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Mittwoch, 29. August 2012

Warum ist der Mensch so wie er ist?

Ob man tief gläubig oder aus tiefstem Herzen von der Nichtexistenz des Göttlichen überzeugt ist – diese Frage hat sich vermutlich jeder schon mal gestellt. Meist in einem unangenehmen Augenblick voller Unverständnis über menschliches Handeln oder im Rückblick auf eigenes, zweifelhaftes Verhalten.
Die Geschichte der Menschheit liest sich im wesentlichen als Aneinanderreihung von Schlechtigkeiten – im Großen sind es Kriege und Genozide, auf Individuen (sich selbst oder andere) bezogen begegnet man Ignoranz, Egoismus und nicht selten skrupelloser Rücksichtslosigkeit. Schaut man genauer hin, entdeckt man auch die Ausnahmen: Gemeinschaften und Einzelpersonen, die Lichtblicke voller Güte, Hingebung und echter Nächstenliebe vermitteln, welche nicht den eigenen Vorteil zum Ziel hat.
Technologische Errungenschaften tragen fast immer den Keim missbräuchlicher Anwendung in sich.


Zu unterschiedlichen Zeiten, abhängig von der persönlichen Stimmung, gelangt man zu einem unterschiedlichen Fazit – mal überwiegen die helleren und mal die dunkleren Grautöne. In meiner eigenen Wahrnehmung überwiegt das Schlechte, wobei ich mich hüte, das Gute in fast jedem Menschen zu übersehen.
Doch ist es nicht so – wenn die meisten von uns ehrlich zu selbst sind – dass fast immer die Fokussierung auf das Wohlergehen der eigenen Person und des unmittelbaren Umfeldes besteht? Das Ich, die eigene Familie, die eigene Firma, die eigene Berufsgruppe…bis hin zum eigenen Land und dem Kontinent, auf dem man lebt.


'Zuviel Altruismus lenkt uns vom Wesentlichen ab' ...so wurde es fast allen Menschen anerzogen, denen ich begegne (mich selbst auf keinen Fall ausnehmend). “Das Leid der ganzen Welt könnten wir niemals lindern, selbst wenn wir dies wollten und uns ernsthaft dafür einsetzten.
Statt dessen leben wir unser eigenes Leben nach dem St.-Florians-Prinzip und hoffen, dass es uns nicht zu schlimm erwischt.

Diese Tendenz wird um so dominanter, je mehr der einzelnen in der tarnenden Masse untergeht – bei 82 Millionen Deutschen oder erst recht 250 Millionen Europäern ist die persönliche Verantwortung nicht besonders hoch, relativ betrachtet.
Besonders unverständlich ist dabei schädliches Handeln bzw. Nichthandeln wider besseres Wissen ...sodass Goethes Verse in unangenehmer Weise zutreffen:

“Ein (guter) Mensch in seinem dunklen Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.”
Tatsächlich braucht sich niemand für das unmenschliche, unethische Verhaltensprofil zu kasteien, welches der Mensch als dominierende Spezies auf diesem Planeten abgibt. Die Ursache dieses Verhaltens liegt im Dunkel einer Evolutionsgeschichte, an deren Ende wir zwar ein Selbstbewusstsein entwickelten, aber die steinzeitlichen Reaktionsmechanismen niemals ganz ablegen konnten.
Irgendwo zwischen halbbewussten Trieben und erahnten Instinkten auf der einen Seite und den verinnerlichten Normen, Traditionen und Erziehungsmustern auf der anderen versucht ein rationales Ich sich an der übermächtigen Aufgabe, zwischen beiden Einflussgrößen zu vermitteln und dabei so etwas wie eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Wo soll da noch Raum für Rücksichtnahme und Altruismus aus eigener, echter Motivation entstehen?


Suche nach Antworten

Kant versuchte, die Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen des Erkennens und des resultierenden Handelns zu ergründen. Er formulierte seinen Kategorischen Imperativ als ethisches Konzept, wo zuvor die Theologen moralisches Verhalten aus der Bibel begründet und definiert hatten.
Eine Frage blieb jedoch unbeantwortet: Warum sind wir so …gut / schlecht / gleichgültig / liebevoll /ignorant / aufopfernd ...meist von allem ein wenig und von der Ignoranz bzw. dem Verdrängen des Beängstigenden ein wenig mehr?
"Warum ist der Mensch sich selbst ein Rätsel? Weil er, im Unterschied zu den Tieren, nie in sich ruht. Er existiert in multipler Polarität - von Körper und Geist, Leib und Seele, Sinnlichkeit und Vernunft, Gefühl und Verstand, Innerlichkeit und Außenwelt...
Er ist ein ex-zentrisches Wesen, das, seiner Natur und Geschichte verhaftet, gleichwohl stets über sie hinaus strebt. Er kann, er muss sich und die Welt fortwährend neu gestalten, kann solches Wagnis jedoch nur bewältigen, wenn er zwischen seinen Gestaltungsfreiheiten und den Notwendigkeiten seiner leiblich-psychischen Verfassung ein Gleichgewicht findet." (Christoph Dejung: Helmuth Plessner, WELT online, 2004)
Christliche Theologen würden vielleicht antworten, dass die Menschen so sind, weil Gott sie so geschaffen hat. Wer aber den vermeintlich ‘freien Willen’ hochhält, wird kaum die durch implizierte Kausalität (Ursache und Wirkung) übersehen, die das Gute und das Schlechte in dieser auf einer bestimmten Ebene vom Menschen bestimmten Welt klar auf diesen Menschen als Urheber der Gründe zurückführt. 

Meist sehe ich es so: die Rahmenbedingungen – Universum, Natur, Naturgesetze, Merkmale und Bedingungen von Leben – 
wurden durch einen Schöpfer/eine willentlich-schöpferische Intelligenz vorgegeben ; doch innerhalb dieses Rahmen besitzen wir einen erheblichen Gestaltungsspielraum. Daran ändern auch das Zusammenwirken von ES und Über-Ich nichts.
So bleibt genug Raum für die Warum sind wir so? –Fragestellungen, ohne alle Kausalität auf Gott oder etwas nie gesehenes Phänomen namens Zufall projizieren zu können.
Warum fallen unsere Gruppen- und Individual-Entscheidungen so selbstzerstörerisch, manchmal brutal und bisweilen schlichtweg dumm oder perfide aus? Weshalb gebrauchen wir die uns gegebene Freiheit so und nicht anders?
  • Individualpädagogische Analysen helfen da kaum weiter. Was nützt es auch, wenn ich weiß, aus welcher Motivation Breivik 69 Menschen ermordet hat und ein Jahr danach immer noch von sich und seinem Tun überzeugt ist? Nun ja, Kriminalpsychologen und Politiker mögen in Richtung Prophylaxe denken, was angesichts zunehmender Amokläufe angebracht sein mag.
Doch Serien-/Massenmörder besitzen ebenso wenig repräsentative (=verallgemeinerbare) Charaktermerkmale wie jene, die für weit mehr Todesopfer verantwortlich sind und den Schein von Legalität und Legitimität zu wahren wissen.
  • Anthropologen sind da schon einen Schritt weiter: Ausgehend von Zitaten wie dem von Ludwig Feuerbach („Der Mensch ist, was er isst.“) entwickeln sie aus Wissensgeschichte und Evolution ein Bild, wie das Zusammenspiel von Natur und Kultur die menschliche Identität entstehen lässt, etwa weil beide Körper und Geist durch Nahrung beeinflussen. [Vergl. ‘Der Mensch ist, was er isst.’]
    Schaut man sich deren Erkenntnisse genauer an, stellt man fest, sie haben die Antwort auf eine andere Frage gesucht – nämlich: ‘Was ist der Mensch?’ 
Das Warum bleibt dabei offen, zumindest auf der abstrakten Ebene des Menschen schlechthin. Vielleicht ist es ja klüger, diese Frage erst gar nicht ernsthaft zu stellen, weil sie sich ohnehin nicht beantworten lässt – jedenfalls nicht im Sinne einer allgemein gültigen Wahrheit?
Wer Kinder oder kleine Neffen und Nichten hat, wird sehr wohl wissen, dass eine Antwort auf eine Warum-Frage eh’ einen Aha-Effekt und prompt eine Reihe weiterer Fragen dieser Art nach sich zieht…

Homo ludens – eine Spezies aus lauter Spielernaturen?

