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Dienstag, 15. März 2016

Sollte Theologie noch an Universitäten gelehrt werden?

Von der Theologie als "Königsdisziplin" an der Uni ist heute kaum mehr die Rede - der 'Zeitgeist' scheint sich von allem abzuwenden, was mit Religion und Spiritualität zusammenhängt. In einem Interview mit BRalpha (Sept. 2015) sprach Prof.Dr. Johanna Rahner (Universität Tübingen) darüber, ob Theologie überhaupt noch an Universitäten gelehrt werden sollte.

Zur Abgrenzung: 
  • Theologie bezeichnet „die Lehre von Gott“ oder Göttern im Allgemeinen und die Lehren vom Inhalt eines spezifischen religiösen Glaubens und seinen Glaubensdokumenten im Besonderen.
  • Dagegen ist Metaphysik eine Grunddisziplin der Philosophie; sie behandelt die zentralen Probleme der theoretischen Philosophie, nämlich die Beschreibung der Fundamente, Voraussetzungen, Ursachen oder „ersten Gründe“, der allgemeinsten Strukturen, Gesetzlichkeiten und Prinzipien sowie von Sinn und Zweck der gesamten Wirklichkeit bzw. allen Seins.
Die Fragestellung "Warum gehört Theologie an die Universität" (Interview auf br.de) scheint die Antwort vorwegzunehmen - dass Theologie in jedem Falle weiter als Universitätsfach gelehrt werden sollte. Rahner verweist auf die historische Bedeutung der Theologie für die Entwicklung der universitäre Bildung; sie betont zudem, an Universitäten könne die Theologie als Feld mit "festen Überzeugungen" in den Diskurs mit anderen Disziplinen treten. 
Robert Wolf (Quellenangabe s.u.) sieht das anders und zitiert in seinem offenen Brief an die Professorin gleich mal den atheistischen 'Mann für's Grobe', Richard Dawkins:
„Ich warte noch immer auf einen stichhaltigen Grund für die Annahme, dass die Theologie (im Unterschied zu historischer Bibelkunde, Literatur usw.) überhaupt ein Forschungsgegenstand ist.“
Konfessionell gebundene Theologie sei laut Dawkins unwissenschaftlich, da sich Wissenschaft auch dadurch auszeichne, nicht voreingenommen zu denken. Wolf stellt fest, gerade das Festhalten an "Überzeugungen“ und Dogmen laufe dem Prinzip von Wissenschaft zuwider, eine Anpassung an die jeweiligen Erkenntnislage anpassenden grundsätzlich.
In Bezug auf naturwissenschaftliche Disziplinen trifft diese Anforderung in vollem Umfang zu.
Selbst habe ich mir noch keine abschließende Meinung zu dieser Frage gebildet. Doch ich frage mich schon, ob nicht interreligiöse Fächer dem Lehrauftrag in einem säkularen Staat eher entgegenkommen.

Sonntag, 11. Oktober 2015

Religion muss endlich Privatsache werden!

Am Individuum führt sowieso kein Weg vorbei.

Was der Einzelne glaubt, ist ausschließlich sein persönliches Problem, denn jeder kann nur jeder für sich selbst herausfinden, was er mit der Vernunft in Einklang bringen kann und was nicht. Erziehung bzw. Indoktrination üben einen starken prägenden Einfluss aus, der aber im Laufe des Erwachsenwerdens gegenüber eigenen Überzeugungen verblasst - oder durch diese Bestätigung erfährt.
      
Dass viele Deutsche dem Zustrom von Migranten aus dem Nahen Osten mit Skepsis und Sorge verfolgen, hat viel mit 'politischer Religion' zu tun. Wie der Bundesinnenminister in einer Bürgerdialog-Runde feststellte, erzeugt der Islam hierzulande weit mehr Vorbehalte als andere Glaubensrichtungen und Weltanschauungen.
Dabei ließe sich das Zusammenleben von Menschenweitaus komplikationsärmer gestalten - theoretisch zumindest:
Leben und Leben lassen. 
Jedem das Seine.
So trivial diese beiden Grundsätze auch klingen mögen, so bedeutsam ist doch ihre Verwirklichung.
Persönlich hänge ich weder atheistischen noch agnostischen Vorstellungen an. Im Gegenteil, ein Leben ohne jeden spirituellen Bezug erscheint mir armselig, als ob das Salz in der Suppe fehlte.
Aber: Es erscheint mir absolut unzulässig, andere Personen von meiner weltanschaulichen Vorstellung überzeugen geschweige ihnen selbige aufzwingen zu wollen.
Tatsache ist: Eine wachsende Anzahl Menschen wendet sich angewidert von jeglicher Art Spiritualität  ab, da sie Religionen als die Hauptursachen für Hass und nie endenden Krieg auszumachen glauben.



Theorie und Realität

Hierzulande sieht das Grundgesetz die Trennung von Kirche/Religion und Staat vor, d.h. Kirchenzugehörigkeit und der persönliche Glaube jedes Einzelnen sollen im rein privaten Bereich gelagert sein, als individuelle Gewissensentscheidung.
Tatsächlich ist diese an sich erstrebenswerte Zielsetzung keineswegs umfassend verwirklicht. In Deutschland besteht schon durch die sog. gesetzlich geregelte Kirchensteuer, insbesondere aber durch die staatliche Subventionierung sozialer Einrichtungen mit kirchlichem Träger, eine vielfältige Verzahnung von Staat und Kirche. Welcher andere Verein hat Gelegenheit, sich zur Einnahmenverwaltung staatlicher Ressourcen zu bedienen?

Freilich hat das Staats- und Gesellschaftswesen vieler westlicher Staaten in dieser Hinsicht einen Vorsprung vor jenen islamischen Ländern, welche die Scharia in ihrer Verfassung verankert haben und an 'islamischen Menschenrechten' festhalten. Für mich ein Widerspruch in sich - Grundrechte implizieren einen universalen Anspruch, welcher naturgemäß nicht durch eine Weltanschauung (egal welche!) verfärbt werden darf.
"Im islamischen Bereich sind Glaube und Religion dagegen grundsätzlich öffentliche, gemeinschaftliche Angelegenheiten mit gesellschaftlicher Tragweite."(1)
Wo religiöse und staatliche Ordnung einander bedingen, wird Apostasie auch als Hochverrat gegenüber dem Staat angesehen. Dies war sowohl in der Geschichte des Christentums als auch der Hebräer sehr lange ein zentraler 'Erfolgsfaktor', auch wenn dies heute mitunter verdrängt wird.

Heute wird 'bei uns' die individuelle Gewissensentscheidung nicht staatlich sanktioniert - ein Verdienst der Aufklärung, nicht eines inneren Sinneswandels der Kirchen. Die Haltung 'Ordnung muss sein' ist hierzulande dennoch weit verbreitet: Eine wachsende Angst vor einer "Islamisierung" gesellschaftlicher und soziale Strukturen erwächst doch aus der Furcht, hier könnten die bisherige Ordnung und der gesellschaftliche Konsens zusammenbrechen, falls 'der Islam ans Ruder kommt'.
Wir gestehen zwar dem einzelnen Menschen die Entscheidungsfreiheit in religiösen Fragen zu - aber 'bitte nicht so viele Frauen mit Schleier und bärtige Männer im Kaftan'...
Die Ansicht, nach der Religion und Glaube ausschließlich Privatsache sein (und ausschließlich der privaten/persönlichen Handhabung unterliegen) sollte, ist hierzulande wenig verbreitet und noch weniger verwirklicht.

Dabei kann (und darf) jedes Individuum nur für sich selbst herausfinden, welche Glaubensvorstellung es mit seinen Einsichten  und 'seiner' Vernunft in Einklang bringen kann. Wer an Gott/Götter glaubt oder an eine übernatürliche, nicht personale Kraft, macht das nur mit sich aus und dem, an den/das er glaubt.
Was im inneren Menschen vorgeht, ist letztlich frei von Einblicken und Einflüssen der Außenwelt.

Religiöser Unfriede kann nur dort entstehen, wo Glaube/Religion nicht als Privatangelegenheit angesehen wird, d.h. wo Menschen einander Vorschriften machen oder die jeweils 'Ungläubigen' zwangsbekehren bzw. aus dem Weg räumen wollen. Andererseits kann auch Religionsfreiheit nicht im sozialen Vakuum entstehen bzw. geschützt werden:
"Die Religion als unverfügbare Freiheit zu betrachten heißt kurioserweise, sich auf den weltanschaulich neutralen Staat fest zu verlassen. Wer den nicht als Schutz hat, ist nicht mit Sicherheit frei – sondern lebensgefährlich frei."(2)
Erst durch ein solches Staatswesen könne Glaube zur Privatsache werden, jedenfalls solange man als Glaubender das staatliche Gewaltmonopol achtet und mit dem Gesetz auch sonst nicht in Konflikt kommt, schreibt Elisabeth von Thadden.
Für sie ist es zulässig, seinen Glauben in die Öffentlichkeit zu tragen, ihn zu feiern, ihn 'mit guten Gründen politisch' werden zu lassen.

Diese Zulässigkeit bestreite ich. Wie kann Glaube denn Privatsache werden/bleiben, solange er von seinen Befürwortern zum Maßstab staatlichen Handelns gemacht wird? Politik kann zwar naturgemäß nicht wertneutral sein, doch sie sollte den Glauben da lassen, wo er hingehört: im privaten Bereich und im Kreise gleichgesinnter Menschen.



Religiöser Unfrieden ist keine Privatangelegenheit.

Wo Religion zur öffentlichen oder gar zur politischen Gestaltungsoption erhoben wurde und wird, befeuert sie Diskriminierung Andersdenkender, Gewalt und sogar Kriege.
Geistig gesunde Menschen wollen nichts weniger als diese Auswüchse, aber muss man dafür in Glaubensfragen den Mund halten? 

