Donnerstag, 6. Oktober 2016

"Angela Merkel deutet die TTIP-Ablehnung als Antiamerikanismus."

...berichtet die ZEIT am 6. Oktober 2016.
"Ich sage es mal ganz vorsichtig: Die Tatsache, dass ein Freihandelsabkommen, das wir mit Russland verhandeln würden, wahrscheinlich nur die Hälfte aller Diskussionen mit sich bringen würde, das muss uns doch zu denken geben", so Merkel auf dem Tag der deutschen Industrie in Berlin.
Damit straft Merkel diejenigen unter ihren Befürwortern Lügen, die ihr "als gelernter Physikerin" die Fähigkeit und die Bereitschaft zur differenzierten Beurteilung politischer und ökonomischer Sachverhalte unterstellten.

Das Schwingen der Antiamerikanismus-Keule mag man nur vordergründig für clever halten. Ob damit das Ziel erreicht wird, ein paar der sachlich argumentierenden Kritiker von privaten Schiedsgerichten etc. zu diskreditieren und so in die Defensive zu treiben, darf indessen bezweifelt werden.
Zugleich ist es offenkundig an der Zeit, Frau Merkel in Erinnerung zu rufen, wem sie in erster Linie verantwortlich ist: nicht Wirtschaftslobbyisten, welche im Auftrag multinationaler Konzerne agieren, sondern den Bürgern ihres Landes.

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Kein Unterschied zwischen Islam und Islamismus im 'postfaktischen Zeitalter'?

Sachlich-faire Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Doch sobald lautstark erhobene Kritik kaum mehr ist als das Transportieren hasserfüllter Botschaften, ist es mE notwendig, die eigene Position exakt zu zu bestimmen. Außer, man nimmt in Kauf oder hat sogar den Wunsch), unreflektierte, generalisierende sowie oftmals auf griffige 140 Zeichen zurecht gestauchten Schlagzeilen nachzuplappern.

Das nachfolgende Gespräch zwischen dem Islam- und Poltikwissenschaftler Thorsten G. Schneiders und dem Journalisten Thilo Jung ("Jung & Naiv") aus dem Jahr 2015 wirft etliche Fragen auf, welche in diesem Zusammenhang relevant sind, z.B.:
"Was ist Islamismus? Gibt es nur den einen Islamismus? Gibt es ein christliches Pendant zu islamistischen Gruppierungen? Was ist der Unterschied zwischen Islamismus und Dschihadismus? Hat der IS etwas mit dem Islam zu tun? Außerdem: Wie verhält sich Islamophobie zum Antisemitismus?"
Nicht alle dieser Aspekte werden in dem 45 -minütigen Interview befriedigend beantwortet - was auch kaum machbar wäre. Vielmehr stellt diese Jung-und-Naiv-Ausgabe einen idealen Ausgangspunkt dar, um auf eigene Faust weiter zu recherchieren:


  Insoweit tut es auch nicht Not, hier das Für und Wider einzelner Elemente aus dem o.a. Gespräch zu erörtern, obgleich ich stutzte, als ich als ich eine weitere Fragestellung las: "Was macht Islamisten und Christdemokraten vergleichbar?" 
Obwohl keiner politischen Partei verpflichtet, reagierte ich defensiv-emotional: 'Wie kann man nur so einen Vergleich herstellen...?'.
Und damit war ich mitten im Thema: Längst geht es vorwiegend um Emotionen, eine sachlich-konstruktive Debatte ist in den sozialen Medien weitgehend ins Abseits geraten. 
Diese Emotionalisierung ist nahezu unausweichlich, sobald man die täglichen Nachrichten verfolgt: Seit dem Erstarken des "IS" verging kaum eine Woche ohne neue Schreckensnachrichten über abscheuliche Taten dieser Terror-Sekte; im Wettlauf nach treffsicheren Sensationsüberschriften war eine Gruppe von Schlagzeilen besonders 'erfolgversprechend': "Der islamistische Terror ist in Europa / Mitteleuropa / Frankreich / Belgien / Deutschland / ... angekommen." sollte wohl heißen: Die Einschläge kommen näher.
Aufgegriffen wurde diese Stimmung bekanntlich von politischen Kreisen, welche jeden zweckdienlichen Impuls im Sinne ihrer pauschalen Ablehnung von Muslimen und Flüchtigen instrumentalisieren. Und diese Kreise leisteten ganze Arbeit: So ähnlich wie HRC im US-Wahlkampf sich auf das Niveau ihres Gegners D.Trump begeben musste, schwenkten hierzulande Angehörige der sog. 'etablierten' Parteien auf die phrasenhaften Diskussionsstil der Neuen Rechten ein.
Resultierend fiel es zunehmend schwer, sich der vergifteten Atmosphäre in der politischen Auseinandersetzung zu entziehen. Mir persönlich gelang diese notwendige Distanzwahrung jedenfalls nicht sehr gut.

