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Donnerstag, 27. August 2015

Objektive Gottesbeweise sind ausgeschlossen - wozu dann streiten und morden?

Gedanken über die Unsinnigkeit von Glaubens-Konflikten

Gottesbeweise sind Versuche, mit Hilfe der Vernunft die Existenz (eines) Gottes zu beweisen".Vorweg: die fundierten Überlegungen zu Philosophen und Theologen über die (Un-) Möglichkeit eines objektiven Gottesbeweises sowie etwaige Paradoxa (z.B. "Kann ein allmächtiger Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht anheben kann ...obwohl er doch allmächtig ist?" Ja nee, is' klar;) werde ich nicht lang und breit nachplappern. (Diesbezüglich bietet Wikipedia einen wirklich hilfreichen Überblick.)

Worum es mir geht: Gestern stieß ich wieder einmal auf eine Aussage, die mir einiges Unbehagen bereitet:

Letztlich ist Jesus der lebendig gewordene Beweis für die Existenz Gottes.“
Aha, welcher Jesus bitte? Mit dieser Frage zweifele ich keineswegs an, dass Jesus tatsächlich gelebt hat und aller Wahrscheinlichkeit durch Kreuzigung hingerichtet wurde. Beides betrachte ich als erwiesen.
Ist mit "lebendiger Beweis" der historische Jesus gemeint? Oder jener Jesus, dessen Leben, Worte und Taten von elitären Kreisen u.a. in Rom fast nach Belieben umgeschrieben und 'ergänzt' wurde?
Diesen mythologischen Jesus samt aller später hinzugekommenen magie-ähnlicher Rituale vermag ich persönlich nicht als Beweis für Gottes Existenz zu sehen ...eher schon als Beleg für Feuerbachs These, wonach manche Menschen sich ihren eigenen Gott erschaffen – vornehmlich zu Projektionszwecken: Was die Naturwissenschaft nach wie vor nicht präzise zu erklären weiß (z.B. wie genau das Leben vor ca. 3,4 Milliarden Jahren auf der Erde entstand), wird einer Projektionsfläche namens Gottheit XY zugeordnet.
Da viele von sich uns nicht an die Vorstellung gewöhnen können, mit dem Tod sei alles vorbei (auch ich kann und will mir dieses unendliche Nichts nicht ausmalen), wird der jeweiligen Gottheit auch die Zuständigkeit für das Weiterleben des Geistes nach dem Tod übertragen: (mal mit dem alten Körper, mal mit einem neuen 'feinstofflichen' Body und mal ganz ohne, als reine Energieform). Aber bitte nach dem vorteilhaften Prinzip „Die Guten (=Angehörige desselben Glaubens) ins Töpfchen, den Rest ins Kröpfchen (=ab in die Hölle zwecks endloser Quälerei)“. 
Ungeachtet dieser zynischen Selektionsvorgabe an die Gottheit schaffen die Kleriker es allen Ernstes, eben dieser Gottheit zugleich Attribute wie unendlich liebend, barmherzig, gerecht usw. zuzuordnen.
Auch sich selbst sehen etliche dieser Kleriker im Lichte dieser positiv besetzten Eigenschaften, schließlich bezeichnet sich deren amtierender Chef als Stellvertreter Gottes auf Erden. Was für eine Anmaßung! Und zudem für eine international agierende, auf monetäre Gewinne und Machtausübung abzielende Wirtschaftsorganisation durch nichts in der Bibel herleitbar. Ebenso können große Gesten und noch größere Worte nicht überzeugen, solange die Handlungen der Person bzw. der von ihr repräsentierten Organisation grundsätzlich unvereinbar sind.
Folglich taugen Aussagen sowie das Verhalten von Klerikern jedweder Couleur ebenso wenig als Beweis hinsichtlich der Existenz Gottes, wie sich das Reden und Gebaren von Atheisten und Agnostikern als intersubjektives Indiz für die Nichtexistenz Gottes eignen muss.

Aber zurück zur Frage nach der Möglichkeit von Gottesbeweise. Wir Menschen werden nach meiner Überzeugung auf lange Sicht nicht imstande sein, einen unwiderlegbaren Beweis Gottes (wobei „Gott“ hier für das monotheistische Gottesbild steht, nicht für irgendwelche Halb- oder Astronautengötter) zu erbringen. 

Warum? Weil wir uns bei keinem beobachteten Phänomen – selbst wenn es der uns bekannten bzw. von der Naturwissenschaft beschriebenen und berechneten Realität diametral zu widersprechen scheint – sicher sein können, ob es auf dem Wirken Gottes beruht oder ob es uns nur an nötigem Wissen mangelt, um das betreffende Phänomen zu verstehen.

Anders sähe die Sache aus, falls Gott sich entschlösse, uns seinerseits einen Beweis seiner Existenz zu geben. Ein solcher Beweis wäre unwiderlegbar, im Gegensatz zu den missverständlichen, teilweise widersprüchlichen Aussagen offensichtlich menschlicher Autoren in Bibel und Koran. Er hätte zudem einen unausweichlichen Charakter, d.h. er würde sämtliche Streitigkeiten zwischen Atheisten und Religionen zum Verstummen bringen. Über die Beschaffenheit einer solchen Beweisführung zu spekulieren, ist unsinnig: falls ein allmächtiger, mit der materiellen Realität interagierender Gott existiert, wird er zweifelsfrei dazu in der Lage sein.

Doch ist er dazu willens? Es scheint, als habe Gott – zumindest bisher – eben nicht die Absicht besessen, uns seine Existenz in dieser Weise vor Augen zu führen.
Über seine Motive, uns im Unklaren zu lassen, wurde zu allen Zeiten spekuliert und gestritten. Vielleicht soll unser Verstand, unser Wunsch zu forschen und zu begreifen, wach gehalten werden...eventuell sollen wir (als Spezies) einen Reifegrad entwickeln, bei dessen Erreichen wir 'von selbst drauf kommen', was das Wesen einer uns derzeit noch übernatürlich erscheinenden Intelligenz ist?
Keine Ahnung, denn ich habe die erforderliche geistige und seelische Reife sicher noch nicht gewonnen.

(Dass ich persönlich an die Existenz einer höheren, für uns derzeit nicht zu verstehenden und deshalb als 'übernatürlich' eingestufte Intelligenz glaube, der ich überwiegend rational-neutrale bis positive Eigenschaften zuordne...nun, das ist in diesem Zusammenhang irrelevant. Mir ist nur allzu bewusst: auch ich könnte in die von Feuerbach beschriebene Projektionsfalle getappt sein.)


Warum ist mir die Frage nach Gottes' Beweisbarkeit so überaus wichtig?


Nun ja, falls die Menschheit endlich begreifen und einsehen wollte, dass sich ein solcher Beweis eben nicht herbeizwingen lässt, würde dies dies weitreichende positive Konsequenzen nach sich ziehen: Jeder könnte sich irren, ob Atheist oder Islamist, ob moderater Christ, Muslim oder Raelianer!

Diese Einsicht muss nichts an der persönlichen (Un-) Glaubensauffassung des Einzelnen ändern; doch sie zeigt die Unsinnigkeit jeglicher Bemühung auf, anderen die eigene Ansicht aufzuzwingen.

  • Mit welcher sachlichen/moralischen Berechtigung könnte ich Andersdenkende von meinem Glauben (oder Unglauben) überzeugen, für dessen Richtigkeit ich keinerlei objektivierbare Fakten anzuführen vermag?
  • Umgekehrt wird auch ein Schuh draus: Wozu sollte ich, sollten wir uns von irgendwelchen Radikalen bedrängen lassen, die ihrerseits gleichfalls keine unwiderlegbaren Fakten vorzuweisen haben?
Fazit: Zu kapieren, dass unsere subjektive Ansicht zu Gott, Glauben und Religionen de facto nicht objektiv bewiesen werden kann, erlegt uns allen eine gewisse Demut auf: einerseits läuft die schwer erträgliche Arroganz atheistischer, allwissender Naturalisten ins Leere; andererseits machen Glaubensstreitigkeiten und erst recht Religionskriege machen absolut keinen Sinn mehr! 

Jeglicher Bestrebung, wonach alle demselben Glauben/Pseudo-Realismus/Unglauben anhängen, wird durch das Faktum des Nichtwissenkönnens jeder Nährboden entzogen.


Natürlich sehe ich die Realität der Gegenwart: Tiefgläubigen Personen und deren Organisationen reicht ihre jeweilige 'Heilige Schrift' als „Beweis“ - sowohl der Existenz Gottes als auch für die Richtigkeit ausschließlich ihrer Glaubensvorstellung – völlig aus. Der Kopf bleibt im Sand und "die Ungläubigen" werden weiterhin diffamiert, ausgegrenzt oder gar gefoltert und ermordet.



Kann man etwas tun?

