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Mittwoch, 11. Juni 2014

Quantenphysik der Unsterblichkeit

"Wie Alles mit Allem ewig verbunden bleibt", Vortrag von Dr. Rolf Froböse

Religiös bzw. spirituell veranlagte Menschen bejahen die Existenz einer unsterblichen Seele, während manche (aber längst nicht alle) Naturwissenschaftler diesem 'Konstrukt' sehr skeptisch gegenüberstehen. Rolf Froböse (*1949), ein deutscher Chemiker, Wissenschaftsjournalist und Buchautor, untersucht im u.a. Vortrag, welchen Beitrag die moderne Naturwissenschaft in diesem Kontext liefern kann. 

Dazu könne er etwaige Indizien liefern, aber keinen 100-prozentigen Beweis/Gegenbeweis.

Hierzu kommt der Wissenschaftsjournalist zunächst auf Grundlagen zu sprechen:

  • Evolutionsbiologen erklären die Entstehung von (komplexem) Leben letztlich mit dem Zufallsprinzip, d.h. durch Mutation in der Erbsubstanz und anschließende Selektion durch die jeweiligen Lebens-/Umweltbedingungen. Dem hält Frobse entgegen, dass Wahrscheinlichkeit für die 'ad hoc'-Entstehung eines Gens aus Molekülen der 'Ursuppe' bei "Eins zu 10 hoch tausend" liege.
    Das Miller-Urey-Experiment (1953) sollte bestätigen,  dass unter den Bedingungen einer postulierten Uratmosphäre eine Entstehung organischer Moleküle (Chemische Evolution), wie sie heute bei Lebewesen vorkommen, möglich ist. Doch dieses Experiment wurde 'zu früh' beendet, man gab sich mit ein paar Aminosäuren zufrieden.
     "Von der Aminosäure zum Gen ist es noch ein langer Weg." Wie wahr.

Schematischer Versuchsaufbau des Miller-Urey-Experiments (Bildquelle: wikimedia)


  • Froböse erläutert nun relativ knapp das Doppelspalt-Experiment und das Phänomen der Quantenverschränkung: Platt ausgedrückt, scheinen zwei verschränkte Teilchen augenblicklich zu wissen, was mit dem anderen gerade passiert - egal wie groß die Entfernung zwischen ist. Bekanntlich sprach Einstein von einer "spukhaften Fernwirkung" und wollte am liebsten gar nichts mit diesem ihm suspekten Phänomen zu tun haben. An der Universität Genf hat eine Gruppe um Prof. Nicolas Gisin eine Untergrenze für die angenommene Ausbreitung von Quanteninformationen geliefert: Im Experiment wurde gezeigt, dass zwei verschränkte Photonen bezüglich verschiedener Eigenschaften, unter anderem der Polarisation, mit wenigstens 10.000-facher Lichtgeschwindigkeit kommunizieren müssten, wenn sie denn kommunizierten.(Vgl. "Mysteriöses Quantenphänomen: Einsteins Spuk ist Tausende Male schneller als das Licht", SPON 2008)
Konkret führten Gisins Resulate zu der Schlussfolgerung, dass es seit dem Urknall im gesamten Universum möglich ist, dass sich Teilchen ohne zeitliche Verzögerung (= "außerhalb der Raumzeit") wechselseitig beeinflussen und "jeder von uns an diesem Dialog aktiv teilnimmt". Gisin zeigte sich überzeugt, die Menschheit stehe an der Schwelle einer neuen Epoche, eines neuen Konzeptes von Natur und Welt.

Über dieses Verschränkungsprinzip ("Alles im Universum kommuniziert in Echtzeit miteinander") sei es möglich, so Froböse, zahlreiche Phänomene naturwissenschaftlich erklären, die heute noch als „paranormal" eingestuft werden.
"Ins Jenseits, so die These, führt kein Graben, den wir überwinden müssen. Vielmehr sind wir heute bereits von diesem Jenseits umgeben, das als großes Ganzes zu verstehen ist."  



Das klingt alles so weit plausibel und deckt sich im wesentlichen mit meiner (intuitiv hergeleiteten) Überzeugung. Dennoch glaube ich, der Zeitgeist steht einer ganzheitlichen, auf eine Synthese von Physik und Metaphysik abzielende Sichtweise entgegen: 
Bis heute, sechs Jahre nach Prof. Gisins Veröffentlichung, sind keinerlei Anzeichen einer (durchaus wünschenswerten) epochalen Veränderung zu bemerken, wenn wir von einem sich weiterhin beschleunigenden technologischen Fortschritt absehen.

Montag, 4. März 2013

Quantenphysik: "Bewusstsein könnte den Tod überdauern"

Obwohl der Artikel "Brückenschlag zwischen Quantenphysik und Religion?" des Online-Magazins 'Wissenschaftsecho' aus dem Jahr 2009 stammt, ist die Thematik für mich in dieser Form gänzlich neu:
Erstmals (soweit mir bekannt) treffen Naturwissenschaftler konkrete Aussagen darüber, dass menschliches Bewusstsein auch außerhalb des Körpers möglich sei und den Tod überwinden könnte. Von einem historischen Brückenschlag ist die Rede.

Für die meisten religiösen Menschen ist dies freilich keine Neuheit, gemäß ihrer Glaubenslehre vertrauen sie auf eine Form des Weiterlebens nach dem Tode. Doch naturwissenschaftliche Hinweis auf eine unsterbliche Seele kamen bislang noch nicht zustande. Zwar hatte Prof. Hans-Peter Dürr seit längerem Thesen zugunsten einer holistischen Sicht der 'neuen Physik' vertreten die Versöhnung von Wissenschaft und Religion als notwendig bezeichnet. 

Doch nun habe sich der amerikanische Physiker Jack Sarfatti zu Wort gemeldet:

Jack Sarfatti in November, 2007
"Seiner Meinung nach enthält die moderne Quantenphysik den Schlüssel für den Dualismus von Leib und Seele".
Nach dem Prinzip der Quanten-Verschränkung sind Teile bzw. Elemente des Universums auf subtile Weise miteinander verbunden. 
Zwei oder mehr Teilchen auf subatomarer Ebene können eine Verbindung miteinander eingehen, die man als „Verschränkung“ bezeichnet. Diese miteinander „verschränkten“ Teilchen haben dabei immer dieselben physikalischen Eigenschaften; das heißt, verändert man eine solche Eigenschaft bei Teilchen A, kann man diese Änderung ohne Verzögerung auch bei Teilchen B beobachten. 
Die  „Übertragung“ von Informationen bezüglich der Teilcheneigenschaften ist nicht an die Lichtgeschwindigkeit gebunden – auch wenn das zu einem Teilchen A verschränkte Teilchen B mehrere Lichtjahre weit entfernt ist, wirkt sich eine Änderung der Eigenschaften von einem der Teilchen sofort auf beide gleichzeitig aus. (Vgl. Wikipedia)
Ein Physikerteam aus Genf unter der Leitung von Prof. Nicolas Gisin hatte 2008 den experimentellen Beweis geliefert, dass der Informationsaustausch zweier miteinander verschränkter Teilchen mit unendlich hoher Geschwindigkeit stattfindet.
Diese Verschränkung bleibt auch dann erhalten, wenn die Wechselwirkung weit in der Vergangenheit stattgefunden hat. So kam die Annahme zustande, dass große Teile des Universums seit dem Urknall miteinander verschränkt sind. 

Diese fundamentale Eigenschaft habe dramatische Auswirkungen auf jedes menschliche Individuum, dessen Organe und Körperzellen letztlich auch aus atomaren Teilchen bestehen. Deren Teilchen-/ Welle-Charakter lasse die Schlussfolgerung zu, dass auch unser Gehirn über Welleneigenschaften verfüge. Zudem liege nahe, dass Teile der belebten und der unbelebten Welt miteinander verschränkt sind und auf subtile Weise miteinander kommunizieren.

Eine auf dem Verschränkungsprinzip beruhende Verbundenheit soll auch auf unsere Gedanken zutreffen, denn die Vorgänge im menschlichen Gehirn unterliegen ebenfalls den Gesetzen der Quantenphysik:
"Bisher wurde das Phänomen der Verschränkung nur für subatomare kleine Partikel für möglich gehalten. Einige Wissenschaftler halten es jedoch für möglich, dass auch die Informationsverarbeitung im menschlichen Gehirn, die auf der untersten Ebene über kleinste Partikel erfolgt, den Regeln der Quantenphysik gehorcht." (Froböse, s.u.)
Für Sarfatti liefert die Quantenverschränkung Hinweise, dass Geist und Seele den Körper überdauern könnten. Er zeigte sich davon überzeugt, dass "das Paradigma, welches Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften trennt, in Kürze zusammenbrechen wird":
 "Nichts geschieht im menschlichen Bewusstsein, ohne dass irgendetwas im Universum darauf reagiert..."
Klingt für mich eher nach Esoterik als nach Naturwissenschaft, jedenfalls im Moment noch. Und worauf genau die Annahme beruht, dass unser Bewusstsein den physischen Tod überdauere, ist mir auch noch nicht klar. 
Allenfalls im Kontext mit den Überlegungen zu einem holografischen Universum ergibt sich m.E. hier ein Sinnzusammenhang: Verschränkung in einer holografischen Struktur würde bedeuten, dass auch von unserem Gehirn (und unseren Bewusstseinsinhalten?) eine Art Abbild in höherer oder geringerer Komplexität entsteht. Dieses Abbild interagiert mit anderen Teilchen, sodass man vielleicht wirklich sagen kann, dass unser Gehirn bzw. die bewusstseinserzeugenden Vorgänge darin in gewisser Weise mit dem Universum verbunden sind.
Allerdings stützt Religion, zumindest die christliche, nicht die Sichtweise, dass unser Geist und unser Bewusstsein vom Gehirn 'produziert' werden. Vielmehr betrachtet sie den menschlichen Geist als ein Geschenk des Schöpfers. 

