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Sonntag, 19. Januar 2014

Existenzielle Risiken: Stirbt die Menschheit aus?

Am 21.12.2012 'lief der Maya-Kalender ab' (oder beruhte dieser Kalender auf einem zyklischen Zeitverständnis, wie wir es heute kennen?:) Die Jahre zuvor einsetzende Hysterie zeigte freilich, wird viel Energie darauf verschwendet wird, phantasievolle Endzeitszenarien zu erfinden. Nahe liegender ist es, sich mit konkreten Zukunftsfragen und -fakten zu befassen:
Namhafte Wissenschaftler – darunter der Astrophysiker Stephen Hawking und der Mikrobiologe Frank Fenner – gehen davon aus, dass Homo sapiens wahrscheinlich aussterben wird. Lt. einem Bericht der Mailänder Tageszeitung "Corriere della sera" (2010) machte Fenner dafür "Bevölkerungsexplosion und unkontrollierten Konsum" verantwortlich. Es sei zu "bezweifeln, dass unsere Spezies das 21. Jahrhundert überleben wird".
Die doomsday clock, ("Uhr des Jüngsten Gerichts", zu deutsch Atomkriegsuhr) ist eine symbolische Uhr der Zeitschrift Bulletin of the Atomic Scientists . Sie sollte der Öffentlichkeit ursprünglich die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges verdeutlichen; doch inzwischen fließen auch Umweltdaten und andere Faktoren ein, die zum Aussterben der Menschheit führen könnten. Die Entscheidungen trifft der BAS-Aufsichtsrat gemeinsam mit einem Gremium, in dem zurzeit 18 Nobelpreisträger vertreten sind. Die Uhr spielt darauf an, es sei fünf Minuten vor zwölf, wenn ein für die Menschheit äußerst nachteiliges Ereignis unmittelbar droht. 1947 wurde sie mit der Zeigerstellung sieben Minuten vor zwölf gestartet und seither in Abhängigkeit von der Weltlage vor- oder zurückgestellt. Hatte es 2010 noch den Anschein, führende Politiker der Welt würden auf globale Bedrohungen zu reagieren beginnen, setzte sich dieser Trend in vielen Fällen nicht fort. Aus diesem Grund steht die ‘Doomsday-Uhr’ seit dem 10. Januar 2012 auf fünf vor zwölf [und seit 2015 auf 3 vor 12].

Aussterben ist ein natürlicher Prozess

Die durchschnittliche Lebenserwartung einer Spezies liegt zwischen einer und zehn Millionen Jahren; lebende Fossilien wie der Quastenflosser sind die Ausnahme. Von 1000 Arten, die einmal den Planeten bevölkerten, lebt heute nur noch eine einzige. Warum sollte das für den Menschen anders sein, solange seine Existenz auf den Planeten Erde begrenzt ist und er von den dort bestehenden biochemischen und geologischen Prozessen abhängig ist?

Vor etwa sieben Millionen Jahren trennte sich die Linie der aufrecht gehenden Menschenartigen von den Schimpansen. Seither haben etwa 25 bekannte Hominidenarten gelebt. All diese Menschen bzw. Menschenähnlichen sind inzwischen ausgestorben – bis auf den modernen Menschen Homo Sapiens. "Das ergibt eine Aussterberate von 95 Prozent…deutlich höher als beim letzten Massenaussterben vor 250 Millionen Jahren.", stellt der australische Paläanthropologe Darren Curnoe von der Universität New South Wales fest.

Das Aussterben von Gattungen und Arten ist ein fester Bestandteil der Evolution; ,alle zehn Millionen Jahre verschwindet etwa ein Drittel aller Lebensformen. Säugetiere, das habe die Forschung gezeigt, existierten in der Regel nur ein bis zwei Millionen Jahre, bis sie aussterben. Zählt der Mensch in dieser Betrachtung auch zu den Säugetieren? 

Immerhin haben wir uns der natürlichen Selektion entzogen und unser Überleben ‘künstlich verlängert’. Dies verdanken wir laut Curnoe der Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht vor 10.000 Jahren. Davor hätten weltweit weniger als 100.000 Menschen gelebt - eine sehr kleine Population, die ohne die "Neolithische Revolution" vielleicht schon verschwunden wäre. Auch erspart uns die moderne Medizin weitgehend eine natürliche Auslese, der ansonsten die ‘Kranken und Schwachen’ zum Opfer fallen würden.

Doch wie weit reicht unsere Unabhängigkeit von den Prozessen und Gesetzmäßigeiten der Natur? Auf der geologischen Zeitskala sind gewaltige Vulkanausbrüche an der ‘Tagesordnung’, auch wenn es uns nicht so vorkommt.

In seinem Buch ‘Evolution’ schildert Stephen Baxter den Ausbruch eines Supervulkans, wie er durchaus in naher Zukunft eintreten könnte: Der nachfolgende globale Winter würde die Menschheit – die nach wie vor von tierischer und pflanzlicher Nahrung und damit von intakten Nahrungsketten abhängig ist – möglicherweise an den Abgrund drängen. Weitere Auslöschungsszenarien sind ebenfalls denkbar: Während die globalen Gefahren von “Bevölkerungsexplosion und unkontrollierten Konsum” (Fenner) derzeit noch unkalulierbar sind, erwachsen weitere Risiken aus Asteroideneinschlägen, Klimawandel, Epidemien und Nuklearwaffen.

