Dienstag, 28. Februar 2012

Das einzige Wort Gottes?

Kommuniziert Gott heute nicht mehr mit uns?

Nichts liegt mir ferner als gläubige Menschen – gleich, welchem Glauben bzw. welcher Religion sie sich verbunden fühlen - vor den Kopf zu stoßen. Doch stelle ich mir selbst die Frage, weshalb Gott in Rätseln sprechen sollte.
Das Christentum, der Islam und auch die jüdische Religion entwerfen ein Bild von Gott als dem Einen - der allmächtig und allwissend sei. Bisweilen kommt auch das Attribut 'allgütig' zu sein hinzu, wobei ein Maßstab wie 'all-gütig' zu sein sich nach meinem Verständnis auf ausnahmslos alle Menschen erstrecken würde, und zwar im Sinne einer bedingungslosen (aber nicht beliebigen, jeder Kausalität widersprechenden) Güte. 

Ist es nicht eher so, dass Gott kaum durch Kategorien des unvollkommenen menschlichen Denkens erfasst werden kann? Wir Menschen sind auf unserer gegenwärtigen Stufe seelisch-geistiger Reife darauf angewiesen, dass Gott mit uns kommuniziert, damit wir Teile seines Wesens erfahren – in dem Umfang, wie dies gewünscht ist und zugelassen wird. Wie Gott mit uns kommuniziert – durch Worte, Visionen oder durch Erfahrungen – ist eine andere Frage, die meines Erachtens nur subjektiv zu beantworten ist.



Dogmatische Lehren besagen allerdings, dass die religiösen Urschriften der drei abrahamitischen Religionen das jeweils ‘einzige und einzig wahre Wort’ Gottes darstellen, durch das er der Menschheit auch seine göttlichen Weltordnung vorgegeben und eröffnet habe. Falls diese Exklusivität zuträfe - weshalb spricht Gott in Rätseln?


Kaum sein Religionsgelehrter im Islam oder Christentum bestreitet, dass man Teile von Bibel und Koran unterschiedlich interpretieren kann. Zudem bestand stets Unklarheit, welche der überlieferten Elemente denn nun wirklich zu 'Gottes Wort' zählen. Von unterschiedlichen Übersetzungen ganz zu schweigen... Würde ein Überwesen wie Gott (entsprechend dem christlichen und islamischen Gottesbild) nicht sicher stellen, dass sein Wort und Gesetz in eindeutiger, unwiderlegbarer übermittelt wird?
Daran besteht für mich kaum ein Zweifel:

Wäre die Intention, dass die Menschen seinem Gesetz widerspruchlos und womöglich unreflektiert Folge leisten, dann hätte jene höchste Wesenheit seine Gebote ein für alle mal so fixiert, dass sich Interpretationen und Streitigkeiten darüber erübrigen... vorsätzliche Manipulationen wären dann ebenso undenkbar wie versehentliche Transkriptionsfehler kämen.
Ausgehend von den Dogmen der drei Religionsgemeinschaften von den biblischen Schriften oder dem Koran als einzigem Wort Gottes - seit dessen Fertigstellung hülle er sich ganz und gar in Schweigen - sah und sieht die Realität bekanntermaßen anders aus! Jene Worte präsentieren sich uns nicht in eindeutiger, widerspruchsfreien Weise (wobei ich weniger auf deren Inhalt anspiele als auf die unterschiedliche Akzeptanz und Sichtweise der Menschen sowie die resultierenden, oft tödlichen Auseinandersetzungen darüber)!



Aus welchem Grund sollte Gott seine einzigen, unvergänglichen Worte auf so kryptische Weise offenbart haben?? Die Vielfältigkeit und Interpretierbarkeit der als von Gott inspiriert bezeichneten Schriften betrachte ich als Indiz dafür, dass den Menschen zu jeder Zeit dem individuellen Verständnis angemessene Impulse, Denkanstöße und Erfahrungsmomente zuteil werden.