Nur, wie kann man sich diesem zähen Klebstoff entziehen, ohne zugleich die gesamte Thematik des Zusammenlebens mit Muslimen in Deutschland auszublenden? Eine allgemeine Antwort hierauf habe ich nicht; was meine Person angeht, stemme ich mich noch stärker gegen Trend einer "postfaktischen" Diskussionskultur.

Die These von Nietzsche "Nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen" mag in Fragen zu Theologie und Glaube ihre Berechtigung haben - wer sie auf politische Kontroversen  anwendet, liefert sich jedweder Lüge und Manipulation aus.
Es existieren Fakten, es stehen differenzierende Kategorien zur Verfügung - erst auf deren Grundlage bildet der "Dreischritt – Unterscheiden, Interpretieren, Prüfen – quasi das Bindemittel des Faktischen, 'the matter of fact'", stellt Eduard Kaeser in der NZZ fest


Dabei geht es nicht darum, jeden Deutungsspielraum zu eliminieren, sondern die eigene Interpretation möglichst auf verlässliches Wissen und Urteilsvermögen zu gründen. Die Alternative bestünde darin, zunehmend auf Halbwahrheiten zu vertrauen - insbesondere solche, die stets das vertiefen, was ich ohnehin schon glaube. Damit würde ich mich in meiner komfortablen "Filterblase" (noch so ein Wort, das Twitterer sich gegenseitig um die Ohren hauen) einnisten und nur noch denen zuhören, die meine Ansichten (und mittelbar mein Ego) bestätigen.
"Die Zersetzung der Demokratie beginnt mit der Zersetzung ihrer erkenntnis-theoretischen Grundlagen."

Quellenangaben:

Dienstag, 4. Oktober 2016

"Weil es ums Ganze geht" - Vortrag von Hans Peter Dürr (2011)

"Wir erleben mehr, als wir begreifen können."

Zumindest haben wir die Fähigkeit, gegenwärtig noch Unerklärtes wahrzunehmen und auf uns einwirken zu lassen. Wir wir damit umgehen -als Individuen sowie als Zivilgesellschaft - obliegt unserer eigenen Verantwortung. Klingt zunächst wie eine Binsenweisheit, geradezu banal - doch die resultierende Schlussfolgerung mahnt zur Bescheidenheit: Unser Bewusstsein ist derzeit noch nicht hinreichend ausgeprägt, um die naturwissenschaftlichen und 'metaphysischen' Erkenntnisse in ihrer Gesamtheit zu begreifen und eine ihr angemessene Ethik zu entwickeln, geschweige denn anzuwenden.
Der Physiker Hans-Peter Dürr († 2014) macht anhand einer Vielzahl von Einzelbeispielen deutlich, wie sehr wir dazu neigen, die Natur zu analysieren (=in handliche, verstehbare Fragmente zu zerlegen) und uns mit einer Interpretation dieser Bildausschnitte zu begnügen. Zwar versucht die Naturwissenschaft, die gewonnenen Ausschnitte wieder zu einem vollständigen Bild zu integrieren, verkennt dabei aber etwas Wesentliches: Gerade die Beschäftigung mit Lebendigem lässt offensichtlich werden: ein lebendiger Organismus ist weit mehr als die Summe seiner Teile
Dürr setzt sich hingegen für eine ganzheitliche Betrachtungsweise ein: 
"...das Erstaunliche dabei ist, dass sich diese revolutionären Einsichten in den vergangenen bald hundert Jahren seit ihrer theoretischen Klärung kaum auf die anderen Wissenschaften ausgewirkt und nur ganz oberflächlich Eingang in das allgemeine Denken unserer Gesellschaft gefunden haben."
Welche 'revolutionären Einsichten' sind gemeint(1)?
  • Aus der Quantenphysik (Kopenhagener Deutung) wissen wir: Die in der Natur ablaufenden Vorgänge sind nicht nicht determiniert, d.h. nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagbar. 
  • Eine Zerlegung von Materie in immer kleinere Bestandteile muss scheitern, denn Materie sei ihrerseits nicht aus Materie aufgebaut: "Am Ende allen Zerteilens von Materie bleibt etwas, das mehr dem Geistigen ähnelt – ganzheitlich, offen, lebendig."



