser normalbürger-gerechter Bücher Ben Moore ("Da draußen - Leben auf der Erde und anderswo") darlegt, verdanken die Erde und sämtliche auf ihr befindlichen Lebewesen der engen Verbindung zum Mond so einiges: vor allem Stabilität. Okay, eine Ausnahme bilden vielleicht die Bärtierchen: diesen Überlebenskünstlern1) wäre es vermutlich egal, wenn die Erdachse alle paar Millionen Jahre in eine andere Richtung zeigen würde.-


Das Bärtierchen Hypsibius dujardini (kein Alien!)

Hätte ein leidlich intelligentes Alien vor 5 Millionen Jahren diesen wundervollen Planeten besucht und käme er heute nochmals vorbei, gingen seine Überlegungen wohl in diese Richtung:
"Welches Potential die Erde doch hatte! Welche atemberaubenden Möglichkeiten!"
Alles war gut. Fast alles passte zusammen. Und war ziemlich elegant aufeinander abgestimmt: In der guten alten Zeit herrschte auf diesem Planeten eine gewisse Symmetrie und ein gewisses Gleichgewicht.
Doch leider habe "der Schöpfer" den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören nicht erkannt: Allzu rasch nach seinem erstmaligen Auftauchen wandelte sich der Mensch zur dominierenden Spezies.
Das alleine wäre noch nichts außergewöhnlich Schlechtes; irgendwer muss schließlich an der Spitze der Nahrungskette stehen ...und die Dinosaurier hatten dies nur für wenige Millionen Jahre geschafft (also nur zig mal länger als wir bislang). Die neue, absonderliche 'Krone der Schöpfung' gebärdet sich weitaus destruktiver, als dies zum Überleben in einer gewissen Behaglichkeitszone nötig wäre:
 Nun "hängt das Schicksal der Erde davon ab, was der Mensch will oder glaubt zu wollen, davon, wann er es will und wie er seinen Willen durchsetzt."
Dieses unverständliche Chaos habe zum Rückgang der touristischen Beliebtheit der Erde (für reisefreudige Aliens) geführt. Trotzdem, die unwissenden Menschen sind nach wie vor "besessen von dem Gedanken, alle Bewohner des Universums wünschten seit Billionen von Jahren nichts sehnlicher, als sie zu besuchen".
Auch sonst erfreuen sich diese Menschen an den von ihnen erschaffenen Legenden, mit denen sie sich die Welt erklären. Einige dieser Mythen halten sich erstaunlich lange - ein Beispiel:
„Im Anfang war das Nichts; es gab nur eine der üblichen kosmischen Landschaften mit den üblichen Quantenangelegenheiten, und dann hörte dieses Nichts auf. Das Leben begann. Es ...passierte einfach.“
Wenig später bekamen diese Menschen das Problem ihres Überlebens in den Griff und schalteten sofort um auf Machtanspruch – gegenüber dem minderwertigen Rest der Biosphäre sowie untereinander. Von da an war es nur "noch ein kleiner Schritt zur ungezügelten Gier und ihren engen Verwandten Gewalt, Korruption, Verrat, Heuchelei und Schrecken. Soweit die Geschichte." - 
"Und das ist alles?" - "Kurz zusammengefasst – ja."
Es ist wirklich erstaunlich: Ausgerechnet jene Spezies, welche (zumindest im ihr bekannten Universum) den Völkermord erfand (und ihn als einzige jemals in die Tat umsetzte),vermag beim Anblick von alten Gebäuden oder eines einzelnen Katzenbabys in irrationale Sentimentalität zu verfallen.
Ähnlich irrational fürchten wir uns vor dem Alleinsein. Weshalb sonst sollten einige von uns mit aller Gewalt (z.B. riesigen Radioteleskopen, s.u.) Signale an vermutete außerirdische Spezies senden?