Die Menschheit stand im Laufe ihrer Geschichte schon mehrmals vor dem Aussterben – etwa vor 74.000 Jahren nach dem Ausbruch des Vulkans Toba auf Sumatra. Gegenwärtig steht sie wieder vor einem sensiblen Kreuzungspunkt; vor uns liegen etliche 
existentielle Risiken. Naturkatastrophen können das Fortbestehen intelligenten Lebens auf der Erde ebenso bedrohen wie Ereignisse menschlichen Ursprungs: Atomkrieg, Bioterrorismus, Künstliche Intelligenz, katastrophaler Klimawandel etc. 

Insoweit unterliegen wir auch weiterhin einem Selektionsdruck: Entweder wir passen uns an und werden resilient, d.h. widerstandsfähig gegen die von uns verursachte Umweltzerstörung einerseits und Naturkatastrophen andererseits. Oder unsere hochtechnisierte, extrem vernetzte Zivilisation könnte - insbesondere als Folge des Zusammentreffens mehrerer ‘unglücklicher’ Umstände - auf ein vorindustrielles Niveau zurückgeworfen oder für immer von diesem Planeten getilgt werden. 



Falschfarben-Satellitenaufnahme des Tobasees,
einer 100 km langen und 30 km breiten Caldera eines Supervulkans


Die Tobaeruption gilt heute als gut erforschtes Supervulkan-Ereignis; 3000 Kubikkilometer Magma aus und mehr als 5000 Kubikkilometer Asche wurden ausgestoßen. Das Verhältnis von Magmaausstoß zu Ascheauswurf beträgt fast immer ungefähr 1 zu 2-3. Eine 15 Zentimeter dicke Ascheschicht bedeckte ganz Indien und eine ähnlich dicke Schicht wohl große Teile von Südostasien und China. Heute wären von einer Eruption in dieser Größenordnung je nach betroffener Region etwa 1 Milliarde Menschen betroffen. Hinzu kommt eine weltweite Abkühlung für ein bis sechs Jahre um mehr als ein Grad Celsius.
Legt sich eine nur 1 cm dicke Ascheschicht während der Wachstumszeit über landwirtschaftliche Nutzflächen, wird eine gesamte Ernte vollständig zerstört.
Das Jahr des Tamboraausbruchs 1815 wurde als "Jahr ohne Sommer" bekannt; die heutigen Auswirkungen eines Supervulkanereignisses würden deutlich schwerer wiegen. Bei einem Ausbruch in der Größenordnung von Toba könnten die Temperaturen auf der Nordhalbkugel um bis zu 10°C sinken. (Die Wahrscheinlichkeit für Ausbruch eines (kleineren) Supervulkans im 21. Jahrhundertliege insgesamt etwa bei 1-6%. Ein Toba-ähnliches Ereignis tritt allerdings nur etwa alle 500.000 Jahre auf.)
Nach Fenners Ansicht droht nicht nur der Menschheit, sondern auch zahlreichen Tierarten die Auslöschung. Diese Entwicklung sei bereits unumkehrbar, es könnte bereits zu spät sein, um Abhilfe zu schaffen. Selbst wenn die Menschen bereits etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen versuchen, werde zu vieles weiterhin auf die lange Bank geschoben. 
Der Eintritt der Menschheit ins "Anthropozän" - in der die menschliche Aktivität das Klima beeinflusst – ist vergleichbar mit globalen Katastrophen wie Eiszeiten oder Kometeneinschlägen.”
Fenner vergleicht das drohende Schicksal der Menschheit mit den Bewohnern der Osterinseln. Die Eingeborenen verwandelten durch rücksichtslose Abholzung des gesamten Baumbestandes ihre einst blühende Insel in eine Ödnis, auf der sie nicht länger überleben konnten . Die globalen Klimaveränderungen stünden noch am Anfang, es gebe aber jetzt schon beträchtliche Veränderungen in der Atmosphäre.

Fenners Freund, der Immunologe Stephen Boyden, äußert Widerspruch:

"Frank könnte durchaus Recht haben. Aber viele von uns haben immer noch die Hoffnung, dass die Menschheit sich der Situation bewusst wird und die notwendigen revolutionären Veränderungen einleitet, um die ökologische Nachhaltigkeit herzustellen."
Wir existieren nicht außerhalb der Natur

Den meisten Menschen, ob wissenschaftlich gebildet oder nicht, erscheint jedes Szenario unvorstellbar, das die Menschheit komplett auslöschen könnte. Stets bleibe aufgrund der flexiblen Instrumente, über die wir dank unserer Intelligenz verfügen, zumindest eine Restpopulation zurück, die zum Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung würde – meint z.B. der Biologe Peter Wand (USA).


Diese Sichtweise erscheint mir grundfalsch. Die menschliche Intelligenz hat sich als überaus zweischneidig erwiesen - und eine positiv wirksame Schwarmintelligenz scheinen wir nicht zu besitzen ...jedenfalls sehe ich keinerlei Anzeichen dafür.
Dominanten Spezies oder nicht - unsere Lebensgrundlagen bleiben aufs Engste verknüpft mit (dem Zustand) der Biosphäre. Unser Stoffwechsel, unser Überleben hängen weiterhin ab von einer (relativ) intakten Ökologie, in der pflanzliche und tierische Organismen existieren können. Mit etwas Glück werden wir uns in den kommenden 2 - 3 Jahrzehnten noch nicht selbsttätig an den Rand der Auslöschung bringen – doch eine globale Naturkatastrophe hätte massiven Folgen für Tier- und Pflanzenwelt – und damit auch für die Grundlagen unserer Existenz. 