Das ist keineswegs einfach ...wie jeder einsehen dürfte, der schon mal mit einem Fanatiker diskutiert hat: oft gut ausgebildet, versuchen sie zunächst mit 'Sachargumenten' zu überzeugen - gelingt dies nicht, endet der Dialog mitunter in wüstem Geschrei und Androhungen von Strafe und Verdammnis.

Religöse Menschen mit großem 'Sendungsbewusstsein' argumentieren gerne vergleichend: Die Liebe zwischen zwei Menschen könne man ebenso wenig sehen, berechnen, empirisch beweisen ...wie Gott, dennoch sei sie unbestreitbar in ihrer Existenz. Das ist zwar richtig, doch gerade die Liebe ist überaus vielfältig - in ihrer Ausprägung wie auch in ihrem 'Zielobjekt'. 


Schließlich ist nicht jeder von uns in Jean Watts verliebt oder? 
Nicht wenige Männer (und Frauen) werden mir zustimmen, die junge Frau auf dem Foto ist optisch überaus anziehend. Doch sie werden diese Frau nicht lieben, vielleicht nicht einmal das geringste Interesse an ihrer Person haben.
Folglich wäre es unsinnig (und zudem kontraproduktiv), wollte der Lebensgefährte von Mrs Watts nun alle Welt überzeugen, seine Liebe zu ihr zu teilen.

Wohlgemerkt, ich vergleiche nicht Gott bzw. den Glauben an Gott mit der Liebe zu einer Frau. Sondern ich versuche, den trivialen Charakter einer solchen vergleichenden, vermeintlich zwingenden Argumentation aufzuzeigen.


Dass Liebe existiert, ist ein Indiz für einen einzigen Umstand: die (zumindest zeitweilige) Existenz der Liebe. Davon auf die Existenz einer 'übernatürlichen' Wesenheit (oder deren Nichtexistenz ...weil man eventuell noch nie richtig verliebt war?) schließen zu wollen, ist ...nun ja, nicht besonders intelligent.


Wir haben zunächst also die Möglichkeit, uns deutlich abzugrenzen: 'Du hast deine Weltanschauung, ich habe meine. Belassen wir es dabei.'

Bei Bedarf lässt sich noch anfügen: 'Du magst für deine Errettung (vor der Hölle?) verantwortlich sein, aber definitiv nicht für meine. Oder hast du vor, mich gewissermaßen zu entmündigen?

Im Kontext weiter reichender Auseinandersetzungen zwischen Gruppen und Organisationen, ist der Einfluss von Einzelpersonen naturgemäß geringer. Doch ein von mehreren Seiten heraufbeschworener Religionskrieg oder Kulturkampf würde jeden einzelnen von uns in Mitleidenschaft ziehen.

Die weltweite Zunahme von Terroranschlägen, aber auch von militärischen Übergriffen durch Staaten bzw. Regierungen, betrachte ich als mögliches Vorzeichen einer Art "Endkampf", der in so manchem kranken Hirn radikaler Islamisten und christlicher Zionisten längst herumspukt. Leider wächst deren Einfluss auf beiden/allen Seiten...der IS ist da nur ein Beispiel. 

Folglich sind wir gut beraten, in unserem eigenen Umfeld und auch in sozialen Netzwerken eine eindeutige Position zu vertreten:

Wir tolerieren Euch und Eure Ansichten - in dem Maße, wie ihr uns und unsere Anschauung toleriert. Aber wir wenden uns entschieden gegen jede Ausübung von Zwang und mehr oder minder subtilem Druck zugunsten Eurer Auffassung.
Denn: jeder von 'uns' und 'euch' könnte einem gewaltigen Irrtum unterliegen.
Gehen wir noch einen Schritt weiter: Wenn Konflikte über weltanschauliche Fragen unsinnig und nutzlos sind, so trifft dies unzweifelhaft auch auf unterschiedliche Lebenskonzepte zu, welche (zumindest teilweise) aus der jeweiligen Glaubens-/Weltanschauung erwachsen.
Kein Islamist und kein Katholik hat einem Schwulen das Schwulsein zu verbieten! Und kein ach so aufgeklärter Agnostiker hat eine Muslima zu diffamieren, weil sie ein Kopftuch trägt (außer sie ist Beamtin in Deutschland und trägt das Teil während ihrer Dienstzeit, zB als Lehrerin).

Selbst unter dieser Voraussetzung bleiben noch offene Fragen, welche einer Klärung bedürfen. Eine davon ist beispielsweise: Darf es weiterhin gestattet werden, Säuglinge und Kinder vor Eintritt ihrer Religionsmündigkeit zu beschneiden?

Doch für so schwierig zu lösende Fragestellungen lässt sich ein Konsens allenfalls dann finden, wenn die Kontrahenten nicht länge die gesamte Identität der Gegenseite infrage stellen oder dies für sich selbst befürchten müssen.

Es ist, glaube ich, klar geworden worauf ich hinaus möchte: 



  • Wir (die Spezies Mensch als Gesamtheit) müssen dringend an unserer Friedensfähigkeit arbeiten, falls wir das 22. Jahrhundert noch erleben wollen.
  • Hierzu ist es notwendig, unlösbare Konflikte über Religion/Glauben/Lebenskonzepte einzufrieren. 
  • Diese Konflikte beizulegen wird nicht ohne weiteres gelingen, da die gegensätzlichen Auffassung fortbestehen. Deshalb ist eine 'zeitweilige' Übereinkunft lebensnotwendig: Die Menschheit hat sich vorrangigen, vitalen Herausforderungen zu stellen - darin Erfolg zu haben erfordert den Verzicht auf die ohnehin unter dem o.a. Irrtumsvorbehalt stehenden Glaubensstreitigkeiten.

Samstag, 23. November 2013

Epigenetische Prägung - Vererbung ist mehr als die Summe der Gene

Prof. Dr. Johannes Huber im Gespräch


Die Epigenetik befasst sich mit Eigenschaften von Organismen und Zellen, die zwar auf Tochterzellen vererbt werden, aber nicht in der DNA eines Lebewesens festgelegt sind. Epigenetiker gehen heute davon aus, dass durch bestimmte Veränderungen an den Chromosomen die Aktivität von Abschnitten oder sogar ganzen Chromosomen in ihrer Aktivität beeinflusst werden (epigenetische Prägung). Die DNA-Sequenz wird dabei jedoch nicht verändert.
Sondern Schaltermoleküle, Eiweiße und andere Signalstoffe der Zelle bestimmen, ob und wann Gene ein- oder ausgeschaltet werden. Diese epigenetischen Veränderungen steuern die Krebsentstehung, verursachen Probleme in der Stammzelltherapie und beim Klonen und bestimmen, welche Eigenschaften vom Vater und welche von der Mutter vererbt werden.

Professor Huber geht vor allem auf epigenetische Mechanismen ein, die bereits während der Schwangerschaft zum Tragen kommen und bestimmte Eigenschaften des werdenden Kindes ein erheblichem Ausmaß beeinflussen. Vor diesem Hintergrund kommt nicht nur der körperlichen, sondern auch der seelischen Wohlergehen der Frau während der Schwangerschaft eine besondere Bedeutung zu.

Die schwangere Frau sei vor Stress, Mobbing und ähnlichen Belastung zu schützen, weil solche Stress-Situationen weitervererben sich und so auf die spätere seelische Gesundheit des Kindes auswirken.

Auch in der Krebsforschung spielt die Epigenetik eine wachsende Rolle: Im Laufe des Alterungsprozesses ermöglichen epigenetische Veränderungen den Zellen, auf Umweltveränderungen und Einflüsse zu reagieren, ohne dass die DNA selber geändert werden muss. Diese Anpassung kann notwendig sein, doch entstehen auch viele Krebsarten unter anderem dadurch, dass die Gene für wichtige Reparaturenzyme oder Schutzmechanismen epigenetisch ausgeschaltet werden.

Bei aller Einsicht in solche Prägungsvorgänge wird man m.E. achtgeben müssen, dass die Eigenverantwortung des Individuums keine übermäßige Bagatellisierung erfährt. Ich denke da an Justiz und Strafvollzug - schon heute nehme ich mit Unverständnis zur Kenntnis, dass Täter nach Begehung einer schweren Straftat mehr öffentliche Zuwendung und Unterstützung zu erhalten scheinen als deren Opfer. Mich würde nicht wundern, wenn in fünf oder zehn Jahren die ersten findigen Rechtsanwälte den Versuch unternähmen, unter Verweis auf die epigenetische Schädigung eines Mandanten ein milderes Urteil für diesen zu erwirken.




Dienstag, 16. Juli 2013

Liebe = Biochemie? Abgleiten in Leere und Gleichgültigkeit?

Schon interessant, wie viele Menschen mit Liebe und Enttäuschung umgehen:


Nur nicht aus Liebe weinen



Die häufige Ausgangssituatition ("Es reicht"):

Es ist ja ganz gleich, wen wir lieben,
und wer uns das Herz einmal bricht.
Wir werden vom Schicksal getrieben
und das Ende ist immer Verzicht.