Der homo ludens (lateinisch, ‘der spielende Mensch’) ist ein Erklärungsmodell des lebenden Menschen, wonach dieser seine Fähigkeiten im Besonderen über das Spiel entwickelt. Er entdecke im Spiel seine individuellen Eigenschaften und entwickele sich dadurch anhand der dabei gemachten Erfahrungen selbst zu dem, was er ist. Spielen unterstellt Handlungsfreiheit gleichgesetzt und setzt eigenes Denken voraus
Nach Johan Huizinga entwickelten sich unsere kulturellen Systeme wie Politik, Wissenschaft, Religion, etc. im Wege der Selbstorganisation aus ursprünglich spielerischen Verhaltensweisen, die nach und nach ritualisiert und institutionell verfestigt wurden…vergl. Wikipedia.
Besonders reizvoll war es dann wohl einige Multiplikatoren und Eliten, von Zeit zu Zeit einzelne ‘Spielregeln’ zu verändern…
Diesen Gedanken weiterspinnend frage ich mich: Sind wir – sowohl als Individuen als auch in unserer Gesamtheit – allesamt Spieler bzw. Zockernaturen, wenn auch mit unterschiedlicher Ausprägung und Vorliebe für verschiedene Spiele und unterschiedliche Einsätze?
  • Im globalen Kontext lassen wir es drauf ankommen – Klimaentwicklung, Weltkriegsgefahr, Ressourcenschwund usw. Setzen wir darauf, dass es uns alle – oder uns selbst – nicht zu schlimm trifft? Oder dass unser rechtzeitiges Ableben uns davor bewahre, die schlimmsten Entwicklungen noch mit ansehen bzw. selbst erfahren zu müssen?
  • Im persönlichen Leben vergeht nicht ein Tag, ohne dass wir eine Fülle von Risikoabwägungen vornehmen und ‘kalkulierte Risiken’ eingehen.
  • Geht das ‘Spiel’ religiöser Menschen davon aus, der liebe Gott werde es schon richten – und man selbst werde gerade noch bei den Guten im Töpfchen landen?
Auch wenn Friedrich Nietzsche wohl zutreffend erkannt hat, dass von allen menschlichen Beweggründen Eigennutz und Angst wohl am schwersten wiegen und dass “Religion das einzelne Gemüt in Zeiten des Verlustes, der Entbehrung, des Schreckens, des Misstrauens” befriedigt – die kollektive Spielernatur der Menschen könnte als ergänzendes Erklärungsmodell tauglich sein.
‘Eigentlich’ kann dies nicht zutreffen, möchte man meinen – denn Leben als Spiel im Spiel (…) aufzufassen, wäre doch im hohen Maße un-vernünftig. Wie dem auch sei, die täglich zu beobachtende Realität scheint in diese Richtung zu weisen.
Wo aber liegt die Grenze zwischen kreativem Spiel und vermessenem Zockertum? Pessimisten sind überzeugt, dass wir dies schneller herausfinden werden, als den meisten von uns lieb sein dürfte…

Siehe auch

Mittwoch, 8. August 2012

Freier Wille: Illusion, Wunschdenken oder partiell existent?

Eines der Themen, die mich nicht loslassen, ist unser sogenannter freie Wille. Durch eigene Erfahrungen und Überlegungen komme ich vorläufig zu einer skeptischen Einschätzung: Willentliches Handeln des Menschen unterliegt faktisch erheblichen physiologischen, psychischen und sozialen Einschränkungen. Ist es denkbar, dass die Unterstellung, über einen wirklich freien Willen zu verfügen, einem reinen Wunschdenken nahekommt?

Nun mal langsam..für ein einheitliches Begriffsverständnis wäre eine Definition hilfreich. Doch die Bemühungen, den Freien Willen prägnant zu umschreiben, führt zu vielschichtigen Resultaten. Diese Aussage erscheint brauchbar: 
“Im weitesten Sinne meint Willensfreiheit die unterstellte menschliche Fähigkeit, sich unter gegebenen Bedingungen für oder gegen etwas zu entscheiden.”
Daraus folgt zunächst:
Unbedingte Willensfreiheit wäre ein Konzept, das jede Beschränkung der Handlungs- und Entscheidungsfreiheit – e würde erfordern, dass das Wollen von absolut nichts abhängt, also durch nichts bedingt ist. Es liegt auf der Hand, dass so ein Konzept auf die Situation des Menschen nicht anwendbar ist. Absolut freie Wahlmöglichkeit geht verloren, sobald Abhängigkeiten bestehen oder eine sonstige Verbindung zwischen den Motiven und dem Willen gibt.


Bedingte Willensfreiheit

Wenn wir aber ehrlich sind, entspringt unser Verhalten aber in den meisten Fällen einer ausgesprochen vielschichtigen Motivationslage und oft genug findet es in einem Geflecht voller Abhängigkeiten statt. ‘Freier Wille’ meint folglich die bedingte Willensfreiheit. Sie sieht den Willen als frei, wenn eine Person “ihren Willen nach ihren persönlichen Motiven und Neigungen gebildet hat, tun kann, was sie will (Handlungsfreiheit), und auch anders hätte handeln können, wenn sie es denn nur gewollt hätte.”
Doch wie bedingt und aus Abhängigkeiten entstanden sind unsere Handlungen und Entschlüsse? Wo folgen wir dem (vermeintlich) Unausweichlichen?

Sicher, es ist uns möglich, in geeigneten Situationen (wenn genug Zeit ist) reifliche Überlegungen anzustellen, gründlich abzuwägen und so zu einer Entscheidung zu gelangen, die unser konkretes Handeln oder Nichthandeln bestimmt. Zumindest dann bilden wir uns ein, unsere Entscheidung sei dann allein Ausdruck unseres freien Willens. (Rückblickend stellen wir oft genug fest, dass wir plötzlich ganz anders handelten, als wir es zuvor beabsichtigt hatten)


Viele physiologische Abläufe werden allein durch ein genetisch festgelegtes Programm gesteuert, das wir weder genau kennen und dessen wir uns im Grunde selten bewusst sind. Unser Körper erlegt uns überdies etliche Zwänge auf, die unser Verhalten massiv beeinflussen: wir müssen atmen, benötigen regelmäßig bestimmte Nahrung, brauchen ein bestimmtes Milieu zum Überleben und einiges mehr, damit wir uns wohlfühlen. Und dann sind da noch ‘aufschiebbare’ Triebe wie der zur Fortpflanzung, Schutz- und Gemeinschaftsbedürfnis und seit einigen Generationen verstärkt sich bei vielen das unbedingte Streben nach Konsum und Unterhaltung.

Nimmt all diese Aspekte zusammen, so schrumpft das Betätigungsfeld des freien Willens auf mindestens zwei überschaubare Felder:
  • die Wahl zwischen Alternativen (Auswahlentscheidungen) wir können nicht frei bestimmen, ob wir Nahrung zu uns nehmen. Doch wir haben (jedenfalls hierzulande) die Wahl, was wir essen möchten und dürfen den Zeitpunkt festlegen…wenn wir nicht zulange damit warten.
Auch die Zahl und Beschaffenheit unserer Sexualpartner dürfen wir wählen – doch gerade hier zeigt sich doch, wie sehr der Entscheidungsraum vieler Menschen durch ihre halbbewussten Triebbedürfnisse eingegrenzt ist.
bestimmte Grundsatzentscheidungen
  • die meisten Menschen können beispielsweise Einfluß auf ihren Lebensweg nehmen, wozu Bildungsangebotes oder Berufswahl ebenso zählen wie die Bindung an einen Lebenspartner oder die Wahl einer anderen Form des Gemeinschaftslebens.
Doch wie frei der Mensch denn wirklich, einen eigenen Willen zu entwickeln und diesen zu realisieren?
Ein Beispiel: Gerne werden Glaube und Religion als möglicher Ausdruck des individuellen menschlichen Willens angesehen, doch kann dies überhaupt zutreffen? Untersuchen wir kurz die Voraussetzungen, die für eine freie Willensentscheidung in Glaubensfragen gegeben sein müssen: 
  • keine subtile Beeinflussung bzw. Manipulation (zumindest muss die Chance bestehen, sich manipulativer Einflüsse bewusst zu werden und (wenigstens) insgeheim zu entziehen)
  • keine Unterdrückung oder Zwangslange, wie sie durch staatliche und klerikale Institutionen hervorgerufen sein kann. Auch hier in Deutschland sind der Freiheit des Glaubens bestimmte Grenzen gesetzt.
  • Ausbleiben jedes elterlichen, familiären und gesellschaftlichen Zwangs
Freilich ließe sich einwenden, dass die Möglichkeit zur freien Entscheidung auch dann bestehe, wenn diese Rahmenbedingungen ungünstig ausfallen: ein der Zwangstaufe unterzogener Säugling habe dennoch mit Eintritt seiner Religionsmündigkeit die Gelegenheit, jegliche Vorentscheidung nachträglich zu korrigieren – oder bewusst und willentlich zu bestätigen.

