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Samstag, 25. August 2012

Unsterblichkeit der Seele? Platons Phaidon

Ein Dialog über das Wesen der Seele und die Ewigkeit

Auf ein einzelnes der vielen philosophischen oder theologischen Konzepte von Unsterblichkeit und ewiger Existenz der (menschlichen) Seele vermag ich mich nicht festzulegen – an der Hoffnung auf dieses Weiterexistieren der Seele halte ich dennoch unbedingt fest.
Mein persönlicher Grund für dieses Hoffen ist fast banal: Die Vorstellung, für das Selbst – zu dem insbesondere Bewusstsein und Erinnerung zählen – gebe es kein 'Danach', impliziert für mich zu einer völligen Sinn- und Ziellosigkeit des menschlichen Daseins. Anders ausgedrückt: In der Einseitigkeit dessen, was die Mehrzahl der Menschen in ein paar Jahrzehnten irdischen Daseins veranstaltet, entdecke ich plumpen Selbstzweck, naturalistisches Sich-Reproduzieren, maximierte Konsum- und Sinnlichkeitserfahrung sowie die selbstgefälligen Erfolgserlebnisse einzelner Alphamännlein und –weiblein, aber ganz sicher weder Sinngebung noch Vollendung.

Nun hat es manchmal den Anschein, als sei die Frage nach dem Tod, der Beschaffenheit des Jenseits und 'was dann aus uns wird', nahezu ausschließlich die Domäne der um die "Wahrheit" konkurrierenden Religionen. Diese (vor allem die drei großen monotheistischen Religionen) haben entscheidende Nachteile:

  • ein kompetitives Entweder-/Oder-Denken:
    Religionen versuchen uns mit mehr oder weniger drastischen Drohgebärden einzuschärfen, an ihre jeweilige Version vom Weiterleben der Seele seien Bedingungen geknüpft …die natürlich nicht von den den Religionsstiftern oder ihnen nachfolgenden Klerikern, sondern unmittelbar von Gott stammen sollen.
  • ein Exklusivitätsanspruch, demzufolge die große Mehrzahl aller Menschen (nämlich alle jeweils "Ungläubigen") entweder im dunklen Nichts der Vergessenheit oder in niemals endenden Höllenqualen endet.
Als wirklich trostbringend empfindet dies kaum jemand. (Zumindest habe ich im christlichen Umfeld noch keine einzige Beerdigung erlebt, die mit gelassener Leichtigkeit den Übergang des Verstorbenen in eine bessere Welt begangen hätte.) All dies ist Anlass genug, auch die 'unabhängigen' Konzepte seelischer Unsterblichkeit zu suchen – ohne damit die religiös motivierten Eschatologien und Heilslehren per se zu verwerfen.

Platons Phaidon – der Dialog des Sokrates über Wesen und Unsterblichkeit der Seele


Der Gedanke, die Seele sei unsterblich, ist kein exklusives Produkt im Portfolio der maßgeblichen, oft monokausal auf einen übernatürlichen Schöpfer ausgerichteten Religionen - wir treffen ihn schon bei den frühen Philosophen an:


Der Phaidon ist ein zwischen 385 und 378 v. Chr. entstandener Dialog des griechischen Philosophen Platon. Dieser schildert im Phaidon das letzte Zusammentreffen des Sokrates mit seinen Freunden vor dessen bevorstehender Hinrichtung. Gegen Sokrates war das Todesurteil verhängt worden, weil ihm ein verderblicher Einfluss auf die Jugend sowie die Missachtung der damaligen Götter zur Last gelegt worden war.
Auf die Bitte des Pythagoreers Echekrates berichtet Phaidon von den letzten Stunden des Sokrates und von dem letzten Gespräch: der Argumentation vom Fortleben der Seele. Phaidon selbst gründete nach Sokrates' Tod eine Philosophenschule in Elis.
Im Mittelpunkt des Phaidon steht auch die Ideenlehre (s.u.) des Platon.
  • Den ins Deutsche übersetzten Text des Phaidon findet man beispielsweise hier (PDF) in einer überarbeiteten (leicht zu lesenden) Fassung oder auf Zeno.org. Zum Erstaunen seiner Freunde habe Sokrates im Angesicht des bevorstehenden Todes tapfer und "ganz glücklich" gewirkt. So habe Phaidon zwar Trauer empfunden, aber auch die Zuversicht, sein Freund werde begnadet und mit "einzigartigem Wohlbefinden in die Unterwelt eingehen". 


Tod und Reinigung der Seele

Sokrates erklärt, der Tod für den Philosophen keinen Schrecken; er selbst gehe dem "nicht unwillig" entgegen. Jede Form von Suizid lehnt er indessen aufgrund eines aus göttlichen Geheimlehren ersichtlichen Verbotes ab: die Menschheit sei als "eine der Herden der Götter" zu betrachten und jeder einzelne in einer Festung (dem Körper) gefangen, aus der er sich nicht selbst befreien dürfe. Andernfalls drohe womöglich eine Bestrafung.
Auch Sokrates betrachtet die Menschen als Eigentum von weit über ihm stehenden, göttlichen Wesen. Obgleich dem Gedanke, mir nicht selbst zu gehören, etwas Beängstigendes (auf Gedeih und Verderb meinem 'Eigentümer' ausgeliefert zu sein) anhaftet – hier geht es vor allem darum, dass der Hüter der Herde am besten wisse, was gut für sie ist.
Dennoch, der Tod als solcher sei erstrebenswert und Todessehnsucht daher verständlich, sogar begrüßenswert. Widerspruch und Unverständnis seitens Kebes und Simmias bewegen Sokrates dazu, seine Auffassung zu erläutern.
„… wenn ich nicht glaubte, zuerst zu andern Göttern zu kommen, die auch weise und gut sind, und dann auch zu verstorbenen Menschen, welche besser sind als die hiesigen, so täte ich vielleicht unrecht, nicht unwillig zu sein über den Tod. Nun aber wisset nur, dass ich zu wackeren Männern zu kommen hoffe.“
Der Tod verschaffe der Seele die lange gesuchte Unabhängigkeit, denn bei seiner Suche nach tiefen Erkenntnissen behindere der Körper den Philosophen: Sinneseindrücke vermitteln keine objektiven, sicheren Informationen und können den Verstand vielmehr täuschen. Ebenso sind körperliche Bedürfnisse und Triebe störend auf dem Weg zur wahren Erkenntnis.
Mehr noch: der Körper sei eine regelrechte Last; der Philosophen solle ihm nur das Nötigste zugestehen.

“Selbst im Krieg, beim Aufruhr und in Kämpfen, haben wir es nur mit dem Körper und seinen Begierden zu tun. Denn in allen Kämpfen geht es um den Besitz von Geld und Gut, die wir für unser leibliches Wohl haben wollen.
Weil uns diese Dinge so vereinnahmen, fehlt es uns an Muße, Philosophie zu betreiben.
Nur Vernunft lässt das Erkennen und Verstehen der Wirklichkeit zu - während Furcht, Liebe, Angst und alle übrigen Empfindungen dieser Erkenntnisgewinnung im Weg stehen. Folglich ist ein Philosoph gut beraten, seinen Körper von diesen störenden Einflüssen fernzuhalten.
Mit dem Ableben des Körpers hat es damit ein Ende: durch den Prozess des Sterbens erfolgt die Trennung der Seele vom Körper, sie wird von den letzten Fesseln des Leibes befreit und ist nun "für sich allein".
Dies ist für einen Philosophen - als 'Freund der Weisheit' - der Idealzustand:

"Wenn wir je etwas rein erkennen wollen, müssen wir uns von ihm befreien,
und allein mit der Seele die Dinge an sich anschauen."
(Der Tod als Instrument, um kritische Distanz zu all den Einflüssen, denen die Lebenden mit ihren Trieben, Bedürfnissen und Befindlichkeiten ausgesetzt sind? Kann man so sehen, nur stelle ich mir den 'entkleideten' Erkenntnisprozess innerhalb der als Ewigkeit bezeichneten Dimension auf die recht einseitig vor, wenn nicht sogar schal.)
Insoweit sei es töricht, sich vor dem Tod zu fürchten. Erst nachdem diese Schwelle überschritten sei, lasse sich im Jenseits die endgültige Wahrheit finden.
Ohne anmaßend sein zu wollen, scheint es mir doch, als werde hier ein Aspekt übersehen: Bergen nicht auch die so sehr von Sokrates verachteten Erfahrungen und sinnliche Freuden (in Maßen genossen) wesentliche Impulse für den Versuch, die (gesamte) Wirklichkeit zu erfassen? Die Götter, die ‘ihrer Herde’ alles Gute und Notwendige angedeihen lassen, würden die Mitglieder dieser Herde kaum grundlos einem solchen ‘Gefängnis’ ausliefern…
Sokrates mahnt auch zur Besonnenheit, die für mich freilich implizieren würde, sowohl Körper und Sinne als auch Verstand und Seele in einem fortwährenden, fraglos schwierigen Balanceakt gleichermaßen zu ‘nutzen’, um Erkenntnis und Weisheit zu gelangen.

Hören und Sehen versetzen den Menschen überhaupt erst in die Lage, über komplexe Fragestellungen nachzudenken.

"Wenn einer ungeweiht und uneingeweiht im Hades ankommt, so wird er dort im Schlamm zu liegen kommen. Der Geläuterte aber und der Geweihte, wird nach seiner Ankunft dort bei den Göttern wohnen…"

Beweise für die Unsterblichkeit der Seele?

Die bisherigen Überlegungen und Annahmen des Sokrates setzen freilich einen entscheidenden Umstand als unumstößliche Tatsche voraus: Mit dem Tod stirbt allein der Körper, doch die Seele bleibt als Einheit erhalten. D.h. sie unterliegt auch nicht der Reorganisation wie die elementaren Bausteine des materiellen Körpers.
Dies dürfe man eben nicht einfach voraussetzen, wenden Freunde und Schüler des Sokrates ein – sonst bleibe von dem bisher Gesagten nicht mehr als eine schöne Hoffnung. Vielmehr bedürfe es "überzeugender Gründe und Beweise dafür, dass die Seele nach dem Tode des Menschen noch existiert und dass sie dann noch Kraft und Einsicht besitzt."

(Hier liegt für mich der bedeutsamste Knackpunkt, weswegen ich mich nicht auf dem Markt der religiösen und spirituellen Wettbewerbe für eines der angepriesenen 'Produkte' entscheiden mag: Solange diese Eingangsvoraussetzung nicht abschließend geklärt ist - was in Ermangelung von Rückmeldungen aus dem Hades weiterhin schwer fallen dürfte - sehe ich keinen Nutzen darin, meinen Fokus zu verengen und mir damit weitere wertvolle Denkimpulse vorzuenthalten. Besonders angenehm ist dies nicht, denn ich empfinde das Fehlen einer geistigen/geistlichen Heimat durchaus als Defizit.)

Auch Sokrates empfindet zwar Hoffnung auf Erlösung und Zuversicht in Bezug auf seinen Weg ins Jenseits, aber keine absolute und unwiderlegbare Gewissheit. Auch deswegen widmet sich er sich nun intensiv einer Beweisführung für die Unsterblichkeit der Seele.



(1) Werden aus dem Gegensätzlichen’ und der Kreislauf des Lebens

Hier wird angenommen, dass Gegensätzliches einander hervorbringt: Wo immer Gegensätze bestehen (warm - kalt, Gutes – Schlechtes, Licht – Finsternis) muss eine Veränderung von einem Zustand in einen entgegengesetzten Zustand erfolgen. Dieses Prinzip des Werden aus dem Gegensätzlichen’ gilt für alles, was wird.
Ferner bestehe die Notwendigkeit einer zyklischen Regeneration: Wenn irgendwo ein Mensch oder Tier stirbt, werde an einem anderen Ort ein gleichartiges Lebewesen geboren. Werden und Vergehen, Leben und Tod müssen einen Kreislauf bilden, sonst käme alles zum Stillstand.
"…würde nicht ebenso, lieber Kebes, wenn alles zwar stürbe, was am Leben Anteil hat, nachdem es aber gestorben wäre, das Tote immer in dieser Gestalt bliebe und nicht wieder auflebte, ganz notwendig zuletzt alles tot sein und nichts leben? 
Denn wenn zwar aus dem Andern das Lebende würde, das Lebende aber stürbe, wie wäre denn zu helfen, dass nicht zuletzt alles im Totsein aufginge?"
Wirklich einleuchtend finde ich diese Beweisführung noch nicht, jedenfalls nicht in Bezug auf das Weiterleben der immateriellen Seele. Unterstellt man freilich die Unveränderlichkeit der Seele [vgl. (3)], so schließt sich der Kreis des Werdens und Vergehens allen Lebens im 'biologischen' Sinne, wobei die Seele gleichsam als Katalysator an diesem Kreislauf teilnimmt. Aber wie lange?

(2) Wiedererinnerung
Kebes beruft sich auf die die Lehre der Wiedererinnerung: Danach ist Lernen die Erinnerung an etwas, das in einem früheren Leben bereits bewusst war. Folglich müsse die Seele schon vor der Geburt unabhängig vom Körper existiert haben. Sokrates erläutert dies an einem Beispiel:
Zwei Steine erscheinen uns gleichgroß – dennoch realisieren wir auf einer nicht-visuellen Ebene, dass sie nicht vollkommen gleichgroß sind. Dies sei nur möglich, da wir den Standard des Gleichgroßen an sich kennen und so Abweichung der Steine von diesem Standard erfassen.

Diesen Standard aber müssen wir lt. dieser Sichtweise schon vor unserer Geburt besessen haben. Daraus folgt für Sokrates: die Seelen  existierten schon zuvor, ohne den Körper. Eine solche Präexistenz der Seele besagt indessen noch nicht ihr Existieren über den Tod hinaus.


(3) Die Neigung der Seele zum Ewigen
Zerstörbarkeit beruht laut Sokrates darauf, dass Zusammengesetzte sich wieder in seine kleineren/kleinsten Bestandteile zerlegen lasse. Veränderlichkeit und beobachtete Veränderung ist ein Anzeichen für das Bestehen aus kleineren Bausteinen - Unveränderlichkeit kennzeichnet Unteilbares, also eine unzerstörbare Einheit.
"Das Gleiche selbst, das Schöne selbst, und so jegliches, was nur ist selbst, nimmt das wohl jemals auch nur irgendeine Veränderung an? Oder verhält sich nicht jedes dergleichen als ein einartiges Sein an und für sich immer auf gleiche Weise und nimmt niemals auf keine Weise irgendwie eine Veränderung an?"
Wir erfassen Veränderungen durch Wahrnehmungen, das Unveränderliche dagegen erfassen wir überhaupt nicht und klassifizieren es daher als unsichtbar. Das Unsichtbare bleibe demnach immer gleich, unterliege keinerlei Veränderung und sei insoweit 'unzerstörbar'. So verhalte es sich auch mit der Seele (im Gegensatz zum Körper): sie ist unsichtbar und demzufolge weder veränderlich noch zerstörbar.
Solange sie sich mit der Welt beschäftigt, macht sie von den körperlichen Sinnen Gebrauch - damit ist für Sokrates ein Abstieg der Seele verbunden: für die Dauer des irdischen Lebens ist sie an veränderliche Objekte gebunden und von ihnen abhängig.

Deswegen ist die Seele nur verwandt mit dem Ewigen, sie erlangt ferner die Herrschaft über den Körper. In dieser Funktion sei mit dem Göttlichen vergleichbar, das über sterbliche Lebewesen herrsche. Somit sei die Seele dem Unveränderlichen, Göttlichen, Unsterblichen ähnlich, im Gegensatz zum Körper, der veränderlich und sterblich ist und bleibt.



(4) Seele bedeutet Leben, nicht Tod


Zuletzt argumentiert Sokrates, dass es Träger von Eigenschaften gibt,die aber nicht mit diesen Eigenschaften identisch sein müssen. So ist Feuer nicht identisch mit Hitze, aber ein Träger dieser Eigenschaft. Allerdings würde Feuer könnte niemals Kälte als Eigenschaft besitzen können.
Die Seele hingegen bringe das Leben als notwendige Eigenschaft mit sich. Durch ihre Anwesenheit werde der Körper belebt. Da der Tod dem Leben entgegengesetzt ist, kann die Seele den Zustand des ‘Tot-seins’ niemals annehmen, ohne das zu bleiben, was sie ist. Sie ist zudem unzerstörbar und somit könne die Seele niemals durch den Tod vernichtet werden.
Eine tote Seele wäre ein Widerspruch in sich, da die Seele der Träger des Lebens ist.-


Schließlich sind seine Freunde mit Sokrates einer Meinung und haben keine Einwände mehr (oder verzichten in dieser Situation des nahenden Todes taktvoll darauf, weitere zu äußern?).

Der Dialog endet mit der Schilderung, wie Sokrates sich von seiner Familie verabschiedet und der anschließenden Sterbeszene: Ruhig und gelassen habe Sokrates den ihm gereichten Schierlingsbecher getrunken und in Anwesenheit seiner weinenden Freunde das Eintreten des Todes erwartet. Phaidons Schluss-Satz :
„Dies, o Echekrates, war das Ende unseres Freundes, des Mannes, der unserm Urteil nach von den damaligen, mit denen wir es versucht haben, der trefflichste war und auch sonst der vernünftigste und gerechteste.“
---
Dies ist nur eine verkürzte Wiedergabe einzelner, m.E. zentraler Elemente des Dialoges. Es lohnt sich durchaus, den gesamten Text zu lesen und kritisch zu durchdenken. Was heute den Naturwissenschaftlern weder positiv noch negativ gelingt, konnte damals auch bei den Philosophen (aus Schule des Pythagoras) nicht in für alle Zeit unwiderlegbarer Weise funktionieren: Per mathematischer bzw. logischer Beweisführung kann die Sterblichkeit oder Unsterblichkeit der Seele nicht letztgültig belegt werden - das fragliche Jenseits (als spätere 'Aufenthalts-Dimension' für die Seelen) ist den naturwissenschaftlichen Erkenntnismethoden nicht zugänglich. Zudem kommt Unsterblichkeit wohl nur durch eine immaterielle (über-natürliche) Komponente zustande, welcher auch für unser diesseitiges Bewusstsein und Verstandesvermögen nicht bzw. nicht vollständig zu erfassen ist.

Die Argumentation des Sokrates ist durchdrungen von dessen tiefer Überzeugung, dass die Seele unsterblich sei. Allein diese Überzeugung, nicht aber die Lückenlosigkeit seiner Beweisführung, lässt ihn voller Zuversicht dem Tode entgegen sehen. Worte wie "Der Tod ist erst der Anfang" könnten auch von ihm stammen.

Unerfreuliche Aspekte des gegenwärtigen Zeitgeistes resultieren aus der zwar oft verdrängten, aber sehr wohl präsenten Wahrnehmung vom Tod als gefürchteter Sensenmann, von dem kaum etwas angenehmes erwarten dürfe. Hier wird der für viele Menschen unbestreitbar leidvolle Sterbeprozess vermischt mit dem Zustand, der sich erst daran anschließt ...und von dem wir in Bezug auf die Seele herzlich wenig Wissen haben. 
Aus Angst vor beidem - einem potenziell wochen- oder Monate währendem Sterben sowie der Ungewissheit in Bezug auf den Zustand des Tot-seins - werden stressbehaftete Anstrengungen unternommen, um beides hinaus zu zögern. In angespanntem Lebenshunger wird der materieller Konsum und sinnliches Erleben(wollen) auf bisweilen zwanghaft anmutende Weise ausgeweitet und verlängert, bis die sichtbar begrenzte Lebenszeit dann trotz aller Angestrengtheit unwiederbringlich verronnen (vertan?) ist.
Gelänge es hingegen, den Tod als Freund oder wenigstens als einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Vollendung unseres Daseins aufzufassen, könnte dieser stetige Stress- und Verdrängungszustand eventuell abgemildert werden. Wir würden uns angstfrei auf einen Prozess der Umwandlung einstellen und einlassen können, den wir als vorläufiges Ziel dieses Lebens(abschnittes) betrachteten.
"Angst ist die größte Barriere der eigenen Entfaltung und somit ein Hindernis auf dem Weg zum Ursprung, zu Gott."  Stefan von Jankovich
Das 'unvermeidliche' irdische Leben verkäme dank einer dergestalt modifizierten Perspektive nicht länger zum fragwürdigen Selbstzweck des Überlebens, sondern dient nun der bewussten Vorbereitung "für die Werte des jenseitigen Lebens." Mit der Einschränkung, dass je nach persönlichem Reifegrad zuvor noch einige weitere Übungsrunden (im Sinne der Karma- und Reinkarnationslehre) anstehen könnten.
Auch wenn die von dem griechischen Gelehrten hochgehaltene Todessehnsucht m.E. in der Welt der Lebenden heute meist nicht in Erscheinung zu treten braucht (es mag durchaus begründete Ausnahmen geben wie z.B. unheilbare Krankheiten), dürfen wir uns an dieser Zuversicht des Sokrates ein Beispiel nehmen - unabhängig von unserer eigenen Religion oder Weltanschauung.

Nun, das ist die Theorie. In der praktischen Umsetzung hänge ich noch ein wenig fest: den Tod als unabänderliches Daseinselement und unausweichlichen Zustand fürchte ich nicht mehr, seit ich mich vom römisch-katholischen Konzept der Höllenstrafen distanzieren konnte. Meine Furcht vorm Sterben ist hingegen geblieben, als unbelehrbarer Konsument einer Alltagsdroge (Nikotin) gehe ich nicht von einem notwendigerweise friedlichen Einschlafen aus. Je intensiver ich mich indessen mit Aspekten von Sterben und Tod auseinandersetze (z.B. Patientenverfügung? Organspende?), um so ruhiger bleibe ich innerlich, wenn der Gedanke 'Na, mit mehr 50 Jahren kommst du allmählich auf die Zielgerade' wieder einmal aufkommt.

Platons Phaidon, mit Hans-Georg Gadamer 



Anmerkungen


  1. Platons Ideenlehre ist die neuzeitliche Bezeichnung für die auf Platon (428/427–348/347 v. Chr.) zurückgehende philosophische Konzeption, die Ideen als eigenständige, dem Bereich der sinnlich wahrnehmbaren Objekte ontologisch übergeordnete Entitäten annimmt. Solche Ideen werden zur Unterscheidung vom modernen Sprachgebrauch, in dem man unter „Ideen“ Einfälle, Gedanken oder Leitbilder versteht, „platonische Ideen“ genannt.




Übersicht zur Ideenlehre (Quelle: Wikipedia)


Platonische Ideen sind beispielsweise „das Schöne an sich“, „das Gerechte an sich“, „der Kreis an sich“ oder „der Mensch an sich“. Nach der Ideenlehre sind die Ideen nicht bloße Vorstellungen im menschlichen Geist, sondern eine objektiv existierende metaphysische Realität. Die Ideen, nicht die Objekte der Sinneserfahrung, stellen die eigentliche Wirklichkeit dar. Sie sind vollkommen und unveränderlich. 

Als Urbilder der einzelnen vergänglichen Sinnesobjekte sind sie die Voraussetzung von deren Existenz. Platons Ideenkonzeption steht somit in polarem Gegensatz zur Auffassung, dass die Einzeldinge die gesamte Wirklichkeit ausmachen und hinter den Allgemeinbegriffen nichts steht als das Bedürfnis, zur Klassifizierung der Phänomene Ordnungskategorien zu konstruieren.



Sonntag, 5. Februar 2012

Die Wunder der Bibel - Zumutung oder Tatsache?

Vortrag von Prof. Dr. Werner Gitt

Auch wenn ich den Inhalten der Vorträge von Prof. Gitt oftmals mit Skepsis begegne, sehe und höre ich den Professor recht gerne. Zu einer sympathischen Stimme und einem angenehmen Vortragsstil kommt der Eindruck einer großen Ehrlichkeit.

In seinen (angesichts der Themenwahl zwangsläufig subjektiven) Worten vermag ich keine bewusste Lüge oder absichtsvolle Unwahrheit zu entdecken. Nicht dass ich alles was Herr Gitt von sich gibt, für zutreffend erachte; eher das Gegenteil ist der Fall - doch wirkt auf mich er absolut authentisch.
Dies ist in unserer Zeit nicht selbstverständlich, wo der Wettbewerb um Einschaltquoten und das Bedürfnis nach politischer und gesellschaftlicher Resonanz allzu oft zu Halbwahrheiten, 'zielorientierten Darstellungen' und Populismus bzw. Opportunismus verleiten.
Manipulation und Unwahrheit sind integraler Bestandteil der medialen Reizüberflutung und haben unsere Toleranzschwelle anwachsen lassen. Wer regt sich noch auf über offensichtlich verdrehte Fakten in Werbung, Talkrunden und der Spitzenpolitik? Das leicht verdauliche Gemisch aus Halb- und Unwahrheit erweist sich bisweilen sogar als notwendig: "Wer immer und überall die Wahrheit sagt, sollte schnell reiten können."

Mit auffallender Klarheit steht Prof. Gitt zu seiner persönlichen Überzeugung; er verzichtet auf jegliche dem 'Zeitgeist' Rechnung tragende Relativierung - auch wenn er sich damit heftiger Kritik aussetzt oder der Lächerlichkeit preisgibt (z.B. mit der Aussage, die Erde sei vor etwa 6000 Jahren geschaffen worden). Dabei liegt die Wahrheit im Auge der verschiedenen Betrachter - von meinem Standpunkt aus gelange ich zu anderen Schlussfolgerungen als Herr Gitt.
So ist es auch mit 'Wundern'. Ich brauche sie nicht, um an Gott zu glauben und betrachte sie als 'Risiko' (Erläuterung folgt gleich).
Unter einem Wunder versteht man im allgemeinen ein Ereignis, dessen Zustandekommen man sich (noch) nicht erklären kann. Im engeren Sinn werden Vorkommnisse als 'Wunder' bezeichnet, die menschlicher Vernunft und Erfahrung sowie den Gesetzmäßigkeiten von Biologie und Physik zu widersprechen scheinen. Die heutige Vorstellung von einem Wunder als "übernatürlich" setzt insoweit das Wissen um die Naturgesetze voraus.
Vor tausend oder mehr Jahren war die Grenze zwischen "Möglichem" und "Unmöglichem" weitaus durchlässiger, damals galten schon Naturkatastrophen sowie Blitz und Donner als Wunder, das nicht selten als Intervention der jeweils zeitgemäßen Gottheit(en) angesehen wurde.

Genau darin liegt das 'Risiko' für jene religiöse Strömungen, welche die Existenz Gottes mit Hilfe von 'Wundern' nachweisen wollen. Manche der biblischen Wunder, z.B. einige der 7 Plagen, lassen sich inzwischen naturwissenschaftlich erklären - was der christlichen Theologie seit Beginn der Neuzeit einen erheblichen Verlust an Glaubwürdigkeit eingebracht hat. Bis jetzt sind noch etliche 'Wunder' übrig, die wir bis heute noch nicht erklären können - das hängt aber auch damit zusammen, dass wir nach 2000 Jahren nicht mehr sicher rekonstruieren können, was sich zu Lebzeiten Jesu wirklich zugetragen hat.
Manche der Krankenheilungen und 'Toten'erweckungen, von denen die Bibel berichtet, würde man bei Kenntnis der genauen Umstände heute eventuell ohne übernatürliche Intervention erklären können. Möglicherweise werden Generationen nach uns imstande sein, für weitere 'Wunder' aus A.T. und N.T. naturwissenschaftliche Erklärungen zu finden.

Relativitätstheorie und Quantenphysik machten es erforderlich, die bislang gültigen Naturgesetze (z.B. die Gravitationsgesetze Newtons) zu erweitern bzw. neu zu formulieren. Insoweit mögen auch zukünftige Erkenntnisse ein anderes, umfassenderes Verständnis von Prinzipien der bringen und uns dazu verhelfen, weitere 'Wunder' aus Bibel und Religionsgeschichte als natürlichen Vorgang zu erkennen. Johannes Greber hat dazu interessante Überlegungen formuliert. In diesem Fall dürfte die Kirche ein äußerst unangenehmes Deja Vu-Erlebnis haben, sollte sie sich weiterhin an ihre dogmatischen Haltung (bspw. in Bezug auf die Jungfrauengeburt Jesu) klammern.


Sind denn nun Wunder möglich oder nicht?

Keine Ahnung. Ich weiß es schlichtweg nicht mit letzter Gewissheit - ebenso wenig wie die Gesamtheit aller Naturwissenschaftler, ob sie privat eine religiöse oder atheistische/agnostische Überzeugung vertreten. Auch diesbezüglich gilt für mich das Toleranzgebot: ich überlasse es jedem selbst, ob er einem Ereignis oder Sachverhalt den Status eines Wunders zuschreibt.

"Während religiöse Menschen die Möglichkeit von Wundern meist bejahen, wird sie von areligiösen Menschen meist grundsätzlich verneint.", heißt es auf Wikipedia. Angesichts der vielfältigen Formen modernen Aberglaubens auch bei Personen, welche sich selbst als Atheist bezeichnen, habe ich da so meine Zweifel.
Augenscheinlich werden Berichte von Wundern oftmals in manipulativer Absicht aufgegriffen und weiter verbreitet, um bei anderen eine ganz bestimmte Sichtweise oder 'Gläubigkeit' zu bewirken. 

Insbesondere kirchliche Kreise scheinen einen großen Bedarf an wundersamen Dingen zu haben ...warum eigentlich? Soll der Glauben ihrer Beitragszahler 'durch Zeugnisse gestärtkt werden? Möglich, aber dies sollte man nicht zu sehr verallgemeinern.  
Personen wie Professor Gitt sind meines Erachtens nicht in manipulativer Absicht unterwegs (auch wenn Teile ihrer Ausführungen unbeabsichtigt manipulative Wirkung haben können ...etwa wenn wieder einmal mit der ewigen Hölle gedroht wird). Vielmehr ist ihr ganzes Denken auf Schriften wie die Bibel oder den Koran gerichtet, welche innerhalb des subjektiven Paradigmas das unantastbare 'Wort Gottes' darstellen. Diese 'heiligen Schriften' enthalten eine Vielzahl von Wundern und Prophezeiungen, folglich hat beides für Angehörige der jeweiligen Glaubensrichtung eine besondere Bedeutung. Daneben wird es viele andere Gründe geben, weshalb Menschen an Wunder glauben - beispielsweise infolge eines persönlichen Erlebnisses, dass ihnen unfassbar und unerklärlich erscheint. Diese Überlegung führt zu der eigentlich bedeutsamen Frage: 
 

Braucht es Wunder, um an Gott zu glauben?

Ich verneine dies für mich in Bezug auf wundersame Ereignisse wie z.B. die Erweckung von Toten, Hellsichtigkeit oder Spontanheilungen, bin mir gleichwohl aber eines Umstandes wohl bewusst: Wenn ich ein unbegrenztes Wirkungspotenzial ("Allmacht") Gottes für möglich erachte, impliziert dies zugleich an die Fähigkeit dieser Entität, 'wirkliche Wunder' zu bewirken. 
Auch in meinem eigenen Leben hat eine Reihe von Ereignissen und Begegnungen stattgefunden, die mir in ihrer Gesamtheit als bemerkenswert erscheinen: etliche Synchromizitäten, d.h. scheinbare 'Zufälle', die genau im 'richtigen Moment' und in einer optimalen Konstellation stattfanden, um meinem Dasein eine Wendung zu geben oder mir zu einer wichtigen Erkenntnis zu verhelfen. Weil diese 'Zufälle' zum Teil äußerst unwahrscheinlich oder zumindest unerwartet waren, halte ich sie für 'besonders'...aber ich erwarte bestimmt nicht, dass irgend jemand außer mir sich dieser Sichtweise anschließt. Und doch tendiere ich dazu, diese Ereignisse und Erlebnisse nicht allesamt als zufällig zu betrachten, sondern das Wirken einer göttlichen Intelligenz zumindest für möglich zu halten. Dass sehr viele, wenn nicht alle Menschen solche 'merkwürdigen Zufälle' erleben, könnte bei aller Vorsicht als Hinweis auf das gezielte Wirken einer solchen Intelligenz betrachtet. Von einem 'Wunder' kann dennoch keine Rede sein.

Meiner Meinung nach ist Gott nicht darauf angewiesen, Wunder außerhalb der Naturgesetze zu bewirken - weder um das Weltgeschehen 'am Laufen zu halten', noch um seine Existenz unter Beweis zu stellen. Es mag wohl sein, dass in der Geschichte der Menschheit noch kein einziges 'echtes' Wunder stattgefunden hat ...weil alle Abfolgen und Ereignisketten innerhalb der 'wirklichen Naturgesetze' möglich waren, welche wir bis heute noch nicht vollständig erfasst haben.
Die Entstehung der Materie (soweit es einen Urknall gab und das Universum nicht für alle Zeit zyklisch pulsiert) und des Lebens stehen für mich auf einem anderen Blatt - beide Ursprünge stehen m.E. außerhalb der Naturgesetze: wir konnten bisher nur beobachten, wie Leben aus Leben hervorgeht - persönlich kann ich mir kein Naturgesetz vorstellen, welches die erstmalige Entstehung von Leben aus dem Nichts vorsieht und beschreibt. Das sieht die moderne Physik übrigens genau so, nur greift sie eine Kette von Zufällen als Ursache zurück.

Wenn ich also eines 'Gottesbeweises' benötigen würde, um an Gott zu glauben, dann wäre das Wunder des Lebens mehr als ausreichend. Nur widerstrebt es mir, die Existenz Gottes an der Anzahl und/oder Qualität unerklärlicher, übernatürlicher Dinge festzumachen. Den Grund dafür habe ich angeführt: in diesem Fall hinge der Grad meines Gläubigkeit ab vom Grad der Unvollkommenheit ab, mit der ich die Naturgesetze verstehe.

Als eine 'Zumutung' fasse ich die Wundererzählungen der Bibel aber nicht auf, eher als Bestandteil einer mit lehrreichen Metaphern und Gleichnissen angereicherten Geschichte, deren historischen Background wir nicht in einzelnen kennen.
Wenn ich persönlich von der Existenz einer göttlichen, schöpferischen und zielorientierten Intelligenz ausgehe, ohne sie zu kennen oder eine klare Vorstellung von ihr zu haben - dann tue ich dies aus einem anderen Grund: Nur mit einer solchen Intelligenz, die alles durchdringt und in allem wirkt, vermag ich die Sinnfrage unseres Daseins positiv zu beantworten.

Meine Intuition sagt mir, unser Dasein hat einen tieferen Sinn, der über Konsum und Lustprinzip hinausgeht. Natürlich sind dies keine 'logischen' Schlussfolgerungen - und ich räume eine gewaltige Portion Wunschdenken meinerseits ein. Dennoch weigere ich mich, das scheinbar sinnlose Leiden Unschuldiger auf der Welt lapidar mit 'Das ist halt so' hinzunehmen - oder mich allein mit wohlfeilen Phrasen wie 'Gott straft, wen er liebt' oder 'Die Wege des Herrn sind unergründlich' abspeisen zu lassen. 


Die Wunder der Bibel - Zumutung oder Tatsache?