Wir glauben und hoffen und denken,
daß einmal ein Wunder geschieht,
doch wenn wir uns dann verschenken,
ist es das alte Lied...

...und die vermeintliche 'Lösung':
Nur nicht aus Liebe weinen,
es gibt auf Erden nicht nur den einen.
es gibt so viele auf dieser Welt
ich liebe jeden, der mir gefällt
Und darum will ich heut' Dir gehören,
Du sollst mit Treue und Liebe schwören,
wenn ich auch fühle, es muß ja Lüge sein,
ich lüg auch und bin Dein.


Wenn das alles wäre, was 'Liebe' an Resultaten implizierte - und ich stehe dieser erfahrungsbedingten Sichtweise durchaus offen gegenüber - tja, dann könnte man wirklich zu dem Schluss kommen: Es handelt sich nur um einen biochemischen Vorgang, der manchmal seltsame Blüten treibt...aber früher oder später traurig bzw. tragisch endet...

Dass die Wissenschaft alles zerlegen ('analysieren') und sezieren muss, ist die mehrheitliche Auffassung. Der kleinere Teil der Wissenschaftsgemeinde folgt eher dem Prinzip der Ganzheitlichkeit ('Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile'). Vielleicht kommt es auf das jeweilige Studienobjekt an, welcher dieser beiden Ansätze mehr Erfolg verspricht.

Geht es um das Phänomen Liebe, kommt man mit dem Sezieren nicht sehr weit. 
Schon allein, weil man sich zunächst einmal darauf verständigen müsste, 'welche Liebe' denn überhaupt untersucht werden soll.
Ganz zu schweigen von einer Definition: Wikipedia etwa umschreibt Liebe allgemein als die stärkste Form der Hinwendung zu anderen Lebewesen, Dingen, Tätigkeiten oder Ideen -  Liebe wird also zugleich als Metapher für den Ausdruck tiefer Wertschätzung aufgefasst.

Die Bezeichnung Liebe wäre demnach ein Sammelbegriff für alle möglichen Formen von Leidenschaften und Zuneigung - vom Goldfisch über den Fußballverein bis hin zu einer PC-Software als Liebes'objekt'. 



Der Pelikan reißt sich die Brust auf, um seine Jungen mit seinem Blut zu füttern -
ein altes christliches Sinnbild aufopfernder Liebe.
Auch das o.a. Bild zeigt die Notwendigkeit einer Abgrenzung schillernder Begriffsbedeutungen. Bleiben wir einstweilen doch bei dem, "was zwischen Menschen abgeht, die sich unheimlich gern haben"...

Selbst dann müsse man noch die Bedeutungsebenen der sinnlichen Empfindung, dem Gefühl und der ethischen Grundhaltung „Liebe“ differenzieren. Also gut, betrachten wir das Gefühl...wobei ich noch nicht sehe, wo die Trennlinie zur sinnlichen Empfindung verlaufen sollte. Man kann Dinge auch unnötig verkomplizieren:

"Unter Liebesempfindungen versteht man die primär sinnlichen Liebesgefühle, insbesondere die Verliebtheit und die sexuelle Anziehung. Sie stehen in der Regel in Verbindung mit den beiden anderen Formen der Liebe, können aber auch durch die Wahrnehmung eines fremden Körpers, das heißt durch visuelle, olfaktorische oder taktile Reize ausgelöst werden oder ganz einfach durch den empfundenen Mangel an einem geliebten Gegenüber. 
Die Liebesempfindung steht in enger Verbindung mit der Sexualität, das heißt sexuellen Wünschen, Bedürfnissen und Handlungen.
Unter Liebesgefühlen allgemein versteht man ein komplexes, vielfältiges Spektrum unterschiedlicher Empfindungen und Haltungen gegenüber ... möglichen Liebesobjekten, in denen die sinnlich-erotische Komponente nur sekundär von Bedeutung ist. Sie führen zu einer Hinwendung und Zuwendung zum Anderen, dem Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit geschenkt werden." [vgl. Wikipedia]
Aha...ich bleibe dennoch dabei: Nicht nur für emotionale Liebe im engeren Sinne, sondern auch für Sympathie, Freundschaft und sogar Sorge um eine Person spielen Liebesgefühle eine Rolle. 

Keine Herzensangelegenheit...? 
Liebe lässt sich jedenfalls nicht auf neurochemische Vorgänge im Gehirn reduzieren - in vielem steht die Neurowissenschaft bei ihrer Erforschung erst am Anfang. Bisher jedenfalls lässt sich die Komplexität der Liebe nicht im Labor abbilden. Sie umfasst nun einmal unterschiedliche Aspekte:
  • Evolutions-Biologie: Im Gehirn laufen komplexe Vorgänge ab - 'ein Trick der Evolution', um das menschliche Überleben zu sichern. Im Gehirn wird in Bezug auf den geliebten Menschen u.a. das Belohnungssystem aktiviert; dagegen reduzieren Areale für rationales Denken ihre Aktivität.
    In der frühen Phase der Liebe spielt vor allem der Botenstoff Dopamin eine große Rolle und sorgt für den Rausch der Gefühle. In späteren Phasen von Beziehungen bestärkt möglicherweise das Hormon Oxytocin die Bindung zwischen den Partnern.
    vgl. "Biologie der Liebe - und was noch" auf dasgehirn.info
  • der sozio-kulturelle Aspekt: selbst bei nüchterner Betrachtung geht der Einfluss von Liebe weit  über die reine Fortpflanzung hinaus. Im Lauf der Generationen wurden Aussagen geprägt wie "Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe". Mit dem Instrumentarium der Evolutionswissenschaft kommt kaum hinter die Bedeutung dieser und vergleichbarer Feststellungen.
  • das persönliche, individuelle Erleben: Für eine(n) Liebende(n) ist die Biochemie völlig irrelevant; im Vordergrund stehen die Empfindungen füreinander - welche sich freilich nicht im wissenschaftlichen Sinne objektivieren lassen. Unlängst wurde ich in einem etwas anderen Kontext darauf hingewiesen: "Es kommt nur auf dein subjektives Erleben an."
    Dies mag auch für die Liebe zwischen zwei Menschen gelten, wo zwei verschiedene Erlebniswelten einander berühren und bestenfalls in Bezug auf die Empfindungen füreinander eine Schnittmenge aufweisen. Wie sollte diese individuelle Wahrnehmungsvielfalt sich biochemisch dokumentieren und experimentell reproduzieren lassen.
Bei so nüchternen Darlegungen denke ich gerne an William von Baskerville (Sean Connery) in Der Name der Rose:


Wie friedlich wäre doch das Leben ohne die Liebe,

wie sicher, wie ruhig wäre es -

und wie öde.

Sonntag, 27. Mai 2012

Ulzhan - Das vergessene Licht (Filmtipp)

Der Filmregisseur Volker Schlöndorff ist mir durch die ‘Blechtrommel’ und seine Proust-Verfilmung ‘Un amour de Swann’ in Erinnerung.
‘Ulzhan - Das vergessene Licht’, eine melancholisch-nachdenkliche Liebesgeschichte aus dem Jahr 2007 ist mir erst heute in die Hände gefallen.

Sie hat mich zutiefst berührt; es hat eine Weile gedauert, bis ich den Grund dafür verstanden habe:
Die junge Frau namens Ulzhan vermittelt mir einen Eindruck von Liebe, wie ich sie mir schöner nicht vorstellen kann: sie ist 'einfach da' für diesen Mann, Charles, dessen Traurigkeit und Verlassenheit sie spürt. Vielleicht deshalb toleriert sie dessen Distanziertheit und sein mitunter grenzwertiges Benehmen. 
Sie bedrängt ihn nicht, klammert nicht und stellt keine Forderungen, und erst recht keine 'Ansprüche'. Und doch unterwirft sie sich nicht, macht sich nicht abhängig und erniedrigt sich auch nicht vor ihm. Gibt es so eine Liebe (zwischen Mann und Frau) auch außerhalb einer fiktionalen Filmhandlung?
Die Handlung wird hier in wenigen Worten umrissen, doch dabei bleibt vieles ungesagt, was sich eben nur in Bildern und musikalisch ausdrücken lässt, etwa durch “intensive Landschaftsaufnahmen” voller Kontraste.
Der Film beginnt mit gesprochenen Worten aus einem Buch des kasachischen Poeten und Philosophen Abai Kunanbaev 1):
"…du Licht meines Auges. Du Leben meines Herzens. Unsäglich sind die Qualen der Liebe.”
Charles S. (Philippe Torreton) ist ein gezeichneter Mann, der offenbar seine Familie verloren hat. Er entflieht menschlicher Nähe und vermeidet es, überhaupt etwas von anderen anzunehmen. Wer dem naturverbundenen, etwas heruntergekommen wirkenden Fußgänger Hilfe anbietet, erntet meist schroffe Ablehnung.
Mit einem Wodka-Besäufnis und unverbindlichen Begegnungen in einer kasachischen Nachtbar hat er dagegen kein Problem – eine schützende Distanz wird gewahrt.


