Montag, 13. Februar 2012

Pantheistischer Idealismus (II)

Dieser Beitrag setzt Gedanken über das Buch 'Gottes geheime Gedanken' von Volker Becker fort. Zum Einstieg sei auch das Interview mit dem Autor empfohlen.

Determinismus und Chaos

Determinismus bezeichnet die Auffassung, dass zukünftige Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind während der Indeterminismus davon ausgeht, dass Ereignisse möglich sind, die auch hätten anders eintreten können.
Üblicherweise wird „Determinismus“ auf Naturereignisse bezogen - gestützt auf die Annahme, dass strikte Naturgesetze über sämtliche natürlichen Prozesse regieren. Schon in der Physik wird kontrovers diskutiert, ob die Unmöglichkeit exakter Vorhersage (Berechnung) zukünftiger Ereignisse nur aus einem Mängel in unseren Theorien (oder Sichtweisen) resultiert - oder dadurch zu erklären ist, dass die Wirklichkeit selbst nicht deterministisch ist. Erst recht umstritten ist Determinismus in Bezug auf geistige Zustände und Vorgänge: wenn diese ebenfalls natürliche Zustände (und somit auch determiniert) sind, scheint ein Konflikt mit dem Postulat eines freien Willens zu bestehen. Ob dieser Gegensatz besteht, ist ebenso umstritten wie die jeweiligen Konsequenzen...

Das Chaos ist ein (scheinbarer) Zustand vollständiger Unordnung oder Verwirrung. Die Chaosforschung (Komplexitätstheorie) untersucht Ordnungen in dynamischen Systemen, deren Dynamik unter bestimmten Bedingungen empfindlich von den Anfangsbedingungen abhängt, sodass ihr Verhalten nicht langfristig vorhersagbar ist (oder scheint). Becker zeigt in seinem Buch allerdings, dass auch chaotische Systeme (und solche, deren Komplexität wir noch nicht erfasst haben und sie daher als chaotisch bezeichnen) ebenfalls der Kausalität unterliegen.

In diesem Kontext fällt der Begriff des Deterministischen Chaos - ein irregulär erscheinendes chaotisches Verhalten, welches jedoch den Regeln einer deterministischen Dynamik folgt. Das Systemverhalten kann nicht  reproduziert werden, weil eine Nicht-Reproduzierbarkeit der (exakten) Ausgangsbedingungen besteht... 
Vielleicht habe Gott eine in sich gegensätzliche Welt - Determinismus und Chaos - gewollt. Er kenne die Parameter der deterministisch regierten Welt, denn alles sei vorhersehbar und aufgrund festgelegter Anfangsbedingungen berechenbar. Göttliche Eingriffe würden sofort auffallen, wenn sie den Naturgesetzen widersprechen.
Übrigens gehen auch etliche Theologen davon aus, Gott habe sich selbst den von ihm geschaffenen Gesetzen unterworfen und insoweit seine eigene Handlungsfreiheit beschränkt! Darin eine Beschränkung der Allmacht Gottes zu sehen, halte ich für einen Fehler.
Nach vielen religiösen Vorstellungen bilden Wunder eine örtlich und in ihrer Auswirkung begrenzte Abweichung von den Natur, durch die Gott sein Wirken demonstriere. Wenn Gott allerdings unvorhersehbare, chaotische Systeme erschafft, deren Verläufe und Ausgang auch ihm unbekannt sind, dann lässt er dem 'freien Willen' weitaus mehr Raum und hat jederzeit die Möglichkeit der Intervention, ohne das Ganze der Inkonsequenz zu opfern. Minimale Eingriffe/Veränderungen seinerseits blieben von uns unbemerkt und hätten dennoch große Auswirkung.

Ist die Unterscheidung zwischen chaotischen und deterministischen System nicht eher ein Ausdruck unserer unvollkommenen Erkenntnisgewinnung? Nicht-Reproduzierbarkeit und Unvorhersehbarkeit beweisen m.E. lediglich, dass der Mensch die Komplexität vieler Systeme weder insgesamt beschreiben noch verstehen kann. Dass alle Dynamik, alle einander bedingenden Vorgänge und Konsequenzen ohne Ausnahme dem Gesetz der Kausalität unterliegen, ist m.W. eine Tatsache. Mir fallen da nur zwei Ausnahmen ein: der Urknall - und auch nur dann, wenn sich die These einer zyklischen Abfolge von Universen als unzutreffend erweisen sollte - und Gott, wenn man von der Existenz eines Schöpfergeistes ausgeht, der einst  auch die Kausalität geschaffen hat.

