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Freitag, 20. Juli 2018

Jenseits der linearen Zeit?

Unser alltägliches Zeitverständnis entsteht entweder aus Gewohnheiten, externen Vorgaben und subjektiven Eindrücken - oder es richtet sich nach den klassischen Ideen(vor)gebern im Umfeld der Religionen - hier nur zwei verkürzte Beispiele:
  • Eine sich beruhigend linear nach vorne bewegende Zeit, kennen wir aus dem Alten Testament , wo die Schöpfung der Welt den Beginn der Zeit markiert. Nein, unserer Zeit, denn "Welt" steht im A.T. allein für die Erde, in deren Sichtweite noch ein paar kleine und große Leuchtkörper aufgehängt werden: Sonne, Mond und nahe Sterne.
  • Das Zeitverständnis im Hinduismus ist im wesentlichen zyklisch: nach der Ruhenacht, die mehr als vier Millionen Menschenjahre dauert, schöpft Brahma eine neue Welt und alles beginnt von vorne.
    Vor allem aber glaubt der Hindu an die mehrmalige Wiederverkörperung (Reinkarnation). Jedes Lebewesen, ob Mensch oder Tier, sei dem dem Kreislauf der Wiedergeburten unterworfen. 
Nichts davon ist wirklich objektivierbar anhand naturwissenschaftlicher Kriterien. Insoweit entsteht die Frage:
Existiert Zeit überhaupt, also objektiv? Oder stellt sie lediglich ein menschengemachtes Konstrukt dar, durch das wir unser Leben und die in ihm enthaltenen Prozesse vereinfachen, d.h. koordinieren und strukturieren?

Träfe diese Annahme zu, so würde ohne/außerhalb von uns etwas wie Zeit nicht existieren.

Bekanntlich finden in der Natur aber zahllose zyklische Prozesse mit hoher Präzision statt, auf die wir bei der Festlegung von Bewegungs- und letztlich auch Zeitmaßstäben zurückgreifen. Die Dauer eines Tages, Monats, Jahres ist eben nicht willkürlich - wenngleich Messungenauigkeiten auftreten können.-

  • Ludwig Pohlmann und Uwe Niedersen, die Autoren der Abhandlung "Jenseits der linearen Zeit" wenden sich dieser Frage sowie der Unterscheidung zwischen einem linearen und einem nicht-linearen Zeitverständnis zu. 
Seit Isaac Newton verbreitete sich die Anschauung, wonach die Zeit eindeutig sei, das sie unabhängig vom Inhalt des Universums gleichmäßig ablaufe und das sie, da jede höhere Bewegung auf eine Summe mechanischer Bewegungen reduzierbar sei, das gesamte Geschehen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft determiniere.
Newton beschreibt das Phänomen der Zeit mit den folgenden Worten:
"Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand. [...]  (Mathematische Prinzipien der Naturlehre; London 1687)
Darauf aufbauend die 'zeitgemäße' Wikipedia-Definition: "Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen, hat also im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen eine eindeutige, unumkehrbare Richtung."

Nachdem sich die Naturwissenschaft seit Newton grundlegend gewandelt hat bleibt es dennoch bei der festen Überzeugung "in unserem Innersten, ...dass es die linear fortschreitende Zeit Newtons gibt und das sie die eigentliche, die grundlegende Zeit ist, also der sichere Boden des absoluten zeitlichen Bezugssystems". 

Zugänge zur Kritik der linearen Zeit

Vier Ansätze werden von den Autoren benannt, um unsere herrschenden Zeit-Vorstellungen wenigstens kritisch zu hinterfragen, zu kritisieren:
(a) Geistesgeschichtlich: Die Beschreibung und Analyse der menschlichen Zeitvorstellungen im Laufe der schriftlichen Aufzeichnungen könne dazu beitragen, unsere heutigen Vorstellungen zu relativieren und auf ein menschliches Maß zu bringen.  

(b) Menschlich-subjektiv: Das subjektive Zeitempfindens weist eine große Vielfalt an Formen der Zeit auf. Jeder kennt die psychisch-individuelle Zeit, die so leicht durch situative und innere Veränderungen beeinflusst werden kann: Beim Zahnarzt dauern einzelne Minuten kreischenden Bohrens und Dröhnens garantiert länger als Stunden geselligen Beisammenseins mit lieben Menschen.


 (c) Biologisch-konstruktivistisch


(d) Selbstorganisationstheoretisch: Eine Kritik der Zeitvorstellungen, die auf Ergebnissen von Physik und Chemie aufbauen, muss zwangsläufig auf die neuen Erkenntnisse durch die Relativitätstheorie, die Quantentheorie und schließlich die Irreversible Thermodynamik bezugnehmen.  


Zeitempfinden als biologische Notwendigkeit

In einer Welt, in der burchstäblichen alles in Bewegung, d.h. Verändrungen unterworfen ist, finden wir uns nur zurecht, indem wir unser eigenes Verhalten mit den für uns relevanten Abläufen und Veränderungen der Umwelt koordinieren. Außerdem haben wir die Zyklen und Abläufe des eigenen Organismus - die Autoren sprechen treffender von unserem inneren Milieus - zu brücksichtigen. 

Wer mit einem geregelten Stuhlgang gesegtnet ist, wird diesen ohne groß nachzudenken in seiner persönlichen Tagesstruktur 'einplanen'. Das fällt allenfalls auf, wenn einmal Unregelmäßigkeiten auftreten und der gewohnte 'Termin' sich verzögert, gestört ist.

Diese Koordination mit inneren und äußeren Prozessen lässt einen inneren Zeitmaßstab entstehen. Dies treffe in untrschiedlichem Ausmaß auf sämtliche Lebewesen zu:
"Laubbäume müssen 'wissen', wann sie ihre Blätter abzuwerfen haben, bevor der erste Frost kommt."
Diese Fähigkeit zum antizipatorischen Verhalten findet eine natürliche Erklärung in der Evolutions-Biologie. Danach überleben im Zuge der natürlichen Selektion nur diejenigen biologischen Arten, welche durch Mutation rechtzeitig Eigenschaften erwarben, die sie befähigten, für sie relevante Gegebenheiten der Umwelt wahrzunehmen und darauf zu ihrem Nutzen zu reagieren.

 Auf diese Weise müsse die biologische Evolution im Zuge ansteigender Komplexität von Lebensformen auch die Entstehung eines Zeitempfindens begünstigt haben.  Die Existenz solcher interner biologischer Rhythmen ("biologischer Uhren)" wurde bei vielen höheren Tieren bschrieben. Zwar ist noch nicht im Einzelnen bekannt, wie diese  funktionieren.

Immerhin weiß man, dass es sowohl in der Biochemie, als auch in der Chemie der unbelebten Natur viele chemischen Reaktionen gibt, die nicht gleichförmig monoton, sondern periodisch ablaufen, Beispiel: die Belousov-Zhabotinsky- Reaktion
BZR in einem gerührten System mit Ferroin

Soweit also schon vom Metabolismus der Lebewesen her periodische Reaktionen vorhanden waren, konnten diese von der Evolution verwendet werden, sobald sie gebraucht wurden. Dadurch erlangte bzw. gestaltete sie mit der Zeit die Funktion einer "inneren Uhr".

"Das Zeitempfinden der Lebewesen wird nun auf diesen Taktgebern aufbauen, indem es die dazugehörigen Zeitintervalle als Maßstab an die wahrgenommenen äußeren Bewegungen anlegt."
Hieraus nun lässt sich eine biologische Zeit-Definition formulieren: "Zeit in diesem Sinne ist somit eine evolutionär begünstigte und genetisch fixierte Abstraktionsleistung der Lebewesen, die diese benötigen, um sich in ihrer veränderlichen Welt zurechtzufinden und komplizierte Bewegungen miteinander koordinieren zu können."

Dadurch erschließen sich der jeweiligen Spezies die von ihr benötigten Handlungsfelder wie Synchronisation und der Antizipation, welche mit wachsender Komplexität die Abstraktionen "Gegenwart" und "Zukunft" ermöglichen. Mit dem Gedächtnis kommt schließlich "Vergangenheit" hinzu.