Wer schon einen oder mehrere Vorträge von Dürr gehört hat, wird vielen seiner Kernaussagen nochmals begegnen. 

Quellenangaben: 

  1. "Der Teil und das Ganze" - Rezension zum Buch 'Das Lebende lebendiger werden lassen" von Hans-Peter Dürr

Montag, 2. Mai 2016

Trumpismus - ein rüpelhafter US-Präsident als Therapeut für die ganze Nation?

Erinnern wir uns an Maximilian Robespierre - jenen französischen Revolutionär, der die Terrorherrschaft erfand, Er wurde im Rückblick als "der große Vereinfacher" bezeichnet, wegen der schrecklichen Einfalt seiner Ansichten, die er mit der Brechstange (spirch Guillotine) durchzusetzen versuchte. Der vergleichsweise neue Terminus "Trumpismus" ist noch etwas weiter gefasst: er steht, wie der frühere Präsidentschaftskandidat Mitt Romney erklärte, auch für Rassismus, Geschmacklosigkeit und Engstirnigkeit. 
Seit einigen Wochen befasse ich mich wieder mit der unheilvollen Ära des George W. Bush, natürlich, dem Junior. Der Anlass: Mit "The Donald" könnte eine vergleichbare Periode eintreten, weil der Protagonist des Irak-Krieges und der partiellen Außerkraftsetzung der US-Verfassung in vieler Hinsicht mit dem Wannabe-Präsidenten Trump verglichen werden kann: Beide halten z.B. 'enhanced interrogation techniquesfür notwendig und ausgesprochen nützlich ...ein mieser Euphemismus für Waterboarding, Hundeboxen für Menschen, tagelange Scheinbeerdigungen und weitere Foltermethoden. O-Ton Trump: "Folter funktioniert!" und "Die IS-Leute können Köpfe abschneiden, aber wir dürfen nicht waterboarden?" Moral ist für den Egozentriker Trump also nur eine peinliche Ausrede von Schwächlingen für ihre Scheu das 'Richtige' zu tun? 
Viel mehr muss man gar nicht wissen, oder? Hinzu kommt, beide sind nicht eben detailverliebt; im Gegenteil: sobald es ums Konkrete, ums Eingemachte geht, weichen sie aus - warum wohl?

Aus der Sicht von Politikwissenschaftlern mag dieser Vergleich abwegig sein, bedenkt man die Unterschiede im Lebensweg sowie den politischen und religiösen Hintergrund eines Gotteskriegers wie Bush im Kontrast zum zynisch grinsenden Narzissten Trump. Als Laie sehe die Parallele trotzdem - im Hinblick auf die möglichen Auswirkungen einer Präsidentschaft Trumps, die noch über das von Bush hinterlassene Desaster hinausgehen könnten. Auf diese Überlegung kam ich erstmals, als der konservativer Kandidat D. Trump den ebenfalls der GOP angehörenden George W. Bush für 9/11 verantwortlich machte: "Das World Trade Center stürzte ein, als dein Bruder im Amt war". Das ist, ungeachtet meiner leidenschaftlichen Verachtung für den Ex-Präsidenten, kompletter Unsinn: Bush wurde am 20. Januar 2001 vereidigt; somit war er am 11. September desselben Jahres keine 9 Monate im Amt.