Insoweit kann ich Stephen Hawking nur zustimmen, der die möglichst zeitnahe Kolonialisierung des Weltraums als einzigen Ausweg für die Menschheit sieht, sich einem globalen Auslöschungsereignis zu entziehen: "Die Menschheit könnte innerhalb der nächsten eintausend Jahre aussterben, wenn man es nicht schafft dem Planeten zu entkommen und Technologien entwickelt, um dauerhaft im All zu leben."


50, 100 oder tausend Jahre ...? Die wirren Bemühungen, möglichst präzise den Zeitpunkt festzuschreiben, wann es mit uns vorbei sein könnte, sind weder aussichts- noch hilfreich. Dies trifft erst recht auf publikumswirksame "Dokumentationen" wie 'Zukunft ohne Menschen' u.ä. zu. 
Aber:

“Selbstverständlich sind diese Gefahren real, und man muss sich wundern, dass sich unsere Gesellschaften noch immer mit vergleichsweisen Nebensächlichkeiten abgeben, statt sich um diese großen Fragen zu kümmern.” (Uwe Neuhold)
***
Erst sterben die Bienen, dann die Menschen?

Nachfolgende Dokumentation ("Die Bienen sterben aus!", Phönix) befasst sich mit einem rätselhaften Ausbleiben der Bienen, der unzureichenden Bestäubung von Nutzpflanzen und den möglichen Folgen für die Menschen.
Allein in Deutschland hat sich nach Angaben des Dt. Imkerbundes die Zahl der Bienenvölker seit 1952 von 2,5 Millionen auf heute 1,4 Million halbiert. 
Durch Varroamilben und Viren sind Bienen auf der ganzen Welt bedroht. Ihr Aussterben hätte für die gesamte Menschheit dramatische Folgen: Bienen sind ein zentrales Glied der Kette, die unser Überleben sicherstellt - von den 100 wichtigsten Nutzpflanzen der Welt werden mehr als 70 Prozent durch Bienenarten bestäubt. Mit anderen Worten: Ohne sie käme es zu dramatischen Nahrungsmittel-engpässen.

Mittwoch, 29. August 2012

Warum ist der Mensch so wie er ist?

Ob man tief gläubig oder aus tiefstem Herzen von der Nichtexistenz des Göttlichen überzeugt ist – diese Frage hat sich vermutlich jeder schon mal gestellt. Meist in einem unangenehmen Augenblick voller Unverständnis über menschliches Handeln oder im Rückblick auf eigenes, zweifelhaftes Verhalten.
Die Geschichte der Menschheit liest sich im wesentlichen als Aneinanderreihung von Schlechtigkeiten – im Großen sind es Kriege und Genozide, auf Individuen (sich selbst oder andere) bezogen begegnet man Ignoranz, Egoismus und nicht selten skrupelloser Rücksichtslosigkeit. Schaut man genauer hin, entdeckt man auch die Ausnahmen: Gemeinschaften und Einzelpersonen, die Lichtblicke voller Güte, Hingebung und echter Nächstenliebe vermitteln, welche nicht den eigenen Vorteil zum Ziel hat.
Technologische Errungenschaften tragen fast immer den Keim missbräuchlicher Anwendung in sich.


Zu unterschiedlichen Zeiten, abhängig von der persönlichen Stimmung, gelangt man zu einem unterschiedlichen Fazit – mal überwiegen die helleren und mal die dunkleren Grautöne. In meiner eigenen Wahrnehmung überwiegt das Schlechte, wobei ich mich hüte, das Gute in fast jedem Menschen zu übersehen.
Doch ist es nicht so – wenn die meisten von uns ehrlich zu selbst sind – dass fast immer die Fokussierung auf das Wohlergehen der eigenen Person und des unmittelbaren Umfeldes besteht? Das Ich, die eigene Familie, die eigene Firma, die eigene Berufsgruppe…bis hin zum eigenen Land und dem Kontinent, auf dem man lebt.


'Zuviel Altruismus lenkt uns vom Wesentlichen ab' ...so wurde es fast allen Menschen anerzogen, denen ich begegne (mich selbst auf keinen Fall ausnehmend). “Das Leid der ganzen Welt könnten wir niemals lindern, selbst wenn wir dies wollten und uns ernsthaft dafür einsetzten.
Statt dessen leben wir unser eigenes Leben nach dem St.-Florians-Prinzip und hoffen, dass es uns nicht zu schlimm erwischt.

Diese Tendenz wird um so dominanter, je mehr der einzelnen in der tarnenden Masse untergeht – bei 82 Millionen Deutschen oder erst recht 250 Millionen Europäern ist die persönliche Verantwortung nicht besonders hoch, relativ betrachtet.
Besonders unverständlich ist dabei schädliches Handeln bzw. Nichthandeln wider besseres Wissen ...sodass Goethes Verse in unangenehmer Weise zutreffen:

“Ein (guter) Mensch in seinem dunklen Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.”
Tatsächlich braucht sich niemand für das unmenschliche, unethische Verhaltensprofil zu kasteien, welches der Mensch als dominierende Spezies auf diesem Planeten abgibt. Die Ursache dieses Verhaltens liegt im Dunkel einer Evolutionsgeschichte, an deren Ende wir zwar ein Selbstbewusstsein entwickelten, aber die steinzeitlichen Reaktionsmechanismen niemals ganz ablegen konnten.
Irgendwo zwischen halbbewussten Trieben und erahnten Instinkten auf der einen Seite und den verinnerlichten Normen, Traditionen und Erziehungsmustern auf der anderen versucht ein rationales Ich sich an der übermächtigen Aufgabe, zwischen beiden Einflussgrößen zu vermitteln und dabei so etwas wie eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Wo soll da noch Raum für Rücksichtnahme und Altruismus aus eigener, echter Motivation entstehen?