Die Lebenswirklichkeit sieht wohl anders aus: Kinder erhalten in frühen Jahren eine Prägung, der sie sich nicht oder nur schwer entziehen können. Moral, Glaube und viele weitere …. werden verinnerlicht – dieser Prozess lässt sich zeitlebens nicht vollständig neutralisieren (was auch nicht wünschenswert wäre, denn diese Prägung hat je nach Liebenssituation durchaus ihren hohen Nutzen).

Da uns diese Implikationen, je weiter sie in der Vergangenheit liegen, kaum mehr in ihrer Gesamtheit bewusst sind, erleben wir subjektiv unser Handeln als Ausdruck der Freiheit, so zu handeln und nicht anders. Einbildung?
Der Verfasser eines kritischen, bisweilen radikalen Textes geht noch viel weiter.
Bis hierhin habe ich die Existenz eines bedingt freien Willens weder bejaht noch verneint. Vielmehr stelle ich fest, dass ich mit eigenen Gedankenübungen allein hie und nimmer eine annehmbare Antwort auf diese Frage finden werde – höchste Zeit für etwas Input..

Bewusster oder unbewusster Wille?
In einer kurzen Abhandlung auf philosophy-online.de habe ich folgende Formulierung dazu gelesen:
“Wenn es überhaupt eine unbezweifelbare Grunderfahrung unseres Daseins gibt, dann die, dass wir uns zeitweise als rational abwägende Autoren unseres eigenen Tuns und insofern als frei erleben.”
Wohl wahr…und zudem präzise formuliert: Wie erleben uns als Inhaber eines freien Willens und unsere Handlungen als nur ‘von äußeren Faktoren’ eingeschränkt. Davon gibt es mehr als genug (s.o.). Gemeint sind in diesem Kontext eher die ‘inneren’ Prozesse und Gegebenheiten, häufig auf die zentrale Frage fokussiert, ob das Gehirn unser Bewusstsein produziere.
Ist unsere Selbstwahrnehmung also bloße Selbsttäuschung?
  • Neurowissenschaftler [...] erklären, die Idee eines freien menschlichen Willens sei mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren…
  • …Studien zeigen … dass unserem Tun deterministische neuronale Prozesse zugrunde liegen, dass das subjektive Erleben der Urheberschaft fallibel [fehlbar, dem Irrtum unterworfen] sein kann und dass vermeintlich selbst initiierte Handlungen unbewusst ausgelöst werden können.
Unsere Unfreiheit lasse sich so allerdings nicht nachweisen, denn z.B. Determinismus sei nicht empirisch begründbar, weil empirische Daten nur statistische Korrelationen rechtfertigen, aber keine deterministischen Zusammenhänge.
Dies leuchtet mir ein, zumal Experimente (wie der nachfolgend geschilderte Versuch) nur sehr vereinfachte Entscheidungsvorgänge erfordern. Die Alltagshandlungen bis hin zu strategischen Entscheidungen, die weitaus höhere Anforderungen an unsere Willensbildung stellen, sind experimentell nicht zugänglich,sagen Philosophen – und liegen zumindest bis heute richtig damit.
 

Libet-Experiment und Willensfreiheit

Die nachfolgende Dokumentation setzt sich kritisch mit dem sog. Libet-Experiment auseinander, welches vielfach für die Zulässigkeit der Schlussfolgerung angeführt wurde, so etwas wie ein freier Wille existiere nicht.
Aber: Diese Dokumentation ist – wie ich einem früheren Kommentar von Herrn I. Kittel (auf einer ehemaligen Webseite) entnehme – mindestens zehn Jahre alt (Erstausstrahlung 30.6.2001) und bietet einigen Anlass zur Kritik.
Dennoch, als Einführung in Thematik und Fragestellungen erscheint diese Doku mir geeignet.



Dokumentation auf 3SAT : Die Libet-Experimente

Teil I :


Teil II  /  Teil III

Das Ich – eine programmierte Maschine?
Hoffentlich nicht…und wozu sollte eine zur Selbstreproduktion fähige Maschine ein Selbstbewusstsein besitzen und über so viele störende Empfindungen, welche ihre Funktionalität durchaus beeinträchtigen (oder beflügeln) können.
Der Physiologe Benjamin Libet veröffentlichte Anfang der 1980er Jahres einen als Libet-Experiment bekannt gewordenen Versuch, die zeitliche Abfolge bewusste Handlungsentscheidungen und ihrer motorischen Umsetzung zu messen:

  • Wann trifft der Proband eine bewusste Handlungsentscheidung?
  • Ab wann der bereitet motorische Kortex1) die Ausführung der Handlung vor
  • Wann  genau wird die betreffende Muskulatur tatsächlich aktiviert.
Durchführung und der genaue Aufbau des Versuchs lassen sich hier oder auch auf Wikipedia nachlesen.


Bemerkenswert war vor allem, dass der Zeitpunkt, zu dem die Handlungsabsicht bewusst wird, in jedem Fall deutlich nach dem Punkt liegt, an dem der motorische Cortex die Bewegung vorzubereiten beginnt. Platt formuliert: Das Gehirn hatte schon längst entschieden, bevor der Proband sich seiner Entscheidung bewusst war.
Dieses Resultat löste kontroverse Diskussion über die fragliche Freiheit des menschlichen Willens aus. Die Unterstellung eines freien Willens aber ist Voraussetzung für wesentliche Elemente unserer sozialen Organisation und für den Konsens, nachdem jeder Mensch die volle Verantwortung für seine Handlungen zutragen habe. Ein wenig erstaunlich ist diese Aufregung schon, denn die Verallgemeinerbarkeit des Libet-Versuche auf alle denkbaren, komplexe Entscheidungssituationen ist gänzlich unerwiesen (s.o.)

Libet selbst war ein Verfechter des freien Willens, dem er jedoch nur eine Vetofunktion zubilligte, d.h. die Möglichkeit, aufgrund moralischer Erwägungen unbewusste Handlungsimpulse zu unterdrücken. Dies würde bedeuten, unser Ich sei zwar nicht Herr über die Vielfalt der spontanen Einfälle, Ideen und Impulse, die in unserem Bewusstsein auftauchen. Dennoch stelle es eine prüfende Instanz dar, welche die Fülle der Handlungsimpulse filtere und nur manche von ihnen selektiv zulasse. Damit würde das Gehirn nicht einfach an unserem Bewusstsein vorbeientscheiden.

Über Libets Experimente wurde anfänglich dennoch die Auffassung geäußert, diese entlarvten den freien Willen als Illusion - sofern man bereit sei, die volle Konsequenz der experimentellen Ergebnisse zu akzeptieren. Er selbst gestand dagegen freimütig ein, seine Position zur Willensfreiheit sei allein von persönlicher Überzeugung geprägt und lasse sich nicht mit seinen Versuchsergebnisse belegen.-
Die eingangs kurz angesprochenen Religionen brauchen das Konzept des freien Willens – vor allem da, wo sie ihren Gläubigern ein göttlich-gerechtes Straf- und Belohnungsgericht in Aussicht stellen: Ohne freien Willen als Ursache unserer Entscheidungen und Handlungen wären Hölle und ewige Verdammnis schlichtweg unfair…jedenfalls nach menschlichen Maßstäben.-
Es ist ein markanter Gegensatz, den wir im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und religiösem Glauben/spiritueller Vorstellung antreffen: Während die Wissenschaft heute ‘glaubt’, Bewusstsein entstehe letztlich zufällig aus Materie (denn es sei ja im Gehirn lokalisiert), ‘weiß’ die Religion, dass Geist/Seele/Bewusstsein von Gott geschaffen und deshalb unsterblich ist. Die zweite Anschauung ist mir sympathischer, aber von Gewissheit kann keine Rede sein…
 

Jüngere Forschungsergebnisse: Und es gibt ihn doch?

