Sonntag, 22. Januar 2017

Trump: Lassen sich Fakten befehlen?

Wen interessiert es, wieviele Fans einem selbstverliebten Narzissten zujubeln? Keine Ahnung, mir persönlich ist so etwas jedenfalls herzlich egal. 

Aufmerksam wurde ich erst, als Sean Spicer, der neue Pressesprecher des Weißen Hauses gleich in seiner ersten Pressekonferenz den anwesenden Journalisten (s)eine Wahrheit diktieren wollte, die mit der objektiven Realität nicht übereinstimmt: Es ging um die Zuschauerzahlen bei Trumps Vereidigung vor dem Kapitol in Washington. Nicht seine erste Amtshandlungen wurden diskutiert, sondern etwas anscheinend viel bedeutsameres: "...dass zu Trumps Vereidigung nicht annähernd so viele Menschen gekommen waren wie zu Obama."



Versuch, die Presse einzuschüchtern?

Sind dies nun die brisanten Themen, mit denen die Weltöffentlichkeit die kommenden 4 Jahre genervt wird? 
Bemerkenswert an diesem bemitleidenswerten Auftakt ist für mich eines: Spicer drohte den Journalisten ganz offen: 
"Es wurde viel geredet über die Verantwortung, Donald Trump zur Rechenschaft zu ziehen - und ich bin hier, um euch zu sagen: Das geht in zwei Richtungen. Wir werden unsererseits die Presse zur Rechenschaft ziehen.
Trump selbst hatte zuvor gegenüber CIA-Mitarbeitern Überraschendes verraten: "Wie Sie wissen, befinde ich mich in einem anhaltenden Krieg mit den Medien." 

Allein dieser Umstand (wie Trump und seine unmittelbaren Untertanen mit der Pressefreiheit umgehen) ist für mich persönlich von Interesse. Falls noch nicht geschehen, sollte ein wohlmeinender Berater ihm und seinem Pressesprecher den 1. Verfassungszusatz vorlesen und ggf. in einfachen Worten erklären:

Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances.”
„Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu versammeln und die Regierung durch Petition um Abstellung von Missständen zu ersuchen.
Sollten Donald Trump bzw. seine Angestellten sogar die elementaren Grundsätze der Politikgestaltung in den USA fortgesetzt missachten, könnte es überraschend schnell vorbei sein mit dieser "Ära".
Ob man ihn 30 mal den Satz "Ich darf die Presse nicht einschränken." schreiben lassen sollte...?


Weiterlesen:
Ach ja, die Zuschauerzahlen...
Trump will anderthalb Millionen Zuschauer bei seiner Inauguration gesehen haben, wohingegen anwesende Medienvertreter bloß 250.000 Jubelamis gezählt(?) hätten.

Mir ist nicht klar, wie man dies bei regnerisch-bewölkter Wetterlage präzise ermitteln will. Aus eigener Anschauung kann ich nur sagen: Auf Fernsehbildern waren um das Kapitol bis hin zum Washington Monument etliche freie Flächen zu sehen. Bei der ersten Amtseinführung von Obama war das anders - also dürfte Barack mehr Menschen angezogen haben als der Donald.


Sicher scheint: Die Protestmärsche (Women's March on Washington) gegen Trump waren weitaus zahlreicher besucht als vergleichbare Veranstaltungen anlässlich früherer Amtseinführungen.

Ob sein bisheriger Konfrontations- und Einschüchterungskurs wirklich etwas wie "Make America Great Again" bewirkt???

Samstag, 21. Januar 2017

Ein fieser Möpp regiert in Washington - und jetzt?

Panik und Trotz und helfen jedenfalls nicht.

Liebe Kontinental-Europäer,


Die Vereinigten Staaten von Amerika haben einen neuen Präsidenten und deren mit über 700 Stützpunkten weltweit präsente Streitkräfte somit einen neuen Chef. Mit dieser Personalentscheidung muss man nicht glücklich sein - sei es nur, weil eine Konzentrationsspanne von weniger als 120 Sekunden für die Bewältigung komplexer Sachverhalte kaum ausreicht. Dennoch, wir werden mindestens vier Jahre mit ihm leben müssen.

Und jetzt hört bitte mal auf, wildeste Spekulationen 
ohne substanzielle Grundlage über sein künftiges Regierungshandeln anzustellen.

