"Das richtige Gottesbild" - Vortrag von Gerhard Padderatz
Gott muss oft dann herhalten, wenn die Menschen einen Schuldigen brauchen. In einer 'schlechten' Zeit mit Naturkatastrophen und wirtschaftlichen Krisen nimmt die Religiosität allgemein zu, weil Gott als Urheber dieser Unglücksfälle angesehen wird bzw. weil man sich Hilfe von ihm erhofft. Der Vortrag von Gerhard Padderatz beschäftigt sich mit einer Reihen von Anekdoten des A.T., in denen der biblische Gott als Urheber von Kriegen und ethnischen ‘Säuberungen’ dargestellt wird. Mit dem ‘lieben Gott’ nach heutigem Verständnis sind sich solche Episoden kaum kompatibel.
Ist es wirklich Gott, der für diese Grausamkeiten verantwortlich ist? Wenn er wirklich gütig und barmherzig ist, warum sollte Gott dann die Freundschaft und Liebe zu ihm mit der Drohung 'Liebt mich, oder ich foltere euch für alle Zeit' erzwingen (und damit seit so vielen Jahren gescheitert sein)?
In den meisten christlichen Gemeinschaften herrscht die Vorstellung von einem distanzierten, strengen Gott vor, der je nach Laune (und wen er vor sich hat) auch mal barmherzig ist. Jedenfalls resultiert diese Vorstellung aus der Lektüre der Bibel, sofern man die 'unangenehmen' Kapitel nicht ausblendet.
Dass Gott sich nicht ständig über die Kausalität hinweg setzt und in das Geschehen von Ursache & Wirkung der materiellen Welt einmischt, scheint mir persönlich einleuchtend. Daraus folgt auch, dass nicht jedes Gebet erhört wird - und dass es manchmal wohl auch ganz hilfreich sein mag, wenn ein Gebet nicht zum sichtbaren Erfolg führt. Doch mit dem Bestrafungskonzept, insbesondere die Idee einer ewigen Strafe für 'Sünder und Ungläubige', tue ich mich ausgesprochen schwer - wie auch mit der biblischen Behauptung, Gott habe sowohl die Ausrottung ganzer Völker befohlen als auch die grausame Steinigung einzelner.
Wer die ganze Bibel liest, stellt fest, wie oft in ihr von Strafe, Vernichtung und auch Rache die Rede ist. Die Frage „Können wir Vertrauen haben zu einem Gott, der mit Feuer und Tod droht?" ist somit durchaus naheliegend. Lautet die Botschaft des biblischen Gottes tatsächlich "Wenn ihr mich nicht liebt, werde ich euch vernichten?“
Hier wiegen die Furcht einflößenden Berichte der Bibel schwerer als die Geschichten über die Liebe Gottes zu den von ihm Auserwählten. Kann man so einem Gott blind vertrauen und sich wünschen, dass sein Wille geschehe? Intuitiv wissen wir: zwar lassen sich Gehorsam und Unterwerfung durch Androhung von Gewalt erzwingen, nicht aber wirkliche Freundschaft oder gar Liebe. Doch Gott agiert im A.T. so, und auch Jesus sagt seinen Jüngern deutliche Worte:
„Dies ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt.“ Und dann fügt er noch hinzu:
„Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.“ Johannes 15,12;15,14
Warum spricht Gott so? Sollte man annehmen, die Menschen damals hätten keine andere Sprache nicht verstanden? Konnten sie nicht glauben, dass sie Freunde Jesu und Freunde Gottes sein durften? Sollte Gott dieses Wesensmerkmal des Menschen nicht verstehen oder einfach ignorieren?
Das richtige Gottesbild - Ist Gott grausam? Gibt es eine Hölle?
(Auch dieses Buch mit dem Titel "Knechte oder Freunde?" thematisiert die zentralen Fragen, die viele Menschen sich in Bezug auf das Konzept 'Glaube durch Strafe' stellen:
„Wenn du möchtest, dass wir deine Freunde sind, warum ist dann ein großer Teil der Bibel so geschrieben, als wären wir Knechte, die einfach nur zu gehorchen haben, und das unter Androhung von Strafen?"
