Montag, 2. Mai 2016

Trumpismus - ein rüpelhafter US-Präsident als Therapeut für die ganze Nation?

Erinnern wir uns an Maximilian Robespierre - jenen französischen Revolutionär, der die Terrorherrschaft erfand, Er wurde im Rückblick als "der große Vereinfacher" bezeichnet, wegen der schrecklichen Einfalt seiner Ansichten, die er mit der Brechstange (spirch Guillotine) durchzusetzen versuchte. Der vergleichsweise neue Terminus "Trumpismus" ist noch etwas weiter gefasst: er steht, wie der frühere Präsidentschaftskandidat Mitt Romney erklärte, auch für Rassismus, Geschmacklosigkeit und Engstirnigkeit. 
Seit einigen Wochen befasse ich mich wieder mit der unheilvollen Ära des George W. Bush, natürlich, dem Junior. Der Anlass: Mit "The Donald" könnte eine vergleichbare Periode eintreten, weil der Protagonist des Irak-Krieges und der partiellen Außerkraftsetzung der US-Verfassung in vieler Hinsicht mit dem Wannabe-Präsidenten Trump verglichen werden kann: Beide halten z.B. 'enhanced interrogation techniquesfür notwendig und ausgesprochen nützlich ...ein mieser Euphemismus für Waterboarding, Hundeboxen für Menschen, tagelange Scheinbeerdigungen und weitere Foltermethoden. O-Ton Trump: "Folter funktioniert!" und "Die IS-Leute können Köpfe abschneiden, aber wir dürfen nicht waterboarden?" Moral ist für den Egozentriker Trump also nur eine peinliche Ausrede von Schwächlingen für ihre Scheu das 'Richtige' zu tun? 
Viel mehr muss man gar nicht wissen, oder? Hinzu kommt, beide sind nicht eben detailverliebt; im Gegenteil: sobald es ums Konkrete, ums Eingemachte geht, weichen sie aus - warum wohl?

Aus der Sicht von Politikwissenschaftlern mag dieser Vergleich abwegig sein, bedenkt man die Unterschiede im Lebensweg sowie den politischen und religiösen Hintergrund eines Gotteskriegers wie Bush im Kontrast zum zynisch grinsenden Narzissten Trump. Als Laie sehe die Parallele trotzdem - im Hinblick auf die möglichen Auswirkungen einer Präsidentschaft Trumps, die noch über das von Bush hinterlassene Desaster hinausgehen könnten. Auf diese Überlegung kam ich erstmals, als der konservativer Kandidat D. Trump den ebenfalls der GOP angehörenden George W. Bush für 9/11 verantwortlich machte: "Das World Trade Center stürzte ein, als dein Bruder im Amt war". Das ist, ungeachtet meiner leidenschaftlichen Verachtung für den Ex-Präsidenten, kompletter Unsinn: Bush wurde am 20. Januar 2001 vereidigt; somit war er am 11. September desselben Jahres keine 9 Monate im Amt.

Nach der Wiederwahl von Bush junior im Jahr 2004 begann ich mich zu fragen: Schaut die Mehrzahl der Wähler in den USA überhaupt kein TV? Ist es ihnen egal? ...Oder lief tatsächlich etwas schief mit der Stimmenauszählung? Ähnliche Fragen stellte sich wohl das britische Boulevardblatt "Daily Mirror" am 4.11.2004: "Wie können 59.054.087 Menschen nur so blöd sein?Erstmals waren in den USA wurden Stimmabgaben ermöglicht worden, deren Zählung überhaupt nicht mehr von Menschen kontrolliert werden kann: Etwa ein Viertel aller Wähler hat auf Wahlmaschinen gewählt, die die Wahl ausschließlich in Form von Daten in ihrem Speicher registrieren und deren Verhalten weder Wähler noch Wahlhelfer überwachen können. 

Diese Haltung, mit der auch ich mittelbar unterstellte, nahezu alle US-Amerikaner sähen in einer zweiten Amtszeit von Bush das geringere Übel als den zwar farblosen, aber immerhin integren John Kerry, mündete nicht selten in eine unfaire Fehleinschätzung: Es waren keineswegs 'alle' US-Bürger einverstanden oder zumindest gleichgültig gegenüber dem, was Präsident Bush ihrem Land (und der gesamten Welt) antat.Was so keineswegs stimmte. Hierzulande war vereinzelt über Proteste berichtet worden, doch es blieb der Eindruck, die Prominenz versammele sich nahezu geschlossen hinter dem Führer ihrer Kriege führenden Nation - und zwar kritiklos.


Dass dieser Eindruck nicht zutraf, belegen Beispiele wie das von Stephen Colbert, der mit seiner Rede beim White House Correspondents Dinner (WHCD) beißende Kritik am amtierenden US-Präsidenten übte,
in dessen Anwesenheit (vgl. den vollständigen Text seiner Rede).



Stephen Colbert roasts Bush at 2006 White House Correspondents Dinner



Colbert hätte alleine mit den Aussprüchen seines amtierenden Präsidenten ein abendfüllendes Satire-Programm bestreiten können - ein winziger Auszug:
  • "Der Mars ist praktisch in derselben Umlaufbahn... Der Mars ist ungefähr gleich weit von der Sonne entfernt, was sehr wichtig ist. Wir haben Bilder von Kanälen und Wasser gesehen. Wenn es Wasser gibt, dann gibt es Sauerstoff. Wenn es Sauerstoff gibt, können wir atmen."
  • "Gott hat mir gesagt, ich solle AI Quaida angreifen, und ich griff sie an, dann unterwies er mich, Saddam anzugreifen, was ich tat. Jetzt bin ich dazu bestimmt, das Problem im Nahen Osten zu lösen."
Last but not least:
  • "Kein Präsident hat jemals soviel für die Menschenrechte getan wie ich!

Schlimmer geht's nimmer? Von wegen...

Nun, nachdem wir den wohltuenden Kontrast in der Gestalt von Barack Obama erleben durften, muss man sich angesichts des Vorwahlkampfes auf der republikanischen Seite fragen: Ist es bald wieder soweit? Wird sich im kommenden Jahr erneut eine Mehrheit der WählerInnen in den USA für einen gefährlichen, weil fanatischen (und zudem gänzlich unerfahrenen) Landeschef entscheiden, ettwa weil sie 'Krankenversicherung für alle' als Beschneidung ihrer persönliche Freiheit betrachten und seine Variante von "Lügenpresse"-Verschwörungstheorien glauben?