Wie neuere Untersuchungen von Gehirnaktivitäten vor einer bewussten Entscheidung (John-Dylan Haynes, 2008) zeigten, lässt sich inzwischen sogar vorhersagen, welche Wahl ein Proband (in einer Versuchsanordnung) treffen wird – sieben (!) Sekunden bevor er bewusst entschieden hat. Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig untersuchte lt. einem Bericht des STERN mögliche Konsequenzen aus Experimenten wie denen von Libet und Haynes:
“Kann man von einem freien Willen sprechen, wenn die Absicht, etwas zu tun, im Gehirn schon feststeht, bevor wir bewusst eine Entscheidung treffen?”
Dazu wurde die Höhe des Sauerstoffverbrauchs einzelner Gehirnareale beobachtet – ein Indikator für deren Aktivität. Zwischen Vorbereitung einer Handlung im Gehirn und deren Ausführung liegt eine messbare Zeitspanne:
“Es scheint, als würde die unbewusste Entscheidung im Gehirn vorbereitet und dann eine Zeit lang dort vor sich hinschlummern, bevor sie den Weg ins Bewusstsein findet”
Die Vorhersagbarkeit hatte übrigens Grenzen: die Forscher lagen in 60 % alle Fälle richtig – also nur 10 % über dem Wert, den ‘bloßes Raten’ erreicht (bei ausreichender Anzahl von Durchläufen ließe sich das richtige Ergebnis mit 50-prozentiger Erfolgswahrscheinlichkeit erraten).
Dieser Umstand scheint bei der Interpretation von Haynes Experimenten nicht sonderlich zu stören: Zweifel am freien Willen habe es schon länger gegeben… und da Haynes & Kollegen Entscheidungsvorbereitung über lange Zeiträume und mithilfe einer anderen Technik beobachteten, glaubten sie, die Zweifel an Libets Experimenten nun aus dem Weg geräumt zu haben.
ZEIT online kommt sogar zu dem hanebüchenen ErgebnisDer Computer von John-Dylan Haynes kann Gedanken lesen”. Ziemlich plakativ und vor allem eine Verallgemeinerung – denn Haynes Rechner wird nicht einen konkreten Gedanken verraten, sondern allenfalls eine thematische Einordnung (durch Feststellen des aktiven Hirnareals) vornehmen können.
Doch bleibt es bei dem Haupteinwand gegen eine vorschnelle und einseitige Interpretation solcher Versuche:
Diese können nach wie vor nur die Verläufe einfacher Auswahl-Entscheidungen (mit oft nur einer Alternative) beobachten und voraussagen. Eigentliche Bedeutung und Nutzen der aus einer freien Willensentscheidung hervorgehenden Handlungen liegen primär da, wo es reiflicher Überlegungen bedarf, und nicht Fragen wie ‘Ziehe ich blaue oder gelbe Socken an?’
  • Und: Wie sieht es z.B. bei Gefahrensituationen aus, in denen weitaus weniger als 7 oder 10 Sekunden für eine Reaktion bleiben – vor allem dann, wenn dieses Reagieren zu komplex für eine instinktive Verhaltensäußerung ausfällt (z.B. eine Erwiderung in ernsten Konfliktsituationen)?
  • Was ist, wenn wir ein Verhalten korrigieren, in dem wir z.B. beim Verfassen eines Textes eine zunächst gewählte Formulierung durch eine andere ersetzen? Ich mag damit falsch liegen, doch könnte gerade solch eine bewusste Korrektur dafür sprechen, dass wir von unserer Entscheidungsfreiheit Gebrauch machen.-
Der Mediziner und Psychotherapeut Ingo Wolf-Kittel verweist dagegen auf ein “Manifest von elf führenden Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung” (Artikel auf Gehirn&Geist.de oder als PDF zum Download).
Dem Laien liefert dieser Artikel einen Überblick zu Forschungsbereichen und Untersuchungsmethoden der Neurobiologie. Deren kombinierte Nutzung ermögliche es immerhin, das Zusammenspiel der verschiedenen Hirnareale darzustellen. Erst dieses Zusammenspiel befähigt uns zu kognitiven Leistungen wie z.B. planendes Handeln, Gedächtnisprozesse und emotionales Erleben. “Damit haben wir eine thematische Aufteilung der obersten Organisationsebene des Gehirns nach Funktionskomplexen gewonnen.”
Sogar die Abläufe in einzelnen Neuronen könne man heute hoher räumlicher & zeitlicher Auflösung analysieren und mit Hilfe von Computermodellen simulieren. Erschreckend wenig wisse man dagegen über das Geschehen innerhalb von Zellverbänden und die genaue Kommunikationsweise einzelner Nervenzellen miteinander. Wie die hochkomplexe Kommunikation einer großen Anzahl von Nervenzellen funktioniere, sei noch gänzlich unbekannt.
Nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet; wie es die Welt so abbildet, dass unmittelbare Wahrnehmung und frühere Erfahrung miteinander verschmelzen; wie das innere Tun als “seine” Tätigkeit erlebt wird und wie es zukünftige Aktionen plant, all dies verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen.
Mit anderen Worten: auch wenn inzwischen bekannt ist, wo im Gehirn einzelne Prozesse stattfinden, sagt dies noch nichts darüber aus, wie diese im einzelnen funktionieren.
Vieles spreche dafür, dass neuronale Netzwerke als “hochdynamische, nicht-lineare Systeme” zu betrachten seien. Somit gehorchen sie zwar mehr oder weniger einfachen Naturgesetzen, brächten aber in ihrer Komplexität völlig neue Eigenschaften hervor. In diesem Kontext ist auch von “hochkomplexen raumzeitlichen Aktivitätsmustern” in diesen neuronalen Netzwerken die Rede.
Im Zusammenhang mit dem eingangs erwähnten Libet-Experiment erscheint mir folgender Passus von besonderem Interesse:
Wir haben herausgefunden, dass im menschlichen Gehirn neuronale Prozesse und bewusst erlebte geistig-psychische Zustände aufs Engste miteinander zusammenhängen und unbewusste Prozesse bewussten in bestimmter Weise vorausgehen.
Wenn hier tatsächlich eine ausschließliche(?) kausale Beziehung nachgewiesen werden kann, würde dies zugleich nahelegen, dass unser Bewusstsein – genauer gesagt die jeweils untersuchten, bewusst ablaufenden Prozesse im Gehirn – unmittelbar mit neuronalen Vorgängen verknüpft ist. Sollte man daraus schließen, dass unser Bewusstsein, zumindest aber unser bewusstes Erleben, Erinnern und Empfinden bis hin zum planvollen Handeln letztlich auf rein organischen und damit materiellen Vorgängen basiert?
Es scheint so:
  • “Auch wenn wir die genauen Details noch nicht kennen, können wir davon ausgehen, dass all diese Prozesse grundsätzlich durch physikochemische Vorgänge beschreibbar sind. [...]
  • Geist und Bewusstsein – wie einzigartig sie von uns auch empfunden werden – fügen sich also in das Naturgeschehen ein und übersteigen es nicht.
  • Und: Geist und Bewusstsein sind nicht vom Himmel gefallen, sondern haben sich in der Evolution der Nervensysteme allmählich herausgebildet. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der modernen Neurowissenschaften.”
Mir will vor allem das letzte Statement nicht in den Kram passen, denn über die Evolution von Bewusstsein sagt es nichts aus. Dass viele unserer gedanklichen Leistungen eine Entsprechung im Organismus haben, lässt sich nicht bestreiten. Problematisch wird es da, wo der Geist und seine Entstehung bzw. Entwicklung vollständig auf eine materielle Ebene reduziert werden:
Persönlich verweigere ich mich der Vorstellung, unser ‘Ich’ mit all seinen Facetten werde allein durch materielle Vorgänge und Substanz produziert. Beweis oder wissenschafts-taugliche Begründung? Da muss ich leider passen.
Eher vermag ich Indizien dafür zu suchen, dass neben der materiellen eine weitere (‘geistige’) Ebene existiert, ohne die dieses Ich niemals so empfinden und erleben würde, wie es der Fall ist:
  • Wie war es möglich, dass sich aus den ersten einzelligen Lebewesen ein hochkomplexes Lebewesen namens Mensch entwickeln konnte, das sich seiner selbst bewusst und zu intellektuellen Höchstleistungen imstande ist? Buchstäblich vom Himmel gefallen sind wir wohl tatsächlich nicht. Aber das Produkt einer Reihe von Zufallsprozessen sind wir meiner Überzeugung nach ebenso wenig. M.E. spricht vieles dafür, dass anstelle des Zufalls eine erschaffende, ordnende und zielgerichtete Intelligenz am Werk war und ist, über deren Beschaffenheit wenig wissentlich sagen lässt.
  • Wie lassen sich mit der Entsprechung von Materie-Bewusstsein Vorgänge wie Nahtod-Erlebnisse erklären? Eine ausreichende Zahl beeindruckender Fälle ist gut dokumentiert – wir wissen, dass zur fraglichen Zeit keinerlei Gehirnaktivität vorhanden (=messbar) war – und doch besitzen diese Personen anschauliche Erinnerungen an die Vorgänge um sie herum. Diese Erinnerungen und das persönliche Erleben lässt sich nicht als Einbildung, Traumgebilde oder lügenhaftes Wichtigtun diskreditieren, wo sie mit den Aussagen mehrerer anwesender übereinstimmen.
  • Die Erinnerungen von Menschen an frühere Leben ist eine heikle Angelegenheit, weil gerade auf diesem Gebiet viel Schindluder getrieben wird, gerade auch durch ‘Rückführungstherapeuten’, die ihr Fachwissen einem Schnellkurs verdanken.
    Räumt man das Zweifelhafte beiseite, bleiben wiederum gut dokumentiere Fälle übrig, sodass der Geisteswissenschaftler Prof. Christopher M. Bache bereits 1990 zu folgender Einschätzung gelangte:
"Ich bin der Ansicht, dass die Forschung inzwischen genügend Beweise für die Reinkarnation zusammengetragen hat. Wenn wir uns ganz vorsichtig ausdrücken wollen, können wir sagen, dass … so viele Daten gesammelt und geprüft worden sind, dass der Wiedergeburtsgedanke … in eine Hypothese mit mittlerem oder gar hohem Wahrscheinlichkeitsgehalt verwandelt hat."
Das sieht freilich nicht jeder so: Der FOCUS online –Artikel “Paranormales vs. Wissenschaft: Leben, Sterben und Wiedergeburt” geht auf die Wissenschaftlichkeit der sog. Reinkarnationstherapie ein – abschließend bleibe nur das befreiende Lachen über die bedeutungsschwangeren Fantasiegebilde der Esoterik. Wie gesagt, Trittbrettfahrer gibt es überall und esoterische NewAge-Therapien scheinen besonders anziehend für solches Volk zu sein.
Aus den geschilderten Fällen von erfolgreich überprüften Erinnerungen an ‘frühere Leben’ vermag ich persönlich nur so viel erschließen: Geist scheint im mindesten auch eine nicht materielle Komponente zu besitzen.
 