Launenhafte Randbemerkungen (oder Tweets zur Nachtzeit) des offensichtlich noch unzureichend gebrieften Polit-Erstklässlers stellen jedenfalls keine geeignete Basis dar, um die noch im Werden befindliche Programmatik des gewählten und vereidigten POTUS zu erschließen.

Man denke doch acht Jahre zurück: Welche umfänglichen Wahlversprechen gab (der als Person von mir sehr geschätzte) Barack Obama ab - von wegen Transparenz, Datenschutz, Wiederherstellung der unter dem wiedergeborenen Kreuzritter Bush jun. nahezu pulverisierten Bürgerrechte! Bald nach seinem Amtsantritt wurden nicht alle, aber doch etliche der Vorsätze Obamas von der Realität eingeholt - in Form von Expertisen und eindringlichen Ermahnungen der zuständigen Fachleute. Obama hörte zu und korrigierte seinen Kurs, soweit aus seiner nun erweiterten Perspektive unausweichlich.


Ob dieses kumulierte Aha-Erlebnis auch den Herrn Trump ereilen wird und wie er damit umzugehen imstande sein mag, kann ich nicht beurteilen - von seinem Naturell her scheint er sich doch sehr von seinem sympathischen Vorgänger zu unterscheiden. 


Protektionismus fairen Handelskommen vorzuziehen ist in der Vergangenheit oft genug gescheitert - wer glaubt ernsthaft, China (das US-Amerikanische Staatsanleihen im Wert von gut 2 Billionen US$ besitzt) werde einfach stillhalten und auf empfindliche Gegenmaßnahmen verzichten, sobald Donald einseitig Strafzölle verhängt? Wurde dieses Szenario mal bis an sein absehbares Ende durchkalkuliert? 


Trotzdem, so schwer es auch fallen mag: jetzt gilt es in größtmöglicher Besonnenheit die 100 Tage abzuwarten, die jedem nach Einnahme einer neuen Position zugestanden werden (sollten). Dass dies nicht leicht  fällt, verstehe ich - aber was bringt es, mit voreiligen 'Prognosen' und Mutmaßungen zusätzlich Unruhe und Verunsicherung zu verbreiten?


Gerade im Angesicht wachsender Unsicherheit sollte uns bewusst sein, wie schädlich Emotionalisierung sich auswirkt, sobald sie den Verstand dominiert. Die wenigsten Medien werden ihrer gegenwärtigen Verantwortung gerecht, solange sie weiterhin Emotionen bedienen und sich um ungelegte Eier kümmern. Die Dominanz von Konjunktiven ist für objektive Berichterstattung ungeeignet. Wenn man bis auf weiteres keine neuen Fakten über Trump und sein Ministerkabinett zu berichten weiß, dann st das eben so ...sehr lange wird dieser Zustand ohnehin nicht andauern.
Dass sich die blau-braune Klientel nun gleich an Donald Trump ranschleimt, erfüllt mich vor allem mit Schadenfreude. Doch diese Entwicklung gilt es künftig zu beobachten - es darf nicht sein, dass die Bundestagswahl 2017 wesentlich von Putin- und/oder Trump-Schergen (bzw. von irgendwelchen anderen Kräften im Ausland) beeinflusst wird!


"Wenigstens war er ehrlich."


Die meisten Kommentare zu Trumps düsterer, doch wenig konkreter Antrittsrede gipfeln in Aussagen wie: "Wer auf einen neuen, gemäßigten Trump gehofft hat, ist mal wieder bitter enttäuscht worden." Hoffnung auf eine spontane Persönlichkeitsveränderung, wirklich? Was hätte es schon gebracht, wenn der Wolf sich einen Schafspelz hüllte - um damit ein paar europäische Jornalisten milde zu stimmen? Jene Hälfte seiner Landsleute, die Clinton oder Sanders gewollt hat, wäre damit kaum zu beeindrucken gewesen - dafür wurde im Wahlkampf zu viel Porzellan zerschlagen.


Ist es für Europa womöglich sinnvoller, die eigenen Hausaufgaben zu erledigen (bestehende Verträge endlich zu erfüllen, um weniger Angriffsfläche zu bieten), sich als national wie auch in transnationalen Verbünden wie der EU auf bevorstehende Aufgaben vorzubereiten und für eine mögliche Phase von "Einschüchterung und Eskalation" in den Beziehungen zu den Vereinigten Staaten gewappnet zu sein?