Auch wir Menschen vollziehen diese Abstraktion (meist unbewusst oder vorbewusst), dabei profitieren wir von zuvor erbrachten und uns genetisch weitergegebenen Abstraktionsfähigkeiten. Als Produkt der Selektion weisen aber einen natürlichen Fehler auf: sie gelten nur für diejenige Umwelt, für die ökologische Nische, in der sie selektiert wurden. Unter veränderten Umweltbedingungen einer anderen Umgebung können sie plötzlich zu widersinnigen Reaktionen führen, die sowohl Individuen als auch die gesamte Spezies ins Verderben treiben.


[Exkurs...weil ich diesen Einzeller so faszinierend finde: Das Paramecium (Pantoffeltierchen) besitzt einen walzenförmigen Körper, der vollständig mit Wimpern (Cilien) bedeckt ist. Diese Wimpern bewerkstelligen die Fortbewegung und den Nahrungserwerb.
Zur Fortbewegung schlagen die Wimpern koordiniert nacheinander, so dass gewissermaßen Wellenbewegungen über den Körper laufen, die beim Vorwärtsschwimmen vorne beginnen. Möglich sind auch kompliziertere Manöver wie Drehungen und Rückwärtsbewegungen. Wie kaum ein anderer Einzeller kann Paramecium dank zahlreicher Sinne auf seine Umgebung reagieren.
Paramecien reagieren auf chemische Reize wie Salz- und Säurekonzentration, Temperatur, Licht, Schwerkraft und natürlich Berührung. Die Wimpern sorgen für einen flächendeckenden Tastsinn - und das ganz ohne Neuronen (Nervenleitbahnen) - es handelt sich schließlich um einen Einzeller! 
Trifft es beim Vorwärtsschwimmen auf ein Hindernis, so rudert das Pantoffentier ein Stück zurück, macht eine leichte Drehung und versucht erneut, vorwärts zu schwimmen. Das wird so lange wiederholt bis das Hindernis umschwommen ist. 
Auf der Suche nach Futter bewegt es sich stets in Richtung zunehmender Säurekonzentration im Wasser, da diese die Anwesenheit von 'schmackhaften' Bakterien anzeigt. Bringt man jedoch einen Tropfen einer starken Säure ins Wasser, so bewegt sich das Pantoffeltierchen in den sicheren Tod.]
In gleicher Weise passt das vom Menschen evolutionär erworbene Zeitempfinden nur auf die Bereiche, in denen es entstanden ist. Es versagt schon, sobald die inneren Uhr nur ein wenig durcheinander kommt: im Fieber, im Traum, in der Meditation und im Rausch (z.b. löst eine LSD-Psychose ein stark verändertes Zeitempfinden aus

Daraus erklären sich unsere prinzipiellen Schwierigkeiten, die neuen Zeitvorstellungen der Relativitätstheorie rational und gefühlsmäßig zu verstehen. Experimentell belegte Phänomene wie z.B. die Zeitverlangsamung bei (sehr hohen) Geschwindigkeitenverlassen nun einmal die Grenzen unseres alltäglichen Erfahrungshorizontes und fällt es sehr schwer, sie sich vorzustellen

"Noch unvorstellbarer aber würde es für uns, wenn wir versuchten, uns in die Lage eines einzelnen Photons hineinzuversetzen: Da es sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, vergeht für das Photon die Zeit "unterwegs"...überhaupt nicht ."
Obwohl nach den Berechnungen von Gödel sogar "Zeitschleifen" prinzipiell möglich wären, gibt unser Gefühl nach wie vor der einfachen linearen Zeit den Vorzug, betrachten wir sie als die grundlegende Wirklichkeit.
Und täglich grüßt das Murmeltier... 
Eine Zeitschleife ist eine rekursive Verkettung der Zeit. Normalerweise folgt auf jeden Zeitpunkt der Gegenwart unumkehrbar ein Zeitpunkt in der Zukunft, d.h. alle Ereignisse passieren nacheinander und kausal – die Wirkung folgt der Ursache und nie umgekehrt. In einer Zeitschleife ist die Richtung des Zeitstrahls jedoch so gebogen, dass er sich mit einem Punkt in der Vergangenheit oder Zukunft kreuzt. Dadurch findet ein Sprung in der Zeit statt, der sich auf eine bestimmte Umgebung begrenzt.
Abgrenzung zur Science Fiction: 
Abgrenzung zur Science Fiction: Für Zeitreisen von Lebewesen gibt es bis heute kein physikalisches Modell.
Eine der wesentlichen Schlussfolgerungen bis hierhin: "Es gibt kein absolutes, kein ausgezeichnetes Bezugssystem der Zeit. Die Wahl einer Bewegung als Maß einer anderen ist nur durch außerwissenschaftliche Werturteile begründbar. Keiner dieser Zeitmaßstäbe hat an sich einen Vorzug vor den anderen."
Erst durch eine Wertfunktion, z.B. die des Überlebensvorteil einer biologischen Art, kann sich ein Zeitmaßstab gegenüber den 
möglichen anderen auszeichnen. Insofern ist auch die lineare physikalische Zeit eine menschliche Schöpfung.

Zeit und Selbstorganisation

Bei Selbstorganisationsvorgängen entstehen folglich auf einer jeweils höheren (z.B. der makroskopischen) Ebene qualitativ neue, relativ autonome Entitäten, welche neuen, eigenen Gesetzen gehorchen. Diese widersprechen zwar nicht den Gesetzen der konstituierenden Subsysteme (z.B. menschliche Individuen), aber sie werden auch nicht durch diese erschöpfend beschrieben. 

Was dies mit den Zeitvorstellungen zu tun haben kann? → Nach den o.a. Ausführungen zu biologischen Aspekten der Zeit kann man durchaus von einer Eigenzeit eines jeden Menschen sprechen, die sich aus inneren und äußeren Rhythmen resultiert und individuell verschieden ist. Bilden nun mehrere Menschen eine nicht nur formale Gruppe, die eine gemeinsame Aufgabe oder Funktion hat, so entsteht automatisch das Problem der Koordination der verschiedenen Eigenzeiten. 


Auf Grund der sich zwangsläufig einstellenden Wechselwirkung (die zudem im allgemeinen nichtlinear ist) zwischen den Individuen und deren Eigenzeit-Charakteristiken, bildet sich ein komplexes dynamisches System: aus dem unkoordinierten Wirrwarr der neu gegründeten Gruppe entsteht von selbst ein koordiniertes Handeln, sobald sich sich ein Ordnungsparameter herausgebildet hat. Dieser taktet und koordiniert die anderen Bewegungen mit seiner Bewegung.

Solch ein Koordinationsvorgang lasse sich gleichzeitig als "Zeitentstehungsvorgang" interpretieren:
"Aus dem Wirrwarr der vielen Eigenzeiten (die den Eigenbewegungen entsprechen), entsteht plötzlich...eine neue Zeit, die zur Bewegung des neu entstandenen Ordnungsparameters gehört und an die sich die vielen Eigenzeiten nun dynamisch...anpassen."
Diese Koordinationsform ist dynamisch: sie entsteht, wenn die Systembedingungen danach sind, und sie verschwindet wieder, sobald das System zerfällt oder ein neuer Ordnungsparameter (aufgrund veränderter Bedingungen) entsteht. 

Im Kontext der Gruppe ist es also wirklich sinnvoll zu sagen "Es begann eine neue Zeit" - es entstand eine qualitativ neue Bewegungsform, deren Ausdruck diese neue Zeit ist.

Anschaulicher wird dies durch einen Blick auf die Geschichte: Bedeutende Ereignisse, welche die gesamte weitere Entwicklung in eine neue Richtung lenkten, wurden zum Ausgangspunkt von Zeitrechnungen gemacht: die Gründung der Stadt Rom, Geburt Jesu, der Französische Revolutionskalender ab 1792 - oder die Unixzeit (zählt die Sekunden seit dem 1. Januar 1970, 0 Uhr UTC), mit Relevanz allein für die Gruppe der Unix-Anwender... kein Einzelfall: Unterschiedliche Gruppen haben ihre eigene Zeitrechnung → vgl: Die verschiedenen Kalender auf der Welt.

