Sonntag, 19. August 2012

Prof. Hans-P. Dürr: Versöhnung von Wissenschaft und Religion

Der Quantenphysiker Hans–Peter Dürr(1) vertritt einen ganzheitlichen, auf die Synthese und Versöhnung von Physik und Metaphysik abzielenden Wissenschaftsansatz, der inmitten der ideologisch geprägten Konflikte unserer Gegenwart beachtens- und erstrebenswert anmutet.

Zu seiner holistischen Sicht der ‘neuen’ Physik und zugleich aller Lebensprozesse finden sich hier einige Anmerkungen.

Die Naturwissenschaften sowie die mit ihnen gewachsene Technologie haben unsere Welt und unser aller Leben dramatisch verändert. Was uns Vorteile und Privilegien eröffnete, hat zugleich nachteilig auf die gesamte Biosphäre ausgewirkt - die lt. Dürr gegenwärtig in eine “ernste Existenzkrise” schlittert. Warum er diese Krise infolge einer Störung des biologischen Gleichgewichts heraufziehen sieht, stellt Professor Dürr in seinem Beitrag “Wirklichkeit des Lebens” dar.  

Im Grunde handele es sich um eine Reihe von Krisen:
  • eine „Krise der Immanenz“: uns könnte die unmittelbare Erfahrung verloren gehen, das wir als Menschen unauflösbar im Transzendenten verankert sind,
  • eine „Erschöpfung der Moderne“: Brüchigkeit und Unzulänglichkeit unserer heutigen säkularisierten (rein weltlichen), materialistischen Weltanschauung treten immer deutlicher in Erscheinung. Gerade unser industrialisierter, vermeintlich “entwickelter” Teil der Welt – leidet trotz allem materiellen Überfluss und all der Überflutung mit Reizen an einem Defizit, welches Dürr treffend als “Hunger nach Geistigem und Sinnhaften, ein Gefühl von Verlorensein und Einsamkeit” charakterisiert.
Die tieferen Ursachen unserer Frustration würden gar nicht bewusst, stellt der Physiker fest, weshalb wir auch nicht die Notwendigkeit sehen (und bereit sind), ‘geeignete Nahrung’ aufzunehmen.
Hm ...Ist es nicht eher so, dass viele Menschen heute sehr wohl wissen (oder wenigstens intuitiv erahnen), was mit ihnen los ist? Sie erkennen allmählich: der trügerische Mix aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und materiellem Wohlstand machte Spiritualität nur vordergründig überflüssig.
In dem vermuteten Gegensatz zwischen Wissenschaft und Spiritualität haben die meisten Menschen sich der ‘Rationalität’ unterworfen wie Faust seinem Mephisto.
Bei aller hochgelobten Rationalität’  reduziert sich die gegenwärtige Form von Vernunft eher darauf, scheinbar exaktes Wissen zu sammeln und in kritischem Denken zu verarbeiten – mit dem Zweck, unseres willentliches Handeln besser zu steuern. In Wahrheit aber sträuben wir uns, das im eigentlichen Sinne Vernünftige zu tun. Folglich bleibt die zweite, wesentliche Seite – “die abwägende, wert-trächtige Vernunft” vielfach außen vor.
"Gelingt es uns einmal, einen kleinen Zipfel der "Wahrheit" zu erhaschen, dann meinen wir in diesem Zipfel gleich die einzige und ganze Wahrheit zu sehen. 
Wir betrachten das ganze Weltgeschehen nur unter dieser einen neuen Einsicht und zwängen, was nicht so recht passen will, mit Intelligenz, Schlauheit, Eloquenz, doch auch mit unbewusster oder bewusster Mogelei und Gewalt in dieses Korsett."
Was nicht in dieses Denk- und Bewertungsschema nicht passt, wird passend gemacht – um das mühsam erworbene, Sicherheit versprechende Paradigma nur ja nicht infrage stellen zu müssen. Die Motivation dahinter ist verständlich: Wir sind beseelt von dem alten Wunsch, die undurchsichtige Komplexität unserer Welt auf etwas Überschaubares und damit Einsehbareres zu reduzieren. Unsere verkürzten Vorstellungen der Wirklichkeit gestatten uns, die Unsicherheit und Zukunftsängste auf ein erträgliches Maß abzumildern.

