Mittwoch, 4. Oktober 2017

"Weil es ums Ganze geht" - Hans Peter Dürr und seine holistische Weltsicht (2011)

"Ums Ganze" besitzt für Hans Peter Dürr eine zweifache Bedeutung: zum einen steht es für seine holistische, d.h. ganzheitliche Weltsicht. Zugleich lässt der verheerende Gesamtzustand der Welt für den Physiker keinen Zweifel daran, dass es auch ums umgangssprachliche Ganze geht.


Ausgangspunkt: "Wir erleben mehr, als wir begreifen können."

Zumindest haben wir die Fähigkeit, gegenwärtig noch Unverstandenes, Unerklärtes wahrzunehmen und auf uns einwirken zu lassen. Wir wir damit umgehen -als Individuen sowie als Zivilgesellschaft - obliegt unserer eigenen Verantwortung. Klingt zunächst wie eine Binsenweisheit - doch die resultierende Schlussfolgerung mahnt zur Bescheidenheit: Unser Bewusstsein ist derzeit noch nicht hinreichend ausgeprägt, um die naturwissenschaftlichen und 'metaphysischen' Erkenntnisse in ihrer Gesamtheit zu begreifen und eine ihr angemessene Ethik zu entwickeln, geschweige denn anzuwenden.

Daraus folgt sogleich, wie unsinnig und falsch selbstgefällige Aussagen wie "Wir haben die Welt fast/fest im Griff" sind. Gar nichts haben wir, weder fest noch fast. Bereits kleinere Sonnenstürme können eine Bedrohung für Hightech-Installationen wie Satelliten, Stromnetze und Navigationsgeräte nach sich ziehen. 
"Wenn es zu einem Supersturm käme, könnte das verheerende Auswirkungen für unser Leben auf der Erde haben", sagte Astrophysikerin Chloe Pugh von der University of Warwick (England) gegenüber der Zeitung "The Independent". (Quelle: Focus, Feb. 2018)
Ein kräftigeres Husten der Sonne würde uns rasch verglühen lassen - und zwar vollständig, solange wir es nicht schaffen, weitere Planeten zu besiedeln. ine nüchterne Tatsache - und nur eines von mehreren Phänomenen, welche die bornierte Sichtweise 'Der Mensch als Beherrscher der Natur' bestenfalls als vertäumte Momentaufnahme dastehen lässt.
"Die Welt ist nicht abhängig von unserer Interpretation."
Der Physiker Hans-Peter Dürr († 2014) macht anhand einer Vielzahl von Einzelbeispielen deutlich, wie sehr wir dazu neigen, die Natur zu analysieren (=in handliche, verstehbare Fragmente zu zerlegen) und uns mit einer Interpretation dieser Bildausschnitte zu begnügen.
Zwar versucht die Naturwissenschaft, die gewonnenen Ausschnitte wieder zu einem vollständigen Bild zu integrieren, verkennt dabei aber etwas Wesentliches: Gerade die Beschäftigung mit Lebendigem lässt offensichtlich werden: ein lebendiger Organismus ist weit mehr als die Summe seiner Teile
Dürr setzt sich hingegen für eine neue, ganzheitliche Betrachtungs- und Vorgehensweise ein, eine neue Weltsicht: 
"...das Erstaunliche dabei ist, dass sich diese revolutionären Einsichten in den vergangenen bald hundert Jahren seit ihrer theoretischen Klärung kaum auf die anderen Wissenschaften ausgewirkt und nur ganz oberflächlich Eingang in das allgemeine Denken unserer Gesellschaft gefunden haben."
Welche 'revolutionären Einsichten' sind gemeint(1)?
  • Aus der Quantenphysik (Kopenhagener Deutung) wissen wir: Die in der Natur ablaufenden Vorgänge sind nicht nicht determiniert, d.h. nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagbar. 
  • Eine Zerlegung von Materie in immer kleinere Bestandteile muss scheitern, denn Materie sei ihrerseits nicht aus Materie aufgebaut: "Am Ende allen Zerteilens von Materie bleibt etwas, das mehr dem Geistigen ähnelt – ganzheitlich, offen, lebendig."
Die reduktionistische, analytische Herangehensweise führt bei Untersuchungen der unbelebten Materie zu begrenztem Erfolg, versagt aber "noch" in der Biologie sowie der geistigen Welt, ganz zu schweigen von 'Störfaktoren' wie Ethik und Moral.