So spannend die Frage nach der Unsterblichkeit des Bewusstseins auch ist - gerade in einer so kontroversen Frage wird man abwarten müssen, ob diesen Überlegungen ein experimenteller Beweis oder eine wissenschaftlich fundierte Theorie folgt. Im Falle einer gelungenen 'naturwissenschaftlichen Beweisführung der Unsterblichkeit von Bewusstsein' wäre eine weltweite Resonanz zu erwarten, die kaum einstimmig ausfallen dürfte ...soweit feststellbar, ist das Echo der Wissenschaftsgemeinde auf die These Sarfattis aber nicht außerordentlich groß.


Siehe auch: 

  • Prof. Anton Zeilinger: 'Quantenphysik: Doppelspaltexperiment und Verschränkung':

Samstag, 25. August 2012

Unsterblichkeit der Seele? Platons Phaidon

Ein Dialog über das Wesen der Seele und die Ewigkeit

Auf ein einzelnes der vielen philosophischen oder theologischen Konzepte von Unsterblichkeit und ewiger Existenz der (menschlichen) Seele vermag ich mich nicht festzulegen – an der Hoffnung auf dieses Weiterexistieren der Seele halte ich dennoch unbedingt fest.
Mein persönlicher Grund für dieses Hoffen ist fast banal: Die Vorstellung, für das Selbst – zu dem insbesondere Bewusstsein und Erinnerung zählen – gebe es kein 'Danach', impliziert für mich zu einer völligen Sinn- und Ziellosigkeit des menschlichen Daseins. Anders ausgedrückt: In der Einseitigkeit dessen, was die Mehrzahl der Menschen in ein paar Jahrzehnten irdischen Daseins veranstaltet, entdecke ich plumpen Selbstzweck, naturalistisches Sich-Reproduzieren, maximierte Konsum- und Sinnlichkeitserfahrung sowie die selbstgefälligen Erfolgserlebnisse einzelner Alphamännlein und –weiblein, aber ganz sicher weder Sinngebung noch Vollendung.

Nun hat es manchmal den Anschein, als sei die Frage nach dem Tod, der Beschaffenheit des Jenseits und 'was dann aus uns wird', nahezu ausschließlich die Domäne der um die "Wahrheit" konkurrierenden Religionen. Diese (vor allem die drei großen monotheistischen Religionen) haben entscheidende Nachteile:

  • ein kompetitives Entweder-/Oder-Denken:
    Religionen versuchen uns mit mehr oder weniger drastischen Drohgebärden einzuschärfen, an ihre jeweilige Version vom Weiterleben der Seele seien Bedingungen geknüpft …die natürlich nicht von den den Religionsstiftern oder ihnen nachfolgenden Klerikern, sondern unmittelbar von Gott stammen sollen.
  • ein Exklusivitätsanspruch, demzufolge die große Mehrzahl aller Menschen (nämlich alle jeweils "Ungläubigen") entweder im dunklen Nichts der Vergessenheit oder in niemals endenden Höllenqualen endet.
Als wirklich trostbringend empfindet dies kaum jemand. (Zumindest habe ich im christlichen Umfeld noch keine einzige Beerdigung erlebt, die mit gelassener Leichtigkeit den Übergang des Verstorbenen in eine bessere Welt begangen hätte.) All dies ist Anlass genug, auch die 'unabhängigen' Konzepte seelischer Unsterblichkeit zu suchen – ohne damit die religiös motivierten Eschatologien und Heilslehren per se zu verwerfen.

Platons Phaidon – der Dialog des Sokrates über Wesen und Unsterblichkeit der Seele


Der Gedanke, die Seele sei unsterblich, ist kein exklusives Produkt im Portfolio der maßgeblichen, oft monokausal auf einen übernatürlichen Schöpfer ausgerichteten Religionen - wir treffen ihn schon bei den frühen Philosophen an:


Der Phaidon ist ein zwischen 385 und 378 v. Chr. entstandener Dialog des griechischen Philosophen Platon. Dieser schildert im Phaidon das letzte Zusammentreffen des Sokrates mit seinen Freunden vor dessen bevorstehender Hinrichtung. Gegen Sokrates war das Todesurteil verhängt worden, weil ihm ein verderblicher Einfluss auf die Jugend sowie die Missachtung der damaligen Götter zur Last gelegt worden war.
Auf die Bitte des Pythagoreers Echekrates berichtet Phaidon von den letzten Stunden des Sokrates und von dem letzten Gespräch: der Argumentation vom Fortleben der Seele. Phaidon selbst gründete nach Sokrates' Tod eine Philosophenschule in Elis.
Im Mittelpunkt des Phaidon steht auch die Ideenlehre (s.u.) des Platon.
  • Den ins Deutsche übersetzten Text des Phaidon findet man beispielsweise hier (PDF) in einer überarbeiteten (leicht zu lesenden) Fassung oder auf Zeno.org. Zum Erstaunen seiner Freunde habe Sokrates im Angesicht des bevorstehenden Todes tapfer und "ganz glücklich" gewirkt. So habe Phaidon zwar Trauer empfunden, aber auch die Zuversicht, sein Freund werde begnadet und mit "einzigartigem Wohlbefinden in die Unterwelt eingehen". 


Tod und Reinigung der Seele

Sokrates erklärt, der Tod für den Philosophen keinen Schrecken; er selbst gehe dem "nicht unwillig" entgegen. Jede Form von Suizid lehnt er indessen aufgrund eines aus göttlichen Geheimlehren ersichtlichen Verbotes ab: die Menschheit sei als "eine der Herden der Götter" zu betrachten und jeder einzelne in einer Festung (dem Körper) gefangen, aus der er sich nicht selbst befreien dürfe. Andernfalls drohe womöglich eine Bestrafung.
Auch Sokrates betrachtet die Menschen als Eigentum von weit über ihm stehenden, göttlichen Wesen. Obgleich dem Gedanke, mir nicht selbst zu gehören, etwas Beängstigendes (auf Gedeih und Verderb meinem 'Eigentümer' ausgeliefert zu sein) anhaftet – hier geht es vor allem darum, dass der Hüter der Herde am besten wisse, was gut für sie ist.
Dennoch, der Tod als solcher sei erstrebenswert und Todessehnsucht daher verständlich, sogar begrüßenswert. Widerspruch und Unverständnis seitens Kebes und Simmias bewegen Sokrates dazu, seine Auffassung zu erläutern.
„… wenn ich nicht glaubte, zuerst zu andern Göttern zu kommen, die auch weise und gut sind, und dann auch zu verstorbenen Menschen, welche besser sind als die hiesigen, so täte ich vielleicht unrecht, nicht unwillig zu sein über den Tod. Nun aber wisset nur, dass ich zu wackeren Männern zu kommen hoffe.“
Der Tod verschaffe der Seele die lange gesuchte Unabhängigkeit, denn bei seiner Suche nach tiefen Erkenntnissen behindere der Körper den Philosophen: Sinneseindrücke vermitteln keine objektiven, sicheren Informationen und können den Verstand vielmehr täuschen. Ebenso sind körperliche Bedürfnisse und Triebe störend auf dem Weg zur wahren Erkenntnis.
Mehr noch: der Körper sei eine regelrechte Last; der Philosophen solle ihm nur das Nötigste zugestehen.