Nach der Wiederwahl von Bush junior im Jahr 2004 begann ich mich zu fragen: Schaut die Mehrzahl der Wähler in den USA überhaupt kein TV? Ist es ihnen egal? ...Oder lief tatsächlich etwas schief mit der Stimmenauszählung? Ähnliche Fragen stellte sich wohl das britische Boulevardblatt "Daily Mirror" am 4.11.2004: "Wie können 59.054.087 Menschen nur so blöd sein?Erstmals waren in den USA wurden Stimmabgaben ermöglicht worden, deren Zählung überhaupt nicht mehr von Menschen kontrolliert werden kann: Etwa ein Viertel aller Wähler hat auf Wahlmaschinen gewählt, die die Wahl ausschließlich in Form von Daten in ihrem Speicher registrieren und deren Verhalten weder Wähler noch Wahlhelfer überwachen können. 

Diese Haltung, mit der auch ich mittelbar unterstellte, nahezu alle US-Amerikaner sähen in einer zweiten Amtszeit von Bush das geringere Übel als den zwar farblosen, aber immerhin integren John Kerry, mündete nicht selten in eine unfaire Fehleinschätzung: Es waren keineswegs 'alle' US-Bürger einverstanden oder zumindest gleichgültig gegenüber dem, was Präsident Bush ihrem Land (und der gesamten Welt) antat.Was so keineswegs stimmte. Hierzulande war vereinzelt über Proteste berichtet worden, doch es blieb der Eindruck, die Prominenz versammele sich nahezu geschlossen hinter dem Führer ihrer Kriege führenden Nation - und zwar kritiklos.


Dass dieser Eindruck nicht zutraf, belegen Beispiele wie das von Stephen Colbert, der mit seiner Rede beim White House Correspondents Dinner (WHCD) beißende Kritik am amtierenden US-Präsidenten übte,
in dessen Anwesenheit (vgl. den vollständigen Text seiner Rede).



Stephen Colbert roasts Bush at 2006 White House Correspondents Dinner



Colbert hätte alleine mit den Aussprüchen seines amtierenden Präsidenten ein abendfüllendes Satire-Programm bestreiten können - ein winziger Auszug:
  • "Der Mars ist praktisch in derselben Umlaufbahn... Der Mars ist ungefähr gleich weit von der Sonne entfernt, was sehr wichtig ist. Wir haben Bilder von Kanälen und Wasser gesehen. Wenn es Wasser gibt, dann gibt es Sauerstoff. Wenn es Sauerstoff gibt, können wir atmen."
  • "Gott hat mir gesagt, ich solle AI Quaida angreifen, und ich griff sie an, dann unterwies er mich, Saddam anzugreifen, was ich tat. Jetzt bin ich dazu bestimmt, das Problem im Nahen Osten zu lösen."
Last but not least:
  • "Kein Präsident hat jemals soviel für die Menschenrechte getan wie ich!

Schlimmer geht's nimmer? Von wegen...

Nun, nachdem wir den wohltuenden Kontrast in der Gestalt von Barack Obama erleben durften, muss man sich angesichts des Vorwahlkampfes auf der republikanischen Seite fragen: Ist es bald wieder soweit? Wird sich im kommenden Jahr erneut eine Mehrheit der WählerInnen in den USA für einen gefährlichen, weil fanatischen (und zudem gänzlich unerfahrenen) Landeschef entscheiden, ettwa weil sie 'Krankenversicherung für alle' als Beschneidung ihrer persönliche Freiheit betrachten und seine Variante von "Lügenpresse"-Verschwörungstheorien glauben?