Mein ‘Fazit’

Zurück zum Ausgangspunkt – also der Fragestellung, inwieweit unser bedingt freier Wille eine Illusion oder Selbsttäuschung ist.
Eine generelle Nichtexistenz freier Willensäußerungen lässt aus der Beurteilung von bis heute vorliegenden Forschungsergebnisse nicht folgern:
“Ob also neben den äußeren Reizen, dem aktuellen Zustand des Gehirns und vielleicht noch etwas Zufall auch noch freier Wille bei unseren Entscheidungen eine Rolle spielt, wird experimentell in absehbarer Zukunft nicht bestimmt werden können”. (Zufall ist kein freier Wille, Joachim Schulz)
Nur ist es meines Erachtens ist es weniger erheblich, dass wir in unseren Handlungen, Verhaltensweisen und Entscheidungen nicht ‘absolut frei’ sind. Entscheidend ist wohl eher, inwieweit wir den inneren und äußeren Bestimmungsfaktoren hilflos2) ausgeliefert sind. Falls dies zuträfe, wäre jede Form von philosophischer Ethik und Moraltheologie verschwendete Zeit.
Auch unsere
Rechtsprechung könnten wir dann größtenteils in die Tonne kippen, denn diese setzt Willens- oder wenigstens Handlungsfreiheit voraus.
Offensichtlich können wir die Frage nach jener Hilflosigkeit recht selbst-bewusst verneinen. Schließlich haben wir die Chance und Gelegenheit, uns ‘eines Besseren zu besinnen’, indem wir aus vergangenen Resultaten und Erfahrungen die richtigen Konsequenzen ziehen und diese lernend auf künftige Entscheidungssituationen anwenden.
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Siehe auch

Anmerkungen

1) Moto(r)cortex oder auch motorische Rinde ist ein abgrenzbarer Bereich der Großhirnrinde (Neocortex) und das funktionelle System, von dem aus willkürliche Bewegungen gesteuert und aus einfachen Bewegungsmustern komplexe Abfolgen zusammengestellt werden. Er bildet die übergeordnete Steuereinheit des Pyramidalen Systems… (vgl. Wikipedia)
2) ohne eigenes Verschulden: wer sich zudröhnt und in diesem selbst herbeigeführten Zustand andere schädigt, hat die Konsequenzen dafür zu tragen

Samstag, 10. März 2012

Epigenetik: “Der Geist ist stärker als die Gene” (Bruce Lipton)

Bedeutung der Epigenetik

Die Epigenetik, ein Spezialgebiet der Biologie, befasst sich mit Zelleigenschaften, die zwar auf Tochterzellen vererbt werden, aber nicht in der DNA-Sequenz (= dem Genotyp, d.h. der individuelle genetische Bauplan eines Lebewesens) festgelegt sind. Epigenetiker gehen heute davon aus, dass durch bestimmte Veränderungen an den Chromosomen die Aktivität von Abschnitten oder sogar ganzen Chromosomen in ihrer Aktivität beeinflusst werden (epigenetische Prägung). Die DNA-Sequenz wird dabei jedoch nicht verändert.





Funktion epigenetischer Veränderungen (Quelle: Wikipedia)"
Erläuterung: Bei der Vererbung durch sexuelle Vermehrung von jedem Chromosom beider Eltern jeweils das halbe Genom weitergegeben. Die Hälften fügen sich bei der Befruchtung zu einem ganzen Genom zusammen. Bei der Zellteilung wird das Genom erst verdoppelt und dann jeweils ein ganzes Genom auf die Tochterzellen übertragen. Epigenetische Fixierung bewirkt, dass Entwicklung funktioneller Zellen nur in Richtung der reifen Zelle hin funktioniert, der Reifungsprozess ist normalerweise nicht umkehrbar.
 

Zum Vortrag von Lipton

Der Mensch als Gefangener seines genetischen Erbguts? Der Zellbiologe Bruce Lipton will diese Lehrmeinung widerlegt haben. Mit anschaulichen Modell-Bildern vermittelt er die neue, seines Erachtens unwiderlegbaren Erkenntnisse auf diesem Fachgebiet: Danach wirkt unser Denken und Fühlen in jede Zelle hinein und bestimmt so wesentliche Aspekte unseres Lebens.
Die Wahrnehmung der uns umgebenden Umwelt ist es, die unsere Gene kontrolliert.
Darin könnte man einen weiteren Beleg dafür sehen, dass Geist und Materie korrespondieren und einander verändern. Ein gewaltiges spirituelles Potenzial eröffne sich aufgrund dieser Entdeckung - die Fähigkeit, uns selbst an Körper und Seele zu heilen sowie der Schlüssel für jeden Menschen, “ein Leben voller Gesundheit, Glück und Liebe zu erschaffen!"
Nach einer kurzen Einführung in den genetischen Determinismus (die aus der DNS gebildeten Gene bestimmen unsere Physiologie und sind auch für viele Krankheiten verantwortlich) erfahren wir, dass iatrogene (durch die Behandlung von Ärzten verursachte) Erkrankungen in den USA die häufigste Todesursache sind.

Lipton erläutert den Begriff des 'Feldes' in der Physik - als einzige bestimmende Kraft der Materie (und damit auch den Körper des Menschen). 

"Wir sind nichts andere als interagierende Wellen - und Wellen werden durch das Feld geformt". 
Jede Zelle hat einen inneren (positiven) und einen äußeren (negativen) Spannungszustand, die Spannung in jeder Zelle beträgt 1,4 Volt. Aus der Summe von 50 Billionen Zellen errechnet Lipton eine Spannung von über 700 Billionen Volt. 'Jede Zelle ist eine Batterie' (Matrix lässt grüßen) Diese Energie namens Chi könne fokussiert und zur Heilung verwendet werden!