“Selbst im Krieg, beim Aufruhr und in Kämpfen, haben wir es nur mit dem Körper und seinen Begierden zu tun. Denn in allen Kämpfen geht es um den Besitz von Geld und Gut, die wir für unser leibliches Wohl haben wollen.
Weil uns diese Dinge so vereinnahmen, fehlt es uns an Muße, Philosophie zu betreiben.
Nur Vernunft lässt das Erkennen und Verstehen der Wirklichkeit zu - während Furcht, Liebe, Angst und alle übrigen Empfindungen dieser Erkenntnisgewinnung im Weg stehen. Folglich ist ein Philosoph gut beraten, seinen Körper von diesen störenden Einflüssen fernzuhalten.
Mit dem Ableben des Körpers hat es damit ein Ende: durch den Prozess des Sterbens erfolgt die Trennung der Seele vom Körper, sie wird von den letzten Fesseln des Leibes befreit und ist nun "für sich allein".
Dies ist für einen Philosophen - als 'Freund der Weisheit' - der Idealzustand:

"Wenn wir je etwas rein erkennen wollen, müssen wir uns von ihm befreien,
und allein mit der Seele die Dinge an sich anschauen."
(Der Tod als Instrument, um kritische Distanz zu all den Einflüssen, denen die Lebenden mit ihren Trieben, Bedürfnissen und Befindlichkeiten ausgesetzt sind? Kann man so sehen, nur stelle ich mir den 'entkleideten' Erkenntnisprozess innerhalb der als Ewigkeit bezeichneten Dimension auf die recht einseitig vor, wenn nicht sogar schal.)
Insoweit sei es töricht, sich vor dem Tod zu fürchten. Erst nachdem diese Schwelle überschritten sei, lasse sich im Jenseits die endgültige Wahrheit finden.
Ohne anmaßend sein zu wollen, scheint es mir doch, als werde hier ein Aspekt übersehen: Bergen nicht auch die so sehr von Sokrates verachteten Erfahrungen und sinnliche Freuden (in Maßen genossen) wesentliche Impulse für den Versuch, die (gesamte) Wirklichkeit zu erfassen? Die Götter, die ‘ihrer Herde’ alles Gute und Notwendige angedeihen lassen, würden die Mitglieder dieser Herde kaum grundlos einem solchen ‘Gefängnis’ ausliefern…
Sokrates mahnt auch zur Besonnenheit, die für mich freilich implizieren würde, sowohl Körper und Sinne als auch Verstand und Seele in einem fortwährenden, fraglos schwierigen Balanceakt gleichermaßen zu ‘nutzen’, um Erkenntnis und Weisheit zu gelangen.

Hören und Sehen versetzen den Menschen überhaupt erst in die Lage, über komplexe Fragestellungen nachzudenken.

"Wenn einer ungeweiht und uneingeweiht im Hades ankommt, so wird er dort im Schlamm zu liegen kommen. Der Geläuterte aber und der Geweihte, wird nach seiner Ankunft dort bei den Göttern wohnen…"

Beweise für die Unsterblichkeit der Seele?

Die bisherigen Überlegungen und Annahmen des Sokrates setzen freilich einen entscheidenden Umstand als unumstößliche Tatsche voraus: Mit dem Tod stirbt allein der Körper, doch die Seele bleibt als Einheit erhalten. D.h. sie unterliegt auch nicht der Reorganisation wie die elementaren Bausteine des materiellen Körpers.
Dies dürfe man eben nicht einfach voraussetzen, wenden Freunde und Schüler des Sokrates ein – sonst bleibe von dem bisher Gesagten nicht mehr als eine schöne Hoffnung. Vielmehr bedürfe es "überzeugender Gründe und Beweise dafür, dass die Seele nach dem Tode des Menschen noch existiert und dass sie dann noch Kraft und Einsicht besitzt."

(Hier liegt für mich der bedeutsamste Knackpunkt, weswegen ich mich nicht auf dem Markt der religiösen und spirituellen Wettbewerbe für eines der angepriesenen 'Produkte' entscheiden mag: Solange diese Eingangsvoraussetzung nicht abschließend geklärt ist - was in Ermangelung von Rückmeldungen aus dem Hades weiterhin schwer fallen dürfte - sehe ich keinen Nutzen darin, meinen Fokus zu verengen und mir damit weitere wertvolle Denkimpulse vorzuenthalten. Besonders angenehm ist dies nicht, denn ich empfinde das Fehlen einer geistigen/geistlichen Heimat durchaus als Defizit.)

Auch Sokrates empfindet zwar Hoffnung auf Erlösung und Zuversicht in Bezug auf seinen Weg ins Jenseits, aber keine absolute und unwiderlegbare Gewissheit. Auch deswegen widmet sich er sich nun intensiv einer Beweisführung für die Unsterblichkeit der Seele.



(1) Werden aus dem Gegensätzlichen’ und der Kreislauf des Lebens

Hier wird angenommen, dass Gegensätzliches einander hervorbringt: Wo immer Gegensätze bestehen (warm - kalt, Gutes – Schlechtes, Licht – Finsternis) muss eine Veränderung von einem Zustand in einen entgegengesetzten Zustand erfolgen. Dieses Prinzip des Werden aus dem Gegensätzlichen’ gilt für alles, was wird.
Ferner bestehe die Notwendigkeit einer zyklischen Regeneration: Wenn irgendwo ein Mensch oder Tier stirbt, werde an einem anderen Ort ein gleichartiges Lebewesen geboren. Werden und Vergehen, Leben und Tod müssen einen Kreislauf bilden, sonst käme alles zum Stillstand.
"…würde nicht ebenso, lieber Kebes, wenn alles zwar stürbe, was am Leben Anteil hat, nachdem es aber gestorben wäre, das Tote immer in dieser Gestalt bliebe und nicht wieder auflebte, ganz notwendig zuletzt alles tot sein und nichts leben? 
Denn wenn zwar aus dem Andern das Lebende würde, das Lebende aber stürbe, wie wäre denn zu helfen, dass nicht zuletzt alles im Totsein aufginge?"
Wirklich einleuchtend finde ich diese Beweisführung noch nicht, jedenfalls nicht in Bezug auf das Weiterleben der immateriellen Seele. Unterstellt man freilich die Unveränderlichkeit der Seele [vgl. (3)], so schließt sich der Kreis des Werdens und Vergehens allen Lebens im 'biologischen' Sinne, wobei die Seele gleichsam als Katalysator an diesem Kreislauf teilnimmt. Aber wie lange?

(2) Wiedererinnerung
Kebes beruft sich auf die die Lehre der Wiedererinnerung: Danach ist Lernen die Erinnerung an etwas, das in einem früheren Leben bereits bewusst war. Folglich müsse die Seele schon vor der Geburt unabhängig vom Körper existiert haben. Sokrates erläutert dies an einem Beispiel:
Zwei Steine erscheinen uns gleichgroß – dennoch realisieren wir auf einer nicht-visuellen Ebene, dass sie nicht vollkommen gleichgroß sind. Dies sei nur möglich, da wir den Standard des Gleichgroßen an sich kennen und so Abweichung der Steine von diesem Standard erfassen.

Diesen Standard aber müssen wir lt. dieser Sichtweise schon vor unserer Geburt besessen haben. Daraus folgt für Sokrates: die Seelen  existierten schon zuvor, ohne den Körper. Eine solche Präexistenz der Seele besagt indessen noch nicht ihr Existieren über den Tod hinaus.


(3) Die Neigung der Seele zum Ewigen
Zerstörbarkeit beruht laut Sokrates darauf, dass Zusammengesetzte sich wieder in seine kleineren/kleinsten Bestandteile zerlegen lasse. Veränderlichkeit und beobachtete Veränderung ist ein Anzeichen für das Bestehen aus kleineren Bausteinen - Unveränderlichkeit kennzeichnet Unteilbares, also eine unzerstörbare Einheit.
"Das Gleiche selbst, das Schöne selbst, und so jegliches, was nur ist selbst, nimmt das wohl jemals auch nur irgendeine Veränderung an? Oder verhält sich nicht jedes dergleichen als ein einartiges Sein an und für sich immer auf gleiche Weise und nimmt niemals auf keine Weise irgendwie eine Veränderung an?"
Wir erfassen Veränderungen durch Wahrnehmungen, das Unveränderliche dagegen erfassen wir überhaupt nicht und klassifizieren es daher als unsichtbar. Das Unsichtbare bleibe demnach immer gleich, unterliege keinerlei Veränderung und sei insoweit 'unzerstörbar'. So verhalte es sich auch mit der Seele (im Gegensatz zum Körper): sie ist unsichtbar und demzufolge weder veränderlich noch zerstörbar.
Solange sie sich mit der Welt beschäftigt, macht sie von den körperlichen Sinnen Gebrauch - damit ist für Sokrates ein Abstieg der Seele verbunden: für die Dauer des irdischen Lebens ist sie an veränderliche Objekte gebunden und von ihnen abhängig.

Deswegen ist die Seele nur verwandt mit dem Ewigen, sie erlangt ferner die Herrschaft über den Körper. In dieser Funktion sei mit dem Göttlichen vergleichbar, das über sterbliche Lebewesen herrsche. Somit sei die Seele dem Unveränderlichen, Göttlichen, Unsterblichen ähnlich, im Gegensatz zum Körper, der veränderlich und sterblich ist und bleibt.



(4) Seele bedeutet Leben, nicht Tod


Zuletzt argumentiert Sokrates, dass es Träger von Eigenschaften gibt,die aber nicht mit diesen Eigenschaften identisch sein müssen. So ist Feuer nicht identisch mit Hitze, aber ein Träger dieser Eigenschaft. Allerdings würde Feuer könnte niemals Kälte als Eigenschaft besitzen können.
Die Seele hingegen bringe das Leben als notwendige Eigenschaft mit sich. Durch ihre Anwesenheit werde der Körper belebt. Da der Tod dem Leben entgegengesetzt ist, kann die Seele den Zustand des ‘Tot-seins’ niemals annehmen, ohne das zu bleiben, was sie ist. Sie ist zudem unzerstörbar und somit könne die Seele niemals durch den Tod vernichtet werden.
Eine tote Seele wäre ein Widerspruch in sich, da die Seele der Träger des Lebens ist.-


Schließlich sind seine Freunde mit Sokrates einer Meinung und haben keine Einwände mehr (oder verzichten in dieser Situation des nahenden Todes taktvoll darauf, weitere zu äußern?).

