Mittwoch, 7. März 2012

Seth - ein multidimensionales Bewusstseins- und Selbstbild

Meine Suche nach einem plausiblen, positiv ausgerichteten und nicht einseitig von einer Religion geprägten Modell unseres Daseins führte auch zu ‘Seth’, dem geistigen Lehrer und Mentor der Autorin Jane Roberts.
  • Jane Roberts (1929 - 1984) war eine US-amerikanische Autorin und Dichterin.

Portrait v. Jane Roberts, 2010 (Hannes Scheucher)

Bekannt wurde sie vor allem als spirituelles Medium für ein "Wesen" namens Seth, dessen Texte sie eigenen Angaben nach veröffentlicht hat. Neben Werken auf dem Gebiet der Außersinnlichen Wahrnehmung schrieb sie Gedichte, Kurzgeschichten, Novellen, Kindergeschichten und eigene Texte über Metaphysik, die keinen direkten Bezug zu Seth haben.
 

Die ‘Seth’-Persönlichkeit

Im Januar 1970 begann Roberts zuvor verfasste Texte einer „Seth-Persönlichkeit“ zuzuordnen und widmete dieser Wesenheit auch mehrere Bücher an. „Seth“ bezeichnet sich demnach selbst als "multidimensionaler Energiepersönlichkeitskern", der die Folge menschlicher Inkarnationen durchlaufen habe und nun aus einer geistigen Welt höherer Realität zu den Menschen spricht. Im Grunde wäre Seth also genau da, wo viele spirituell geprägte Menschen erst noch hin wollen..
Um in diesen Zustand zu gelangen, habe er zuvor viele Tode sterben und viele andere physische und nicht-physische Existenzformen durchlaufen müssen, erwähnt Seth am Anfang ‘seines’ Buchs.


Jane Roberts selbst hat stets die Möglichkeit eingeräumt, bei Seth handele es eventuell sich um die Personifizierung eines überbewussten Teils ihres normalen Selbst, er entstamme also ihrem eigenen Unbewussten. Sie schildert ihre anfänglichen Schwierigkeiten, denn weder sie selbst noch ihr Umfeld habe an paranormale Wahrnehmungen und Phänomene geglaubt. So lag es zunächst nahe, Seth als Äußerung ihres eigenen Unterbewusstseins aufzufassen - oder sogar als krankhafte Persönlichkeits-Spaltung.

Die in den Seth-Büchern vertretenen Thesen beziehen sich einerseits auf metaphysischen Theorien und Spekulationen, enthalten jedoch auch physikalische Welterklärungen. Wie dem auch sei, der Inhalt der Seth-Texte enthält für mich entscheidende Denkanstöße für meine Suche nach dem erwähnten Seinsmodell und formuliert mehrere mögliche Bausteine desselben.

Das Buch ‘Gespräche mit Seth’ empfehle ich gerne als Impulsgeber wertvoller Anregungen.

 

Ein multidimensionales Selbst – geht’s noch?

Bei Autoren im Umfeld einer christlich geprägten Spiritualität scheinen die Aspekte Schuld, Strafe und Sühne häufig über-dimensioniert  - zugleich nehme ich in ihren die individuelle Eigenverantwortung des Menschen häufig als unterbewertet war.
Wann immer ich 'Seth' begegne (nicht persönlich ...keine Sorge, sondern in den Büchern von Jane Roberts), lerne ich vom erlernten Weltbild abweichende Akzente kennen. Damit die Idee einer fragmentierten, in mehreren Dimensionen zugleich verhafteten Persönlichkeit verständlich wird, lohnt es sich zuvor einen Blick auf das zu werfen, was wir als unsere Realität erfassen:

Wie entsteht (unsere) Realität?

“Ihr schafft die euch bekannte Welt.Euch ist vielleicht die furchtbarste Gabe von allen verliehen worden: die Fähigkeit, eure Gedanken in physischer Form nach außen zu projizieren. Die Gabe bringt Verantwortung mit sich, und viele von euch sind in Versuchung, euch zu den Erfolgen in eurem Leben zu gratulieren und Gott, dem Schicksal und der Gesellschaft die Schuld an den Fehlschlägen zuzuschieben.
Ihr glaubt, dass die Gegenstände unabhängig von euch existieren, und merkt gar nicht, dass sie vielmehr die Manifestationen eures eigenen psychologischen ...Selbst sind.”
Ziemlich viel auf einmal: Geistige und materielle Welt sollen einander bedingen, denn Gedanken erschaffen Realität ...und dann noch der Vorwurf, Gott zu instrumentalisieren, indem eigenes Verschulden und Irrtümer auf das Gott-Vater-Bild (oder den Teufel/Satan/Luzifer als Personifikation des Bösen) projiziert werde.
Es kommt noch heftiger: Seth zufolge existiert überhaupt keine objektive Realität außer der durch das Bewusstsein geschaffenen...