Der Nucleus (Zellkern) steuert eine Zelle nicht, er ist allein für die Reproduktion der Zelle zuständig. Zudem enthalte der menschliche Körper 150.000 Proteine - somit könne die Annahme, ein Protein werde (allein) durch ein Gen produziert, nicht zutreffen - denn wir haben nur 23.000 Gene. Wie die Stammzellenforschung zeigt, ist nicht das Genom, sondern das jeweilige Umfeld für die Differenzierung der Zelle verantwortlich sind - was einleuchtend ist, denn jede Zelle hat dieselben Gene.

Bring eine Körperzelle in ein gesundes Umfeld und sie wird gesund werden. Bring eine Körperzelle in eine krankes Umfeld und sie wird krank werden.”
Epigenetik ist also ein Bereich der Biologie, welcher aufzeigt, wie die Natur das Verhalten von Zellen ändert - ohne deren genetischen Code zu ändern.


150.000 Proteine

… bestimmen die Funktionsweise der Zelle und damit die Funktion des Organismus. Sie bestehen aus unterschiedlichen Anordnungen der 20 Aminosäuren, die sich zu sog. Peptidverbindungen zusammenfügen. Diese Peptide können durch unterschiedliche Anordnungen die Proteine bilden. => Jedes Protein besteht aus einer einzigartigen Anordnung von Aminosäuren. Bewegungen bzw. Prozesse dieser Proteine bilden die Lebensfunktionen des Organismus, Lipton spricht von Pfaden: Die DNS bestimmt nicht aus sich selbst heraus, was sie tut, sondern wird von Regulatorproteinen gesteuert, welche sich wiederum nach Signalen aus der Umwelt richten. Die Steuerung, Aktivierung und Deaktivierung von Proteinen erfolgt durch Umwelteinflüsse, d.h. Signale: chemische Substanzen, Hormone ,Drogen, Strahlen, aber auch Schwingungen.
Diese Signale verursachen Verhalten von Proteinmolekülen, und damit das Leben. In der Medizin kann ein solches Signal nur aus Materie bestehen, also aus chemischen Botenstoffen etc. Die Quantenmechanik weist aber nach, dass auch Energie (z.B. Licht) die Bewegung und Faltung von Proteinen auslösen (konstruktive Interferenz) und stoppen (destruktive Interferenz) kann.
Die Energie, welche das Verhalten von Proteinen steuert,ist eine Lebenskraft.
Es gibt folglich 2 Ursachen von Krankheiten: Geburtsfehler (defekte Proteine) und die Energie, welche die Proteine steuert - Traumata, Toxine und ein 'schlechter' Geist.
"Wenn Ihr Euren Geist verändern könnt, dann könnt Ihr die Biologie verändern. Der Geist ist die Hauptursache für Erkrankungen heute."
Die Gene sind statische Baupläne für Proteine - sie können daher nicht ein- oder ausgeschaltet werden. Die Frage ist, ob dieser Bauplan gelesen wird oder nicht. Je nachdem, wie wir unsere Umwelt interpretieren und wahrnehmen, werden unsere Gene anders abgelesen. Somit kontrollieren nicht die Gene unsere Biologie, sondern unsere Wahrnehmung. Die Wahrnehmung erfolgt auf zwei unterschiedlichen Wegen:

  • 'Alle Rezeptoren befinden sich in unserer Haut', welche die Umweltsignale wahrnimmt. Die Haut fungiert in diesem Sinne als Steuerungszentrale; sie bestimmt ob ein Signal die Proteine erreicht und somit beeinflussen kann.
  • Eine andere Form der Wahrnehmung ist unser Bewusstsein: Wie wir die Welt sehen, das steuert unsere Biologie - die Wahrnehmung steuert das Verhalten der Proteine.
 

Epigenetische Kontrolle

…besagt also, dass wir kontrollieren mit unserem Geist – teils bewusst, teils unbewusst – steuern, wie unsere Körperzellen funktionieren und wie unsere Gene abgelesen werden. Selbst Gendefekte infolge von Mutationen könne die epigenetische Kontrolle kompensieren.
Überzeugung basiert auf subjektiver Wahrnehmung – sie kann je nach Bewertungssystem richtig oder falsch sein.
  • Der bekannte, positive Placebo-Effekt ist eine Erscheinungsform der epigenetischen Kontrolle. Positives Denken kann Heilung bedeuten - in diesem Sinne greift aber auch der gegenteilige Nocebo-Effekt: negativer Glaube kann zum Tode führen. "Wenn Ihr nach der Krankheit sucht, dann könnt Ihr diese Krankheit durch epigenetische Kontrolle erschaffen."

  • Stress ist einer der wichtigsten Gründe für Erkrankungen:
    Sobald der Geist in seiner Umwelt etwas Bedrohliches wahrnimmt, versetzt der unsere Zellen durch Botenstoffe in einen Schutzmodus, der weiteres Zellwachstum unterbindet bzw. verringert. Resultierend entstehen weniger neue Zellen als Zellen absterben, solange dieser Zustand aufrechterhalten wird.
    Zudem schalten Stresshormone das Immunsystem ab. Dennoch reicht allein die Abwesenheit von Stress noch nicht aus, um Wohlergehen und körperliche wie seelische Gesundheit zu bewirken - vielmehr sei Liebe das größte Wachstumssignal überhaupt.

  • In der Schwangerschaft bestimmt die Umwelt(wahrnehmung) der Mutter auch die Umgebung des Fötus, denn Stresshormone wie auch Glücksempfindungen gehen über die Plazenta auf den Fötus über. Dieser Einfluss wirke sogar über 2 Generationen. Das Baby kann in diesem Sinne schon vor der Geburt lernen, es übernimmt Überzeugungen und Reaktionsmechanismen der Mutter – genau diesem Mechanismus erkennt Bruce Lipton als Hauptursache der rasant zunehmenden Zivilisationserkrankungen.
  • Spiritualität: Das Unterbewusstsein kann 40 Millionen Bits pro Sekunde verarbeiten, ist aber stark gewohnheitsorientiert. Das Bewusstsein dagegen kann kreativ wirken. Wer das Bewusstsein nicht beachtet, lässt zu, dass sein Leben vom programmatischen Unterbewusstsein gesteuert wird. Zellen haben eine Identität, welche durch sog. Identitätsrezeptoren an der äußeren Zellmembran bestimmt wird, die man sich im Sinne einer Sonnenbrille (= selektive Wahrnehmung) vorstellen kann. Diese Identität kommt also von Außen, besteht also nach dem Tod der Zelle fort; das was uns ausmacht (nicht unsere Biomasse, sondern unsere Identität) ist unsterblich.
Möglichkeiten zur positiven Beeinflussung unserer epi-energetischen Kontrolle bzw. Wahrnehmung: Positives Denken kann einen gewissen Einfluss auf das Unterbewusstsein ausüben, aber die Dominanz des Unterbewusstseins ist geradezu übermächtig. Dagegen ist der Einfluss positiver Empfindungen größer, weil sie dem Bewusstsein einen größeren Einfluss verleihen.
Unsere Gedanken und Empfindungen in Bezug auf andere Personen sind nicht nur in uns, sie wirken sich zudem auf die Person aus, die in unserem Denken und Fühlen fokussiert ist. Sind dies positive Empfindungen, wird diese Person unsere Nähe suchen - negative Empfindungen und Gedanken bewirken das Gegenteil.
Lipton will also aufzeigen, dass der Mensch mit seinen Gedanken auf Materie wirkt und dass menschliche Emotionen Resultate erzielen können, die die konventionellen Gesetze der Physik aufheben.

Klingt beinahe einfach, doch scheint mir diese epigenetische Kreislauf der Beeinflussung ähnlich schwer zu durchbrechen wie das Karmaprinzip der Reinkarnationslehren. Immerhin können wir uns den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Gedanken und seelischem wie körperlichem Wohlbefinden bewusst vor Augen führen – Selbsterkenntnis als erster Schritt zur Veräderung:
"Wenn wir unsere Überzeugungen verändern, verändern wir unsere Realität."
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Vortrag von Bruce Lipton zur Epigenetik (ca. 150 min): 

'Der Geist ist stärker als die Gene'


Donnerstag, 1. März 2012

Vollkommenes Glück – auf Dauer eine Illusion?