Friedvolle Koexistenz setzt gegenseitigen Respekt voraus - sowie das Unterbleiben offensiver (belästigender) Missionstätigkeit, die im öffentlichen Raum nichts, aber auch gar nichts zu suchen hat. Dies gilt meiner Ansicht nach sowohl für lebende Wachturm-Plakatständer als auch für das aufdringliche, manchmal unerträgliche Dawa-Geschrei von Islamisten.
Dergleichen sollte nicht verboten, sondern sehr konsequent auf geeignete Veranstaltungsorte (am besten schallgeschützte Räume) begrenzt werden. Gleichbehandlung und Friedenspflicht für alle 
Glaubensrichtungen, Paradigmen und Sekten - einschließlich religionsfeindlicher Atheisten und Darwinisten - steht dabei im Vordergrund. Wer Interesse hat, kann Jehovas Zeugen, Darwinisten, Evangelikale oder Salafisten dort aufsuchen und ungestört (sowie niemanden störend) mit ihnen 'die anderen' als Ungläubige verdammen. Aber so, dass jene 'Ungläubigen' von deren Getue und Gebrülle verschont bleiben.
Dem Gleichheitsgrundsatz folgend, würde eine solche Friedenspflicht für alle  finden. Glockengeläut und Minarette fallen auch darunter, wenngleich ich mir lokale Regelungen durchaus vorstellen kann.

Gegen einschlägige Veröffentlichungen in Medien und im Internet ist nichts einzuwenden, denn dort sind der Freiwilligkeit des Zugangs keinerlei Grenzen gesetzt...anders, als z.B. mitten in der Fußgängerzone, wo man sich der optischen und verbalen Präsenz von Eiferern nicht immer entziehen kann.

Patrik Schwarz(2) argumentiert dagegen, Religion sei immer auch eine öffentliche Angelegenheit. Dies trifft gegenwärtig noch zu, leider. Denn aus dieser unheilvollen Verquickung ergeben sich immer wieder Konfliktpunkte - die leicht vermieden werden könnten, ohne den Einzelnen in seiner (persönlichen) Glaubensausübung nennenswert zu beschränken.
Schwarz beschreibt das Bild einer einsame Nonne: "[sie] sitzt da, in stiller Anbetung, vor einer goldgeschmückten Monstranz, darin die Hostie. Es ging ungeheurer Friede aus von diesem Bild, aber auch eine Provokation: Vergeudet da nicht eine Frau ihr Leben?"

Auch hier gilt: Es obliegt doch wohl allein ihr, dies mit sich selbst auszumachen. Niemand sonst hat sich daran zu stören. Was ist an stiller Anbetung in einer Kirche provokativ - außer für jenen Typ Mensch, der andere nicht ihr eigenes Leben leben lassen kann/will?
Ob man im Bild dieser Nonne nun ein "inneres Leuchten" oder "eine ungute Mischung aus Herzenshärte und mühsam verkniffener Leibeslust" auszumachen glaubt, wen hat's zu interessieren? Die sogenannte Wahrheit liegt, 
wie fast immer, im Auge des Betrachters.
"Und dann die Hostie: Wie kann man im Ernst ein Stück Brot anbeten?"
Privatsache. Und wieder gilt: Glauben und glauben lassen. Mit der TV-Übertragung von Gottesdiensten, Predigten oder Päpsten im rollenden Panzerglas-Käfig habe ich nicht das geringste Problem: längst verfügen wir über eine so große Programmvielfalt, dass wirklich niemand 'gezwungen' ist, dem hermelinbekleideten Ratzinger oder einer Franziskus-Show seine Aufmerksamkeit zu schenken.
"Es weht mich daher auch nicht länger folkloristisch an, dass Katholiken gelegentlich ihre Monstranz zur Demonstranz machen und an hohen Feiertagen die Hostie in einer Art 'ChristPrideParade' durch die Straßen tragen. Sie zeigen sich und der Welt ihr Heiligstes, und das ist gut so."
Was genau soll daran gut sein? Mich jedenfalls 'weht das an' (schon weil ich als Kind genötigt war, in zig Prozessionen mitzuschlurfen ...bei jedem Wetter ). Es gibt hinreichend Kirchentage und sonstige Veranstaltungen, wo Kirchen an geeigneten Plätzen ihre Imagepflege betreiben können - vor einem interessierten und freiwilligen Publikum. Eine Prozession erfordert es jedoch oft, sonstige Verkehrsteilnehmer anzuhalten oder umzuleiten - das geht in meinen Augen über die Freiheit des einzelnen hinaus. Zugegeben, in manchem bayrischen Dorf mögen die Verhältnisse anders liegen ...weil eh' jeder mitschlurft.
Indessen kann eine Unterweisung in Glaubensfragen zweckmäßig sein - sofern sie dem erkennbaren, geäußerten Wunsch des Unterwiesenen entgegen kommt. Mit 'Überredung' zum Glauben, schlimmstenfalls durch eine Trickkiste vordergründig plausibler Argumente, ist dagegen niemandem gedient.
Schwarz erklärt, er wende sich gegen "Besserwisser, die in dicken Büchern schreiben, warum Glauben schlecht sei für den seelischen und politischen Frieden – also dumm macht oder tot".
Darin stimme ich zu. Persönlicher Glaube macht niemals "dumm oder tot" (jedenfalls keine unbeteiligten, 'unschuldigen' Personen). Die Gefahr kollektiver Verdummung entsteht erst, sobald die Institutionalisierung des Glaubens einsetzt, wodurch sich Religion mit Dominanz und Machtstreben vermischen kann und zu einem Vehikel für fragwürdige Interessen wird.

Wenn dann wieder über Glaube gestritten wird (ein Unding!), ist er nicht länger Privatsache.

Sicher, den Kirchen und religiösen Organisationen kann die 'Privatisierung' des Glaubens nicht gefallen - schließlich leben sie davon, ein Individuum bereits im Säuglingsalter zu vereinnahmen und ihm den Stempel der Zughörigkeit aufzudrücken. Was hat das eigentlich mit Religionsfreiheit zu tun?
Über das Ziel, durch 'Traditionen' Einnahmen zu generieren, sprechen sie freilich nicht - sondern von ihrem Auftrag, "das Evangelium, Gottes frohe Botschaft, in Wort und Tat zu verkündigen und die Gemeinschaft untereinander an Christus auszurichten". Der Kirche müsse es deshalb darum gehen, "die Bedingungen zu befördern, unter denen die "Erkenntnis der Wahrheit", der Glaube wachsen kann."
Das kann sie meinetwegen versuchen, aber bitte fair, d.h. nur an jenen, die selbständig denken können. Nicht an Babies und Kids im Grundschulalter.
Allerdings sehe ich auch die Schwierigkeiten, welche sich aus einem gesetzlichen Verbot solcher Praktiken ergäben: Zu tief sind Kindertaufe, Beschneidung usw. in Traditionen sämtlicher mosaischer Religionen verwurzelt. Eine Abkehr davon kann m.E. nur durch Aufklärung und Einsicht bewirkt werden ...ein langer Weg.


Quellenangaben/Literaturhinweise

  1. "Der Abfall vom Islam – Schariabestimmungen und Praxis", Prof. Christine Schirrmacher (→ PDF)
  2. "Ist Religion Privatsache?" - Pro-/Contra-Erörterung auf ZEIT.de

Donnerstag, 27. August 2015

Objektive Gottesbeweise sind ausgeschlossen - wozu dann streiten und morden?

Gedanken über die Unsinnigkeit von Glaubens-Konflikten

Gottesbeweise sind Versuche, mit Hilfe der Vernunft die Existenz (eines) Gottes zu beweisen".Vorweg: die fundierten Überlegungen zu Philosophen und Theologen über die (Un-) Möglichkeit eines objektiven Gottesbeweises sowie etwaige Paradoxa (z.B. "Kann ein allmächtiger Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht anheben kann ...obwohl er doch allmächtig ist?" Ja nee, is' klar;) werde ich nicht lang und breit nachplappern. (Diesbezüglich bietet Wikipedia einen wirklich hilfreichen Überblick.)

Worum es mir geht: Gestern stieß ich wieder einmal auf eine Aussage, die mir einiges Unbehagen bereitet:

„Letztlich ist Jesus der lebendig gewordene Beweis für die Existenz Gottes.“
Aha, welcher Jesus bitte? Mit dieser Frage zweifele ich keineswegs an, dass Jesus tatsächlich gelebt hat und aller Wahrscheinlichkeit durch Kreuzigung hingerichtet wurde. Beides betrachte ich als erwiesen.
Ist mit "lebendiger Beweis" der historische Jesus gemeint? Oder jener Jesus, dessen Leben, Worte und Taten von elitären Kreisen u.a. in Rom fast nach Belieben umgeschrieben und 'ergänzt' wurde?
Diesen mythologischen Jesus samt aller später hinzugekommenen magie-ähnlicher Rituale vermag ich persönlich nicht als Beweis für Gottes Existenz zu sehen ...eher schon als Beleg für Feuerbachs These, wonach manche Menschen sich ihren eigenen Gott erschaffen – vornehmlich zu Projektionszwecken: Was die Naturwissenschaft nach wie vor nicht präzise zu erklären weiß (z.B. wie genau das Leben vor ca. 3,4 Milliarden Jahren auf der Erde entstand), wird einer Projektionsfläche namens Gottheit XY zugeordnet.
Da viele von sich uns nicht an die Vorstellung gewöhnen können, mit dem Tod sei alles vorbei (auch ich kann und will mir dieses unendliche Nichts nicht ausmalen), wird der jeweiligen Gottheit auch die Zuständigkeit für das Weiterleben des Geistes nach dem Tod übertragen: (mal mit dem alten Körper, mal mit einem neuen 'feinstofflichen' Body und mal ganz ohne, als reine Energieform). Aber bitte nach dem vorteilhaften Prinzip „Die Guten (=Angehörige desselben Glaubens) ins Töpfchen, den Rest ins Kröpfchen (=ab in die Hölle zwecks endloser Quälerei)“. 
Ungeachtet dieser zynischen Selektionsvorgabe an die Gottheit schaffen die Kleriker es allen Ernstes, eben dieser Gottheit zugleich Attribute wie unendlich liebend, barmherzig, gerecht usw. zuzuordnen.
Auch sich selbst sehen etliche dieser Kleriker im Lichte dieser positiv besetzten Eigenschaften, schließlich bezeichnet sich deren amtierender Chef als Stellvertreter Gottes auf Erden. Was für eine Anmaßung! Und zudem für eine international agierende, auf monetäre Gewinne und Machtausübung abzielende Wirtschaftsorganisation durch nichts in der Bibel herleitbar. Ebenso können große Gesten und noch größere Worte nicht überzeugen, solange die Handlungen der Person bzw. der von ihr repräsentierten Organisation grundsätzlich unvereinbar sind.
Folglich taugen Aussagen sowie das Verhalten von Klerikern jedweder Couleur ebenso wenig als Beweis hinsichtlich der Existenz Gottes, wie sich das Reden und Gebaren von Atheisten und Agnostikern als intersubjektives Indiz für die Nichtexistenz Gottes eignen muss.