Leider ist die gegebene Antwort nicht von der gleichen Güte wie diese Fragen: Letztlich läuft sie darauf hinaus, dass wir die Beweggründe Gottes nicht verstehen können und ihm deshalb vertrauen sollten.
"...Gott liebt die Menschen so sehr, dass er es riskiert, vorübergehend gefürchtet und sogar gehasst zu werden, wenn er dadurch vielleicht verhindern kann, seine Kinder ganz zu verlieren.")
Der Bibeltext „Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er“ werde leichter begreiflich, wenn in der Übersetzung anstelle 'züchtigen' die Verben 'erziehen, trainieren oder korrigieren' verwendet werden. Die in der Bibel genannten Grausamkeiten werden dadurch für mich nicht nachvollziehbar, sofern diese Gott überhaupt zugeschrieben werden sollten.
So weit bin ich einverstanden: Unser gesamtes Leben unter anderem dient dazu, zu lernen oder besser gesagt, bestimmte Einsichten durch Erfahrungen und zu verinnerlichen. Doch dazu bedarf es keiner übernatürlichen Strafe, das Prinzip der Kausalität ist mehr als ausreichend: Zu realisieren, dass eigene Entscheidungen und Handlungen immer zu adäquaten Konsequenzen führen, wird (früher oder später) so manche Verhaltenskorrektur bewirken.
Auf diese Weise mag jeder von uns irgendwann an den Punkt gelangen, der im Film von wenn Neale Donald Walsch reichlich plakativ dargestellt ist (Ich meine die Szene, wo Walsch sich an einem weiteren Tiefpunkt seines Lebens befindet und sich plötzlich die Stimme Gottes (mit viel Hall) die Worte an ihn richtet: „Hast du endlich genug?“):
Bestimmte Erfahrungsmomente werden uns immer wieder aufgetischt, bis wir 'es' kapieren...
Bleiben wir noch etwas bei Walsch's Film 'Gespräche mit Gott'. Obwohl die Symbolik bisweilen platt (oder sogar ‘erbärmlich’?) ist, sind darin einige wesentliche Aussagen zum richtigen oder falschen Gottesbild enthalten. Einige Zitate, sinngemäß wiedergegeben:
“Ihr habt die Elternrolle auf Gott projiziert ... und seid so zu einer Vorstellung von Gott gelangt, der richtet, belohnt oder bestraft. ... Die auf angst gegründete Realität beherrscht die Erfahrung von Liebe. Brauchst du die Angst, um dass zu tun was an sich gut und richtig ist? Muss dir gedroht werden, damit du gut bist?
Du selbst legst die Richtlinien fest. Liebe ist Alles, aber in schwierigen Zeiten zieht ihr vor, das zu vergessen.”
Rhetorische Fragen, welche die Idee wirksam entkräften, dass ein gütiger und allwissender Gott seine bewussten Geschöpfe individuell strafen sollte. Was könnte auch durch grausame Zwangsmaßnahmen erreicht werden - vor allem nach dem irdischen Leben, wenn sich jeder pädagogische Zweck erledigt hat? Und vorher: Kaum mehr als eine äußerliche Verhaltensanpassung, geboren aus Angst und Unterwürfigkeit, bestenfalls Erfurcht.
Doch kein noch so mächtiger Schöpfer wird Empfindungen wie Liebe und ehrliche Dankbarkeit ihm gegenüber mit brutalem Zwang erzeugen.
Eine tiefgreifende innere Veränderung benötigt zudem Zeit und vor allem Selbst-Erkenntnis. Sie kann von außen unterstützt, aber niemals herbeigeführt werden. Für mich ist nicht erkennbar, warum ein alles wissender Gott, der uns besser kennt als wir uns selbst, diesen Umstand übersehen sollte.
“Sollte ich dich bestrafen, weil du eine Wahl getroffen hast, vor die ich dich gestellt habe?”
Eine Fragestellung reicht im Grunde als Richtschnur für alles Handeln im Leben aus: Was würde die Liebe jetzt tun?
Erfahrung sei das primäre 'Kommunikationsvehikel' Gottes, heißt es an anderer Stelle bei Walsch. Als Folge des Ignorierens unserer Erfahrung durchlebten wir sie stets von neuem. Säen..ernten… säen..ernten ...