Auch die religiösen Urschriften lassen sich unter anderem als alternative Wege auffassen, von denen sicherlich nicht einer zutreffend ist während alle übrigen falsch sind, soweit sie von diesem einen Weg abweichen. Gott ist so viel größer als unser menschliches 'Entweder...Oder'-Denken. In seiner Theologie der Religionen liefert uns Wolfgang Raupach-Rudnick mit einer hilfreichen Metapher einen passablen Ansatz zur 'Kohärenz' der Religionen:


"Der Weg von diesen traditionellen Haltungen der Ablehnung bzw. der Unterordnung des Fremden hin zu einer anerkennenden Theologie der Religionen geht, so weit ich sehe, über drei Brücken:
  1. Auf der ersten Brücke steht: „Es gibt viele Religionen; sie sind historisch gewachsen und relativ.“ Das ist die Einsicht, dass die Lehren und Erscheinungsformen jeder Religion – bis hin zu den zentralen Offenbarungen –durch ihren Entstehungszusammenhang und ihre Entwicklungsgeschichte geprägt sind.
  2. Auf der zweiten Brücke steht: „Die Geheimnisse Gottes sind unergründlich.“ Das ist die Einsicht, dass keine konkrete Religion mit ihrer Wahrheitsgewissheit die ganze Fülle der Wahrheit Gottes ausschöpfen kann.
  3. Auf der dritten Brücke steht: „Ethos“. Das ist die Einsicht, dass alle Religionen über Verhaltensregeln und Normen verfügen, die ihr Zusammenleben regeln, und ist die Hoffnung, angesichts der drängenden Weltprobleme könne es ein Zusammenwirken über die Religionsgrenzen hinweg geben."
Die aus den Schriften wie auch aus Alltagserlebnissen erwachsenden Impulse sollen uns in Verbindung mit unserem persönlichen Erfahrungsschatz dazu veranlassen, sowohl unseren kritischen Verstand zu nutzen (um aus Einsicht zwischen Richtig und Falsch zu wählen) als auch Erfahrungen und Lernelemente zu verinnerlichen. Insoweit wäre religiös motivierte Moral ohne ein Fundament der Vernunft sinnfrei – wenn nicht gefährlich.


Nüchterne Vernunft dagegen zerstört Hoffnungen, wenn sie nicht durch spirituelle Elemente angereichert ist. Wie jeder Pädagoge weiß, dauert ein solcher Lernvorgang durch Konsequenzen, Erfahrungen und Einsichten länger (mehrere Lebensperioden?) und ist auch beschwerlicher als das Befolgen auswendig gelernter Befehle.
Doch das auf diesem Wege Verinnerlichte bleibt uns erhalten, wir nehmen es in unser Verhaltensrepertoire auf und gewinnen die Fähigkeit zum Transfer des Erlernten auf unbekannte Herausforderungen.



Ohne die Existenz Gottes zu bezweifeln, vermag ich mit Blick auf die vermeintliche Exklusivität der Religionen, ihrer Schriften und Gottesbilder nicht zu erkennen, weshalb ein überlegener Schöpfer sich in derart unklarer Weise artikuliert haben soll. Die Realität einer zerstrittenen und mit Defiziten behafteten Menschheit beweist, wie viele zentrale Lebensfragen aus unserer Wahrnehmung heraus nicht oder zumindest nicht eindeutig beantwortet sind. Wären Bibel oder Koran das einzige Wort Gottes, hätte dieses bis heute eine eher zweifelhafte Wirkung entfaltet, Kriege begünstigt und unzulänglichen, in Eigeninteressen verhafteten Institutionen zu Macht und Reichtum verholfen.


Ein anderes Bild entsteht, wenn wir gerade dieses Versagen und Scheitern unserer Erkenntnisbemühungen als ‘einkalkulierte’ Intention auffassen - gleichsam als langen, gründlichen Weg des Lernens – nicht zuletzt in Bezug auf unsere Potenziale und deren Grenzen. Eine Art ‘göttliches Grundgesetz’, unwiderlegbar und über allem anderen stehend, würde eine derartiges Lebensziel (‘Erkenne dich selbst und lerne’) nicht unterstützen, sondern behindern und begrenzen.