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Nachdem er wie ein Landstreicher aufgegriffen und vernommen wurde, muss Charles zur Kenntnis nehmen, dass Kasachstan lange kein ‘Land ohne Städte und Dörfer’ mehr ist, auf dem nur vereinzelte Nomadenklans die endlose Steppe bereisen. Doch unter Menschen fühlt er sich sichtlich unwohl und flieht erneut in die Einsamkeit.
Er wirkt auf mich wie einer, der entschieden hat, nie wieder verletzt zu werden. Doch wo findet man diese ‘Zuversicht’ außer im Tod?


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Der schnelle, ungleich verteilte Ölreichtum hat ein Land der Gegensätze heraufbeschworen.

Eines Tages trifft Cahrles auf den skurril-geheimnisvollen Schamanen Shakuni, der mit seltenen, kostbaren Worten handelt (‘Ich sammle hier und da Wörter, und biete sie denen, die sie brauchen’) und ihm die Empfehlung mit auf den Weg gibt, ein Pferd für seine weitere Reise zu kaufen – aber ein altes, dann sei das Bedauern nicht so groß, wenn es stirbt.
In einem Dorf begegnet er der jungen Lehrerin Ulzhan (Ayanat Ksenbai), die mit ihrer Großmutter das Leben von Halbnomaden führt. Von ihr kauft er ein Pferd und verrät das Ziel seiner Reise - der heilige Berg Khan Tengri. Die alte Frau reagiert betroffen, denn dorthin zogen sich hat sich einst die Schamanen in Ruhe zum Sterben zurück.




Tags darauf heftet sich die junge Frau ungefragt und ungebeten an Charles’ Fersen und folgt ihm in einiger Entfernung durch die karge Steppe. Er bittet sie, ihn zu verlassen. Er habe eine Mission vor sich; und sie dürfe ihre Leute nicht im Stich lassen. Die einfühlsame Frau ist anderer Ansicht, beugt sich aber scheinbar seinem Wunsch.
Zufällig trifft Charles erneut auf Shakuni, den Schamanen und Wortehändler – und einzigen Menschen, vor dem er nicht gleich davonläuft. Ein Flüchtiger laufe nicht notwendigerweise vor etwas davon.

Gedanken vor dem Einschlafen.

Schakuni - Du kannst ruhig schlafen, dies ist heiliger Boden. Kirche, Tempel, Moschee..man schläft auf jeden Fall immer neben den Toten.Charles - Der Regen hat aufgehört. Morgen fahren wir los. Wir freuen uns auf dich. Ein schmerzvoller Blick auf das zerknitterte Postkarte mit dem Bild einer lächelnden Frau und zweier Mädchen, vielleicht sieben und neun.
Ein Sandsturm. Charles hat zwar vieles von der Welt gesehen, doch diese unbändige Seite der Natur überfordert ihn. Bei dem Versuch, seine Trinkwasser zu retten, flieht das Pferd. Er legt sich nieder – Zeit zum Sterben?
Doch Ulzhan ist nicht heim zur Großmutter und ihren Schülern geritten. Sie findet das verloren geglaubte Pferd und kehrt zu ihm zurück. Wie rettet man das Leben von einem, der nicht mehr leben will? Der nicht glaubt, für die Welt noch irgendeinen Wert zu besitzen? Reichen Liebe und Beharrlichkeit aus?

Für Minuten gelingt es der schönen Asiatin, den Mann aus seiner Lethargie zu reißen. Neugierde und sogar der Anflug eines Lächelns. Doch dann hüllt sie ihn wieder ein, die übermächtige Schwärze der Wirklichkeit. Bevor die Nacht zuende ist, bricht er leise auf, zu Fuß.

Noch gibt Ulzhan nicht auf. Charles erzählt ihr von einer Schatzsuche, die ihn in diese Region führe. Er berichtet ihr von den Nestorianern, persischen Christen, die wenige Jahrhunderte n.Chr. mitsamt ihrem Kirchenschatz in Richtung China geflohen seien. ‘Träger des Lichts’ sei der Name, den sie sich selbst gaben. Die Überlebenden einer Splittergruppe hätten ihren Schatz, das Licht, am Khan Tengri am Fuße des Khan Tengri vergraben.
Kein Goldschatz, sondern sind alte Sanskrit-Texte sind es, nach denen er angeblich sucht. Erstmals dankt er ihr und erwartet wohl, dass sich nun abzieht. Fehlanzeige.

Schakuni schließt sich den beiden ebenfalls eine Weile an und bereichert den Tag mit Hinweisen auf Elemente der östlichen Mythologie.
Es sind keine blühenden Landschaften, durch sie nun reiten, sondern Metaphern der Verlorenheit. Als Charles ohne zu zögern in ein gesperrtes, verseuchtes Atomtestgebiet reitet, realisiert Ulzhan dessen wahre Absicht.
Seine Beweggründe versteht sie, ohne sie zu akzeptieren. Nicht einmal das Risiko radioaktiver Verstrahlung hält sie davon ab, ihn weiter zu begleiten.


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Im Gebirge angekommen, bittet Charles seine Begleiterin ein letztes Mal darum, ihn endgültig allein zu lassen. Er bleibt im Schnee liegend zurück.
Ich bin allein. Unendlicher Schmerz zerfrisst wie Feuer meine Brust. Hört, ich muss es sagen, Herr, wird der Tag kommen, an dem mein Herz Ruhe findet?
Ruhe muss nicht den Tod bedeuten, und ob mit dem Tod die ersehnte Ruhe erlangt wird, ist bestenfalls fraglich. Auch stirbt man nicht schnell und leicht vor sich hin, selbst wenn man in winterlicher Kleidung frierend im Schnee liegt und Todessehnsüchte verspürt.
Zuletzt fällt sein Blick auf Ulzhans Lieblingspferd, das sie in einer vagen Hoffnung an einen nahe gelegenen Felsen gebunden hat, bevor sie allein den Weg zurück nahm.


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Das Ende des Films ist offen, lässt aber Raum, auf einen guten Ausgang dieser Liebe zu hoffen. Schlöndorff selbst charakterisiert seinen Film treffend:
Es ist ein sehr lyrischer Film, eine Liebesgeschichte fast ohne Worte. Zur Abwechslung mal keine Literatur, keine Politik, auch keine Vergangenheitsbewältigung, sondern reine Kür, eine Hymne auf das Leben.


Anmerkungen:
1) Abai (Ibrahim) Qunanbajuly  (1845-1904), russisch Абай Кунанбаев/Abai Kunanbajew; war ein kasachischer Dichter, Schriftsteller und Denker, der offenbar nicht nur die Literatur, sondern auch die kulturelle Entwicklung seines Landes entscheidend mitgeprägt hat. Er übersetzte etliche Klassiker der Weltliteratur ins Kasachische und sorgte für die Eröffnung neuer Schulen, um dieses Erbe der Weltkultur breiten Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen. Im modernen Kasachstan ist gilt er als nationale Symbolfigur; seine Werke wurden in über 60 Sprachen übersetzt.

Samstag, 5. Mai 2012

Liebe in Zeiten der Krise

Vortrag von Richard David Precht im Rahmen des Hamburger Harbour Front  Literaturfestivals

Jeder Kommentar erübrigt sich … außer vielleicht, dass Alkohol keine Lösung ist. Zwinkerndes Smiley

   

Anmerkungen zu den angesprochenen ‘Hardware-Unterschieden’ bei Mann und Frau:

Das Corpus callosum ist eine große, quer verlaufende Verbindung zwischen den beiden Hirnhemisphären des Großhirns. Es gehört zur weißen Substanz und besteht beim Menschen aus rund 250 Millionen Nervenfasern.

Die Sylvische Fissur oder Fissura Sylvii  ist eine ausgedehnte seitliche Furche des Gehirns.

Samstag, 10. März 2012

Epigenetik: “Der Geist ist stärker als die Gene” (Bruce Lipton)

Bedeutung der Epigenetik

Die Epigenetik, ein Spezialgebiet der Biologie, befasst sich mit Zelleigenschaften, die zwar auf Tochterzellen vererbt werden, aber nicht in der DNA-Sequenz (= dem Genotyp, d.h. der individuelle genetische Bauplan eines Lebewesens) festgelegt sind. Epigenetiker gehen heute davon aus, dass durch bestimmte Veränderungen an den Chromosomen die Aktivität von Abschnitten oder sogar ganzen Chromosomen in ihrer Aktivität beeinflusst werden (epigenetische Prägung). Die DNA-Sequenz wird dabei jedoch nicht verändert.