Dies kann auch bedeuten, sich in der stets ungleich gewesenen transatlantischen Partnerschaft zu emanzipieren und eine europäische Armee aufzubauen. Ich bin beileibe kein Freund des Militarismus, aber eine Abhängigkeit von fremden Streitkräften unter einer unwägbaren Trump-Administration wäre ein potenziell größeres Übel. Doch Vorsicht: für solch einen radikalen Schwenk ist es noch zu früh.

Im Berufsleben durfte/musste ich mich mit Alphatieren vom Typ 'situativer Entscheider mit mangelnder Impulskontrolle' auseinandersetzen. Man begegnet ihnen bestmöglich, indem man sie erst mal kommen lässt - und dann im Rahmen einer soliden Konzeption reagiert. Apropos Konzept - hat Europa schon eines in Bezug auf die anstehenden Herausforderungen...?


Oder erweisen wir uns weiterhin als wild blökende Herde von (medialen) Wiederkäuern, die in ihrer Angst beim ersten Donnern wuschig umherrennt, anstatt sich einen Unterstand zu suchen - für den Fall, dass wirklich ein 4 Jahre anhaltendes Gewitter von Westen her aufzieht?


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"Der beste Weg aus der Ohnmacht ist Akzeptanz." Oder Humor: 

Twitter-User überlegten vor der Amtsübergabe, was Obama und sein Vize Boden wohl anstellen könnten, um dem neuen Bewohner eins auszuwischen:

Biden schlägt vor, eine aggressive Katze in einer Schublade zu verstecken und diese mit einer Notiz zu versehen, dass Trump doch mal versuchen solle, nach dieser Pussy zu grapschen. Im Wahlkampf war ein Video aufgetaucht, in dem sich Trump selbst als Pussygrapscher brüstet. Obama sagt: "No, we can't."


Donnerstag, 6. Oktober 2016

"Angela Merkel deutet die TTIP-Ablehnung als Antiamerikanismus."

...berichtet die ZEIT am 6. Oktober 2016.
"Ich sage es mal ganz vorsichtig: Die Tatsache, dass ein Freihandelsabkommen, das wir mit Russland verhandeln würden, wahrscheinlich nur die Hälfte aller Diskussionen mit sich bringen würde, das muss uns doch zu denken geben", so Merkel auf dem Tag der deutschen Industrie in Berlin.
Was ist nun mit Merkels über den grünen Klee gelobten Fähigkeit und Bereitschaft zur differenzierten Beurteilung politischer und ökonomischer Sachverhalte?

Das Schwingen der Antiamerikanismus-Keule mag man nur vordergründig für clever halten. Ob damit das Ziel erreicht wird, ein paar der sachlich argumentierenden Kritiker von privaten Schiedsgerichten etc. zu diskreditieren und so in die Defensive zu treiben, darf indessen bezweifelt werden.
Zugleich ist es offenkundig an der Zeit, Frau Merkel in Erinnerung zu rufen, wem sie in erster Linie verantwortlich ist: nicht Wirtschaftslobbyisten, welche im Auftrag multinationaler Konzerne agieren, sondern den Bürgern ihres Landes.

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Kein Unterschied zwischen Islam und Islamismus im 'postfaktischen Zeitalter'?

Sachlich-faire Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Doch sobald lautstark erhobene Kritik kaum mehr ist als das Transportieren hasserfüllter Botschaften, ist es mE notwendig, die eigene Position exakt zu zu bestimmen. Außer, man nimmt in Kauf oder hat sogar den Wunsch), unreflektierte, generalisierende sowie oftmals auf griffige 140 Zeichen zurecht gestauchten Schlagzeilen nachzuplappern.