Was Trump von sich gibt, spricht wiederum für sich (ob der seine Reden alleine entwirft? Welcher PR-Profi würde sich für die Konzeption einer derartigen Flut von Unterstellungen und Beleidigungen hergeben? Seine Konkurrenten sowie Obama sind allesamt Schwächlinge, Leichtgewichte, "Stupids", würden keinen IQ-Test bestehen und immer wieder "Lügner". Den vorläufigen Höhepunkt bildete wohl sein hämischer Witz über einen behinderten Journalisten):





Bereits 2011 fasste Milliardär Trump das Vorhaben ins Auge, US-Präsident zu werden, was Snoop Dog  dies mit den Worten kommentierte: "Donald sagt, er will als Präsident kandidieren. Warum nicht? Wäre nicht das erste Mal, dass er eine schwarze Familie aus ihrem Haus verdrängt". 
Im August 2015 schrieb Markus Günther in der FAZ über das Geheimnis des Trumpismus:
"Donald Trump wird zwar niemals amerikanischer Präsident, aber er leistet
wertvolle therapeutische Dienste in einem zutiefst neurotischen Land."
Und: "Für Menschen mit Bestrafungsphantasien sind die Auftritte eines brutalen Egomanen der reine Lustgewinn."
Trump sei entzaubert, befanden viele Kommentatoren - ihm sei die Munition ausgegangen. Sie alle haben zu früh gebrüllt, abgesehen davon ist es daneben, ein ganzes Land pauschal in die Neurotiker-Ecke zu stellen. Dass dieser Egomane, dessen Reichtum ihm offenbar den Verzicht auf jeden Anstand gestattet, einigen Leuten als Trump als Prokjektionsfläche unterdrückter Phantasien dienen mag, könnte zwar zutreffen. Sogar in einer Stimmungslage, in der sich die Angst vor dem Terror mit der Furcht vor dem Fremden sowie vor dem fortgesetzten eigenen sozialen Abstieg mischt, würde kaum jemand die Domina aus dem bevorzugten Lack- und Lederstudio gleich an die Spitze eines Landes wählen.
Warum nicht? Weil den meisten Wählern durchaus bewusst ist, dass der Staatschef und oberste Kommandierende der Streitkräfte über andere Qualifikationen verfügen sollte als eine noch so erfolgreich auspeitschende Domina. 
Bezogen auf The Donald bedeutet dies: wer ihn wählt, würde sehenden Auges dessen öffentliche Selbstbefriedigung goutieren ...mit inhaltlich relevanter Politik hätte dies überhaupt nichts mehr zu tun. Wem also leistet einer wie Trump "therapeutische Dienste, indem er dem politischen Publikum hilft, Gefühle abzuspalten" und auf ihn zu projizieren? 


Mit Verschwörungstheorien Wahlen gewinnen?

Die tatsächlichen Ursachen für den aufkeimenden Trumpismus als Massenphänomen liegen woanders, sie besitzen vermutlich einen weitaus konkreteren Hintergrund: 
Die Lebenszufriedenheit des einzelnen hängt wesentlich vom Zustand der Gesellschaft insgesamt ab ...verkürzt gesagt: fallen die Einkommenszuwächse für alle sozialen Schichten mau aus, finden sich die meisten damit notgedrungen ab. Verfestigt sich aber der Eindruck, dass die ohnehin Reichen und Mächtigen auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, während für den durchschnittlichen Steuerzahler kaum etwas übrig bleibt (d.h. wenn sein Einkommen über viele Jahre nicht oder kaum wächst), dann kann die 'normale' Unzufriedenheit in echte Wut sowie eine Verweigerungshaltung münden. 