Was Trump von sich gibt, spricht wiederum für sich (ob der seine Reden alleine entwirft? Welcher PR-Profi würde sich für die Konzeption einer derartigen Flut von Unterstellungen und Beleidigungen hergeben? Seine Konkurrenten sowie Obama sind allesamt Schwächlinge, Leichtgewichte, "Stupids", würden keinen IQ-Test bestehen und immer wieder "Lügner". Den vorläufigen Höhepunkt bildete wohl sein hämischer Witz über einen behinderten Journalisten):





Bereits 2011 fasste Milliardär Trump das Vorhaben ins Auge, US-Präsident zu werden, was Snoop Dog  dies mit den Worten kommentierte: "Donald sagt, er will als Präsident kandidieren. Warum nicht? Wäre nicht das erste Mal, dass er eine schwarze Familie aus ihrem Haus verdrängt". 
Im August 2015 schrieb Markus Günther in der FAZ über das Geheimnis des Trumpismus:
"Donald Trump wird zwar niemals amerikanischer Präsident, aber er leistet
wertvolle therapeutische Dienste in einem zutiefst neurotischen Land."
Und: "Für Menschen mit Bestrafungsphantasien sind die Auftritte eines brutalen Egomanen der reine Lustgewinn."
Trump sei entzaubert, befanden viele Kommentatoren - ihm sei die Munition ausgegangen. Sie alle haben zu früh gebrüllt, abgesehen davon ist es daneben, ein ganzes Land pauschal in die Neurotiker-Ecke zu stellen. Dass dieser Egomane, dessen Reichtum ihm offenbar den Verzicht auf jeden Anstand gestattet, einigen Leuten als Trump als Prokjektionsfläche unterdrückter Phantasien dienen mag, könnte zwar zutreffen. Sogar in einer Stimmungslage, in der sich die Angst vor dem Terror mit der Furcht vor dem Fremden sowie vor dem fortgesetzten eigenen sozialen Abstieg mischt, würde kaum jemand die Domina aus dem bevorzugten Lack- und Lederstudio gleich an die Spitze eines Landes wählen.
Warum nicht? Weil den meisten Wählern durchaus bewusst ist, dass der Staatschef und oberste Kommandierende der Streitkräfte über andere Qualifikationen verfügen sollte als eine noch so erfolgreich auspeitschende Domina. 
Bezogen auf The Donald bedeutet dies: wer ihn wählt, würde sehenden Auges dessen öffentliche Selbstbefriedigung goutieren ...mit inhaltlich relevanter Politik hätte dies überhaupt nichts mehr zu tun. Wem also leistet einer wie Trump "therapeutische Dienste, indem er dem politischen Publikum hilft, Gefühle abzuspalten" und auf ihn zu projizieren? 


Mit Verschwörungstheorien Wahlen gewinnen?

Die tatsächlichen Ursachen für den aufkeimenden Trumpismus als Massenphänomen liegen woanders, sie besitzen vermutlich einen weitaus konkreteren Hintergrund: 
Die Lebenszufriedenheit des einzelnen hängt wesentlich vom Zustand der Gesellschaft insgesamt ab ...verkürzt gesagt: fallen die Einkommenszuwächse für alle sozialen Schichten mau aus, finden sich die meisten damit notgedrungen ab. Verfestigt sich aber der Eindruck, dass die ohnehin Reichen und Mächtigen auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, während für den durchschnittlichen Steuerzahler kaum etwas übrig bleibt (d.h. wenn sein Einkommen über viele Jahre nicht oder kaum wächst), dann kann die 'normale' Unzufriedenheit in echte Wut sowie eine Verweigerungshaltung münden. 

Eben dieser Eindruck entstand in den USA im Laufe der bis heute nicht ausgestandenen Finanzkrise. Verkürzt dargestellt: Durch ein Bailout in Milliardenhöhe profitierten etliche der Verursacher in gewaltigem Ausmaß von der Überschuldung des Finanzsektors, die nach Lehman auch AIG und weitere Akteure des Investmentbankings in den Abrund zu reißen drohte. Der US-Regierung sei nichts anderes übrig geblieben, als rettend einzugreifen - sagen die Befürworter der Rettungspakete. Wie dem auch sei, für Arbeitnehmer der unteren Einkommensklassen stellte sich das Resultat dieser Verstaatlichung privatwirtschaftlicher Schulden und Verlustvorträge unter einem einzigen Aspekt dar: die enge Vernetzung von Politik und Finanzsektor machte zahlte sich aus - wieder und wieder, auf ihre Kosten (als Steuerzahler). In derselben Phase (von 2007 bis etwa 2010) verloren Millionen Amerikaner ihr Eigenheim sowie ihre berufliche Existenz - doch ihnen kam der Staat nur selten zu Hilfe, mit einer Ausnahme: 
Wem sogar das Geld fürs tägliche Essen fehlte, durfte Lebensmittelbeihilfe (SNAP - Supplemental Nutrition Assistance Programbeanspruchen. 2013 lebten 47 Millionen der ca. 315 Millionen US-Bürger von Essensmarken, das sind 70 Prozent mehr als im Jahr 2008. Das steigende Armutsniveau steht seit der Finanzkrise in krassem Gegensatz zum zeitgleichen Anstieg des Einkommens und Vermögens derer, die zu dem reichsten 1 Prozent der US-Bevölkerung zählen. Auch erholte sich der Arbeitsmarkt (im Oktober 2009 lag die Arbeitslosenrate bei 10 Prozent) nur langsam, ungeachtet der Niedrigzins-Politik der FED (wie auch der EZB) - eine Wirtschaft eines Landes floriert eben nicht alleine vom Export, solange die Binnennachfrage am Boden liegt.

Die Zementierung sozialen Ungleichgewichts bildet seit jeher einen fruchtbaren Nährboden für einfach gestrickte Erklärungsmuster von Populisten: In deren Rückblick erfolgte seit Ronald Reagan eine unablässige Kaskade von Vergünstigungen für Reiche und Superreiche: Steuerkürzungen, Deregulierungen des Finanzmarktes sowie Verlagerung von Arbeitsplätzen und ganzer Produktionszweige als Folge von Freihandelsabkommen wie z.B. NAFTA.