Dürr spricht hier von ‘Nachbildungen der Wirklichkeit’, was immerhin bei Astrid Lindgrens’ junger Protagonistin geklappt hat (“Wir machen uns die Welt, wie wie wie sie uns gefällt”:)



Grenzen des Wissens ...Sokrates hatte es verstanden



Der Versuch jegliche Unsicherheit zu beseitigen erwiest sich zum wiederholten Mal als Illusion. Durch unser Wissen haben wir zwar prinzipiell die Möglichkeit, mit absichtsvollem Handeln unsere Überlebenschancen zu verbessern. Kurzfristig scheint uns dies sogar zu gelingen. Zwanghafter Wissenschaftsglaube und Technokratie mutieren zu einem Fundamentalismus, wie er den Kirchen spätestens seit der Aufklärung vorgeworfen wurde.

Dabei habe die moderne Physik eine prinzipielle Schranke deutlich sichtbar gemacht:
“Nicht alles ist wissbar.”
Es gibt heute ein Wissen um prinzipielles, dauerhaftes Nichtwissen (z.B. über das, was 'vor' und genau im Augenblick des Urknalls geschah). Diese Grenzen des Wissens, die wohl auch in Zukunft fortbestehen werden, eröffnen gegenwärtig wieder Räume, die nur durch Glauben bzw. Spiritualität zugänglich sind, der mehr bedeutet als ein Noch–nicht–wissen.

Ausgelöst wurde diese Erkenntnis des Nicht-Wissen-Könnens durch die Entdeckungen in der Physik am Anfang des 20. Jahrhunderts sowie eine radikale Neuinterpretation durch Niels Bohr und Werner Heisenberg. Der unausweichliche Paradigmenwechsel beruht wesentlich auf der alten und doch neuen Erkenntnis, dass die Realität nicht im Sinne einer ‘dinghaften Wirklichkeit’ zu verstehen ist:

“Materie besteht nicht aus Materie.”
Das Atom (atomos=unteilbar) im eigentlichen Sinne eines kleinsten, nicht weiter zerlegbaren Materiebausteins gibt es nicht. Am Ende (des Zerlegens) bleibe nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung.
Alles, was die Naturwissenschaft als ‘stoffliche Realität’ beobachte und beschreibe, dürfe nicht verwechselt werden mit der dahinter liegenden, ‘eigentlichen’ Wirklichkeit. Denn die bislang nur zweiwertig (im Ja/Nein -Prinzip) aufgefasste Wirklichkeit offenbare sich als Potenzialität, als ein „sowohl/als auch“. Potenzialität erscheint als das Eine, das sich nicht auftrennen, grundsätzlich nicht zerlegen lässt.
“Dies führt weiter dazu, dass zukünftige Ereignisse sich nicht mehr eindeutig aus gegenwärtigen Gegebenheiten prognostizieren und kausal erzwingen lassen, da alles mit allem auf eine komplexe Weise zusammenhängt und Beziehungen sich nur noch in einem statistischen Sinne bewerten lassen.”
Den Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung setzen nicht nur Relativitätstheorie, Quantenmechanik und Thermodynamik Grenzen. Gerade die reifsten physikalischen Theorien enthalten selbstbegrenzende Aussagen und erklären explizit, worüber auf naturwissenschaftlicher Ebene nicht mehr sinnvoll geredet werden kann:
  • Jene Theorien haben ihren definierten Gültigkeitsbereich, deshalb lassen sie z.B. keine Aussagen über den Urknall selbst und das fragliche ‘Davor’ zu.
  • Jenseits des kosmologischen Horizontes sind die Bedingungen, unter denen Naturwissenschaft erfolgreich sein kann, nicht mehr erfüllt.
Glaubt man dem britischen Astrophysiker John D. Barrow, dann ist die Tatsache unseres Nicht-Wissen-Könnens nicht überraschend, sondern vielmehr ein evolutionsbiologisches Resultat. Aus Sicht der Evolution dienen unsere Sinne und unser Gehirn nicht primär dazu, die Welt zu verstehen, sondern um in ihr zu überleben. Dass wir über uns und die Welt nachdenken können, sei insofern ein zufälliges Nebenprodukt der Evolution, in dem wir nicht zwangsläufig besonders gut sind.
Obwohl jene Entdeckungen und Erkenntnisse aus Quantenphysik und Relativitätstheorie vor fast hundert Jahren publiziert wurden, sind diese ‘neuen Vorstellungen’ bis heute nicht in den Sozialswissenschaften und im politischen Alltag angekommen. Vermutlich fehle es uns an geistiger Reife, uns von einer gewohnten Vorstellungswelt zu lösen. Während dieser hundert Jahre wurden die unverstandenen Potenziale dennoch "wie von Zauberlehrlingen" technologisch genutzt, ohne ihre Risiken Auswirkungen in ihrer Gesamtheit zu begreifen.