Eben dieser Eindruck entstand in den USA im Laufe der bis heute nicht ausgestandenen Finanzkrise. Verkürzt dargestellt: Durch ein Bailout in Milliardenhöhe profitierten etliche der Verursacher in gewaltigem Ausmaß von der Überschuldung des Finanzsektors, die nach Lehman auch AIG und weitere Akteure des Investmentbankings in den Abrund zu reißen drohte. Der US-Regierung sei nichts anderes übrig geblieben, als rettend einzugreifen - sagen die Befürworter der Rettungspakete. Wie dem auch sei, für Arbeitnehmer der unteren Einkommensklassen stellte sich das Resultat dieser Verstaatlichung privatwirtschaftlicher Schulden und Verlustvorträge unter einem einzigen Aspekt dar: die enge Vernetzung von Politik und Finanzsektor machte zahlte sich aus - wieder und wieder, auf ihre Kosten (als Steuerzahler). In derselben Phase (von 2007 bis etwa 2010) verloren Millionen Amerikaner ihr Eigenheim sowie ihre berufliche Existenz - doch ihnen kam der Staat nur selten zu Hilfe, mit einer Ausnahme: 
Wem sogar das Geld fürs tägliche Essen fehlte, durfte Lebensmittelbeihilfe (SNAP - Supplemental Nutrition Assistance Programbeanspruchen. 2013 lebten 47 Millionen der ca. 315 Millionen US-Bürger von Essensmarken, das sind 70 Prozent mehr als im Jahr 2008. Das steigende Armutsniveau steht seit der Finanzkrise in krassem Gegensatz zum zeitgleichen Anstieg des Einkommens und Vermögens derer, die zu dem reichsten 1 Prozent der US-Bevölkerung zählen. Auch erholte sich der Arbeitsmarkt (im Oktober 2009 lag die Arbeitslosenrate bei 10 Prozent) nur langsam, ungeachtet der Niedrigzins-Politik der FED (wie auch der EZB) - eine Wirtschaft eines Landes floriert eben nicht alleine vom Export, solange die Binnennachfrage am Boden liegt.

Die Zementierung sozialen Ungleichgewichts bildet seit jeher einen fruchtbaren Nährboden für einfach gestrickte Erklärungsmuster von Populisten: In deren Rückblick erfolgte seit Ronald Reagan eine unablässige Kaskade von Vergünstigungen für Reiche und Superreiche: Steuerkürzungen, Deregulierungen des Finanzmarktes sowie Verlagerung von Arbeitsplätzen und ganzer Produktionszweige als Folge von Freihandelsabkommen wie z.B. NAFTA.