Der Dialog endet mit der Schilderung, wie Sokrates sich von seiner Familie verabschiedet und der anschließenden Sterbeszene: Ruhig und gelassen habe Sokrates den ihm gereichten Schierlingsbecher getrunken und in Anwesenheit seiner weinenden Freunde das Eintreten des Todes erwartet. Phaidons Schluss-Satz :
„Dies, o Echekrates, war das Ende unseres Freundes, des Mannes, der unserm Urteil nach von den damaligen, mit denen wir es versucht haben, der trefflichste war und auch sonst der vernünftigste und gerechteste.“
---
Dies ist nur eine verkürzte Wiedergabe einzelner, m.E. zentraler Elemente des Dialoges. Es lohnt sich durchaus, den gesamten Text zu lesen und kritisch zu durchdenken. Was heute den Naturwissenschaftlern weder positiv noch negativ gelingt, konnte damals auch bei den Philosophen (aus Schule des Pythagoras) nicht in für alle Zeit unwiderlegbarer Weise funktionieren: Per mathematischer bzw. logischer Beweisführung kann die Sterblichkeit oder Unsterblichkeit der Seele nicht letztgültig belegt werden - das fragliche Jenseits (als spätere 'Aufenthalts-Dimension' für die Seelen) ist den naturwissenschaftlichen Erkenntnismethoden nicht zugänglich. Zudem kommt Unsterblichkeit wohl nur durch eine immaterielle (über-natürliche) Komponente zustande, welcher auch für unser diesseitiges Bewusstsein und Verstandesvermögen nicht bzw. nicht vollständig zu erfassen ist.

Die Argumentation des Sokrates ist durchdrungen von dessen tiefer Überzeugung, dass die Seele unsterblich sei. Allein diese Überzeugung, nicht aber die Lückenlosigkeit seiner Beweisführung, lässt ihn voller Zuversicht dem Tode entgegen sehen. Worte wie "Der Tod ist erst der Anfang" könnten auch von ihm stammen.

Unerfreuliche Aspekte des gegenwärtigen Zeitgeistes resultieren aus der zwar oft verdrängten, aber sehr wohl präsenten Wahrnehmung vom Tod als gefürchteter Sensenmann, von dem kaum etwas angenehmes erwarten dürfe. Hier wird der für viele Menschen unbestreitbar leidvolle Sterbeprozess vermischt mit dem Zustand, der sich erst daran anschließt ...und von dem wir in Bezug auf die Seele herzlich wenig Wissen haben. 
Aus Angst vor beidem - einem potenziell wochen- oder Monate währendem Sterben sowie der Ungewissheit in Bezug auf den Zustand des Tot-seins - werden stressbehaftete Anstrengungen unternommen, um beides hinaus zu zögern. In angespanntem Lebenshunger wird der materieller Konsum und sinnliches Erleben(wollen) auf bisweilen zwanghaft anmutende Weise ausgeweitet und verlängert, bis die sichtbar begrenzte Lebenszeit dann trotz aller Angestrengtheit unwiederbringlich verronnen (vertan?) ist.
Gelänge es hingegen, den Tod als Freund oder wenigstens als einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Vollendung unseres Daseins aufzufassen, könnte dieser stetige Stress- und Verdrängungszustand eventuell abgemildert werden. Wir würden uns angstfrei auf einen Prozess der Umwandlung einstellen und einlassen können, den wir als vorläufiges Ziel dieses Lebens(abschnittes) betrachteten.
"Angst ist die größte Barriere der eigenen Entfaltung und somit ein Hindernis auf dem Weg zum Ursprung, zu Gott."  Stefan von Jankovich
Das 'unvermeidliche' irdische Leben verkäme dank einer dergestalt modifizierten Perspektive nicht länger zum fragwürdigen Selbstzweck des Überlebens, sondern dient nun der bewussten Vorbereitung "für die Werte des jenseitigen Lebens." Mit der Einschränkung, dass je nach persönlichem Reifegrad zuvor noch einige weitere Übungsrunden (im Sinne der Karma- und Reinkarnationslehre) anstehen könnten.
Auch wenn die von dem griechischen Gelehrten hochgehaltene Todessehnsucht m.E. in der Welt der Lebenden heute meist nicht in Erscheinung zu treten braucht (es mag durchaus begründete Ausnahmen geben wie z.B. unheilbare Krankheiten), dürfen wir uns an dieser Zuversicht des Sokrates ein Beispiel nehmen - unabhängig von unserer eigenen Religion oder Weltanschauung.

Nun, das ist die Theorie. In der praktischen Umsetzung hänge ich noch ein wenig fest: den Tod als unabänderliches Daseinselement und unausweichlichen Zustand fürchte ich nicht mehr, seit ich mich vom römisch-katholischen Konzept der Höllenstrafen distanzieren konnte. Meine Furcht vorm Sterben ist hingegen geblieben, als unbelehrbarer Konsument einer Alltagsdroge (Nikotin) gehe ich nicht von einem notwendigerweise friedlichen Einschlafen aus. Je intensiver ich mich indessen mit Aspekten von Sterben und Tod auseinandersetze (z.B. Patientenverfügung? Organspende?), um so ruhiger bleibe ich innerlich, wenn der Gedanke 'Na, mit mehr 50 Jahren kommst du allmählich auf die Zielgerade' wieder einmal aufkommt.

Platons Phaidon, mit Hans-Georg Gadamer 



Anmerkungen


  1. Platons Ideenlehre ist die neuzeitliche Bezeichnung für die auf Platon (428/427–348/347 v. Chr.) zurückgehende philosophische Konzeption, die Ideen als eigenständige, dem Bereich der sinnlich wahrnehmbaren Objekte ontologisch übergeordnete Entitäten annimmt. Solche Ideen werden zur Unterscheidung vom modernen Sprachgebrauch, in dem man unter „Ideen“ Einfälle, Gedanken oder Leitbilder versteht, „platonische Ideen“ genannt.




Übersicht zur Ideenlehre (Quelle: Wikipedia)


Platonische Ideen sind beispielsweise „das Schöne an sich“, „das Gerechte an sich“, „der Kreis an sich“ oder „der Mensch an sich“. Nach der Ideenlehre sind die Ideen nicht bloße Vorstellungen im menschlichen Geist, sondern eine objektiv existierende metaphysische Realität. Die Ideen, nicht die Objekte der Sinneserfahrung, stellen die eigentliche Wirklichkeit dar. Sie sind vollkommen und unveränderlich. 

Als Urbilder der einzelnen vergänglichen Sinnesobjekte sind sie die Voraussetzung von deren Existenz. Platons Ideenkonzeption steht somit in polarem Gegensatz zur Auffassung, dass die Einzeldinge die gesamte Wirklichkeit ausmachen und hinter den Allgemeinbegriffen nichts steht als das Bedürfnis, zur Klassifizierung der Phänomene Ordnungskategorien zu konstruieren.



Montag, 11. Juni 2012

Gesang der Geister über den Wassern (J.W. Goethe, 1779)

Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es, Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise Zum Abgrund.

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Mittwoch, 7. März 2012

Seth - ein multidimensionales Bewusstseins- und Selbstbild

Meine Suche nach einem plausiblen, positiv ausgerichteten und nicht einseitig von einer Religion geprägten Modell unseres Daseins führte auch zu ‘Seth’, dem geistigen Lehrer und Mentor der Autorin Jane Roberts.
  • Jane Roberts (1929 - 1984) war eine US-amerikanische Autorin und Dichterin.

Portrait v. Jane Roberts, 2010 (Hannes Scheucher)

Bekannt wurde Roberts vor allem als spirituelles Medium für ein "Wesen" namens Seth, dessen Texte sie eigenen Angaben nach veröffentlicht hat. Neben Werken auf dem Gebiet der Außersinnlichen Wahrnehmung schrieb sie Gedichte, Kurzgeschichten, Novellen, Kindergeschichten und eigene Texte über Metaphysik, die keinen direkten Bezug zu Seth haben.
 

Die ‘Seth’-Persönlichkeit

Im Januar 1970 begann Roberts zuvor verfasste Texte einer „Seth-Persönlichkeit“ zuzuordnen und widmete dieser Wesenheit auch mehrere Bücher an. „Seth“ bezeichnet sich demnach selbst als "multidimensionaler Energiepersönlichkeitskern", der die Folge menschlicher Inkarnationen durchlaufen habe und nun aus einer geistigen Welt höherer Realität zu den Menschen spricht. Im Grunde wäre Seth also genau da, wo viele spirituell 'suchende' Menschen erst noch hin wollen..
Um in diesen Zustand zu gelangen, habe er zuvor viele Tode sterben und viele andere physische und nicht-physische Existenzformen durchlaufen müssen, erwähnt Seth am Anfang ‘seines’ Buchs.