Suche nach Antworten

Kant versuchte, die Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen des Erkennens und des resultierenden Handelns zu ergründen. Er formulierte seinen Kategorischen Imperativ als ethisches Konzept, wo zuvor die Theologen moralisches Verhalten aus der Bibel begründet und definiert hatten.
Eine Frage blieb jedoch unbeantwortet: Warum sind wir so …gut / schlecht / gleichgültig / liebevoll /ignorant / aufopfernd ...meist von allem ein wenig und von der Ignoranz bzw. dem Verdrängen des Beängstigenden ein wenig mehr?
"Warum ist der Mensch sich selbst ein Rätsel? Weil er, im Unterschied zu den Tieren, nie in sich ruht. Er existiert in multipler Polarität - von Körper und Geist, Leib und Seele, Sinnlichkeit und Vernunft, Gefühl und Verstand, Innerlichkeit und Außenwelt...
Er ist ein ex-zentrisches Wesen, das, seiner Natur und Geschichte verhaftet, gleichwohl stets über sie hinaus strebt. Er kann, er muss sich und die Welt fortwährend neu gestalten, kann solches Wagnis jedoch nur bewältigen, wenn er zwischen seinen Gestaltungsfreiheiten und den Notwendigkeiten seiner leiblich-psychischen Verfassung ein Gleichgewicht findet." (Christoph Dejung: Helmuth Plessner, WELT online, 2004)
Christliche Theologen würden vielleicht antworten, dass die Menschen so sind, weil Gott sie so geschaffen hat. Wer aber den vermeintlich ‘freien Willen’ hochhält, wird kaum die durch implizierte Kausalität (Ursache und Wirkung) übersehen, die das Gute und das Schlechte in dieser auf einer bestimmten Ebene vom Menschen bestimmten Welt klar auf diesen Menschen als Urheber der Gründe zurückführt. 

Meist sehe ich es so: die Rahmenbedingungen – Universum, Natur, Naturgesetze, Merkmale und Bedingungen von Leben – 
wurden durch einen Schöpfer/eine willentlich-schöpferische Intelligenz vorgegeben ; doch innerhalb dieses Rahmen besitzen wir einen erheblichen Gestaltungsspielraum. Daran ändern auch das Zusammenwirken von ES und Über-Ich nichts.
So bleibt genug Raum für die Warum sind wir so? –Fragestellungen, ohne alle Kausalität auf Gott oder etwas nie gesehenes Phänomen namens Zufall projizieren zu können.
Warum fallen unsere Gruppen- und Individual-Entscheidungen so selbstzerstörerisch, manchmal brutal und bisweilen schlichtweg dumm oder perfide aus? Weshalb gebrauchen wir die uns gegebene Freiheit so und nicht anders?
  • Individualpädagogische Analysen helfen da kaum weiter. Was nützt es auch, wenn ich weiß, aus welcher Motivation Breivik 69 Menschen ermordet hat und ein Jahr danach immer noch von sich und seinem Tun überzeugt ist? Nun ja, Kriminalpsychologen und Politiker mögen in Richtung Prophylaxe denken, was angesichts zunehmender Amokläufe angebracht sein mag.
Doch Serien-/Massenmörder besitzen ebenso wenig repräsentative (=verallgemeinerbare) Charaktermerkmale wie jene, die für weit mehr Todesopfer verantwortlich sind und den Schein von Legalität und Legitimität zu wahren wissen.
  • Anthropologen sind da schon einen Schritt weiter: Ausgehend von Zitaten wie dem von Ludwig Feuerbach („Der Mensch ist, was er isst.“) entwickeln sie aus Wissensgeschichte und Evolution ein Bild, wie das Zusammenspiel von Natur und Kultur die menschliche Identität entstehen lässt, etwa weil beide Körper und Geist durch Nahrung beeinflussen. [Vergl. ‘Der Mensch ist, was er isst.’]
    Schaut man sich deren Erkenntnisse genauer an, stellt man fest, sie haben die Antwort auf eine andere Frage gesucht – nämlich: ‘Was ist der Mensch?’ 
Das Warum bleibt dabei offen, zumindest auf der abstrakten Ebene des Menschen schlechthin. Vielleicht ist es ja klüger, diese Frage erst gar nicht ernsthaft zu stellen, weil sie sich ohnehin nicht beantworten lässt – jedenfalls nicht im Sinne einer allgemein gültigen Wahrheit?
Wer Kinder oder kleine Neffen und Nichten hat, wird sehr wohl wissen, dass eine Antwort auf eine Warum-Frage eh’ einen Aha-Effekt und prompt eine Reihe weiterer Fragen dieser Art nach sich zieht…

Homo ludens – eine Spezies aus lauter Spielernaturen?