Darin erkennt Dürr eine zeitweilige Unfähigkeit, unser Handeln mit angemessenem Denken in Einklang zu bringen – was eine existenzielle Gefahr heraufbeschworen hat: Die entfesselten, aber nur oberflächlich verstandenen Einwirkungspotentiale “könnten die Menschheit leicht aus der Evolution des Lebendigen hinaus katapultieren”.

Wie richtig Dürr mit seiner Diagnose liegt, zeigen dramatische Eskalationen wie die Kubakrise, Tschernobyl oder Fukushima; Aus begangenen Fehlern und ihren auf Jahrtausende wirksamen Konsequenzen lernen wir nicht oder zu langsam lernen.
Doch sei ausgerechnet dieses neue naturwissenschaftliche Weltbild dazu geeignet, die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften wieder zusammenzuführen. Es erlaube sogar, Glaube/Religion und Wissenschaft als komplementäre Elemente einer umfassenden Sichtweise zu verstehen. Der Glaube würde nicht länger auf das Wenige beschränkt, was bis zu einem Zeitpunkt ‘noch nicht gewusst’ wurde und erhielte mit Anerkennung der prinzipiellen Einschränkung des Wissbaren seine volle Bedeutung und Eigenständigkeit zurück.

 

"Glaube und Wissenschaft suchen eine Wahrheit auf verschiedenen Wegen"

Sobald der Wille dazu vorhanden ist und es gelingen sollte, Natur- und Geisteswissenschaften sowie auch spirituelles Wissen in einem holistischen Weltbild zusammenzuführen, gehören ‘absolute Wahrheiten’ in Glaube und Wissenschaft der Vergangenheit an. An ihre Stelle werde eine „offenere, vieldeutige Wahrheit“ treten, die in subtiler Weise Glaubens- und Wissenselemente enthalte – prognostiziert Prof. Dürr.
Aus heutiger, konventioneller Sicht ist dies zwar wünschenswert, aber nur schwer vorstellbar: Denn der Gläubige sucht auf grundlegend andere Weise nach diametral gegensätzlichen Wahrheiten wie ein reduktionistisch, analytisch vorgehender Naturwissenschaftler. Im unserer alltäglichen Denkweise ist Glaube gerade das Gegenteil von Wissen; denn sobald ich etwas mit Bestimmtheit weiß, hat sich der Glaube erübrigt – oder er hat seine Bestätigung erfahren.


Freilich könnte Dürr Recht behalten: bei aller Verschiedenheit suchen Wissenschaftler und Gläubigen letztlich nach Antworten auf dieselben Fragen. Dürr spricht hier von zwei Arten des Wissens:

  • Wissenschaft vertritt die „Außenansichtmit „begreifbarem Wissen“ und der Trennung von Beobachter und dem Beobachteten.
  • Daneben existiere auch die „Innensicht“, welche die „Gewissheit um den inneren Zusammenhang“ erfahre und ihrem Wesen nach immer holistisch sei.
Inhaltlich sind Glaube und Wissenschaft nicht so weit auseinander, wie es zunächst scheint: Die von uns als allgemeingültig erachtete zweiwertige Außenansicht (Ja oder Nein) hat nur begrenzte Gültigkeit. Wie die Quantenphysik gezeigt hat, ist sie nur grobes, modellhaftes Abbild einer tieferen Wirklichkeit, deren Züge sich uns getreuer durch Innensehen offenbaren.
Obwohl der Wissenszuwachs in Forschung und Wissenschaft sprunghaft ansteigt und die Kosmologen mehr Entdeckungen machen als jemals zuvor, kommen die Menschheit in der Beantwortung der eigentlichen Kernfragen nicht weiter. Professor Dürr zeigt hier den Weg aus einer Sackgasse auf, in der wir uns befinden, seitdem unsere Erkenntnisfortschritte nach dem “Leben, dem Universum und dem ganzen Rest”2) stagnieren. Als Ursache hierfür erkennt Professor Dürr die Selbstbeschränkung der Naturwissenschaft auf das mit ihren Methoden Wahrnehmbare.

So ungeheuerlich es auch für eingefleischte Empiriker klingen mag, Auf die Erkenntnispotenziale der Metaphysik dürfe deshalb nicht länger verzichtet werden, indem sie per Definition einfach ausklammert. Bevor hier eine Trendwende entstehen kann, muss zunächst die wichtige Einsicht nachvollzogen werden, dass es in der Naturwissenschaft die o.a. stabilen Bereiche des Nichtwissens gibt.