Funktion epigenetischer Veränderungen (Quelle: Wikipedia)"
Erläuterung: Bei der Vererbung durch sexuelle Vermehrung von jedem Chromosom beider Eltern jeweils das halbe Genom weitergegeben. Die Hälften fügen sich bei der Befruchtung zu einem ganzen Genom zusammen. Bei der Zellteilung wird das Genom erst verdoppelt und dann jeweils ein ganzes Genom auf die Tochterzellen übertragen. Epigenetische Fixierung bewirkt, dass Entwicklung funktioneller Zellen nur in Richtung der reifen Zelle hin funktioniert, der Reifungsprozess ist normalerweise nicht umkehrbar.
 

Zum Vortrag von Lipton

Der Mensch als Gefangener seines genetischen Erbguts? Der Zellbiologe Bruce Lipton will diese Lehrmeinung widerlegt haben. Mit anschaulichen Modell-Bildern vermittelt er die neue, seines Erachtens unwiderlegbaren Erkenntnisse auf diesem Fachgebiet: Danach wirkt unser Denken und Fühlen in jede Zelle hinein und bestimmt so wesentliche Aspekte unseres Lebens.
Die Wahrnehmung der uns umgebenden Umwelt ist es, die unsere Gene kontrolliert.
Darin könnte man einen weiteren Beleg dafür sehen, dass Geist und Materie korrespondieren und einander verändern. Ein gewaltiges spirituelles Potenzial eröffne sich aufgrund dieser Entdeckung - die Fähigkeit, uns selbst an Körper und Seele zu heilen sowie der Schlüssel für jeden Menschen, “ein Leben voller Gesundheit, Glück und Liebe zu erschaffen!"
Nach einer kurzen Einführung in den genetischen Determinismus (die aus der DNS gebildeten Gene bestimmen unsere Physiologie und sind auch für viele Krankheiten verantwortlich) erfahren wir, dass iatrogene (durch die Behandlung von Ärzten verursachte) Erkrankungen in den USA die häufigste Todesursache sind.

Lipton erläutert den Begriff des 'Feldes' in der Physik - als einzige bestimmende Kraft der Materie (und damit auch den Körper des Menschen). 

"Wir sind nichts andere als interagierende Wellen - und Wellen werden durch das Feld geformt". 
Jede Zelle hat einen inneren (positiven) und einen äußeren (negativen) Spannungszustand, die Spannung in jeder Zelle beträgt 1,4 Volt. Aus der Summe von 50 Billionen Zellen errechnet Lipton eine Spannung von über 700 Billionen Volt. 'Jede Zelle ist eine Batterie' (Matrix lässt grüßen) Diese Energie namens Chi könne fokussiert und zur Heilung verwendet werden!

Der Nucleus (Zellkern) steuert eine Zelle nicht, er ist allein für die Reproduktion der Zelle zuständig. Zudem enthalte der menschliche Körper 150.000 Proteine - somit könne die Annahme, ein Protein werde (allein) durch ein Gen produziert, nicht zutreffen - denn wir haben nur 23.000 Gene. Wie die Stammzellenforschung zeigt, ist nicht das Genom, sondern das jeweilige Umfeld für die Differenzierung der Zelle verantwortlich sind - was einleuchtend ist, denn jede Zelle hat dieselben Gene.

Bring eine Körperzelle in ein gesundes Umfeld und sie wird gesund werden. Bring eine Körperzelle in eine krankes Umfeld und sie wird krank werden.”
Epigenetik ist also ein Bereich der Biologie, welcher aufzeigt, wie die Natur das Verhalten von Zellen ändert - ohne deren genetischen Code zu ändern.


150.000 Proteine

… bestimmen die Funktionsweise der Zelle und damit die Funktion des Organismus. Sie bestehen aus unterschiedlichen Anordnungen der 20 Aminosäuren, die sich zu sog. Peptidverbindungen zusammenfügen. Diese Peptide können durch unterschiedliche Anordnungen die Proteine bilden. => Jedes Protein besteht aus einer einzigartigen Anordnung von Aminosäuren. Bewegungen bzw. Prozesse dieser Proteine bilden die Lebensfunktionen des Organismus, Lipton spricht von Pfaden: Die DNS bestimmt nicht aus sich selbst heraus, was sie tut, sondern wird von Regulatorproteinen gesteuert, welche sich wiederum nach Signalen aus der Umwelt richten. Die Steuerung, Aktivierung und Deaktivierung von Proteinen erfolgt durch Umwelteinflüsse, d.h. Signale: chemische Substanzen, Hormone ,Drogen, Strahlen, aber auch Schwingungen.
Diese Signale verursachen Verhalten von Proteinmolekülen, und damit das Leben. In der Medizin kann ein solches Signal nur aus Materie bestehen, also aus chemischen Botenstoffen etc. Die Quantenmechanik weist aber nach, dass auch Energie (z.B. Licht) die Bewegung und Faltung von Proteinen auslösen (konstruktive Interferenz) und stoppen (destruktive Interferenz) kann.
Die Energie, welche das Verhalten von Proteinen steuert,ist eine Lebenskraft.
Es gibt folglich 2 Ursachen von Krankheiten: Geburtsfehler (defekte Proteine) und die Energie, welche die Proteine steuert - Traumata, Toxine und ein 'schlechter' Geist.
"Wenn Ihr Euren Geist verändern könnt, dann könnt Ihr die Biologie verändern. Der Geist ist die Hauptursache für Erkrankungen heute."
Die Gene sind statische Baupläne für Proteine - sie können daher nicht ein- oder ausgeschaltet werden. Die Frage ist, ob dieser Bauplan gelesen wird oder nicht. Je nachdem, wie wir unsere Umwelt interpretieren und wahrnehmen, werden unsere Gene anders abgelesen. Somit kontrollieren nicht die Gene unsere Biologie, sondern unsere Wahrnehmung. Die Wahrnehmung erfolgt auf zwei unterschiedlichen Wegen:

  • 'Alle Rezeptoren befinden sich in unserer Haut', welche die Umweltsignale wahrnimmt. Die Haut fungiert in diesem Sinne als Steuerungszentrale; sie bestimmt ob ein Signal die Proteine erreicht und somit beeinflussen kann.
  • Eine andere Form der Wahrnehmung ist unser Bewusstsein: Wie wir die Welt sehen, das steuert unsere Biologie - die Wahrnehmung steuert das Verhalten der Proteine.
 

Epigenetische Kontrolle

…besagt also, dass wir kontrollieren mit unserem Geist – teils bewusst, teils unbewusst – steuern, wie unsere Körperzellen funktionieren und wie unsere Gene abgelesen werden. Selbst Gendefekte infolge von Mutationen könne die epigenetische Kontrolle kompensieren.
Überzeugung basiert auf subjektiver Wahrnehmung – sie kann je nach Bewertungssystem richtig oder falsch sein.
  • Der bekannte, positive Placebo-Effekt ist eine Erscheinungsform der epigenetischen Kontrolle. Positives Denken kann Heilung bedeuten - in diesem Sinne greift aber auch der gegenteilige Nocebo-Effekt: negativer Glaube kann zum Tode führen. "Wenn Ihr nach der Krankheit sucht, dann könnt Ihr diese Krankheit durch epigenetische Kontrolle erschaffen."

  • Stress ist einer der wichtigsten Gründe für Erkrankungen:
    Sobald der Geist in seiner Umwelt etwas Bedrohliches wahrnimmt, versetzt der unsere Zellen durch Botenstoffe in einen Schutzmodus, der weiteres Zellwachstum unterbindet bzw. verringert. Resultierend entstehen weniger neue Zellen als Zellen absterben, solange dieser Zustand aufrechterhalten wird.
    Zudem schalten Stresshormone das Immunsystem ab. Dennoch reicht allein die Abwesenheit von Stress noch nicht aus, um Wohlergehen und körperliche wie seelische Gesundheit zu bewirken - vielmehr sei Liebe das größte Wachstumssignal überhaupt.

  • In der Schwangerschaft bestimmt die Umwelt(wahrnehmung) der Mutter auch die Umgebung des Fötus, denn Stresshormone wie auch Glücksempfindungen gehen über die Plazenta auf den Fötus über. Dieser Einfluss wirke sogar über 2 Generationen. Das Baby kann in diesem Sinne schon vor der Geburt lernen, es übernimmt Überzeugungen und Reaktionsmechanismen der Mutter – genau diesem Mechanismus erkennt Bruce Lipton als Hauptursache der rasant zunehmenden Zivilisationserkrankungen.
  • Spiritualität: Das Unterbewusstsein kann 40 Millionen Bits pro Sekunde verarbeiten, ist aber stark gewohnheitsorientiert. Das Bewusstsein dagegen kann kreativ wirken. Wer das Bewusstsein nicht beachtet, lässt zu, dass sein Leben vom programmatischen Unterbewusstsein gesteuert wird. Zellen haben eine Identität, welche durch sog. Identitätsrezeptoren an der äußeren Zellmembran bestimmt wird, die man sich im Sinne einer Sonnenbrille (= selektive Wahrnehmung) vorstellen kann. Diese Identität kommt also von Außen, besteht also nach dem Tod der Zelle fort; das was uns ausmacht (nicht unsere Biomasse, sondern unsere Identität) ist unsterblich.
Möglichkeiten zur positiven Beeinflussung unserer epi-energetischen Kontrolle bzw. Wahrnehmung: Positives Denken kann einen gewissen Einfluss auf das Unterbewusstsein ausüben, aber die Dominanz des Unterbewusstseins ist geradezu übermächtig. Dagegen ist der Einfluss positiver Empfindungen größer, weil sie dem Bewusstsein einen größeren Einfluss verleihen.
Unsere Gedanken und Empfindungen in Bezug auf andere Personen sind nicht nur in uns, sie wirken sich zudem auf die Person aus, die in unserem Denken und Fühlen fokussiert ist. Sind dies positive Empfindungen, wird diese Person unsere Nähe suchen - negative Empfindungen und Gedanken bewirken das Gegenteil.
Lipton will also aufzeigen, dass der Mensch mit seinen Gedanken auf Materie wirkt und dass menschliche Emotionen Resultate erzielen können, die die konventionellen Gesetze der Physik aufheben.