Der homo ludens (lateinisch, ‘der spielende Mensch’) ist ein Erklärungsmodell des lebenden Menschen, wonach dieser seine Fähigkeiten im Besonderen über das Spiel entwickelt. Er entdecke im Spiel seine individuellen Eigenschaften und entwickele sich dadurch anhand der dabei gemachten Erfahrungen selbst zu dem, was er ist. Spielen unterstellt Handlungsfreiheit gleichgesetzt und setzt eigenes Denken voraus
Nach Johan Huizinga entwickelten sich unsere kulturellen Systeme wie Politik, Wissenschaft, Religion, etc. im Wege der Selbstorganisation aus ursprünglich spielerischen Verhaltensweisen, die nach und nach ritualisiert und institutionell verfestigt wurden…vergl. Wikipedia.
Besonders reizvoll war es dann wohl einige Multiplikatoren und Eliten, von Zeit zu Zeit einzelne ‘Spielregeln’ zu verändern…
Diesen Gedanken weiterspinnend frage ich mich: Sind wir – sowohl als Individuen als auch in unserer Gesamtheit – allesamt Spieler bzw. Zockernaturen, wenn auch mit unterschiedlicher Ausprägung und Vorliebe für verschiedene Spiele und unterschiedliche Einsätze?
  • Im globalen Kontext lassen wir es drauf ankommen – Klimaentwicklung, Weltkriegsgefahr, Ressourcenschwund usw. Setzen wir darauf, dass es uns alle – oder uns selbst – nicht zu schlimm trifft? Oder dass unser rechtzeitiges Ableben uns davor bewahre, die schlimmsten Entwicklungen noch mit ansehen bzw. selbst erfahren zu müssen?
  • Im persönlichen Leben vergeht nicht ein Tag, ohne dass wir eine Fülle von Risikoabwägungen vornehmen und ‘kalkulierte Risiken’ eingehen.
  • Geht das ‘Spiel’ religiöser Menschen davon aus, der liebe Gott werde es schon richten – und man selbst werde gerade noch bei den Guten im Töpfchen landen?
Auch wenn Friedrich Nietzsche wohl zutreffend erkannt hat, dass von allen menschlichen Beweggründen Eigennutz und Angst wohl am schwersten wiegen und dass “Religion das einzelne Gemüt in Zeiten des Verlustes, der Entbehrung, des Schreckens, des Misstrauens” befriedigt – die kollektive Spielernatur der Menschen könnte als ergänzendes Erklärungsmodell tauglich sein.
‘Eigentlich’ kann dies nicht zutreffen, möchte man meinen – denn Leben als Spiel im Spiel (…) aufzufassen, wäre doch im hohen Maße un-vernünftig. Wie dem auch sei, die täglich zu beobachtende Realität scheint in diese Richtung zu weisen.
Wo aber liegt die Grenze zwischen kreativem Spiel und vermessenem Zockertum? Pessimisten sind überzeugt, dass wir dies schneller herausfinden werden, als den meisten von uns lieb sein dürfte…

Siehe auch

Samstag, 28. Juli 2012

“Roma – die Anderen essen Hunde” (HR/arte 2007)

Die beiläufige Bemerkung eines Taxifahrers führte mich zu der Frage, wer ‘Zigeuner’ eigentlich sind. Er habe die Erfahrung gesammelt, diese Menschen seien zu 80 Prozent unredlich…kein Hörensagen oder Weitergeben von Gerüchten sei das, sondern ein Resultat aus über 30 Jahren Berufspraxis.
Mangels persönlicher Gegenwartsbegegnungen mit Roma und Sinti ist mir selbst das Wort ‘Zigeuner’ nur als veraltete, abfällige Bezeichnung für fahrendes Volk in Erinerung, das zu meiner Kindheit jährlich mit einem winzigen Wanderzirkus ins Dorf kam und etwa drei Wochen blieb. Striktes Verbot meiner Eltern, sich mit “diesen Leuten einzulassen”. Meine eigene, streberhafte Belustigung als Zehnjähriger, dass einige Gleichaltrige deutliche Probleme mit Pronomen hatten…
Tatsächlich hat das Wort ‘Zigeuner’ zweierlei Verwendung:
  • Es dient als Sammelbegriff für Klischeevorstellungen, zu denen Nicht-Sesshaft-sein ebenso zählt wie melancholische Musik und Lagerfeuerromantik…bis hin zu pauschal, bedenkenlos geäußerten Vorurteilen: “Zigeuner sind Landstreicher, sie sind schmutzig, sie betteln, sie stehlen und betrügen…”.
  • Heute leben in der Bundesrepublik nach verschiedenen Schätzungen etwa 100.000 Sinti und Roma, die diskriminierend ebenfalls als "Zigeuner" bezeichnet werden. Eigenbezeichnungen wie Roma und Sinti haben eine andere Bedeutung als „Zigeuner“, sie benennen ein Volk mit eigener Sprache, Geschichte und Tradition. Außerhalb des deutschsprachigen Raumes ist Roma der Sammelbegriff für alle Zigeuner, auch für Sinti.
Roma ist der Oberbegriff für eine ethnisch verwandte, ursprünglich aus dem indischen Subkontinent stammende Bevölkerungsgruppen, die ab dem 14. Jahrhundert in mehreren, oft genug unfreiwilligen Migrationsschüben über Vorderasien nach Nordafrika und Europa gelangten, später auch nach Amerika und Australien.
Roma leben als ethnisch-kulturelle Minderheit auf allen Kontinenten, in ihrer großen Mehrheit jedoch in Europa und dort vor allem in Südosteuropa und einigen mitteleuropäischen Staaten, sowie in Spanien und Frankreich.