'Wissen'schaft, die schon lange zur 'Machen'schaft geworden ist 


Auch für Dürr sind "Verstehen und Handeln sind für den Menschen selbstverständlich beide wichtig". Sie ergänzen und bedingen einander. Doch jedes Machen erfordere Verantwortlichkeit derer, die Wissen ins Werk setzen: die Übernahme einer "persönlichen Bürgschaft für ursächliches Handeln".[2] Was Dürr, der den 2. Weltkrieg noch persönlich miterlebte, hier meint, wird schnell deutlich:

"Mit der Atombombe haben die Physiker ihre Unschuld verloren:...[Beim] ersten Einsatz einer Atomwaffe in einem Krieg [am 6.8.1945 über Hiroshima] wurden ungefähr 80 Prozent der bis dahin unbeschädigten Stadt zerstört und zwischen 90.000 und 200.000 Menschen sofort getötet." [2]
Zum Stolperstein wird nach Dürr die Nutzung der Wissenschaft zur manipulativen Veränderung der Natur - gegenwärtig u.a. in der Gentechnik.

"Die Natur ist jedoch so gemacht, dass alles mit allem zusammenhängt. Man kann nicht etwas herausnehmen, ohne die Beziehung zum anderen zu stören. (...) Die Gentechnologie will die existierenden Pflanzen ersetzen durch solche, die einen höheren Fruchtstand haben, weniger krankheitsanfällig oder resistent sind gegenüber bestimmten Herbiziden. Uns ist die Natur, die sich ständig weiterentwickelt, mittlerweile zu langsam. Aber warum ist die Natur so langsam? Doch nicht, weil sie dumm ist, sondern weil sie bei jeder Änderung, die sie einführt, darauf wartet, inwieweit diese Änderung sich im Gesamtkontext bewährt oder nicht bewährt. Wir Menschen aber nehmen uns nicht die Zeit. 
Durch das hemmungslose Wirken des Menschen bahnen sich an vielen Stellen katastrophale Entwicklungen an. Wie immer schauen die meisten weg. Andere glauben voller Resignation, dass es kein Entrinnen mehr gibt..."[2]
Hier melde ich sicher keinen Widerspruch an, doch ich frage nach den Konsequenzen dieser Einsicht: Modernisierung und Optimierungen in der Landwirtschaft scheinen angesichts der rasant wachsenden Weltbevölkerung unverzichtbar. Wenn nun die Gentechnik ein viel zu riskantes, in ihren Spätfolgen ganz unverstandenes Instrument darstellt, andere umweltverträglichere Methoden aber unzureichend sind/bei mehr als 10-12 Milliarden Menschen auf der Erde sein werden, müssten wir dann nicht ein vorausschauendes Populations-Management betreiben?
In Indien geschieht dies bereits - durch freiwillige Sterilisationen auf Staatskosten:
"Viele Inderinnen lassen sich sterilisieren, weil sie schon Kinder haben und die Familienplanung abschließen wollen. Der indische Staat unterstützt und fördert das - weil er das Bevölkerungswachstum in Grenzen halten will." (Quelle: DLF, Feb. 2017)
Ob dies nun einen geeigneten Weg darstellt, vermag ich mangels Hintergrundwissen nicht zu beurteilen. (Weshalb reichen weniger invasive Maßnahmen nicht aus, z.B. vorausschauende Familienplanung und Verhütungsmethoden?
→ "Kondome sind in Indien sehr unbeliebt. Und bei der Pille gibt es das Problem, dass viele arme Frauen regelmäßig an Durchfallerkrankungen leiden und die Pille daher nicht sicher ist. Und eine Spirale muss alle fünf Jahre unter sterilen Bedingungen ausgetauscht werden. Alles Gründe, warum sich viele Inderinnen zur einmaligen Sterilisation entscheiden." [3]
Indessen ist die Haltung "Die Natur regelt das schon von alleine" ungeeignet in einer Welt, die bereits durch Manipulationen von unserer Seite beeinträchtigt und aus dem Gleichgewicht geraten ist. Aus unseren bisherigen Handlungen erwächst also eine unabweisbare Verantwortung, laut Dürr insbesondere auch für die Nachhaltigkeit der Prozesse in Landwirtschaft und Energiegewinnung.