Erst nach einer hinreichend langen Zeit merkt man, dass eine neue Zeit begonnen hat. Eine Zeitenwende wird nicht sofort bemerkt hat, anfangs treten große Fluktuationen auf, welche die Situation unübersichtlich gestalten.  

Dieser Prozess sei durchaus objektivierbar - die Autoren sprechen von der objektiven Seite unserer Zeitkonstruktion:
"Diese neuen Taktgeber sind objektiv gegeben in Bezug auf alle anderen Systeme, die damit in Wechselwirkung stehen. So hat die Entstehung unseres Planetensystems neue Zeitmaßstäbe geschaffen (Tag, Mondzyklus, Jahr), welche durchaus energetisch und materiell für alle Prozesse, die danach auf der Erde abliefen, wirksam wurden."
Auch diese objektive Zeit sei immer relativ, da jede Eigenbewegung eines Systems Maßstab der Bewegungen der damit wechselwirkenden Systeme sein kann. → Vergleich mit der in der speziellen Relativitätstheorie: Die Zeitdilatation in sich gegeneinander bewegenden Bezugssystemen ist objektiv (messbar), aber es gibt kein absolutes Bezugssystem, denn sie wird in beiden gleichermaßen gemessen.

Bereits nach Aristoteles ist Zeit ohne Veränderung nicht möglich; er bemerkt also die Untrennbarkeit von Zeit und Bewegung. Das mechanisch-physikalische Weltbild der Neuzeit hat diese Sicht der Zeit wieder verstellt, da es von der Zerlegbarkeit ausgeht und dabei die Trennbarkeit von Zeit und Bewegung suggeriert.

"Wenn wir also die Zeit als abgeleitet von der Bewegung ansehen, so bestimmt sich eben nicht die Zeit durch die Zeit, sondern die Zeit durch eine als Maßstab genommene Bewegung."

Fazit?

Gelernt habe ich, dass eine Gruppe von Individuen (z.B. 'die Menschheit') sehr wohl in der Lage ist, ihre individuellen Eigenzeiten aufeinander abzustimmen und so eine 'neue Zeit' zu erschaffen. Dabei handelt sich aber nicht um etwas absolutes, sondern um einen temporären Konsens zum gemeinsamen Vorteil.
Jedoch suche ich immer noch nach einer hübsch griffigen, einleuchtenden Aussage. 

Wie wäre es mit:

"Es gibt keine Zeit. Es gab nie eine und es wird nie eine geben. [...]Die Gleichungen der Physik sagen uns nicht, welche Geschehnisse genau jetzt erscheinen – sie sind wie eine Karte ohne das 'Sie befinden sich hier'-Symbol." Quelle: revealthetruth.net/ )

Moment, sofern sich das Alter des Universums exakt bestimmen lässt, könnte darauf eine 'objektive Zeitrechnung aufgesetzt werden und wir befinden uns heute im Jahre 13.82x.xxx.xxx. A.B. (After Bigbang), oder? Doch so eine Zeitrechnung ab der mutmaßlichen Stunde Null gilt wiederum nur innerhalb dieses Systems. Sollte es weitere Universen und ein übergeordnetes Multiversum geben, hätte unser neue, umständliche Zeitrechnung dort überhaupt keine Relevanz.

Ob der unumkehrbare Zeitpfeil - eine Wirkung erfolgt ausnahmslos nach ihrer Ursache, also später...und ein Zurückgehen in der Zeit ist nicht möglich - dauerhaft bestand haben wird? Der Hinweis von Pohlmann und Niedersen auf Gödel und die prinzipielle Möglichkeit von Zeitschleifen weckt selbst daran Zweifel.

Quellen

  • Jenseits der linearen Zeit  von Ludwig Pohlmann (Berlin) und Uwe Niedersen. 
  • Was ist Zeit? - deutschlandfunk.de
  • Dienstag, 19. November 2013

    Relativitätstheorie

    Es ist in meinem Fall eher ein halbblindes Herantasten als ein wirkliches Verstehen, wenn ich die großen Themen und Fragen der theoretischen Physik oberflächlich streife.
    Doch heute muss man 'relativistische Effekte' ja schon kapiert haben, um einen anspruchsvolleren ScienceFiction-Roman nicht im Blindflug zu lesen.


    Die beiden nachfolgenden Dokumentationen eignen recht gut sich als Einstieg - sie erläutern, wie Albert Einstein die Theorie ausgearbeitet und begründet hat.

    Allgemeine Relativitätstheorie



    Spezielle Relativitätstheorie 




    Mittwoch, 22. Februar 2012

    Gibt es uns wirklich? - Und wenn ja - warum?

    Was wir immer noch nicht wissen...

    Einem Lehrer fiel es vor 400 oder mehr Jahren vermutlich leichter als heute, den endlosen Warum?-Frage seiner Schüler zu entkommen: Wurde es ihm zu bunt, durfte er sich jederzeit in eine absolute Aussage flüchten, z.B. "Nur Gott weiß, warum wir existieren." Und natürlich "Die Wege des Herrn sind unergründlich."

    Heute gestattet uns ein relativer Pluralismus, alternative Erklärungsmodelle für den Kern und Ursprung dessen zu entwickeln, was wir 'Wirklichkeit' nennen. Ein neues Killerargument hat das frühere teilweise ersetzt: wer Gott außen vor lassen und die Warum?-Fragen dennoch abwürgen möchte, spricht statt dessen evtl. von der Singularität im Moment des Urknalls:


     "Und was war davor?"
     "Gibt es nicht...is' nich' definiert...!"

    Wie Descartes und andere längst erkannt haben, bedingt die Tatsache, dass wir uns solche Fragen stellen und über unseren eigenen Ursprung nachdenken, eigentlich nur eines - ein (Selbst-)Bewusstsein:

    Ob wir und die Materie um uns herum in etwa so beschaffen sind, wie es den Anschein der Wahrnehmung hat, ist zumindest fraglich. Wie in dem Matrix-Beitrag dargelegt, haben wir objektiv keine Möglichkeit der exakten Bestimmung, ob wir uns selbst nur erträumen oder nicht. Wir wissen nur: Ebenso wie der 'reale' Beobachter existiert auch der 'Träumer' - und er kann nicht bewusst auswählen, was er träumt und innerhalb welcher Rahmenbedigungen.
    Die u.a. Filmdokumentation fasst mehrere Perspektiven zusammen und versucht, diese zu integrieren und zu interpretieren. 
    Was ich dabei nach wie vor nicht verstehe: wie sollte das Wissen über Verlauf und Wesen des Urknalls eine Antwort auf die im Titel gestellte Frage liefern - wo, wie und was unsere Realität denn nun ist?
    Auch wenn ich den Ursprung von Universum, Materie und Leben kenne, weiß ich immer noch nicht, ob ich diesen Ursprung 'träume'! Ein Multiversum mag ebenso real und 'materiell' sein wie ein einziges, zyklisches oder azyklisches Universum. Man kann es sich so einfach machen wie scheinbar "Paul Watzlawick:  
    "Sogenannte Wirklichkeit ist das Ergebnis von Kommunikation."  
    Doch erfährt man, wenn man diesen Weg verfolgt, mehr über die Wahrnehmung und ihre Tradition, d.h. Weitergabe durch die Generationen - als über die Beschaffenheit dessen, was wir da eigentlich wahrnehmen und woraus wir unser Bild konstruieren.



    Realität von beobachteten Quantensystemen

    Anstatt in Ferne und Vergangenheit zu schweifen, mag die mikroskopische Untersuchung, z.B. in der Quantenphysik einen gewissen Erkenntnisfortschritt ermöglichen - wie die Feststellung, dass der Beobachter zwangsläufig mit dem Gegenstand seiner Beobachtung interagiert.


    Die Physik betrachtet im allgemeinen einen Beobachter als unterscheidbar von einem beobachtbaren Phänomen: Eine mathematische Beschreibung es zu Boden fallenden Steins muss bei Anwesenheit eines Beobachters nicht modifiziert werden; er Stein fällt gleich schnell und 'heftig' - ob jemand zuschaut oder nicht. Diese Voraussetzung lässt allgemeine Annahmen und Formeln (ein "Modell") und im Idealfall auch Vorhersagen zu, welche durch direkte Beobachtung oder in einem Experiment verifizierbar sind.