“Religion und Wissenschaft sind ihrer Wahrnehmung nach komplementär.”
Vorläufig aber bestehe der Eindruck, dass die klugen Köpfe unter den Naturwissenschaftlern sich der Grenzen ihres möglichen Wissens zwar bewusst sind und diese Tatsachen ganz gerne verdrängen – dadurch können sie eine Weile noch so agieren und auftreten, als ob ihrem Tun keine Grenzen gesetzt wären.
Im Interesse des Erkenntnisfortschritts läge es jedoch, wieder zu einer fruchtbaren und konstruktiven Kooperation mit den Philosophen und Theologen zurückzukehren – und zwar auf Augenhöhe. Dadurch würden wir nach Professor Dürr auf einem guten Weg begeben, uns an “das Leben, das Universum und den ganzen Rest” anzunähern – nicht durch Anhäufung von Faktenwissen, sondern durch Zulassen neuartiger Erfahrungen.

Nur indem sich die beiden nur scheinbar unversöhnlichen Lager von Religion und Naturwissenschaft auf einen “offenen, inter-subjektiven  und intensiv-empathischen Dialog” einlassen, eröffne sich eine aussichtsreiche Chance, den Kern unseres Daseins seinem Wesen nach zu erfassen.

Hinweise dafür, dass Hans-Peter Dürr auf der richtigen Spur sein dürfte, liefert auch die nano spezial-Folge (3SAT) mit dem Titel “Physik vor dem Kollaps”.

Vortrag v. Prof Hans-Peter Dürr: Wir erleben mehr als wir begreifen!


Siehe auch:




  • ‘Wirklichkeit des Lebens’, Hans-Peter Dürr







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Anmerkungen
1) Hans-P. Dürr (geb. 1929) war von 1958 bis 1976 Mitarbeiter von Werner Heisenberg, den er in seinem Projekt zur Entwicklung einer vereinheitlichten Feldtheorie der Elementarteilchen unterstützte.
Nach seiner Emeritierung widmete sich Dürr auch erkenntnistheoretischen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Er erkannte unser aller Verantwortung für einen ressourcenschonenden Umgang mit unserer Umwelt gründete er das Global Challenges Network (GCN e.V.) –diese Organisation knüpft ein Netz aus Projekten und Gruppen, die konstruktiv und gemeinsam „an der Bewältigung der Probleme arbeiten, die uns und damit unsere natürliche Umwelt bedrohen“.
Dürr ist Träger des alternativen Nobelpreises und des Bundesverdienstkreuzes und Mitglied im Club of Rome.

2) Vergleiche:
    a) Life, the Universe and Everything
    b) ‘Deep Thought’ und der Sinn des Lebens)




Kommentare:

  1. Nicht alles ist wissbar.”

    Es gibt heute ein Wissen um prinzipielles, dauerhaftes Nichtwissen (z.B. über das, was ‘vor und genau im Augenblick des Urknalls geschah). Diese Grenzen des Wissens, die wohl auch in Zukunft fortbestehen werden, eröffnen gegenwärtig wieder Räume, die nur durch Glauben bzw. Spiritualität zugänglich sind, der mehr bedeutet als ein Noch–nicht–wissen.
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    ...So lange die Physiker nicht erkennen wollen oder können, dass der Urknall selbst eine Glaubensangelegenheit ist, werden sie nicht weiter kommen. Mit Glauben und Spiritualität werden sie jedenfalls nicht zu einem neuen Ansatz kommen.
    Zu dem haben sie dann erst eine Chance, wenn sie erkennen, dass ihre ganzen Erkenntnisse immer nur auf Glauben beruhten.
    Worüber niemand nachdenkt sind Worte wie "vor" und "nach" und "Augenblick".
    Dass das Blau des Himmels -sicher- nur im dunklen Hirn des Physiker hell und blau leuchtet, das hat er verstanden.
    Dass adäquat zum farbigen Erleben das zeitliche Erleben -sicher- nur innerhalb seines Kopfes sind, da mag er nicht hindenken.

    gruß goldzeit w.d.wefers@web.de

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    1. Vielen Dank für den interessanten Kommentar.
      Es mag noch 'eine Weile' dauern, bis Naturwissenschaftler ungeachtet ihrer meist naturalistischen Haltung zu dieser Einsicht gelangen.
      Letztlich geht es Dürr wohl um die Zusammenführung wissenschaftlicher und spiritueller Erkenntnisse - nicht darum, nur eines von beiden gelten zu lassen.
      Diesen Ansatz halte ich für bedenkenswert, auch für jene Naturwissenschaftler, die sich noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr auch sie einem Glauben anhängen..

      Viele Grüße
      George

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