Jane Roberts selbst hat stets die Möglichkeit eingeräumt, bei Seth handele es eventuell sich um die Personifizierung eines überbewussten Teils ihres normalen Selbst, er entstamme also ihrem eigenen Unbewussten. Sie schildert ihre anfänglichen Schwierigkeiten, denn weder sie selbst noch ihr Umfeld habe an paranormale Wahrnehmungen und Phänomene geglaubt. So lag es zunächst nahe, Seth als Äußerung ihres eigenen Unterbewusstseins aufzufassen - oder sogar als krankhafte Persönlichkeits-Spaltung.

Die in den Seth-Büchern vertretenen Thesen beziehen sich einerseits auf metaphysischen Theorien und Spekulationen, enthalten jedoch auch physikalische Welterklärungen. Wie dem auch sei, der Inhalt der Seth-Texte enthält für mich entscheidende Denkanstöße für meine Suche nach dem erwähnten Seinsmodell und formuliert mehrere mögliche Bausteine desselben.

Das Buch ‘Gespräche mit Seth’ (Pdf) empfehle ich gerne als Impulsgeber wertvoller Anregungen.

 

Ein multidimensionales Selbst – geht’s noch?

Bei Autoren im Umfeld einer christlich geprägten Spiritualität scheinen die Aspekte Schuld, Strafe und Sühne häufig über-dimensioniert  - zugleich nehme ich in ihren die individuelle Eigenverantwortung des Menschen häufig als unterbewertet gegenüber der erhofften göttlichen Vergebung war.
Wann immer ich 'Seth' begegne (nicht persönlich ...keine Sorge, sondern in den Büchern von Jane Roberts), lerne ich vom erlernten Weltbild abweichende Akzente kennen. Damit die Idee einer fragmentierten, in mehreren Dimensionen zugleich verhafteten Persönlichkeit verständlich wird, lohnt es sich zuvor einen Blick auf das zu werfen, was wir als unsere Realität erfassen:

Wie entsteht (unsere) Realität?

“Ihr schafft die euch bekannte Welt. Euch ist vielleicht die furchtbarste Gabe von allen verliehen worden: die Fähigkeit, eure Gedanken in physischer Form nach außen zu projizieren. Die Gabe bringt Verantwortung mit sich, und viele von euch sind in Versuchung, euch zu den Erfolgen in eurem Leben zu gratulieren und Gott, dem Schicksal und der Gesellschaft die Schuld an den Fehlschlägen zuzuschieben.
Ihr glaubt, dass die Gegenstände unabhängig von euch existieren, und merkt gar nicht, dass sie vielmehr die Manifestationen eures eigenen psychologischen ...Selbst sind.”
Ziemlich viel auf einmal: Geistige und materielle Welt sollen einander bedingen, denn Gedanken erschaffen Realität ...und dann noch der Vorwurf, Gott zu instrumentalisieren, indem eigenes Verschulden und Irrtümer auf das Gott-Vater-Bild (oder den Teufel/Satan/Luzifer als Personifikation des Bösen) projiziert werde.
Es kommt noch heftiger: Seth zufolge existiert überhaupt keine objektive Realität außer der durch das Bewusstsein geschaffenen...


Nicht nur er, Seth, sei  als weit entwickelte Persönlichkeit imstande, verschiedene Gestalten gleichzeitig anzunehmen – sondern auch wir. Ein Beispiel: Unser Körper kann schlafend und unbeweglich auf dem Bett liegen, während unser Bewusstsein im Traumzustand ferne Länder abgelegene Gegenden bereist. Gleichzeitig können wir eine Traumgestalt von uns selbst erzeugen, die in jeder Hinsicht mit uns identisch ist – dieses ‘zweite Ich’ kann in jenen fernen Ländern Freunden (oder unbekannten Fremden) begegnen. “Dem Bewusstsein sind also hinsichtlich seiner Fähigkeit, Formen hervorzubringen, keine Schranken gesetzt.”
Wir sollten die Tatsache zu akzeptieren, dass jeder von uns seine eigene Umwelt erschafft - was zugleich auch bedeutet, dass die Verantwortung für unser Leben und unsere Umwelt allein von uns selbst zu tragen sei:

  • "Solange ihr glaubt, dass eurer Umwelt eine objektive und von euch unabhängige Existenz zukommt, fühlt ihr euch weitgehend unfähig, sie zu verändern…
  • Bevor ihr nicht erkennt, dass ihr die Schöpfer von alledem seid, werdet ihr euch weigern, die Verantwortung dafür zu übernehmen.”
Immerhin habe der Mensch gelernt zu differenzieren und fange endlich an zu erkennen, dass der Teufel eine Projektion der eigenen Psyche ist. Das erfordert einige Kreativität, doch fehle uns gegenwärtig immer noch die Weisheit, diese Kreativität in konstruktive Bahnen zu lenken.
Die physischen Sinnesorgane vermitteln die Wahrnehmung allein der dreidimensionalen Welt – doch wie ein Filter verhindern sie die Wahrnehmung anderer, ebenso gültiger Dimensionen. Was wir aber nicht wahrnehmen, können wir nur schwer erfassen und in unser Bewusstsein aufnehmen.

Das multi-dimensionale Selbst

Der Körper als Teil unserer materiellen Realität wird “auf einer Ebene des tief Unbewussten von uns selbst geformt mit großem Differenzierungsvermögen, wundervoller Klarheit und intimster Kenntnis jeder einzelnen Körperzelle”.
Da wir uns dieser Tätigkeit nicht bewusst sind, identifizieren wir uns auch nicht mit diesem inneren Teil des eigenen Selbst – sondern mit dem Ich, das fernsieht, kocht oder arbeitet - dem Teil, der scheinbar weiß, was er tut. Der übrige, offenbar unbewusste Teil unseres Selbst hat ein viel umfassenderes Wissen; von seinem reibungslosen Funktionieren hängt unsere ganze physische Existenz ab.
Seth bezeichnet dieses scheinbar Unbewusste als das ‘innere Ich’, weil es die
inneren Vorgänge lenkt. Dieses innere Ich kombiniere Informationen, die uns nicht durch die körperlichen Sinne, sondern über andere, innere Kanäle erreichen - ein innerer Beobachter der Realität, der jenseits der Dreidimensionalität existiert.

Ferner existiert ein weiterer Teil unseres Selbst:
“…jene tiefere Identität, die sowohl euer inneres als auch euer äußeres Ich formt und deren Beschluss ihr verdankt, dass ihr als ein körperliches Wesen an diesem Ort und zu dieser Zeit in Erscheinung getreten seid. - Dies ist der Kern eurer Identität – die multidimensionale Persönlichkeit, von der ihr ein Teil seid.“ 
Selbsterkenntnis bedeutet folglich auch, einen Weg zu finden zu allen Dimensionen der eigenen psychologischen Struktur und ‘neue’ Bereiche des eigenen Bewusstseins zu erschließen, die wir bisher bestenfalls erahnt haben. Bisher kennen wir also nur Fragmente unserer Gesamtidentität.
Nun, dies klingt erst einmal abgehoben und unwirklich. Doch haben wir uns nicht schon oft gefragt, wo spontane Gedanken, Ideen und ‘Eingebungen’ herkommen – von außen oder von einem Teil in uns selbst, den wir im Grunde gar nicht kennen?
Wenn es wirklich zutrifft, dass wir so ziemlich alle Aspekte unserer Realität selbst erschaffen – welche Rolle hat Gott in dieser ungewohnten Systematik? Sollte er lediglich ein Konstrukt unseres Intellekts zur Realitätsbewältigung sein – oder eine schöpferische Kraft, der wir die Existenz unseres Gesamtselbst verdanken – der wir aber erst auf auf einer wesentlich komplexeren Ebene begegnen?
Eines möchte ich hier vorwegnehmen: das übergeordnete Selbst (=der Kern) wird bei Seth bzw. Roberts nicht mit Gott identifiziert – doch es trägt eine weit größere Verantwortung, als wir uns vorstellen können.
Bei ‘Seth’ begegnet man dieser "multidimensionalen Persönlichkeit" immer wieder: Das dreidimensionale Selbst ist danach nur ein Teil unserer gesamten Persönlichkeit – und zwar der Teil, den wir sinnlich wahrnehmen. Jeder von uns existiert zugleich (im Sinne von 'gleichzeitig') auch in anderen Realitäten und anderen Dimensionen!
Somit ist das 'Ich' oder Ego lediglich ein Ausschnitt einer weitaus umfassenderen Wesenheit. Wir nehmen mit unseren physischen Sinnen folglich nur die Aspekte unserer Persönlichkeit wahr, die sich innerhalb der dreidimensionalen Existenz ausdrücken.