Klingt beinahe einfach, doch scheint mir diese epigenetische Kreislauf der Beeinflussung ähnlich schwer zu durchbrechen wie das Karmaprinzip der Reinkarnationslehren. Immerhin können wir uns den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Gedanken und seelischem wie körperlichem Wohlbefinden bewusst vor Augen führen – Selbsterkenntnis als erster Schritt zur Veräderung:
"Wenn wir unsere Überzeugungen verändern, verändern wir unsere Realität."
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Vortrag von Bruce Lipton zur Epigenetik (ca. 150 min): 

'Der Geist ist stärker als die Gene'


Sonntag, 26. Februar 2012

Grausamer, liebender Gott? Die Frage nach dem 'richtigen' Gottesbild

"Das richtige Gottesbild" - Vortrag von Gerhard Padderatz

Gott muss oft dann herhalten, wenn die Menschen einen Schuldigen brauchen. In einer 'schlechten' Zeit mit Naturkatastrophen und wirtschaftlichen Krisen nimmt die Religiosität allgemein zu, weil Gott als Urheber dieser Unglücksfälle angesehen wird bzw. weil man sich Hilfe von ihm erhofft. Der Vortrag von Gerhard Padderatz beschäftigt sich mit einer Reihen von Anekdoten des A.T., in denen der biblische Gott als Urheber von Kriegen und ethnischen ‘Säuberungen’ dargestellt wird. Mit dem ‘lieben Gott’ nach heutigem Verständnis sind sich solche Episoden kaum kompatibel.

Ist es wirklich Gott, der für diese Grausamkeiten verantwortlich ist? Wenn er wirklich gütig und barmherzig ist, warum sollte Gott dann die Freundschaft und Liebe zu ihm mit der Drohung 'Liebt mich, oder ich foltere euch für alle Zeit' erzwingen (und damit seit so vielen Jahren gescheitert sein)?
In den meisten christlichen Gemeinschaften herrscht die Vorstellung von einem distanzierten, strengen Gott vor, der je nach Laune (und wen er vor sich hat) auch mal barmherzig ist. Jedenfalls resultiert diese Vorstellung aus der Lektüre der Bibel, sofern man die 'unangenehmen' Kapitel nicht ausblendet.
Dass Gott sich nicht ständig über die Kausalität hinweg setzt und in das Geschehen von Ursache & Wirkung der materiellen Welt einmischt, scheint mir persönlich einleuchtend. Daraus folgt auch, dass nicht jedes Gebet erhört wird - und dass es manchmal wohl auch ganz hilfreich sein mag, wenn ein Gebet nicht zum sichtbaren Erfolg führt. Doch mit dem Bestrafungskonzept, insbesondere die Idee einer ewigen Strafe für 'Sünder und Ungläubige', tue ich mich ausgesprochen schwer - wie auch mit der biblischen Behauptung, Gott habe sowohl die Ausrottung ganzer Völker befohlen als auch die grausame Steinigung einzelner.
Wer die ganze Bibel liest, stellt fest, wie oft in ihr von Strafe, Vernichtung und auch Rache die Rede ist. Die Frage „Können wir Vertrauen haben zu einem Gott, der mit Feuer und Tod droht?" ist somit durchaus naheliegend. Lautet die Botschaft des biblischen Gottes tatsächlich "Wenn ihr mich nicht liebt, werde ich euch vernichten?“
Hier wiegen die Furcht einflößenden Berichte der Bibel schwerer als die Geschichten über die Liebe Gottes zu den von ihm Auserwählten. Kann man so einem Gott blind vertrauen und sich wünschen, dass sein Wille geschehe? Intuitiv wissen wir: zwar lassen sich Gehorsam und Unterwerfung durch Androhung von Gewalt erzwingen, nicht aber wirkliche Freundschaft oder gar Liebe. Doch Gott agiert im A.T. so, und auch Jesus sagt seinen Jüngern deutliche Worte:
„Dies ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt.“ Und dann fügt er noch hinzu:
„Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.“
Johannes 15,12;15,14
Warum spricht Gott so? Sollte man annehmen, die Menschen damals hätten keine andere Sprache nicht verstanden? Konnten sie nicht glauben, dass sie Freunde Jesu und Freunde Gottes sein durften? Sollte Gott dieses Wesensmerkmal des Menschen nicht verstehen oder einfach ignorieren?

Das richtige Gottesbild - Ist Gott grausam? Gibt es eine Hölle?




(Auch dieses Buch mit dem Titel "Knechte oder Freunde?" thematisiert die zentralen Fragen, die viele Menschen sich in Bezug auf das Konzept 'Glaube durch Strafe' stellen: 
„Wenn du möchtest, dass wir deine Freunde sind, warum ist dann ein großer Teil der Bibel so geschrieben, als wären wir Knechte, die einfach nur zu gehorchen haben, und das unter Androhung von Strafen?"
Leider ist die gegebene Antwort nicht von der gleichen Güte wie diese Fragen: Letztlich läuft sie darauf hinaus, dass wir die Beweggründe Gottes nicht verstehen können und ihm deshalb vertrauen sollten. 
"...Gott liebt die Menschen so sehr, dass er es riskiert, vorübergehend gefürchtet und sogar gehasst zu werden, wenn er dadurch vielleicht verhindern kann, seine Kinder ganz zu verlieren.")
Der Bibeltext „Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er“ werde leichter begreiflich, wenn in der Übersetzung anstelle 'züchtigen' die Verben 'erziehen, trainieren oder korrigieren' verwendet werden. Die in der Bibel genannten Grausamkeiten werden dadurch für mich nicht nachvollziehbar, sofern diese Gott überhaupt zugeschrieben werden sollten.
So weit bin ich einverstanden: Unser gesamtes Leben unter anderem dient dazu, zu lernen oder besser gesagt, bestimmte
Einsichten durch Erfahrungen und  zu verinnerlichen. Doch dazu bedarf es keiner übernatürlichen Strafe, das Prinzip der Kausalität ist mehr als ausreichend: Zu realisieren, dass eigene Entscheidungen und Handlungen immer zu adäquaten Konsequenzen führen, wird (früher oder später) so manche Verhaltenskorrektur bewirken.

Auf diese Weise mag jeder von uns irgendwann an den Punkt gelangen, der im Film von wenn Neale Donald Walsch reichlich plakativ dargestellt ist (Ich meine die Szene, wo Walsch sich an einem weiteren Tiefpunkt seines Lebens befindet und sich plötzlich die Stimme Gottes (mit viel Hall) die Worte an ihn richtet: „Hast du endlich genug?“):
Bestimmte Erfahrungsmomente werden uns immer wieder aufgetischt, bis wir 'es' kapieren...
Bleiben wir noch etwas bei Walsch's Film 'Gespräche mit Gott'. Obwohl die Symbolik bisweilen platt (oder sogar ‘erbärmlich’?) ist, sind darin einige wesentliche Aussagen zum richtigen oder falschen Gottesbild enthalten. Einige Zitate, sinngemäß wiedergegeben:
“Ihr habt die Elternrolle auf Gott projiziert ... und seid so zu einer Vorstellung von Gott gelangt, der richtet, belohnt oder bestraft. ... Die auf angst gegründete Realität beherrscht die Erfahrung von Liebe. Brauchst du die Angst, um dass zu tun was an sich gut und richtig ist? Muss dir gedroht werden, damit du gut bist?
Du selbst legst die Richtlinien fest. Liebe ist Alles, aber in schwierigen Zeiten zieht ihr vor, das zu vergessen.”
Rhetorische Fragen, welche die Idee wirksam entkräften, dass ein gütiger und allwissender Gott seine bewussten Geschöpfe individuell strafen sollte. Was könnte auch durch grausame Zwangsmaßnahmen erreicht werden - vor allem nach dem irdischen Leben, wenn sich jeder pädagogische Zweck erledigt hat? Und vorher: Kaum mehr als eine äußerliche Verhaltensanpassung, geboren aus Angst und Unterwürfigkeit, bestenfalls Erfurcht.
Doch kein noch so mächtiger Schöpfer wird Empfindungen wie Liebe und ehrliche Dankbarkeit ihm gegenüber mit brutalem Zwang erzeugen.
Eine tiefgreifende innere Veränderung benötigt zudem Zeit und vor allem Selbst-Erkenntnis. Sie kann von außen unterstützt, aber niemals herbeigeführt werden. Für mich ist nicht erkennbar, warum ein alles wissender Gott, der uns besser kennt als wir uns selbst, diesen Umstand übersehen sollte.