Übrigens spricht Becker hier von "Gott als letzter Ursache". in der Quantenphysik besitzen subnukleare Teilchen keine unabhängige Realität, bevor sie nicht durch einen Bewussten Beobachter (Messung) an einem bestimmten ort zu einer bestimmten Zeit in die Realität gehoben werden. So gesehen könnte Gottes Geist durch Beobachtung dem menschlichen Geist Realität verleihen...damit wäre Gottes Geist tatsächlich die letzte Ursache. Becker stellt hier einen Bezug zwischen Wissenschaft und östlicher Philosophie (→ Taoismus) her - wenn ich seine Ausführungen richtig verstehe, lassen sich antagonistische (gegensätzliche) Teilaspekte des Seins bzw. des einzelnen Lebens auf einer höheren Ebene zu einem neutralen Ganzen verbinden, sie bilden als Gesamtheit einem harmonischen Zustand.
Besteht hier eine Parallele zu dem Merkmal der Dualität, dem wir in jedem Lebensbereich begegnen? Hans Dienstknecht beschreibt in seinen Büchern (z.B. "Alles endet im Licht), dass in unserer materiellen Welt das Licht(wie auch die Liebe) erst durch Gegenüberstellung des Antagonisten, etwa der Finsternis, in seiner Besonderheit wahrnehmbar werde.
Quantenphysik und holistisches Weltbild
Eine Kernthematik der östlichen Philosophien ist die Auffassung, das 'alles mit allem verbunden ist'. Die westliche Herangehensweise der Physik sei reduktionistisch, d.h. sie zerlege das ein beobachtetes System immer weiter in seine Einzelteile bzw. -aspekte, bis sich diese Fragmente erfassen und halbwegs genau bechreiben und vermessen lassen. Dieses Vorgehen verleitet allerdings dazu, den Blick für das Ganze zu verlieren und sich einzubilden, das Wesen von 'Allem was ist' allein aus den Eigenschaften einiger winziger Fragmente zu verstehen.


"Da Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile."

...leuchtet ein, allein wenn wir an unseren eigenen Körper eigen. Mit Bezug auf die implizite Ordnung des Quantenphysikers David Bohm beschreibt Becker ein holistisches (vereindacht: ganzheitliches) Weltbild, in dem die Realität nicht in einzelne Bausteine teilbar ist, sondern als bruchloses Ganzes aufgefasst wird. Wie Bohm kritisiert er die reduktionistische Aufsplittung der Welt in Einzelteile - Versuche auf der Ebene der Quanten zeigten, dass alle Teilchen zumindest auf dieser Skalierungsebene ein und dasselbe sind.


"Es gibt keine zwei Teilchen, die miteinander in Wechselwirkung treten."

Alles Sein gehe vielmehr aus einer holistischen Gesamtheit hervor. Das unabhängige Sein sei lediglich eine Illusion in unserer begrenzten Wahrnehmung. Auch wenn diese Ganzheit von Allem schwer borstellbar ist, werden durch diese Sichtweise mehrere Probleme aufgelöst, welche die Quantenphysik aufwirft:
  • Offensichtlich kann der Beobachter nicht als getrennt oder unabhängig vom Gegenstand seiner Beobachtung angesehen werden. Im Gegenteil - beider interagieren und beinflussen einander, sind demnach auf einer höheren Ebene miteinander verbunden.
  • Die quantenmechanischen Verschränkung (jene 'kommunikative Verknüpfung' zwischen subatomaren Teilchen, die auch noch über Billionen Kilometer in Echtzeit wirksam sei) von zwei Teilchen würde erfordern, dass diese in Überlichtgeschwindigkeit miteinander kommunizieren - was nach Einstein aber nicht möglich ist. Werden die Teilchen aber als untrennbare Einheit angesehen, besteht keine Notwendigkeit mehr zur 'unwahrscheinlich schnellen' Informationsübertragung. "...Quantenteilchen können so miteinander vermischt und verbandelt werden, dass sie in mancher Hinsicht zu einem System werden. In diesem "verschränkten" Zustand lebt sozusagen eine einzige Teilchenseele in zwei Teilchenkörpern. Bemerkbar macht sich diese Verschmelzung in Experimenten, bei denen zwei verschränkte Teilchen in unterschiedliche Richtungen geschossen werden und in vielen Kilometern Abstand auf getrennte Messapparaturen stoßen. Sobald das eine Teilchen gemessen wird, nimmt nicht nur es selbst einen exakten Zustand ein, sondern auch sein verschränktes Gegenstück. Sofort. Egal, wie weit die beiden voneinander entfernt sind." (aus "Wie real ist die Wirklichkeit?", physikclub.de)
Soweit mir bekannt, wurden die quantenmechanischen Effekte auf subatomarer Ebene nachgewiesen und bislang maximal für Moleküle nachgewisen, die sich aus bis zu 64 Atomen zusammensetzen (sog. Fullerene) - nicht aber für größere, geschweige denn sichtbare Objekte. Von daher geht Becker m.E. ein Wagnis ein, wenn er von den Quanteneigenschaften auf das gesamte Universum mit all seinen Größenskalen schließt. Seine Begründung für diese Annahme: Schließlich bestehen alle Subjekte aus eben diesen winzigen Quanten. Deshalb existiere kein Ding aus sich heraus allein, nichts könne isoliert betrachtet werden, ohne die Abhängigkeit 'vom Ganzen' einzubeziehen. 

Auch wenn man nicht so weit geht, diese Ganzheit auch auf soziale Systeme und Strukturen auszudehnen, stellt diese Sicht der Dinge (bzw. des einen großen Dings) unseren 'gesunden Menschenverstand' ziemlich auf den Kopf. Becker verweist auf den Umstand, dass die in unseren Neuronen ablaufenden Vorgänge 'so klein' seien, dass quantenmechanische Implikationen nicht ignoriert werden können. Dabei müssten wir im Grunde von selbst darauf kommen, dass die Dinge nicht so sind wie sie uns erscheinen: 

Offensichtlich ist, dass wir aufgrund unserer begrenzten und dadurch selektiven (Sinnes-)Wahrnehmung eine subjektive Realität um uns herum konstruieren - ein sehr begrenzter Ausschnitt dessen, was möglich ist. "Jedes Lebewesen lebt in seiner eigenen Welt". Der indisch-amerikanische Physiker Amit Goswami betrachtet Bewusstsein als die einzige wahre Realität - die Realität eines Individuums besteht zu einem bestimmten Zeitpunkt aus der Summe dessen, ws ihm bewusst ist. Nach seiner Interpretation widerlegt die Quantentheorie den materialistischen Realismus: Trifft es zu, dass erst der beobachtende Geist ein Objekt real werden lasse, dann hat sich die Annahme erledigt, dass außerhalb von uns ein materielles Universum existiert. - "Das Bewusstsein kann den Weg eines Quantenteilchens selbst dann noch verändern, wenn wenn es diesen Weg schon gegangen ist!"


"Wenn der Materialismus die Seele abgeschafft hat, so hat Goswamis Idealismus den Leib abgeschafft."

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Viele Phänomene und Begriffe werden in Beckers Büchern aufgegriffen, aber nicht bis ins letzte Detail erläutert (was auch gar nicht möglich wäre, ohne den roten Faden zu verlieren). Zum Verständnis der quantenmenchanischen Grundlagen bietet die Abhandlang Informationen über Quantenmechanik einen ersten Überblick; von Interesse sind evtl. auch einige Angaben zum Doppelspalt-Verusch. Als verständliche und detaillierte Abhandlung zur Quantenphysik halte ich das Buch "Einsteins Schleier - Die neue Welt der Quantenphysik" von Anton Zeilinger für sehr geeignet. Als Einführung in Albert Einsteins Relativitätstheorien empfinde ich das Buch von Thomas Bührke mit dem naheliegenden Titel E=mc2 als hilfreich. 
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