Bleibt denn dieses wahrnehmbare "Ich-Selbst" über den Tod hinaus bestehen? Diese naheliegende Frage beantwortet Seth damit, dass unsere Individualität nie verloren gehe, sondern in unserer aus Fragmenten zusammen gesetzten Gesamtpersönlichkeit erhalten bleiet. (Vgl. “Seth – Der Tod ist erst der Anfang”)
Alle scheinbar voneinander isolierten Fragmente des Selbst dienen ebenso der eigenen 'schöpferischen' Entwicklung, wie sie auch anderen multidimensionalen Persönlichkeiten wertvolle, notwendige Wachstumsimpulse vermitteln.
Jedes dieser Fragmente, d.h. jedes dreidimensionale Selbst agiert und entscheidet vollkommen unabhängig, bleibt aber stets in Verbindung mit dem übergeordneten Selbst.

Weitere Bewusstseins-Dimensionen seien im Ansatz auch jetzt von uns wahrnehmbar - allerdings nur mit unseren 'inneren Sinnen. Dazu schlägt Seth folgende Übung vor:

"Nun stellt euch vor, ihr seid auf einer erleuchteten Bühne, und die Bühne ist der Raum, in dem ihr jetzt sitzt. Schließt die Augen und stellt euch vor, dass die Lichter erloschen, die Kulissen verschwunden sind und ihr allein seid.
Alles ist dunkel. Ihr seid ruhig. Nun stellt euch eure inneren Sinne so lebhaft wie möglich vor. Tut für den Augenblick so, als würden sie euren physischen Sinnen entsprechen. Schiebt alle Gedanken und Sorgen von euch.
(...) Stellt euch vor, dass ihr euer ganzes Leben für diese Welt blind gewesen seid und euch jetzt langsam in ihr zu orientieren beginnt.
Beurteilt nicht die ganze innere Welt nach den zusammenhanglosen Bildern, die ihr vielleicht zuerst wahrnehmt, oder nach den Lauten, die ihr zuerst hört, denn ihr werdet von euren inneren Sinnen noch einen höchst unvollkommenen Gebrauch machen. Führt diese einfache Übung ein paar Minuten lang vor dem Einschlafen oder im Ruhezustand durch.[...]"


Raum und Zeit sind Hilfskonstrukte

Von unserer Gesamt-Persönlichkeit werden Raum und Zeit gewissermaßen als Laborumgebung für unsere dreidimensionale Simulation konstruiert.
Unser 'Gesamtselbst' existiert Seth zufolge außerhalb und unabhängig von Raum und Zeit - es ist nicht in dem gefangen, was wir unter Materie verstehen. Mit dieser Simulation aber formen wir unsere physische Realität - deren Zweck besteht darin, dass unsere Fragmente spezifische Erfahrungen sammeln, die nur so möglich sind. Von den Erfahrungen der Fragmente profitiert auch das Gesamtselbst – welches als Drehbuchautor und Regisseur fungiert.

Obwohl es eigentlich es keine Grenzen zwischen den einzelnen Dimensionen gibt, fokussiert sich unser Ego aus Angst und Unwissenheit derart auf diese Simulation (Seth gebraucht die Metapher 'Theaterstück'), dass es nichts außerhalb dessen als Realität akzeptiert.
Zudem ist die 'exklusive' Konzentration auf die physische Welt heutzutage dermaßen ausgeprägt, dass sie die durchaus vorhandenen Verbindungen zu anderen Realitäten fast immer überlagert.

Dies erinnert ein wenig nach ‘Matrix’ – mit dem entscheidenden Unterschied, dass diese bei Seth nicht durch äußere, feindliche Entitäten kreiert wird, sondern durch uns selbst.
Durch unsere Träume haben wir eine Verbindung zu unserem Gesamtselbst - würden wir mehr auf sie achten, könnten wir die vermuteten Grenzen unseres bewussten Ich aufweichen.
Doch unsere Persönlichkeit ist ja noch im Werden begriffen, meint Seth... es gibt so viele Weisheiten, die wir noch erkennen und nach und nach verinnerlichen dürfen – aufregend und vielversprechend, oder?

  • Dauer und Beständigkeit haben grundsätzlich nichts mit Form zu tun, sondern mit der Integrierung von Freude, Entschluss, Leistung und Identität. 
    Diese Aufzählung könnte ein wenig euphemistisch anmuten, sobald sie entweder der Lebenswirklichkeit zahlreicher Personen weltweit oder den oft düsteren Zukunftsvisionen im Christentum (Stichwort: Johannes-Offenbarung, eine furchtbare Orgie des Strafens) gegenübergestellt wird. 
    Müsste es nicht ebenso darum gehen, schmerzliche Erfahrungen sowie Ängste (soweit sie realer Natur sind) zu integrieren - um diese besser zu verstehen und zu verkraften? All dies kommt auch in unserer Traumwelt vor, naja, in der meinigen zumindest.
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Anmerkung: Es ist nicht so, dass ich die besondere Wesensart von ‘Seth’ übersehe, wenn ich ‘ihn’ beispielsweise direkt zitiere. Es bleibt dabei, dass ‘er’ sehr wohl eine Konstruktion aus Jane Roberts’ Unterbewusstsein gewesen sein könnte – wie zu Beginn erläutert. Darauf nun aber in jedem Absatz nochmals hinzuweisen, wäre ermüdend.

Letzte Bearbeitung: 17.07.2018

Dienstag, 6. März 2012

Edgar Cayce (2) - Reinkarnation, unser Weg zurück

Sollte es einen Weg für uns Menschen in einen ewigen, rundum glücklichen Zustand geben, dann hängt dieser Weg weder von der Mitgliedschaft im richtigen Verein ab noch von einem aus unserer Subjektivität erwachsenden Glaubenssystem...

Die Beiträge zu Reinkarnation und Auferstehung sind ab Januar 2013 hier zu finden:

Edgar Cayce im Oktober 1910

    Dienstag, 28. Februar 2012

    Das einzige Wort Gottes?

    Kommuniziert Gott heute nicht mehr mit uns?

    Nichts liegt mir ferner als gläubige Menschen – gleich, welchem Glauben bzw. welcher Religion sie sich verbunden fühlen - vor den Kopf zu stoßen. Doch stelle ich mir selbst die Frage, weshalb Gott in Rätseln sprechen sollte.
    Das Christentum, der Islam und auch die jüdische Religion entwerfen ein Bild von Gott als dem Einen - der allmächtig und allwissend sei. Bisweilen kommt auch das Attribut 'allgütig' zu sein hinzu, wobei ein Maßstab wie 'all-gütig' zu sein sich nach meinem Verständnis auf ausnahmslos alle Menschen erstrecken würde, und zwar im Sinne einer bedingungslosen (aber nicht beliebigen, jeder Kausalität widersprechenden) Güte. 

    Ist es nicht eher so, dass Gott kaum durch Kategorien des unvollkommenen menschlichen Denkens erfasst werden kann? Wir Menschen sind auf unserer gegenwärtigen Stufe seelisch-geistiger Reife darauf angewiesen, dass Gott mit uns kommuniziert, damit wir Teile seines Wesens erfahren – in dem Umfang, wie dies gewünscht ist und zugelassen wird. Wie Gott mit uns kommuniziert – durch Worte, Visionen oder durch Erfahrungen – ist eine andere Frage, die meines Erachtens nur subjektiv zu beantworten ist.



    Dogmatische Lehren besagen allerdings, dass die religiösen Urschriften der drei abrahamitischen Religionen das jeweils ‘einzige und einzig wahre Wort’ Gottes darstellen, durch das er der Menschheit auch seine göttlichen Weltordnung vorgegeben und eröffnet habe. Falls diese Exklusivität zuträfe - weshalb spricht Gott in Rätseln?


    Kaum sein Religionsgelehrter im Islam oder Christentum bestreitet, dass man Teile von Bibel und Koran unterschiedlich interpretieren kann. Zudem bestand stets Unklarheit, welche der überlieferten Elemente denn nun wirklich zu 'Gottes Wort' zählen. Von unterschiedlichen Übersetzungen ganz zu schweigen... Würde ein Überwesen wie Gott (entsprechend dem christlichen und islamischen Gottesbild) nicht sicher stellen, dass sein Wort und Gesetz in eindeutiger, unwiderlegbarer übermittelt wird?
    Daran besteht für mich kaum ein Zweifel:

    Wäre die Intention, dass die Menschen seinem Gesetz widerspruchlos und womöglich unreflektiert Folge leisten, dann hätte jene höchste Wesenheit seine Gebote ein für alle mal so fixiert, dass sich Interpretationen und Streitigkeiten darüber erübrigen... vorsätzliche Manipulationen wären dann ebenso undenkbar wie versehentliche Transkriptionsfehler kämen.
    Ausgehend von den Dogmen der drei Religionsgemeinschaften von den biblischen Schriften oder dem Koran als einzigem Wort Gottes - seit dessen Fertigstellung hülle er sich ganz und gar in Schweigen - sah und sieht die Realität bekanntermaßen anders aus! Jene Worte präsentieren sich uns nicht in eindeutiger, widerspruchsfreien Weise (wobei ich weniger auf deren Inhalt anspiele als auf die unterschiedliche Akzeptanz und Sichtweise der Menschen sowie die resultierenden, oft tödlichen Auseinandersetzungen darüber)!