Dies ist selbstredend eine äußerst isoliert Betrachtung der wachsenden Armut in den USA; außerdem ist der Sachverhalt weitaus komplexer als hier von mir in drei Sätzen skizziert. Wer indessen ohne eigenes Verschulden zu den Verlierern der turbulenten Zeit von 2001 bis 2011 zählt, wird einem wütenden Schreihals durchaus Glauben schenken, der anscheinend eine schlüssige Erklärung für die Misere liefert: Schuld sei ausschließlich das "korrupte Establishment in Washington", das halt einen teuflischen Pakt auf Gegenseitigkeit mit der Finanzwelt geschlossen habe ...dieser werde von einer Legislaturperiode zur nächsten stillschweigend erneuert - egal ob gerade Demokraten oder Republikaner den Präsidenten stellen. (Verschwörungstheorie? Ja, sicher ...genauso wie die Behauptung Trumps, der globale Klimawandel sei lediglich erlogen. Im übrigen sieht sich der Milliardär selbst an der Spitze einer Nahrungskette, welche ausschließlich seinen Interessen dient. Oberster Diener des Volkes und so? Lächerlich. Trotzdem funktioniert das Aufstacheln eines seit langem schwelenden Volkszorns mittels einer Vielzahl verbaler Tabubrüche, welche das Establishment erst einmal verkraften muss:
  • Seit 9/11 und unter dem Eindruck wachsender Existenzangst scheinen viele US-Bürger jeglichen Versprechungen zugewandt, die eine Verbesserung ihrer eigenen Lebenssituation vorgaukeln. 
  • Präzise Schuldzuweisungen sind da auch gerne gehört: sobald die vermeintlich Schuldigen an der wirtschaftlichen Misere endlich von einem "Macher" wie Trump bestraft oder, besser noch, gleich entfernt werden, geht es für einen selbst doch bald wieder aufwärts, oder? 
  • Eine einzige Gruppe von Schuldigen reicht freilich nicht: die 'Gesamtheit der terrorwütigen Muslime' gehört ebenfalls angeprangert, nachdem die nichtsnutzige Polit-Elite ihr Fett weg hat. Als ideales Feindbild wird Merkel fokussiert - als weichherzige Schutzherrin all der zertretenswerten Kakerlaken, die in Schwärmen erst über Europa herfallen und dann über Trump sein Amerika.
  • Die nichtsnutzigen NATO-Partner in Europa sind ebenfalls schuldig: sie sollen gefälligst mehr für ihren Schutz durch die Führungsnation bezahlen oder sehen wo sie ohne Amerika bzw. Trump bleiben.
  • Putin sei dagegen gar nicht so schlimm, vermutet Der Donald. Diese Einschätzung überrascht kaum, aus der Ferne dürften sich die beiden Egomanen durchaus schätzen und ein paar "großartige Deals" aushandeln - vielleicht ein kleines Land gemeinsam überfallen und anschließend fair aufteilen? Hauptsache, der Bombenerfolg wird daheim in Washington und Moskau bejubelt und mit Sondersendungen auf allen Kanälen bejubelt ...was die Herrschaft über die Medien angeht, hat Vorbild Vlad seinem aufstrebenden Bewunderer Donald einiges voraus - noch.
  • Was fehlt noch zum Rundumschlag? Ach ja, China habe "die USA vergewaltigt", das darf natürlich so nicht weitergehen. Wer nun meint, die Ausgabe und der Aufkauf von Staatsanleihen bedürfe ebenso wie ein Handelsdefizit nicht nur einer Seite, hat halt keine Ahnung.
Hauptsache pauschal-radikal, direkt und 'handlungsorientiert' ...kommt uns das nicht bekannt vor (hier aus Deutschland, meine ich)? Diesen "konzeptionellen Ansatz" kommentiert Außenminister Steinmeier, nun ja, zurückhaltend: Er könne nur hoffen, "dass der Wahlkampf in den USA nicht an der Wahrnehmung der Realitäten vorbeigeht." Die außenpolitischen Pläne Trumps hält er für "nicht ganz ausbuchstabiert" und "nicht ganz frei von Widersprüchen". In der Sprache der Diplomaten bedeutet das wohl 'völlig unausgegorenes zusammenhangloses Gestammel einer Person, die am Ende ihrer Rede nicht mehr weiß, was sie am Anfang gesagt hat'.

Der scheidende Amtsinhaber Barack Obama reagiert auf Trumps Tiraden gelegentlich mit Humor - ansonsten weniger als Psychotherapeut, eher als Motivationstrainer: Er appelliert an die Vernunft und Menschlichkeit seiner Zuhörer und warnt explizit vor einem Kandidaten, der Muslimen pauschal die Einreise verbieten möchte:

"Wenn Politiker Muslime beleidigen, wenn eine Moschee verwüstet oder ein Kind schikaniert wird, dann macht uns das nicht sicherer. Es setzt uns in den Augen der Welt herab. Es macht es schwerer, unsere Ziele zu erreichen. Es begeht Verrat an dem, was uns ausmacht." 
Zugleich erinnert er daran, wie das Land auf den Sputnik-Schock der 50er Jahre reagierte – mit einer Wissenschaftsoffensive, einem Innovationsschub, bis schließlich nach 10 Jahren Mondlandung den Wettbewerb mit der UdSSR um die Eroberung des Weltraums entschied. Nicht das düsteres 'Grumpy Cat-Gehabe' der GOP ist angesagt, sondern Optimismus.
Grumpy Cat, das passende Aushängeschild
konservativer US-Republikaner/der AfD?

Kluge, besonnene Worte, wie ich sie mir in dieser Deutlichkeit auch von Bundeskanzlerin Merkel in Richtung der 'besorgten' Wutbürger in Deutschland wünschen würde.
Falls die US-Wahl ungeachtet aller verklungenen (und bis zum Wahltag wohl noch ausstehenden) Mahnungen so ausgehen sollte wie von manchen befürchtet, werden wir in Deutschland diesmal sehr kleine Brötchen backen müssen: Mit dem Finger auf die 'verirrten Amis' zeigen geht diesmal nicht! 