    Wenn aber die Grenze zwischen Beobachter und dem beobachteten Objekt/System/Experiment nicht klar festgelegt ist, ist die Ableitung allgemeingültiger Vorhersagen infrage gestellt...der Untersuchungsgegenstand ist nicht länger ungestört.
    Doch eben dieses Problem tritt in der Quantenphysik auf: Die Unterscheidbarkeit zwischen Beobachter und dem beobachteten Objekt bzw. System ist offenbar in der Skala (sub-)atomarer Teilchen und einfacher Moleküle nicht mehr gegeben: Dieser Einfluß ist sogar gewöhnlich so groß, daß er das Messergebnis zerstören kann.
    Solange ein Elementarteilchen oder ein subatomares System nicht beobachtet wird, bildet die es Summe möglicher Wahrscheinlichkeiten zwischen Teilchen- und Wellenform - ein sog. Quantensystem. Wie ein Quantensystem 'wirklich' beschaffen ist, werden wir wohl nie erfahren, es kann schließlich nicht 'ungestört' beobachtet werden. Sobald eine Beobachtung (=Messung) erfolgt, zeigt sich die Wellen- oder Teilchennatur der subatomaren Teilchen. Übrigens lässt sich die Erscheinungsform durch die gewählte Beobachtungsmethode festlegen!

    Zwar kann ein Quantensystem mathematisch exakt beschrieben weren, doch stellen diese sog. Wellenfunktionen stets eine Überlagerung aller möglichen Messergebnisse dar.


    Die Wellenfunktion beschreibt in der Quantenmechanik den Zustand eines Elementarteilchens oder Systems subatomarer Skalierung von Elementarteilchen im 'Ortsraum'; sie impliziert eine Beschreibung aller Informationen einer Entität oder eines ganzen Systems (→ Kopenhagener Deutung, eine Interpretation der Quantenmechanik n. N. Bohr u. W. Heisenberg, → Schrödingergleichung)

    Wird das Quantensystem "gestört" (durch Messung/Beobachtung), so "kollabiert" die Wellenfunktion: einer der vorherigen parallel beschreibbaren Überlagerungszustände manifestiert sich und konkretisiert die Lösung der mathematischen Gleichung. Diese aus vielen Wahrscheinlichkeiten hervortretende, manifestierte Zustand entspricht dann dem, was wir als "Wirklichkeit" bezeichnen. "Wahrscheinlichkeitswellen brechen zu einem Ereignis zusammen..."
    Wie lässt sich dies verstehen?

    Was wir normalerweise "Realität" nennen, ist das Resultat kollabierter Wellenfunktionen, also die Konkretisierung einer aus einer Vielzahl unterschiedlich großer Wahrscheinlichkeiten. Das 'gesamte Potenzial der Realität' auf der Quantenebene entspricht aber der Gesamtheit aller Wahrscheinlichkeiten.

    Doch wie verhält es sich, 'wenn niemand hinsieht', d.h. ohne Einfluss eines Beobachters. Welche "Realität" entspricht den noch überlagerten Wellenfunktionen, bevor sich eine von ihnen manifestiert hat?
    Für die Interpretation des Verhaltens von Qunatensysteme bestehen - vereinfacht dargestellt - zwei Standpunkte:
    • Es gibt "in Wirklichkeit" eine definierbare Position und Geschwindigkeit von Elementarteilchen. Heisenberg's Unschärferelation würde in diesem Fall lediglich besagen, dass wir nicht beides gleichzeitig messen können.
    • Die Realität des Elementarteilchens (Position und Geschwindigkeit) wird erst durch die Messung/Beobachtung des Elektrons geschaffen.
    Beide Alternativen sind wenig befriedigend, auch deshalb soll diese Überlegung soll hier nicht zu weit getrieben werden - sie ist ebenso abstrakt wie die eigentümlich anmutende Frage, ob der Mond noch da ist, wenn niemand ihn anblickt... die konkrete Bedeutung solch einer 'Quantenrealität' für unsere Alltagswirklichkeit ist schwer erkennbar...:
    "Während die menschliche Intuition - und ihre Erscheinungsform in der klassischen Physik - eine Wirklichkeit entwirft, in der die Dinge stets eindeutig entweder so oder so sind, beschreibt die Quantenmechanik eine Wirklichkeit, in der die Dinge manchmal von einem Dunstschleier umgeben sind, in dem sie teils so und teils so sind." Brian Greene
    Der Zeitpfeil - die Asymetrie zeitlicher Abläufe
    Wie aber sieht es mit der erfahrbaren Realität aus, also der Summe dessen, was nicht nur der Quantenexperte, sondern jeder von uns als real und alltäglich erlebt? Ein wesentlicher Aspekt unserer so alltäglichen Wirklichkeit ist der 'Zeitpfeil ' - die Asymetrie zeitlicher Abläufe.
    Der Zeitpfeil steht für die Vorstellung einer eindeutigen und gerichteten Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Jeweils verschiedene Bedeutungen verbinden sich mit dieser Vorstellung in den Wissenschaften, aber auch im Alltag: Objekte und Prozesse schreiten sich mit/in der Zeit in eine bestimmte Richtung fort, die unumkehrbar ist. Offensichtliche Beispiele hierfür sind die Alterung von Lebewesen bis hin zu ihrem physischen Tod, das Denaturieren von Eiweißen ab einer Temperatur von ca. 42 Grad oder einfach das Abbrennen und Schmelzen einer Kerze.

    Diese Asymmetrien dominieren unser ganzes Leben und prägen m.E. die Perspektive, aus der wir unser Dasein betrachten:
    "Die Unterscheidung zwischen vorwärts und rückwärts in der Zeit ist ein bestimmendes Element der Erfahrungswirklichkeit."
    Bestünde eine Symmetrie des Zeitpfeils in Vergangenheit und Zukunft, hätten wir es mit einer diametral anderen Lebenswirklichkeit zu tun: Wir hätten genauso umfangreiche Erinnerungen an die Zukunft wie an die Vergangenheit; der Lebensverlauf von der Geburt über Altersstufen bis zum Ableben wäre nicht vorhanden bzw. nicht selbstverständlich usw.

    Diesem Phänomen kommt im Hinblick auf die Frage 'Reale oder geträumte Wirklichkeit?' einige Bedeutung zu. Für mich persönlich ist gerade dieser Zeitpfeil ein wesentlicher Knackpunkt im Verständnis von Realität: In vielen Weltanschauungen und spirituellen Lehren wird dargelegt, die Zeit sei eine Illusion und 'in Wahrheit' fände alles jemals Geschehene im Jetzt (=in diesem, einzigen, ewigen Augenblick) statt. Ich möchte nicht so anmaßend sein, dies zu bezweifeln, aber ich verstehe den Grund dieses (scheinbaren?) Widerspruchs noch nicht: Weshalb findet sich der Zeitpfeil als zentrale Eigenschaft unserer Wahrnehmung nicht in den Naturgesetzen wieder?

    Aus Sicht der Naturwissenschaft besteht kein Gesetz als Ursache für diese Asymmetrie der Zeit! Wenngleich der Zeitpfeil für uns die fundamentalste Eigenschaft der Zeit überhaupt ist, wird jede Zeitrichtung - 'vorwärts wie rückwärts' - von den Naturgesetzen völlig gleich behandelt.
    "Das ist der Ursprung eines großen Rätsels. In den fundamentalen Gleichungen der Physik gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass sie eine Zeitrichtung anders als die anderen behandeln, und das befindet sich in völligem Gegensatz zu allem, was wir erleben."
    Brian Greene - Der Stoff, aus dem der Kosmos ist
    Greene stellt fest: Um die überzeugendste Lösung für diese Abweichung zwischen Physik und Erfahrung zu finden, sei man dazu gezwungen, sich dem Anfang des Universums zuzuwenden (der Kreis schließt sich ... allmählich...):

    Die einzigartigen physikalische Bedingungen zu Beginn des Universums (eine extrem geordnete Umwelt während oder kurz nach dem Urknall) habe der Zeit eine Richtung aufgezwungen - ähnlich einer Uhr, die man aufzieht und dadurch ihre Feder in einen extrem geordneten Ausgangszustand bringt und somit erzwingt, dass sie vorwärts ticken wird...