    Aus welchem Grund sollte Gott seine einzigen, unvergänglichen Worte auf so kryptische Weise offenbart haben?? Die Vielfältigkeit und Interpretierbarkeit der als von Gott inspiriert bezeichneten Schriften betrachte ich als Indiz dafür, dass den Menschen zu jeder Zeit dem individuellen Verständnis angemessene Impulse, Denkanstöße und Erfahrungsmomente zuteil werden.

    Auch die religiösen Urschriften lassen sich unter anderem als alternative Wege auffassen, von denen sicherlich nicht einer zutreffend ist während alle übrigen falsch sind, soweit sie von diesem einen Weg abweichen. Gott ist so viel größer als unser menschliches 'Entweder...Oder'-Denken. In seiner Theologie der Religionen liefert uns Wolfgang Raupach-Rudnick mit einer hilfreichen Metapher einen passablen Ansatz zur 'Kohärenz' der Religionen:


    "Der Weg von diesen traditionellen Haltungen der Ablehnung bzw. der Unterordnung des Fremden hin zu einer anerkennenden Theologie der Religionen geht, so weit ich sehe, über drei Brücken:
    1. Auf der ersten Brücke steht: „Es gibt viele Religionen; sie sind historisch gewachsen und relativ.“ Das ist die Einsicht, dass die Lehren und Erscheinungsformen jeder Religion – bis hin zu den zentralen Offenbarungen –durch ihren Entstehungszusammenhang und ihre Entwicklungsgeschichte geprägt sind.
    2. Auf der zweiten Brücke steht: „Die Geheimnisse Gottes sind unergründlich.“ Das ist die Einsicht, dass keine konkrete Religion mit ihrer Wahrheitsgewissheit die ganze Fülle der Wahrheit Gottes ausschöpfen kann.
    3. Auf der dritten Brücke steht: „Ethos“. Das ist die Einsicht, dass alle Religionen über Verhaltensregeln und Normen verfügen, die ihr Zusammenleben regeln, und ist die Hoffnung, angesichts der drängenden Weltprobleme könne es ein Zusammenwirken über die Religionsgrenzen hinweg geben."
    Die aus den Schriften wie auch aus Alltagserlebnissen erwachsenden Impulse sollen uns in Verbindung mit unserem persönlichen Erfahrungsschatz dazu veranlassen, sowohl unseren kritischen Verstand zu nutzen (um aus Einsicht zwischen Richtig und Falsch zu wählen) als auch Erfahrungen und Lernelemente zu verinnerlichen. Insoweit wäre religiös motivierte Moral ohne ein Fundament der Vernunft sinnfrei – wenn nicht gefährlich.


    Nüchterne Vernunft dagegen zerstört Hoffnungen, wenn sie nicht durch spirituelle Elemente angereichert ist. Wie jeder Pädagoge weiß, dauert ein solcher Lernvorgang durch Konsequenzen, Erfahrungen und Einsichten länger (mehrere Lebensperioden?) und ist auch beschwerlicher als das Befolgen auswendig gelernter Befehle.
    Doch das auf diesem Wege Verinnerlichte bleibt uns erhalten, wir nehmen es in unser Verhaltensrepertoire auf und gewinnen die Fähigkeit zum Transfer des Erlernten auf unbekannte Herausforderungen.



    Ohne die Existenz Gottes zu bezweifeln, vermag ich mit Blick auf die vermeintliche Exklusivität der Religionen, ihrer Schriften und Gottesbilder nicht zu erkennen, weshalb ein überlegener Schöpfer sich in derart unklarer Weise artikuliert haben soll. Die Realität einer zerstrittenen und mit Defiziten behafteten Menschheit beweist, wie viele zentrale Lebensfragen aus unserer Wahrnehmung heraus nicht oder zumindest nicht eindeutig beantwortet sind. Wären Bibel oder Koran das einzige Wort Gottes, hätte dieses bis heute eine eher zweifelhafte Wirkung entfaltet, Kriege begünstigt und unzulänglichen, in Eigeninteressen verhafteten Institutionen zu Macht und Reichtum verholfen.


    Ein anderes Bild entsteht, wenn wir gerade dieses Versagen und Scheitern unserer Erkenntnisbemühungen als ‘einkalkulierte’ Intention auffassen - gleichsam als langen, gründlichen Weg des Lernens – nicht zuletzt in Bezug auf unsere Potenziale und deren Grenzen. Eine Art ‘göttliches Grundgesetz’, unwiderlegbar und über allem anderen stehend, würde eine derartiges Lebensziel (‘Erkenne dich selbst und lerne’) nicht unterstützen, sondern behindern und begrenzen.


    Freilich dürfte so etwas wie ein universales, göttliches Gesetz existieren - vielleicht im Sinne einer Reihe fundamentaler Prinzipien...wie etwa die Gesetzmäßigkeiten der Energieerhaltung und der Kausalität (Ursache und Wirkung). Sobald wir verstehen, dass jeder unserer Handlungen ebenso wie unsere Unterlassungen zu Konsequenzen führt, wird unser Dasein leichter verstehbar und erhält eine Sinngebung.


    Fazit

    Ausgehend von diesen Überlegungen bezweifle ich, dass Gott es uns so leicht macht und jedem von uns ein fertiges, eng definiertes Lebensrezept liefert. Warum sonst würden auch die gläubigsten und bibel-/ korantreuesten Menschen mit Lebenssituationen konfrontiert, wo das Befolgen des jeweils verehrten Buches nicht ausreicht, um sie zu meistern?


    Weil wir geistig und selig wachsen sollen, solange (und wann immer) wir leben. Ausübung unseres freien Willens eröffnet uns die dazu erforderlichen Wahlmöglichkeiten samt resultierender Konsequenzen.


    Auf diesem langen, schwierigen Weg des Lernens und Verstehens sind Teile der Bibel (beginnend mit den 10 Gebote im Kindesalter, erweitert durch die Bergpredigt für Erwachsene, könnte man beinahe sagen) und sicherlich auch des Korans eine wertvolle Hilfe...doch bleibt es kaum jemandem von uns erspart, auch die eigenen Fähigkeiten zu nutzen und zu erweitern, um unser Dasein zu meistern.-


    Siehe auch:

    Sonntag, 19. Februar 2012

    Ur- Christentum - ein neues Weltbild

    'Das neue Weltbild' v. Claus Speer


    Der neue Weg aus alten Wurzeln
    Das von Claus Speer im 'Arbeitskreis Origines' (Webadresse) vorgestellte 'neue Weltbild' (pdf) bietet eine vervollständigte Sicht der geistigen bzw. jenseitigen Welt an. 

    Das vorgestellte Weltbild sei nichts gänzlich Neues und stehe daher auch nicht im Widerspruch zur ursprünglichen christlichen Leere: Wesentliche Elementen daraus wurden bereits von dem griechischen Gelehrten und Kirchenführer Origenes (186- 254 n. Chr.) gelehrt. , also nur ein Jahrhundert nach Niederschrift der kanonischen Evangelien.
    Den Einstieg bildet ein Schaubild, das den Werdegang eines Menschen bzw. einer Seele über mehrere Inkarnationen hinweg zeigt und m.E. die Überschrift 'Reifeprozess der Seele' tragen könnte.

    Mittwoch, 15. Februar 2012

    'Seth': Der Tod ist weder ein Anfang noch ein Ende

    Leser der von Udo Petscher schriftlich fixierten 'Holofeeling'-Werke erinnern sich sich vielleicht an Formulierungen wie 'Es wird immer so sein, wie du denkst, das es ist'. Die von uns wahrgenommene Realität finde nicht unabhängig von uns statt, sondern werde von uns selbst 'nach außen' projiziert - gewissermaßen als Simulation oder virtuelle Erlebnis- und Erfahrungswelt.

    Auch die Texte von 'Seth', dem multidimensionale Lehrer des Mediums Jane Roberts, nehme ich gerne zur Hand, um mir die Welt 'als Ganzes' erklären zu lassen. Dem Vernehmen nach ist jeder Gedanke an etwas Neues, Überraschendes, geradezu Unglaubliches - also das Verlassen der ausgetretenen Bahnen im eigenen Denken - eine winzige Vorbeugung gegen Demenz. Demnach wäre jedes Seth-Kapitel für mich eine kleine Alzheimer-Prophylaxe ...denn Unglaubliches und unglaublich Faszinierendes finde ich darin zuhauf. 😉


    Ohne jeden Dogmatismus teilt Seth uns jenes Prinzip der Erschaffung von Realität durch Gedanken und Überzeugungen mit - insbesondere als Aspekt unseres physischen Todes:
    • "Ein Glaube an das Höllenfeuer kann dazu führen, dass ihr Hades- Verhältnisse halluziniert."
    • "Ein Glaube an einen stereotypen Himmel kann Halluzinationen paradiesischer Umstände hervorrufen."
    Auch Seth, dem Lehrer aus Jane's Außenwelt, zufolge formen wir unsere Realität immer in Übereinstimmung mit unseren Vorstellungen und Erwartungen - dies liege in der Natur des Bewusstseins.
    Doch selbst dann ist eine solche Halluzination nur ein zu durchlaufendes Stadium, das aber vermieden werden kann, denn:
    "Das Bewusstsein muss von seinen Fähigkeiten Gebrauch machen. Die Langeweile und Stagnation eines stereotypen Himmels [oder einer fortwährend quälenden Hölle] können das strebende Bewusstsein nicht für lange befriedigen."
    Das Jenseits (die Empfindungswelt, in der sich das Bewusstsein befindet, sobald es sich nicht mehr physisch ausdrücken kann) sei ein Ort, wo wir unsere Ziele für die nächste Inkarnation festlegen.