Aber zurück zur Frage nach der Möglichkeit von Gottesbeweise. Wir Menschen werden nach meiner Überzeugung auf lange Sicht nicht imstande sein, einen unwiderlegbaren Beweis Gottes (wobei „Gott“ hier für das monotheistische Gottesbild steht, nicht für irgendwelche Halb- oder Astronautengötter) zu erbringen. 

Warum? Weil wir uns bei keinem beobachteten Phänomen – selbst wenn es der uns bekannten bzw. von der Naturwissenschaft beschriebenen und berechneten Realität diametral zu widersprechen scheint – sicher sein können, ob es auf dem Wirken Gottes beruht oder ob es uns nur an nötigem Wissen mangelt, um das betreffende Phänomen zu verstehen.

Anders sähe die Sache aus, falls Gott sich entschlösse, uns seinerseits einen Beweis seiner Existenz zu geben. Ein solcher Beweis wäre unwiderlegbar, im Gegensatz zu den missverständlichen, teilweise widersprüchlichen Aussagen offensichtlich menschlicher Autoren in Bibel und Koran. Er hätte zudem einen unausweichlichen Charakter, d.h. er würde sämtliche Streitigkeiten zwischen Atheisten und Religionen zum Verstummen bringen. Über die Beschaffenheit einer solchen Beweisführung zu spekulieren, ist unsinnig: falls ein allmächtiger, mit der materiellen Realität interagierender Gott existiert, wird er zweifelsfrei dazu in der Lage sein.

Doch ist er dazu willens? Es scheint, als habe Gott – zumindest bisher – eben nicht die Absicht besessen, uns seine Existenz in dieser Weise vor Augen zu führen.
Über seine Motive, uns im Unklaren zu lassen, wurde zu allen Zeiten spekuliert und gestritten. Vielleicht soll unser Verstand, unser Wunsch zu forschen und zu begreifen, wach gehalten werden...eventuell sollen wir (als Spezies) einen Reifegrad entwickeln, bei dessen Erreichen wir 'von selbst drauf kommen', was das Wesen einer uns derzeit noch übernatürlich erscheinenden Intelligenz ist?
Keine Ahnung, denn ich habe die erforderliche geistige und seelische Reife sicher noch nicht gewonnen.

(Dass ich persönlich an die Existenz einer höheren, für uns derzeit nicht zu verstehenden und deshalb als 'übernatürlich' eingestufte Intelligenz glaube, der ich überwiegend rational-neutrale bis positive Eigenschaften zuordne...nun, das ist in diesem Zusammenhang irrelevant. Mir ist nur allzu bewusst: auch ich könnte in die von Feuerbach beschriebene Projektionsfalle getappt sein.)


Warum ist mir die Frage nach Gottes' Beweisbarkeit so überaus wichtig?


Nun ja, falls die Menschheit endlich begreifen und einsehen wollte, dass sich ein solcher Beweis eben nicht herbeizwingen lässt, würde dies dies weitreichende positive Konsequenzen nach sich ziehen: Jeder könnte sich irren, ob Atheist oder Islamist, ob moderater Christ, Muslim oder Raelianer!

Diese Einsicht muss nichts an der persönlichen (Un-) Glaubensauffassung des Einzelnen ändern; doch sie zeigt die Unsinnigkeit jeglicher Bemühung auf, anderen die eigene Ansicht aufzuzwingen.

  • Mit welcher sachlichen/moralischen Berechtigung könnte ich Andersdenkende von meinem Glauben (oder Unglauben) überzeugen, für dessen Richtigkeit ich keinerlei objektivierbare Fakten anzuführen vermag?
  • Umgekehrt wird auch ein Schuh draus: Wozu sollte ich, sollten wir uns von irgendwelchen Radikalen bedrängen lassen, die ihrerseits gleichfalls keine unwiderlegbaren Fakten vorzuweisen haben?
Fazit: Zu kapieren, dass unsere subjektive Ansicht zu Gott, Glauben und Religionen de facto nicht objektiv bewiesen werden kann, erlegt uns allen eine gewisse Demut auf: einerseits läuft die schwer erträgliche Arroganz atheistischer, allwissender Naturalisten ins Leere; andererseits machen Glaubensstreitigkeiten und erst recht Religionskriege machen absolut keinen Sinn mehr! 

Jeglicher Bestrebung, wonach alle demselben Glauben/Pseudo-Realismus/Unglauben anhängen, wird durch das Faktum des Nichtwissenkönnens jeder Nährboden entzogen.


Natürlich sehe ich die Realität der Gegenwart: Tiefgläubigen Personen und deren Organisationen reicht ihre jeweilige 'Heilige Schrift' als „Beweis“ - sowohl der Existenz Gottes als auch für die Richtigkeit ausschließlich ihrer Glaubensvorstellung – völlig aus. Der Kopf bleibt im Sand und "die Ungläubigen" werden weiterhin diffamiert, ausgegrenzt oder gar gefoltert und ermordet.



Kann man etwas tun?

Das ist keineswegs einfach ...wie jeder einsehen dürfte, der schon mal mit einem Fanatiker diskutiert hat: oft gut ausgebildet, versuchen sie zunächst mit 'Sachargumenten' zu überzeugen - gelingt dies nicht, endet der Dialog mitunter in wüstem Geschrei und Androhungen von Strafe und Verdammnis.

Religöse Menschen mit großem 'Sendungsbewusstsein' argumentieren gerne vergleichend: Die Liebe zwischen zwei Menschen könne man ebenso wenig sehen, berechnen, empirisch beweisen ...wie Gott, dennoch sei sie unbestreitbar in ihrer Existenz. Das ist zwar richtig, doch gerade die Liebe ist überaus vielfältig - in ihrer Ausprägung wie auch in ihrem 'Zielobjekt'. 


Schließlich ist nicht jeder von uns in Jean Watts verliebt oder? 
Nicht wenige Männer (und Frauen) werden mir zustimmen, die junge Frau auf dem Foto ist optisch überaus anziehend. Doch sie werden diese Frau nicht lieben, vielleicht nicht einmal das geringste Interesse an ihrer Person haben.
Folglich wäre es unsinnig (und zudem kontraproduktiv), wollte der Lebensgefährte von Mrs Watts nun alle Welt überzeugen, seine Liebe zu ihr zu teilen.

Wohlgemerkt, ich vergleiche nicht Gott bzw. den Glauben an Gott mit der Liebe zu einer Frau. Sondern ich versuche, den trivialen Charakter einer solchen vergleichenden, vermeintlich zwingenden Argumentation aufzuzeigen.


Dass Liebe existiert, ist ein Indiz für einen einzigen Umstand: die (zumindest zeitweilige) Existenz der Liebe. Davon auf die Existenz einer 'übernatürlichen' Wesenheit (oder deren Nichtexistenz ...weil man eventuell noch nie richtig verliebt war?) schließen zu wollen, ist ...nun ja, nicht besonders intelligent.


Wir haben zunächst also die Möglichkeit, uns deutlich abzugrenzen: 'Du hast deine Weltanschauung, ich habe meine. Belassen wir es dabei.'

Bei Bedarf lässt sich noch anfügen: 'Du magst für deine Errettung (vor der Hölle?) verantwortlich sein, aber definitiv nicht für meine. Oder hast du vor, mich gewissermaßen zu entmündigen?

Im Kontext weiter reichender Auseinandersetzungen zwischen Gruppen und Organisationen, ist der Einfluss von Einzelpersonen naturgemäß geringer. Doch ein von mehreren Seiten heraufbeschworener Religionskrieg oder Kulturkampf würde jeden einzelnen von uns in Mitleidenschaft ziehen.

Die weltweite Zunahme von Terroranschlägen, aber auch von militärischen Übergriffen durch Staaten bzw. Regierungen, betrachte ich als mögliches Vorzeichen einer Art "Endkampf", der in so manchem kranken Hirn radikaler Islamisten und christlicher Zionisten längst herumspukt. Leider wächst deren Einfluss auf beiden/allen Seiten...der IS ist da nur ein Beispiel. 

Folglich sind wir gut beraten, in unserem eigenen Umfeld und auch in sozialen Netzwerken eine eindeutige Position zu vertreten:

Wir tolerieren Euch und Eure Ansichten - in dem Maße, wie ihr uns und unsere Anschauung toleriert. Aber wir wenden uns entschieden gegen jede Ausübung von Zwang und mehr oder minder subtilem Druck zugunsten Eurer Auffassung.
Denn: jeder von 'uns' und 'euch' könnte einem gewaltigen Irrtum unterliegen.
Gehen wir noch einen Schritt weiter: Wenn Konflikte über weltanschauliche Fragen unsinnig und nutzlos sind, so trifft dies unzweifelhaft auch auf unterschiedliche Lebenskonzepte zu, welche (zumindest teilweise) aus der jeweiligen Glaubens-/Weltanschauung erwachsen.
Kein Islamist und kein Katholik hat einem Schwulen das Schwulsein zu verbieten! Und kein ach so aufgeklärter Agnostiker hat eine Muslima zu diffamieren, weil sie ein Kopftuch trägt (außer sie ist Beamtin in Deutschland und trägt das Teil während ihrer Dienstzeit, zB als Lehrerin).

Selbst unter dieser Voraussetzung bleiben noch offene Fragen, welche einer Klärung bedürfen. Eine davon ist beispielsweise: Darf es weiterhin gestattet werden, Säuglinge und Kinder vor Eintritt ihrer Religionsmündigkeit zu beschneiden?

Doch für so schwierig zu lösende Fragestellungen lässt sich ein Konsens allenfalls dann finden, wenn die Kontrahenten nicht länge die gesamte Identität der Gegenseite infrage stellen oder dies für sich selbst befürchten müssen.

Es ist, glaube ich, klar geworden worauf ich hinaus möchte: 



  • Wir (die Spezies Mensch als Gesamtheit) müssen dringend an unserer Friedensfähigkeit arbeiten, falls wir das 22. Jahrhundert noch erleben wollen.
  • Hierzu ist es notwendig, unlösbare Konflikte über Religion/Glauben/Lebenskonzepte einzufrieren. 
  • Diese Konflikte beizulegen wird nicht ohne weiteres gelingen, da die gegensätzlichen Auffassung fortbestehen. Deshalb ist eine 'zeitweilige' Übereinkunft lebensnotwendig: Die Menschheit hat sich vorrangigen, vitalen Herausforderungen zu stellen - darin Erfolg zu haben erfordert den Verzicht auf die ohnehin unter dem o.a. Irrtumsvorbehalt stehenden Glaubensstreitigkeiten.

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Richard Dawkins - Die Schöpfungslüge und Der Gotteswahn

Lohnt sich die Auseinandersetzung mit einem knapp 60-minütigen Interview, welches sich um die Argumentation von Richard Dawkins zugunsten eines gott-losen Universums und der Evolutionslehre dreht?
Meines Erachtens ist es durchaus lehrreich zu beobachten, wie die Gegner zweier fundamentalistischer Lager aufeinander prallen. Beide Seiten erwecken den Eindruck, als werde die Frage nach Gott nahezu ausschließlich dadurch beantwortet, ob die seit Darwin beschriebene Evolution der Arten durch zufallsbedingte Mutation und anschließende Selektion durch bestehende Umweltbedingungen als Mechanismus zutrifft oder nicht. 

Diese Sichtweise 'Entweder-Gott-oder-Evolution' ist nicht sehr einleuchtend, denn eine solche Ausschließlichkeit ist nicht sachlich zu begründen - außer, man klammert sich an eine buchstabengenaue Interpretation der Bibel. Dann freilich landet man u.U. bei dem Junge-Erde-Kreationismus oder bei der Aussage, die Bibel sei von vorne bis hinten erfunden bzw. falsch überliefert.


Dawkin wendet sich primär gegen eine evangelikale, "extremistische" Minderheit. Ihm ist sicherlich insoweit beizupflichten, als es nicht Aufgabe der Theologie sein sollte, sich hinter jeder Vernunft widersprechenden, 'unantastbaren' Glaubensaussagen und  Dogmen zu verstecken. Doch wenn er religiösen Fanatismus als wesentliche Motivation für Terrorismus darstellt, liegt er meiner Ansicht nach falsch: Es ist ziemlich offensichtlich, dass Religion von mehreren Seiten zur Rechtfertigung politischer, patriotischer und sonstiger Ideologien missbraucht wird...


Die Naturwissenschaft tritt keineswegs die ersatzweise Nachfolge der Religion an; vielmehr ist es wesentlich, sowohl religöse als auch wissenschaftliche Dogmen zu hinterfragen - etwa die Vorstellung, dass die Wissenschaft schon die grundlegende Natur der Realität kenne und nur noch Details ergänzen bzw. präzisieren brauche. Dies ist ein Irrglaube, denn gerade die Kernfragen unserer Existenz (Entstehung von Leben und Materie) sind bis heute unbeantwortet.

Man macht es sich vor diesem Hintergrund zu einfach und verdrängt einen Teil der Wirklichkeit, wenn man den Glauben an eine höhere Wesenheit als eine kollektive "Zwangsneurose" abtut. Gleiches gilt natürlich für die unbewiesene und unbeweisbare Behauptung, das Schöpfungsgeschehen habe sich exakt so zugetragen wie in der Bibel oder im Koran geschildert.
"Durch die Konzentration auf das Materielle, was heute so viel Kraft und Zeit in Anspruch nimmt, verschließt sich uns immer mehr die geistige Dimension, die allein uns Orientierung geben kann." Prof. Hans-Peter Dürr
Für mich persönlich ist die Motivation 'missionarisch' auftretender Atheisten nicht leicht nachzuvollziehen. Sinngemäß besteht das Ziel der Loslösung von jeglicher Gottesvorstellung, Vertrauen zum eigenen Leben zu finden - sich damit dem Diesseits zu öffnen. Doch wie soll mehr Vertrauen entwickelt werden, indem man das Woher und das Wohin des eigenen Selbst für irrelevant erklärt - gefangen zwischen zufälliger Selbstorganisation und dem Tod als endgültigem Schlusspunkt?


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Sonntag, 27. Januar 2013

Evolution der Gesellschaft und der 'menschlichen Natur'

Vorerst stelle ich hier nur einige Links zu einer Textsammlung ein, die ich gerade erst entdeckt habe. Die Autoren von Gesellschaftsevolution.de stehen offenbar der Giordano-Bruno-Stiftung nahe, die eine Position des „Evolutionären Humanismus“ vertritt. Dort wird eine zentrale These umfangreich aufgearbeitet:
Das genetisch festgelegte Grundverhalten habe zu Fehlinterpretationen und Fiktionen damaliger Hominiden geführt, als sich Bewusstsein gerade mal entwickelt hatte. Diesen Vorfahren des heutigen Menschen habe jedes Naturverständnis gefehlt, was Fehlannahmen auslöste, die stufenweise zum "größten Irrtum der Menschheit" anwuchsen - den Glauben an Übernatürliches und zu Religionen.
Ergebnis dieser Überlegungen sind einige überraschende(?) Aussagen zur Entstehung von Glaube und Religionen. Noch bin ich neugierig: Wirklich ein neuer Erklärungsansatz? Oder Feuerbachs bekannte Projektionsthese in neuem Gewand?

Hinzu kommen weitere Ausarbeitungen (zu denen Broschüren als PDF-Dokument zur Verfügung stehen) und Bücher:

  • "Menschen sind: klug, primitiv, egoistisch, gierig, intelligent, unbewusst, gleichgültig, rücksichtslos, hilfsbereit, archaisch, natürlich, dumm."

Einige Schlussfolgerungen aus Verhaltens- und Persönlichkeitsforschung scheinen zwar nicht neu zu sein, was ihre Bedeutung keineswegs schmälert:
"Deshalb ist es von größter Wichtigkeit, weit wichtiger als bis heute im Bildungswesen verstanden, über eine Elternbildung die Früherziehung von Kindern zu verbessern.
 Jugendliche sollen das in der Schule lernen und verstehen, bevor sie selbst zu Eltern werden, am besten ab etwa 16 Jahren."

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Rom - Niedergang einer Weltmacht

Das (west-)römische Reich endete nicht plötzlich am 28. August 476 mit der Absetzung des jungen römischen Kaisers Romulus Augustus durch den Vandalen-König Odoaker. Vielmehr war der Niedergang Roms ein komplexer Prozess, für den mehrere Faktoren ursächlich waren.
Guido Westerwelle verglich unsere heutige Gesellschaft keineswegs der erster mit mit der sprichwörtlich gewordenen ‘spätrömischen Dekadenz’. 

Ebenfalls bis in unsere Zeit erhalten ist der Begriff “Brot und Spiele” – ein Synonym für die Ablenkung der Bevölkerung von politischen Vorgängen durch verschiedenste Spektakel – damals dienten Gladiatorenkämpfe und massenweise Ermordung von Menschen in Arenen, heute wird in den meisten von über 100 TV-Programmen gemordet und die Erteilung von Rüstungsaufträgen während sportlicher Großereignisse erfreut sich einiger Beliebtheit. Doch solche Ereignisse reichen für sich genommen nicht, um ein Imperium vom Zuschnitt Roms zu Fall zu bringen.
Gustav Seibt fasst seine Sicht der Ursachen für den Untergang Roms auf dem Online-Portal der Süddeutschen Zeitung zusammen:



  • “Immer Ärger mit der Unterschicht”

  • Seibt stellt fest, der Untergang Roms sei größer ist als die Taten und Unterlassungen einzelner – der “erste Kollektivprozess, der sich im Licht der Geschichte des Westens abspielte”. Diesem Prozess werde die Bezeichnung ‘Übergang von der Antike zum Mittelalter’ besser gerecht werde. Sie impliziere ein ganzes Bündel von Ursachen - entgegen der klassischen ‘Barbarenthese’, welche das Ende Roms als Folge eines Zusammenpralls zweier ungleichwertiger Kulturen erscheinen lassen.
    Primärer Auslöser des Zusammenbruchs war die Völkerwanderung: Die Hunnen drangen aus Asien nach Ost- und Mitteleuropa vor. Daraufhin zogen andere Völker nach Westen und Süden und bedrängten wiederum das römische Territorium.
    Bereits seit 395 bestand die Reichsteilung in West- und Ost-Rom mit je einem Kaiser. Ost-Rom war mit seiner stark befestigten und in Kleinasien strategisch entscheidende Hauptstadt Konstantinopel zwar imstande, den Angreifern standzuhalten. Darüberhinaus war eine militärische Unterstützung des Westreiches aber nicht zu bewerkstelligen – und die weströmischen Legionen waren in der spätrömischen Epoche besonders nicht mehr in der Lage, die Grenzen effektiv zu schützen.
    West-Rom hatte den angreifenden Stämmen kaum noch etwas entgegenzusetzen. Der Verlust wichtiger Provinzen wie ‘Africa’ erschwerte die Aushebung immer neuer Truppen; daher mussten mehr und mehr Hilfstruppen aus den Rom angegliederten germanischen Gebieten angeworben werden. Diese ‘unterwanderten’ die Legionen, sahen sich nie als ‘Römer’ und verfolgten zunehmend eigene Interessen – bis mehrere Stämme schließlich eigene Reiche auf dem früheren Gebiet des Imperiums errichteten. Dass sie im 5. Jahrhundert dann die Herrschaft in Italien an sich rissen, erscheint angesichts des von innen her geschwächten Imperiums fast logisch.

    Obwohl im römischen Reich ein Wohlstand in zuvor nie erreichtem Ausmaß herrschte, partizipierten nur wenige davon. Die Verteilungsungerechtigkeit spricht Bände: Nicht einmal 1 Prozent von über 50 Millionen Menschen teilten den Reichtum unter sich auf. Die Elite lebte dank hoher Steuereinnahmen im Überfluss und leistete sich durchaus Exzesse, welche die Verteidigungsbereitschaft Roms unterminierten. Zugleich wurde das politische System durch Korruption geschwächt.
    Die neuere Geschichtsforschung betrachtet allerdings den anhaltenden Druck durch äußere Feinde sowie ökonomische Schwierigkeiten als Hauptursachen des Zusammenbruchs, der durch innere Verfallserscheinungen jedoch begünstigt wurde.
    Die Rolle des Christentums wird heute differenziert betrachtet: Zwar wandten sich viele Männer von hoher Integrität dem Christentum dem Dienst in der Kirche zu; damit gingen so aber dem Staat verloren. Doch andererseits stabilisierte die neue Staatsreligion das Kaisertum, dass sich zuvor mit ständigen religiösen Konflikten konfrontiert sah.
    Dass nicht primär innere Faktoren (die vielbeschworene "spätrömische Dekadenz") für den Untergang des Reiches verantwortlich war, zeigt sich auch daran, dass Ostrom weitere tausend Jahre Bestand hatte.-
    Es ist sicherlich sinnvoll, aus dem Übergang von der Antike zum Mittelalter Lehren für unsere Zeit zu ziehen. Jedoch sind monokausale Betrachtungen nicht hilfreich; werden diese zusätzlich noch auf platteste Thesen wie ‘sexuelle Ausschweifungen machen jeden Staat kaputt’ oder ‘das Christentum hat Rom von innen zerfressen’ reduziert, so geht jeder Geschichtsbezug verloren.--

    Ausführlicher und mit weitaus mehr Details befasst sich die ARTE-Dokumentation ‘Rom - Niedergang einer Weltmacht’ mit diesen Vorgängen:


    Freitag, 23. November 2012

    Religionen: Gewalt hui, Erotik pfui?

    Es entsteht der Eindruck, dass z.B. strenggläubige Christen und Muslime sehr enge moralische Grenzen für gottgewollt erachten, innerhalb derer Sexualität gelebt werden darf: nur in der Ehe, davor ist Sex eine Sünde und mit wechselnden Partnern erst recht. Von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ganz zu schweigen, selbst wenn es sich um feste, monogame Beziehungen handelt.

    Dagegen wird Gewalt, etwa gegen Andersgläubige, teilweise durchaus toleriert. Mehr noch: Durch Institutionen aller großen christlichen Konfessionen wurde – ebenso wie im Islam - physische Gewalt legitimiert und oftmals auch instrumentalisiert. Die Geschichte ist voll von heiligen Kriegen, Waffensegnungen und zahllosen Gebeten der Konfliktparteien um einen baldigen Sieg im Krieg.

    Montag, 5. November 2012

    Projektion menschlicher Gedanken auf das Göttliche?

    Oder: Was in aller Welt ist Trigono-Morphismus?

    L. Feuerbach wandte sich gegen jede Vorstellung von einem Weiterleben des Individuums nach dem biologischen Tod und interpretierte Religion als Projektion des Menschen.
    Insbesondere kritisierte er die “kindisch-phantastische” christliche Mythologie, die sich jedes Ammenmärchen der Historie als Tatsache aufbinden lasse. Die Abwesenheit jeder Vernunft mache diese Religion zu einem Spielball der spekulativen Willkür.
    Dem Unglauben nur sind die Glaubensgegenstände vernunftwidrig; aber wer sie einmal glaubt, der ist von ihrer Wahrheit überzeugt, dem gelten sie selbst für die höchste Vernunft.

    Samstag, 3. November 2012

    Turiner Grabtuch – Fake oder Glaubenszeugnis?

    “Fake!” wäre bis vor kurzem meine knappe (und wohl eher dümmliche) Antwort auf diese Frage gewesen, motiviert durch die Erinnerung an einen Zeitungseintrag über eine Materialdatierung, die das Alter des Grabtuches mit ca. 700 Jahren angab.
    Das Turiner Grabtuch ist ein Leinentuch, gut 4 Meter lang und 1,10 Meter breit, das ein beidseitiges Ganzkörper-Abbild (bzw. ein ‘fotografisches Negativ’) eines Menschen zeigt. Es wird in einer Seitenkapelle des Turiner Doms aufbewahrt.
    Die intensive Debatte über den Ursprung des Tuches zwischen Theologen, Historikern, Forensikern und anderen Forschern hält bis heute an. Vielen Gläubigen betrachten das Turiner Tuch als das Grabtuch, in dem Jesus von Nazareth nach der Kreuzigung begraben wurde.

    Der Begriff der ‘Fälschung’ ist eher irreführend, denn bis heute ist weder die Technologie der Bildherstellung noch der Urheber des Abbildes mit Sicherheit erwiesen.

    Sonntag, 21. Oktober 2012

    "Warum Religion überflüssig ist"

    "Das Ende des Bösen", ein Buch von Rolf Degen

    Wer sich als Journalist oder Buchautor für so eine Überschrift entscheidet, kann sich eines Teilerfolges gewiss sein: er wird in hohem Maße polarisieren. Manchmal beschleicht mich der Eindruck, dass damit auch schon die Hauptintention des betreffenden Machwerks erfüllt ist.

    Ein sachlicher Titel hätte schlicht "Die Naturwissenschaft entdeckt das Gute im Menschen" lauten können - zu langweilig? Kommt wohl auf die Zielgruppe an. "Die Menschen haben das Gute geerbt und nicht erlernt – das ist die These des Buches "Das Ende des Bösen" von Rolf Degen. 

    Das Werk enthalte mindestens soviel atheistischen Sprengstoff wie die Bücher von Dawkins oder Christopher Hitchens, so die Beschreibung einer gleichnamigen Rezension auf Welt Online.
    Um es kurz zu machen: die Rezension wird dem Buch nicht gerecht, weil sie mit platten Überschriften einen verzerrten Eindruck vermittelt: "Denn wenn der Mensch gut ist, wovon soll er erlöst werden?" Jeder Affe weiß, welcher Artgenosse ihm half Hmm...eine einzige Nachrichten-Sendung scheint mir als Beweis oder Indiz mehr als ausreichend zu sein für die Feststellung bzw. Wahrnehmung, dass der Mensch sicher nicht pauschal 'gut' ist. 

    Ebenso wenig ist er per se 'böse' - daher halte ich verallgemeinernde Aussagen für unzutreffend, wie etwa
    "Alle Lebewesen sind Egoisten, gesteuert von Genen, die sich reproduzieren wollen" . 

    Verallgemeinerungen zeugen zudem selten von einem klaren Blick... Von der Fauna auf ethische Verhaltensnormen beim Menschen zu schließen, halte ich für denkbar unangebracht. Im Tierreich sind Verhaltensabläufe in weitaus höherem Maße instinktgesteuert als beim Menschen. Allenfalls einige Primaten und vielleicht noch Wale und Elefanten verfügen über rudimentäre Ansätze bewusster Verhaltensäußerungen. 
    Dass ich mir dieses Buch dann doch spontan als ebook (ISBN 978-3492050319, für unter 5 € bei einschlägigen Anbietern zum Download erhältlich), ist ganz sicher nicht auf die o.a. Rezension zurück zu führen, sondern auf weitere Hinweise im Web, z.B. hier).