Es ist schon lange her, sehr lange sogar … doch ich erinnere mich gut ein einen Zustand absoluten, vollkommenen Glücks, einhergehend mit einer vollständigen Unbeschwertheit. In seiner uneingeschränkten Form habe ich diesen Zustand allerdings zuletzt in meiner Kindheit empfunden – und selbst damals handelte es sich kaum um eine stabile, dauerhafte Empfindung.

Eigentlich merkwürdig, denn Glückseligkeit ist etwas, wonach wir alle streben, auch wenn die individuellen Voraussetzungen dafür keineswegs gleich sind. Fragen wie ‘Wie kann ich glücklich werden?’ oder ‘Ist dauerhaftes Glück möglich?’ zeigen ein zentrales Bedürfnis (fast) aller Menschen auf.

Offensichtlich stehen wir uns selbst im Weg, was unser Glücksgefühle anbetrifft; unter anderem halten konkrete wie unbestimmte Zukunftsängste uns davon ab, rundum glücklich zu sein.

(Selbst wenn im eigenen Leben und im persönlichen Umfeld alles zum besten steht bzw. stünde, reicht mir persönlich ein kurzer Blick auf die vermutete Zukunft der Menschheit, um jedes aufkeimende Glücksgefühl auf einen sehr kurzen Zeitraum zu reduzieren:

Die Autorin Martina André zeichnet dieses Bild der Zukunft, das zwar fiktional ist, aus heutiger Sicht aber mit einiger Wahrscheinlichkeit real werden dürfte:’ Politische Ohnmacht sowie soziale Gegensätze münden in einen kollektiven Fatalismus, während  sämtliche Entscheidungen egoistischen Wirtschaftsmagnaten vorbehalten bleiben, die den Planeten ausbluten ließen und die Menschen nach Möglichkeit zu roboterhaften Arbeitssklaven degradieren, die sich mit platter Bedürfnisbefriedigung ruhig stellen lässt… Die verbliebene Erdbevölkerung ist kaum noch in der Lage, sich Manipulationen und lückenloser Überwachung zu zu entziehen… )

Manche haben die Suche nach dem glück in ihrem gegenwärtigen Leben beinahe aufgegeben und sich statt dessen auf das Glück im Jenseits versteift, getreu dem Motto ‘Im nächsten Leben wird alles anders’. Ob sie damit richtig leben, werden sie in einer fernen Zukunft vielleicht wissen. Auch wenn eine großer Teil aller Menschen glaubt, dass es dass es eine Welt hinter der Welt gibt, wird versucht, bereits in der Gegenwart oder wenigstens in einer diesseitigen Zukunft so glücklich wie möglich zu werden.

Wir stehen uns dabei allerdings ständig selbst im Weg, ohne uns über die Ursachen und tieferen Zusammenhänge im Klaren zu sein. Psychologen versuchen, die Gesetze des menschlichen Glücksempfindens zu durchschauen.

Des eigenen Glückes Schmied?

Dieses journalistische Mantra der Boulevardpresse scheint auch für die psychologische Erforschung der Gefühle zu gelten – zumindest könnte dieser Eindruck beim Durchblättern einschlägiger Lehrbücher und Fachzeitschriften entstehen.

Traumata, Stress, Angst und Depression werden unermüdlich erforscht, während angenehme Gefühle wie Glück und Freude eher ein Schattendasein in der Psychologie führen.
Erst in den letzten Jahren hat die so genannte positive Psychologie oder Wohlbefindens-Forschung  an Bedeutung gewonnen. Sie will ergründen, wozu angenehme Gefühle wie Glück, Zufriedenheit, Hoffnung usw. existieren wie sie entstehen.

Das bisher wichtigste Resultat dieser Forschungen der positiven Psychologie: Glücksgefühle halten nicht dauerhaft an, aber wir können etwas dazu beitragen, dass sie immer wieder neu auftreten. Diese Erkenntnis scheint sich jedoch noch nicht herumgesprochen zu haben. Mehrere  Umfragen haben ergeben, dass die meisten Menschen nämlich nicht davon ausgehen, ihr eigenes Glück wesentlich selbst gestalten zu können.

Glücksgefühle könnten kaum gezielt hervorgerufen werden und seien in erster Linie ein flüchtiges Geschenk des Schicksals oder ein günstiger Zufall –so der Tenor der Befragten. Damit tritt ein entscheidender Unterschied etwa zur Einschätzung der eigenen Lebensqualität zu Tage, die als recht gut steuerbar gilt. Tatsächlich scheinen Glückszustände oft ohne bewusste Anstrengung zu kommen und zu gehen.”

Infolge dieser Erfahrung unterschätzten viele, wie wichtig Glücksempfindungen für das Überleben und die erfolgreiche Auseinandersetzung mit der Umwelt sein können. Emotion entstehe meist aufgrund äußerer Veränderungen und solle dem Organismus helfen, sich besser an eine bestimmte Situation anzupassen und auf sie zu reagieren – so die bisherige Lehrmeinung.
Allerdings reagieren wir Menschen emotional stärker auf ungünstige Änderungen als auf Positives, reagieren, deshalb stehen vor allem negative Gefühle wie Angst oder Ärger im Vordergrund. Schließlich entsteht Handlungsbedarf insbesondere dann, wenn sich die Lebensbedingungen verschlechtern.

Um so mehr benötigen wir auch nur positive Emotionen, um im Leben zurechtzukommen.
Neuere Emotionstheorien weisen zum Beispiel Freude und Heiterkeit wichtige Funktionen zu, sie besänftigen und beruhigen uns und ermöglichen so eine innere Balance und Ausgleich.
Die Biologie unterstützt diese These Annahme: Positive Emotionen und Glücksgefühle versetzen das vegetative Nervensystem, welches unbewusste Vorgänge wie Atmung, Verdauung oder Sexualfunktionen reguliert – kaum in Aufruhr, sondern veranlassen den Organismus zu einem ‘Energiesparmodus’.
Im Gegenzug verursachen anhaltende, einseitig negative Gefühle eine Art Dauerstress; sie reiben sie uns auf und schaden dem Organismus. Darin liege auch der tiefere Sinn von Feiern nach Beerdigungen – sie helfen den Trauernden, wieder in einen emotionalen Normalzustand zurück zu gelangen.

Positive Emotionen halten uns seelisch stabil und beugen damit auch psychischen Störungen vor. Das Konzept der ‘Salutogenese des israelischen Psychosomatikers Aaron Antonovsky fordert, eine Therapie solle primär das Gesunde in einem Patienten stärken sollte, anstatt nur die Krankheit zu bekämpfen.
Übertragen auf psychische Erkrankungen bedeutet dies, insbesondere die positiven Gefühle von Patienten zu fördern, anstatt nur negative oder krankhafte Empfindungen und Verhaltensäußerungen zu unterdrücken.

Wohlbefinden etwa bei Mahlzeiten, sexuellen Verhalten usw. stellen ein internes Belohnungssystem dar, welches dafür sorgt dafür, dass wir diese für unser Überleben und das unserer Spezies notwendigen Verhaltensweisen nicht vernachlässigen. Wir tun also uns (und damit auch anderen in unserer Nähe) Gutes, indem wir uns dieses Wohlbefinden in geeigneter Weise verschaffen.

Vielleicht schütze Glück (und die Erinnerung an positive Emotionen) sogar davor, Trägheits- und Unlustgefühlen auf Dauer nachzugeben:
Aus unseren früheren Erfahrungen wissen wir um die belohnenden Glücksempfindungen, die uns dann zuteil werden, wir uns aber dennoch anstrengen, höhere Ziele zu erreichen und weitere Erfahrungen zu sammeln und dabei Erfolg haben.

“Die Hoffnung auf emotionale Höhenflüge dürfte wohl zu der typisch menschlichen Eigenschaft beitragen, nie mit dem Erreichten zufrieden zu sein, sondern immer wieder zu versuchen, die persönliche Situation zu verbessern und sich weiterzuentwickeln.”

Auch unser Sozialverhalten profitiert offenbar von positiven Gefühlsregungen, denn andere Menschen sehen einem Glücklichen seine Empfindungen an und finden ihn dadurch unbewusst meist attraktiver. Eine positive Spirale, wenn auch nicht endlos: Persönliches Glück fördert Bekanntschaften und Kontakte, aber auch neue Partnerschaften:

Wie viele Liebesbeziehungen begannen mit einem Lächeln!