    Gelöst ist das eigentliche Rätsel (das Fehlen eines Naturgesetzes für den unumkehrbaren Zeitpfeil) damit aber auch nicht, es wurde lediglich in die Kosmologie verlagert und durch eine Analogie veranschaulicht. Eher wurde das Rätsel noch ein Stück komplexer: Die seit den 70er Jahren gefeierten Urknallmodelle liefern keine Erklärung, warum das Universum in seinen allerersten Anfängen einen so extrem geordneten Zustand aufgewiesen haben könnte - was die Erklärung des Zeitpfeils ja ausnahmsweise voraussetzt.

    Greene gibt zu, was Hawking ('Unser Universum brauchte keinen Schöpfer, um zu entstehen') verschweigt:
    "Der theoretischen Physik fehlen (an der Schnittstelle zwischen Relativitäts- und Quantentheorie) die mathematischen Werkzeuge, gerade die erste Phase des Urknalls zu analysieren, die zudem Experimenten nicht zugänglich ist. 
    Da Raum und Zeit sehr eng mit diesem noch unzugänglichen Ursprung des Universums verflochten sind, werden wir Raum und Zeit nur vollständig verstehen, wenn wir Gleichungen finden, welche die extremen Bedingungen (nicht Sekundenbruchteile nach, sondern zum Zeitpunkt des) Urknalls bewältigen. Vor diesem Hintergrund hat der Wettlauf zur Entwicklung einer sog. vereinheitlichten Theorie, einem allumfassenden Erklärungsmoell, längst begonnen."

    Vereinheitlichte Wirklichkeit?
    Wie aber steht es um das Bemühen der Physiker um eine Beschreibung der Natur, durch die unterschiedliche, auf den ersten Blick unvereinbare Erscheinungen tatsächlich von einem einzigen Satz physikalischer Gesetze bestimmt werden?

    Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, zeigen doch die vielversprechensten Modellansätze - Superstringtheorie und M-Theorie - dass unsere 'wirkliche Wirklichkeit' sich aus neun bzw. 10 räumlichen Dimensionen plus einer zeitlichen Dimension zusammensetzen könnte. Sollte sich dies bewahrheiten, wird eine irritierende Erkenntnis unausweichlich: bisher haben wir nur einen kläglichen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrgenommen ...oder um mit Greenes Worten zu sprechen, die uns vertraute Wirklichkeit sei nur ein zarter Schleier, der über eine dicht und reich gewebte kosmische Struktur gebreitet ist.

    An unserer sinnlichen Wahrnehmung wird sich ohnehin kaum etwas ändern, denn diese theoretischen Raumdimensionen sind unsagbar winzig.

    Die Abweichung zwischen begrenzter Wahrnehmung und der Reichhaltigkeit allen Seins ist in ihrem Ausmaß zwar immer wieder erstaunlich - aber nicht neu an sich. Wir können aus dieser Tatsache in Verbindung mit neurobiologischen Untersuchungen (z.B. des Sehvorgangs) mit Sicherheit schließen, dass unser Gehirn eine persönliche Realität konstruiert. Aus dem Phänomen des Zeitpfeils erkennen wir, dass neben der Wahrnehmung auch unser gesamtes Realitätsverständnis erheblich von dem abweicht, was sich naturwissenschaftlich beschreiben lässt.


    Zurück zur Ausgangsfrage...

    Doch  die Kernfrage - 'geträumte oder reale, materielle Wirklichkeit?' - bleibt weiterhin unbeantwortet. Mir persönlich hilft an dieser Stelle erst mal ein unvollkommenes Konstrukt weiter:
    • Träume lassen sich in gewisser Weise mit einem Film vergleichen: Beide sind reproduzierbar und sie sind in hohem Maße modifizierbar:
      Einen Film oder einen Traum über ein zerbrochenes Ei kann ich so weit verändern, dass da Ei zuerst zerbrochen war und später wieder intakt ist. Im Film verändere ich die
      Reihenfolge der Bilder, beim Traum ist es etwas schwieriger - aber mit einiger Übung und Willensanstrengung ebenfalls möglich, dass ich mich zum Schluss über ein vollständig wiederhergestelltes Ei freue. Mit anderen Worten: in einer imaginären, ohne materiellen Bezug konstruierten Realität existiert der Zeitpfeil nicht zwangsläufig.
    • In der Erlebenssphäre, die ich für meine 'wahre Realität' halte, gilt der Zeitpfeil. Er kann nicht außer kraft gesetzt werden und die zeitliche Abfolge wesentlicher Daseinselemente bleibt irreversibel. Das Ei bleibt kaputt und ein verstorbener Körper bleibt tot (Grenzfälle außen vor gelassen).
      Wenn wir mal Schrödingers Katzenkiste ignorieren, ist es außerdem nicht vorstellbar, dass bestimmte Zustände gleichzeitig bestehen: der Körper eines mehrzelligen Lebewesens kann nicht gleichzeitig lebendig und tot sein, und das Ei kann ebenfalls nur einen eindeutigen Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt einnehmen.
    Aus den vorgenannten Unterschiedlichkeiten glaube ich schließen zu können, dass meine gegenwärtige Realität nicht erträumt ist, sondern erkennbar einen realen, materiellen Aspekt hat. Zumindest existieren Fakten, die ich innerhalb meines subjektiven Realitätssystems offenbar nicht beeinflussen kann. Dennoch erscheint es mir wahrscheinlich, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt (etwa nach dem physischen Tod) in einen anderen Zustand (eine veränderte Realität) eintrete, für den sehr wohl abweichende Gesetze gelten mögen.

    In einer geistigen, allein dem Bewusstsein zugänglichen Wirklichkeit muss nicht zwingend eine Zeit(folge) bestehen; m.E. sprechen Anzeichen dafür, dass die Zeit allein in der materiellen Welt notwendige Funktionen besitzt.
    Zugegeben: Bewiesen ist damit selbstverständlich rein gar nichts. Die Vorstellung von einer illusionären, wenn auch höchst realistisch anmutenden Realität lässt sich letzten Endes nicht widerlegen.



    Sisyphos und die Sinnsuche
    So viel Komplexität zwischen Wissenslücken, deren Erfassung ebenso komplex ist - welche Chance hat ein Laie wie ich mit typisch 'gefährlichem Halbwissen' in diesem Dschungel denn überhaupt, sich auch nur ein rudimentäres Realitätsverständnis zu erarbeiten?

    Albert Camus (Der Mythos von Sisyphos) meint in diesem Kontext: Als Sisyphos auf alles verzichte, was jenseits seiner unmittelbaren, persönlichen Erfahrung lag, und aufhörte nach dem tieferen Sinn von Allem zu suchen, habe er triumphiert. Doch was bedeutet dies konkret? Sich durch krampfhaftes Nicht-über-den-Tellerrand-Hinausblicken mit dem oberflächlichen Schein zu begnügen und so eine relative Pseudo-Zufriedenheit anzustreben?
    Solch eine 'Sicherheit' würde sich allein auf die fragwürdige Hoffnung gründen, das Ausbleiben neuer Impulse werde auch neuerliche Verunsicherungen umgehen. Dem ziehe ich das gegenwärtige Halbwissen eindeutig vor, weil es wenigstens ein theoretisches Wachstumspotenzial hat!