Nicht weil the Donald der Enkel eines deutschen Einwanderers namens Drump ist; vielmehr haben wir in der unaufhörlich nach rechts abgleitenden AfD unsere eigenen Wirrköpfe, die mit wüsten islam-feindlichen Thesen laufend an Zustimmung gewinnen. Es scheint, Sündenbock-Theorien haben wieder Hochkonjunktur, diesseits wie jenseits des Atlantiks:

Trump sagt in einem der im o.a. Video zusammen gefassten Ausschnitte, er wolle eine Mauer zwischen den USA und Mexiko errichten (wegen der vielen illegalen Einwanderer, für Trump alle "Verbrecher und Vergewaltiger") ...wie sich die Bilder gleichen, hierzulande wollen Populisten ganz Deutschland zumauern (wegen der vielen Flüchtlinge). Und in beiden Fällen applaudieren viele, zu viele.

Falls The Donald tatsächlich die Wahl zum Präsidenten der USA gewinnt, wird sich sein Ego ist zu enormen Proportionen aufblasen ...gemäß der uralten These "je kleiner der Geist, um so größer die Einbildung" - geschieht die Neubelebung des Wildwestmythos in Gestalt des zweiten Kriegs- und Folterpräsidenten im 21. Jahrhundert, der jegliche Friedensbemühung moderater Kräfte neutralisiert? Damit bin ich wieder beim eingangs erwähnten Robespierre angelangt ...betrachtet sich Donald Trump nicht gleichfalls als eine Art Revolutionär, der Amerika wieder zu wahrer Größe verhilft? Äußerungen von ihm lassen erahnen, mit welchen Instrumenten er die Gegner seiner "amerikanischen Werte" im In- und Ausland zu überzeugen gedenkt: Bomben, brutalste Sanktionen und bei Bedarf Folter. Etwaige Fehlschläge wird er wie bisher sehr persönlich nehmen, sie werden ihn ermutigen, noch verbissener und extremer zu agieren und seine bereits heute verzweifelten republikanischen Parteigenossen wie der Kapitän der Titanic einzuschwören, nur ja "auf Kurs zu bleiben".
(Sofern Sie zur Ansicht gelangen, diese Schreckensvision sei übertrieben, lesen Sie bitte seine Absichtserklärungen - z.B. sein Vorhaben, "syrische Flüchtlinge zu foltern, um herauszufinden, ob es sich um Anhänger des Islamischen Staats handelt".)
Als Psychotherapeut eignen sich Persönlichkeiten mit überdimensioniertem Ego grundsätzlich nicht; sie schüchtern ihre Klienten ein und die resultierende (positive oder negative) Identifikation überlagert jeden Heilungsprozess. Als Figur einer klassischen Tragödie (die Poetik Aristoteles' lässt grüßen) taugt ein Trump schon eher: Durch das Durchleben von Jammer/Rührung und Schrecken/Schauder erfährt der Zuschauer als deren Wirkung eine Katharsis, d.h. eine Reinigung seiner Seele von diesen schädlichen Erregungszuständen. Um diesen reinigenden Prozess zu bewirken, empfiehlt sich ein Theater-Abonnement eher als eine Präsidentschaftswahl mit potenziell fatalen Folgen. 

Quellen: 

  1. "Das Geheimnis des Trumpismus", Markus Günther auf FAZ.net 
  2. "Donald Trump verteidigt Folter", ZEIT.de, 18.2.16
  3. "Barack Obama rechnet in seiner letzten Rede [an die Nation] mit Donald Trump ab", Augsburger Allgemeine, 13.1.16 
  4. "47 Millionen US-Bürger leben von Essensmarken", WSJ, 1.4.13
  5. "US-Außenpolitik: Steinmeier wirft Trump Planlosigkeit vor", SPON, 28.4.16
  6. "Die besten 50 George Bush-Zitate"