Sollte ich dich bestrafen, weil du eine Wahl getroffen hast, vor die ich dich gestellt habe?”
Eine Fragestellung reicht im Grunde als Richtschnur für alles Handeln im Leben aus: Was würde die Liebe jetzt tun?
Erfahrung sei das primäre 'Kommunikationsvehikel' Gottes, heißt es an anderer Stelle bei Walsch. Als Folge des Ignorierens unserer Erfahrung durchlebten wir sie stets von neuem. Säen..ernten… säen..ernten ...
Bibeltreue Christen sehen das verständlicherweise anders: Der Herr sei eifersüchtig, er  habe Verehrung und Respekt eingefordert, sogar erzwungen ... ein so kleinmütiger Gott ist für mich nicht vorstellbar, jedenfalls nicht als ein unendlich mächtiger, wissender und schöpfender Geist.
Indessen sind die uns grausam erscheinenden Bibelstellen nicht weg zu diskutieren, manche von ihnen beziehen sich auf reale Ereignisse. Ich habe keinen Zweifel daran, dass von Menschen begangene Taten wie Folter, Morde und Vernichtung dem biblischen Gott JHWH in die Schuhe geschoben wurden.
Wurde hier der Versuch unternommen, diesen Gott für politische Zwecke zu instrumentalisieren und menschliches Verhalten durch seine ‘Intervention’ zu rechtfertigen? Für mich bleibt es bei meiner Überzeugung, dass Gott nicht grausam ist.

(Falls es aber so etwas gäbe wie ‘Halbgötter’ – Wesenheiten, die zwar nicht allmächtig, uns Menschen dennoch weit überlegen sind und zudem eigenständige Ziele verfolgen, dann entstünde ein anderes Bild.)
In diesem Zusammenhang ist auch die Frage zu stellen, ob wir Menschen uns bisweilen nicht viel zu wichtig nehmen. Seit wenigen Jahren erst nimmt die Astrophysik zur Kenntnis, dass Sterne wie die Sonne mit einer Reihe von sie umgebenden Planeten der Normalfall im Weltall zu sein scheint. Solange man nur die Sterne, nicht aber die Planeten beobachten bzw. durch Messungen nachweisen konnte, glaubte man an die Einzigartigkeit unseres Sonnensystems.
Wenn aber eine Vielzahl solcher Konstellationen existiert, haben sich womöglich auch Milliarden von Zivilisationen bewusster, intelligenter Lebensformen entwickelt. Dieser Gedanke ist tröstlich und verwirrend zugleich: wir Menschen wären, träfe er zu, zwar nicht einsam in einem riesigen, ansonsten unbelebten Universum – aber wir wären dann sicher nicht länger die Krone und das Zentrum der Schöpfung:
“Das ist die große Illusion, der du anheimgefallen bist: Du glaubst, dass Gott sich auf die eine oder andere Weise darum bekümmert, was du tust. ...bekümmert es dich denn, was deine Kinder tun, wenn du sie zum Spielen hinaus schickst? Ist es für dich von irgendwelcher Bedeutung, ob sie Fangen oder Verstecken oder Ochs am Berg spielen? Nein - und zwar weil du weißt, dass sie sich in Sicherheit befinden. Du hast sie in eine Umgebung gebracht, die nach deinem Dafürhalten freundlich und ausgesprochen in Ordnung ist. Selbstverständlich wirst du immer hoffen, dass sie sich nicht verletzen.
Und wenn es geschieht, bist du da und hilfst ihnen, heilst sie, lässt sie sich wieder sicher fühlen, wieder glücklich sein und wieder hinausgehen und einen weiteren Tag mit Spielen verbringen.
Der wirkliche Trost dieser Aussage liegt für mich aber in einem anderen Umstand: Auch wenn wir dies gegenwärtig nicht erfassen können, kann uns (unserer unvergänglichen Seele) nichts wirklich Schlimmes geschehen – denn letztlich ist da ‘jemand’, der auf uns aufpasst – auch wenn ‘er’ nicht erkennbar reagiert, wenn wir von Zeit zu Zeit stolpern oder straucheln...

Freitag, 10. Februar 2012

Christentum: universaler Wahrheitsanspruch?

Man muss nicht in allem übereinstimmen, um bestimmte Beobachtungen zu teilen. So geht es mir in Bezug auf ein Skript des früheren Joseph Kardinal Ratzinger, der sich inzwischen als Stellvertreter Gottes auf Erden hat ablösen lassen. Mit der Schilderung seiner Beobachtung über die kritische Verfassung des Christentums ("Der angezweifelte Wahrheitsanspruch") liegt Ratzinger m.E. richtig. Dessen Krise habe zwei Dimensionen.

Religion und objektive Wahrheit 

Es darf angezweifelt werden, ob der Mensch überhaupt imstande ist, das Wesen Gottes zu erkennen.
Gerade das Christentum in seinem hohen seinem Wahrheitsanspruch scheine die menschlichen Grenzen im Erkenntnisvermögen nicht wahrzunehmen. Man kann die gleiche Frage aber auch anders stellen. Ist Religion als Versuch, den eigentlich individuellen, persönlichen Glauben an Gott zu organisieren und zu reglementieren überhaupt ein geeignetes Instrument, sich objektiven Wahrheiten zu nähern?
(Als objektiv verstehe ich hier einen breiten Konsens in Bezug auf einen konkreten Tatbestand...sonst müsste man endlos darüber diskutieren, inwieweit 'objektive Wahrheit' überhaupt existieren kann.)

So ein Konsens ist vorstellbar über unbestreitbare, beobachtete Erkenntnisse auf dem Gebiet der Naturwissenschaften; und er kann nur in einem langen Forschungs- und Erkenntnisprozess - erarbeitet, aber niemals oktroyiert werden. Die fundamentale Wahrheit in Bezug auf Gott könnte allenfalls in der gesicherten Erkenntnislage seiner Existenz oder Nichtexistenz zu finden sein.
Über dieses Wissen wird der Mensch nach meiner Überzeugung aber niemals verfügen. Insoweit scheint für mich festzustehen, dass Religion von ihrem Wesen und Gegenstand her nicht der objektiven Wahrheitsfindung dienen kann. Darin liegt auch nicht ihre Aufgabe, die ich vornehmlich in der seelsorgerischen und ethisch-pädagogischen Betreuung von Menschen sehe, die eine solche Form des Zuspruches und die Einbindung in eine glaubensorientierte Sozialgemeinschaft ausdrücklich wünschen.


Andererseits kann eine Religion bzw. eine relgiös-fundamental ausgelegte Organisation sich durchaus ein hohes Maß an Integrität und Glaubwürdigkeit erarbeiten und bewahren. Genau da aber liegt eigentliche Krise des Christentums und ganz besonders der katholischen Konfessionsgemeinschaft. Sich dem zu stellen tut erstens weh und erfordert zweitens Konsequenzen, die sich aus einer vorbehaltsfreien Ursachenforschung ohne Zweifel ergeben würden.

Folglich referiert Ratzinger vorzugsweise über eine generelle Skepsis gegenüber dem Wahrheitsanspruch in Sachen Religion, der gleichwohl artikuliert wird - m.E. jedoch nicht das Hauptproblem der Kirche darstellt. Deren vitale Krise besteht seit 10 Jahren, wohingegen die zusätzlichen Spannungsfelder zwischen Religionen und der modernen Wissenschaft seit über hundert Jahren existieren, mindestens aber seit der Nachkriegszeit. Ihnen müssen sich die überlieferten Ursprünge und Inhalte des Christlichen zusätzlich stellen:
  • Durch die Evolutionstheorie scheint die Schöpfungslehre überholt,
  • durch die Erkenntnisse über den Ursprung des Menschen scheint die Erbsündenlehre erst recht unhaltbar geworden;
  • die kritische Exegese relativiert die Gestalt Jesu und setzt Fragezeichen gegenüber seinem Sohnesbewußtsein;
  • der Ursprung der Kirche in Jesus erscheint zweifelhaft und so fort.
Kurzum: Durch das „Ende der Metaphysik" sei dem Christentums seine philosophische Grundlage abhanden gekommen. Wie ist das möglich? Doch nur, indem sich die Kirche auf einen Jahrhunderte währenden Konflikt mit der Natur- und auch der liberalen Geisteswissenschaft eingelassen hat, der die 'Wohnungsnot Gottes' vorhersehbar heraufbeschworen hat:
Lag der Klerus vor 600 Jahren noch eindeutig vorne, hat sich das Kräfteungleichgewicht unmerklich aber stetig zugunsten der säkularen Kräfte verschoben. Nachher ist man immer schlauer - doch erscheint mir dieser Konflikt künstlich und im Grunde überflüssig:
Gott selbst als transzendente (jenseits von Zeit, Raum und Materie) existierende Wesenheit kann nicht an Bedeutung, Macht, Einfluß usw. verlieren - etwas anderes ist geschehen: Die Institution Kirche hat sich böse verkalkuliert, als sie glaubte einen Kampf gewinnen zu können, zu dem sie keinen Auftrag hat.
Eine, wie ich meine unangebrachte, Fokussierung des spirituellen Wahrheitsanspruches auf weltliche Themen ging einher mit Macht- und Besitzstreben der handelnden Akteure. Diese wurden zugleich verführt und später korrumpiert durch ihr Eigeninteresse - bis eine Kirche der Liebe allenfalls noch in unausgesprochenen Gedanken existierte.
Dieser Gesinnungswandel zeigt sich gerade auch im Umgang mit Andersdenkenden, die lange genug in Kreuzzügen bekämpft und auf Scheiterhaufen verbrannt wurden. Nicht die Lehre Jesu bedurfte des Schutzes, vielmehr wurden die weltlichen Interessen und die Exklusivität eines Machtapparates verteidigt.