Die in eine Vielfalt von Dialekten ausgeformte gemeinsame Sprache der Roma ist das Romani/Romanes.
Sehr viele Angehörige der Minderheit werden sowohl aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit als auch aufgrund ihrer sozialen Situation marginalisiert und stehen so im Schnittpunkt zweier Formen gesellschaftlicher Ausgrenzung. In manchen europäischen Staaten sind sie über eine gesellschaftliche Randstellung hinaus noch in jüngster Zeit offener Verfolgung ausgesetzt gewesen oder noch ausgesetzt. (vgl. Zigeuner.de/ Wikipedia)
Aus dem Begleittext zum Film:
"Was gefällt euch besser, Zigeuner oder Roma" , fragt der Mann hinter der Kamera die Kinder, die gerade einen Streit um gestohlene Kartoffeln hinter sich haben. "Zigeuner" sagen sie grinsend, und so nennt Filmemacher Stanislaw Mucha auch seine Doku.
Zigeuner sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe Europas: Derzeit leben zwischen sechs und elf Millionen Sinti und Roma auf dem Kontinent. Stanislaw Mucha versucht ihnen auf einer 30-tägigen Reise durch die Ostslowakei näher zu kommen und will dabei auch mit vielen Klischees aufräumen."
Erster Eindruck: schon der Besuch eines Fernsehteams in einer kleinen Roma-Siedlung bewirkt, dass dort die Emotionen hochschlagen; das gesamte Dorf ist auf den Beinen und bewundert die Sensation.

Für mich wird durch diesen Film manches in Erinnerung gerufen, was im Alltagsleben leicht verdrängt bleibt: Auch mitten in Europa leben Menschen, die keineswegs ‘aus dem Gröbsten raus’ sind – unter teilweise erschreckenden Umständen.
Familien mit mehr als 10 Kindern sind keine Seltenheit - “Ein Roma hat so viele Kinder, wie der Herrgott ihm gibt” - wobei nicht immer klar wird, womit ihre Eltern sie am Leben erhalten. Offenkundiger Mangel am Nötigsten bis hin zu Anzeichen der Verwahrlosung. Berufswunsch der Kinder? “Model oder Prostituierte”, sagt ein Mädchen im Film.
Wenig später deuten Hinweise auf hohe Kindersterblichkeit und Ausbleiben gesundheitlicher Versorgung auf mögliche Ursachen dieser für Europa untypischen Geburtenrate hin.


Elektrizität und fließendes, sauberes Wasser sind alles andere als selbstverständlich, als Abort muss der nahegelegene Wald dienen – oder die Hauswand. Ärztliche Versorgung, medizinische Betreuung? Kommt vor, wenn man Glück hat.

Auch untereinander mag man sich nicht: “Die im Nachbardorf fressen Hunde”, ist offenbar ein geflügeltes Wort, um ein Bildungs- und Moralgefälle herbeizureden und die eigene Sippe wenigstens insoweit aufzuwerten. Tatsächlich scheint der Verzehr vierbeiniger Haustiere zur Tradition mancher Roma zu zählen (?).
(Als einer der Wortführer sich bemüht, glaubhaft die anderen Ortschaften aufzuzählen, wo Hunde gegessen werden, plappert eines der vielen Kinder dazwischen: “Doch, wir essen sie auch!” – Patsch, die unvermittelte Ohrfeige war sicher schmerzhaft.
Drogenkonsum? Kommt nicht ausdrücklich zur Sprache, doch der Augenausdruck einiger Heranwachsender wirkt leer und dumpf.
Es scheint ein Teufelskreis zu bestehen zwischen Ausgrenzung, Identitätssuche, Armut, aber bisweilen auch trotziger Verweigerung jeder Veränderung und die Anspruchshaltung, die EU müsse einen mit allem Nötigen versorgen (ohne Bedingungen daran zu knüpfen). Generationen werden konditioniert, öffentliche Finanzhilfen trickreich zu nutzen, ohne sich selbst weiterentwickeln zu müssen/dürfen. Lange Zeit keine Arbeit zu haben führt mitunter dazu, dass man bereitwillig auf so eine Tretmühle verzichtet. Dann schon lieber die Mitleidsnummer vor den Fernsehleuten aus dem reichen Deutschland…

Bequemlichkeit sowie Desinteresse an einer Lebensperspektive vor allem Unwissenheit lassen sich kaum wegdiskutieren: in vielen der im Film gezeigten Siedlungen würde die Gelegenheit zur bescheidenen Haltung von Nutztieren wohl bestehen – immer noch besser, als im Müll der ‘Weißen’ nach Essbarem zu suchen. Andererseits fehlt, auch im Film, der Blick auf Hintergründe und Details (wäre Nutztierhaltung überhaupt zulässig?).
So viel wird klar durch den Film: wer die ‘Zigani’ vordergründig nur als Bettler, Schnorrer und Diebe (oder halt Hundefresser) sieht, verkennt völlig die historischen und gegenwärtigen Ursachen ihrer Lebenslage.


Dabei entsteht der Eindruck, diese Menschen sollen mit möglichst wenig Mittel- und Ressourceneinsatz irgendwo 'am Rand' geparkt werden, wo sie wenig auffallen und das harmonische Stadt- und Gesellschaftsbild nicht stören. Gheottoisierung draußen am Stadtrand ist eher eine Alternative für gewählte Politiker. Kommentare der lokalen Politikgrößen in ehemaligen Ostblockstaaten über ‘das Roma-Problem’ reichen von Zynismus und absurden Vorstellungen aus der früheren Diktatur bis zu ehrlich eingestandener Hilflosigkeit.

Antiziganismus, Ablehnung, Gewalt und Diskriminierung gegen Roma in EU-Staaten sind also nach wie vor an der Tagesordnung.


Lösungsansatz? 


Schwierig, wo schon eine faire, sachliche Beschreibung der komplexen Lebenssituation von Roma und Sinti nicht unproblematisch ist. Eine oberflächliche Betrachtung einzelner Lebensumstände reicht niemals aus, um geeignete Wege zu finden, die über bloße Behandlung von Symptomen hinausgehen.
Ein eigener Verwaltungsraum mit teilweiser Autonomie? Kaum vorstellbar, dass sich ein EU-Staat bereit fände, auch nur einen großen Teil der Millionen Roma dauerhaft zu beherbergen und ihnen eine echte Perspektive zu eröffnen.
Auch darf bezweifelt werden, ob eine derartige Patentlösung überhaupt die gewünschte Wirkung haben würde.