    Und doch schmunzele ich über meinen Wunsch, mögliche Antworten "Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ (42 ?!?) zu verstehen, während Greene dieses Ansinnen für die Spezies Mensch so charakterisiert:
    "Für eine Tierart, die nach kosmischer Zeitrechnung gerade erst den aufrechten Gang gelernt hat, ist die Aufgabe wahrhaft gewaltig."
    Werden wir jemals über das Stadium der interpretierenden Projektion von Wirklichkeit aufgrund subjetiver Wahrnehmungsfragmente hinaustreten und erkennen können, 'was wirklich ist'? Es verwundert es nicht, dass auch der eingangs erwähnte Paul Watzlawick im wesentlichen bei der Diagnose verharrt, wie merkwürdig das Verhältnis von uns Menschen zu 'unserer' Wirklichkeit doch sei:
    Seiner Auffassung nach ist "...das wacklige Gerüst unserer Alltagsauffassungen der Wirklichkeit im eigentlichen Sinne wahnhaft, und wir sind fortwährend mit seinem Flicken und Abstützen beschäftigt - selbst auf die erhebliche Gefahr hin, Tatsachen verdrehen zu müssen, damit sie unserer Wirklichkeitsauffassung nicht widersprechen, statt umgekehrt unsere Weltschau den unleugbaren Gegebenheiten anzupassen." 
    Ferner sei der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, die gefährlichste all dieser Selbsttäuschungen; vielmehr gebe es zahllose Wirklichkeitsauffassungen, die teilweise sehr widersprüchlich zueinander seien - sie alle seien das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger, objektiver Wahrheiten... 
    Wenn das so stimmt, hätte ich gerne mal mit Kaspar Hauser gesprochen... ;-)


    Dokumentation: Was wir immer noch nicht wissen




    Siehe auch:

    Montag, 20. Februar 2012

    Stichwort: Raumzeit

    Einführung

    Dem Verständnis der besonderen Eigenschaften schwarzer Löcher kann man sich offenbar nur annähern, wenn man mit den Begriffen der 'Krümmung von Raum und Zeit' und der Gravitation (Schwerkraft) wenigstens im Ansatz vertraut ist. Schade eigentlich, dass ich Physik als erstes Schulfach abgewählt habe, nur weil ein paar Limes- und Integralsymbole an der Plastiktafel mir spontan zu einer Panikattacke und Pickeln verhalfen :-| 

    Formulierungen wie 'Masse krümmt den Raum' vermitteln mir kein anschauliches Bild  - denn Raum war für mich immer das unausgefüllte Innere eines Objektes beliebiger Größe...und dieses Innere stellte gewissermaßen das Potenzial dar, andere (kleinere) massehaltige Objekte aufzunehmen. Raum hatte in meiner beschränkten Vorstellung stets den Charakter eines Gefäßes. Und dieses Gefäß soll gekrümmt werden können ...hä?

    Facheute beschreiben Raum weniger verworren, nämlich so:
    Raum ermöglicht allen materiellen Objekten eine Ausdehnung, er selbst existiert als grundlegendes Ordnungsmodell, dies aber nur in Relation zu diesen Objekten. Ebenso spielen sich alle physikalischen Vorgänge im Raum ab, er ist somit eine Art „Behälter“ für Materie und Felder.
    In diesem Raum, darstellbar durch ein Koordinatensystem, lässt sich jeder beliebige Punkt eindeutig durch die Angabe bezeichnen, wie weit er nach rechts, nach vorn und nach oben von einem gewählten Bezugspunkt entfernt ist. Kennt man noch aus der Schule...diese Angaben sind die Koordinaten des Punktes, man braucht drei Koordinaten (x,y,z), um jeden Punkt eindeutig zu bezeichnen.

    Es sind also drei Richtungen (Dimensionen) vonnöten, daher ist der Raum dreidimensional. Die Koordinaten eines Punktes hängen vom Ort des Beobachters ab, d.h. welchen Bezugspunkt dieser Beobachter eingenommen hat. Und dann muss man sich noch einigen, welche Richtungen als rechts, vorn oder oben gewählt werden.
    3-dimensionales Koordinatensystem 
    Wollte man sich an so einem 'Punkt' verabreden, benötigt man neben dessen Ort noch eine weitere Dimension - die Zeit, zu der man zusammentreffen möchte. So lassen sich alle Ereignisse anhand dieser vier Dimensionen bezeichnen. Diese Menge aller (im Universum ablaufenden) Ereignisse wird als Raumzeit zusammengefasst.

    Stellt man sich ein beliebiges Ereignis als festgehalten auf einem Bild (mit Zeitangabe) vor, so kann man sich die gesamte Raumzeit als einen (ziemlich großen:) Stapel solcher Bilder vorstellen (so ähnlich wie ein Daumenkino):


    Damit hat vereinfacht die vierdimensionale Raumzeit erfasst, indem man Dreidimensionalität in eine Abfolge zweidimensionaler Teilansichten aufgeteilt hat. Die Zeit als vierte Dimension zeigt sich in der Geschwindigkeit des Durchblätterns.

    Im Hinterkopf behalten sollten man, dass die Raumzeit ein Ganzes ist - erst ein Beobachter zerlegt es in Schichten gleicher Zeit. Mit anderen Worten: Nicht allein die Ortsbestimmung (x,y,z-Koordinaten) eines Ereignisses, sondern auch auch dessen Zeit hängen vom Beobachter ab (sind relativ). Es gibt keine universale Zeit, die sich unabhängig vom Beobachter jedem Ereignis zuordnen lässt.


    Krümmung

    Soweit ich dies verstanden habe, wendet man Ergebnisse geometrischer Berechnungen auf Raum und Zeit an (d.h. anschauliche Vorstellungen von der Raumkrümmung existieren überhaupt nicht!):

    Zweidimensionale Betrachtung: In einer (nicht gekrümmten) Ebene beträgt Umfang eines Kreises gleich 2 mal Π (Pi=3,142...) mal dem Kreisradius. Auf einer 'unebenen' Fläche kann der Umfang größer oder kleiner sein. Die Abweichung ist ein Indikator für eine Krümmung (die sich somit auch berechnen lässt).

    Dreidimensionale Betrachtung: Betrachtet man einen Globus mit seinen Längengraden, erkennt man deren Krümmung (zumindest optisch). Es wird uns niemals gelingen, in kleines Rechteck aus der Oberfläche (einer beliebigen Kugel) herausschneiden und 'flach hinzulegen'. Vereinfacht könnte man sagen: Die Oberfläche einer Kugel ist eine 2-dimensionale Fläche, die gekrümmt im 3-dimensionalen Raum liegt.



    Entsprechende Vorstellungen verbergen sich hinter der Raumkrümmung. Allerdings sind unsere Sinne auf die Wahrnehmung maximal dreidimensionaler geometrischer Strukturen beschränkt. Man kann daher eine Raumkrümmung nicht sehen, man kann sie sich auch nicht vorstellen.


    Man unterscheidet bei der Krümmung zwischen der inneren und der äußeren Krümmung:
    Die innere Krümmung lässt sich anhand der Geometrie im gekrümmten Raum selbst darstellen. Die innere Krümmung kann positiv sein ("nach außen gewölbt" / konvex, wie eine Kugel) oder negativ ("nach innen gewölbt"/ konkav).
    Die äußere Krümmung kann nur festgestellt werden, indem die Lage des Raums im umgebenden, höherdimensionalen Raum, die so genannte Einbettung, betrachtet wird. Flächen mit äußerer Krümmung erhält man, indem man eine Blatt Papier (= eine Ebene) aufrollt, ohne es zu zerreisen oder verknittern. Auf solchen Flächen ändern sich die Gesetze der Geometrie nicht (Beispiel: Die Innenwinkelsumme eines aufs Papier gemalten Dreieck ändert sich nicht, wenn man das Papier aufrollt).
    Bezogen auf die Raumkrümmung stellt man sich den Raum als eine solche zweidimensionale Ebene vor:


    Diese zweidimensionale Beschreibung, also die Beschreibung ohne einen 3-dimensionalen Orientierungsrahmen zeigt danach die Charakteristik des Raumes.

    Raum und Masse(n)
    Der Zusammenhang zwischen Raum und Masse wird vielfach so beschrieben - wiederum am Beispiel eines zweidimensionalen Raumes:

    Als zweidimensionalen Fläche wird man ein großes Tuch straff gespannt. In dessen Mitte wird eine Masse, z. B. eine Kugel gelegt: Das Tuch (=der zweidimensionale Raum) beult sich nach unten. Je größer diese Masse ist, desto stärker ist diese Beule! Lässt man wir nun eine kleine Kugel auf diese Beule zurollen, dann können wir sehen, wie sie langsam in diese Loch hinein rollt. Jedes Objekt, das sich dieser Ausbeulung im Bereich der Masse nähert, 'fällt' dort hinein, sofern seine Geschwindigkeit nicht zu groß ist und seine eigene Masse nicht größer ist, als die der ersten Kugel.