Dies ist selbstredend eine äußerst isoliert Betrachtung der wachsenden Armut in den USA; außerdem ist der Sachverhalt weitaus komplexer als hier von mir in drei Sätzen skizziert. Wer indessen ohne eigenes Verschulden zu den Verlierern der turbulenten Zeit von 2001 bis 2011 zählt, wird einem wütenden Schreihals durchaus Glauben schenken, der anscheinend eine schlüssige Erklärung für die Misere liefert: Schuld sei ausschließlich das "korrupte Establishment in Washington", das halt einen teuflischen Pakt auf Gegenseitigkeit mit der Finanzwelt geschlossen habe ...dieser werde von einer Legislaturperiode zur nächsten stillschweigend erneuert - egal ob gerade Demokraten oder Republikaner den Präsidenten stellen. (Verschwörungstheorie? Ja, sicher ...genauso wie die Behauptung Trumps, der globale Klimawandel sei lediglich erlogen. Im übrigen sieht sich der Milliardär selbst an der Spitze einer Nahrungskette, welche ausschließlich seinen Interessen dient. Oberster Diener des Volkes und so? Lächerlich. Trotzdem funktioniert das Aufstacheln eines seit langem schwelenden Volkszorns mittels einer Vielzahl verbaler Tabubrüche, welche das Establishment erst einmal verkraften muss:
  • Seit 9/11 und unter dem Eindruck wachsender Existenzangst scheinen viele US-Bürger jeglichen Versprechungen zugewandt, die eine Verbesserung ihrer eigenen Lebenssituation vorgaukeln. 
  • Präzise Schuldzuweisungen sind da auch gerne gehört: sobald die vermeintlich Schuldigen an der wirtschaftlichen Misere endlich von einem "Macher" wie Trump bestraft oder, besser noch, gleich entfernt werden, geht es für einen selbst doch bald wieder aufwärts, oder? 
  • Eine einzige Gruppe von Schuldigen reicht freilich nicht: die 'Gesamtheit der terrorwütigen Muslime' gehört ebenfalls angeprangert, nachdem die nichtsnutzige Polit-Elite ihr Fett weg hat. Als ideales Feindbild wird Merkel fokussiert - als weichherzige Schutzherrin all der zertretenswerten Kakerlaken, die in Schwärmen erst über Europa herfallen und dann über Trump sein Amerika.
  • Die nichtsnutzigen NATO-Partner in Europa sind ebenfalls schuldig: sie sollen gefälligst mehr für ihren Schutz durch die Führungsnation bezahlen oder sehen wo sie ohne Amerika bzw. Trump bleiben.
  • Putin sei dagegen gar nicht so schlimm, vermutet Der Donald. Diese Einschätzung überrascht kaum, aus der Ferne dürften sich die beiden Egomanen durchaus schätzen und ein paar "großartige Deals" aushandeln - vielleicht ein kleines Land gemeinsam überfallen und anschließend fair aufteilen? Hauptsache, der Bombenerfolg wird daheim in Washington und Moskau bejubelt und mit Sondersendungen auf allen Kanälen bejubelt ...was die Herrschaft über die Medien angeht, hat Vorbild Vlad seinem aufstrebenden Bewunderer Donald einiges voraus - noch.
  • Was fehlt noch zum Rundumschlag? Ach ja, China habe "die USA vergewaltigt", das darf natürlich so nicht weitergehen. Wer nun meint, die Ausgabe und der Aufkauf von Staatsanleihen bedürfe ebenso wie ein Handelsdefizit nicht nur einer Seite, hat halt keine Ahnung.
Hauptsache pauschal-radikal, direkt und 'handlungsorientiert' ...kommt uns das nicht bekannt vor (hier aus Deutschland, meine ich)? Diesen "konzeptionellen Ansatz" kommentiert Außenminister Steinmeier, nun ja, zurückhaltend: Er könne nur hoffen, "dass der Wahlkampf in den USA nicht an der Wahrnehmung der Realitäten vorbeigeht." Die außenpolitischen Pläne Trumps hält er für "nicht ganz ausbuchstabiert" und "nicht ganz frei von Widersprüchen". In der Sprache der Diplomaten bedeutet das wohl 'völlig unausgegorenes zusammenhangloses Gestammel einer Person, die am Ende ihrer Rede nicht mehr weiß, was sie am Anfang gesagt hat'.

Der scheidende Amtsinhaber Barack Obama reagiert auf Trumps Tiraden gelegentlich mit Humor - ansonsten weniger als Psychotherapeut, eher als Motivationstrainer: Er appelliert an die Vernunft und Menschlichkeit seiner Zuhörer und warnt explizit vor einem Kandidaten, der Muslimen pauschal die Einreise verbieten möchte:

"Wenn Politiker Muslime beleidigen, wenn eine Moschee verwüstet oder ein Kind schikaniert wird, dann macht uns das nicht sicherer. Es setzt uns in den Augen der Welt herab. Es macht es schwerer, unsere Ziele zu erreichen. Es begeht Verrat an dem, was uns ausmacht." 
Zugleich erinnert er daran, wie das Land auf den Sputnik-Schock der 50er Jahre reagierte – mit einer Wissenschaftsoffensive, einem Innovationsschub, bis schließlich nach 10 Jahren Mondlandung den Wettbewerb mit der UdSSR um die Eroberung des Weltraums entschied. Nicht das düsteres 'Grumpy Cat-Gehabe' der GOP ist angesagt, sondern Optimismus.
Grumpy Cat, das passende Aushängeschild
konservativer US-Republikaner/der AfD?

Kluge, besonnene Worte, wie ich sie mir in dieser Deutlichkeit auch von Bundeskanzlerin Merkel in Richtung der 'besorgten' Wutbürger in Deutschland wünschen würde.
Falls die US-Wahl ungeachtet aller verklungenen (und bis zum Wahltag wohl noch ausstehenden) Mahnungen so ausgehen sollte wie von manchen befürchtet, werden wir in Deutschland diesmal sehr kleine Brötchen backen müssen: Mit dem Finger auf die 'verirrten Amis' zeigen geht diesmal nicht! 

Nicht weil the Donald der Enkel eines deutschen Einwanderers namens Drump ist; vielmehr haben wir in der unaufhörlich nach rechts abgleitenden AfD unsere eigenen Wirrköpfe, die mit wüsten islam-feindlichen Thesen laufend an Zustimmung gewinnen. Es scheint, Sündenbock-Theorien haben wieder Hochkonjunktur, diesseits wie jenseits des Atlantiks:

Trump sagt in einem der im o.a. Video zusammen gefassten Ausschnitte, er wolle eine Mauer zwischen den USA und Mexiko errichten (wegen der vielen illegalen Einwanderer, für Trump alle "Verbrecher und Vergewaltiger") ...wie sich die Bilder gleichen, hierzulande wollen Populisten ganz Deutschland zumauern (wegen der vielen Flüchtlinge). Und in beiden Fällen applaudieren viele, zu viele.