Gegen seriöse Forschung und plausible Science Fiction habe ich nichts einzuwenden - im Gegenteil: mich interessiert brennend, ob in den kommenden Jahrzehnten Anzeichen für Leben außerhalb der Erde gefunden werden. Eher kurz- als mittelfristig wird das Hauptziel der menschlichen Zivilisation darin bestehen müssen, die gesamte Galaxie zu erforschen und mindestens einen Ausweichplaneten zu finden. Nach uns die (ökologische) Sintflut? So scheint es...es sei denn, die gute alte Erde würde sich noch von uns erholen können, nachdem wir heuschreckenartig über den nächsten bemitleidenswerten Planeten hergefallen sind. Immerhin legen Hochrechnungen nahe, dass allein in unserer Galaxie tausende für uns bewohnbare Planeten zu finden sein müssten.

Klingt doch gut? Vielleicht...nur wurde noch kein Ausweichplanet entdeckt. Und selbst wenn, hätten wir keinen blassen Schimmer, wie wir die Entfernung zu ihm überwinden sollten... oder der Umzug zu bewerkstelligen wäre. Allzu sorgloses Gebaren ist also etwas verfrüht - eigentlich.
Von alleine schaffen wir das vorläufig nicht - also rufen wir mal laut um Hilfe, darin haben wir Übung.


Earth calling E.T. - eine moderne Form des Gebets?

Im Jahr 2013 startete ein Crowdfunding-Projekt, um mit einem 30-Meter-Teleskop in Amerika eine kontinuierliche Nachricht auszustrahlen. Das Signal ist auf den Stern Gliese 526 in 18 Lichtjahren Entfernung von der Erde gerichtet. Man kann sogar gegen Bezahlung eine kurze Textnachricht verschicken. Auf eine Antwort müsste man allerdings mindestens 36 Jahre warten. (Vgl. "Earth Calling E.T.: New Project Begins Beaming Your Messages Into Deep Space", Space.com)

Auch andere Radioteleskope wurden schon dazu benutzt, den Aliens zielgerichtete Signale zukommen zu lassen. Manche Wissenschaftler halten solche Aktionen für äußerst leichtsinnig, da mögliche Risiken unkalkulierbar sind. Außerdem: hat auch nur einer der Initiatoren den Rest des Planeten um Erlaubnis gefragt, möglicherweise feindlichen Außerirdischen unsere Existenz zu verkünden?

Wirklich neu ist solches Ansinnen auch nicht, wie die "List of interstellar radio messages" (ab 1962) zeigt. Bereits vor mehr als 40 Jahren schickten Forscher eine Nachricht an Außerirdische in den Weltraum. Das spektakuläre Projekt sorgte für Begeisterung - trotz der Warnungen eines Nobelpreisträgers vor Menschenfressern aus dem All.

Zur damaligen Zeit ging die Mehrheitsmeinung der Naturwissenschaft dahin, das Leben auf der Erder für einzigartig und exklusiv zu betrachten. Folglich wurden solche Unternehmungen eher milde belächelt. Seitdem aber mehr als 2000 Exoplaneten verifiziert werden konnten, hat sich die Betrachtungsweise gewandelt. -


Warum sollte eine außerirdische Spezies anders agieren als wir? 

„Warum sollte eine außerirdische Spezies anders sein als wir? Sie könnte den Killerinstinkt eines Hyänenrudels haben, das auf der Suche nach neuen exotischen Nahrungsquellen von einem Planeten zum nächsten zieht. (...) Unser Fortschritt könnte für Außerirdische so banal sein wie für uns eine Krähe, die mit einem Stöckchen nach Nahrung sucht.“
Beweise für unsere Existenz an Außerirdische zu übermitteln könnte sich wirklich als unser letzter großer Fehler erweisen. Wir können weder die technologischen Möglichkeiten noch die Absichten einer außerirdischen Zivilisation abschätzen, die Millionen Jahre älter sein könnte als die unsere.