    Einstein berechnete, das es in unserem dreidimensionalen Weltraum genauso ist: Im Bereich von großen Massen ist der dreidimensionale Raum gekrümmt und zwar in eine weitere (räumliche) Dimension, die für uns nicht mehr spürbar geschweige denn vorstellbar ist. Wir können nicht mit dem Finger auf sie zeigen oder sie sonst irgendwie wahrnehmen. Diese Raumkrümmung im Bereich großer Massen ist daher gleichbedeutend mit der Schwerkraft! Schwerkraft bezeichnet somit eine Verzerrung des Raumes im Bereich großer Massen!

    Einstein sagte außerdem voraus, dass auch Licht durch schwere Massen gekrümmt wird: Tatsächlich wird Licht im Bereich großer Massen durch die Raumkrümmung etwas abgelenkt; dieser Effekt wurde auch im Bereich der Sonne nachgewiesen. Dazu hat man während einer totalen Sonnenfinsternis die Positionen der Sterne genau vermessen und sie mit ihren vorher bekannten Positionen verglichen. Dabei ergab sich die von Einstein vorhergesagte, geringe Abweichung, !

    Höchste Zeit, das Feld den Profis zu überlassen:


    Das Geheimnis von Raum und Zeit
    (Eine Dokumentation über Einstein's Relativitätstheorie)




    Siehe auch:
    Anm.: Ich bin jedem Physiker für eine zutreffende(re) Erläuterung dieser Zusammenhänge dankbar, soweit sie denn auch anschaulich und verständlich ist. Im Web habe ich wenig vorgefunden...

    Sonntag, 19. Februar 2012

    Was ist Zeit ... und was ist Ewigkeit?

    Vortrag von Professor Werner Gitt

    Von Zeit zu Zeit lande ich bei den Vorträgen von Prof. Gitt, obgleich ich mit kaum seinen theologischen Kernaussagen kaum übereinstimme.
    Gitts
    einleuchtende Ausführungen über das Phänomen der Zeit aus wissenschaftlicher Sicht und und Alltagserfahrung münden in die Feststellung: den meisten Menschen stößt es unangenehm auf, wenn sie an die Begrenztheit ihrer verfügbaren Lebenszeit erinnert werden.

    Wohl wahr, da treten gewisse Widerstände auf: nach Möglichkeit vermeiden wir jeden Gedanken an den eigenen Tod. 
    Für mich ist nicht der Tod als Zustand beängstigend, sondern der Vorgang des Sterbens ...dieser Übergang in ein anderes, ungewisses Dasein wirft etwas Düsteres, Bedrohliches als Schatten voraus. 
    Unsere moderne Vernunftskultur betreibt großen Aufwand, um das Sterben den Tod und  - zu verdrängen und um jeden Preis hinaus zu zögern. Das sichtbare Resultat solcher lebensverlängernder Maßnahmen erweist sich mitunter als zweifelhaft. Leben bedeutet mehr als nur zu überleben, entscheidend ist die subjektive Lebensqualität. 
    Insoweit erachte ich es kaum als erstrebenswert, mit 90, 100 oder noch mehr Jahren in erbarmungswürdiger Hilflosigkeit  vor mich hin zu vegetieren - und keinen der einstigen Weggenossen mehr um mich zu haben. Die Erfolge der Medizin erweisen sich als ambivalent zu sehen.

    Auf diesem Weg kommt Werner Gitt auf biblische Inhalte zu sprechen, die uns nicht nur den eigenen Tod als unausweichlich vor Augen führen. In diesem Kontext redet er eine vermeintlich begründete Angst vor dem 'Danach' herbei: Wer sich zu Lebzeiten 'nur' für Gott, aber nicht für dessen Sohn entscheide, sei unwiederbringlich verloren. Bei der Schilderung dieser wenig tröstlichen Aussichten für 'Ungläubige' greift die Bibel zu durchaus eindrücklichen Metaphern und Beschreibungen ...sinngemäß: 'nie wieder etwas anderes spüren als Finsternis, Schmerz, unerfüllte Sehnsucht - Heulen und Zähneklappern'. Dieser gnadenlose Unheils-Zustand wird gerne und oft mit unerträglicher Hitze assoziiert. 

    Diesen manipulativen Ansatz kennt man, nicht zuletzt von kirchlichen Institutionen: die Mobilisierung tief verwurzelter Ängste soll den Boden für jene 'christliche' Heilslehre bereiten, zu der vorgeblich keine Alternative existiert.

    Auch Gitt bedient sich leider dieser Rhetorik der Furcht: es sei wohl besser sei, sich aus nackter Angst zum christlichen Gottesglauben zu bekehren, als sich gar nicht zu bekehren. Dabei gelingt es weder ihm noch anderen christlichen Vertretern, mir die Widersprüchlichkeit zwischen nie endender Bestrafung und unendlicher Liebe sowie Gottes' Gnade auszureden. Aber: Andererseits ist es sicher kein Fehler, über die Endlichkeit dieses Lebens sowie mögliche Konsequenzen des eigenen Handelns / Nichthandelns nachzudenken.


    Kausalkette oder Bestrafung?

    Dass wir früher oder später mit den Auswirkungen unseres Verhaltens konfrontiert werden, ist Bestandteil fast aller spirituellen Konzepte: das Prinzip der Kausalität(1)- wonach man (zwangsläufig) ernten wird, was man selbst gesät hat - ist aus den Religionen nicht wegzudenken. Ob es nun das Karma einer späteren Reinkarnation ist, die Vorstellung vom Paradies im Islam oder Himmel, Hölle sowie das unangenehme, aber zeitlich begrenzte Purgatorium (Fegefeuer) - dem Konzept eines Feedbacks begegnen wir nahezu in jeder Anschauung.

    Den primären Unterschied zwischen diesen Konzepten sehe ich in deren Sinnhaftigkeit für den einzelnen Betroffenen:

    • Die von Christen mehrheitlich und meines Wissens auch im Islam vertretene Vorstellung der ewigen Strafe entbehrt jeder Sinnhaftigkeit für das betroffene Individuum, sobald es diesen Zustand einmal erreicht hat. Pädagogischer Zweck, etwa eine beasichtigte Verhaltenskorrektur? Fehlanzeige! Es gibt in kein Zurück - obwohl für Gott absehbar gewesen sei, dass die Mehrheit seiner bewussten Geschöpfe genau dort landen werde:
    "Geht ein durch die enge Pforte! Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der ins Verderben führt; und viele sind es, die da hineingehen. Denn die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind es, die ihn finden." [Matth, 7,13-14; Schlachter]
    Die einzige individuelle Sinngebung, wenn man sie denn sehen möchte, liege in der rechtzeitigen 'Bekehrung' - der höhere Zweck der 'Hölle' aber bestehe darin, dass Gott die Sünde aus dem Himmel fernhalten wolle. Im Kontext dieser 'Zweckmäßigkeit' wird gerne Bezug auf die Erbsünde genommen:
    Durch Adam, Eva und die Schlange (woher kam die eigentlich?) habe sich gezeigt, dass schon eine einzige schwere Sünde die gesamte materielle Schöpfung 'verdorben' habe ...das dürfe und werde im Himmel nicht wieder geschehen. Mir scheint, 'da oben' 
    bliebe sehr viel Platz, falls eine Hölle als Endlager für Unverbesserliche existiert. 'Sünde', Zweifel und vielfältige Weltanschauungen sind nun mal Wesensmerkmale der Spezies Mensch.
    Wozu dient das Geschenk des freien Willens, wenn dessen Ingebrauchnahme zu endloser Bestrafung führt?