Entscheidend ist zunächst, dass Freude und andere positive Gefühle auch sogar die Gesundheit günstig beeinflussen – dies ist inzwischen erwiesen:  Lachen und gute Laune stärken das menschliche Immunsystems sowie den allgemeinen Gesundheitszustand und sie können sogar den Heilungsvorgang bei Krankheiten fördern.

So lässt sich zumindest im Ansatz verstehen, weshalb Menschen (und m.E. auch andere Säugetiere) im Laufe ihrer Evolution Glücksgefühle entwickelt haben  – das reicht aber noch lange nicht, um den Charakter dieser Emotion zu begreifen.

Wir wissen nicht genau, ob es verschiedene Arten von Glücksgefühlen gibt oder wovon genau ein vollständiges Wohlbefinden abhängt. Weshalb sind sind manche Menschen offenbar grundsätzlich glücklicher als andere?

Deutlich bewusst ist nur: entweder ist dieses Belohnungs- und Glückssystem ausgesprochen instabil – oder die Mehrzahl der Menschen hat sich ein Verhalten angeeignet, welches kaum mehr Anlass zur Selbstbelohnung bietet. Jedenfalls sehe ich an einem normalen Tag nicht viele Menschen, die mir den Eindruck vermitteln, mit ihrem Leben glücklich zu sein. Abwesenheit von Glück bedeutet jedoch nicht zwangsläufig das genaue Gegenteil, also Unglück. Weit häufiger sind wohl die Grautöne…

Immerhin eine Frage können Psychologen eindeutig mit Nein beantworten: Glück ist nicht einfach ein anderes Wort für Freude:

”Freude gehört zu den so genannten Primär-oder Basis-Emotionen des Menschen, Glück besteht dagegen aus einem Gefühlsgemisch. Daher sind Glücksgefühle auch keineswegs immer ein ungetrübtes Erlebnis.
Zwar ist Glücksempfinden in der Regel mit angenehmen Gefühlen verbunden, dennoch kann auch unter Schmerzen Glück entstehen, so bei Frauen direkt nach der Geburt. Sogar bei seelischem
Schmerz sind flüchtige Glücksgefühle möglich, etwa wenn Menschen in einer Konfliktsituation – wie einer ausweglos erscheinenden Ehekrise – einen neuen Weg einschlagen. Andererseits ist es auch möglich, bei einem an sich freudigen Anlass todunglücklich zu werden, etwa wenn es gilt, nach der Hochzeit das Elternhaus zu verlassen.”

 

Ursachen des Glücklichseins

In ihrem bereits mehrfach zitierten Artikel “Auf der Jagd nach dem Glück” beschreiben Uwe Hartmann, Udo Schneider und Hinderk M. Emrich ferner, dass Glücksgefühle in sehr unterschiedlichem Gewand auftreten können.
Von daher lässt sich auch die Frage, ob Geld und Wohlstand glücklich machen, nicht eindeutig für eine Vielzahl von Menschen gleichermaßen beantworten. Im Allgemeinen gilt hier, dass eine
günstige finanzielle Situation meist auch mit einem gewissen subjektiven Wohlbefinden einhergeht. Unter ‘wirklichem Glück’ verstehen die meisten Menschen aber etwas anderes; nicht wenige erinnern sich in Zeiten späten Wohlstands mit Wehmut an die glücklichen Zeiten ihrer Jugendjahre (wobei nicht vergessen werden sollte, dass die 'Erinnerung ‘Fallen stellt’ und lang Vergangenes verklärt).

Kaum jemand würde ernsthaft behaupten, dass Menschen in ärmeren Ländern grundsätzlich unglücklicher sind als die Einwohner reicher Nationen – vorausgesetzt, sie haben ein erträgliches Auskommen, sodass ihre Grundbedürfnisse befriedigt sind. An materiellen Wohlstand gewöhnt man sich leicht, die Ansprüche wachsen – selbst wenn sie wieder und wieder erfüllt werden können, ist dies selten gleichbedeutend mit vollkommenem Glück.

Als Bestimmungsfaktoren des Glücklichseins gelten so unterschiedliche Zielvorstellungen wie beispielsweise:

  • materieller Wohlstand und gesellschaftlicher Status
  • stabile soziale Beziehungen und feste Partnerschaft
  • Religiosität oder Übernehmen von Weltanschauungen

Zudem steigern manche Menschen ihr Glücksempfinden durch das ‘Hinauszögern’; andere bevorzugen einen schnellen, vollständigen Genuss, gleich in welcher Hinsicht. Dass es bis heute kaum möglich war, das Zustandekommen und die Beständigkeit von Glück wissenschaftlich zu analysieren, hat einen Grund:

“Ursache und Wirkung lassen unmöglich voneinander unterscheiden.”

Immerhin besitzen verschiedene Formen des Glückserlebens auch gemeinsame Eigenschaften. So sollen glückliche Menschen beispielsweise besonders empfänglich für Gefühle und sich für Eindrücke aus der Umgebung öffnen. Dadurch werde die Grenze zwischen dem eigenen Selbst und der Außenwelt etwas durchlässiger…

“Empfindungen der Nähe oder gar Einheit mit der Umwelt treten auf. Diese geistige Verbindung mit der Welt kann sinnlich oder auch erotisch getönt sein – Sexualität und Erotik versprechen ja gerade besondere Glückserfahrungen.”

Hmm…ich weiß nicht recht, die diese Eigenschaften glücklicher Menschen besitzen meines Erachtens eher ambivalenten Charakter: Wer sich seiner Umwelt und seinen Mitmenschen mehr öffnet und dadurch mehr von sich preisgibt als andere, wird dadurch auch verletzlicher. Dennoch leuchtet ein, dass ohne diese Offenheit nur schwer Glücksempfinden aus zwischenmenschlicher Begegnung zu gewinnen ist…

Dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, möglichst intensive Glücksgefühle zu erreichen, halte ich ebenfalls für naheliegend. Glückliche Menschen sind jene, die sich die meiste Zeit in ihrer Haut wohl fühlen und nur selten unter unangenehmen Empfindungen leiden. Eher unglücklich ist, wer ständig nach höchster Ekstase sucht – persönliches Glück hängt also auch von der eigenen Erwartungshaltung ab.
Diese emotionale Grundeinstellung lasse sich jedoch kaum willentlich beeinflussen, denn sie sei tief ist sie in der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur eingegraben.

Daraus folgt dann aber auch, dass wir zwar einiges für unser Glück tun können, aber nicht dessen Herr sind.

Die neurologischen und physiologischen Mechanismen, körpereigene Botenstoffe und viele sonstige Einflussfaktoren werden im o.a. Artikel eingehend erörtert, auch kann zumindest nicht ausgeschlossen werden, dass die ‘Fähigkeit zum Glücklichsein’ auch in unseren Genen begründet ist.
Auch die spirituelle Suche als potenziell ganz wesentlicher Bestandteil persönlichen Glücks wird eingehend betrachtet. Wer für sich eine persönliche Antwort auf die Frage nach Gott und der Unendlichkeit des Lebens gefunden hat, lebt meist angstfreier und nicht selten auch glücklicher.

Entscheidend bei der Fahndung nach allgemeinen Merkmalen von Glück scheint mir jedoch eine Erkenntnis zu sein:

Tiefe, befriedigende Glücksgefühle entstehen, wenn Menschen sich konzentriert und erfolgreich mit einer anspruchsvollen Aufgabe beschäftigen.

Der ungarisch-amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi prägte für diesen Zustand den Begriff ‘Flow’ oder optimale Erfahrung: Wenn wir sehr in eine anspruchsvolle Tätigkeit vertieft sind, absorbiert sie uns völlig und wir vergessen uns selbst und die Welt um uns herum. Dies sei vor allem bei kreativer Arbeit der Fall – etwa beim Schreiben eines Romans, beim Malen eines
Bildes, aber auch beim Spielen. Wir gehen förmlich in einer solchen Tätigkeit auf.

Ein glücklicher Mensch ist demnach, wem es gelingt sich einer Lebensaufgabe oder Berufung dauerhaft zu widmen, durch die er diesen Zustand möglichst häufig und intensiv erreicht. Wer dazu noch mit einen geliebten Partner durchs Leben geht, einigermaßen gesund ist, ‘hat wirklich Glück’.

Wer Glück will muss erwerben, was ihm kein Schicksalsschlag entreißen kann.
- Aurelius Augustinus-

Wir sind auf Erden um das Glück zu suchen, nicht um es zu finden.
- Sidonie-Gabrielle Colette -