So ziemlich das Dümmste, was man sich ausdenken kann: Wir sind sind gerade der Steinzeit entkommen und kreischen den potenziell weit überlegenen Aliens zu: „Huhu, wir sind hiiiiier...kommt uns büdde besuchen, ja?“. Mit welchem Zweck? Dass die alle herkommen und uns noch bessere Waffen schenken? Nein, sie sollen uns alternative Energiekonzepte beibringen, damit unsere 'Führer' die freiwerdenden Investitionen schleunigst in neue glitzernde Waffenprojekte stecken können.
Etwas mehr Grips und ein umfassendes Verständnis der 
Fragen „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ wäre mir lieber. 
Falls es sich bei den erhofften Besuchern um wirklich "nette Aliens mit ganz viel Weisheit" handeln, werden sie auch diesem Wunsch nicht entsprechen: Weil sie wissen, dergleichen kann man sich nur selbst erarbeiten ...als Individuum ebenso wie als Spezies.

Wird übersehen oder verdrängt, dass "die Aliens" vielleicht doch nicht so altruistisch drauf sind, sondern etwas wollen, das wir haben? Zum Beispiel einen Planeten, der zwar ziemlich verdreckt, aber immer noch wunderschön ist.


Aber, aber - so argumentieren jedenfalls die Wir-kreischen-allen-Aliens-die-Ohren-voll -Befürworter - eine Spezies, die Millionen Jahre überlebt hat und über eine Technologie verfügt, mit der sie die Sterne bereist, müsste doch irgendein Konzept für Stabilität und friedliche Koexistenz verwirklicht haben. Müsste! Hätte, könnte ...wollen wir uns in einer existenziellen Frage und angesichts unkalkulierbarer Risiken auf einen Mix aus Konjunktiven und idealistischen Fantasien verlassen? Denkbar ist die Existenz einer stabilen Alien-Zivilisation da draußen – womöglich ohne jegliche Emotion und nach dem Schwarmprinzip organisiert, im Prinzip mit einigen unserer Insekten (z.B. Termiten) vergleichbar. Klar, diese Annahme ist spekulativ – aber nicht weniger zulässig als der Glaube an Flowerpower-Aliens mit bunten Blümchen im Kamm oder einem Palmzweig zwischen den Klauen.

Falls aber nun doch die richtigen Aliens unser Signal aufschnappen - weshalb sollten sie den Aufwand einer interstellaren Reise zu uns auf sich nehmen? Um uns von ihrer Religion zu überzeugen? Zuvor würden sie uns eine ganze Weile von weitem beobachten - und eventuell zu einem Resultat gelangen, das eine Fernreise kaum lohnend erscheinen ließe:
"potenziell gefährlich, aber ziemlich nutzlos und vielleicht lecker"...

...oder sie hätten schlicht keine Lust, sich auf dem Seziertisch eines übereifrigen Biologen wiederzufinden. Allein das Wissen darum, die der Mensch mit anderen fühlenden Lebewesen seiner Biosphäre verfährt (Massentierhaltung, Tierversuche für Kosmetika oder genetische Experimente etc.), würde die nette Sorte von Aliens meiner Einschätzung nach verschrecken.


***
Nachdem David Bowie 1968 Stanley Kubricks Film 2001: Odyssee im Weltraum gesehen hatte, schrieb er den Song Space Oddity (ein Wortspiel mit dem engl. Filmtitel A Space Odyssey). Der Text berichtet von Major Tom, einem fiktiven Raumfahrer, der die Kommunikation mit der Erde beendet und sich ziellos durch das Weltall treiben lässt.


Here am I floating round my tin can 

Far above the Moon 

Planet Earth is blue 

And there's nothing I can do



Siehe auch 


Sonntag, 16. Dezember 2012

Kl. Historie des Zweifels (am Urknall / der Existenz Dunkler Energie)

Eigentlich glaubte, die gesamte Welt der Naturwissenschaften begeistere sich für den Urknall (als Singularität und daraus gefolgert als Anfang von Allem) - bis auf ein paar isolierte 'Abtrünnige' wie Martin Bojowald.
Tatsächlich sind die Befürworter einer anderen Kosmologie weitaus zahlreicher als von mir vermutet. Eines ist dabei zu beachten: dass unser Universum in seiner Entstehungsphase sehr viel kleiner war als heute und aus einem unvorstellbar winzigen Volumen heraus immer schneller expandiert ist, wird im allgemeinen nicht oft bezweifelt. Dagegen richten sich Einwände häufig gegen die Idee eines Anfangs von Raum und Zeit (die nach der Urknalltheorie 'vorher' nicht existiert haben sollen).