Nicht nur er, Seth, sei  als weit entwickelte Persönlichkeit imstande, verschiedene Gestalten gleichzeitig anzunehmen – sondern auch wir. Ein Beispiel: Unser Körper kann schlafend und unbeweglich auf dem Bett liegen, während unser Bewusstsein im Traumzustand ferne Länder abgelegene Gegenden bereist. Gleichzeitig können wir eine Traumgestalt von uns selbst erzeugen, die in jeder Hinsicht mit uns identisch ist – dieses ‘zweite Ich’ kann in jenen fernen Ländern Freunden (oder unbekannten Fremden) begegnen. “Dem Bewusstsein sind also hinsichtlich seiner Fähigkeit, Formen hervorzubringen, keine Schranken gesetzt.”
wir sollten die Tatsache zu akzeptieren, dass jeder von uns seine eigene Umwelt erschafft - was zugleich auch bedeutet, dass die Verantwortung für unser Leben und unsere Umwelt allein von uns selbst zu tragen ist:

  • "Solange ihr glaubt, dass eurer Umwelt eine objektive und von euch unabhängige Existenz zukommt, fühlt ihr euch weitgehend unfähig, sie zu verändern…
  • Bevor ihr nicht erkennt, dass ihr die Schöpfer von alledem seid, werdet ihr euch weigern, die Verantwortung dafür zu übernehmen.”
Immerhin habe der Mensch gelernt zu differenzieren und fange endlich an zu erkennen, dass der Teufel eine Projektion der eigenen Psyche ist. Das erfordert einige Kreativität, doch fehle uns gegenwärtig immer noch die Weisheit, diese Kreativität in konstruktive Bahnen zu lenken.
Die physischen Sinnesorgane vermitteln die Wahrnehmung allein der dreidimensionalen Welt – doch wie ein Filter verhindern sie die Wahrnehmung anderer, ebenso gültiger Dimensionen. Was wir aber nicht wahrnehmen, können wir nur schwer erfassen und in unser Bewusstsein aufnehmen.

Das multi-dimensionale Selbst

Der Körper als Teil unserer materiellen Realität wird “auf einer Ebene des tief Unbewussten von uns selbst geformt mit großem Differenzierungsvermögen, wundervoller Klarheit und intimster Kenntnis jeder einzelnen Körperzelle”.
Da wir uns dieser Tätigkeit nicht bewusst sind, identifizieren wir uns auch nicht mit diesem inneren Teil des eigenen Selbst – sondern mit dem Ich, das fernsieht, kocht oder arbeitet - dem Teil, der scheinbar weiß, was er tut. Der übrige, offenbar unbewusste Teil unseres Selbst hat ein viel umfassenderes Wissen; von seinem reibungslosen Funktionieren hängt unsere ganze physische Existenz ab.
Seth bezeichnet dieses scheinbar Unbewusste als das ‘innere Ich’, weil es die
inneren Vorgänge lenkt. Dieses innere Ich kombiniere Informationen, die uns nicht durch die körperlichen Sinne, sondern über andere, innere Kanäle erreichen - ein innerer Beobachter der Realität, der jenseits der Dreidimensionalität existiert.

Ferner existiert ein weiterer Teil unseres Selbst:
“…jene tiefere Identität, die sowohl euer inneres als auch euer äußeres Ich formt und deren Beschluss ihr verdankt, dass ihr als ein körperliches Wesen an diesem Ort und zu dieser Zeit in Erscheinung getreten seid. - Dies ist der Kern eurer Identität – die multidimensionale Persönlichkeit, von der ihr ein Teil seid.“ 
Selbsterkenntnis bedeutet folglich auch, einen Weg zu finden zu allen Dimensionen der eigenen psychologischen Struktur und ‘neue’ Bereiche des eigenen Bewusstseins zu erschließen, die wir bisher bestenfalls erahnt haben. Bisher kennen wir also nur Fragmente unserer Gesamtidentität.
Nun, dies klingt erst einmal abgehoben und unwirklich. Doch haben wir uns nicht schon oft gefragt, wo spontane Gedanken, Ideen und ‘Eingebungen’ herkommen – von außen oder von einem Teil unserer selbst, den wir im Grunde gar nicht kennen?
Wenn es wirklich zutrifft, dass wir so ziemlich alle Aspekte unserer Realität selbst erschaffen – welche Rolle hat Gott in dieser ungewohnten Systematik? Sollte er lediglich ein Konstrukt unseres Intellekts zur Realitätsbewältigung sein – oder eine schöpferische Kraft, der wir die Existenz unseres Gesamtselbst verdanken – der wir aber erst auf auf einer wesentlich komplexeren Ebene begegnen?
Eines möchte ich hier vorwegnehmen: das übergeordnete Selbst (=der Kern) wird bei Seth bzw. Roberts nicht mit Gott identifiziert – doch es trägt eine weit größere Verantwortung, als wir uns vorstellen können.
Bei ‘Seth’ begegnet man dieser "multidimensionalen Persönlichkeit" immer wieder: Das dreidimensionale Selbst ist danach nur ein Teil unserer gesamten Persönlichkeit – und zwar der Teil, den wir sinnlich wahrnehmen. Jeder von uns existiert zugleich (im Sinne von 'gleichzeitig') auch in anderen Realitäten und anderen Dimensionen!
Somit ist das 'Ich' oder Ego lediglich ein Ausschnitt einer weitaus umfassenderen Wesenheit. Wir nehmen mit unseren physischen Sinnen folglich nur die Aspekte unserer Persönlichkeit wahr, die sich innerhalb der dreidimensionalen Existenz ausdrücken.