    • Andere Auffassungen - etwa die Gnosis oder die Allversöhnung - bestätigen ebenfalls Ursache und ihre unausweichliche Wirkung, d.h. zwangsläufige positiven und negativen Konsequenzen aus unserer gesamten Lebensführung. Doch sie verneinen, dass nicht eine einzige Seele unendlich lange 'gestraft' oder durch das Kausalitätsprinzip den Folgen eigenen Handelns ausgesetzt wird. Die Beiträge über Edgar Cayce (Edgar Cayce und die ‘Erbsünde’ und Edgar Cayce (II) – Reinkarnation, unser Weg der Rückkehr zu Gott) gehen ausführlich auf eine meines Erachtens in sich schlüssige Form dieser Betrachtungsweise ein).
    Der Sinn und Zweck dieser 'unchristlichenKonzepte liegt in einer Form des Lernens, die manchmal auch als "seelische Evolution" bezeichnet wird. Dieser Begriff mag etwas irreführend sein, denn naturwissenschaftliches Evolutionsgeschehen - Mutation und Selektion - kommt bei diesem Reifungsprozess nicht zustande.

    Schwarz oder Weiß - für alle Zeit?

    Das Regelwerk der Bibel betrachtet Prof. Gitt als ein geeignetes Normenkonzept, damit wir die uns zur Verfügung stehende Zeit sinnvoll und zielorientiert zu nutzen.


    Nun ja, die zentralen Verhaltensnormen der Bibel sind kaum als falsch zu bezeichnen, schließlich findet unsere gesamte Sozialethik ihren Anfang unter anderem in der Bibel. So ziemlich jeder von uns kennt die Zehn Gebote und die Bergpredigt (zumindest dem Namen nach).


    Gitts Intention - seine Zuhörerschaft zu motivieren, ihre begrenzte Lebenszeit bewusst und sinnvoll zu nutzen - kann man wohl nur positiv auffassen.

    Eine sinnvolle Anregung ist es zudem, beizeiten über den Tod nachzudenken und sich eine persönliche Einstellung in Bezug auf die Frage nach dem 'Danach' zu erarbeiten. Wem es gelingt, eine wie auch immer geartete Überzeugung von einem Weiterleben nach dem Tod zu gewinnen, der kann daraus einiges an Zuversicht beziehen und eventuelle Zukunftsängste abbauen.

    Für Gitt geht es freilich auch darum, dass seine Zuhörer nicht nur 'irgendeinen' Gottesglauben besitzen, sondern wie er einen von Demut und Schuldbewusstsein geprägten Zugang zu Jesus erfahren, der für den Informatiker Gitt das Zentrum seiner Spiritualität bildet. Für mein Empfinden offenbart dieser Zugang eine selektive und dogmatische Haltung; er lässt allein das Wort der Bibel gelten und blendet undifferenziert jedes Infragestellen aus. 

    Nun ja, versetzt man sich für einen Moment in das Glaubensmodell von Gitt, dann (und nur dann) ist Kritik am biblisch-christlichen Weltbild ausgeschlossen; für ihn ist die gesamte Bibel das einzige Wort seines Gottes und als solches unantastbar. Würde Werner Gitt die Aussagen und Forderungen der Bibel relativieren, bliebe er sich selbst nicht treu. Immerhin verbreitet er nicht das verbrauchergerechte Bild vom neo-katholischen, 'liebenGott  - sondern er geht von einem 'zornigen, eifersüchtigen und liebe-vollen' Schöpfer aus.-

    Zeit ist ein Phänomen, dass uns die Abfolge von Ereignissen vermittelt und diese in drei Phasen unterteilt - Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart (die eigentlich nie wirklich existiert, denn jedes Geschehen wird sofort zur Vergangenheit)


    Ewigkeit ist für W. Gitt ein Zustand der Unbegrenztheit, der unmittelbar nach dem Tode beginnt. Auch in der eschatologischen Vorstellungswelt Gitts begegnen wir einem Dualismus zweier gegensätzlicher Zustandsformen von Ewigkeit:

    • 'Hölle' - Strafe und Verdammnis als unveränderlicher, nicht endlicher Zustand - "Finsternis, Hoffnungslosigkeit und Depression".  
    Hochmittelalterliche Darstellung der Hölle
     im Hortus Deliciarum Manuskript (um 1180)

    • Himmel als das unendliche Gegenstück zur Hölle, ein Zustand der Vollkommenheit und Gottesnähe


    Bildliche Vorstellung des Himmels mit Gott und Engeln

    Gemeinsam ist diesen beiden Endzuständen nur eines - die Zeitlosigkeit. Zeit bestehe nur für die Dauer unserer Aufenthaltes in der Materie, d.h. während unseres jetzigen Lebens. Außerhalb der materiellen Schöpfung existiere allein die Gegenwart, dadurch ist 'Ewigkeit' nicht die unendliche Abfolge von Minuten, Tagen, Monaten und Jahren - sondern um einen einzigen Gegenwartsmoment, der niemals endet.

    Mir persönlich erscheint diese Vorstellung von einer konstant unveränderlichen Zukunft fragwürdig, denn Unveränderlichkeit würde zugleich einen Stillstand implizieren - das Ende jeder denkbaren Weiterentwicklung. Aus dem gegenwärtigen Dasein des Menschen heraus, das so sehr von Vergänglichkeit und stetigem Wandel bestimmt ist, vermag ich mir so ein 'eingefrorenes Glück' (oder Unglück, wenn man Gitt glaubt) nicht vorzustellen. 



    Von den beiden konkreten Zustandsformen 'Himmel und Hölle' habe ich ein eher diffuses Bild - warum eine nicht endende Bestrafung für mich völlig unvereinbar mit einem Gottesbild unendlicher Liebe ist, habe ich versucht darzulegen. Als eine zentrale Lebensaufgaben sehe ich es aber an, mir eine schlüssige Vorstellung von dem zu erarbeiten, was uns alle erwarten mag. Manchmal fühle ich eine gewisse Ungeduld, bis hin zur Unzufriedenheit darüber, dass ich nicht auf einen Schlag weiß, was mich bzw. uns noch so erwartet.

    Im Grunde ist mir jedoch bewusst, dass Erkenntnis nur auf einem langen Weg funktioniert: durch stufenweises Erfassen, Realisieren und Verstehen. Hier stelle ich eine Form von Intoleranz bei mir fest: es ist mir völlig unverständlich, dass diese Frage nach der nicht-materiellen Zukunft so viele Menschen jeden Alters ohne jede Bedeutung ist.


    Selbstverständlich sollten die Aussagen von Gitt (oder R. Dawkins am anderen Ende des Spektrums) mit einer vorsichtigen, kritischen Haltung betrachtet werden. Kontroversen und Polarisierung haben durchaus einen Nutzen, wo sie bewirken, dass sich Menschen überhaupt eigene Gedanken über Zeit, Ewigkeit und vielleicht sogar Gott machen. Wer einem Vortrag von Gitt oder Dawkins (Gitt ist mir lieber, denn er ist konstruktiv in seiner Subjektivität) vehement widersprechen will, muss sich vorher notwendigerweise eine eigene, einigermaßen differenzierte Überzeugung zur aufgeworfenen Fragestellung erarbeitet haben. 

    Darin läge ein Fortschritt gegenüber dem Durchschnitt dessen, was ich gegenwärtig hierzulande beobachte: ein kleiner Teil der Menschen, die über Gott noch nachdenken, radikalisiert seine Position in einem entschiedenen Pro oder Contra ... der träge Rest aber interessiert sich für 'so etwas' überhaupt nicht. 

    Seine Gedanken hat Professor Gitt im nachfolgenden Vortrag sowie in Buchform ('Zeit und Ewigkeit', pdf) dargelegt. 


    Werner Gitt - Was ist Zeit und was ist Ewigkeit 





    Anmerkung


    1. Kausalität/Kausalkette: Das Beispiel von Dominosteinen: Das Umfallen des ersten Steins bewirkt das Umfallen des zweiten Steins; dieses Umfallen bewirkt - wenn die Steine in geeigneten Abständen zueinander stehen - wiederum das zeitlich darauffolgende Umfallen des dritten usw. – bis der letzte Stein umgefallen ist.
      In gewisser Weise sind die Folgereaktionen unausweichlich, sobald die initiale Handlung stattgefunden hat.