Vielleicht liegt in dieser Unmöglichkeit einer Lösungsfindung der Grund, dass Filmemacher Stanislaw Mucha von Kommentaren und Analysen fast vollständig absieht. Er lässt seinen Film und die darin erscheinenden Menschen “für sich sprechen”. Ob so ein unverzerrtes Bild entstanden ist...?
Die Frage nach dem Wohlergehen von zum Verzehr geeigneten Hunden in Roma-Siedlungen scheint Mucha immerhin sehr interessiert zu haben…





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Ein etwas anderes Bild vermittelt der Film “Zigeuner in Deutschland – Tradition ist alles”; hier geht es weniger um das Existenzminimum als um verschiedene Lebensgewohnheiten und die hierzulande so oft gestellte Integrationsfrage.
Im Grunde liegen die Notwendigkeiten diesbezüglich doch auf der Hand: Gastfreundschaft setzt die Freundschaft des Gastes voraus – was freilich nicht bedeutet, eigene Traditionen komplett über den Haufen zu werfen.


Donnerstag, 22. März 2012

Handbuch (nicht nur) für Außerirdische

"Allmählich regte beim Schöpfer sich eine gewisse Selbstgefälligkeit. Und warum auch nicht? Schließlich gab es nun einen blauen Himmel und klare, grüne Ozeane. Schneebedeckte, purpurfarbene Berge und atemberaubende Sonnenuntergänge.

Üppige Dschungellandschaften und Täler, träge Wüsten und Waldbäche... Phantasmagorische Ansammlungen von Mineralien, Tieren und Pflanzen. Wer so etwas geschaffen hatte, konnte sich schon voller Stolz selbst auf die Schulter klopfen.
Aber es begab sich, dass der Schöpfer der Erde den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören nicht erkannte. Denn gerade als die Zukunft besonders rosig zu werden versprach...fiel ihm dann noch der Mensch ein
."
(Handbuch für Außerirdische, Gay Serena)

Diese einleitenden Worte, die Gay Serena auf einen imaginären Schöpfer bzw. dessen Denkweise projiziert, verlagern die primäre Verantwortung für das Unschöne dieser Wellt nur unwesentlich:
Der Schöpfer habe einen fatalen Fehler begangen - als er die in ihrer ökologischen Harmonie durch das Sonnensystem dümpelnde Erde mit einem Wesen 'beglückte', dessen Fähigkeiten einzigartig sind.

Schlimmer noch: Er richtete es so ein, dass alles Lebendige auf der Erde diesem sich unaufhaltsam vermehrenden Wesen – das sich selbst in unverständlicher Überheblichkeit mit dem Attribut 'besonders weise' (sapiens sapiens) versah - in jeder erdenklichen Weise unterworfen sein sollte.

Würde man die ach so weisen Menschen als 'Außenstehender' beobachten, käme leicht der Eindruck zustande, diese Spezies stamme von einem anderen Planeten. Denn bevor der Mensch sich breit machte, herrschten auf diesem Planeten eine gewisse Symmetrie und ein gewisses Gleichgewicht.

Sogar als er schon da war, schien noch eine Weile alles in Ordnung zu sein: Adam, Lilith (Adams erste Frau), Eva & Co. brauchten etliche Generationen, um die Feinheiten der Ernährung, der Körperpflege, der Fortpflanzung und des Selbstschutzes zu erlernen:

"Iß nichts, was sich wehren kann; scheiß nicht in dein Trinkwasser und fletsch' die Zähne, wenn dir ein Säbelzahntiger über den Weg läuft...oder klettere auf einen Baum."

Alsdann ließ es sich ganz gut leben -  sogar nachdem sie den Schöpfer das erste Mal richtig sauer gefahren hatten und aus dem Schlaraffenland vertrieben wurden.

Doch das änderte sich jetzt schlagartig...vielleicht, als jene ‘Herren der Schöpfung’ in einem Anflug von Größenwahn versuchten, selbst etwas erschaffen, was so komfortabel war wie das verlorene Schlaraffenland oder diesem Zustand wenigstens so nahe wie möglich kam.

Erst mal ging es aber, zugegeben, ums Überleben. Zusehen, dass mehr neue Menschen geboren worden und das fortpflanzungsfähige Alter erreichten, bevor die Alten (alle über 25) gefressen wurden oder einer Krankheit erlagen.
Doch der Mensch - sich schon damals als überlegenes, weil eigenständig denkendes Wesen betrachtend – hatte das Überleben schon sehr bald im den Griff:
Er hakte die grundlegenden Fragen – Unterkunft, Wärme, Landwirtschaft – zügig ab, während alle anderen Geschöpfe an Baumrinden herumnagten oder sich beizeiten mal nach einem guten Versteck vor diesen aggressiven Zweibeinern umsahen.

Wer so ein Versteck fand – “Tiefseegarnelen zum Beispiel oder auch die Yetis” -, verbesserte seine Überlebenschancen drastisch. Denn die Krone der Schöpfung hatte nach dem gelösten Problem des Überlebens ein neues Daseinsmotto: Machtanspruch.

Macht erwies sich als Vorstufe zu ungezügelter Gier und brachte ein Instrumentarium der Gewalt, Skrupellosigkeit, Heuchelei und Selbstbetrug mit sich.