Freilich dürfte so etwas wie ein universales, göttliches Gesetz existieren - vielleicht im Sinne einer Reihe fundamentaler Prinzipien...wie etwa die Gesetzmäßigkeiten der Energieerhaltung und der Kausalität (Ursache und Wirkung). Sobald wir verstehen, dass jeder unserer Handlungen ebenso wie unsere Unterlassungen zu Konsequenzen führt, wird unser Dasein leichter verstehbar und erhält eine Sinngebung.


Fazit

Ausgehend von diesen Überlegungen bezweifle ich, dass Gott es uns so leicht macht und jedem von uns ein fertiges, eng definiertes Lebensrezept liefert. Warum sonst würden auch die gläubigsten und bibel-/ korantreuesten Menschen mit Lebenssituationen konfrontiert, wo das Befolgen des jeweils verehrten Buches nicht ausreicht, um sie zu meistern?


Weil wir geistig und selig wachsen sollen, solange (und wann immer) wir leben. Ausübung unseres freien Willens eröffnet uns die dazu erforderlichen Wahlmöglichkeiten samt resultierender Konsequenzen.


Auf diesem langen, schwierigen Weg des Lernens und Verstehens sind Teile der Bibel (beginnend mit den 10 Gebote im Kindesalter, erweitert durch die Bergpredigt für Erwachsene, könnte man beinahe sagen) und sicherlich auch des Korans eine wertvolle Hilfe...doch bleibt es kaum jemandem von uns erspart, auch die eigenen Fähigkeiten zu nutzen und zu erweitern, um unser Dasein zu meistern.-


Siehe auch:

Kommentare:

  1. Wieso sollte Gott in Rätseln sprechen ? Wenn Gott ein energetischer Zustand ist, in dem das Gesamtbewusstsein allen Lebens kohärent ist, dann besteht dieser Zustand nicht mehr. Daher ist aktuell dieses einst kohärente Bewusstsein in unzählige Einzelbewusstseine aufgezweigt ... und ein jedes hat eine eigene Wahrnehmung.

    Wahrnehmung gleicht einem Fenster zwischen der Realität und der Wirklichkeit. Die Realität ist der Raum im Hier und Jetzt. Die Wirklichkeit ist der Garten (Eden) voller Licht. Im kohärenten Zustand des Bewusstseins stand das Fenster zwischen Raum und Garten offen, alles war Eins. DIe Wahrnehmung war maximal. Mit Beginn der Expansion der Unordnung, der Abkehr von der Kohärenz, schloss sich das Fenster und sammelt seitdem mehr und mehr Dreck ( Unordnung ) auf der Scheibe an, Innen, wie Außen. Je verdreckter die SCheibe, desto schwerer wird es in der Realität die Wirklichkeit zu erkennen, zu erfassen, zu begreifen. Die Weisheiten alter Völker stammen aus einer Zeit, in der der Blick durchs Fenster in den Garten noch mühelos gelang. Heutzutage dagegen kümmern wir uns mehr und mehr um die Inneneinrichtung des Raumes und fragen uns immer weniger, ob es sich nicht lohnen würde zu wissen, was jenseits der verdreckten Scheibe liegt. Wer das natürliche Licht vermisst, wird irgendwann zum Lappen greifen und irgendwann das Fenster weit aufstoßen. Wem künstliches Licht genügt, der wird sich weiter um die Inneneinrichtung kümmern. Da haben uns Fledermäuse viel voraus, nebst allen anderen Geschöpfen, für die Fensterscheiben kein Hindernis darstellen …

    Somit spricht Gott nicht in Rätseln, wir sollten nur mal anfangen den Dreck von unserer Scheibe zu wischen ... und bewusst wahrnehmen was uns umgibt, denn das Schaffen des einstigen Bewusstseins in Kohärenz steckt in jedem EInzelbewusstsein ... und in unzähligen Bildern der Realität:

    http://www.gold-dna.de/updatejan.html#n2012II

    Gruß IP

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  2. Einverstanden, denn Gott würde nur dann in Rätseln sprechen, wenn die vermeintlich einzigen Urschriften seine ausschließliche Kommunikation darstellen würde.
    Die Funktion unserer filternden Wahrnehmung ist mit dem Bild einer ziemlich verdreckten Fensterscheibe treffend beschrieben ;)

    Grüße, George

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