Ratzinger beklagt das Ergebnis dieser Niederlage, welches sich auch dadurch zeigt, dass christliche Inhalte zunehmend als Symbole aufgefasst werden - denen im Kreis der übrigen Religionen "und Mythen" kaum mehr eine Sonderstellung zugestanden wird. In Bezug auf unklare Mythen ohne gegenwärtig noch sichtbares Fundament wäre dies nun wirklich eine Fehlentwicklung - doch hat das Christentum auch heute noch einen als selbstverständlich wahrgenommenen, höheren Stellenwert als das antike Pantheon der Römer und Griechen.


In Bezug auf andere Weltregionen allerdings ist eine Egalisierung eingetreten, die schon in unserer Verfassung mit einer allgemeinen Religionsfreiheit verankert ist. Darin entdecke ich keinen Missstand, sondern einen wertvollen Beitrag zu Frieden und gegenseitiger Toleranz. Nicht nur aus der Religionsgeschichte, auch im Nahen Osten der Gegenwart erfahren wir beinahe täglich die tödlichen Konsequenzen einer Fehleinschätzung, mit der sich die eine Religion für einzig wahr und alle übrigen für unwahr und zudem für anti-islamisch, anti-jüdisch oder anti-christlich erachtet. Bis heute impliziert der christliche Glaube eine "verlässliche Verheißung" für viele Menschen - doch steht nicht mehr als einziges spirituelles Konzept zur Auswahl.


Für meinen Teil kann ich in dieser Entwicklung nur Positives entdecken: Christen von heute sind nicht mehr mit Zwang, Feuer und Schwert Missionierte, sondern leben ihren Glauben als Ausdruck einer freien Eintscheidung. Sorge bereitet mir nicht das temporäre Schwächeln einer Kirche, sondern die Tatsache, dass immer weniger junge Menschen sich überhaupt auf eine spirituelle Sinnsuche begeben ... doch das ist ein anderes Thema.


Mein anfänglicher Wunsch nach kritischer Selbstreflexion kirchlichen Handelns bleibt nicht unerfüllt: Die christliche Theologie müsse, schreibt Ratzinger sich den gegen den Wahrheitsanspruch des Christentums gerichteten Instanzen aus allen Bereichen der Wissenschaft stellen. So wie er das schreibt, entsteht freilich ein anderer Zungenschlag: Sorgsam überprüft werden sollen - so verstehe ich seine Worte - die Wissensinhalte und Erkenntnisse der 'anderen', vermeintlich gegnerischen Seite. Immerhin fordert er zugleich auch die "Gesamtvision der Frage nach dem wahren Wesen des Christentums", nach seiner geschichtlichen Stellung in der der Religionen und nach seinem Platz menschlichen Existenz.


Tatsächlich hatte das Christentum in seinen Anfängen eine wesentliche Rolle im Bereich der theologisch-philosophischen Aufklärung eingenommen, doch vermag ich diese Funktion nur solange, bis mit seinem Wandel zur Staatsreligion und dem Konzil von Nicäa ein rücksichtsloser Dogmatismus Einzug hielt. Aufklärung ist untrennbar verbunden mit einer Art 'pluralistischen Vielfalt', von der sich das Staats-Christentum spätestens mit der Ausrottung des Arianismus und seiner Anhänger verabschiedet hat.


Jedenfalls wurde und wird die hierarchisch straff durchorganisierte Kirche 'von außen' mit dieser dominierenden Autorität identifiziert - weniger dagegen mit den Idealen bewundernswerter Individuen wie Franziskus von Assisi (der zudem seine Berufung und wohl auch sein Überleben einer wundersamen Fügung verdankte). Sollte es Ratzinger (zumindest bevor er dann Papst wurde) Ernst gewesen sein mit dem Geiste philosophischer Aufklärung im Christentum, welche das Göttliche zu vermitteln habe, das die vernünftige Analyse der Wirklichkeit wahrnehmen könne?

Falls ja, müsste es sich dann nicht lossagen von jener Rechtfertigung, die in ihrer politischen und sozialen Nützlichkeit liegt? Ich habe keine Idee, wie dies in umfassender Weise zu bewerkstelligen wäre - die Geschichte einer Jahrhunderte als gewalttätig und "im Namen des Herrn" Zwang ausübend wahrgenommenen Autorität lässt sich nun mal nicht zurück drehen.

Doch bestünde allemal die Gelegenheit, in geeigneten Reformen Zeichen zu setzen - ohne die Identität des christlichen Glaubens aufzugeben. Doch geht meine Vermutung dahin, dass die Mehrheit der interessierten Menschen mit dem Begriff theologischer Aufklärung etwas grundlegend anderes verbindet als Dies ist die Bezugnahme des heutigen Christentums auf die Areopagrede des Paulus und seinen Anspruch, die religio vera zu sein. Der christliche Glaube beruhe in erster Linie auf Erkenntnis, betont Kardinal Ratzinger - impliziert dies nicht, dass Menschen aufgrund ihrer Individualität eben nicht zu einer Einheits-Auffassung vom Wesen Gottes und dem geeigneten Zugang zu ihm gelangen werden, wie sie der Katholizismus mit seinem intern verbindlichen Kirchenrecht (etwa dem Codex Iuris Canonici) vorgibt?



"Im Christentum ist Aufklärung Religion geworden und nicht mehr ihr Gegenspieler."
Ratzinger kommt nun auf den Kern des Problems zu sprechen, den selbst verordneten Absolutheitsanspruch: Weil Christentum sich als "Sieg der Entmythologisierung, als Sieg der Erkenntnis und mit ihr der Wahrheit" verstand, habe es sich als universal ansehen und zu allen Völkern gebracht werden müssen.
Die Selbstwahrnehmung war nicht als eine spezifische Religion, die andere verdrängt - die Außenwahrnehmung jedoch eben jener "religiöse Imperialismus" heraus, den Ratzinger als Hauptmotiv nicht gelten lassen will. Es tut nicht Not, hier Belege für dieses Leitmotiv anzuführen, doch sie existieren bis heute auf jedem Kontinent der Erde.

Aus meiner Sicht ist bezüglich der Begründung zwischen dem christlichen Glauben allgemein und der katholischen ('die ganze Erde umspannende') Kirche speziell zu unterscheiden. Letztere betrachtet sich als apostolisch - sie wurde durch die Apostel gegründet und lehre, was die Apostel lehrten, ihre Bischöfe sind Nachfolger der Apostel und der Bischof Roms betrachtet sich als der Nachfolger des Apostels Petrus.

Da nur sie als Kirche diese vier Merkmale aufweise, sei die römisch-katholische Kirche allein sie die wahre, von Jesus gegründete Kirche. Inwieweit diese Herleitung, der römische Katholizismus sei der von Jesus gelehrte und autorisierte Glaube als zutreffend erachtet werden kann, vermag ich nicht zu beurteilen.

Wo "Wahrheit den Schein überflüssig macht", braucht es keinen Zwang. Wenn es wirklich um das Erkennen der Wahrheit geht, so darf wohl angenommen werden, dass Menschen sie erfassen können, wenn sie mit ihr erstmals in Berührung kommen. Die Vorgehensweise christlicher Erfüllungsgehilfen war jedoch oft genug von Zwang und Angsterzeugung bestimmt, und so waren es nicht - wie Ratzinger es darstellt - Inhalte der Glaubensbotschaft, welche die gesamte christliche Religion als unverträglich, mitunter feindlich gegenüber anderen Religionsauffassung erscheinen ließ.


"An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" - und genau das ist eingetreten.