Mehr noch: eine Geschichte des Zweifels lässt sich verfolgen - nachfolgend einige Stationen daraus sind in nachfolgend aller Kürze aufgeführt.
Doch scheint das Ende der Urknall-Debatte in greifbare Nähe zu rücken, wenn seit kurzem sogar Stephen Hawking einräumt, dass die Mutmaßung eines singulären Anfangsereignisses nicht viel mehr als ein Hilfskonstrukt von Astrophysikern ist, die mit ihren bisherigen Berechnungsmethoden nicht über diesen Punkt hinausgelangen…

1950: Fred Hoyle entwickelt die „Steady-State-Theorie“

"Steady state“ bedeutet so viel wie gleichbleibender Zustand. Der Privatgelehrte Hoyle akzeptierte die Expansion des Universums. Zugleich glaubte er, es bestehe ewig - ohne Anfang. Infolge der fortwährenden Expansion müsste sich die Materie 'darin' jedoch extrem verdünnt haben, was offensichtlich aber nicht der Fall ist. Hoyle's These zufolge entsteht im All fortlaufend neue Materie aus sich selbst heraus - in genau der richtigen Menge, um die Expansion des Alls voranzutreiben und zugleich die Materiedichte darin in konstanter Dichte zu erhalten.
Übrigens stammt der Begriff „big bang“ ausgerechnet von Hoyle, der ihn 1950 in einer BBC-Radiosendung verwendete, um die These von der 'Urexplosion lächerlich' zu machen. Der Materialist Hoyle modifizierte seine eigene These zwar mehrfach, doch behielt er seine Grundhaltung gegen die Urknall-Theorie konsequent bei - aus philosophischen Erwägungen: Falls das Universum einen Anfang habe, dann setze dieser eine Ursache voraus, s.h. einen Schöpfer. Doch fundamentale Christen sind mit der Urknall-Theorie auch nicht besonders glücklich, denn die biblische Schöpfungsgeschichte schildert bekanntermaßen eine andere Abfolge der Anfänge von Erde und Menschen, auch was den zeitlichen Verlauf anbetrifft.


90er Jahre

Die Astronomen Wolfgang Priester und Hans-Joachim Blome ersetzten den Urknall in einem neuartigen Modell durch einen sanfteren Schöpfungsakt ('Urschwung'): Das Universum, habe als unendlich großer Raum seit ewigen Zeiten existiert. Materie gab es darin nicht, stattdessen war er von Quantenfeldern erfüllt. Sie bestehen aus reiner Energie und erreichen eine hohe Energiedichte.
Weil auch Energie eine Gravitationswirkung besitzt, ließ die Schwerkraft der Quantenfelder diesen Kosmos auf eine minimale Ausdehnung schrumpfen. Danach, in einer Art Rückprall, dehnte er sich jäh wieder aus. Dieser Moment war der Urschwung. Er leitete in das expandierende Universum über, in dem wir heute leben, wobei aus den ursprünglichen Quantenfeldern die Materie entstand.

2004: "Kein Urknall erschütterte das Universum":

Mit einem einem offenen Brief begründen Eric J. Lerner, der Mathematiker Michael Ibison, der Astrophysiker Halton Arp und 20 weitere Wissenschaftler im britischen Magazin „New Scientist“ ihre Forderung nach einer vorurteilsfreien Diskussionen und Forschung über die Geschichte des Universums und zu beobachtende Widersprüche der Urknalltheorie. Deren Dominanz beruhe eher auf einer Konventionen als auf wissenschaftlichen Methodik. Die Urknalltheorie basiert auf einer großen Anzahl hypothetischer Annahmen, die niemals beobachtet wurden - Aufblähung, geheimnisvolle Materie und dunkle Energie - Grund genug, in alle Richtungen weiter zu forschen.
Der Urknall selbst, jenes einzigartige Anfangsereignis, wurde auch nicht berechnet – dies ist auch nicht möglich, wenn man von einer Berechnung ein eindeutiges Resultat erwartet.