Das nachfolgende Gespräch zwischen dem Islam- und Poltikwissenschaftler Thorsten G. Schneiders und dem Journalisten Thilo Jung ("Jung & Naiv") aus dem Jahr 2015 wirft etliche Fragen auf, welche in diesem Zusammenhang relevant sind, z.B.:
"Was ist Islamismus? Gibt es nur den einen Islamismus? Gibt es ein christliches Pendant zu islamistischen Gruppierungen? Was ist der Unterschied zwischen Islamismus und Dschihadismus? Hat der IS etwas mit dem Islam zu tun? Außerdem: Wie verhält sich Islamophobie zum Antisemitismus?"
Nicht alle dieser Aspekte werden in dem 45 -minütigen Interview befriedigend beantwortet - was auch kaum machbar wäre. Vielmehr stellt diese Jung-und-Naiv-Ausgabe einen idealen Ausgangspunkt dar, um auf eigene Faust weiter zu recherchieren:


  Insoweit tut es auch nicht Not, hier das Für und Wider einzelner Elemente aus dem o.a. Gespräch zu erörtern, obgleich ich stutzte, als ich als ich eine weitere Fragestellung las: "Was macht Islamisten und Christdemokraten vergleichbar?" 
Obwohl keiner politischen Partei verpflichtet, reagierte ich defensiv-emotional: 'Wie kann man nur so einen Vergleich herstellen...?'.
Und damit war ich mitten im Thema: Längst geht es vorwiegend um Emotionen, eine sachlich-konstruktive Debatte ist in den sozialen Medien weitgehend ins Abseits geraten. 
Diese Emotionalisierung ist nahezu unausweichlich, sobald man die täglichen Nachrichten verfolgt: Seit dem Erstarken des "IS" verging kaum eine Woche ohne neue Schreckensnachrichten über abscheuliche Taten dieser Terror-Sekte; im Wettlauf nach treffsicheren Sensationsüberschriften war eine Gruppe von Schlagzeilen besonders 'erfolgversprechend': "Der islamistische Terror ist in Europa / Mitteleuropa / Frankreich / Belgien / Deutschland / ... angekommen." sollte wohl heißen: Die Einschläge kommen näher.
Aufgegriffen wurde diese Stimmung bekanntlich von politischen Kreisen, welche jeden zweckdienlichen Impuls im Sinne ihrer pauschalen Ablehnung von Muslimen und Flüchtigen instrumentalisieren. Und diese Kreise leisteten ganze Arbeit: So ähnlich wie HRC im US-Wahlkampf sich auf das Niveau ihres Gegners D.Trump begeben musste, schwenkten hierzulande Angehörige der sog. 'etablierten' Parteien auf die phrasenhaften Diskussionsstil der Neuen Rechten ein.
Resultierend fiel es zunehmend schwer, sich der vergifteten Atmosphäre in der politischen Auseinandersetzung zu entziehen. Mir persönlich gelang diese notwendige Distanzwahrung jedenfalls nicht sehr gut.

Nur, wie kann man sich diesem zähen Klebstoff entziehen, ohne zugleich die gesamte Thematik des Zusammenlebens mit Muslimen in Deutschland auszublenden? Eine allgemeine Antwort hierauf habe ich nicht; was meine Person angeht, stemme ich mich noch stärker gegen Trend einer "postfaktischen" Diskussionskultur.

Die These von Nietzsche "Nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen" mag in Fragen zu Theologie und Glaube ihre Berechtigung haben - wer sie auf politische Kontroversen  anwendet, liefert sich jedweder Lüge und Manipulation aus.
Es existieren Fakten, es stehen differenzierende Kategorien zur Verfügung - erst auf deren Grundlage bildet der "Dreischritt – Unterscheiden, Interpretieren, Prüfen – quasi das Bindemittel des Faktischen, 'the matter of fact'", stellt Eduard Kaeser in der NZZ fest


Dabei geht es nicht darum, jeden Deutungsspielraum zu eliminieren, sondern die eigene Interpretation möglichst auf verlässliches Wissen und Urteilsvermögen zu gründen. Die Alternative bestünde darin, zunehmend auf Halbwahrheiten zu vertrauen - insbesondere solche, die stets das vertiefen, was ich ohnehin schon glaube. Damit würde ich mich in meiner komfortablen "Filterblase" (noch so ein Wort, das Twitterer sich gegenseitig um die Ohren hauen) einnisten und nur noch denen zuhören, die meine Ansichten (und mittelbar mein Ego) bestätigen.
"Die Zersetzung der Demokratie beginnt mit der Zersetzung ihrer erkenntnis-theoretischen Grundlagen."

Quellenangaben: