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Samstag, 25. August 2012

Unsterblichkeit der Seele? Platons Phaidon

Ein Dialog über das Wesen der Seele und die Ewigkeit

Auf ein einzelnes der vielen philosophischen oder theologischen Konzepte von Unsterblichkeit und ewiger Existenz der (menschlichen) Seele vermag ich mich nicht festzulegen – an der Hoffnung auf dieses Weiterexistieren der Seele halte ich dennoch unbedingt fest.
Mein persönlicher Grund für dieses Hoffen ist fast banal: Die Vorstellung, für das Selbst – zu dem insbesondere Bewusstsein und Erinnerung zählen – gebe es kein 'Danach', impliziert für mich zu einer völligen Sinn- und Ziellosigkeit des menschlichen Daseins. Anders ausgedrückt: In der Einseitigkeit dessen, was die Mehrzahl der Menschen in ein paar Jahrzehnten irdischen Daseins veranstaltet, entdecke ich plumpen Selbstzweck, naturalistisches Sich-Reproduzieren, maximierte Konsum- und Sinnlichkeitserfahrung sowie die selbstgefälligen Erfolgserlebnisse einzelner Alphamännlein und –weiblein, aber ganz sicher weder Sinngebung noch Vollendung.

Nun hat es manchmal den Anschein, als sei die Frage nach dem Tod, der Beschaffenheit des Jenseits und 'was dann aus uns wird', nahezu ausschließlich die Domäne der um die "Wahrheit" konkurrierenden Religionen. Diese (vor allem die drei großen monotheistischen Religionen) haben entscheidende Nachteile:

  • ein kompetitives Entweder-/Oder-Denken:
    Religionen versuchen uns mit mehr oder weniger drastischen Drohgebärden einzuschärfen, an ihre jeweilige Version vom Weiterleben der Seele seien Bedingungen geknüpft …die natürlich nicht von den den Religionsstiftern oder ihnen nachfolgenden Klerikern, sondern unmittelbar von Gott stammen sollen.
  • ein Exklusivitätsanspruch, demzufolge die große Mehrzahl aller Menschen (nämlich alle jeweils "Ungläubigen") entweder im dunklen Nichts der Vergessenheit oder in niemals endenden Höllenqualen endet.
Als wirklich trostbringend empfindet dies kaum jemand. (Zumindest habe ich im christlichen Umfeld noch keine einzige Beerdigung erlebt, die mit gelassener Leichtigkeit den Übergang des Verstorbenen in eine bessere Welt begangen hätte.) All dies ist Anlass genug, auch die 'unabhängigen' Konzepte seelischer Unsterblichkeit zu suchen – ohne damit die religiös motivierten Eschatologien und Heilslehren per se zu verwerfen.

Platons Phaidon – der Dialog des Sokrates über Wesen und Unsterblichkeit der Seele


Der Gedanke, die Seele sei unsterblich, ist kein exklusives Produkt im Portfolio der maßgeblichen, oft monokausal auf einen übernatürlichen Schöpfer ausgerichteten Religionen - wir treffen ihn schon bei den frühen Philosophen an:


Der Phaidon ist ein zwischen 385 und 378 v. Chr. entstandener Dialog des griechischen Philosophen Platon. Dieser schildert im Phaidon das letzte Zusammentreffen des Sokrates mit seinen Freunden vor dessen bevorstehender Hinrichtung. Gegen Sokrates war das Todesurteil verhängt worden, weil ihm ein verderblicher Einfluss auf die Jugend sowie die Missachtung der damaligen Götter zur Last gelegt worden war.
Auf die Bitte des Pythagoreers Echekrates berichtet Phaidon von den letzten Stunden des Sokrates und von dem letzten Gespräch: der Argumentation vom Fortleben der Seele. Phaidon selbst gründete nach Sokrates' Tod eine Philosophenschule in Elis.
Im Mittelpunkt des Phaidon steht auch die Ideenlehre (s.u.) des Platon.
  • Den ins Deutsche übersetzten Text des Phaidon findet man beispielsweise hier (PDF) in einer überarbeiteten (leicht zu lesenden) Fassung oder auf Zeno.org. Zum Erstaunen seiner Freunde habe Sokrates im Angesicht des bevorstehenden Todes tapfer und "ganz glücklich" gewirkt. So habe Phaidon zwar Trauer empfunden, aber auch die Zuversicht, sein Freund werde begnadet und mit "einzigartigem Wohlbefinden in die Unterwelt eingehen". 


Tod und Reinigung der Seele

Sokrates erklärt, der Tod für den Philosophen keinen Schrecken; er selbst gehe dem "nicht unwillig" entgegen. Jede Form von Suizid lehnt er indessen aufgrund eines aus göttlichen Geheimlehren ersichtlichen Verbotes ab: die Menschheit sei als "eine der Herden der Götter" zu betrachten und jeder einzelne in einer Festung (dem Körper) gefangen, aus der er sich nicht selbst befreien dürfe. Andernfalls drohe womöglich eine Bestrafung.
Auch Sokrates betrachtet die Menschen als Eigentum von weit über ihm stehenden, göttlichen Wesen. Obgleich dem Gedanke, mir nicht selbst zu gehören, etwas Beängstigendes (auf Gedeih und Verderb meinem 'Eigentümer' ausgeliefert zu sein) anhaftet – hier geht es vor allem darum, dass der Hüter der Herde am besten wisse, was gut für sie ist.
Dennoch, der Tod als solcher sei erstrebenswert und Todessehnsucht daher verständlich, sogar begrüßenswert. Widerspruch und Unverständnis seitens Kebes und Simmias bewegen Sokrates dazu, seine Auffassung zu erläutern.
„… wenn ich nicht glaubte, zuerst zu andern Göttern zu kommen, die auch weise und gut sind, und dann auch zu verstorbenen Menschen, welche besser sind als die hiesigen, so täte ich vielleicht unrecht, nicht unwillig zu sein über den Tod. Nun aber wisset nur, dass ich zu wackeren Männern zu kommen hoffe.“
Der Tod verschaffe der Seele die lange gesuchte Unabhängigkeit, denn bei seiner Suche nach tiefen Erkenntnissen behindere der Körper den Philosophen: Sinneseindrücke vermitteln keine objektiven, sicheren Informationen und können den Verstand vielmehr täuschen. Ebenso sind körperliche Bedürfnisse und Triebe störend auf dem Weg zur wahren Erkenntnis.
Mehr noch: der Körper sei eine regelrechte Last; der Philosophen solle ihm nur das Nötigste zugestehen.

“Selbst im Krieg, beim Aufruhr und in Kämpfen, haben wir es nur mit dem Körper und seinen Begierden zu tun. Denn in allen Kämpfen geht es um den Besitz von Geld und Gut, die wir für unser leibliches Wohl haben wollen.
Weil uns diese Dinge so vereinnahmen, fehlt es uns an Muße, Philosophie zu betreiben.
Nur Vernunft lässt das Erkennen und Verstehen der Wirklichkeit zu - während Furcht, Liebe, Angst und alle übrigen Empfindungen dieser Erkenntnisgewinnung im Weg stehen. Folglich ist ein Philosoph gut beraten, seinen Körper von diesen störenden Einflüssen fernzuhalten.
Mit dem Ableben des Körpers hat es damit ein Ende: durch den Prozess des Sterbens erfolgt die Trennung der Seele vom Körper, sie wird von den letzten Fesseln des Leibes befreit und ist nun "für sich allein".
Dies ist für einen Philosophen - als 'Freund der Weisheit' - der Idealzustand:

"Wenn wir je etwas rein erkennen wollen, müssen wir uns von ihm befreien,
und allein mit der Seele die Dinge an sich anschauen."
(Der Tod als Instrument, um kritische Distanz zu all den Einflüssen, denen die Lebenden mit ihren Trieben, Bedürfnissen und Befindlichkeiten ausgesetzt sind? Kann man so sehen, nur stelle ich mir den 'entkleideten' Erkenntnisprozess innerhalb der als Ewigkeit bezeichneten Dimension auf die recht einseitig vor, wenn nicht sogar schal.)
Insoweit sei es töricht, sich vor dem Tod zu fürchten. Erst nachdem diese Schwelle überschritten sei, lasse sich im Jenseits die endgültige Wahrheit finden.
Ohne anmaßend sein zu wollen, scheint es mir doch, als werde hier ein Aspekt übersehen: Bergen nicht auch die so sehr von Sokrates verachteten Erfahrungen und sinnliche Freuden (in Maßen genossen) wesentliche Impulse für den Versuch, die (gesamte) Wirklichkeit zu erfassen? Die Götter, die ‘ihrer Herde’ alles Gute und Notwendige angedeihen lassen, würden die Mitglieder dieser Herde kaum grundlos einem solchen ‘Gefängnis’ ausliefern…
Sokrates mahnt auch zur Besonnenheit, die für mich freilich implizieren würde, sowohl Körper und Sinne als auch Verstand und Seele in einem fortwährenden, fraglos schwierigen Balanceakt gleichermaßen zu ‘nutzen’, um Erkenntnis und Weisheit zu gelangen.

Hören und Sehen versetzen den Menschen überhaupt erst in die Lage, über komplexe Fragestellungen nachzudenken.

"Wenn einer ungeweiht und uneingeweiht im Hades ankommt, so wird er dort im Schlamm zu liegen kommen. Der Geläuterte aber und der Geweihte, wird nach seiner Ankunft dort bei den Göttern wohnen…"

Beweise für die Unsterblichkeit der Seele?

Die bisherigen Überlegungen und Annahmen des Sokrates setzen freilich einen entscheidenden Umstand als unumstößliche Tatsche voraus: Mit dem Tod stirbt allein der Körper, doch die Seele bleibt als Einheit erhalten. D.h. sie unterliegt auch nicht der Reorganisation wie die elementaren Bausteine des materiellen Körpers.
Dies dürfe man eben nicht einfach voraussetzen, wenden Freunde und Schüler des Sokrates ein – sonst bleibe von dem bisher Gesagten nicht mehr als eine schöne Hoffnung. Vielmehr bedürfe es "überzeugender Gründe und Beweise dafür, dass die Seele nach dem Tode des Menschen noch existiert und dass sie dann noch Kraft und Einsicht besitzt."

(Hier liegt für mich der bedeutsamste Knackpunkt, weswegen ich mich nicht auf dem Markt der religiösen und spirituellen Wettbewerbe für eines der angepriesenen 'Produkte' entscheiden mag: Solange diese Eingangsvoraussetzung nicht abschließend geklärt ist - was in Ermangelung von Rückmeldungen aus dem Hades weiterhin schwer fallen dürfte - sehe ich keinen Nutzen darin, meinen Fokus zu verengen und mir damit weitere wertvolle Denkimpulse vorzuenthalten. Besonders angenehm ist dies nicht, denn ich empfinde das Fehlen einer geistigen/geistlichen Heimat durchaus als Defizit.)

Auch Sokrates empfindet zwar Hoffnung auf Erlösung und Zuversicht in Bezug auf seinen Weg ins Jenseits, aber keine absolute und unwiderlegbare Gewissheit. Auch deswegen widmet sich er sich nun intensiv einer Beweisführung für die Unsterblichkeit der Seele.



(1) Werden aus dem Gegensätzlichen’ und der Kreislauf des Lebens

Hier wird angenommen, dass Gegensätzliches einander hervorbringt: Wo immer Gegensätze bestehen (warm - kalt, Gutes – Schlechtes, Licht – Finsternis) muss eine Veränderung von einem Zustand in einen entgegengesetzten Zustand erfolgen. Dieses Prinzip des Werden aus dem Gegensätzlichen’ gilt für alles, was wird.
Ferner bestehe die Notwendigkeit einer zyklischen Regeneration: Wenn irgendwo ein Mensch oder Tier stirbt, werde an einem anderen Ort ein gleichartiges Lebewesen geboren. Werden und Vergehen, Leben und Tod müssen einen Kreislauf bilden, sonst käme alles zum Stillstand.
"…würde nicht ebenso, lieber Kebes, wenn alles zwar stürbe, was am Leben Anteil hat, nachdem es aber gestorben wäre, das Tote immer in dieser Gestalt bliebe und nicht wieder auflebte, ganz notwendig zuletzt alles tot sein und nichts leben? 
Denn wenn zwar aus dem Andern das Lebende würde, das Lebende aber stürbe, wie wäre denn zu helfen, dass nicht zuletzt alles im Totsein aufginge?"
Wirklich einleuchtend finde ich diese Beweisführung noch nicht, jedenfalls nicht in Bezug auf das Weiterleben der immateriellen Seele. Unterstellt man freilich die Unveränderlichkeit der Seele [vgl. (3)], so schließt sich der Kreis des Werdens und Vergehens allen Lebens im 'biologischen' Sinne, wobei die Seele gleichsam als Katalysator an diesem Kreislauf teilnimmt. Aber wie lange?

(2) Wiedererinnerung
Kebes beruft sich auf die die Lehre der Wiedererinnerung: Danach ist Lernen die Erinnerung an etwas, das in einem früheren Leben bereits bewusst war. Folglich müsse die Seele schon vor der Geburt unabhängig vom Körper existiert haben. Sokrates erläutert dies an einem Beispiel:
Zwei Steine erscheinen uns gleichgroß – dennoch realisieren wir auf einer nicht-visuellen Ebene, dass sie nicht vollkommen gleichgroß sind. Dies sei nur möglich, da wir den Standard des Gleichgroßen an sich kennen und so Abweichung der Steine von diesem Standard erfassen.

Diesen Standard aber müssen wir lt. dieser Sichtweise schon vor unserer Geburt besessen haben. Daraus folgt für Sokrates: die Seelen  existierten schon zuvor, ohne den Körper. Eine solche Präexistenz der Seele besagt indessen noch nicht ihr Existieren über den Tod hinaus.


(3) Die Neigung der Seele zum Ewigen
Zerstörbarkeit beruht laut Sokrates darauf, dass Zusammengesetzte sich wieder in seine kleineren/kleinsten Bestandteile zerlegen lasse. Veränderlichkeit und beobachtete Veränderung ist ein Anzeichen für das Bestehen aus kleineren Bausteinen - Unveränderlichkeit kennzeichnet Unteilbares, also eine unzerstörbare Einheit.
"Das Gleiche selbst, das Schöne selbst, und so jegliches, was nur ist selbst, nimmt das wohl jemals auch nur irgendeine Veränderung an? Oder verhält sich nicht jedes dergleichen als ein einartiges Sein an und für sich immer auf gleiche Weise und nimmt niemals auf keine Weise irgendwie eine Veränderung an?"
Wir erfassen Veränderungen durch Wahrnehmungen, das Unveränderliche dagegen erfassen wir überhaupt nicht und klassifizieren es daher als unsichtbar. Das Unsichtbare bleibe demnach immer gleich, unterliege keinerlei Veränderung und sei insoweit 'unzerstörbar'. So verhalte es sich auch mit der Seele (im Gegensatz zum Körper): sie ist unsichtbar und demzufolge weder veränderlich noch zerstörbar.
Solange sie sich mit der Welt beschäftigt, macht sie von den körperlichen Sinnen Gebrauch - damit ist für Sokrates ein Abstieg der Seele verbunden: für die Dauer des irdischen Lebens ist sie an veränderliche Objekte gebunden und von ihnen abhängig.

Deswegen ist die Seele nur verwandt mit dem Ewigen, sie erlangt ferner die Herrschaft über den Körper. In dieser Funktion sei mit dem Göttlichen vergleichbar, das über sterbliche Lebewesen herrsche. Somit sei die Seele dem Unveränderlichen, Göttlichen, Unsterblichen ähnlich, im Gegensatz zum Körper, der veränderlich und sterblich ist und bleibt.



(4) Seele bedeutet Leben, nicht Tod


Zuletzt argumentiert Sokrates, dass es Träger von Eigenschaften gibt,die aber nicht mit diesen Eigenschaften identisch sein müssen. So ist Feuer nicht identisch mit Hitze, aber ein Träger dieser Eigenschaft. Allerdings würde Feuer könnte niemals Kälte als Eigenschaft besitzen können.
Die Seele hingegen bringe das Leben als notwendige Eigenschaft mit sich. Durch ihre Anwesenheit werde der Körper belebt. Da der Tod dem Leben entgegengesetzt ist, kann die Seele den Zustand des ‘Tot-seins’ niemals annehmen, ohne das zu bleiben, was sie ist. Sie ist zudem unzerstörbar und somit könne die Seele niemals durch den Tod vernichtet werden.
Eine tote Seele wäre ein Widerspruch in sich, da die Seele der Träger des Lebens ist.-


Schließlich sind seine Freunde mit Sokrates einer Meinung und haben keine Einwände mehr (oder verzichten in dieser Situation des nahenden Todes taktvoll darauf, weitere zu äußern?).

Der Dialog endet mit der Schilderung, wie Sokrates sich von seiner Familie verabschiedet und der anschließenden Sterbeszene: Ruhig und gelassen habe Sokrates den ihm gereichten Schierlingsbecher getrunken und in Anwesenheit seiner weinenden Freunde das Eintreten des Todes erwartet. Phaidons Schluss-Satz :
„Dies, o Echekrates, war das Ende unseres Freundes, des Mannes, der unserm Urteil nach von den damaligen, mit denen wir es versucht haben, der trefflichste war und auch sonst der vernünftigste und gerechteste.“
---
Dies ist nur eine verkürzte Wiedergabe einzelner, m.E. zentraler Elemente des Dialoges. Es lohnt sich durchaus, den gesamten Text zu lesen und kritisch zu durchdenken. Was heute den Naturwissenschaftlern weder positiv noch negativ gelingt, konnte damals auch bei den Philosophen (aus Schule des Pythagoras) nicht in für alle Zeit unwiderlegbarer Weise funktionieren: Per mathematischer bzw. logischer Beweisführung kann die Sterblichkeit oder Unsterblichkeit der Seele nicht letztgültig belegt werden - das fragliche Jenseits (als spätere 'Aufenthalts-Dimension' für die Seelen) ist den naturwissenschaftlichen Erkenntnismethoden nicht zugänglich. Zudem kommt Unsterblichkeit wohl nur durch eine immaterielle (über-natürliche) Komponente zustande, welcher auch für unser diesseitiges Bewusstsein und Verstandesvermögen nicht bzw. nicht vollständig zu erfassen ist.

Die Argumentation des Sokrates ist durchdrungen von dessen tiefer Überzeugung, dass die Seele unsterblich sei. Allein diese Überzeugung, nicht aber die Lückenlosigkeit seiner Beweisführung, lässt ihn voller Zuversicht dem Tode entgegen sehen. Worte wie "Der Tod ist erst der Anfang" könnten auch von ihm stammen.

Unerfreuliche Aspekte des gegenwärtigen Zeitgeistes resultieren aus der zwar oft verdrängten, aber sehr wohl präsenten Wahrnehmung vom Tod als gefürchteter Sensenmann, von dem kaum etwas angenehmes erwarten dürfe. Hier wird der für viele Menschen unbestreitbar leidvolle Sterbeprozess vermischt mit dem Zustand, der sich erst daran anschließt ...und von dem wir in Bezug auf die Seele herzlich wenig Wissen haben. 
Aus Angst vor beidem - einem potenziell wochen- oder Monate währendem Sterben sowie der Ungewissheit in Bezug auf den Zustand des Tot-seins - werden stressbehaftete Anstrengungen unternommen, um beides hinaus zu zögern. In angespanntem Lebenshunger wird der materieller Konsum und sinnliches Erleben(wollen) auf bisweilen zwanghaft anmutende Weise ausgeweitet und verlängert, bis die sichtbar begrenzte Lebenszeit dann trotz aller Angestrengtheit unwiederbringlich verronnen (vertan?) ist.
Gelänge es hingegen, den Tod als Freund oder wenigstens als einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Vollendung unseres Daseins aufzufassen, könnte dieser stetige Stress- und Verdrängungszustand eventuell abgemildert werden. Wir würden uns angstfrei auf einen Prozess der Umwandlung einstellen und einlassen können, den wir als vorläufiges Ziel dieses Lebens(abschnittes) betrachteten.
"Angst ist die größte Barriere der eigenen Entfaltung und somit ein Hindernis auf dem Weg zum Ursprung, zu Gott."  Stefan von Jankovich
Das 'unvermeidliche' irdische Leben verkäme dank einer dergestalt modifizierten Perspektive nicht länger zum fragwürdigen Selbstzweck des Überlebens, sondern dient nun der bewussten Vorbereitung "für die Werte des jenseitigen Lebens." Mit der Einschränkung, dass je nach persönlichem Reifegrad zuvor noch einige weitere Übungsrunden (im Sinne der Karma- und Reinkarnationslehre) anstehen könnten.
Auch wenn die von dem griechischen Gelehrten hochgehaltene Todessehnsucht m.E. in der Welt der Lebenden heute meist nicht in Erscheinung zu treten braucht (es mag durchaus begründete Ausnahmen geben wie z.B. unheilbare Krankheiten), dürfen wir uns an dieser Zuversicht des Sokrates ein Beispiel nehmen - unabhängig von unserer eigenen Religion oder Weltanschauung.

Nun, das ist die Theorie. In der praktischen Umsetzung hänge ich noch ein wenig fest: den Tod als unabänderliches Daseinselement und unausweichlichen Zustand fürchte ich nicht mehr, seit ich mich vom römisch-katholischen Konzept der Höllenstrafen distanzieren konnte. Meine Furcht vorm Sterben ist hingegen geblieben, als unbelehrbarer Konsument einer Alltagsdroge (Nikotin) gehe ich nicht von einem notwendigerweise friedlichen Einschlafen aus. Je intensiver ich mich indessen mit Aspekten von Sterben und Tod auseinandersetze (z.B. Patientenverfügung? Organspende?), um so ruhiger bleibe ich innerlich, wenn der Gedanke 'Na, mit mehr 50 Jahren kommst du allmählich auf die Zielgerade' wieder einmal aufkommt.

Platons Phaidon, mit Hans-Georg Gadamer 



Anmerkungen


  1. Platons Ideenlehre ist die neuzeitliche Bezeichnung für die auf Platon (428/427–348/347 v. Chr.) zurückgehende philosophische Konzeption, die Ideen als eigenständige, dem Bereich der sinnlich wahrnehmbaren Objekte ontologisch übergeordnete Entitäten annimmt. Solche Ideen werden zur Unterscheidung vom modernen Sprachgebrauch, in dem man unter „Ideen“ Einfälle, Gedanken oder Leitbilder versteht, „platonische Ideen“ genannt.




Übersicht zur Ideenlehre (Quelle: Wikipedia)


Platonische Ideen sind beispielsweise „das Schöne an sich“, „das Gerechte an sich“, „der Kreis an sich“ oder „der Mensch an sich“. Nach der Ideenlehre sind die Ideen nicht bloße Vorstellungen im menschlichen Geist, sondern eine objektiv existierende metaphysische Realität. Die Ideen, nicht die Objekte der Sinneserfahrung, stellen die eigentliche Wirklichkeit dar. Sie sind vollkommen und unveränderlich. 

Als Urbilder der einzelnen vergänglichen Sinnesobjekte sind sie die Voraussetzung von deren Existenz. Platons Ideenkonzeption steht somit in polarem Gegensatz zur Auffassung, dass die Einzeldinge die gesamte Wirklichkeit ausmachen und hinter den Allgemeinbegriffen nichts steht als das Bedürfnis, zur Klassifizierung der Phänomene Ordnungskategorien zu konstruieren.



Mittwoch, 7. März 2012

Seth - ein multidimensionales Bewusstseins- und Selbstbild

Meine Suche nach einem plausiblen, positiv ausgerichteten und nicht einseitig von einer Religion geprägten Modell unseres Daseins führte auch zu ‘Seth’, dem geistigen Lehrer und Mentor der Autorin Jane Roberts.
  • Jane Roberts (1929 - 1984) war eine US-amerikanische Autorin und Dichterin.

Portrait v. Jane Roberts, 2010 (Hannes Scheucher)

Bekannt wurde Roberts vor allem als spirituelles Medium für ein "Wesen" namens Seth, dessen Texte sie eigenen Angaben nach veröffentlicht hat. Neben Werken auf dem Gebiet der Außersinnlichen Wahrnehmung schrieb sie Gedichte, Kurzgeschichten, Novellen, Kindergeschichten und eigene Texte über Metaphysik, die keinen direkten Bezug zu Seth haben.
 

Die ‘Seth’-Persönlichkeit

Im Januar 1970 begann Roberts zuvor verfasste Texte einer „Seth-Persönlichkeit“ zuzuordnen und widmete dieser Wesenheit auch mehrere Bücher an. „Seth“ bezeichnet sich demnach selbst als "multidimensionaler Energiepersönlichkeitskern", der die Folge menschlicher Inkarnationen durchlaufen habe und nun aus einer geistigen Welt höherer Realität zu den Menschen spricht. Im Grunde wäre Seth also genau da, wo viele spirituell 'suchende' Menschen erst noch hin wollen..
Um in diesen Zustand zu gelangen, habe er zuvor viele Tode sterben und viele andere physische und nicht-physische Existenzformen durchlaufen müssen, erwähnt Seth am Anfang ‘seines’ Buchs.


Jane Roberts selbst hat stets die Möglichkeit eingeräumt, bei Seth handele es eventuell sich um die Personifizierung eines überbewussten Teils ihres normalen Selbst, er entstamme also ihrem eigenen Unbewussten. Sie schildert ihre anfänglichen Schwierigkeiten, denn weder sie selbst noch ihr Umfeld habe an paranormale Wahrnehmungen und Phänomene geglaubt. So lag es zunächst nahe, Seth als Äußerung ihres eigenen Unterbewusstseins aufzufassen - oder sogar als krankhafte Persönlichkeits-Spaltung.

Die in den Seth-Büchern vertretenen Thesen beziehen sich einerseits auf metaphysischen Theorien und Spekulationen, enthalten jedoch auch physikalische Welterklärungen. Wie dem auch sei, der Inhalt der Seth-Texte enthält für mich entscheidende Denkanstöße für meine Suche nach dem erwähnten Seinsmodell und formuliert mehrere mögliche Bausteine desselben.

Das Buch ‘Gespräche mit Seth’ (Pdf) empfehle ich gerne als Impulsgeber wertvoller Anregungen.

 

Ein multidimensionales Selbst – geht’s noch?

Bei Autoren im Umfeld einer christlich geprägten Spiritualität scheinen die Aspekte Schuld, Strafe und Sühne häufig über-dimensioniert  - zugleich nehme ich in ihren die individuelle Eigenverantwortung des Menschen häufig als unterbewertet gegenüber der erhofften göttlichen Vergebung war.
Wann immer ich 'Seth' begegne (nicht persönlich ...keine Sorge, sondern in den Büchern von Jane Roberts), lerne ich vom erlernten Weltbild abweichende Akzente kennen. Damit die Idee einer fragmentierten, in mehreren Dimensionen zugleich verhafteten Persönlichkeit verständlich wird, lohnt es sich zuvor einen Blick auf das zu werfen, was wir als unsere Realität erfassen:

Wie entsteht (unsere) Realität?

“Ihr schafft die euch bekannte Welt. Euch ist vielleicht die furchtbarste Gabe von allen verliehen worden: die Fähigkeit, eure Gedanken in physischer Form nach außen zu projizieren. Die Gabe bringt Verantwortung mit sich, und viele von euch sind in Versuchung, euch zu den Erfolgen in eurem Leben zu gratulieren und Gott, dem Schicksal und der Gesellschaft die Schuld an den Fehlschlägen zuzuschieben.
Ihr glaubt, dass die Gegenstände unabhängig von euch existieren, und merkt gar nicht, dass sie vielmehr die Manifestationen eures eigenen psychologischen ...Selbst sind.”
Ziemlich viel auf einmal: Geistige und materielle Welt sollen einander bedingen, denn Gedanken erschaffen Realität ...und dann noch der Vorwurf, Gott zu instrumentalisieren, indem eigenes Verschulden und Irrtümer auf das Gott-Vater-Bild (oder den Teufel/Satan/Luzifer als Personifikation des Bösen) projiziert werde.
Es kommt noch heftiger: Seth zufolge existiert überhaupt keine objektive Realität außer der durch das Bewusstsein geschaffenen...


Nicht nur er, Seth, sei  als weit entwickelte Persönlichkeit imstande, verschiedene Gestalten gleichzeitig anzunehmen – sondern auch wir. Ein Beispiel: Unser Körper kann schlafend und unbeweglich auf dem Bett liegen, während unser Bewusstsein im Traumzustand ferne Länder abgelegene Gegenden bereist. Gleichzeitig können wir eine Traumgestalt von uns selbst erzeugen, die in jeder Hinsicht mit uns identisch ist – dieses ‘zweite Ich’ kann in jenen fernen Ländern Freunden (oder unbekannten Fremden) begegnen. “Dem Bewusstsein sind also hinsichtlich seiner Fähigkeit, Formen hervorzubringen, keine Schranken gesetzt.”
Wir sollten die Tatsache zu akzeptieren, dass jeder von uns seine eigene Umwelt erschafft - was zugleich auch bedeutet, dass die Verantwortung für unser Leben und unsere Umwelt allein von uns selbst zu tragen sei:

  • "Solange ihr glaubt, dass eurer Umwelt eine objektive und von euch unabhängige Existenz zukommt, fühlt ihr euch weitgehend unfähig, sie zu verändern…
  • Bevor ihr nicht erkennt, dass ihr die Schöpfer von alledem seid, werdet ihr euch weigern, die Verantwortung dafür zu übernehmen.”
Immerhin habe der Mensch gelernt zu differenzieren und fange endlich an zu erkennen, dass der Teufel eine Projektion der eigenen Psyche ist. Das erfordert einige Kreativität, doch fehle uns gegenwärtig immer noch die Weisheit, diese Kreativität in konstruktive Bahnen zu lenken.
Die physischen Sinnesorgane vermitteln die Wahrnehmung allein der dreidimensionalen Welt – doch wie ein Filter verhindern sie die Wahrnehmung anderer, ebenso gültiger Dimensionen. Was wir aber nicht wahrnehmen, können wir nur schwer erfassen und in unser Bewusstsein aufnehmen.

Das multi-dimensionale Selbst

Der Körper als Teil unserer materiellen Realität wird “auf einer Ebene des tief Unbewussten von uns selbst geformt mit großem Differenzierungsvermögen, wundervoller Klarheit und intimster Kenntnis jeder einzelnen Körperzelle”.
Da wir uns dieser Tätigkeit nicht bewusst sind, identifizieren wir uns auch nicht mit diesem inneren Teil des eigenen Selbst – sondern mit dem Ich, das fernsieht, kocht oder arbeitet - dem Teil, der scheinbar weiß, was er tut. Der übrige, offenbar unbewusste Teil unseres Selbst hat ein viel umfassenderes Wissen; von seinem reibungslosen Funktionieren hängt unsere ganze physische Existenz ab.
Seth bezeichnet dieses scheinbar Unbewusste als das ‘innere Ich’, weil es die
inneren Vorgänge lenkt. Dieses innere Ich kombiniere Informationen, die uns nicht durch die körperlichen Sinne, sondern über andere, innere Kanäle erreichen - ein innerer Beobachter der Realität, der jenseits der Dreidimensionalität existiert.

Ferner existiert ein weiterer Teil unseres Selbst:
“…jene tiefere Identität, die sowohl euer inneres als auch euer äußeres Ich formt und deren Beschluss ihr verdankt, dass ihr als ein körperliches Wesen an diesem Ort und zu dieser Zeit in Erscheinung getreten seid. - Dies ist der Kern eurer Identität – die multidimensionale Persönlichkeit, von der ihr ein Teil seid.“ 
Selbsterkenntnis bedeutet folglich auch, einen Weg zu finden zu allen Dimensionen der eigenen psychologischen Struktur und ‘neue’ Bereiche des eigenen Bewusstseins zu erschließen, die wir bisher bestenfalls erahnt haben. Bisher kennen wir also nur Fragmente unserer Gesamtidentität.
Nun, dies klingt erst einmal abgehoben und unwirklich. Doch haben wir uns nicht schon oft gefragt, wo spontane Gedanken, Ideen und ‘Eingebungen’ herkommen – von außen oder von einem Teil in uns selbst, den wir im Grunde gar nicht kennen?
Wenn es wirklich zutrifft, dass wir so ziemlich alle Aspekte unserer Realität selbst erschaffen – welche Rolle hat Gott in dieser ungewohnten Systematik? Sollte er lediglich ein Konstrukt unseres Intellekts zur Realitätsbewältigung sein – oder eine schöpferische Kraft, der wir die Existenz unseres Gesamtselbst verdanken – der wir aber erst auf auf einer wesentlich komplexeren Ebene begegnen?
Eines möchte ich hier vorwegnehmen: das übergeordnete Selbst (=der Kern) wird bei Seth bzw. Roberts nicht mit Gott identifiziert – doch es trägt eine weit größere Verantwortung, als wir uns vorstellen können.
Bei ‘Seth’ begegnet man dieser "multidimensionalen Persönlichkeit" immer wieder: Das dreidimensionale Selbst ist danach nur ein Teil unserer gesamten Persönlichkeit – und zwar der Teil, den wir sinnlich wahrnehmen. Jeder von uns existiert zugleich (im Sinne von 'gleichzeitig') auch in anderen Realitäten und anderen Dimensionen!
Somit ist das 'Ich' oder Ego lediglich ein Ausschnitt einer weitaus umfassenderen Wesenheit. Wir nehmen mit unseren physischen Sinnen folglich nur die Aspekte unserer Persönlichkeit wahr, die sich innerhalb der dreidimensionalen Existenz ausdrücken.

Bleibt denn dieses wahrnehmbare "Ich-Selbst" über den Tod hinaus bestehen? Diese naheliegende Frage beantwortet Seth damit, dass unsere Individualität nie verloren gehe, sondern in unserer aus Fragmenten zusammen gesetzten Gesamtpersönlichkeit erhalten bleiet. (Vgl. “Seth – Der Tod ist erst der Anfang”)
Alle scheinbar voneinander isolierten Fragmente des Selbst dienen ebenso der eigenen 'schöpferischen' Entwicklung, wie sie auch anderen multidimensionalen Persönlichkeiten wertvolle, notwendige Wachstumsimpulse vermitteln.
Jedes dieser Fragmente, d.h. jedes dreidimensionale Selbst agiert und entscheidet vollkommen unabhängig, bleibt aber stets in Verbindung mit dem übergeordneten Selbst.

Weitere Bewusstseins-Dimensionen seien im Ansatz auch jetzt von uns wahrnehmbar - allerdings nur mit unseren 'inneren Sinnen. Dazu schlägt Seth folgende Übung vor:

"Nun stellt euch vor, ihr seid auf einer erleuchteten Bühne, und die Bühne ist der Raum, in dem ihr jetzt sitzt. Schließt die Augen und stellt euch vor, dass die Lichter erloschen, die Kulissen verschwunden sind und ihr allein seid.
Alles ist dunkel. Ihr seid ruhig. Nun stellt euch eure inneren Sinne so lebhaft wie möglich vor. Tut für den Augenblick so, als würden sie euren physischen Sinnen entsprechen. Schiebt alle Gedanken und Sorgen von euch.
(...) Stellt euch vor, dass ihr euer ganzes Leben für diese Welt blind gewesen seid und euch jetzt langsam in ihr zu orientieren beginnt.
Beurteilt nicht die ganze innere Welt nach den zusammenhanglosen Bildern, die ihr vielleicht zuerst wahrnehmt, oder nach den Lauten, die ihr zuerst hört, denn ihr werdet von euren inneren Sinnen noch einen höchst unvollkommenen Gebrauch machen. Führt diese einfache Übung ein paar Minuten lang vor dem Einschlafen oder im Ruhezustand durch.[...]"


Raum und Zeit sind Hilfskonstrukte

Von unserer Gesamt-Persönlichkeit werden Raum und Zeit gewissermaßen als Laborumgebung für unsere dreidimensionale Simulation konstruiert.
Unser 'Gesamtselbst' existiert Seth zufolge außerhalb und unabhängig von Raum und Zeit - es ist nicht in dem gefangen, was wir unter Materie verstehen. Mit dieser Simulation aber formen wir unsere physische Realität - deren Zweck besteht darin, dass unsere Fragmente spezifische Erfahrungen sammeln, die nur so möglich sind. Von den Erfahrungen der Fragmente profitiert auch das Gesamtselbst – welches als Drehbuchautor und Regisseur fungiert.

Obwohl es eigentlich es keine Grenzen zwischen den einzelnen Dimensionen gibt, fokussiert sich unser Ego aus Angst und Unwissenheit derart auf diese Simulation (Seth gebraucht die Metapher 'Theaterstück'), dass es nichts außerhalb dessen als Realität akzeptiert.
Zudem ist die 'exklusive' Konzentration auf die physische Welt heutzutage dermaßen ausgeprägt, dass sie die durchaus vorhandenen Verbindungen zu anderen Realitäten fast immer überlagert.

Dies erinnert ein wenig nach ‘Matrix’ – mit dem entscheidenden Unterschied, dass diese bei Seth nicht durch äußere, feindliche Entitäten kreiert wird, sondern durch uns selbst.
Durch unsere Träume haben wir eine Verbindung zu unserem Gesamtselbst - würden wir mehr auf sie achten, könnten wir die vermuteten Grenzen unseres bewussten Ich aufweichen.
Doch unsere Persönlichkeit ist ja noch im Werden begriffen, meint Seth... es gibt so viele Weisheiten, die wir noch erkennen und nach und nach verinnerlichen dürfen – aufregend und vielversprechend, oder?

  • Dauer und Beständigkeit haben grundsätzlich nichts mit Form zu tun, sondern mit der Integrierung von Freude, Entschluss, Leistung und Identität. 
    Diese Aufzählung könnte ein wenig euphemistisch anmuten, sobald sie entweder der Lebenswirklichkeit zahlreicher Personen weltweit oder den oft düsteren Zukunftsvisionen im Christentum (Stichwort: Johannes-Offenbarung, eine furchtbare Orgie des Strafens) gegenübergestellt wird. 
    Müsste es nicht ebenso darum gehen, schmerzliche Erfahrungen sowie Ängste (soweit sie realer Natur sind) zu integrieren - um diese besser zu verstehen und zu verkraften? All dies kommt auch in unserer Traumwelt vor, naja, in der meinigen zumindest.
---
Anmerkung: Es ist nicht so, dass ich die besondere Wesensart von ‘Seth’ übersehe, wenn ich ‘ihn’ beispielsweise direkt zitiere. Es bleibt dabei, dass ‘er’ sehr wohl eine Konstruktion aus Jane Roberts’ Unterbewusstsein gewesen sein könnte – wie zu Beginn erläutert. Darauf nun aber in jedem Absatz nochmals hinzuweisen, wäre ermüdend.

Letzte Bearbeitung: 17.07.2018

Mittwoch, 15. Februar 2012

'Seth': Der Tod ist weder ein Anfang noch ein Ende

Leser der von Udo Petscher schriftlich fixierten 'Holofeeling'-Werke erinnern sich sich vielleicht an Formulierungen wie 'Es wird immer so sein, wie du denkst, das es ist'. Die von uns wahrgenommene Realität finde nicht unabhängig von uns statt, sondern werde von uns selbst 'nach außen' projiziert - gewissermaßen als Simulation oder virtuelle Erlebnis- und Erfahrungswelt.

Auch die Texte von 'Seth', dem multidimensionale Lehrer des Mediums Jane Roberts, nehme ich gerne zur Hand, um mir die Welt 'als Ganzes' erklären zu lassen. Dem Vernehmen nach ist jeder Gedanke an etwas Neues, Überraschendes, geradezu Unglaubliches - also das Verlassen der ausgetretenen Bahnen im eigenen Denken - eine winzige Vorbeugung gegen Demenz. Demnach wäre jedes Seth-Kapitel für mich eine kleine Alzheimer-Prophylaxe ...denn Unglaubliches und unglaublich Faszinierendes finde ich darin zuhauf. 😉


Ohne jeden Dogmatismus teilt Seth uns jenes Prinzip der Erschaffung von Realität durch Gedanken und Überzeugungen mit - insbesondere als Aspekt unseres physischen Todes:
  • "Ein Glaube an das Höllenfeuer kann dazu führen, dass ihr Hades- Verhältnisse halluziniert."
  • "Ein Glaube an einen stereotypen Himmel kann Halluzinationen paradiesischer Umstände hervorrufen."
Auch Seth, dem Lehrer aus Jane's Außenwelt, zufolge formen wir unsere Realität immer in Übereinstimmung mit unseren Vorstellungen und Erwartungen - dies liege in der Natur des Bewusstseins.
Doch selbst dann ist eine solche Halluzination nur ein zu durchlaufendes Stadium, das aber vermieden werden kann, denn:
"Das Bewusstsein muss von seinen Fähigkeiten Gebrauch machen. Die Langeweile und Stagnation eines stereotypen Himmels [oder einer fortwährend quälenden Hölle] können das strebende Bewusstsein nicht für lange befriedigen."
Das Jenseits (die Empfindungswelt, in der sich das Bewusstsein befindet, sobald es sich nicht mehr physisch ausdrücken kann) sei ein Ort, wo wir unsere Ziele für die nächste Inkarnation festlegen.

So gesehen erfüllen positive religöse Vorstellungen von Tod und Jenseits tatsächlich eine nützliche Funktion - beim 'Hinübergleiten', auch wenn sie sich später als phantasievolle Kinderfibel herausstellen. Es sei möglich und sinnvoll, sich durch die Erweiterung des diesseitigen Erfahrungsspektrums auf das Jenseits vorzubereiten - durch 'Erfahrungen mit Bewusstseinsprojektion' und den Erwerb von Wissen um die 'Beweglichkeit des Bewusstseins'. So könne man die nach dem Tode gegebene Umwelt gewissermaßen im voraus erleben und die Verhältnisse dort kennen lernen.

Auch wenn ich das Bild das von 'Seth' gezeichnete Bild über Tod und Jenseits nur zum Teil verstehe, erscheint mir diese Anregung einleuchtend - doch wie kann sie umgesetzt werden?
Schon der diesseitige Glaube an ein Leben nach dem Tod werde es erleichtern, sich an die neue Situation zu gewöhnen. (der Glaube an die 'Auferstehung des Fleisches' allerdings ist ohne Belang, da unser Körper in seiner bisherigen Form nicht weiter existiert.
Darüber hinaus seien Traumerinnerungs-Experimente und weitere geistige Übungen hilfreich, wie sie im Buch 'Gespräche mit Seth' beschrieben sind.
(M.E. bedarf es neben einer grundsätzlichen Offenheit und Unvoreingenommenheit auch einer besonderen Veranlagung, um auf diesem Weg einige Schritte zu gehen.)

Auch wenn 'nicht jeder Tod gleich' sei, das Jenseits diene in allen Fällen der Weiterentwicklung des Bewusstseins und der Vertiefung von Erkenntnissen.

Eine mögliche Desorientiertheit dauert in den meisten Fällen nicht sehr lange, teilt Seth seiner Zuhörerschaft mit - auch weil wir von Seelenführern begleitet werden, erfahren Lehrern, die uns über unsere neue Situation aufklären.
Wie schnell wir diesen Lehrern Glauben schenken, oder ob wir uns aus Angst vor Identitätsverlust an den vergänglichen Körper klammern, hängt stark von unseren im Diesseits erworbenen Überzeugungen ab. Er wird nicht müde wieder und wieder zu betonen, dass die derzeitige Bewusstseinsebene (unser 'ICH') von Tod und Jenseits nicht verschlungen wird - denn die Seele sei ewig, als unvorstellbare Quelle schöpferischer Energie.

"Stellt euch einen Augenblick lang einmal vor, ihr wart ein Kind, und ich würde den Versuch unternehmen, euch zu erklären, wie euer voll entwickeltes, erwachsenes Ich einmal aussehen wird - und in meiner Erklärung würde ich sagen, dass dieses erwachsene Ich bis zu einem gewissen Grad bereits in euch angelegt ist als Auswuchs oder Projektion von dem, was ihr seid.
Und das Kind sagt: "Und was wird aus mir? muss ich sterben, um dieses andere Ich zu werden? ..."
Bevor das Selbst sich insgesamt (als multi-dimensionale Persönlichkeit) erkenne, finde in jedem Fall eine Phase der Selbstprüfung statt - eine Analyse, inwieweit die Ziele für die gerade abgeschlossene Inkarnation (die sich das Bewusstsein selbst gesteckt hat) erreicht wurden; Schwächen werden offenbar und das Individuum trifft eine Entscheidung, ob es erneut eine Inkarnation durchlaufen will.
Vielfach kann es naheliegend sein, denselben Zyklus zu wiederholen...

In dieser Phase kurz nach dem körperlichen Tod sind unterschiedliche Lebenssymbolisierungen möglich; hierbei handelt es sich Erlebnismomente, die vom jeweiligen Lebensverlauf bestimmt sind. Bei denen, die sich zu Lebzeiten nicht genug um Selbstkritik gekümmert haben, seien Szenarien wie das folgende denkbar:
"Nach dem Tod kann dem Individuum sein (unmittelbar vergangenes, physisches) Leben als ein Tier erscheinen, mit dem es sich auseinandersetzen muss, denn der Mensch muss sich in allen seinen Teilen selbst annehmen."
Jede Alternative, wie die Halluzination endet, ob er nun auf dem Tier reitet, sich mit ihm anfreundet, es zähmt, tötet oder von ihm getötet werde sorgfältig erwogen, denn das Ergebnis, zu dem er gelangt, wird seine künftige Entwicklung mitbestimmen.

Unterliegen Sterben und Tod einer Ordnung?
Sind die Erfahrungen kurz nach dem Tode bei aller möglichen Verschiedenartigkeit irgendwie geordnet?
Seth's Antwort auf diese häufig gestellte Frage kommt einem "Ja und Nein" gleich:
  • Nein - denn es gibt keine eine Realität nach dem Tode, denn jede Erfahrung sei verschieden.
  • Ja - die individuellen Erfahrungen lassen sich dennoch jedoch Dimensionen einordnen. So gibt es ein Eingangsstadium - etwa für jene, die noch stark auf die physische Realität eingestellt sind. Dies kann z.B. in der Form einer für das Ich sehr realen Halluzination bestehen, in einem Ausbildungszentrum unterrichtet zu werden - über das Wesen von Realität und Wahrnehmung, oder als Unterweisung für diejenigen, die eine Rückkehr in eine physische Umwelt beabsichtigen.
Derartige Unterweisungen müssen nicht bewusst ablaufen, vieles könne wie im Schlaf erlernt werden...

Der wesentliche Unterschied zu bekannten Jenseitsbildern der Religionen liege darin, dass wir selbst es sind, (genauer gesagt unsere Gesamt-Persönlichkeit) die gemeinsam mit den für und zuständigen Seelenführern solche Projektionen entwerfen. Beinahe könnte man losgelöst von Freuds Begrifflichkeiten sagen: "Das Höhere Selbst  trainiert das Ich".

Wenn aber die Persönlichkeit fast ausschließlich mit ihrem körperlichen Erscheinungsbild identifiziert war, kann es vorkommen, dass ein Verstorbener seine Erfahrung vollkommen mißversteht und versucht, in den Leichnam zurückzukehren. Er bemerkt dann nicht, dass er selbst (sein Ich-Bewusstsein) völlig intakt ist, sondern trauert sehr lange um den unheilbar kranken Körper.

In jedem Fall aber werdet ihr finden wir uns nach dem Verlassen des des physischen Körpers in einem neuen Leib wieder, der uns zwar physisch vorkommt, für die Bewohner unserer bisherigen Welt nicht sichtbar ist. Dieser Körper hat dieselben Fähigkeiten wie der Körper in unseren Träumen... er kann fliegen, durch Wände gehen und durch unsere Gedankenimpulse von einem zum anderen Ort beamen. (Schade, dass dies nicht der Dauerzustand ist - doch in diesem Falle kämen wir auf unseren Flügen kaum dazu, soziale Bindungen einzugehen. Diese sind aber nicht minder wichtig..)
Von daher ist, wenn wir Seth Glauben schenken dürfen, unsere Traumwelt mit unseren Fähigkeiten und Wahrnehmungen im Jenseits durchaus vergleichbar. Deshalb täten wir gut daran, diese Traumrealität schon jetzt näher kennen zu lernen. (Wer regelmäßig von Alpträumen geplagt wird, wird sich für diese Perspektive schwerlich begeistern können.)

Fazit: Das Prinzip, nach dem Gedanken und Vorstellungen die wahrgenommene Realität erzeugen, gilt für das Diesseits ebenso wie für die Traumwelt und das Jenseits. Folglich haben wir die Möglichkeit, nach unserem Tode einen spirituellen Kampf auszufechten - den wir aber vermeiden können, wenn wir diesen Mechanismus durchschauen.

Das Interessante an dieser Sichtweise ist für mich, dass sie dem Jenseitsbild der Theologie im Grunde nicht widerspricht, sondern das Zustandekommen der durch Religion vermittelten Jenseits-Instanzen (Himmel, Hölle, Nirwana,... ) zu erklären sucht.
Allerdings lässt diese Abstraktion offen, wo unsere Rolle endet - und wo das Eingriffen eines übergeordneten, göttlichen Schöpfers beginnt. Ist unser Gesamt-Selbst wiederum ein Fragment seines weitaus gewaltigeren Bewusstseins? 

Dann wär's plausibel, glaube ich...

Individualität - Multidimensionalität


"Alle meine Tode wären Abenteuer gewesen,

hätte ich gewusst, was ich heute weiß."

Individualität ("Un-Geteiltheit") bezeichnet den Eindruck, wonach ein Lebewesen oder Gegenstand einzeln und von anderen Lebewesen bzw. Gegenständen klar unterscheidbar ist. Eine Ganzheit die nicht teilbar ist, ohne das Individuum zu verändern. Zumindest unsere körperliche Wahrnehmung scheint diesen Eindruck zu bestätigen: Unsere Gestalt als äußere Oberfläche grenzt das, was uns ausmacht, erkennbar von unserer Umwelt ab.

Mit Individualität meinen wir insbesondere die Einzigartigkeit unserer Persönlichkeit, welche "jeden Men­schen zu dem macht was er ist" - jedenfalls in unserer Alltagswahrnehmung. Es ist schon merkwürdig: wo Menschen ihr äußeres Erscheinungsbild durch modische Kleidung, Besuche im Sonnenstudio und immer häufiger auch kosmetische OPs verändern, möchten sie ihre Unterscheidbarkeit positiv hervorheben bzw. akzentuieren. 'Individueller', einzigartiger wird durch das Zubewegen auf ein vom Zeitgeist etabliertes Schema niemand (außer durch wirklich einmalige Tattoos vielleicht), höchstens optisch attraktiver. Spätestens bei der Werbung eines Handy-Herstellers mit dem Slogan 'mehr Einzigartigkeit' (oder noch platter: Anders als die Anderen) muss man von Scheinindividualität sprechen.

Doch wie individuell ist nun das, was wir als unseren Geist, unsere Seele bezeichnen?


"Hast du nicht schon einmal das Gefühl gehabt, dass irgendetwas mit der „Welt” nicht stimmt? Was ist nun aber überhaupt ein Gefühl? Du befindest dich, ähnlich einem „Wassertropfen” im Ozean, eingebettet in einem Universum. Der Tropfen hat lediglich die Illusion von Individualität. In einem Universum, aus dem du selbst bestehst, hast du dich nur scheinbar von ihm ausgegrenzt. Diese Grenze besteht nur in deinem Verstand." aus 'Morpheus, das Matrix-Codebuch'
Apropos, ich würde wohl die blaue Pille wählen, den Verbleib in einer schicken Illusion,hätte ich die gleiche Wahl zu treffen wie Neo. Außer, mir würden glaubhaft letztgültige Wahrheiten in Aussicht gestellt..

Aus der Traum von einer unsterbliche Seele, dem niemals endenden Selbst-Bewusstsein oder wenigstens von einem unvergänglichen Wesenskern? Ohne diese Grundannahme würden Religion und Schöpferglauben kaum Sinn machen.

Am persönlichen Empfinden des Ich als Individuum ändert dies freilich nichts:
'Ich denke, also bin ich' - auch wenn Carnap das bekannte 'Cogito ergo sum' abweichend interpretiert: Aus „ich denke“ folge logischerweise nicht „ich bin“, sondern „es gibt etwas Denkendes“.
Hmm...in Verbindung mit dem in 'sum' implizierten Personalpronomen Ich würde die Folgerung sinngemäß lauten müssen: 'es gibt etwas Denkendes - mich', oder?)


Doch (wie) lässt sich nun herausfinden, ob der empfundene 'Eigen-Sinn' des Individuums über das subjektive Empfinden hinaus Bestand hat?

Ein weites Feld, es berührt so vielen angrenzende Fragen (Wesen von Materie und Geist, von Realität - was genau ist Wahrnehmung?)...dadurch fällt es nicht leicht, so etwas wie einen Roten Faden zu behalten. Vielleicht ist es möglich, über den Aspekt der Wahrnehmung die Frage nach der Individualität zu ergründen: Wer oder was nimmt denn wahr?


Naturwissenschaftler sprechen gerne von Menschen als 'Kohlenstoffeinheiten'; versuchshalber möchte ich ein bewusstes Individuum als 'Wahrnehmungseinheit' bezeichnen: ein Ich (=individuelles Bewusstsein) zeichnet sich m.E. durch eine einheitliche Wahrnehmung aus (pathologische Zustände wie Schizophrenie mal ausgenommen). Aus religöser Sicht ließe sich die Vermutung ergänzen, dass der Kern einer solchen wahrnehmenden (denkenden, abwägenden, sich erinnernden, Entscheidungen treffenden) Einheit über den Tod hinaus als solche erhalten bleibt, insoweit also unzerstörbar ist.

Ohne diese Prämisse würde ein Weiterleben nach dem Tode allenfalls im Sinne einer Reorganisation aufzufassen - analog zu den Vorgängen, die auf der physiologischen Ebene stattfinden: Tod bedeutet hier einen Zerfall in kleinste Bausteine, die sich zu anderen belebten oder unbelebten Strukturen neu organisieren. Bleibt die Erinnerung nicht als Ganzes erhalten, wäre das erhoffte Jenseits damit vergleichbar.

Aussagen zur Wahrnehmung sind allerdings allein innerhalb der erfassbaren Vierdimensionalität dieser Welt (Raum und Zeit) möglich; falls darüber hinaus (und nicht nur in der theoretischen Physik) weitere Dimensionen existieren sollten, ist nicht auszuschließen, dass ein aktuell vermutetes 'Getrenntsein' bewusster Persönlichkeiten tatsächlich eine Illusion ist. Vermeintliche 'Bewusstseine' (wie lautet eigentlich die Mehrzahl?) könnten in einer Multidimensionalität verbunden sein. In diesem Sinne verstehe ich die Aussage von Esoterikern "Alles ist mit Allem verbunden".


Multidimensionale Bewusstseins-Wesenheiten?

Eine mögliche Vorstellung von Multidimensionalität finden wir zum Beispiel in „Seth“ (→Jane Roberts). 'Er' bezeichne sich selbst als „multidimensionaler Energiepersönlichkeitskern, der nicht mehr in der 
physischen Form zentriert ist". Seth erklärt, er habe die Folge menschlicher Inkarnationen durchlaufen habe und nun aus einer geistigen Welt höherer Realität zu den Menschen spreche, erklärt Jane Roberts in ihrem Buch "Gespräche mit Seth- von der ewigen Gültigkeit der Seele". Seth könne nur durch Jane Roberts als Medium mit Menschen kommunizieren: "Ich habe keinen physischen Körper
und schreibe trotzdem dieses Buch." 

"Er spricht jetzt seit sieben Jahren durch mich", schreibt Roberts - auf diesem Wege sei ein Manuskript entstanden, das über sechstausend getippte Seiten umfasse. Ein wenig gewöhnungsbedürftig war das zu Beginn der Lektüre durchaus:

"Das Wort 'Geist' gefällt mir ebenfalls nicht; und doch, wenn eure Definition die Vorstellung einer Persönlichkeit ohne Körper enthält, dann müsste ich zugeben, dass sie auf mich zutrifft. Ich spreche zu einem unsichtbaren Publikum. Ich weiß jedoch, dass meine Leser existieren,  und ich werde deshalb nun jeden von ihnen ersuchen, mir das gleiche Privileg zu gewähren."
Roberts selbst hat stets auch die Möglichkeit einkalkuliert, bei Seth handele es sich um die Personifizierung eines überbewussten Teils ihres Selbst, entstamme also ihrem Unterbewusstsein oder sei eine Art „Spaltpersönlichkeit“.

Man mag über das Zustandekommen dieser Dialoge denken wie man will - ich meine, sie liefern überaus interessante und weiterführende Denkanstöße zu vielen 'Sinn- und Seinsfragen', u.a. auch zur 'Individualität' des mensclichen Bewusstseins:
  • Seth nennt Jane Roberts "Ruburt" und ihren Mann Rob "Joseph", weil diese Namen repräsentativ für die Gesamtpersönlichkeit der beiden seien - diese stehen aber in einem gewissen Gegensatz zu unseren gegenwärtigen Ich. In diesem Zusammenhang spricht er auch von mehreren Realitätsebenen und vermittelt den Eindruck, dass unser Ich selbstverständlich von seinem körperlichen Erscheinungsbild unabhängig ist.
  • Das Projekt Seth demonstriere, dass menschliche Persönlichkeit multidimensional sei, daß wir in verschiedenen Realitäten zugleich existieren, wobei die Seele oder das innere Selbst nicht etwas Separates sei, sondern der Nährboden selber, in dem wir wurzeln.
  • Den Ausdruck "Unbewußtes" bezeichnet sie als äußerst unzulänglich; denn er vermittle nur eine schwache Vorstellung eines eigentlich offenen psychischen Systems mit tiefen, ineinandergreifenden Wurzeln, das alle Formen von Bewusstsein vereinigt; ein Netzwerk, durch das wir alle miteinander verbunden sind. Unsere Individualität wächst daraus hervor und trägt gleichzeitig dazu bei, es zu bilden.
  • 'Seth' macht deutlich:wer annehme, ein physisches Wesen zu sein, d.h. die eigene Existenz hänge von einer körperlichen Erscheinungsform ab, fühle sich von der Gefahr der Vernichtung bedroht, denn keine physische Form dauert.
"Wenn ihr euch mit eurer eigenen Jugend identifiziert, oder Schönheit, oder Intelligenz, oder Leistung, dann ist da das ständige, nagende Wissen, daß diese Eigenschaften verschwinden können und werden.
Das Bewusstsein schafft die Form; nicht umgekehrt."
Ihr seid nicht in die Zeit eingeschlossen, wie die Fliege in einer Flasche, deren Flügel deshalb keine Funktion mehr haben."

Das Bewusstsein, wie wir es kennen, sei hochgradig spezialisiert. Die physischen Sinnesorgane vermitteln die Wahrnehmung lediglich der dreidimensionalen Welt, während sie aufgrund ihrer eigentümlichen Beschaffenheit die Wahrnehmung anderer, ebenso gültiger Dimensionen meistens verhindern.

Wohl keinem Menschen werde es einfallen, sich mit nur einem Teil seines Körpers zu identifizieren und alle anderen Teile zu ignorieren - doch laut Seth tun wir nichts anderes, wenn wir uns einbilden, das egoistische Selbst trüge die Last eurer Identität.

Eine Einheit aus unsichtbarem Puppenspieler samt seinen Marionetten?

So wie Seth das unbewusste, 'innere Ich' beschreibt, welches unser bewusstes Selbst in vielfacher Weise vorausschauend lenkt und schützt - "hellsichtig und telepathisch" - ensteht in mir das Bild von einem Puppenspieler (das Unbewusste) und seiner mit unsichtbaren Fäden an diesen gebundene Marionette (das bewusste Selbst), die zusammen die Einheit einer Persönlichkeit bilden:
Das 'äußere Ich' befähigt uns, mit der bekannten Welt umzugehen, während das innere Ich uns mit jenen feineren inneren Wahrnehmungen versorgt, welch eine physische Existenz aufrechterhalte. Die beiden interagieren also, sie arbeiten zusammen. Okay, aber wer von beiden ist 'Chef'? Sobald zwei oder mehr bewusste Entitäten 'gemeinsam an einer Sache' (der Weiterentwicklung des Gesamtselbst) arbeiten, müsste doch eine der beteiligten Instanzen wenigstens grundlegende Richtungsvor- oder -angaben machen?

Jegliche Kommunikation finde statt, lange bevor sie in Worte gefasst wird. Kommen spontane Eingebungen vielleicht von dieser Instanz? Nun ja, woher sonst sollten sie stammen? Für jeden spontanen Gedanken einen Schutzengel o.ä. verantwortlich zu machen, erschiene mir gewagter als etwa die Existenz von 'Seth' für möglich zu halten.



"Es gibt aber auch einen Teil eurer selbst, jene tiefere Identität, die sowohl euer inneres als auch euer äußeres Ich formt und deren Beschluss ihr verdankt, daß ihr als ein körperliches Wesen an diesem Ort und zu dieser Zeit in Erscheinung getreten seid. Dies ist der Kern eurer Identität, der psychische Samen, aus dem ihr entsprangt, die multidimensionale Persönlichkeit, von der ihr ein Teil seid."

Seth betont, dass die gesamte Persönlichkeit kein "kein Hier-und-jetzt-Attribut" des Bewusstseins sei, sondern es bestehe eine weitaus größere Identität, die zu dem Selbst gehöre, als dass wir uns derzeit auffassen:

Das bekannte Selbst ist nur ein Fragment einer Gesamtidentität. Diese Selbstfragmente vergleicht er mit den verschiedenen Häuten an einer Zwiebel (=Gesamtselbst): sie sind zwar verbunden durch ein und dieselbe Lebenskraft und haben denselben Ursprung, wachsen jedoch in verschiedene Realitätsebenen hinaus. Raum und Zeit werden vom Gesamtselbst als Konstruktionen angesehen, die der physischen Realität zugrunde liegen und in der die Fragment-persönlichkeiten spezifische Erfahrungen machen können. Von den Erfahrungen der Fragmente profitiert auch das Gesamtselbst.


Der Mensch sieht danach die Außenaspekte der Dinge; seine physischen Sinne lassen ihn äußere Formen wahrzunehmen, auf die er dann reagiert. Infolge dieser 'oberflächlichen' Realitässicht bleibt ihm die innere Vitalität von Materie und Form weitghend verborgen. Mit anderen Worten, Seth behauptet, dass auch 'unbelebte' Materie eine eigene Form von Bewusstsein besitze (und erst recht jede einzelne unserer Körperzellen)...


Er ist sich jedoch auch darüber im klaren, dass nur wenige Menschen dies nachvollziehen können: 

  • "...wenige meiner Leser werden mich ernst genug nehmen, um dem nächstbesten Nagel, den sie in einem Stück Holz steckend finden, einen guten Morgen oder guten Abend zu wünschen." 
  • "Es existiert nichts, was nicht durch Bewusstsein hervorgebracht würde, und jedes Bewusstsein, unabhängig von seinem Entwicklungsgrad, erfreut sich eigener Empfindungen und eigenen schöpferischen Vermögens. 
  • Ihr könnt niemals begreifen, wer ihr seid, wenn ihr das nicht begreift." 
  • "Man kann die Seele als ein elektromagnetisches Kraftfeld ansehen, von dem ihr ein Teil seid." 
Durch Unwissenheit errichte der Mensch künstliche Schranken, er spalte wesentliche Fähigkeien ab und identifiziere sich ausschließlich mit seinem äußeren Ich. Als multidimensionale Persönlichkeit stecke er sozusagen seinen Kopf in den Sand dreidimensionaler Existenz und tue so, als sei das alles.

Da ich nun mal ein Fan der Vorstellung von einer seelischen Entwicklung über mehrere Lebensperioden bin, erscheint mir diese Selbstreduzierung als notwendiger Vorgang, gleich einem Sandkastenspiel, das Kindern dazu verhilft, erste Schritte ins Erwachsenendasein zu gehen. Einer dieser Schritte ist wohl die Einsicht, dass unser Identitäts- und Kontinuitätsgefühl nicht vom Ich abhängig ist.



"Das Ich ist ein eifersüchtiger Gott, der auf der Wahrung seiner Interessen besteht. Es ist nicht bereit, die Realität anderer Dimensionen anzuerkennen als solcher, in denen es sich selber behaglich fühlt und die es versteht. Es war als eine Stütze gedacht und ist zum Tyrannen geworden. Immerhin ist es viel elastischer und lernbegieriger, als man allgemein annimmt. Seine Neugier kann von großem Vorteil sein."
"Dreidimensionale Erfahrung ist eine unschätzbare Grundausbildung:"
In gewisser Weise coachen und entwickeln wir uns selbst, indem wir - vereinfacht ausgedrückt - in sich geschlossene, und doch miteinander verbundene Simulationen entwerfen - Persönlichkeiten und Lebenszeiten, um verschiedene Lektionen zu lernen. Die Seele oder Wesenheit kann man sich dabei als einen bewußten und lebendigen, göttlich inspirierten Computer denken, der seine eigenen Existenzen und Lebenszeiten programmiert und 'Lektion für Lektion' ins Bewußtsein und Leben treten lässt. Doch besitzen die erschaffenen Persönlichkeiten hohe Eigendynamik (im Gegensatz zu allem, was 'unsere' materiellen Computer zur zeit erzeugen können): sie schaffen ihrerseits neue Realitäten, die der 'Computer' sich nicht hätte träumen lassen.


Im Gegensatz zu einer Simulation nach 'Matrix'-Konzept' sind wir (=unser Gesamtselbst) in dem von Seth vorgestellten Modell keine fremdbestimmten, in unserer Freiheit begrenzte Spielfiguren, sondern unser höheres Selbst trifft so ziemlich alle uns betreffenden Entscheidungen im Interesse unserer seelischen Entwicklung. 

Jede unserer 'Einzel'-Persönlichkeiten verfügt von Geburt an"über angeborenen Realitätsbegriffe, Wahrnehmungsmuster und Interpretations-Kategorien, auf denen ihre Existenzvorstellungen begründet sind.

Dabei ist körperliche Gestalt die Materialisation ihrer eigenen Gedanken, Gefühle und Interpretationen (ebenso wie die gesamte 'physische, persönliche Umwelt') - somit sei die bekannte Welt in ihrer Gesamtheit der Reflex einer inneren Realität. Holofeeling lässt grüßen...



"Stellt euch euer gegenwärtiges Selbst als einen Schauspieler in einem Theaterstück vor... Das Stück spielt im 20. Jahrhundert. Kulissen, Szenerie und Thema entwerft ihr selber; ja, ihr seid für dieses Stück Autor, Regisseur und Schauspieler in einer Person - ihr und jedes andere Individuum, das mitspielt.

Gleichzeitig gehen noch andere Stücke über die Bühne, in denen ihr ebenfalls eine Rolle zu spielen habt. Auch diese haben ihre eigenen Kulissen, ihre eigene Szenerie. Sie spielen in anderen Zeitaltern.
Diese Szenerien stellen ebenso eure Umwelt dar, die Umwelt, die eure Gesamtpersönlichkeit umgibt."

Jede multidimensionale Persönlichkeit hat ihre eigene Bestimmung, ihre eigene Mission und schöpferische Aufgabe, die von Anfang an als integrierender Teil ihrer selbst feststeht und jene Eigenschaften prägt, die sie zu einer Ewig-gültigen und Ewig-suchenden machen. Diese Aufgabe ist weit mehr als Selbstzweck (oder Gegenstand persönlicher Befriedigung): Die Arbeit für eigene Ziele ebnet die erschlossenen Wege auch für andere.

Bereits in jedem 'Schauspiel' bestehen bestimmte Aufgaben- oder Problemstellungen. Persönlicher Fortschritt kann danach bemessen werden, inwieweit jene Probleme gelöst oder nicht gelöst worden sind.


Um die Kontinuität unserer gegenwärtigen Einzel-Persönlichkeit brauchen wir nicht also zu fürchten, sie wird nicht etwa durch das Gesamtselbst absorbiert und dabei womöglich aufgelöst, sondern sie wird mitsamt ihren Erinnerungen fortbestehen - als ein Teil einer Gesamtidentität.


Nicht leicht, sich diesen Zustand vorzustellen, etwa das Zusammenwirken verschiedener Emotionen, die aus unterschiedlichen Einzelpersönlichkeiten infolge ungleicher Erlebnismomente eingebracht werden. Und doch: in unseren Träumen greifen wir genau diesem Zustand vor, erklärt 'Seth' - ob wir uns anschließend daran erinnern oder nicht...


Mir gefällt an dieser Vorstellung auch, dass die Verantwortung für unser Dasein,  unsere Gesamte Lebenssituation nicht länger auf eine überlegene Wesenheit namens 'Gott' projiziert wird; gleichwohl liegt darin keine Widerlegung von Gottesvorstellungen (sofern diese nicht auf einem personellen Gottesbild basieren).