2006: Studie zur Hintergrundstrahlung wirft Zweifel auf Urknall-Theorie

Den bisherigen Annahmen zufolge ist die Hintergrundstrahlung Art Echo des Urknalls. Die russischen Wissenschaftler R. Sunyaev und Y. Zel'dovich hatten bereits 1969 vorausgesagt, dass freie Elektronen im Zentrum großer Galaxienhaufen die Hintergrundstrahlung ablenken würden. Dies sollte sich durch einen Energieverlust der letzteren bemerkbar machen - gewissermaßen ein Schatten in der allgegenwärtigen Hintergrundstrahlung. Die Untersuchung von 31 nahen Galaxienhaufen zeigte nur bei einigen von ihnen einen solchen Schatten, bei anderen war nichts dergleichen feststellbar - mögliches Fazit: Große Galaxienhaufen verzerren die Hintergrundstrahlung nicht – anders als es von der Urknalltheorie vorhergesagt wird.

 

2010: Zweifel an der Existenz Dunkler Materie ...

  • "Studie weckt massive Zweifel an Existenz Dunkler Materie
    Beobachtungen weisen darauf hin, dass es die rätselhafte Substanz nicht gibt. Die Autoren haben Beobachtungsdaten der Milchstraße und des  Andromedanebels mit den Vorhersagen der Theorie verglichen. Dabei sind sie auf fünf schwer zu erklärende Widersprüche gestoßen. Ihre Ergebnisse erscheinen in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift „Astronomy and Astrophysics“
    (-> Link) - mit möglicherweise weit reichende Implikationen: Eventuell müssen sowohl Newtons Gravitationstheorie als auch Einsteins allgemeine Relativitätstheorie modifiziert werden
Im derzeit allgemein vertretenen kosmologischen Modell bewirkte die Dunkle Materie, dass sich nach dem Urknall die 'normale' Materie verdichtet und Galaxien und Galaxienhaufen bildeten - eine Voraussetzung für die Entstehung von Sternen, Planeten, Monde usw.
Offenbar stimmt die Verteilung der Dunklen Materie - die nicht direkt sichtbar ist, sondern sich nur über ihre Schwerkraft verrät - in der Lokalen Gruppe nicht mit diesen Vorhersagen überein. Zwar hatten die Kosmologen gute Gründe für die hypothetische Einführung der Dunklen Materie, doch war es bislang weder möglich, deren Existenz noch ihre nachzuweisen. 

Debatte: dark matter in the spotlight
Am 18. November 2010 stand in Bonn das Konzept der "Dunklen Materie" zur Debatte. Die Astronomie-Professoren Simon White (Garching) und Pavel Kroupa (Bonn) trugen ihre Positionen vor. Prof. Dr. Hans Peter Nilles, Direktor des Bethe-Centers, moderierte die Veranstaltung. Hier erhalten Sie die Präsentationen der Disputanten. Argumente für und wider die Dunkle Materie wurden vorgetragen 
Kroupa hat die Existenz Dunkler Materie für das lokale Universum - also die Milchstraße und die hunderte von Galaxien in ihrer Nähe - ihrer Nähe untersucht. Er argumentiert, die dort gemachten Beobachtungen seien mit der Standardtheorie weitgehend unvereinbar. Das aktuelle kosmologische Weltbild - das Standardmodell der Kosmologie (→ Lambda-CDM-Modell; CDM steht für Cold Dark Matter) - sei damit nicht mehr haltbar, und die Physik stehe nun vor der großen Herausforderung, eine neue kosmologische Theorie zu entwickeln.Simon White hält dagegen, Dunkle Materie erkläre die weitaus meisten Beobachtungen im Universum hervorragend - angefangen von der struktur der Galaxienhaufen und Galaxien bis zu Temperaturschwankungen in der kosmischen Hintergrundstrahlung. Die Ablehnung des Konzeptes - und die dazu notwendige Modifikation der Newton'schen Gravitationsgesetze - ziehe dagegen viele Folgeprobleme nach sich.


"In this article we propose cosmological models that can explain the cosmic acceleration without introducing a cosmological constant into the standard Einstein field equation, negating the necessity for the existence of dark energy.
Das Universum hätte demnach weder Anfang noch Ende: Der Astrophysiker Wun-Yi Shu von der Tsing Hua Nationaluniversität in Taiwan hat soeben eine neue Beschreibung des Universums entwickelt, in dem Raum, Zeit sowie Masse und Länge auf kuriose Art verschränkt sind:
Raum und Zeit können ineinander umgewandelt werden, ebenso Masse und Länge. Beide Prozesse hängen von der Gravitationskonstante und der Lichtgeschwindigkeit ab - beide Naturkonstanten werden von Shus zu Variablen degradiert. Ein Universum mit diesem Eigenschaften würde ewig bestehen, hätte jedoch abwechselnde Perioden der Expansion und Kontraktion. Eine Urknallsingularität kommt in diesem mathematischen Modell nicht vor. Shus Theorie sagt voraus, dass das Licht von Sternenexplosionen mit einer bestimmten Rotverschiebung auf der Erde messbar sei - was den tatsächlichen Beobachtungen entspricht und als Hinweis gewertet wird, dass sich das Universum beschleunigt ausdehnt.

 

2011: Roger Penrose - Nach dem Urknall ist vor dem Urknall

Zunehmend steuern aufgeschlossene Naturwissenschaftler auf einen Kompromiss zu: in Modellen eines zyklisch expandierenden und implodierenden Universums bestreiten sie nicht mehr das Urknall-Ereignis an sich. Sie legen statt dessen dar, dieser Kollaps sei nicht der ultimative Anfang gewesen - denn davor habe bereits ein anderes Universum existiert, das ebenfalls einen Vorgänger gehabt haben soll...
Inzwischen ist die ursprüngliche Urknall-Theorie kein unantastbares Dogma mehr, denn eine wachsende Anzahl von Astrophysikern und Kosmologen betrachtet den Urknall nicht länger als Punkt Null der kosmischen Geschichte war, sondern als Durchgangsstadium...

2012 Sogar Stephen Hawking zweifelt am Urknall

(Ich bin nicht sicher, ob 2012 als Zeitangabe des Sinneswandels bei Stephen Hawking zutrifft.) Der Beitrag ‘Urknall -  Beginn der Welten’ von Wolgang Silvanus auf dem Onlineportal der Frankfurter Rundschau stammt aus Juni 2012; darin wird deutlich, wie auch die Rudelführer der Physiker-Gemeinde allmählich zu der Einsicht gelangen, dass sich auch der Urknall an physikalischen Gesetze halten müsse: Den Berechnungen nach müssten im Punkt Null jedoch Temperatur und Dichte unendlich hoch gewesen sein. Unendliche Größen im materiellen Universum ergeben keinen Sinn, weshalb die Wissenschaftler diese Singularität möglichst umgehen. Und wieder wurden neue Modelle in Erwägung gezogen:
“…daran beteiligte sich auch der britische Physiker und Kosmologe Stephen Hawking. Er lehnt die Urknall-Singularität ab, weil er glaubt, dass die Naturgesetze auch bei der Entstehung des Universums gegolten haben sollten. Eine Urexplosion ohne Ursache könne aber nur durch übernatürliche Kräfte ausgelöst worden sein. „Ein Schöpfungspunkt wäre ein Ort, an dem die Wissenschaft kollabiert. Man müsste die Religion und die Hand Gottes zu Hilfe nehmen“, konstatierte Hawking bei einem kosmologischen Kongress, den die Universität Cambridge Mitte Januar zu seinem 70. Geburtstag veranstaltete…”