Falls The Donald tatsächlich die Wahl zum Präsidenten der USA gewinnt, wird sich sein Ego ist zu enormen Proportionen aufblasen ...gemäß der uralten These "je kleiner der Geist, um so größer die Einbildung" - geschieht die Neubelebung des Wildwestmythos in Gestalt des zweiten Kriegs- und Folterpräsidenten im 21. Jahrhundert, der jegliche Friedensbemühung moderater Kräfte neutralisiert? Damit bin ich wieder beim eingangs erwähnten Robespierre angelangt ...betrachtet sich Donald Trump nicht gleichfalls als eine Art Revolutionär, der Amerika wieder zu wahrer Größe verhilft? Äußerungen von ihm lassen erahnen, mit welchen Instrumenten er die Gegner seiner "amerikanischen Werte" im In- und Ausland zu überzeugen gedenkt: Bomben, brutalste Sanktionen und bei Bedarf Folter. Etwaige Fehlschläge wird er wie bisher sehr persönlich nehmen, sie werden ihn ermutigen, noch verbissener und extremer zu agieren und seine bereits heute verzweifelten republikanischen Parteigenossen wie der Kapitän der Titanic einzuschwören, nur ja "auf Kurs zu bleiben".
(Sofern Sie zur Ansicht gelangen, diese Schreckensvision sei übertrieben, lesen Sie bitte seine Absichtserklärungen - z.B. sein Vorhaben, "syrische Flüchtlinge zu foltern, um herauszufinden, ob es sich um Anhänger des Islamischen Staats handelt".)
Als Psychotherapeut eignen sich Persönlichkeiten mit überdimensioniertem Ego grundsätzlich nicht; sie schüchtern ihre Klienten ein und die resultierende (positive oder negative) Identifikation überlagert jeden Heilungsprozess. Als Figur einer klassischen Tragödie (die Poetik Aristoteles' lässt grüßen) taugt ein Trump schon eher: Durch das Durchleben von Jammer/Rührung und Schrecken/Schauder erfährt der Zuschauer als deren Wirkung eine Katharsis, d.h. eine Reinigung seiner Seele von diesen schädlichen Erregungszuständen. Um diesen reinigenden Prozess zu bewirken, empfiehlt sich ein Theater-Abonnement eher als eine Präsidentschaftswahl mit potenziell fatalen Folgen. 

Quellen: 

  1. "Das Geheimnis des Trumpismus", Markus Günther auf FAZ.net 
  2. "Donald Trump verteidigt Folter", ZEIT.de, 18.2.16
  3. "Barack Obama rechnet in seiner letzten Rede [an die Nation] mit Donald Trump ab", Augsburger Allgemeine, 13.1.16 
  4. "47 Millionen US-Bürger leben von Essensmarken", WSJ, 1.4.13
  5. "US-Außenpolitik: Steinmeier wirft Trump Planlosigkeit vor", SPON, 28.4.16
  6. "Die besten 50 George Bush-Zitate"

Sonntag, 17. April 2016

Earth calling E.T. - Sind wir alleine im Universum? Und was, wenn nicht?

Gerade in Bezug auf die Frage nach der Möglich-/Wahrscheinlichkeit extraterristischen Lebens fällt es ungemein schwer, die Fülle der verfügbaren 'Informationen' - von naturwissenschaftlich fundierten Überlegungen über gewagt-spekulative Thesen bis hin zu abstrusen Phantasiekonstrukten (die freilich als "Wahrheit" ausgegeben werden und zur gesteigerten Verwirrung vieler beitragen) - zu selektieren: Was halte ich für möglich? Was lehne ich als zu weit hergeholt ab?

Eine subjektive Grenze ziehe ich für mich jeweils dort, wo Behauptungen aufgestellt, aber nicht plausibel begründet werden. Ein Beispiel: Im Web finden sich zahlreiche 'Zeugenaussagen', nach denen im Inneren der Erde eine fortgeschrittene Alien-Zivilisation beheimatet ist. (Stichwort: "Lacerta"-Dokumente, bei Interesse zeigt jede Suchmaschine etliche Treffer dazu)

Andererseits, persönlich bin ich überzeugt: es kann nur so so sein: Die Natur (und damit das gesamte Universum) betreibt keine Verschwendung. Und seit 1997 wissen wir: 

"Wenn wir die Einzigen sind, ist das 'ne ziemliche Platzverschwendung."
Im US-Film 'Contact'  prägt dieser Satz ihres Vaters die Wissenschaftlerin Ellie Arroway seit ihrer Kindheit. Die schiere Größe des Universums sowie die gewaltige Anzahl von Galaxien und erdähnlichen Planeten lassen die Vermutung zu, dass da noch jemand ist (oder war). 
Was freilich nicht bedeutet. deswegen jeder spekulativen Aussage anzuhängen: Bücher und Filme über "Aliens auf dem Mond" sind nach wie vor weit verbreitet und erfreuen sich bis heute einer für mich überraschenden Beliebtheit. Dabei handelt es sich nicht um versteckt lebende Mikroben (was auch nicht wahrscheinlich ist) sondern angeblich um eine/mehrere technologisch sehr fortgeschrittene Spezies...notwendigerweise, denn auf 'unseren' Mond müssten 'sie' ihre Lebensgrundlagen mitbringen; schließlich gibt es dort nichts, also kein organisches Material.

Spinnt man diese Überlegung noch ein wenig weiter, gelangt man zu der Frage: was wollen sie fort nur? Tja, genau diese Frage eröffnet genug Raum für ausufernde Spekulationen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden - solange eine subjektive Vermutung auch als solche bezeichnet wird. 