    Die Thematik des Buches ist viel zu weitläufig, als dass sie sich hier umfassend abhandeln ließe. Einige Vorüberlegungen stelle ich dennoch an:
    • Ausgehend von ethisch-moralischen Kategorien bin ich der Auffassung, dass genetische Determination allenfalls einen von mehreren Bestimmungsfaktoren für das moralische Leitbild eines Menschen darstellt. Die Komplexität zeigt sich schon bei der subjektiven und m.E. unvollkommenen Definition dessen, was als richtig oder falsch bewertet wird.
    Auch wenn hier sicherlich ein Grundkonsens bestehen kann (selbst Gewaltfreiheit wird leider nicht von allen Menschen als erstrebenswert erachtet), gelangt doch ein jeder zu seiner persönlich-individuellen Verhltens- und Bewertungssystematik.
    • Diese moralische Skala unterliegt einem stetigen Wandel: was ich mit 18 oder 20 für richtig oder wenigstens 'annehmbar' gehalten habe, sehe ich heute mitunter ausgesprochen kritisch. Diese Veränderung entspringt jedoch nicht ausschließlich meinem Inneren, sondern sie wird zugleich von gesellschaftlichen Entwicklungen mit beeinflusst. Zum Beispiel hat sich die Sexualmoral nachweislich seit den 80er und 90er Jahren drastisch verändert, u.a. infolge der Erkrankungen HIV bzw. AIDS.
    Allein daran scheint sich zu zeigen, dass nicht allein die genetische Festlegung für moralisches Handeln zuständig ist.-

    • Legt man den Fokus auf eine ganze Spezies, gelangt man zu einer völlig anderen Einschätzung, als wenn man die zu einer Gattung zählenden Individuen vergleichend betrachtet. Folglich sehe ich wenig Sinn darin, eine uralte Kontroverse zu zementieren. Der o.a. Artikel greift die beiden Positionen so auf:
    Die Pro-Religion-Fraktion: Ohne Gott würde Mord und Totschlag herrschen, tönt es von den Kanzeln. Erst durch Moses mit den 10 Geboten sowie einer Fülle von Gesetzen und später durch Jesus seien aus Wilden humane Wesen geworden. Deren Bereitschaft zur Nächstenliebe wurde ihnen lt. dieser Annahme zunächst mehr oder weniger aufgezwungen ... diesbezügliche Einsichten kamen ihnen erst später. (Was ist eigentlich mit den anderen Religionen?)
    Die 'Nix Gott, Alles ist Zufall'-Fraktion: Das Gute gab es schon vor Moses - Sozialverhalten und 'Güte' sind in unseren Genen angelegt. Zweifel am segensreichen Wirken der Gottesverehrung sind Zweifel angebracht, zumal in mehreren Gegenden religiöse Auseinandersetzungen in gewaltbetonte Konflikten eskalieren.

    Weiterlesen:


    Mittwoch, 29. August 2012

    Warum ist der Mensch so wie er ist?

    Ob man tief gläubig oder aus tiefstem Herzen von der Nichtexistenz des Göttlichen überzeugt ist – diese Frage hat sich vermutlich jeder schon mal gestellt. Meist in einem unangenehmen Augenblick voller Unverständnis über menschliches Handeln oder im Rückblick auf eigenes, zweifelhaftes Verhalten.
    Die Geschichte der Menschheit liest sich im wesentlichen als Aneinanderreihung von Schlechtigkeiten – im Großen sind es Kriege und Genozide, auf Individuen (sich selbst oder andere) bezogen begegnet man Ignoranz, Egoismus und nicht selten skrupelloser Rücksichtslosigkeit. Schaut man genauer hin, entdeckt man auch die Ausnahmen: Gemeinschaften und Einzelpersonen, die Lichtblicke voller Güte, Hingebung und echter Nächstenliebe vermitteln, welche nicht den eigenen Vorteil zum Ziel hat.
    Technologische Errungenschaften tragen fast immer den Keim missbräuchlicher Anwendung in sich.


    Zu unterschiedlichen Zeiten, abhängig von der persönlichen Stimmung, gelangt man zu einem unterschiedlichen Fazit – mal überwiegen die helleren und mal die dunkleren Grautöne. In meiner eigenen Wahrnehmung überwiegt das Schlechte, wobei ich mich hüte, das Gute in fast jedem Menschen zu übersehen.
    Doch ist es nicht so – wenn die meisten von uns ehrlich zu selbst sind – dass fast immer die Fokussierung auf das Wohlergehen der eigenen Person und des unmittelbaren Umfeldes besteht? Das Ich, die eigene Familie, die eigene Firma, die eigene Berufsgruppe…bis hin zum eigenen Land und dem Kontinent, auf dem man lebt.


    'Zuviel Altruismus lenkt uns vom Wesentlichen ab' ...so wurde es fast allen Menschen anerzogen, denen ich begegne (mich selbst auf keinen Fall ausnehmend). “Das Leid der ganzen Welt könnten wir niemals lindern, selbst wenn wir dies wollten und uns ernsthaft dafür einsetzten.
    Statt dessen leben wir unser eigenes Leben nach dem St.-Florians-Prinzip und hoffen, dass es uns nicht zu schlimm erwischt.

    Diese Tendenz wird um so dominanter, je mehr der einzelnen in der tarnenden Masse untergeht – bei 82 Millionen Deutschen oder erst recht 250 Millionen Europäern ist die persönliche Verantwortung nicht besonders hoch, relativ betrachtet.
    Besonders unverständlich ist dabei schädliches Handeln bzw. Nichthandeln wider besseres Wissen ...sodass Goethes Verse in unangenehmer Weise zutreffen:

    “Ein (guter) Mensch in seinem dunklen Drange
    Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.”
    Tatsächlich braucht sich niemand für das unmenschliche, unethische Verhaltensprofil zu kasteien, welches der Mensch als dominierende Spezies auf diesem Planeten abgibt. Die Ursache dieses Verhaltens liegt im Dunkel einer Evolutionsgeschichte, an deren Ende wir zwar ein Selbstbewusstsein entwickelten, aber die steinzeitlichen Reaktionsmechanismen niemals ganz ablegen konnten.
    Irgendwo zwischen halbbewussten Trieben und erahnten Instinkten auf der einen Seite und den verinnerlichten Normen, Traditionen und Erziehungsmustern auf der anderen versucht ein rationales Ich sich an der übermächtigen Aufgabe, zwischen beiden Einflussgrößen zu vermitteln und dabei so etwas wie eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
    Wo soll da noch Raum für Rücksichtnahme und Altruismus aus eigener, echter Motivation entstehen?


    Suche nach Antworten

    Kant versuchte, die Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen des Erkennens und des resultierenden Handelns zu ergründen. Er formulierte seinen Kategorischen Imperativ als ethisches Konzept, wo zuvor die Theologen moralisches Verhalten aus der Bibel begründet und definiert hatten.
    Eine Frage blieb jedoch unbeantwortet: Warum sind wir so …gut / schlecht / gleichgültig / liebevoll /ignorant / aufopfernd ...meist von allem ein wenig und von der Ignoranz bzw. dem Verdrängen des Beängstigenden ein wenig mehr?
    "Warum ist der Mensch sich selbst ein Rätsel? Weil er, im Unterschied zu den Tieren, nie in sich ruht. Er existiert in multipler Polarität - von Körper und Geist, Leib und Seele, Sinnlichkeit und Vernunft, Gefühl und Verstand, Innerlichkeit und Außenwelt...
    Er ist ein ex-zentrisches Wesen, das, seiner Natur und Geschichte verhaftet, gleichwohl stets über sie hinaus strebt. Er kann, er muss sich und die Welt fortwährend neu gestalten, kann solches Wagnis jedoch nur bewältigen, wenn er zwischen seinen Gestaltungsfreiheiten und den Notwendigkeiten seiner leiblich-psychischen Verfassung ein Gleichgewicht findet." (Christoph Dejung: Helmuth Plessner, WELT online, 2004)
    Christliche Theologen würden vielleicht antworten, dass die Menschen so sind, weil Gott sie so geschaffen hat. Wer aber den vermeintlich ‘freien Willen’ hochhält, wird kaum die durch implizierte Kausalität (Ursache und Wirkung) übersehen, die das Gute und das Schlechte in dieser auf einer bestimmten Ebene vom Menschen bestimmten Welt klar auf diesen Menschen als Urheber der Gründe zurückführt. 

    Meist sehe ich es so: die Rahmenbedingungen – Universum, Natur, Naturgesetze, Merkmale und Bedingungen von Leben – 
    wurden durch einen Schöpfer/eine willentlich-schöpferische Intelligenz vorgegeben ; doch innerhalb dieses Rahmen besitzen wir einen erheblichen Gestaltungsspielraum. Daran ändern auch das Zusammenwirken von ES und Über-Ich nichts.
    So bleibt genug Raum für die Warum sind wir so? –Fragestellungen, ohne alle Kausalität auf Gott oder etwas nie gesehenes Phänomen namens Zufall projizieren zu können.
    Warum fallen unsere Gruppen- und Individual-Entscheidungen so selbstzerstörerisch, manchmal brutal und bisweilen schlichtweg dumm oder perfide aus? Weshalb gebrauchen wir die uns gegebene Freiheit so und nicht anders?
    • Individualpädagogische Analysen helfen da kaum weiter. Was nützt es auch, wenn ich weiß, aus welcher Motivation Breivik 69 Menschen ermordet hat und ein Jahr danach immer noch von sich und seinem Tun überzeugt ist? Nun ja, Kriminalpsychologen und Politiker mögen in Richtung Prophylaxe denken, was angesichts zunehmender Amokläufe angebracht sein mag.
    Doch Serien-/Massenmörder besitzen ebenso wenig repräsentative (=verallgemeinerbare) Charaktermerkmale wie jene, die für weit mehr Todesopfer verantwortlich sind und den Schein von Legalität und Legitimität zu wahren wissen.
    • Anthropologen sind da schon einen Schritt weiter: Ausgehend von Zitaten wie dem von Ludwig Feuerbach („Der Mensch ist, was er isst.“) entwickeln sie aus Wissensgeschichte und Evolution ein Bild, wie das Zusammenspiel von Natur und Kultur die menschliche Identität entstehen lässt, etwa weil beide Körper und Geist durch Nahrung beeinflussen. [Vergl. ‘Der Mensch ist, was er isst.’]
      Schaut man sich deren Erkenntnisse genauer an, stellt man fest, sie haben die Antwort auf eine andere Frage gesucht – nämlich: ‘Was ist der Mensch?’ 
    Das Warum bleibt dabei offen, zumindest auf der abstrakten Ebene des Menschen schlechthin. Vielleicht ist es ja klüger, diese Frage erst gar nicht ernsthaft zu stellen, weil sie sich ohnehin nicht beantworten lässt – jedenfalls nicht im Sinne einer allgemein gültigen Wahrheit?
    Wer Kinder oder kleine Neffen und Nichten hat, wird sehr wohl wissen, dass eine Antwort auf eine Warum-Frage eh’ einen Aha-Effekt und prompt eine Reihe weiterer Fragen dieser Art nach sich zieht…

    Homo ludens – eine Spezies aus lauter Spielernaturen?