Wer schon einen oder mehrere Vorträge von Dürr gehört hat, wird vielen seiner Kernaussagen nochmals begegnen. 


Schlussfolgerungen/Forderungen

  1. Der Forscher muss wirklich in der Lage sein, die Folgen seines Tuns voraussehen zu können. Dafür muss der Forscher auch wirklich frei sein, seine Handlungen hinlänglich zu bestimmen, für die er Verantwortung übernehmen soll. 
  2. Es muss allgemein verbindliche Wertmaßstäbe geben, mithilfe derer der Forscher seine Handlungen als mehr oder weniger vernünftig oder unvernünftig, nützlich oder schädlich, gut oder böse einstufen kann. Und dann muss der Wissenschaftler wirklich selbst für die negativen Folgen in einer für ihn relevanten Weise zur Rechenschaft gezogen werden. [2]
Ein sachlich begründeter Idealismus, den ich in vollem Umfang teile. Meine realistische Seite lässt mich allerdings erahnen: zu einer derartigen Verantwortlichkeit als einem einheitlichen, weltumspannenden Standard wird es ein absehbarer Zeit nicht kommen. Warum nicht? 
Nun, es mangelt am Willen (auf seiten derer, die Macht- und Entscheidungsstrukturen dominieren) und infolgedessen kommt eine umfassende Transparenz nicht zustande. Ein weiteres Hindernis bemerke ich schon bei mir selbst, an meinem eigenen Verhalten zur Informationsgewinnung und -verarbeitung: Es stehen in sensiblen Bereichen (wie z.B. der Gentechnik) jeweils nur Ausschnitte, Facetten zur Verfügung.
Dies wäre zu beklagen, doch andererseits türmen sich bereits diese Ausschnitte zu einer Flut von Inhalten, die Einzelpersonen niemals erfassen und gedanklich durcharbeiten können. Man muss also eine Auswahl treffen - für besonders relevante Themenfelder und innerhalb dieser für einen Bruchteil der abrufbaren Inhalte, Berichte, Ausarbeitungen usw.


Dieser unerlässliche Selektionsprozesses hat freilich zur Folge, dass etliche nicht minder relevante Problemstellungen an einem vorbeigehen. Alternativ könnte man sich (versuchsweise) 'mit allem' befassen, dann aber mit nichts in der nötigen Tiefe. Dieses Dilemma der Reiz- und Informationsüberflutung wurde von Soziologen und anderen für klug gehaltenen Personen hinreichend erörtert - einige von ihnen vermuten mittlerweile, es sei durchaus gewollt, dass viele von uns den Wald vor lauter Bäumen kaum mehr sehen.

Nun bin ich dankenswerterweise nicht vor die Aufgabe gestellt, über ethische Grenzen für 'Wissen- und Machenschaften' (s.o.) zu entscheiden. Wer dafür zuständig ist, wird auch nach Wegen suchen, der Informationsflut Herr zu werden. Zumindest haben sich die Mathematiker Prof. Martin Grötschel und Joachim Lügger bereits im Jahr 1996 mit dieser Frage befasst → "Wissenschaftliche Information und Kommunikation im Umbruch".

Tiefschwarzer Pessimismus oder Fatalismus sind also nicht angebracht, nur weil interessierte Laien wie ich den Überblick zu verlieren drohen 😌


Quellenangaben: 

  1. "Der Teil und das Ganze" - Rezension zum Buch 'Das Lebende lebendiger werden lassen" von Hans-Peter Dürr
  2. Leseprobe: "Warum es ums Ganze geht - Neues Denken für eine Welt im Umbruch", H.P. Dürr
  3. "Indien: Sterilisation auf Staatskosten" - DLF, Februar 2017)
Letzte Bearbeitung: 18.07.2018

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