  • Eine Discovery-Dokumentation versucht, der Fragestellung "Was haben Astronauten auf der Mondoberfläche noch entdeckt?" mit einiger Ernsthaftigkeit nachzugehen bzw. diesen Anschein zu erwecken: Rhetorisch distanziert werden alte und neue Verschwörungsthesen aufgeworfen - und nach einigem Hin und Her widerlegt oder der Interpretation von Naturwissenschaftlern gegenüber gestellt. Das Ganze wird eingerahmt mit vorwiegend unscharf-verschwommenen Fotos und Filmausschnitten, auf denen man alles und nichts ausmachen kann. Offenbar besteht eine konstante Nachfrage nach derartigen BILDzeitungsmäßigen 'Dokumentationen'. Deren Wert, gemessen an Wissensvermittlung und ihrem Gehalt an verwertbarer, gesicherter Information, darf jedoch hinterfragt werden.-
  • Die durchgehend ärmliche Bildqualität ist auch der Grund, weshalb ich mit den allermeisten UFO-Sichtungen wenig anzufangen weiß. Nicht pauschale Ablehnung ist hier angezeigt - wer bin ich, mitunter Hunderten von Augenzeugen Einbildung oder kollektive Wahnvorstellungen zu unterstellen? Wäre ich persönlich anwesend gewesen, hätte mich das Gesehene möglicherweise auch überzeugt. So aber bleibt nur ein Achselzucken.
  • Daneben finden sich zahllose Nachrichten, dem Muster "Ausserirdischer spricht live im TV" folgend. Hier zeigt sich, wie um einen wahren Kern (im vorliegenden Fall der sog. "Vrillon-Botschaft" fand nachweislich eine unbefugte Überlagerung einer TV-Sendung im Jahr 1977 durch eine verbale Warn-Botschaft unklarer Herkunft statt) je nach Ausrichtung der zitierenden Webseiten wiederum wilde Schlussfolgerungen und Interpretationen angeordnet werden.
    Recht offensichtlich wird dabei, wie die Realität dem jeweiligen Wunschdenken angepasst und untergeordnet werden soll: Es wird einfach so getan, als sei die Frage "Fake oder außerirdischer Kontakt?" zugunsten der Aliens beantwortet und bewiesen - was eindeutig nicht zutreffend ist. Unklar ist immerhin bis heute, wie es damals Hackern gelungen sein könnte, gleich 5 Sendestationen zu übernehmen und ihr eigenes Signal einzuspeisen - dies habe ein außerordentlich großes Knowhow erfordert. Okay, aber sind TV-kompatible Aliens mit synthetischer Stimme deshalb wahrscheinlicher als ein hochqualifizierter Piratensender??
Solche Ereignisse verleiten meiner Ansicht nach dazu, sich mit Nebensächlichkeiten (und womöglich einem fiesen Scherz) zu verzetteln - anstatt den Blick auf relevante/reale Fragen zu richten. Womit aber sollte man sich eingehender befassen? Darauf lässt sich sicherlich keine allgemein gültige Antwort geben, aber: Eine kurze Web-Recherche zeigt schon, wer ein bestimmtes Vorkommnis aufgreift - und wer nicht. 

  • Beispielsweise wird das ebenfalls ungeklärte WOW-Signal (ebenfalls aus dem Jahr 1977, etwa ein Monat vor der o.a. Vrillon-Botschaft) in etlichen Wissenschaftsforen diskutiert und auch von Kosmologen erörtert, obgleich seine Aufzeichnung im Rahmen eines SETI-Projektes erfolgte. 
    Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich tatsächlich um ein interstellares Signal handelt, wird als außerordentlich hoch eingeschätzt - was freilich noch keine Aussage in Bezug auf seine Urheberschaft beinhaltet. (Im Rahmen der ZDF-Dokumentation
    Aliens – Mythos und Wahrheit (2010) erklärt Prof. Harald Lesch, das Wow!-Signal zeige alle Kennzeichen eines interstellaren Kommunikationsversuchs, könne aber auch ein gigantischer Ausbruch eines Pulsars gewesen sein. Eine Hörprobe findet man z.B. hier.)
WOW-Signal: Scan des namensgebenden Dokuments 

Zugleich erschweren die Ausmaße des Universums und resultierende Entfernungen es uns, Gewissheit in der Ausgangsfrage zu erhalten: Durchaus könnten weit, weit entfernt von unserer Erde weitere Zivilisationen existieren ohne jemals von uns nachgewiesen zu werden. Ein Kontakt, d.h. Interaktion, erscheint erst recht unwahrscheinlich - zumindest ausgehend von unserem derzeitigen technologischen Potenzial.

Insoweit liegt es nahe, wenn NASA, ESA et.al. ihre Suche auf das eigene Sonnensystem fokussieren. Der Titel "Phänomenale Entdeckungen" ist irreführend; eher zeichnet die u.a. Dokumentation ein klares Bild gegenwärtiger Forschungsmissionen und davon erhoffter Erkenntnisse. "Phänomenal" ist das weniger, aber meiner Ansicht nach doch interessant.-


Dokumentation zur Suche im Sonnensystem nach Leben  





Man umgeht das Entfernungsproblem (für uns) natürlich, indem man unterstellt, die Aliens seien schon hier...mitten unter uns, gut getarnt oder verborgen. Oder sie hätten die Erde vor Jahrtausenden besucht und seien von unseren Vorfahren als Gottheiten verehrt worden. Unermüdlich ist Erich v. Däniken bemüht, uns ihre Hinterlassenschaften zu präsentieren. Und die Entfernung von daheim? Naja, sie hätten halt riesige Generationen-Raumschiffe eingesetzt, was sie habe unabhängig von der Lebensdauer einer einzelnen Besatzung werden lassen: In solchen Raumschiffen sei das vollständige Leben fortgesetzt worden, einschließlich der Zeugung und Aufzucht von Folgegenerationen.

Ganz auszuschließen ist diese Möglichkeit nicht - neben etlichen Science-Fiction-Autoren haben auch Wissenschaftler darüber spekuliert - und mehrere Detailfragen noch zu beantworten sind: Wie viele Individuen müssten die Reise antreten, um über einen ausreichend großen Genpool zu verfügen und eine genetische Verarmung ("Inzucht") über mehrere Generationen zu vermeiden? Für uns Menschen würden sich hierfür mindestens eintausend Besatzungsmitglieder entscheiden müssen, den Rest ihres Lebens in einem Raumschiff zu verbringen.
Abgesehen von der Motivationsfrage (vielleicht ticken die Aliens da aber völlig anders?) würde das Jahrhunderte währende Vorhaben gewaltige Mengen an Ressourcen und Treibstoff erfordern - hier kann unterstellt werden, die fortgeschrittenere Alien-Technologie biete geeignete Lösungen. Für uns unvollkommene ist eine Reise mit einem Generationen-Raumschiff allenfalls "als Freiwilligenprojekt von Idealisten denkbar". Deren Kinder wären freilich gezwungen, den eingeschränkten Lebensentwurf ihrer Eltern zu teilen. (Vgl. "Interstellare Reise: Pentagon plant Jahrhundert-Raumschiff", SPIEGEL 06/2011)