    Der homo ludens (lateinisch, ‘der spielende Mensch’) ist ein Erklärungsmodell des lebenden Menschen, wonach dieser seine Fähigkeiten im Besonderen über das Spiel entwickelt. Er entdecke im Spiel seine individuellen Eigenschaften und entwickele sich dadurch anhand der dabei gemachten Erfahrungen selbst zu dem, was er ist. Spielen unterstellt Handlungsfreiheit gleichgesetzt und setzt eigenes Denken voraus
    Nach Johan Huizinga entwickelten sich unsere kulturellen Systeme wie Politik, Wissenschaft, Religion, etc. im Wege der Selbstorganisation aus ursprünglich spielerischen Verhaltensweisen, die nach und nach ritualisiert und institutionell verfestigt wurden…vergl. Wikipedia.
    Besonders reizvoll war es dann wohl einige Multiplikatoren und Eliten, von Zeit zu Zeit einzelne ‘Spielregeln’ zu verändern…
    Diesen Gedanken weiterspinnend frage ich mich: Sind wir – sowohl als Individuen als auch in unserer Gesamtheit – allesamt Spieler bzw. Zockernaturen, wenn auch mit unterschiedlicher Ausprägung und Vorliebe für verschiedene Spiele und unterschiedliche Einsätze?
    • Im globalen Kontext lassen wir es drauf ankommen – Klimaentwicklung, Weltkriegsgefahr, Ressourcenschwund usw. Setzen wir darauf, dass es uns alle – oder uns selbst – nicht zu schlimm trifft? Oder dass unser rechtzeitiges Ableben uns davor bewahre, die schlimmsten Entwicklungen noch mit ansehen bzw. selbst erfahren zu müssen?
    • Im persönlichen Leben vergeht nicht ein Tag, ohne dass wir eine Fülle von Risikoabwägungen vornehmen und ‘kalkulierte Risiken’ eingehen.
    • Geht das ‘Spiel’ religiöser Menschen davon aus, der liebe Gott werde es schon richten – und man selbst werde gerade noch bei den Guten im Töpfchen landen?
    Auch wenn Friedrich Nietzsche wohl zutreffend erkannt hat, dass von allen menschlichen Beweggründen Eigennutz und Angst wohl am schwersten wiegen und dass “Religion das einzelne Gemüt in Zeiten des Verlustes, der Entbehrung, des Schreckens, des Misstrauens” befriedigt – die kollektive Spielernatur der Menschen könnte als ergänzendes Erklärungsmodell tauglich sein.
    ‘Eigentlich’ kann dies nicht zutreffen, möchte man meinen – denn Leben als Spiel im Spiel (…) aufzufassen, wäre doch im hohen Maße un-vernünftig. Wie dem auch sei, die täglich zu beobachtende Realität scheint in diese Richtung zu weisen.
    Wo aber liegt die Grenze zwischen kreativem Spiel und vermessenem Zockertum? Pessimisten sind überzeugt, dass wir dies schneller herausfinden werden, als den meisten von uns lieb sein dürfte…

    Siehe auch

    Sonntag, 19. August 2012

    Prof. Hans-P. Dürr: Versöhnung von Wissenschaft und Religion

    Der Quantenphysiker Hans–Peter Dürr(1) vertritt einen ganzheitlichen, auf die Synthese und Versöhnung von Physik und Metaphysik abzielenden Wissenschaftsansatz, der inmitten der ideologisch geprägten Konflikte unserer Gegenwart beachtens- und erstrebenswert anmutet.

    Zu seiner holistischen Sicht der ‘neuen’ Physik und zugleich aller Lebensprozesse finden sich hier einige Anmerkungen.

    Die Naturwissenschaften sowie die mit ihnen gewachsene Technologie haben unsere Welt und unser aller Leben dramatisch verändert. Was uns Vorteile und Privilegien eröffnete, hat zugleich nachteilig auf die gesamte Biosphäre ausgewirkt - die lt. Dürr gegenwärtig in eine “ernste Existenzkrise” schlittert. Warum er diese Krise infolge einer Störung des biologischen Gleichgewichts heraufziehen sieht, stellt Professor Dürr in seinem Beitrag “Wirklichkeit des Lebens” dar.  

    Im Grunde handele es sich um eine Reihe von Krisen:
    • eine „Krise der Immanenz“: uns könnte die unmittelbare Erfahrung verloren gehen, das wir als Menschen unauflösbar im Transzendenten verankert sind,
    • eine „Erschöpfung der Moderne“: Brüchigkeit und Unzulänglichkeit unserer heutigen säkularisierten (rein weltlichen), materialistischen Weltanschauung treten immer deutlicher in Erscheinung. Gerade unser industrialisierter, vermeintlich “entwickelter” Teil der Welt – leidet trotz allem materiellen Überfluss und all der Überflutung mit Reizen an einem Defizit, welches Dürr treffend als “Hunger nach Geistigem und Sinnhaften, ein Gefühl von Verlorensein und Einsamkeit” charakterisiert.
    Die tieferen Ursachen unserer Frustration würden gar nicht bewusst, stellt der Physiker fest, weshalb wir auch nicht die Notwendigkeit sehen (und bereit sind), ‘geeignete Nahrung’ aufzunehmen.
    Hm ...Ist es nicht eher so, dass viele Menschen heute sehr wohl wissen (oder wenigstens intuitiv erahnen), was mit ihnen los ist? Sie erkennen allmählich: der trügerische Mix aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und materiellem Wohlstand machte Spiritualität nur vordergründig überflüssig.
    In dem vermuteten Gegensatz zwischen Wissenschaft und Spiritualität haben die meisten Menschen sich der ‘Rationalität’ unterworfen wie Faust seinem Mephisto.
    Bei aller hochgelobten Rationalität’  reduziert sich die gegenwärtige Form von Vernunft eher darauf, scheinbar exaktes Wissen zu sammeln und in kritischem Denken zu verarbeiten – mit dem Zweck, unseres willentliches Handeln besser zu steuern. In Wahrheit aber sträuben wir uns, das im eigentlichen Sinne Vernünftige zu tun. Folglich bleibt die zweite, wesentliche Seite – “die abwägende, wert-trächtige Vernunft” vielfach außen vor.
    "Gelingt es uns einmal, einen kleinen Zipfel der "Wahrheit" zu erhaschen, dann meinen wir in diesem Zipfel gleich die einzige und ganze Wahrheit zu sehen. 
    Wir betrachten das ganze Weltgeschehen nur unter dieser einen neuen Einsicht und zwängen, was nicht so recht passen will, mit Intelligenz, Schlauheit, Eloquenz, doch auch mit unbewusster oder bewusster Mogelei und Gewalt in dieses Korsett."
    Was nicht in dieses Denk- und Bewertungsschema nicht passt, wird passend gemacht – um das mühsam erworbene, Sicherheit versprechende Paradigma nur ja nicht infrage stellen zu müssen. Die Motivation dahinter ist verständlich: Wir sind beseelt von dem alten Wunsch, die undurchsichtige Komplexität unserer Welt auf etwas Überschaubares und damit Einsehbareres zu reduzieren. Unsere verkürzten Vorstellungen der Wirklichkeit gestatten uns, die Unsicherheit und Zukunftsängste auf ein erträgliches Maß abzumildern.

    Dürr spricht hier von ‘Nachbildungen der Wirklichkeit’, was immerhin bei Astrid Lindgrens’ junger Protagonistin geklappt hat (“Wir machen uns die Welt, wie wie wie sie uns gefällt”:)



    Grenzen des Wissens ...Sokrates hatte es verstanden



    Der Versuch jegliche Unsicherheit zu beseitigen erwiest sich zum wiederholten Mal als Illusion. Durch unser Wissen haben wir zwar prinzipiell die Möglichkeit, mit absichtsvollem Handeln unsere Überlebenschancen zu verbessern. Kurzfristig scheint uns dies sogar zu gelingen. Zwanghafter Wissenschaftsglaube und Technokratie mutieren zu einem Fundamentalismus, wie er den Kirchen spätestens seit der Aufklärung vorgeworfen wurde.

    Dabei habe die moderne Physik eine prinzipielle Schranke deutlich sichtbar gemacht:
    “Nicht alles ist wissbar.”
    Es gibt heute ein Wissen um prinzipielles, dauerhaftes Nichtwissen (z.B. über das, was 'vor' und genau im Augenblick des Urknalls geschah). Diese Grenzen des Wissens, die wohl auch in Zukunft fortbestehen werden, eröffnen gegenwärtig wieder Räume, die nur durch Glauben bzw. Spiritualität zugänglich sind, der mehr bedeutet als ein Noch–nicht–wissen.