Soweit die Geschichte vom 'Fortschritt' der Menschheit - sozusagen die Summenformel, bei der positive Elemente des Fortschritts durch das aufgehoben ist, was überwog: Schrecken. Bald zeichnete sich Beherrschung des ganzen Globus durch diese eine Spezies – die sich zudem als ausgesprochen widerstandsfähig erwies und der Sintflut trotzte.

Vorbei waren das relativ friedliche Nebeneinander (“etwas anderes nur dann zu fressen, wenn man wirklich Bärenhunger hatte - aber nicht just for Fun oder um Mutti mit einem neuen Pelz zu beglücken”). Auch eine natürliche Auslese fand eher selten statt…(Natürliche Auslese als Evolutionsprinzip ist das genaue Gegenteil einer Zuchtselektion, die nackte Hunde, geklonte Schafe und Mäuse mit Menschenohren hervorbringt).

Das ökologische Gleichgewicht hatte den unüberlegt und gewaltsam durchgesetzten Luxusinteressen dieser Spezies augenscheinlich wenig entgegen zu setzen. Inzwischen scheint das Schicksal der Erde nur noch davon abzuhängen, was der Mensch gerade will (solange wie er es will) und wie schnell er diesen Willen durchsetzt.

Dabei sind die wenigsten Exemplare dieser selbstverliebten Säugetierart untereinander einig - und doch haben 15-20 Prozent von ihnen etwas 'einzigartiges' zustande gebracht:

Eine komplexen, heterogene und verwirrende soziale Struktur, die sie als "Leben im 21. Jahrhundert" bezeichnen. Diese Struktur bringt es mit sich, dass mindestens weitere 15 Prozent in den nächsten fünfzig Jahren entweder draufgehen - oder als 'Klimaflüchtlinge' unverschuldet umher irren werden.”

Zu verantworten hat dieses "Leben im 21. Jahrhundert" allein der Mensch. Kommt er denn damit klar? Ganz bestimmt, denn ihm wurde eine Fähigkeit verliehen, die es ihm ermöglicht, unliebsame Fakten sowie Emotionen beiseite zu schieben - über diese 'Kunst der Verdrängung' wurde weit mehr als ein Buch geschrieben…

Der restliche Planet wäre sicherlich dankbar und zufrieden, den Zustand des Jahres 750.000 v.Chr. beibehalten zu dürfen.

Die gegenwärtige menschliche Existenz ist so schwer zu verstehen, dass es kaum überraschen würde, wenn Außerirdische mit dem erforderlichen Knowhow gegenwärtig von einem Besuch absähen.
Vielleicht warten sie noch ein paar Jahrzehnte ab, bis sich diese egozentrische Spezies Mensch auf die ein oder andere Weise selbst ausradiert hat...danach könnte E.T. still-vergnügt zusehen, wie die Erde sich allmählich von ihrer 'Krankheit' erholt.

Auf jeden Fallen kennen E.T. und seine Alienkumpel die Erde: Der Planet ist im ganzen Kosmos als Wiege der Bürokratie bekannt. Außerdem ist dort seit kurzem der Fernseher Mittelpunkt jeglichen Geschehens.

Denkbar ist jedoch auch, dass ein solcher Werdegang das logische Schicksal jeder intelligenten Zivilisation ist - und E.T. deswegen auch längst nicht mehr existiert? Falls soch, würde E.T. heute eine Welt von verseuchten Ozeanen mit einer gelb-bräunlich verdreckten Atmosphäre vorfinden, deren dominierende Bewohner munter untereinander Krieg führen und einem selbst erschaffenen Phantom namens Al Quaida hinterherjagen.

Eine Nation - von der E.T. weiß, dass sie zwei Weltkriege zu verantworten hat – betreibt lustige Wortspiele und spricht statt Krieg nun lieber von einem "bewaffneten Engagement, bei dem Kollateralschäden (tote Kinder, tote Frauen und tote sonstige Wehrlose) nicht immer zu vermeiden sind"…

Welcher Aspekt würde E.T. vielleicht besonders interessieren?

  • Vielleicht die Frage, wie weit diese Menschen mit ihrer Technik sind. Denn allein davon hängt ab, wie bald Militarisierungsbestrebungen der Erdlinge im Weltraum erkennbar werden. Nur eine Frage der Zeit.
  • Oder die Frage nach dem Verschwinden von Kabeljau, Tigern, Dinosauriern...
    “Vielleicht sahen diese ja das weitere Agieren der Menschheit vorher', mag der Kleine mit dem Leuchtfinger denken - 'und machten sich mehr oder weniger rechtzeitig aus dem Staub”.
  • Von Interesse wäre vielleicht auch die ambivalente Sentimentalität der Menschen gegenüber alten Monumenten und Ruinen: Immerhin wollten sie dieses Weltkulturerbe schützen – und erfanden eine Bombe, die Leben zerstört, aber Bauwerke nicht beschädigt.

Eines würde E.T. vermutlich nicht machen: Er/Sie/Es würde nicht danach fragen, ob und wie viele menschliche Individuen nicht einverstanden sind mit dem, was auf der Erde seit Jahrtausenden angerichtet wird.
Denn diesen 'Andersdenkenden' fehlt seit jeher offensichtlich der Wille oder die Kraft zu einem radikalen Kurswechsel - der nicht in eine andere ideologische Sackgasse führt.

Und doch gibt es sie - Menschen, die nicht länger an seelenlosem Funktionieren und der Hinwendung zu sinnfreien Zielen interessiert sind.
...wann immer ich einen von ihnen treffe, bemühe ich mich, von ihm zu lernen.