Bleibt denn dieses wahrnehmbare "Ich-Selbst" über den Tod hinaus bestehen? Diese naheliegende Frage beantwortet Seth damit, dass unsere Individualität nie verloren gehe, sondern in unserer aus Fragmenten zusammen gesetzten Gesamtpersönlichkeit erhalten bleiet. (Vgl. “Seth – Der Tod ist erst der Anfang”)
Alle scheinbar voneinander isolierten Fragmente des Selbst dienen ebenso der eigenen 'schöpferischen' Entwicklung, wie sie auch anderen multidimensionalen Persönlichkeiten wertvolle, notwendige Wachstumsimpulse vermitteln.
Jedes dieser Fragmente, d.h. jedes dreidimensionale Selbst agiert und entscheidet vollkommen unabhängig, bleibt aber stets in Verbindung mit dem übergeordneten Selbst.

Weitere Bewusstseins-Dimensionen seien im Ansatz auch jetzt von uns wahrnehmbar - allerdings nur mit unseren 'inneren Sinnen. Dazu schlägt Seth folgende Übung vor:

"Nun stellt euch vor, ihr seid auf einer erleuchteten Bühne, und die Bühne ist der Raum, in dem ihr jetzt sitzt. Schließt die Augen und stellt euch vor, dass die Lichter erloschen, die Kulissen verschwunden sind und ihr allein seid.
Alles ist dunkel. Ihr seid ruhig. Nun stellt euch eure inneren Sinne so lebhaft wie möglich vor. Tut für den Augenblick so, als würden sie euren physischen Sinnen entsprechen. Schiebt alle Gedanken und Sorgen von euch.
(...) Stellt euch vor, dass ihr euer ganzes Leben für diese Welt blind gewesen seid und euch jetzt langsam in ihr zu orientieren beginnt.
Beurteilt nicht die ganze innere Welt nach den zusammenhanglosen Bildern, die ihr vielleicht zuerst wahrnehmt, oder nach den Lauten, die ihr zuerst hört, denn ihr werdet von euren inneren Sinnen noch einen höchst unvollkommenen Gebrauch machen. Führt diese einfache Übung ein paar Minuten lang vor dem Einschlafen oder im Ruhezustand durch.[...]"


Raum und Zeit sind Hilfskonstrukte

Von unserer Gesamt-Persönlichkeit werden Raum und Zeit gewissermaßen als Laborumgebung für unsere dreidimensionale Simulation konstruiert.
Unser 'Gesamtselbst' existiert Seth zufolge außerhalb und unabhängig von Raum und Zeit - es ist nicht in dem gefangen, was wir unter Materie verstehen. Mit dieser Simulation aber formen wir unsere physische Realität - deren Zweck besteht darin, dass unsere Fragmente spezifische Erfahrungen sammeln, die nur so möglich sind. Von den Erfahrungen der Fragmente profitiert auch das Gesamtselbst – welches als Drehbuchautor und Regisseur fungiert.
Obwohl es eigentlich es keine Grenzen zwischen den einzelnen Dimensionen gibt, fokussiert sich unser Ego aus Angst und Unwissenheit derart auf diese Simulation (Seth gebraucht die Metapher 'Theaterstück'), dass es nichts außerhalb dessen als Realität akzeptiert.
Zudem ist die 'exklusive' Konzentration auf die physische Welt heutzutage dermaßen ausgeprägt, dass sie die durchaus vorhandenen Verbindungen zu anderen Realitäten fast immer überlagert.

Dies erinnert ein wenig nach ‘Matrix’ – mit dem entscheidenden Unterschied, dass diese bei Seth nicht durch äußere, feindliche Entitäten erschaffen wird, sondern von uns selbst.
Durch unsere Träume haben wir eine Verbindung zu unserem Gesamtselbst - würden wir mehr auf sie achten, könnten wir die vermuteten Grenzen unseres bewussten Ich aufweichen.
Doch unsere Persönlichkeit ist ja noch im Werden begriffen, meint Seth...es gibt so viele Weisheiten, die wir noch erkennen und nach und nach verinnerlichen dürfen – aufregend und vielversprechend, oder?

  • Dauer und Beständigkeit haben grundsätzlich nichts mit Form zu tun, sondern mit der Integrierung von Freude, Entschluss, Leistung und Identität.
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Anmerkung: Es ist nicht so, dass ich die besondere Wesensart von ‘Seth’ übersehe, wenn ich ‘ihn’ beispielsweise direkt zitiere. Es bleibt dabei, dass ‘er’ sehr wohl eine Konstruktion aus Jane Roberts’ Unterbewusstsein gewesen sein könnte – wie zu Beginn erläutert. Darauf nun aber in jedem Absatz nochmals hinzuweisen, wäre ermüdend.

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