    Ausgelöst wurde diese Erkenntnis des Nicht-Wissen-Könnens durch die Entdeckungen in der Physik am Anfang des 20. Jahrhunderts sowie eine radikale Neuinterpretation durch Niels Bohr und Werner Heisenberg. Der unausweichliche Paradigmenwechsel beruht wesentlich auf der alten und doch neuen Erkenntnis, dass die Realität nicht im Sinne einer ‘dinghaften Wirklichkeit’ zu verstehen ist:

    “Materie besteht nicht aus Materie.”
    Das Atom (atomos=unteilbar) im eigentlichen Sinne eines kleinsten, nicht weiter zerlegbaren Materiebausteins gibt es nicht. Am Ende (des Zerlegens) bleibe nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung.
    Alles, was die Naturwissenschaft als ‘stoffliche Realität’ beobachte und beschreibe, dürfe nicht verwechselt werden mit der dahinter liegenden, ‘eigentlichen’ Wirklichkeit. Denn die bislang nur zweiwertig (im Ja/Nein -Prinzip) aufgefasste Wirklichkeit offenbare sich als Potenzialität, als ein „sowohl/als auch“. Potenzialität erscheint als das Eine, das sich nicht auftrennen, grundsätzlich nicht zerlegen lässt.
    “Dies führt weiter dazu, dass zukünftige Ereignisse sich nicht mehr eindeutig aus gegenwärtigen Gegebenheiten prognostizieren und kausal erzwingen lassen, da alles mit allem auf eine komplexe Weise zusammenhängt und Beziehungen sich nur noch in einem statistischen Sinne bewerten lassen.”
    Den Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung setzen nicht nur Relativitätstheorie, Quantenmechanik und Thermodynamik Grenzen. Gerade die reifsten physikalischen Theorien enthalten selbstbegrenzende Aussagen und erklären explizit, worüber auf naturwissenschaftlicher Ebene nicht mehr sinnvoll geredet werden kann:
    • Jene Theorien haben ihren definierten Gültigkeitsbereich, deshalb lassen sie z.B. keine Aussagen über den Urknall selbst und das fragliche ‘Davor’ zu.
    • Jenseits des kosmologischen Horizontes sind die Bedingungen, unter denen Naturwissenschaft erfolgreich sein kann, nicht mehr erfüllt.
    Glaubt man dem britischen Astrophysiker John D. Barrow, dann ist die Tatsache unseres Nicht-Wissen-Könnens nicht überraschend, sondern vielmehr ein evolutionsbiologisches Resultat. Aus Sicht der Evolution dienen unsere Sinne und unser Gehirn nicht primär dazu, die Welt zu verstehen, sondern um in ihr zu überleben. Dass wir über uns und die Welt nachdenken können, sei insofern ein zufälliges Nebenprodukt der Evolution, in dem wir nicht zwangsläufig besonders gut sind.
    Obwohl jene Entdeckungen und Erkenntnisse aus Quantenphysik und Relativitätstheorie vor fast hundert Jahren publiziert wurden, sind diese ‘neuen Vorstellungen’ bis heute nicht in den Sozialswissenschaften und im politischen Alltag angekommen. Vermutlich fehle es uns an geistiger Reife, uns von einer gewohnten Vorstellungswelt zu lösen. Während dieser hundert Jahre wurden die unverstandenen Potenziale dennoch "wie von Zauberlehrlingen" technologisch genutzt, ohne ihre Risiken Auswirkungen in ihrer Gesamtheit zu begreifen.

    Darin erkennt Dürr eine zeitweilige Unfähigkeit, unser Handeln mit angemessenem Denken in Einklang zu bringen – was eine existenzielle Gefahr heraufbeschworen hat: Die entfesselten, aber nur oberflächlich verstandenen Einwirkungspotentiale “könnten die Menschheit leicht aus der Evolution des Lebendigen hinaus katapultieren”.

    Wie richtig Dürr mit seiner Diagnose liegt, zeigen dramatische Eskalationen wie die Kubakrise, Tschernobyl oder Fukushima; Aus begangenen Fehlern und ihren auf Jahrtausende wirksamen Konsequenzen lernen wir nicht oder zu langsam lernen.
    Doch sei ausgerechnet dieses neue naturwissenschaftliche Weltbild dazu geeignet, die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften wieder zusammenzuführen. Es erlaube sogar, Glaube/Religion und Wissenschaft als komplementäre Elemente einer umfassenden Sichtweise zu verstehen. Der Glaube würde nicht länger auf das Wenige beschränkt, was bis zu einem Zeitpunkt ‘noch nicht gewusst’ wurde und erhielte mit Anerkennung der prinzipiellen Einschränkung des Wissbaren seine volle Bedeutung und Eigenständigkeit zurück.

     

    "Glaube und Wissenschaft suchen eine Wahrheit auf verschiedenen Wegen"

    Sobald der Wille dazu vorhanden ist und es gelingen sollte, Natur- und Geisteswissenschaften sowie auch spirituelles Wissen in einem holistischen Weltbild zusammenzuführen, gehören ‘absolute Wahrheiten’ in Glaube und Wissenschaft der Vergangenheit an. An ihre Stelle werde eine „offenere, vieldeutige Wahrheit“ treten, die in subtiler Weise Glaubens- und Wissenselemente enthalte – prognostiziert Prof. Dürr.
    Aus heutiger, konventioneller Sicht ist dies zwar wünschenswert, aber nur schwer vorstellbar: Denn der Gläubige sucht auf grundlegend andere Weise nach diametral gegensätzlichen Wahrheiten wie ein reduktionistisch, analytisch vorgehender Naturwissenschaftler. Im unserer alltäglichen Denkweise ist Glaube gerade das Gegenteil von Wissen; denn sobald ich etwas mit Bestimmtheit weiß, hat sich der Glaube erübrigt – oder er hat seine Bestätigung erfahren.


    Freilich könnte Dürr Recht behalten: bei aller Verschiedenheit suchen Wissenschaftler und Gläubigen letztlich nach Antworten auf dieselben Fragen. Dürr spricht hier von zwei Arten des Wissens:

    • Wissenschaft vertritt die „Außenansicht“ mit „begreifbarem Wissen“ und der Trennung von Beobachter und dem Beobachteten.
    • Daneben existiere auch die „Innensicht“, welche die „Gewissheit um den inneren Zusammenhang“ erfahre und ihrem Wesen nach immer holistisch sei.
    Inhaltlich sind Glaube und Wissenschaft nicht so weit auseinander, wie es zunächst scheint: Die von uns als allgemeingültig erachtete zweiwertige Außenansicht (Ja oder Nein) hat nur begrenzte Gültigkeit. Wie die Quantenphysik gezeigt hat, ist sie nur grobes, modellhaftes Abbild einer tieferen Wirklichkeit, deren Züge sich uns getreuer durch Innensehen offenbaren.
    Obwohl der Wissenszuwachs in Forschung und Wissenschaft sprunghaft ansteigt und die Kosmologen mehr Entdeckungen machen als jemals zuvor, kommen die Menschheit in der Beantwortung der eigentlichen Kernfragen nicht weiter. Professor Dürr zeigt hier den Weg aus einer Sackgasse auf, in der wir uns befinden, seitdem unsere Erkenntnisfortschritte nach dem “Leben, dem Universum und dem ganzen Rest”2) stagnieren. Als Ursache hierfür erkennt Professor Dürr die Selbstbeschränkung der Naturwissenschaft auf das mit ihren Methoden Wahrnehmbare.

    So ungeheuerlich es auch für eingefleischte Empiriker klingen mag, Auf die Erkenntnispotenziale der Metaphysik dürfe deshalb nicht länger verzichtet werden, indem sie per Definition einfach ausklammert. Bevor hier eine Trendwende entstehen kann, muss zunächst die wichtige Einsicht nachvollzogen werden, dass es in der Naturwissenschaft die o.a. stabilen Bereiche des Nichtwissens gibt.

    “Religion und Wissenschaft sind ihrer Wahrnehmung nach komplementär.”
    Vorläufig aber bestehe der Eindruck, dass die klugen Köpfe unter den Naturwissenschaftlern sich der Grenzen ihres möglichen Wissens zwar bewusst sind und diese Tatsachen ganz gerne verdrängen – dadurch können sie eine Weile noch so agieren und auftreten, als ob ihrem Tun keine Grenzen gesetzt wären.
    Im Interesse des Erkenntnisfortschritts läge es jedoch, wieder zu einer fruchtbaren und konstruktiven Kooperation mit den Philosophen und Theologen zurückzukehren – und zwar auf Augenhöhe. Dadurch würden wir nach Professor Dürr auf einem guten Weg begeben, uns an “das Leben, das Universum und den ganzen Rest” anzunähern – nicht durch Anhäufung von Faktenwissen, sondern durch Zulassen neuartiger Erfahrungen.

    Nur indem sich die beiden nur scheinbar unversöhnlichen Lager von Religion und Naturwissenschaft auf einen “offenen, inter-subjektiven  und intensiv-empathischen Dialog” einlassen, eröffne sich eine aussichtsreiche Chance, den Kern unseres Daseins seinem Wesen nach zu erfassen.

    Hinweise dafür, dass Hans-Peter Dürr auf der richtigen Spur sein dürfte, liefert auch die nano spezial-Folge (3SAT) mit dem Titel “Physik vor dem Kollaps”.

    Vortrag v. Prof Hans-Peter Dürr: Wir erleben mehr als wir begreifen!


    Siehe auch:




    • ‘Wirklichkeit des Lebens’, Hans-Peter Dürr







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    Anmerkungen
    1) Hans-P. Dürr (geb. 1929) war von 1958 bis 1976 Mitarbeiter von Werner Heisenberg, den er in seinem Projekt zur Entwicklung einer vereinheitlichten Feldtheorie der Elementarteilchen unterstützte.
    Nach seiner Emeritierung widmete sich Dürr auch erkenntnistheoretischen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Er erkannte unser aller Verantwortung für einen ressourcenschonenden Umgang mit unserer Umwelt gründete er das Global Challenges Network (GCN e.V.) –diese Organisation knüpft ein Netz aus Projekten und Gruppen, die konstruktiv und gemeinsam „an der Bewältigung der Probleme arbeiten, die uns und damit unsere natürliche Umwelt bedrohen“.
    Dürr ist Träger des alternativen Nobelpreises und des Bundesverdienstkreuzes und Mitglied im Club of Rome.

    2) Vergleiche:
        a) Life, the Universe and Everything
        b) ‘Deep Thought’ und der Sinn des Lebens)