    So gesehen erfüllen positive religöse Vorstellungen von Tod und Jenseits tatsächlich eine nützliche Funktion - beim 'Hinübergleiten', auch wenn sie sich später als phantasievolle Kinderfibel herausstellen. Es sei möglich und sinnvoll, sich durch die Erweiterung des diesseitigen Erfahrungsspektrums auf das Jenseits vorzubereiten - durch 'Erfahrungen mit Bewusstseinsprojektion' und den Erwerb von Wissen um die 'Beweglichkeit des Bewusstseins'. So könne man die nach dem Tode gegebene Umwelt gewissermaßen im voraus erleben und die Verhältnisse dort kennen lernen.

    Auch wenn ich das Bild das von 'Seth' gezeichnete Bild über Tod und Jenseits nur zum Teil verstehe, erscheint mir diese Anregung einleuchtend - doch wie kann sie umgesetzt werden?
    Schon der diesseitige Glaube an ein Leben nach dem Tod werde es erleichtern, sich an die neue Situation zu gewöhnen. (der Glaube an die 'Auferstehung des Fleisches' allerdings ist ohne Belang, da unser Körper in seiner bisherigen Form nicht weiter existiert.
    Darüber hinaus seien Traumerinnerungs-Experimente und weitere geistige Übungen hilfreich, wie sie im Buch 'Gespräche mit Seth' beschrieben sind.
    (M.E. bedarf es neben einer grundsätzlichen Offenheit und Unvoreingenommenheit auch einer besonderen Veranlagung, um auf diesem Weg einige Schritte zu gehen.)

    Auch wenn 'nicht jeder Tod gleich' sei, das Jenseits diene in allen Fällen der Weiterentwicklung des Bewusstseins und der Vertiefung von Erkenntnissen.

    Eine mögliche Desorientiertheit dauert in den meisten Fällen nicht sehr lange, teilt Seth seiner Zuhörerschaft mit - auch weil wir von Seelenführern begleitet werden, erfahren Lehrern, die uns über unsere neue Situation aufklären.
    Wie schnell wir diesen Lehrern Glauben schenken, oder ob wir uns aus Angst vor Identitätsverlust an den vergänglichen Körper klammern, hängt stark von unseren im Diesseits erworbenen Überzeugungen ab. Er wird nicht müde wieder und wieder zu betonen, dass die derzeitige Bewusstseinsebene (unser 'ICH') von Tod und Jenseits nicht verschlungen wird - denn die Seele sei ewig, als unvorstellbare Quelle schöpferischer Energie.

    "Stellt euch einen Augenblick lang einmal vor, ihr wart ein Kind, und ich würde den Versuch unternehmen, euch zu erklären, wie euer voll entwickeltes, erwachsenes Ich einmal aussehen wird - und in meiner Erklärung würde ich sagen, dass dieses erwachsene Ich bis zu einem gewissen Grad bereits in euch angelegt ist als Auswuchs oder Projektion von dem, was ihr seid.
    Und das Kind sagt: "Und was wird aus mir? muss ich sterben, um dieses andere Ich zu werden? ..."
    Bevor das Selbst sich insgesamt (als multi-dimensionale Persönlichkeit) erkenne, finde in jedem Fall eine Phase der Selbstprüfung statt - eine Analyse, inwieweit die Ziele für die gerade abgeschlossene Inkarnation (die sich das Bewusstsein selbst gesteckt hat) erreicht wurden; Schwächen werden offenbar und das Individuum trifft eine Entscheidung, ob es erneut eine Inkarnation durchlaufen will.
    Vielfach kann es naheliegend sein, denselben Zyklus zu wiederholen...

    In dieser Phase kurz nach dem körperlichen Tod sind unterschiedliche Lebenssymbolisierungen möglich; hierbei handelt es sich Erlebnismomente, die vom jeweiligen Lebensverlauf bestimmt sind. Bei denen, die sich zu Lebzeiten nicht genug um Selbstkritik gekümmert haben, seien Szenarien wie das folgende denkbar:
    "Nach dem Tod kann dem Individuum sein (unmittelbar vergangenes, physisches) Leben als ein Tier erscheinen, mit dem es sich auseinandersetzen muss, denn der Mensch muss sich in allen seinen Teilen selbst annehmen."
    Jede Alternative, wie die Halluzination endet, ob er nun auf dem Tier reitet, sich mit ihm anfreundet, es zähmt, tötet oder von ihm getötet werde sorgfältig erwogen, denn das Ergebnis, zu dem er gelangt, wird seine künftige Entwicklung mitbestimmen.

    Unterliegen Sterben und Tod einer Ordnung?
    Sind die Erfahrungen kurz nach dem Tode bei aller möglichen Verschiedenartigkeit irgendwie geordnet?
    Seth's Antwort auf diese häufig gestellte Frage kommt einem "Ja und Nein" gleich:
    • Nein - denn es gibt keine eine Realität nach dem Tode, denn jede Erfahrung sei verschieden.
    • Ja - die individuellen Erfahrungen lassen sich dennoch jedoch Dimensionen einordnen. So gibt es ein Eingangsstadium - etwa für jene, die noch stark auf die physische Realität eingestellt sind. Dies kann z.B. in der Form einer für das Ich sehr realen Halluzination bestehen, in einem Ausbildungszentrum unterrichtet zu werden - über das Wesen von Realität und Wahrnehmung, oder als Unterweisung für diejenigen, die eine Rückkehr in eine physische Umwelt beabsichtigen.
    Derartige Unterweisungen müssen nicht bewusst ablaufen, vieles könne wie im Schlaf erlernt werden...

    Der wesentliche Unterschied zu bekannten Jenseitsbildern der Religionen liege darin, dass wir selbst es sind, (genauer gesagt unsere Gesamt-Persönlichkeit) die gemeinsam mit den für und zuständigen Seelenführern solche Projektionen entwerfen. Beinahe könnte man losgelöst von Freuds Begrifflichkeiten sagen: "Das Höhere Selbst  trainiert das Ich".

    Wenn aber die Persönlichkeit fast ausschließlich mit ihrem körperlichen Erscheinungsbild identifiziert war, kann es vorkommen, dass ein Verstorbener seine Erfahrung vollkommen mißversteht und versucht, in den Leichnam zurückzukehren. Er bemerkt dann nicht, dass er selbst (sein Ich-Bewusstsein) völlig intakt ist, sondern trauert sehr lange um den unheilbar kranken Körper.

    In jedem Fall aber werdet ihr finden wir uns nach dem Verlassen des des physischen Körpers in einem neuen Leib wieder, der uns zwar physisch vorkommt, für die Bewohner unserer bisherigen Welt nicht sichtbar ist. Dieser Körper hat dieselben Fähigkeiten wie der Körper in unseren Träumen... er kann fliegen, durch Wände gehen und durch unsere Gedankenimpulse von einem zum anderen Ort beamen. (Schade, dass dies nicht der Dauerzustand ist - doch in diesem Falle kämen wir auf unseren Flügen kaum dazu, soziale Bindungen einzugehen. Diese sind aber nicht minder wichtig..)
    Von daher ist, wenn wir Seth Glauben schenken dürfen, unsere Traumwelt mit unseren Fähigkeiten und Wahrnehmungen im Jenseits durchaus vergleichbar. Deshalb täten wir gut daran, diese Traumrealität schon jetzt näher kennen zu lernen. (Wer regelmäßig von Alpträumen geplagt wird, wird sich für diese Perspektive schwerlich begeistern können.)

    Fazit: Das Prinzip, nach dem Gedanken und Vorstellungen die wahrgenommene Realität erzeugen, gilt für das Diesseits ebenso wie für die Traumwelt und das Jenseits. Folglich haben wir die Möglichkeit, nach unserem Tode einen spirituellen Kampf auszufechten - den wir aber vermeiden können, wenn wir diesen Mechanismus durchschauen.

    Das Interessante an dieser Sichtweise ist für mich, dass sie dem Jenseitsbild der Theologie im Grunde nicht widerspricht, sondern das Zustandekommen der durch Religion vermittelten Jenseits-Instanzen (Himmel, Hölle, Nirwana,... ) zu erklären sucht.
    Allerdings lässt diese Abstraktion offen, wo unsere Rolle endet - und wo das Eingriffen eines übergeordneten, göttlichen Schöpfers beginnt. Ist unser Gesamt-Selbst wiederum ein Fragment seines weitaus gewaltigeren Bewusstseins? 

    Dann wär's plausibel, glaube ich...