Bibeltreue Christen sehen das verständlicherweise anders: Der Herr sei eifersüchtig, er habe Verehrung und Respekt eingefordert, sogar erzwungen ... ein so kleinmütiger Gott ist für mich nicht vorstellbar, jedenfalls nicht als ein unendlich mächtiger, wissender und schöpfender Geist.
Indessen sind die uns grausam erscheinenden Bibelstellen nicht weg zu diskutieren, manche von ihnen beziehen sich auf reale Ereignisse. Ich habe keinen Zweifel daran, dass von Menschen begangene Taten wie Folter, Morde und Vernichtung dem biblischen Gott JHWH in die Schuhe geschoben wurden.
Wurde hier der Versuch unternommen, diesen Gott für politische Zwecke zu instrumentalisieren und menschliches Verhalten durch seine ‘Intervention’ zu rechtfertigen? Für mich bleibt es bei meiner Überzeugung, dass Gott nicht grausam ist.
(Falls es aber so etwas gäbe wie ‘Halbgötter’ – Wesenheiten, die zwar nicht allmächtig, uns Menschen dennoch weit überlegen sind und zudem eigenständige Ziele verfolgen, dann entstünde ein anderes Bild.)
In diesem Zusammenhang ist auch die Frage zu stellen, ob wir Menschen uns bisweilen nicht viel zu wichtig nehmen. Seit wenigen Jahren erst nimmt die Astrophysik zur Kenntnis, dass Sterne wie die Sonne mit einer Reihe von sie umgebenden Planeten der Normalfall im Weltall zu sein scheint. Solange man nur die Sterne, nicht aber die Planeten beobachten bzw. durch Messungen nachweisen konnte, glaubte man an die Einzigartigkeit unseres Sonnensystems.
Wenn aber eine Vielzahl solcher Konstellationen existiert, haben sich womöglich auch Milliarden von Zivilisationen bewusster, intelligenter Lebensformen entwickelt. Dieser Gedanke ist tröstlich und verwirrend zugleich: wir Menschen wären, träfe er zu, zwar nicht einsam in einem riesigen, ansonsten unbelebten Universum – aber wir wären dann sicher nicht länger die Krone und das Zentrum der Schöpfung:
“Das ist die große Illusion, der du anheimgefallen bist: Du glaubst, dass Gott sich auf die eine oder andere Weise darum bekümmert, was du tust. ...bekümmert es dich denn, was deine Kinder tun, wenn du sie zum Spielen hinaus schickst? Ist es für dich von irgendwelcher Bedeutung, ob sie Fangen oder Verstecken oder Ochs am Berg spielen? Nein - und zwar weil du weißt, dass sie sich in Sicherheit befinden. Du hast sie in eine Umgebung gebracht, die nach deinem Dafürhalten freundlich und ausgesprochen in Ordnung ist. Selbstverständlich wirst du immer hoffen, dass sie sich nicht verletzen.
Und wenn es geschieht, bist du da und hilfst ihnen, heilst sie, lässt sie sich wieder sicher fühlen, wieder glücklich sein und wieder hinausgehen und einen weiteren Tag mit Spielen verbringen.“
Der wirkliche Trost dieser Aussage liegt für mich aber in einem anderen Umstand: Auch wenn wir dies gegenwärtig nicht erfassen können, kann uns (unserer unvergänglichen Seele) nichts wirklich Schlimmes geschehen – denn letztlich ist da ‘jemand’, der auf uns aufpasst – auch wenn ‘er’ nicht erkennbar reagiert, wenn wir von Zeit zu Zeit stolpern oder straucheln...
Man muss nicht in allem übereinstimmen, um bestimmte Beobachtungen zu teilen. So geht es mir in Bezug auf ein Skript des früheren Joseph Kardinal Ratzinger, der sich inzwischen als Stellvertreter Gottes auf Erden hat ablösen lassen. Mit der Schilderung seiner Beobachtung über die kritische Verfassung des Christentums ("Der angezweifelte Wahrheitsanspruch") liegt Ratzinger m.E. richtig. Dessen Krise habe zwei Dimensionen.
Religion und objektive Wahrheit
Es darf angezweifelt werden, ob der Mensch überhaupt imstande ist, das Wesen Gottes zu erkennen.