Ein Handbuch für Außerirdische

Es könnte jedoch der Fall eintreten, dass wir Erdlinge gefunden werden ...von Aliens, die technologisch weiter sind und es dabei geschafft haben, sich nicht selber zugrunde zu richten.
Stellen Sie sich folgendes vor: Als intergalaktischer Reisender sind auf einem kleinen Planeten irgendwo in einer entfernten Galaxie gelandet. "Dieser Planet hat eine Sonne, einen Mond ...und ist im ganzen Kosmos als Wiege der Bürokratie bekannt. Außerdem ist dort der Fernseher Mittelpunkt jeglichen Geschehens."
Für solche Ausnahmesituationen hat Serena Gray ihr unbedingt lesenswertes "Handbuch für Außerirdische" verfasst. Da einige besonders helle(?) Geister nicht nur nach E.T. suchen, sondern die Aliens unbedingt auf uns Erdlinge aufmerksam werden lassen wollen, ist ein Blick in dieses Handbuch vielleicht keine so schlechte Idee.
„Der augenfälligste Unterschied zwischen der Erde und anderen Planeten liegt nicht in ihrer physischen Struktur. Was hat es schon zu sagen, wenn man nur eine Sonne und einen Mond hat?“
Nun ja, eigentlich hat diese Konstellation wesentliche Bedeutung (für uns):
Wie der Naturwissenschaftler und Verfasser normalbürger-gerechter Bücher Ben Moore ("Da draußen - Leben auf der Erde und anderswo") darlegt, verdanken die Erde und sämtliche auf ihr befindlichen Lebewesen der engen Verbindung zum Mond so einiges: vor allem Stabilität. Okay, eine Ausnahme bilden vielleicht die Bärtierchen: diesen Überlebenskünstlern1) wäre es vermutlich egal, wenn die Erdachse alle paar Millionen Jahre in eine andere Richtung zeigen würde.-


Das Bärtierchen Hypsibius dujardini (kein Alien!)

Hätte ein leidlich intelligentes Alien vor 5 Millionen Jahren diesen wundervollen Planeten besucht und käme er heute nochmals vorbei, gingen seine Überlegungen wohl in diese Richtung:
"Welches Potential die Erde doch hatte! Welche atemberaubenden Möglichkeiten!"
Alles war gut. Fast alles passte zusammen. Und war ziemlich elegant aufeinander abgestimmt: In der guten alten Zeit herrschte auf diesem Planeten eine gewisse Symmetrie und ein gewisses Gleichgewicht.
Doch leider habe "der Schöpfer" den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören nicht erkannt: Allzu rasch nach seinem erstmaligen Auftauchen wandelte sich der Mensch zur dominierenden Spezies.
Das alleine wäre noch nichts außergewöhnlich Schlechtes; irgendwer muss schließlich an der Spitze der Nahrungskette stehen ...und die Dinosaurier hatten dies nur für wenige Millionen Jahre geschafft (also nur zig mal länger als wir bislang). Die neue, absonderliche 'Krone der Schöpfung' gebärdet sich weitaus destruktiver, als dies zum Überleben in einer gewissen Behaglichkeitszone nötig wäre:
 Nun "hängt das Schicksal der Erde davon ab, was der Mensch will oder glaubt zu wollen, davon, wann er es will und wie er seinen Willen durchsetzt."
Dieses unverständliche Chaos habe zum Rückgang der touristischen Beliebtheit der Erde (für reisefreudige Aliens) geführt. Trotzdem, die unwissenden Menschen sind nach wie vor "besessen von dem Gedanken, alle Bewohner des Universums wünschten seit Billionen von Jahren nichts sehnlicher, als sie zu besuchen".
Auch sonst erfreuen sich diese Menschen an den von ihnen erschaffenen Legenden, mit denen sie sich die Welt erklären. Einige dieser Mythen halten sich erstaunlich lange - ein Beispiel:
„Im Anfang war das Nichts; es gab nur eine der üblichen kosmischen Landschaften mit den üblichen Quantenangelegenheiten, und dann hörte dieses Nichts auf. Das Leben begann. Es ...passierte einfach.“
Wenig später bekamen diese Menschen das Problem ihres Überlebens in den Griff und schalteten sofort um auf Machtanspruch – gegenüber dem minderwertigen Rest der Biosphäre sowie untereinander. Von da an war es nur "noch ein kleiner Schritt zur ungezügelten Gier und ihren engen Verwandten Gewalt, Korruption, Verrat, Heuchelei und Schrecken. Soweit die Geschichte." - 
"Und das ist alles?" - "Kurz zusammengefasst – ja."
Es ist wirklich erstaunlich: Ausgerechnet jene Spezies, welche (zumindest im ihr bekannten Universum) den Völkermord erfand (und ihn als einzige jemals in die Tat umsetzte),vermag beim Anblick von alten Gebäuden oder eines einzelnen Katzenbabys in irrationale Sentimentalität zu verfallen.
Ähnlich irrational fürchten wir uns vor dem Alleinsein. Weshalb sonst sollten einige von uns mit aller Gewalt (z.B. riesigen Radioteleskopen, s.u.) Signale an vermutete außerirdische Spezies senden?

Gegen seriöse Forschung und plausible Science Fiction habe ich nichts einzuwenden - im Gegenteil: mich interessiert brennend, ob in den kommenden Jahrzehnten Anzeichen für Leben außerhalb der Erde gefunden werden. Eher kurz- als mittelfristig wird das Hauptziel der menschlichen Zivilisation darin bestehen müssen, die gesamte Galaxie zu erforschen und mindestens einen Ausweichplaneten zu finden. Nach uns die (ökologische) Sintflut? So scheint es...es sei denn, die gute alte Erde würde sich noch von uns erholen können, nachdem wir heuschreckenartig über den nächsten bemitleidenswerten Planeten hergefallen sind. Immerhin legen Hochrechnungen nahe, dass allein in unserer Galaxie tausende für uns bewohnbare Planeten zu finden sein müssten.

Klingt doch gut? Vielleicht...nur wurde noch kein Ausweichplanet entdeckt. Und selbst wenn, hätten wir keinen blassen Schimmer, wie wir die Entfernung zu ihm überwinden sollten... oder der Umzug zu bewerkstelligen wäre. Allzu sorgloses Gebaren ist also etwas verfrüht - eigentlich.
Von alleine schaffen wir das vorläufig nicht - also rufen wir mal laut um Hilfe, darin haben wir Übung.


Earth calling E.T. - eine moderne Form des Gebets?

Im Jahr 2013 startete ein Crowdfunding-Projekt, um mit einem 30-Meter-Teleskop in Amerika eine kontinuierliche Nachricht auszustrahlen. Das Signal ist auf den Stern Gliese 526 in 18 Lichtjahren Entfernung von der Erde gerichtet. Man kann sogar gegen Bezahlung eine kurze Textnachricht verschicken. Auf eine Antwort müsste man allerdings mindestens 36 Jahre warten. (Vgl. "Earth Calling E.T.: New Project Begins Beaming Your Messages Into Deep Space", Space.com)

Auch andere Radioteleskope wurden schon dazu benutzt, den Aliens zielgerichtete Signale zukommen zu lassen. Manche Wissenschaftler halten solche Aktionen für äußerst leichtsinnig, da mögliche Risiken unkalkulierbar sind. Außerdem: hat auch nur einer der Initiatoren den Rest des Planeten um Erlaubnis gefragt, möglicherweise feindlichen Außerirdischen unsere Existenz zu verkünden?

Wirklich neu ist solches Ansinnen auch nicht, wie die "List of interstellar radio messages" (ab 1962) zeigt. Bereits vor mehr als 40 Jahren schickten Forscher eine Nachricht an Außerirdische in den Weltraum. Das spektakuläre Projekt sorgte für Begeisterung - trotz der Warnungen eines Nobelpreisträgers vor Menschenfressern aus dem All.

Zur damaligen Zeit ging die Mehrheitsmeinung der Naturwissenschaft dahin, das Leben auf der Erder für einzigartig und exklusiv zu betrachten. Folglich wurden solche Unternehmungen eher milde belächelt. Seitdem aber mehr als 2000 Exoplaneten verifiziert werden konnten, hat sich die Betrachtungsweise gewandelt. -


Warum sollte eine außerirdische Spezies anders agieren als wir? 

„Warum sollte eine außerirdische Spezies anders sein als wir? Sie könnte den Killerinstinkt eines Hyänenrudels haben, das auf der Suche nach neuen exotischen Nahrungsquellen von einem Planeten zum nächsten zieht. (...) Unser Fortschritt könnte für Außerirdische so banal sein wie für uns eine Krähe, die mit einem Stöckchen nach Nahrung sucht.“
Beweise für unsere Existenz an Außerirdische zu übermitteln könnte sich wirklich als unser letzter großer Fehler erweisen. Wir können weder die technologischen Möglichkeiten noch die Absichten einer außerirdischen Zivilisation abschätzen, die Millionen Jahre älter sein könnte als die unsere.

So ziemlich das Dümmste, was man sich ausdenken kann: Wir sind sind gerade der Steinzeit entkommen und kreischen den potenziell weit überlegenen Aliens zu: „Huhu, wir sind hiiiiier...kommt uns büdde besuchen, ja?“. Mit welchem Zweck? Dass die alle herkommen und uns noch bessere Waffen schenken? Nein, sie sollen uns alternative Energiekonzepte beibringen, damit unsere 'Führer' die freiwerdenden Investitionen schleunigst in neue glitzernde Waffenprojekte stecken können.
Etwas mehr Grips und ein umfassendes Verständnis der 
Fragen „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ wäre mir lieber. 
Falls es sich bei den erhofften Besuchern um wirklich "nette Aliens mit ganz viel Weisheit" handeln, werden sie auch diesem Wunsch nicht entsprechen: Weil sie wissen, dergleichen kann man sich nur selbst erarbeiten ...als Individuum ebenso wie als Spezies.

Wird übersehen oder verdrängt, dass "die Aliens" vielleicht doch nicht so altruistisch drauf sind, sondern etwas wollen, das wir haben? Zum Beispiel einen Planeten, der zwar ziemlich verdreckt, aber immer noch wunderschön ist.


Aber, aber - so argumentieren jedenfalls die Wir-kreischen-allen-Aliens-die-Ohren-voll -Befürworter - eine Spezies, die Millionen Jahre überlebt hat und über eine Technologie verfügt, mit der sie die Sterne bereist, müsste doch irgendein Konzept für Stabilität und friedliche Koexistenz verwirklicht haben. Müsste! Hätte, könnte ...wollen wir uns in einer existenziellen Frage und angesichts unkalkulierbarer Risiken auf einen Mix aus Konjunktiven und idealistischen Fantasien verlassen? Denkbar ist die Existenz einer stabilen Alien-Zivilisation da draußen – womöglich ohne jegliche Emotion und nach dem Schwarmprinzip organisiert, im Prinzip mit einigen unserer Insekten (z.B. Termiten) vergleichbar. Klar, diese Annahme ist spekulativ – aber nicht weniger zulässig als der Glaube an Flowerpower-Aliens mit bunten Blümchen im Kamm oder einem Palmzweig zwischen den Klauen.

Falls aber nun doch die richtigen Aliens unser Signal aufschnappen - weshalb sollten sie den Aufwand einer interstellaren Reise zu uns auf sich nehmen? Um uns von ihrer Religion zu überzeugen? Zuvor würden sie uns eine ganze Weile von weitem beobachten - und eventuell zu einem Resultat gelangen, das eine Fernreise kaum lohnend erscheinen ließe:
"potenziell gefährlich, aber ziemlich nutzlos und vielleicht lecker"...

...oder sie hätten schlicht keine Lust, sich auf dem Seziertisch eines übereifrigen Biologen wiederzufinden. Allein das Wissen darum, die der Mensch mit anderen fühlenden Lebewesen seiner Biosphäre verfährt (Massentierhaltung, Tierversuche für Kosmetika oder genetische Experimente etc.), würde die nette Sorte von Aliens meiner Einschätzung nach verschrecken.


***
Nachdem David Bowie 1968 Stanley Kubricks Film 2001: Odyssee im Weltraum gesehen hatte, schrieb er den Song Space Oddity (ein Wortspiel mit dem engl. Filmtitel A Space Odyssey). Der Text berichtet von Major Tom, einem fiktiven Raumfahrer, der die Kommunikation mit der Erde beendet und sich ziellos durch das Weltall treiben lässt.


Here am I floating round my tin can 

Far above the Moon 

Planet Earth is blue 

And there's nothing I can do



Siehe auch 


Dienstag, 15. März 2016

Sollte Theologie noch an Universitäten gelehrt werden?

Von der Theologie als "Königsdisziplin" an der Uni redet heute kaum jemand mehr - der 'Zeitgeist' scheint sich eher von allem abzuwenden, was mit Religion und Spiritualität zusammenhängt. In einem Interview  mit BRalpha (Sept. 2015) sprach Prof.Dr. Johanna Rahner (Universität Tübingen) darüber, ob Theologie weiterhin an Universitäten gelehrt werden sollte.