Gerade das Christentum in seinem hohen seinem Wahrheitsanspruch scheine die menschlichen Grenzen im Erkenntnisvermögen nicht wahrzunehmen. Man kann die gleiche Frage aber auch anders stellen. Ist Religion als Versuch, den eigentlich individuellen, persönlichen Glauben an Gott zu organisieren und zu reglementieren überhaupt ein geeignetes Instrument, sich objektiven Wahrheiten zu nähern?
(Als objektiv verstehe ich hier einen breiten Konsens in Bezug auf einen konkreten Tatbestand...sonst müsste man endlos darüber diskutieren, inwieweit 'objektive Wahrheit' überhaupt existieren kann.)
So ein Konsens ist vorstellbar über unbestreitbare, beobachtete Erkenntnisse auf dem Gebiet der Naturwissenschaften; und er kann nur in einem langen Forschungs- und Erkenntnisprozess - erarbeitet, aber niemals oktroyiert werden. Die fundamentale Wahrheit in Bezug auf Gott könnte allenfalls in der gesicherten Erkenntnislage seiner Existenz oder Nichtexistenz zu finden sein.
Über dieses Wissen wird der Mensch nach meiner Überzeugung aber niemals verfügen. Insoweit scheint für mich festzustehen, dass Religion von ihrem Wesen und Gegenstand her nicht der objektiven Wahrheitsfindung dienen kann. Darin liegt auch nicht ihre Aufgabe, die ich vornehmlich in der seelsorgerischen und ethisch-pädagogischen Betreuung von Menschen sehe, die eine solche Form des Zuspruches und die Einbindung in eine glaubensorientierte Sozialgemeinschaft ausdrücklich wünschen.
Andererseits kann eine Religion bzw. eine relgiös-fundamental ausgelegte Organisation sich durchaus ein hohes Maß an Integrität und Glaubwürdigkeit erarbeiten und bewahren. Genau da aber liegt eigentliche Krise des Christentums und ganz besonders der katholischen Konfessionsgemeinschaft. Sich dem zu stellen tut erstens weh und erfordert zweitens Konsequenzen, die sich aus einer vorbehaltsfreien Ursachenforschung ohne Zweifel ergeben würden.
Folglich referiert Ratzinger vorzugsweise über eine generelle Skepsis gegenüber dem Wahrheitsanspruch in Sachen Religion, der gleichwohl artikuliert wird - m.E. jedoch nicht das Hauptproblem der Kirche darstellt. Deren vitale Krise besteht seit 10 Jahren, wohingegen die zusätzlichen Spannungsfelder zwischen Religionen und der modernen Wissenschaft seit über hundert Jahren existieren, mindestens aber seit der Nachkriegszeit. Ihnen müssen sich die überlieferten Ursprünge und Inhalte des Christlichen zusätzlich stellen:
- Durch die Evolutionstheorie scheint die Schöpfungslehre überholt,
- durch die Erkenntnisse über den Ursprung des Menschen scheint die Erbsündenlehre erst recht unhaltbar geworden;
- die kritische Exegese relativiert die Gestalt Jesu und setzt Fragezeichen gegenüber seinem Sohnesbewußtsein;
- der Ursprung der Kirche in Jesus erscheint zweifelhaft und so fort.
Kurzum: Durch das „Ende der Metaphysik" sei dem Christentums seine philosophische Grundlage abhanden gekommen. Wie ist das möglich? Doch nur, indem sich die Kirche auf einen Jahrhunderte währenden Konflikt mit der Natur- und auch der liberalen Geisteswissenschaft eingelassen hat, der die 'Wohnungsnot Gottes' vorhersehbar heraufbeschworen hat:
Lag der Klerus vor 600 Jahren noch eindeutig vorne, hat sich das Kräfteungleichgewicht unmerklich aber stetig zugunsten der säkularen Kräfte verschoben. Nachher ist man immer schlauer - doch erscheint mir dieser Konflikt künstlich und im Grunde überflüssig:
Gott selbst als transzendente (jenseits von Zeit, Raum und Materie) existierende Wesenheit kann nicht an Bedeutung, Macht, Einfluß usw. verlieren - etwas anderes ist geschehen: Die Institution Kirche hat sich böse verkalkuliert, als sie glaubte einen Kampf gewinnen zu können, zu dem sie keinen Auftrag hat.
Eine, wie ich meine unangebrachte, Fokussierung des spirituellen Wahrheitsanspruches auf weltliche Themen ging einher mit Macht- und Besitzstreben der handelnden Akteure. Diese wurden zugleich verführt und später korrumpiert durch ihr Eigeninteresse - bis eine Kirche der Liebe allenfalls noch in unausgesprochenen Gedanken existierte.
Dieser Gesinnungswandel zeigt sich gerade auch im Umgang mit Andersdenkenden, die lange genug in Kreuzzügen bekämpft und auf Scheiterhaufen verbrannt wurden. Nicht die Lehre Jesu bedurfte des Schutzes, vielmehr wurden die weltlichen Interessen und die Exklusivität eines Machtapparates verteidigt.
Ratzinger beklagt das Ergebnis dieser Niederlage, welches sich auch dadurch zeigt, dass christliche Inhalte zunehmend als Symbole aufgefasst werden - denen im Kreis der übrigen Religionen "und Mythen" kaum mehr eine Sonderstellung zugestanden wird. In Bezug auf unklare Mythen ohne gegenwärtig noch sichtbares Fundament wäre dies nun wirklich eine Fehlentwicklung - doch hat das Christentum auch heute noch einen als selbstverständlich wahrgenommenen, höheren Stellenwert als das antike Pantheon der Römer und Griechen.
In Bezug auf andere Weltregionen allerdings ist eine Egalisierung eingetreten, die schon in unserer Verfassung mit einer allgemeinen Religionsfreiheit verankert ist. Darin entdecke ich keinen Missstand, sondern einen wertvollen Beitrag zu Frieden und gegenseitiger Toleranz. Nicht nur aus der Religionsgeschichte, auch im Nahen Osten der Gegenwart erfahren wir beinahe täglich die tödlichen Konsequenzen einer Fehleinschätzung, mit der sich die eine Religion für einzig wahr und alle übrigen für unwahr und zudem für anti-islamisch, anti-jüdisch oder anti-christlich erachtet. Bis heute impliziert der christliche Glaube eine "verlässliche Verheißung" für viele Menschen - doch steht nicht mehr als einziges spirituelles Konzept zur Auswahl.
Für meinen Teil kann ich in dieser Entwicklung nur Positives entdecken: Christen von heute sind nicht mehr mit Zwang, Feuer und Schwert Missionierte, sondern leben ihren Glauben als Ausdruck einer freien Eintscheidung. Sorge bereitet mir nicht das temporäre Schwächeln einer Kirche, sondern die Tatsache, dass immer weniger junge Menschen sich überhaupt auf eine spirituelle Sinnsuche begeben ... doch das ist ein anderes Thema.
Mein anfänglicher Wunsch nach kritischer Selbstreflexion kirchlichen Handelns bleibt nicht unerfüllt: Die christliche Theologie müsse, schreibt Ratzinger sich den gegen den Wahrheitsanspruch des Christentums gerichteten Instanzen aus allen Bereichen der Wissenschaft stellen. So wie er das schreibt, entsteht freilich ein anderer Zungenschlag: Sorgsam überprüft werden sollen - so verstehe ich seine Worte - die Wissensinhalte und Erkenntnisse der 'anderen', vermeintlich gegnerischen Seite. Immerhin fordert er zugleich auch die "Gesamtvision der Frage nach dem wahren Wesen des Christentums", nach seiner geschichtlichen Stellung in der der Religionen und nach seinem Platz menschlichen Existenz.
Tatsächlich hatte das Christentum in seinen Anfängen eine wesentliche Rolle im Bereich der theologisch-philosophischen Aufklärung eingenommen, doch vermag ich diese Funktion nur solange, bis mit seinem Wandel zur Staatsreligion und dem Konzil von Nicäa ein rücksichtsloser Dogmatismus Einzug hielt. Aufklärung ist untrennbar verbunden mit einer Art 'pluralistischen Vielfalt', von der sich das Staats-Christentum spätestens mit der Ausrottung des Arianismus und seiner Anhänger verabschiedet hat.