Zur Abgrenzung: 
  • Theologie bezeichnet „die Lehre von Gott“ oder Göttern im Allgemeinen und die Lehren vom Inhalt eines spezifischen religiösen Glaubens und seinen Glaubensdokumenten im Besonderen.
  • Dagegen ist Metaphysik eine Grunddisziplin der Philosophie; sie behandelt die zentralen Probleme der theoretischen Philosophie, nämlich die Beschreibung der Fundamente, Voraussetzungen, Ursachen oder „ersten Gründe“, der allgemeinsten Strukturen, Gesetzlichkeiten und Prinzipien sowie von Sinn und Zweck der gesamten Wirklichkeit bzw. allen Seins.
Die Fragestellung "Warum gehört Theologie an die Universität" (Interview auf br.de) scheint die Antwort vorwegzunehmen - dass Theologie in jedem Falle weiter als Universitätsfach gelehrt werden sollte. Rahner verweist auf die historische Bedeutung der Theologie für die Entwicklung der universitäre Bildung; sie betont zudem, an Universitäten könne die Theologie als Feld mit "festen Überzeugungen" in den Diskurs mit anderen Disziplinen treten. 
Robert Wolf (Quellenangabe s.u.) sieht das anders und zitiert in seinem offenen Brief an die Professorin gleich mal den atheistischen 'Mann für's Grobe', Richard Dawkins:
Ich warte noch immer auf einen stichhaltigen Grund für die Annahme, dass die Theologie (im Unterschied zu historischer Bibelkunde, Literatur usw.) überhaupt ein Forschungsgegenstand ist.
Konfessionell gebundene Theologie sei laut Dawkins unwissenschaftlich, da sich Wissenschaft auch dadurch auszeichne, nicht voreingenommen zu denken. Wolf stellt fest, gerade das Festhalten an "Überzeugungen“ und Dogmen laufe dem Prinzip von Wissenschaft zuwider, eine Anpassung an die jeweiligen Erkenntnislage anpassenden grundsätzlich.
In Bezug auf naturwissenschaftliche Disziplinen trifft diese Anforderung in vollem Umfang zu.
Selbst habe ich mir noch keine abschließende Meinung zu dieser Frage gebildet. Doch ich frage mich schon, ob nicht interreligiöse Fächer dem Lehrauftrag in einem säkularen Staat eher entgegenkommen.

Freitag, 4. Dezember 2015

7 Tage ...unter Muslimen

NDR-Reportage (2013)

Ein paar Vorurteile stelle ich bei mir selbst schon fest. Beispielsweise, wenn eine muslimische Frau in einer TV-Diskussion mit Schleier auftritt, fühle ich mich provoziert - im ersten Moment. Vom Verstand her weiß ich, wie unsinnig meine Reaktion ist. Denn von der Person, die da auf dem Bildschirm erscheint, weiß ich absolut nichts - wie kann sie mich da provozieren?
Doch da ist ein weiterer Aspekt: diese Frau verschleiert sich, weil sie auf keinen Fall die Begehrlichkeiten fremder Männer wecken will. Das nehme ich persönlich: bin ich etwa ein triebgesteuerter Lüstling, der jede attraktive Frau anglotzt, sie mit Blicken förmlich auszieht? Nein, so in ich nicht! Es hat etwas Verletzendes, wenn offenbar alle Männer über einen Kamm geschoren werden.

Aus dieser Empfindung entsteht zugleich eine Ermahnung, nicht denselben Fehler zu begehen - indem ich etwa alle Muslime in eine Kategorie zu stecken, mit der wenig Gutes assoziiert wird. Es gibt nicht nur Wahhabiten, Salafisten und Islamisten. Das weiß eigentlich jeder; und doch wächst mit jedem von Islamisten begangenen Terroranschlag das pauschale Misstrauen gegenüber "dem" Islam. Hinzu kommt ein erbärmliches Halbwissen, also das bisschen Information, welches man aus den Medien aufgeschnappt und vielleicht noch durch 2-3 Wikipedia-Artikel angereichert hat.
Von der Lebenswirklichkeit muslimischer Menschen in Deutschland erfährt man dadurch so gut wie nichts.
Die u.a. Reportage "7 Tage ...unter Muslimen" zeigt das Leben schiitischer Muslime "zwischen strengen Ritualen, dem Ertragen von Vorurteilen und dem beruhigenden Glauben daran, dass Gott sowieso größer ist als alles und dass der Koran die Anleitung für ein glückseliges Leben bereithält. Was ist das für eine Religion, die wie keine andere die Nachrichten der letzten zwölf Jahre beherrscht hat? Was macht sie mit den Menschen?"

Die 7-Tage-Reportagen sollen nicht nur informieren, sondern auch dazu dienen, Vorurteile abzubauen. In Bezug auf Muslime gelingt dieses Vorhaben recht gut, wenn auch nicht so ganz:
Ein früherer Schulfreund von mir hat mit seiner Ehefrau vor einigen Jahren den Iran besucht. Nach seiner Rückkehr berichtete er von strikten Verhaltensregeln, welche insbesondere auch von Besuchern aus dem Ausland eingefordert werden. (Zum Beispiel ist während des Fastenmonats Ramadan tagsüber das Essen, Trinken und Rauchen in der Öffentlichkeit auch für Nichtmuslime verboten. Frauen müssen grundsätzlich die islamischen Bekleidungsvorschriften einhalten: "Es müssen Arme und Beine bis zu Knöcheln bzw. Handgelenken bedeckt sein. Ein Mantel muss mindestens knielang sein und soll die weiblichen Körperformen verhüllen. Haare und Nacken müssen durch ein Kopftuch bedeckt sein...Homosexuelle Beziehungen sind strafbar. Das gleiche gilt für sonstige sexuelle Handlungen, sofern sie außerhalb der Ehe ausgeübt werden." vgl. Ausw. Amt)

Die hierzulande vieldiskutierte Toleranz gegenüber 'Multikulti' gibt es in vielen islamisch geprägten Ländern nicht. Dabei wird nicht immer klar, welche Konvention religiös motiviert sind und wo eher Kultur und Tradition im Vordergrund stehen.
Da darf man von muslimischen Frauen und Männern wohl erwarten, dass sie sich hierzulande ebenfalls anpassen. Darf man? Ja, soweit es die deutschen Gesetze betrifft. Doch in Bezug auf die Kleidung gilt bei uns: Leben und leben lassen.