Jedenfalls wurde und wird die hierarchisch straff durchorganisierte Kirche 'von außen' mit dieser dominierenden Autorität identifiziert - weniger dagegen mit den Idealen bewundernswerter Individuen wie Franziskus von Assisi (der zudem seine Berufung und wohl auch sein Überleben einer wundersamen Fügung verdankte). Sollte es Ratzinger (zumindest bevor er dann Papst wurde) Ernst gewesen sein mit dem Geiste philosophischer Aufklärung im Christentum, welche das Göttliche zu vermitteln habe, das die vernünftige Analyse der Wirklichkeit wahrnehmen könne?
Falls ja, müsste es sich dann nicht lossagen von jener Rechtfertigung, die in ihrer politischen und sozialen Nützlichkeit liegt? Ich habe keine Idee, wie dies in umfassender Weise zu bewerkstelligen wäre - die Geschichte einer Jahrhunderte als gewalttätig und "im Namen des Herrn" Zwang ausübend wahrgenommenen Autorität lässt sich nun mal nicht zurück drehen.
Doch bestünde allemal die Gelegenheit, in geeigneten Reformen Zeichen zu setzen - ohne die Identität des christlichen Glaubens aufzugeben. Doch geht meine Vermutung dahin, dass die Mehrheit der interessierten Menschen mit dem Begriff theologischer Aufklärung etwas grundlegend anderes verbindet als Dies ist die Bezugnahme des heutigen Christentums auf die Areopagrede des Paulus und seinen Anspruch, die religio vera zu sein. Der christliche Glaube beruhe in erster Linie auf Erkenntnis, betont Kardinal Ratzinger - impliziert dies nicht, dass Menschen aufgrund ihrer Individualität eben nicht zu einer Einheits-Auffassung vom Wesen Gottes und dem geeigneten Zugang zu ihm gelangen werden, wie sie der Katholizismus mit seinem intern verbindlichen Kirchenrecht (etwa dem Codex Iuris Canonici) vorgibt?
"Im Christentum ist Aufklärung Religion geworden und nicht mehr ihr Gegenspieler."
Ratzinger kommt nun auf den Kern des Problems zu sprechen, den selbst verordneten Absolutheitsanspruch: Weil Christentum sich als "Sieg der Entmythologisierung, als Sieg der Erkenntnis und mit ihr der Wahrheit" verstand, habe es sich als universal ansehen und zu allen Völkern gebracht werden müssen.
Die Selbstwahrnehmung war nicht als eine spezifische Religion, die andere verdrängt - die Außenwahrnehmung jedoch eben jener "religiöse Imperialismus" heraus, den Ratzinger als Hauptmotiv nicht gelten lassen will. Es tut nicht Not, hier Belege für dieses Leitmotiv anzuführen, doch sie existieren bis heute auf jedem Kontinent der Erde.
Aus meiner Sicht ist bezüglich der Begründung zwischen dem christlichen Glauben allgemein und der katholischen ('die ganze Erde umspannende') Kirche speziell zu unterscheiden. Letztere betrachtet sich als apostolisch - sie wurde durch die Apostel gegründet und lehre, was die Apostel lehrten, ihre Bischöfe sind Nachfolger der Apostel und der Bischof Roms betrachtet sich als der Nachfolger des Apostels Petrus.
Da nur sie als Kirche diese vier Merkmale aufweise, sei die römisch-katholische Kirche allein sie die wahre, von Jesus gegründete Kirche. Inwieweit diese Herleitung, der römische Katholizismus sei der von Jesus gelehrte und autorisierte Glaube als zutreffend erachtet werden kann, vermag ich nicht zu beurteilen.
Wo "Wahrheit den Schein überflüssig macht", braucht es keinen Zwang. Wenn es wirklich um das Erkennen der Wahrheit geht, so darf wohl angenommen werden, dass Menschen sie erfassen können, wenn sie mit ihr erstmals in Berührung kommen. Die Vorgehensweise christlicher Erfüllungsgehilfen war jedoch oft genug von Zwang und Angsterzeugung bestimmt, und so waren es nicht - wie Ratzinger es darstellt - Inhalte der Glaubensbotschaft, welche die gesamte christliche Religion als unverträglich, mitunter feindlich gegenüber anderen Religionsauffassung erscheinen ließ.
"An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" - und genau das ist eingetreten.